4. Hysterie.

Das Wesen der Hysterie liegt in einem =krankhaften Seelenzustande, worin

geistige und körperliche Veränderungen durch mehr oder weniger bewußte

Vorstellungen oder auch durch Gemütsbewegungen hervorgerufen werden=.

MÖBIUS hat diese Verhältnisse am besten erläutert. Er sagt etwa: beim

Gesunden rufen Vorstellungen, die mit lebhaften Lust- oder

Unlustgefühlen verbunden sind, körperliche Veränderungen hervor (Zittern

und Blaßwerden bei Angst usw.). Ebenso entsteht ein Teil der

hysterischen Veränderungen. Die Hysterie besteht eben darin, daß

einerseits solche Veränderungen ungewöhnlich leicht und in

ungewöhnlicher Stärke und Dauer auftreten, anderseits auf diesem Wege

Störungen entstehen, die beim Gesunden überhaupt nicht vorkommen. Der

Inhalt der Vorstellungen kann ohne Zusammenhang mit der Form der

Störungen sein, er kann sie aber auch geradezu suggestiv bestimmen; es

kann z. B. durch Schreck eine Lähmung entstehen.

MÖBIUS hat selbst betont, daß nicht gewöhnliche Vorstellungen, sondern

=gefühlsstarke= Vorstellungen oder =Gefühle= mit sehr unklarem

Vorstellungsinhalt die Veränderungen hervorrufen. Das ist auch das

Wesentliche dabei. Die Beobachtungen von BREUER und FREUD haben zuerst

darauf hingewiesen, und die tägliche Erfahrung bestätigt es, daß die

Ursache der hysterischen Erscheinungen sehr oft in Gemütsbewegungen

liegt, die den Kranken teils völlig =entfallen= sind, teils von ihnen

=gar nicht= mit den krankhaften Erscheinungen =zusammengebracht= werden.

Besonders oft geben schwere =Gemütsbewegungen= im Kindesalter den Anstoß

zur Entwicklung einer Hysterie. Typisch sind die Erschütterungen, die

einmal dadurch entstehen, daß ein Kind, vielleicht aus dem Schlafe

aufgestört, heftigen Zänkereien zwischen den Eltern beiwohnt, andere

Male durch den ersten Zusammenstoß mit dem geschlechtlichen Geheimnis.

Es handelt sich dabei teils um geschlechtliche Angriffe auf das Kind,

teils darum, daß es geschlechtliche Handlungen unvermerkt und zunächst

unverstanden beobachtet. Das einmalige Ereignis kann das Kind durch den

Schreck in einen =hypnoiden Zustand= versetzen; dann bleibt die

Erinnerung an den Vorgang oft dem wachen Bewußtsein verschlossen, sie

taucht aber im Traum und in gelegentlichen Wiederholungen des hypnoiden

Zustandes wieder auf und wirkt jedenfalls unter der Schwelle des

Bewußtseins fort. Wird die Gemütsbewegung dagegen klar empfunden, oder

wird sie öfters wiederholt, wie das sowohl bei schlechtem Verhältnis,

bei Eifersuchtstreitereien und gegenseitigen Beschuldigungen der Eltern

vorkommt, als bei Mißbrauch von Kindern zu Onanie usw., so wirkt häufig

etwas anderes in derselben Richtung: die Erinnerung und der sie

begleitende Affekt werden absichtlich zurückgedrängt, das Kind kann und

will sich mit niemand über die Erlebnisse aussprechen, es scheut sich,

sich auch nur selbst darüber klar zu werden, weil es ihm Unrecht

erscheint, gegenüber den Eltern Partei zu nehmen, oder weil es das

Unerlaubte der geschlechtlichen Handlungen kennt oder empfindet. Auf

diese Art kommt es nicht zu dem normalen Ausgleich der Gemütsbewegungen

durch Aussprechen, Ausweinen usw., sondern zu einer =Affektverhaltung=,

und diese äußert sich allmählich in hysterischen Erscheinungen. Es ist

ohne weiteres verständlich, wie sich solche Eindrücke in körperliche

Krankheiterscheinungen umsetzen können, so daß z. B. die an das Kind

ergangene drohende Aufforderung, den Geschlechtsteil eines fremden

Mannes anzusehen oder anzufassen, das Kind mit Ekel erfüllt und

anhaltende Brechneigung hervorruft, und ebenso begreiflich ist es, daß

der geheim gehaltene Gedankeninhalt das Kind zu Einsiedelei, zu

Wachträumerei, zu lebhaften nächtlichen Träumen geneigt macht. So wird

hier allmählich -- wie bei den hypnoiden Schreckwirkungen sofort -- eine

=Spaltung des Bewußtseins= hervorgerufen, indem sich der an die

krankmachenden Erinnerungen anknüpfende Teil des Bewußtseins immer mehr

von dem gesunden und wachen Vorstellungsinhalt abschließt. Für die

Kranken selbst geht der Zusammenhang ihrer krankhaften Zustände mit den

Gemütsbewegungen, wie gesagt, oft völlig verloren; für den Arzt ergibt

er sich, abgesehen von der Erfahrung, nicht selten dadurch, daß die

Wiedererweckung der Erinnerungen und die lebhafte Auslösung des

steckengebliebenen Affektes die Genesung herbeiführt.

Der =Beginn der Hysterie= liegt, wie sich aus der Ätiologie ergibt, oft

in der Kindheit; mehrere Autoren nehmen an, daß die hysterische Artung

immer angeboren sei. Es dürfte verfrüht sein, das zu entscheiden, da die

Erkenntnis für die dargestellte Entwicklung der Krankheit noch sehr jung

ist und noch keineswegs genug Krankheitfälle hinreichend genau in dieser

Richtung erforscht worden sind. Daß eine angeborene nervöse Anlage die

Entstehung der Krankheit erleichtert, ist selbstverständlich, weil die

krankmachenden Einflüsse darin um so tiefer wirken. Jedenfalls sieht man

auch bei Erwachsenen noch Hysterien entstehen, unter dem Einfluß sehr

schwerer =Erschütterungen=, wie Notzuchtangriffe, Eisenbahnunfälle, Biß

tollwutverdächtiger Hunde usw., oder nach =Kopfverletzungen= oder nach

schweren körperlichen =Krankheiten=. An die Einwirkung der Ursache

schließt sich gewöhnlich eine Zeit der =Inkubation=, des =Ausreifens=

der Krankheit, und diese Latenzperiode trägt oft noch sehr dazu bei, den

Zusammenhang der Erscheinungen mit der Ursache zu verschleiern. So

z. B., wenn die durch geschlechtlichen Ekel, wie in dem vorhin

angeführten Beispiel, entstandene Übelkeit erst nach Wochen auftritt,

wenn einmal aus irgend einem Grunde hastig oder in einer gewissen

Aufregung gegessen werden soll. Sorgfältige Anamnese, bei völligem

Vertrauen der Kranken, kann oft zur Erklärung der einzelnen

Erscheinungen führen; in vielen Fällen wird man nicht ohne die von

BREUER und FREUD angegebene und entwickelte Methode der hypnotischen

Analyse zum Ziel kommen. Für die Behandlung genügt es übrigens in den

meisten Fällen, überhaupt den allgemeinen Zusammenhang zu kennen.

Die =körperlichen Störungen der Hysterie= sind sehr mannigfaltig. Man

scheidet zweckmäßig:

1. =Sensibilitätstörungen=. Häufig finden sich ausgedehnte

oder umschriebene =Hyperästhesien=, zunächst des Tast- und

des Schmerzgefühls; besonders bezeichnend ist die abnorme

Druckempfindlichkeit der =hysterogenen Zonen=, namentlich in einem oder

beiden Hypogastrien, der sogenannte =Ovarialschmerz=, Ovarie, im

Epigastrium oder an einzelnen Dornfortsätzen, hysterische

Spinalirritation. Oft sind diese und andere hyperästhetische Bezirke

auch der Sitz spontaner Schmerzen. Von den Sinnesorganen zeigen

namentlich Ohr und Auge manchmal abnorme Empfindlichkeit. In den

meisten Fällen von Hysterie finden sich ohne oder mit anderen

Sensibilitätstörungen, von den Kranken selbst meist gar nicht bemerkt,

=Abschwächungen der Empfindung=. Am seltensten ist allgemeine

Anästhesie, häufiger sind Hemianästhesie oder disseminierte Anästhesien.

Bei der =Hemianästhesie= sind Gefühl, Gesicht, Gehör, Geruch und

Geschmack auf einer Körperhälfte stark herabgesetzt oder ganz erloschen;

an der Haut meist hauptsächlich die Schmerzempfindung, so daß man

schmerzlos Nadeln durch die Haut hindurchstecken kann u. dgl.; beim

Gesichtsinn findet sich namentlich einseitige konzentrische Einengung

des Gesichtsfeldes und allgemeine oder partielle Farbenblindheit. Die

=dissiminierte Anästhesie= wird fast stets erst bei der objektiven

Untersuchung entdeckt; häufig besteht sie nur an umschriebenen, oft

unregelmäßig begrenzten, zuweilen sehr zahlreichen Hautinseln, z. B.

manschettenförmig um das Handgelenk, in anderen Fällen sind einzelne

Glieder bis in die tiefen Teile hinein unempfindlich. Durch Auflegen von

Metallplatten, Magneten und durch andere äußere Einwirkungen auf die

anästhetischen Stellen kann nicht selten die Gefühllosigkeit auf

symmetrische Stellen der anderen Körperhälfte übergeführt werden:

=Transfert=.

2. =Motilitätsstörungen=. Sehr oft finden sich bei der Hysterie dauernde

Muskelschwäche, Amyosthenie, namentlich bei Willkürbewegungen, sowie

eine Neigung zur Kontrakturbildung. Auf dieser Grundlage kommt es im

Anschluß an wirkliche, geträumte oder durch einen Schreck in die

Gedanken gekommene Beschädigungen, etwa des Beines, zu hartnäckigen

Lähmungen, Krämpfen und Kontrakturen. Oft sind die hysterischen

=Lähmungen= mit Anästhesien verbunden; zuweilen treten sie in dem

anästhetischen Gliede nur dann ein, wenn die Augen geschlossen werden.

Lähmungen und Kontrakturen können sich aber ebensowohl mit Schmerzen

verbinden, so bei den bekannten =Gelenkneuralgien=, die der Hysterie

angehören. Oft kann der Kranke während des Liegens alle Bewegungen mit

den Beinen ausführen, sobald er aber stehen oder gehen soll, versagen

die Beine: =Astasie und Abasie=. Es kommt dabei eine paralytische, eine

spastische und eine tremor- oder choreaartige Form vor. Andere Male sind

beide Beine, ein Bein oder Arm und Bein einer Seite völlig gelähmt; nie

sind bestimmte Nervenstämme befallen, sondern immer ganze Glieder oder

einzelne Segmente oder koordinierte Muskelgruppen, z. B. sämtliche

Muskeln, die beim Schreiben tätig sind. -- Häufig sind auch hysterische

Stimmbandlähmungen mit Aphonie, Flüstersprache, ferner Mutismus,

Stottern, Blepharospasmus, Chorea, Tremor, Nystagmus, Tics und endlich

die große Gruppe der =hysterischen Krampfanfälle=.

[Illustration: Fig. 5. Hysterischer Krampfzustand. (Nach STRÜMPELL).]

Die =hysterischen Krampfzustände= bestehen entweder in Umsinken,

allgemeinem Zittern und Atembeschleunigung, manchmal auch nur in

vorübergehendem Verdrehen der Augen leichter krampfhafter Streckung der

Wirbelsäule, Zittern oder Zusammenkrampfen der Hände oder in

hartnäckigem Gähnen, Niesen, Husten, Erbrechen, andere Male in Lach-

oder Weinkrämpfen, oder aber in den ausgebildeten Krampfanfällen,

_grande hystérie_. Man zerlegt sie nach den Lehren der CHARCOTschen

Schule in mehrere Stadien. In der =epileptoiden= =Periode= wird der

Körper plötzlich steif, der Kopf wird nach hinten gezogen, die Augen

verdrehen sich, das Gesicht verzerrt sich. Dann treten zuerst langsame,

dann rasche zuckende Bewegungen der Glieder und des Gesichtes ein.

Hieran schließt sich, oft nach einer kleinen Pause, die Periode der

=Kontorsionen= oder =großen Bewegungen=. An Stelle der elementaren

Schüttelbewegungen des epileptischen Anfalles entstehen hier heftige

Wälz-, Schleuder- und Stoßbewegungen (Fig. 5); der Rumpf nimmt

gewöhnlich die kennzeichnende Kreisbogenstellung des _arc de cercle_ an

(Fig. 6). Weiterhin laufen die Kranken oft in wilden Sprüngen umher,

_clownisme_, oder nehmen eigentümliche Haltungen und Stellungen mit dem

Ausdrucke der Wut, des Schreckens usw. ein, _attitudes passionelles_.

Das Ganze macht sehr den Eindruck willkürlicher Grimassen und auf das

Entsetzen der Zuschauer berechneter Vorstellungen, wird aber schon

dadurch als das Ergebnis der Krankheit erwiesen, daß es in völlig

gleicher Weise bei den verschiedensten Bildungstufen vorkommt. Das

Bewußtsein kann meist durch kräftige Reize wachgerufen werden, es ist

aber regelmäßig nach außen sehr verschlossen und von krankhaften

Vorstellungen und oft von den furchtbarsten =Halluzinationen= erfüllt.

Zuweilen kann man von einem besonderen Stadium der =Delirien= sprechen.

Sie knüpfen oft an das ursächliche Ereignis, Schreck, Notzuchtversuch

usw. an und führen es dem Kranken in voller Deutlichkeit oder mit

furchtbaren Ausschmückungen wieder vor.

[Illustration: Fig. 6. Hysterischer Krampfzustand. (Nach STRÜMPELL).]

Nach dem Anfall, der einige Minuten bis eine halbe Stunde zu dauern

pflegt, pflegen die Kranken schnell wieder zu sich zu kommen, nur

ausnahmsweise findet sich nachher Benommenheit oder tritt Schlaf ein,

wie gewöhnlich nach einem epileptischen Anfall. Dagegen bleiben zuweilen

nach einem Anfall Lähmungen oder Kontrakturen zurück, die vorher nicht

dagewesen waren. Andere Male hat der Anfall eine kurative Wirkung, indem

er bestehende Lähmungen oder Kontrakturen, Brechneigung usw.

verschwinden macht.

Von großer Mannigfaltigkeit sind die =psychischen Störungen= der

Hysterie.

Kompendium der Psychiatrie für Studierende und Ärzte · 第 38 / 133 题