3. Melancholie[6], Schwermut.

Die Melancholie des Rückbildungsalters besteht in einer =schmerzlichen

Verstimmung= und allgemeiner =Hemmung der geistigen Verrichtungen=

verbunden ist. In der körperlichen und geistigen Erscheinung ist ihr die

tiefste Trauer des geistig Gesunden sehr ähnlich. Hier wie dort findet

sich traurige Verstimmung, die nur Gedanken an das Leid aufkommen lassen

will und durch jeden äußeren Eindruck, jede absichtliche oder zufällige

Ablenkung nur vertieft wird. Wie dem Traurigen heitere Musik oder

Scherzreden wirklichen Schmerz bereiten, so ist es auch bei dem

Melancholischen.

Während aber die begründete Traurigkeit, z. B. die der Mutter über den

Tod des Kindes, anfangs am heftigsten ist und allmählich der ruhigeren,

gefaßten Stimmung Platz macht, entwickelt sich bei der Melancholie die

schmerzliche Verstimmung entweder durch allmähliche Steigerung eines

normalen Leidgefühls oder in schleichender Entwicklung aus unbestimmten

Gefühlen. Abgeschlagenheit, Kopfschmerzen, trübe Gedanken, Unlust und

Unfähigkeit zur gewohnten Beschäftigung machen den Anfang; Appetit- und

Schlaflosigkeit und unbegründete Sorgen schließen sich an, und nach

Wochen oder Monaten kommt es zu deutlicher Ausbildung eines krankhaften

Zustandes. Wie an ein wirklich erlittenes Unglück kann die Melancholie

sich auch z. B. an eine wichtige Entscheidung anschließen, so daß sich

aus dem begründeten Nachdenken darüber, ob man etwa sich selbst oder

andere benachteiligt habe, schließlich die krankhafte trübe Gewißheit

einer solchen Verschuldung entwickelt. Dabei kann in allen übrigen

Beziehungen das Urteil so richtig, der Verstand so ungetrübt bleiben,

daß man glauben könnte und geglaubt hat, eine reine »Gemütskrankheit«

ohne Beteiligung des eigentlichen Geisteslebens vor sich zu haben. Die

genauere Bezeichnung zeigt jedoch, daß der traurige Affekt

(Gemütszustand) alle Empfindungen, Vorstellungen und Handlungen

beeinflußt. Das Denken ist deutlich verlangsamt, der Wille liegt

vollkommen darnieder, der Kranke kann sich zu nichts entschließen.

Gleichgültige Handlungen und Äußerungen der Gegenwart und der

Vergangenheit treten ihm in falsche Beleuchtung, er verkleinert sich aus

dem trüben Gefühl seiner krankhaften Stimmung heraus zu einem

selbstsüchtigen, lieblosen, unzuverlässigen Menschen und macht sich

genau klar, wie anders er bei diesem und jenem Anlaß hätte handeln

sollen. Dieser =Verkleinerungswahn= kann sich durch übermäßige Betonung

unbedeutender Einzelheiten zu einem förmlichen =Versündigungswahn=

steigern. Der Kranke behauptet nun vielleicht, schlecht für seine

Familie gesorgt, durch mangelhafte Pflege den Tod von Angehörigen

verschuldet, das heilige Abendmahl unwürdig empfangen, in der Beichte

oder vor Gericht ungenau oder falsch ausgesagt zu haben. Oft ist es

zunächst schwer, in Einzelheiten das Unrichtige nachzuweisen, zumal da

die Kranken meist an wahre oder doch mögliche Vorgänge anknüpfen. Aber

auch schwer glaubliche Selbstbeschuldigungen werden bei der bekannten

menschlichen Neigung, Splitter im fremden Auge besser zu sehen als

Balken im eigenen, gar oft als richtig angenommen. Hierhin gehört

namentlich die selbstquälerische Übertreibung onanistischer Verirrungen,

die auch von Ärzten oft als Erklärung der ganzen Krankheit willkommen

geheißen werden. Auch die Gerichte haben sich nicht selten mit

Melancholischen beschäftigt, die sich als Täter oder Mitschuldige

irgend einer strafbaren Handlung hinstellten. GRIESINGER war der

Meinung, daß der Versündigungswahn immer einen =Erklärungsversuch=

für die trübe Stimmung bildete; das trifft jedenfalls nicht für alle

Fälle zu, aber im ganzen bewegen sich die Vorstellungen in dieser

Richtung. Nur selten glaubt ein Melancholischer, seine Qualen nicht

verdient zu haben. Er wähnt sich durch eigene Schuld ruiniert,

verdammt, je nach seinem Bildungsgrade vielleicht verhext oder

besessen, in anderen Fällen hält er sich infolge unrichtiger

Lebensweise für schwer krank und schildert den Verfall seines

Körpers in schärfster Weise. Auch =Sinnestäuschungen= können

hinzutreten, aber sie bleiben von beschränkter Zahl und Geltung und

schließen sich eng an die krankhaften Gedankenkreise an; meist

bestehen sie in kurzen beschimpfenden oder drohenden Zurufen,

seltener treten schreckende Visionen oder unangenehme Geschmacks-

und Geruchstäuschungen auf.

Eine sehr häufige Begleiterin der Melancholie ist die =Angst=. Diese

quälende Empfindung, die in solcher Ausdehnung sonst nur der

Neurasthenie (s. S. 111) zukommt, wird meist in die Herzgegend verlegt:

=Präkordialangst=. Sie wechselt von dem Gefühl des Drucks oder der

Unruhe bis zu den heftigsten, mit Vernichtungsgefühl und

Beeinträchtigung des Bewußtseins verbundenen Zuständen. Die Kranken

können es nicht an einer Stelle aushalten, sie wandern ruhelos umher,

ringen die Hände, drängen blind an jedem Eintretenden vorbei zur Tür

hinaus, reißen sich die Kleider auf usw. (Melancholia agitata). Auch

triebartiges Onanieren kommt namentlich bei Frauen als Ausdruck der

Angst vor. Plötzliche Steigerungen dieser Zustände zum sogenannten

=Raptus melancholicus= führen nicht selten eine meist erleichternde

Entladung in rücksichtslosen Angriffen des Kranken auf sich selbst oder

auf andere herbei. Aus diesem Grunde ist auch der sanfteste, gutmütigste

Mensch in der Melancholie als gefährlicher Kranker zu betrachten. Auch

die anscheinend leichten Fälle, wo die Angst vielleicht noch gar nicht

deutlich geäußert wird, bergen stets die Gefahr des Selbstmordes in

sich.

Der Gesichtsausdruck des Melancholischen entspricht vollkommen dem

mimisch-physiognomischen Ausdruck der Traurigkeit, der hier in starrer,

gebundener Weise verkörpert wird. Er ist für die Unterscheidung von

anderen Geistesstörungen, die vorübergehend mit trüber Stimmung

einhergehen, zuweilen sehr wichtig. Bei den symptomatischen, sekundär

bedingten Verstimmungen, z. B. bei Paranoia (Abschnitt VI, 1), treten

viel mehr der bittere und der verbissene Zug hervor als der traurige

Zug, den im wesentlichen die senkrechten Stirnfalten und der matte,

gesenkte Blick ausmachen. Eine gewisse Veränderung erleidet der

melancholische Ausdruck durch die Angst, wobei zu den senkrechten

Stirnfalten noch wagerechte hinzutreten und die Augen weit geöffnet

werden. -- Auch die Haltung der Melancholischen ist für gewöhnlich

gebunden, die Bewegungen werden möglichst eingeschränkt, die Sprache

erfolgt leise und zögernd. Oft jammern die Kranken beständig vor sich

hin und sind gar nicht zu einer geordneten Unterhaltung zu bringen.

Der Ernährungszustand leidet gewöhnlich sehr, weil der Appetit gering

und die Verdauung gestört ist, nicht selten essen die Kranken nicht,

weil sie sich nicht dessen würdig fühlen; meist ist die Zunge belegt,

der Geschmack bitter, der Atem übelriechend, der Stuhlgang angehalten.

Der Puls ist gespannt, das Gesicht rötet sich in den Angstanfällen unter

lebhaftem Klopfen der Karotiden, während es sonst meist bleich ist. Die

Atmung ist oberflächlich, trotzdem nicht beschleunigt, außer in den

Angstanfällen. Die Menses pflegen in der Melancholie auszubleiben,

kehren aber öfters mit der Genesung wieder. Der Schlaf ist fast immer

sehr schlecht, spärlich und von unangenehmen Träumen erfüllt.

=Ursachen.= Die Melancholie entwickelt sich oft ohne äußere Ursache

infolge der körperlichen Veränderungen des =Rückbildungsalters=,

namentlich in den weiblichen Wechseljahren, seltener nach einem Schreck

oder einer anderen plötzlich einwirkenden Gemütserschütterung, oder nach

Kummer und Sorgen oder nach solchen Gemütsbewegungen, die nachhaltiger

verstimmen, wie z. B. Todesfälle geliebter Personen, Unfälle mit

längerer Erwerbsunfähigkeit und ungünstigen Aussichten für die Zukunft.

Zuweilen kommen rein körperliche Ursachen hinzu: chronische Magen- und

Darmstörungen, Blutarmut, Influenza, Operationen usw. Erbliche Anlage

ist bei den einfachen Formen sehr häufig nicht nachweisbar, wohl aber

eine individuelle Gemütsweichheit.

=Verlauf und Ausgänge.= Die Entwicklung dauert meist Wochen, das

Höhestadium Wochen oder Monate, zuweilen Jahre lang. Dabei können

bessere und schlechtere Tage sich einschieben und auch Nachlässe

eintreten; fast regelmäßig ist an den einzelnen Tagen der Zustand

morgens schlechter als abends. Die Genesung leitet sich allmählich ein

durch Abnahme der Traurigkeit und Gebundenheit, oft unter den ersten

Tränen, zugleich heben sich die körperlichen Verrichtungen und der

Ernährungszustand, und als letztes, sicheres Zeichen der Genesung stellt

sich das =Interesse= für die frühere Beschäftigung und die =Einsicht=

in das Krankhafte der überstandenen Verstimmung ein. Schwankungen im

Befinden sind bis zur völligen Herstellung noch häufig, so daß sich

Verstimmungen oder Beängstigungen vorübergehend wieder mehr geltend

machen. Manchmal schließt sich ein längerer Zustand von Reizbarkeit und

Nörgelsucht an. Während aber auch nach Jahren noch völlige Heilung

eintreten kann, führen andere Fälle schon in viel kürzerer Zeit zu

geistiger Schwäche, die den ungünstigen Ausgang darstellt. In dieser

Richtung ist Steigen des Körpergewichts bei unveränderter Fortdauer der

melancholischen Verstimmung von schlechter Vorbedeutung. Das geistige

Leben erlischt mehr und mehr, die Vorstellungen bleiben zwar in dem

beschränkten Kreise, aber sie verlieren ihre schmerzliche Betonung, die

körperliche Gebundenheit bleibt meist bestehen, so daß man noch nach

Jahren in dem völlig verblödeten Kranken den früheren Melancholiker

erkennen kann. Der üble Ausgang gehört vorwiegend dem höheren Alter an;

von Melancholischen unterhalb von 50 Jahren werden etwa 80 % geheilt.

Zuweilen führt in den ängstlichen Aufregungszuständen allgemeine

Schwäche den Tod herbei.

Gewisse =Abweichungen im Krankheitbilde=, deren Kenntnis wertvoll ist,

zeigen die =hypochondrische=, die =neurasthenische= und die =senile=

Melancholie. Die hypochondrische kennzeichnet sich dadurch, daß die

trübe Stimmung wesentlich durch körperliche Störungen bedingt erscheint.

Die Kranken haben abnorme Empfindungen im Rücken, in der Magengegend,

sie fühlen ihren Leib aufgetrieben, die Beine können sie nicht mehr

tragen u. dgl. m. Die ganze Art der meist sehr ausgebreiteten und

wechselnden Beschwerden weist auf die erbliche psychopathische Anlage

hin, die hier gewöhnlich zugrunde liegt.

Die =neurasthenische Melancholie= ist durch das Auftreten von

Zwangsvorstellungen ausgezeichnet, die sich vorzugsweise in den

Gegensätzen der melancholischen Gedanken bewegen; so schieben sich z. B.

in das Gebet um Vergebung gegen den Willen des Kranken Gotteslästerungen

ein. Außerdem wechselt der Verlauf der Melancholie in diesen Fällen

meist zwischen deutlichen Steigerungen und Nachlässen.

Die =senile= Melancholie bietet in besonderer Ausprägung eine benommene

Unruhe und einen blinden Widerstand gegen alle äußeren Eindrücke,

zwischendurch sind die Kranken mehr teilnahmlos als traurig, vielfach

sind sie von hypochondrischen Vorstellungen eingenommen, alle

Sinneswahrnehmungen und körperlichen Gefühle erscheinen ihnen verändert.

Diese Formen sind von ungünstigerer Vorhersage als die Melancholie im

allgemeinen. Sie sind es auch vorzugsweise, die durch Erschöpfung

infolge der Nahrungsverweigerung und der Unruhe tödlich enden.

=Diagnose.= Die Abtrennung der Melancholie von den einfachen

Depressionszuständen ist im Abschnitt VI, 2 besprochen. Auch gegenüber

einigen anderen Geistesstörungen macht die Unterscheidung zunächst

manchmal Schwierigkeiten. Es ist deshalb im gegebenen Falle

festzustellen, ob die schmerzliche Verstimmung wirklich das erste und

grundlegende Zeichen ist, oder ob zugleich oder vorher Verwirrtheit

(vgl. S. 80 ff.), Wahnvorstellungen oder Halluzinationen selbständiger

Art (vgl. Abschnitt VI, 1) aufgetreten sind. Zu beachten ist ferner, daß

manche Fälle von progressiver Paralyse (Abschnitt VII, 1) mit

melancholie-ähnlicher Verstimmung beginnen; endlich muß daran gedacht

werden, daß eine periodische oder eine zirkuläre Störung (Abschnitt

VI, 2) vorliegen kann.

=Behandlung.= Völlige körperliche und geistige Ruhe ist für den

Melancholischen die erste Bedingung. Trotz aller Belehrungen wird

hiergegen auch von Ärzten immer wieder gefehlt. Auch in den leichtesten

Fällen von Melancholie wirken Zerstreuungen, Reisen, Besuche, geistige

Tätigkeit, ernster Zuspruch usw. immer ungünstig, wenn sie auch für den

Augenblick ablenken und zu erleichtern scheinen. Der Melancholische

gehört ins Bett und darf es nur verlassen, soweit seine Bedürfnisse und

die womöglich täglich zu gebrauchenden viertel- bis halbstündigen Bäder

von 34-35°C. es erfordern. Erst bei eintretender Besserung sind

Besuche, Vorlesen, halbstündige ruhige Spaziergänge gestattet. Der Arzt

hat den Melancholischen durchaus als körperlich Kranken zu behandeln;

die krankhaften Vorstellungen logisch zu bekämpfen, ist unnütz und regt

den Kranken auf. Nur sanfter, tröstender Zuspruch und zuversichtliche

Betonung der in Aussicht stehenden Heilung ist gestattet. Die

Angehörigen sind sorgfältig anzuleiten, daß sie nicht viel auf den

Kranken einreden und die notwendige Überwachung möglichst unscheinbar

einrichten. Dazu gibt die körperliche Pflege die beste Gelegenheit durch

häufigeres Anbieten leicht genießbarer und leicht verdaulicher Nahrung,

ohne übermäßiges Nötigen, Sorge für bequemes Lager, Anwendung kalter

Umschläge bei Blutandrang zum Kopf usw. Die gestörte Verdauung kann mit

Karlsbader Wasser oder Salzsäuremischungen, die etwaige Anämie mit Eisen

und Chinin, die Verstopfung nötigenfalls mit Darmeingießungen behandelt

werden. Wo Angstzustände, Erregungen, schwerere Versündigungsideen,

Nahrungsverweigerung auftreten, ist die =Anstaltsbehandlung= dringend

wünschenswert. Sie ist auch der beste Schutz gegen den Selbstmord, weil

nur in einer Anstalt Tag und Nacht hindurch gleich sorgfältig gewacht

werden kann. Die schwereren Fälle erfordern außerdem die Anwendung der

=Narkotika=, die übrigens auch in den leichten Fällen sehr dienlich

sind. Am besten ist die planmäßige Verabreichung von Opium oder Kodein

in der S. 58 f. geschilderten Weise. Gründliche Durchführung bis zu

hohen Gaben ist Bedingung eines wirklichen Erfolges; läßt man sich durch

die eintretende Beruhigung verleiten, bei weniger als 1,0 Opium purum

pro die zu bleiben und dann die Gaben zu verringern, so tritt alsbald

wieder eine Verschlimmerung ein. Bei den Formen mit starker Hemmung kann

eine Zugabe von Kampfer (3 mal täglich 0,1) nützlich sein.

Die =Nahrungsverweigerung= muß abwartend behandelt werden. Häufigeres

Anbieten angenehmer Speisen oder Getränke, Stehenlassen derselben am

Bett des Kranken oder (scheinbar unabsichtlich) im Krankenzimmer genügen

sehr oft. Erst bei Schwächeerscheinungen, die bei völliger Enthaltung

nach 8-10 Tagen einzutreten pflegen, wird die Sondenfütterung notwendig

(vgl. S. 64).

Zuspruch, Ablenkung und Anregung zur Beschäftigung treten erst mit dem

deutlichen Nachlaß der traurigen Verstimmung in ihre Rechte, um bei

sorgfältiger Beachtung ihrer Wirkung nun die wertvollsten Dienste zu

leisten. Besondere Vorsicht erfordert hier noch längere Zeit die

Zulassung von Briefen und Besuchen der Angehörigen und endlich die

Entlassung, während diese Anregungen dringend erwünscht sind, wenn mit

dem Nachlaß der Melancholie eine gewisse Stumpfheit zur Herrschaft

kommt. Erfahrung und Takt des Arztes müssen dann entscheiden.

Kompendium der Psychiatrie für Studierende und Ärzte · 第 37 / 133 题