Das Wesen der Hysterie liegt in einem =krankhaften Seelenzustande, worin
geistige und körperliche Veränderungen durch mehr oder weniger bewußte
Vorstellungen oder auch durch Gemütsbewegungen hervorgerufen werden=.
MÖBIUS hat diese Verhältnisse am besten erläutert. Er sagt etwa: beim
Gesunden rufen Vorstellungen, die mit lebhaften Lust- oder
Unlustgefühlen verbunden sind, körperliche Veränderungen hervor (Zittern
und Blaßwerden bei Angst usw.). Ebenso entsteht ein Teil der
hysterischen Veränderungen. Die Hysterie besteht eben darin, daß
einerseits solche Veränderungen ungewöhnlich leicht und in
ungewöhnlicher Stärke und Dauer auftreten, anderseits auf diesem Wege
Störungen entstehen, die beim Gesunden überhaupt nicht vorkommen. Der
Inhalt der Vorstellungen kann ohne Zusammenhang mit der Form der
Störungen sein, er kann sie aber auch geradezu suggestiv bestimmen; es
kann z. B. durch Schreck eine Lähmung entstehen.
MÖBIUS hat selbst betont, daß nicht gewöhnliche Vorstellungen, sondern
=gefühlsstarke= Vorstellungen oder =Gefühle= mit sehr unklarem
Vorstellungsinhalt die Veränderungen hervorrufen. Das ist auch das
Wesentliche dabei. Die Beobachtungen von BREUER und FREUD haben zuerst
darauf hingewiesen, und die tägliche Erfahrung bestätigt es, daß die
Ursache der hysterischen Erscheinungen sehr oft in Gemütsbewegungen
liegt, die den Kranken teils völlig =entfallen= sind, teils von ihnen
=gar nicht= mit den krankhaften Erscheinungen =zusammengebracht= werden.
Besonders oft geben schwere =Gemütsbewegungen= im Kindesalter den Anstoß
zur Entwicklung einer Hysterie. Typisch sind die Erschütterungen, die
einmal dadurch entstehen, daß ein Kind, vielleicht aus dem Schlafe
aufgestört, heftigen Zänkereien zwischen den Eltern beiwohnt, andere
Male durch den ersten Zusammenstoß mit dem geschlechtlichen Geheimnis.
Es handelt sich dabei teils um geschlechtliche Angriffe auf das Kind,
teils darum, daß es geschlechtliche Handlungen unvermerkt und zunächst
unverstanden beobachtet. Das einmalige Ereignis kann das Kind durch den
Schreck in einen =hypnoiden Zustand= versetzen; dann bleibt die
Erinnerung an den Vorgang oft dem wachen Bewußtsein verschlossen, sie
taucht aber im Traum und in gelegentlichen Wiederholungen des hypnoiden
Zustandes wieder auf und wirkt jedenfalls unter der Schwelle des
Bewußtseins fort. Wird die Gemütsbewegung dagegen klar empfunden, oder
wird sie öfters wiederholt, wie das sowohl bei schlechtem Verhältnis,
bei Eifersuchtstreitereien und gegenseitigen Beschuldigungen der Eltern
vorkommt, als bei Mißbrauch von Kindern zu Onanie usw., so wirkt häufig
etwas anderes in derselben Richtung: die Erinnerung und der sie
begleitende Affekt werden absichtlich zurückgedrängt, das Kind kann und
will sich mit niemand über die Erlebnisse aussprechen, es scheut sich,
sich auch nur selbst darüber klar zu werden, weil es ihm Unrecht
erscheint, gegenüber den Eltern Partei zu nehmen, oder weil es das
Unerlaubte der geschlechtlichen Handlungen kennt oder empfindet. Auf
diese Art kommt es nicht zu dem normalen Ausgleich der Gemütsbewegungen
durch Aussprechen, Ausweinen usw., sondern zu einer =Affektverhaltung=,
und diese äußert sich allmählich in hysterischen Erscheinungen. Es ist
ohne weiteres verständlich, wie sich solche Eindrücke in körperliche
Krankheiterscheinungen umsetzen können, so daß z. B. die an das Kind
ergangene drohende Aufforderung, den Geschlechtsteil eines fremden
Mannes anzusehen oder anzufassen, das Kind mit Ekel erfüllt und
anhaltende Brechneigung hervorruft, und ebenso begreiflich ist es, daß
der geheim gehaltene Gedankeninhalt das Kind zu Einsiedelei, zu
Wachträumerei, zu lebhaften nächtlichen Träumen geneigt macht. So wird
hier allmählich -- wie bei den hypnoiden Schreckwirkungen sofort -- eine
=Spaltung des Bewußtseins= hervorgerufen, indem sich der an die
krankmachenden Erinnerungen anknüpfende Teil des Bewußtseins immer mehr
von dem gesunden und wachen Vorstellungsinhalt abschließt. Für die
Kranken selbst geht der Zusammenhang ihrer krankhaften Zustände mit den
Gemütsbewegungen, wie gesagt, oft völlig verloren; für den Arzt ergibt
er sich, abgesehen von der Erfahrung, nicht selten dadurch, daß die
Wiedererweckung der Erinnerungen und die lebhafte Auslösung des
steckengebliebenen Affektes die Genesung herbeiführt.
Der =Beginn der Hysterie= liegt, wie sich aus der Ätiologie ergibt, oft
in der Kindheit; mehrere Autoren nehmen an, daß die hysterische Artung
immer angeboren sei. Es dürfte verfrüht sein, das zu entscheiden, da die
Erkenntnis für die dargestellte Entwicklung der Krankheit noch sehr jung
ist und noch keineswegs genug Krankheitfälle hinreichend genau in dieser
Richtung erforscht worden sind. Daß eine angeborene nervöse Anlage die
Entstehung der Krankheit erleichtert, ist selbstverständlich, weil die
krankmachenden Einflüsse darin um so tiefer wirken. Jedenfalls sieht man
auch bei Erwachsenen noch Hysterien entstehen, unter dem Einfluß sehr
schwerer =Erschütterungen=, wie Notzuchtangriffe, Eisenbahnunfälle, Biß
tollwutverdächtiger Hunde usw., oder nach =Kopfverletzungen= oder nach
schweren körperlichen =Krankheiten=. An die Einwirkung der Ursache
schließt sich gewöhnlich eine Zeit der =Inkubation=, des =Ausreifens=
der Krankheit, und diese Latenzperiode trägt oft noch sehr dazu bei, den
Zusammenhang der Erscheinungen mit der Ursache zu verschleiern. So
z. B., wenn die durch geschlechtlichen Ekel, wie in dem vorhin
angeführten Beispiel, entstandene Übelkeit erst nach Wochen auftritt,
wenn einmal aus irgend einem Grunde hastig oder in einer gewissen
Aufregung gegessen werden soll. Sorgfältige Anamnese, bei völligem
Vertrauen der Kranken, kann oft zur Erklärung der einzelnen
Erscheinungen führen; in vielen Fällen wird man nicht ohne die von
BREUER und FREUD angegebene und entwickelte Methode der hypnotischen
Analyse zum Ziel kommen. Für die Behandlung genügt es übrigens in den
meisten Fällen, überhaupt den allgemeinen Zusammenhang zu kennen.
Die =körperlichen Störungen der Hysterie= sind sehr mannigfaltig. Man
scheidet zweckmäßig:
1. =Sensibilitätstörungen=. Häufig finden sich ausgedehnte
oder umschriebene =Hyperästhesien=, zunächst des Tast- und
des Schmerzgefühls; besonders bezeichnend ist die abnorme
Druckempfindlichkeit der =hysterogenen Zonen=, namentlich in einem oder
beiden Hypogastrien, der sogenannte =Ovarialschmerz=, Ovarie, im
Epigastrium oder an einzelnen Dornfortsätzen, hysterische
Spinalirritation. Oft sind diese und andere hyperästhetische Bezirke
auch der Sitz spontaner Schmerzen. Von den Sinnesorganen zeigen
namentlich Ohr und Auge manchmal abnorme Empfindlichkeit. In den
meisten Fällen von Hysterie finden sich ohne oder mit anderen
Sensibilitätstörungen, von den Kranken selbst meist gar nicht bemerkt,
=Abschwächungen der Empfindung=. Am seltensten ist allgemeine
Anästhesie, häufiger sind Hemianästhesie oder disseminierte Anästhesien.
Bei der =Hemianästhesie= sind Gefühl, Gesicht, Gehör, Geruch und
Geschmack auf einer Körperhälfte stark herabgesetzt oder ganz erloschen;
an der Haut meist hauptsächlich die Schmerzempfindung, so daß man
schmerzlos Nadeln durch die Haut hindurchstecken kann u. dgl.; beim
Gesichtsinn findet sich namentlich einseitige konzentrische Einengung
des Gesichtsfeldes und allgemeine oder partielle Farbenblindheit. Die
=dissiminierte Anästhesie= wird fast stets erst bei der objektiven
Untersuchung entdeckt; häufig besteht sie nur an umschriebenen, oft
unregelmäßig begrenzten, zuweilen sehr zahlreichen Hautinseln, z. B.
manschettenförmig um das Handgelenk, in anderen Fällen sind einzelne
Glieder bis in die tiefen Teile hinein unempfindlich. Durch Auflegen von
Metallplatten, Magneten und durch andere äußere Einwirkungen auf die
anästhetischen Stellen kann nicht selten die Gefühllosigkeit auf
symmetrische Stellen der anderen Körperhälfte übergeführt werden:
=Transfert=.
2. =Motilitätsstörungen=. Sehr oft finden sich bei der Hysterie dauernde
Muskelschwäche, Amyosthenie, namentlich bei Willkürbewegungen, sowie
eine Neigung zur Kontrakturbildung. Auf dieser Grundlage kommt es im
Anschluß an wirkliche, geträumte oder durch einen Schreck in die
Gedanken gekommene Beschädigungen, etwa des Beines, zu hartnäckigen
Lähmungen, Krämpfen und Kontrakturen. Oft sind die hysterischen
=Lähmungen= mit Anästhesien verbunden; zuweilen treten sie in dem
anästhetischen Gliede nur dann ein, wenn die Augen geschlossen werden.
Lähmungen und Kontrakturen können sich aber ebensowohl mit Schmerzen
verbinden, so bei den bekannten =Gelenkneuralgien=, die der Hysterie
angehören. Oft kann der Kranke während des Liegens alle Bewegungen mit
den Beinen ausführen, sobald er aber stehen oder gehen soll, versagen
die Beine: =Astasie und Abasie=. Es kommt dabei eine paralytische, eine
spastische und eine tremor- oder choreaartige Form vor. Andere Male sind
beide Beine, ein Bein oder Arm und Bein einer Seite völlig gelähmt; nie
sind bestimmte Nervenstämme befallen, sondern immer ganze Glieder oder
einzelne Segmente oder koordinierte Muskelgruppen, z. B. sämtliche
Muskeln, die beim Schreiben tätig sind. -- Häufig sind auch hysterische
Stimmbandlähmungen mit Aphonie, Flüstersprache, ferner Mutismus,
Stottern, Blepharospasmus, Chorea, Tremor, Nystagmus, Tics und endlich
die große Gruppe der =hysterischen Krampfanfälle=.
[Illustration: Fig. 5. Hysterischer Krampfzustand. (Nach STRÜMPELL).]
Die =hysterischen Krampfzustände= bestehen entweder in Umsinken,
allgemeinem Zittern und Atembeschleunigung, manchmal auch nur in
vorübergehendem Verdrehen der Augen leichter krampfhafter Streckung der
Wirbelsäule, Zittern oder Zusammenkrampfen der Hände oder in
hartnäckigem Gähnen, Niesen, Husten, Erbrechen, andere Male in Lach-
oder Weinkrämpfen, oder aber in den ausgebildeten Krampfanfällen,
_grande hystérie_. Man zerlegt sie nach den Lehren der CHARCOTschen
Schule in mehrere Stadien. In der =epileptoiden= =Periode= wird der
Körper plötzlich steif, der Kopf wird nach hinten gezogen, die Augen
verdrehen sich, das Gesicht verzerrt sich. Dann treten zuerst langsame,
dann rasche zuckende Bewegungen der Glieder und des Gesichtes ein.
Hieran schließt sich, oft nach einer kleinen Pause, die Periode der
=Kontorsionen= oder =großen Bewegungen=. An Stelle der elementaren
Schüttelbewegungen des epileptischen Anfalles entstehen hier heftige
Wälz-, Schleuder- und Stoßbewegungen (Fig. 5); der Rumpf nimmt
gewöhnlich die kennzeichnende Kreisbogenstellung des _arc de cercle_ an
(Fig. 6). Weiterhin laufen die Kranken oft in wilden Sprüngen umher,
_clownisme_, oder nehmen eigentümliche Haltungen und Stellungen mit dem
Ausdrucke der Wut, des Schreckens usw. ein, _attitudes passionelles_.
Das Ganze macht sehr den Eindruck willkürlicher Grimassen und auf das
Entsetzen der Zuschauer berechneter Vorstellungen, wird aber schon
dadurch als das Ergebnis der Krankheit erwiesen, daß es in völlig
gleicher Weise bei den verschiedensten Bildungstufen vorkommt. Das
Bewußtsein kann meist durch kräftige Reize wachgerufen werden, es ist
aber regelmäßig nach außen sehr verschlossen und von krankhaften
Vorstellungen und oft von den furchtbarsten =Halluzinationen= erfüllt.
Zuweilen kann man von einem besonderen Stadium der =Delirien= sprechen.
Sie knüpfen oft an das ursächliche Ereignis, Schreck, Notzuchtversuch
usw. an und führen es dem Kranken in voller Deutlichkeit oder mit
furchtbaren Ausschmückungen wieder vor.
[Illustration: Fig. 6. Hysterischer Krampfzustand. (Nach STRÜMPELL).]
Nach dem Anfall, der einige Minuten bis eine halbe Stunde zu dauern
pflegt, pflegen die Kranken schnell wieder zu sich zu kommen, nur
ausnahmsweise findet sich nachher Benommenheit oder tritt Schlaf ein,
wie gewöhnlich nach einem epileptischen Anfall. Dagegen bleiben zuweilen
nach einem Anfall Lähmungen oder Kontrakturen zurück, die vorher nicht
dagewesen waren. Andere Male hat der Anfall eine kurative Wirkung, indem
er bestehende Lähmungen oder Kontrakturen, Brechneigung usw.
verschwinden macht.
Von großer Mannigfaltigkeit sind die =psychischen Störungen= der
Hysterie.