1. Vorübergehende psychische Störungen.

Bei Hysterischen, die im übrigen keinerlei Zeichen von Geistesstörung

bieten, treten zuweilen ohne besonderen Anlaß, namentlich aber im

Anschluß an die Menstruation oder an Gemütsbewegungen, =hypnoide

Zustände= auf. Die Kranken haben dann z. B. plötzlich das Gefühl, ganz

verändert oder doppelt zu sein, einer Gesellschaft, worin sie sind,

gleichzeitig noch einmal als unbeteiligter Zuschauer beizuwohnen; sie

sitzen mit am Tisch und beteiligen sich an der Unterhaltung, oft

allerdings mit zerstreuter oder abwesender Miene, sehen aber gleichsam

aus einiger Entfernung sich selbst und die Anderen handeln und hören

sich und die Anderen sprechen. Sie haben also selbst ein Gefühl von der

erwähnten Spaltung der Persönlichkeit, wie sie besonders aus den

hypnotischen Versuchen bekannt ist. Öfters verbindet sich damit auch der

Eindruck, als ob die Nahesitzenden ganz weit fort säßen und aus weiter

Entfernung sprächen, oder als ob die eigenen Glieder weit weg und klein

oder umgekehrt besonders groß geworden seien. Diese Zustände können nach

wenigen Minuten wieder dem gesunden Bewußtsein weichen, sie können aber

auch stundenlang anhalten. Man muß sie wohl den Dämmerzuständen

zurechnen. Zuweilen gehen sie in eigentliche =Schlafzustände= über, die

sich in manchen Fällen auf Tage, Wochen und gar Monate ausdehnen, wie in

den bekannt gewordenen Fällen des schlafenden Ulanen, des schlafenden

Bergmanns usw.

Eine andere Reihe von hypnoiden Zuständen tritt während des natürlichen

Schlafes auf, als =Nachtwandeln= oder =Somnambulismus=. Oft ist das

Nachtwandeln im Kindesalter das einzige der Umgebung auffallende Zeichen

der Hysterie. (Über das Nachtwandeln der Epileptischen vgl. den

folgenden Abschnitt.) Die Kranken stehen aus dem Bett auf, gehen im

Zimmer oder im Hause umher, steigen unter Umständen aufs Dach hinaus und

legen manchmal sehr gefährliche Wege zurück, mit offenen oder mit

geschlossenen Augen. Manchmal unternehmen sie ganz verwickelte

Handlungen, schreiben Briefe, suchen oder verstecken Gegenstände, legen

auch wohl Feuer an, deklamieren oder singen usw., und gehen schließlich

wieder ins Bett. Sie erwachen dann am anderen Morgen gewöhnlich mit

schwerem Kopf, aber meist ganz ohne Erinnerung an die Vorgänge der

Nacht. Zuweilen erwachen sie während ihres Traumwandelns und sind dann

zunächst sehr erschreckt und beängstigt. Kranke, die den Zustand kennen,

versuchen wohl, sich durch Abschließen der Zimmertür und Verstecken des

Schlüssels vor dem Hinausgehen zu schützen, aber sie finden ihn auch im

tiefen Schlafe wieder. Selten kommt ein ähnliches Traumwandeln am Tage

vor, aus dem wachen Zustande heraus. Durch Anspritzen mit kaltem Wasser,

manchmal auch durch lautes Anrufen kann man die Schlafwandler erwecken,

zweckmäßiger ist es, sie ungeweckt zu ihrem Bett zu führen.

Zuweilen treten in dem Schlafzustande schwere =Delirien= auf, mit Angst,

Sinnestäuschungen, die sich oft an die ursächliche Gemütsbewegung

anknüpfen oder einen ekstatisch-visionären Inhalt haben. Andere Male

kommt es zu einer heiteren, läppischen Erregung mit Verbigeration,

Umherspringen, albernen Streichen usw., namentlich bei jugendlichen

Kranken. Diese Zustände können mehrere Tage dauern und werden zuweilen

von der Umgebung nicht als krankhaft erkannt, auch der manchmal

nachfolgende Krampfanfall wird vielleicht als die Folge der

ausgelassenen Stimmung, des übertriebenen Lachens usw. gedeutet.

In seltenen Fällen erleben die Kranken im Schlaf mit aller Deutlichkeit

und Ausführlichkeit ganze Begebenheiten, die ihnen nach dem Erwachen

zunächst als wirkliche Vorgänge in der Erinnerung bleiben und erst

allmählich als Täuschungen erkannt werden. So erklären sich manche Fälle

von falschen Anschuldigungen durch Hysterische. Auch die nicht selten

erotischen Träume des Chloroformschlafes werden vielfach hinterher als

wirkliche Erlebnisse aufgefaßt und führen dann zu Anklagen gegen die

zugegen gewesenen Personen.

Kompendium der Psychiatrie für Studierende und Ärzte · 第 39 / 133 题