2. Länger anhaltende Störungen.

Es kommen wochen- und monatelange hysterische Delirien vor, die akut

einsetzen und unter beständigen Schwankungen zwischen schwerer

Bewußtseinstörung mit halluzinatorischer Verwirrtheit und leichteren

Dämmerzuständen und sogar zwischenlaufender relativer Klarheit wechseln.

Verfolgungs- und Versündigungswahn, religiöse Ekstase, geschlechtliche

Delirien pflegen den Hauptinhalt zu bilden. Gesichtstäuschungen wiegen

vor, entweder als einfache Farbenvisionen oder als illusionäre

Verwandlungen der Umgebung, oder als Visionen von Tieren, Leichenzügen,

Gespenstererscheinungen, Himmelsbildern, Engelzügen usw. Oft werden sie

von Geruchshalluzinationen und von Gehörstäuschungen (Musik,

Beschimpfungen) begleitet.

Eine besondere Art des hysterischen Dämmerzustandes ist jüngst von

GANSER beschrieben, in ihrer Zugehörigkeit zur Hysterie allerdings nicht

unbestritten geblieben. Besonders auffallend war dabei die Erscheinung

des =Vorbeiredens=: die Kranken gaben auf Fragen ganz falsche, an

absichtlichen Unsinn erinnernde Antworten, gaben z. B. die Zahl ihrer

Finger falsch an, zählten falsch, behaupteten, die gewöhnlichsten

Gegenstände nicht zu kennen usw. Nach einigen Tagen erwachten sie wie

aus einem Traum und gaben an, nichts von dem Vorgefallenen zu wissen.

Die Art des Zustandes erinnert sehr an gewisse Erscheinungen aus dem

Krankheitsbilde der Dementia praecox.

Die früher übliche Aufstellung einer Anzahl von chronischen hysterischen

Psychosen, einer hysterischen Melancholie, hysterischen Paranoia usw.

wird von den meisten neueren Autoren abgelehnt. Es ist erklärlich, daß

hysterische Kranke nicht gegen andere Geistesstörungen geschützt sind,

und daß die Hysterie den gewöhnlichen Krankheiterscheinungen

gelegentlich eine besondere Färbung gibt. Es führt aber entschieden zu

weit, wenn man daraus dann noch wieder besondere Krankheiten machen

will.

Kompendium der Psychiatrie für Studierende und Ärzte · 第 40 / 133 题