1. Neurasthenie, Hypochondrie.

Die Neurasthenie, nach ERB als =krankhafte Steigerung und Fixierung

physiologischer Vorgänge der Ermüdung= betrachtet, gehört in ihren

Erscheinungen zum großen Teil der inneren Medizin an. Im Gegensatz

zur Hysterie hat sie ihr Wesen in funktioneller =körperlicher=

Erschöpfung, nicht in abnormen psychischen Vorgängen. Immerhin

verbindet sie sich in allen ausgesprochenen Fällen mit =psychischen

Erschöpfungserscheinungen=, die sich von der einfachen Ermüdbarkeit

bis zu hypochondrischen Vorstellungen, Angstzuständen und

Dämmerzuständen erstrecken können. Die Erscheinungen der sogenannten

konstitutionellen Neurasthenie, die eine Form der erblichen

Entartung darstellt, behandeln wir unter den Grenzzuständen.

In der ERBschen Definition ist schon gesagt, daß die physiologischen

Ermüdungsvorgänge nicht nur abnorm fixiert sind, d. h. nicht in der

gewöhnlichen Zeit ausgeglichen werden, sondern daß sie auch krankhaft

gesteigert sind. Die gesamten Ermüdungserscheinungen werden nicht nur

gefühlt, sondern sie üben eine krankhafte Rückwirkung auf das gesamte

Geistesleben aus, so daß man mit KRAFFT-EBING mit Recht von einem

=neurasthenischen Charakter= sprechen kann, so gut wie man von einem

hysterischen oder epileptischen Charakter spricht. Seine

Eigentümlichkeiten liegen vorwiegend auf dem Gebiete des

=Gefühlslebens=. Die krankhafte Empfindlichkeit gegenüber den

Organgefühlen richtet die Aufmerksamkeit so wesentlich auf das eigene

Befinden, daß ein charakteristischer =Egoismus von trüber Färbung=

entsteht. Auf diesem Boden wurzeln die =Reizbarkeit= des Kranken, der

jeden Eingriff in seine Ruhe schwer empfindet, sein =mangelhaftes

Selbstvertrauen=, das sich vielfach zu ausgesprochenen =Angstzuständen=

steigert, und seine =Hypochondrie=. In der Tat gehört das, was man

früher unter diesem Namen als eigene, leichteste Psychose betrachtete,

lediglich der Neurasthenie an.

Die =Reizbarkeit= des Neurasthenikers äußert sich darin, daß

unbedeutende Gemütsbewegungen schwere und nachhaltige Affekte

hervorrufen. Geräusche, die der Gesunde kaum beachtet oder doch mühelos

erträgt, bringen ihn in Aufregung und erscheinen ihm unerträglich.

Ebenso geht es mit psychischen Eindrücken: jedes Wartenmüssen, jede

Kritik, ein harmloser Scherz reizen ihn zu schwerer Verstimmung oder zu

lebhaftem Zorn, oft für Stunden und Tage. Diese Affekte verbinden sich

oft auch mit abnorm lebhaften vasomotorischen Reaktionen, Blutandrang

zum Kopf, Herzklopfen, Krampfzuständen der Hautgefäße usw. Nach neueren

Beobachtungen ist es nicht unwahrscheinlich, daß dadurch mit der Zeit

Schädigungen der Gefäßelastizität und vorzeitige arteriosklerotische

Veränderungen eintreten, die ihrerseits wieder ungünstige Folgen für die

Gehirnfunktionen haben können (vgl. Abschnitt VII, 3).

Das =mangelhafte Selbstvertrauen= richtet sich in gleichem Maße auf die

körperlichen und die geistigen Fähigkeiten. Die in der Krankheit

liegende Ermüdbarkeit, die deutliche Verminderung der früheren Ausdauer

läßt den Kranken bald auch an den Dingen zweifeln, die er tatsächlich

noch ganz gut leisten kann, und bei der großen Abhängigkeit aller

Verrichtungen von der Stimmung und der moralischen Energie tritt

schließlich unter dem Einfluß der Vorstellungen wirklich eine

Unfähigkeit ein. Besonders früh zeigt sich das gewöhnlich bei

Verrichtungen, die entweder sehr schnell oder in Gegenwart anderer

vorgenommen werden sollen. Die Sprache oder die Hand versagen einfach

ihren Dienst, es treten Zittern und Ataxie ein, die sich erst wieder

verlieren, wenn der Kranke, von der Arbeit absteht oder sie allein und

in Ruhe vornehmen kann. Auch der Gang wird zuweilen unsicher oder gar

taumelnd, wenn der Neurastheniker sich von Anderen beobachtet weiß.

Unter denselben Umständen kommt es auch zu einem Versagen des

Gedächtnisses oder der Auffassung für Dinge, die dem Kranken bei ruhigem

Gemüt gar keine Schwierigkeiten machen. Vielfach ist sich der Patient

ganz klar darüber, daß die Störungen nur in seiner Aufregung wurzeln,

oft aber führen ihn die Wahrnehmungen zu der Meinung, daß er schwer

gehirnkrank sei.

Der krankhafte Affekt kann aber auch ohne solche Anlässe, anscheinend

ganz von selbst, auftreten, als =Angstzustand=. Man kann verschiedene

Arten davon unterscheiden.

Ein Teil dieser neurasthenischen Zustände tritt als =inhaltlose, an

keine Vorstellungen gebundene Angst= auf. Der davon Befallene bekommt

plötzlich, oft ohne bekannten Anlaß, manchmal nach einer

Überanstrengung, Überreizung oder Gemütsbewegung, ein Angstgefühl, wofür

er keinen Grund angeben kann. Dem Grade nach wechselt es zwischen

leichter Beängstigung und dem Gefühl augenblicklich drohender völliger

Vernichtung. Präkordialangst, Angstgefühl im Kopf, Schweißausbruch,

Herzklopfen, Zittern, Atembeklemmung, Zusammenschnüren des Schlundes,

Harn- und Stuhldrang, Sodbrennen, Speichelfluß, Heißhunger, Schwindel,

das Gefühl des Versagens der Beine, der Gedanke verrückt zu werden und

andere Empfindungen können in wechselndster Verbindung und Stärke die

Angst begleiten. Seltener kommt es dabei zu Wollustempfindungen oder zu

dem Gefühl, als ob plötzlich die Finger oder der ganze Körper sehr groß

oder sehr klein würden, oder als ob sich das Zäpfchen im Rachen auf und

ab bewege, als ob eine Kugel vom Magen aufwärts steige usw. In anderen

Fällen tritt die Angst nicht in eigentlichen Anfällen, sondern als

dauernde Erscheinung mit Nachlässen und Verschlimmerungen auf, oder das

Angstgefühl wird für den Kranken durch Zittern, Herzklopfen,

Heißhunger, Schwächegefühl u. dgl. völlig verdeckt. Oft scheuen sich die

Kranken, dem Arzt von ihrer Angst zu erzählen, weil sie deren

Grundlosigkeit einsehen und schon genügend von ihrer Umgebung und von

einsichtslosen Ärzten deswegen verspottet worden sind.

Eine zweite Form der Angst bildet die direkte =Folge neurasthenischer

Empfindungen=. Es ist subjektiv jedenfalls berechtigt, wenn der Kranke

aus heftigem Herzklopfen die Befürchtung eines drohenden Herzschlages

gewinnt, aus heftigem Schwindel die Angst vor einem Schlaganfall usw.

Auch hier tragen manchmal unvorsichtige Äußerungen des Arztes die

Schuld, der dem Kranken zuviel erzählt, was dann unrichtig verwertet

wird, z. B. von matten Herztönen spricht, woraus der Kranke entnimmt,

daß er an Herzschwäche leide, u. dgl.

Eine dritte Form der Angst knüpft an bestimmte =Zufälle=, meist

=Unfälle= an, bei deren wirklicher oder befürchteter Wiederkehr dann die

Angst auftritt, z. B. sei ein Neurasthenischer auf der Straße von einem

Schwächezustande oder in Gesellschaft von einem lebhaften Stuhldrange

oder bei einer Bergwanderung von einem Sturz, bei einer Fahrt von einem

Radbruche betroffen, einem Schulkinde auf das übereilig verzehrte erste

Frühstück übel geworden: in der Folgezeit ruft jede ähnliche Situation

Angst hervor. Auch Traumerlebnisse können solche Angstvorstellungen

begründen.

Oft schließt sich die =an Vorstellungen anknüpfende Angst= nicht an

Erlebnisse, sondern sie tritt primär als =Übertreibung physiologischer

Empfindungen oder Befürchtungen= auf. Hierher gehören die meisten Fälle

von Platzangst, Agoraphobie, wo der Gegensatz zwischen der Kleinheit der

eigenen Persönlichkeit und der Größe des Platzes die Mißempfindung

auslöst. Diese Form der Angst findet sich ebenso wie die übrigen, die in

diese Gruppe gehören, besonders bei angeborener Neuropathie und wird

deshalb bei der Erörterung dieser Zustände in dem Abschnitt

Grenzzustände genauer besprochen werden.

Die =Hypochondrie= der Neurasthenischen wurzelt in zwei Umständen:

in der Verstärkung der körperlichen Empfindungen und in der

psychischen Depression. Ein lehrreiches Beispiel bildet die häufige

hypochondrische Verwertung von Pulsationsgefühlen. Die erhöhte

Reizbarkeit der Sinneszentren läßt den Kranken z. B. das Pulsieren

der Oberschenkelarterie fühlen, das er in gesunden Tagen nicht

wahrgenommen hat. Bei normaler psychischer Stimmung würde die

Feststellung, daß die Pulsation für den aufgelegten Finger nicht

verstärkt ist, nicht deutlicher erscheint als die am anderen Bein,

alsbald beruhigen, bei der vorhandenen Depression taucht aber der

Gedanke an ein Aneurysma auf und wird trotz des aufklärenden

Versuches festgehalten. Die ungewohnte Empfindung erhält eben von

vornherein eine übermäßige und trübe Gefühlsbetonung. Das zeigt sich

ebenso deutlich in dem Unterschied des Verhaltens Gesunder und

Neurasthenischer, die z. B. einmal eine Blinddarmentzündung

durchgemacht haben. Der Gesunde denkt nur dann an einen Rückfall

seines Leidens, wenn deutliche Zeichen da sind: stärkerer Schmerz in

der Blinddarmgegend oder das bezeichnende Gefühl der Darmverlegung

mit Druck im Epigastrium usw.; der Neurasthenische hält den Rückfall

für sicher, sobald die gewohnte Darmentleerung ausbleibt, und er

kommt meist bald dazu, auch eine normale Entleerung für ungenügend

zu halten und sich deswegen zu beunruhigen. In derselben Weise

können natürlich alle möglichen wirklichen oder vermeintlichen

Beobachtungen verwertet werden. So entsteht in schweren Fällen eine

erhebliche Veränderung des =Gefühls der Persönlichkeit=: der Kranke

kommt sich »krüppelhaft« vor und glaubt »ein ganz Anderer geworden

zu sein«, und in der Tat kann auch durch die Unfähigkeit zu

ausdauernder körperlicher und geistiger Arbeit, durch die Fesselung

des Interesses an die eigenen Empfindungen, durch die Reizbarkeit

usw. ein wesentlich verändertes Charakterbild entstehen.

Immerhin unterscheiden sich die =psychischen Eigentümlichkeiten= auch

bei schwerer Neurasthenie wesentlich von dem, was man im gewöhnlichen

Sinne als =Geisteskrankheit= bezeichnet. Nur vorübergehend kommt es zu

eigentlichen Geistesstörungen, und zwar unter dem Bilde des

=neurasthenischen Dämmerzustandes=. Bei Neurasthenie durch körperliche

oder geistige Überanstrengung, namentlich wenn noch schwere

Gemütsbewegungen dazu kommen, entsteht eine Trübung des Bewußtseins, die

an Traumzustände erinnert, mit zusammenhängenden, aber dem wachen

Zustande des Kranken nicht entsprechenden Handlungen (Flucht,

Desertion, zwecklose Einkäufe usw.), erschwerter Orientierung,

Unfähigkeit zu geordneter Arbeit und Gedankenmitteilung. Oft werden

diese Zustände von lebhafter Angst oder von Ohrensausen, Glockenklingen,

wirrer Musik u. dgl. oder von elementaren Gesichtstäuschungen begleitet.

Zuweilen steigert sich der Dämmerzustand bis zu völligem Stupor, mit

Aufhebung der Auffassung für die Vorgänge in der Umgebung, Unfähigkeit

zu Sprache und Bewegung. Die Dauer solcher Dämmerzustände wechselt von

einigen Stunden oder Tagen bis zu mehreren Wochen. Die Lösung erfolgt

gewöhnlich schnell, oft nach einer Nacht mit gutem Schlaf. Die

Erinnerung an das während des Dämmerzustandes Erlebte ist manchmal nur

unvollkommen, andere Male gelingt es, die Begründung der Handlungen aus

Traumvorstellungen oder Angstantrieben nachzuweisen. Ein ungünstiger

Ausgang des Zustandes kommt nicht vor, regelmäßig kehrt der Kranke zu

dem vorher bestehenden neurasthenischen Zustande wieder zurück.

Die =Diagnose der Neurasthenie= erfordert zunächst die Unterscheidung

gegenüber organischen Krankheiten mit ähnlichem Beginn. Zumal manche

Fälle von Dementia paralytica, nämlich die mit hypochondrischer Färbung,

können für den Ungeübten Schwierigkeiten bieten. Die genaue und

umfassende Feststellung des Status praesens beseitigt gewöhnlich bald

die etwaigen Zweifel. So ausgeprägt die Klagen des Paralytikers über

Gedächtnisschwäche, Leistungsunfähigkeit usw. auch sein mögen, fast

immer kann man schon bei der ersten Untersuchung nachweisen, daß noch

größere Störungen vorhanden sind, als der Kranke angibt, und daß er

diese Ausfälle gar nicht einmal bemerkt oder sie wenigstens viel

leichter nimmt als die unbedeutenderen Störungen, worüber er sich

selbst, beklagt hat. Dagegen findet sich beim Neurastheniker regelmäßig,

daß er diese Störungen überschätzt. Er hält es für die Folge einer

schweren Gedächtnisstörung, wenn ihm nicht die Namen aller möglichen

Personen gleich einfallen, sobald er daran denkt; er macht sich Sorgen,

wenn er nicht sofort das Datum oder den Wochentag gegenwärtig hat oder

wenn er sich verspricht oder verschreibt in einer Weise, die jedem

Gesunden oft genug passiert. Gerade in solchen Kleinigkeiten sieht aber

der Paralytiker über die Fehler hinweg. Auch pflegt bei diesem die

trübe Selbstbeobachtung nicht lange vorzuhalten, sondern von selbst

durch den bezeichnenden Stimmungswechsel abgelöst zu werden oder auf

Zuspruch zu verschwinden, während dieser beim Neurasthenischen immer nur

für geringe Dauer vorhält. Das wichtigste Unterscheidungsmittel bilden

natürlich immer die körperlichen Zeichen der Dementia paralytica, zumal

die reflektorische Pupillenstarre und auch schon erhebliche Unterschiede

der Pupillenreaktion auf beiden Augen (soweit sie nicht durch

Augenveränderungen bedingt sind); die einfache Differenz der Pupillen

bei erhaltener Lichtreaktion hat natürlich keine diagnostische

Bedeutung, weil sie bei Gesunden und namentlich bei nervös Beanlagten

oft vorkommt. Steigerung des Patellarreflexes findet sich bei

Neurasthenie sowohl wie bei Dementia paralytica; Aufhebung des Reflexes

hat immer organische Ursachen, kann aber sowohl durch Neuritis wie durch

zentrale Störungen hervorgerufen sein. Die charakteristische

Sprachstörung der Paralyse ist bei einiger Übung nicht mit den

gelegentlichen Spracherschwerungen der Neurasthenie zu verwechseln.

KRAEPELIN hat besonders darauf hingewiesen, daß die Neurasthenie mit

beginnender =Dementia praecox= verwechselt werden kann, was natürlich

prognostisch von großer Wichtigkeit ist. Diese Schwierigkeit wird sich

weniger für die eigentliche Neurasthenie, wie sie vorhin definiert ist,

als für die konstitutionelle Nervenschwäche ergeben, die wir später

unter den Grenzzuständen behandeln. Die eigentliche Neurasthenie ist

eine Krankheit mit bestimmtem Beginn und bestimmten Ursachen, während

die Dementia praecox im allgemeinen ohne äußeren Anlaß, ohne

nachweisbare direkte Schädigung des Nervensystems beginnt, so daß die

versagende Arbeitskraft als eine Folge innerer Unzulänglichkeit

erscheint, die unter den Einflüssen der Lebensentwicklung zutage tritt.

Außerdem trägt die Hypochondrie der Dementia praecox von vornherein

einen auffallenden, mehr unsinnigen Charakter, die Heftigkeit wird nicht

durch nachweisbare Ursachen hervorgerufen, das Gemüt zeigt weniger eine

übergroße Empfindlichkeit als eine gewisse Stumpfheit, und es besteht

nicht so sehr eine Unfähigkeit als eine Unlust zu geistiger Arbeit.

Meist tritt auch bald ausgesprochene Urteilschwäche und eine gewisse

Albernheit des Benehmens hervor. Vollends gesichert wird die Diagnose,

wenn einzelne Zeichen von Befehlsautomatie, Manieriertheit, Negativismus

und Stereotypie auftreten, worüber im Abschnitt über Dementia praecox

und Katatonie genaueres gesagt ist.

Schwer ist oft die Unterscheidung der Neurasthenie, zumal in den Formen

mit leichter psychischer Depression, von den ihr prinzipiell

nahestehenden Depressionszuständen, die im nächsten Abschnitt behandelt

werden, und von gewissen Formen des manisch-depressiven Irreseins (vgl.

Abschnitt V).

Die =neurasthenischen Dämmerzustände= können am leichtesten mit

epileptischen Dämmerzuständen verwechselt werden und werden auch von

vielen Autoren einfach dazu gerechnet. Das völlige Fehlen epileptischer

Zustände in der Vorgeschichte und das Vorkommen der Störung auf der

Grundlage einer einfachen Neurasthenie muß entscheiden, mag auch die

Ähnlichkeit der Zustände noch so groß sein.

Die =Prognose= der Neurasthenie ist wesentlich von ihren Ursachen und

von der Behandlung abhängig. Lassen sich die Ursachen beseitigen, wie

das bei der Neurasthenie nach akuten Körperkrankheiten, Wochenbetten,

angreifenden Kuren, unzweckmäßiger Ernährung, mäßigem Alkoholmißbrauch,

lebhaften Gemütsbewegungen usw. möglich ist, so ist völlige Heilung

wahrscheinlich. Sind die Ursachen nicht oder nur teilweise zu

beseitigen, dauern z. B. trübe Familien- oder Berufsverhältnisse fort,

so liegt trotz zweckmäßiger Lebensweise die Wahrscheinlichkeit des

Rückfalles vor. Die Dauer der Krankheit ist oft ohne Einfluß auf die

Prognose; man sieht öfters eine Neurasthenie, die bei ungeeigneter

Ernährung und Lebensweise und ungeeigneten Kuren viele Jahre bestanden

hatte, nach einer einzigen, verhältnismäßig kurzen Kur dauernd

verschwinden. Man muß sich daher auch hüten, eine lang anhaltende

Neurasthenie ohne weiteres für eine konstitutionelle Neurasthenie zu

halten; vielmehr ist für diese Diagnose die Eigenart der Erscheinungen

(vgl. Grenzzustände) und das Auftreten ohne genügenden äußeren Anlaß

notwendig.

Die =Verhütung der Neurasthenie= fällt mit dem zusammen, was vorhin über

die Prophylaxe der Geisteskrankheiten überhaupt gesagt worden ist

(S. 33). Ein widerstandsfähiges Nervensystem kann bei richtiger

Ernährung und hinreichendem Schlaf auch schwere vorübergehende

Anstrengungen und Schädigungen ohne Schaden überstehen. Vor allem ist

auf eine gesunde =Ernährung= zu achten, mit einer gemischten Kost, ohne

Übermaß von Fleisch, zu bestimmten Stunden in Ruhe eingenommen. Am

besten sind fünf tägliche Mahlzeiten, damit die Zwischenpausen nicht zu

lang werden. Der =Schlaf= soll für Heranwachsende nicht unter neun

Stunden dauern, bei arbeitstätigen Erwachsenen nicht unter acht Stunden.

Eine gesunde =Hautpflege= ist ebenfalls sehr wichtig, unter Vermeidung

aller gewaltsamen Abhärtungsversuche, die erfahrungsgemäß nicht nur den

Körper, sondern speziell die Widerstandsfähigkeit der Nerven schädigen.

Die =Arbeit= muß vor allem die Kräfte des Arbeitenden nicht übersteigen,

und das läßt sich in den allermeisten Fällen erreichen, wenn der

Arbeitsplan vernünftig und sorgfältig erwogen, unnötige Arbeit

vermieden, zweckmäßige Einteilung erstrebt, Zeitverlust durch scheinbare

Erholungen (unnötig lange und daher auch wieder anstrengende

Spaziergänge, Wirtshausbesuch u. dgl.) erspart, auf gute Ordnung und

Einführung aller hilfreichen Erleichterungen, Fernhaltung von Störungen

gesehen wird usw.

Die =Behandlung= hat als Richtschnur festzuhalten, daß die Neurasthenie

eine Erschöpfungskrankheit ist. Die alte und leider auch in den Köpfen

der Ärzte immer noch sehr festsitzende Meinung, daß die Nervenschwäche

eine Art von eingebildeter Krankheit sei, ist dafür natürlich sehr

hinderlich. Die durchaus wohlgemeinte Empfehlung von Arbeitkuren und

Beschäftigungsheilanstalten wirkt leider auch manchmal in diesem Sinne

ein, obwohl sie sich auf ganz andere Kranke bezieht, nämlich auf die

konstitutionell Nervenschwachen, bei denen keine Erschöpfung, sondern

ungenügende Gewöhnung an den Gebrauch der Kräfte vorliegt. Für die

eigentliche Neurasthenie habe ich, soweit ich gesehen habe, zuerst mit

voller Bestimmtheit die =Notwendigkeit völliger Ruhe= betont. Es kann

nach meinen Erfahrungen keinem Zweifel unterliegen, daß durch die

herkömmliche Verordnung, wobei ein Teil der Arbeit unterlassen und die

dadurch gewonnene Zeit zum Spazierengehen und zu Gymnastik usw.

verwendet werden soll, kein durchgreifender Nutzen geschaffen wird. Oft

tritt unter der veränderten Lebensweise zunächst eine gewisse

Erleichterung für den Kranken ein, aber es kommt nicht zur richtigen

Heilung, und so sieht man manche heilbare Neurasthenie unter der

Anwendung solcher unvollkommenen Hilfen sich über Jahre und Jahrzehnte

hinschleppen, während eine richtige Ruhekur das Leiden ganz beseitigen

kann.

Es hängt von dem Grade der Krankheit ab, wie ausgedehnt die Ruhe zu

verordnen ist. In den leichtesten Fällen mag es genügen -- und oft kann

ja der Arzt auch nichts weiter durchsetzen! --, daß der Kranke von

seinen Berufsgeschäften nach Möglichkeit entlastet wird und alle freie

Zeit zum Ausruhen benutzt, d. h. womöglich im Bett zubringt. In allen

schwereren Fällen und selbstverständlich überall da, wo erhebliche

hypochondrische Ideen, Angstgefühle und gar Dämmerzustände vorkommen,

ist =völlige Bettruhe= eine unumgängliche Bedingung. Die Ärzte sind

vielfach geneigt, hier der Abneigung der Kranken entgegenzukommen, die

das nervöse Leiden nur für eine halbe Krankheit halten und es nicht wie

eine »eigentliche« Krankheit behandeln möchten, aber das ist sehr

unrecht. Der große Einfluß des Leidens auf die Leistungsfähigkeit und

auf die Lebensfreude, die große Neigung, chronisch zu werden, und

endlich die erhebliche =Selbstmordgefahr=, die alle hypochondrischen und

Angstzustände bieten, verlangt entschieden ein nachdrückliches

Eingreifen, und ebensowenig wie man sich bereit finden lassen würde,

einen leichten Typhus oder eine Infraktion des Unterschenkels ambulant

zu behandeln, sollte man sich bei der Behandlung der Neurasthenie zu

Zugeständnissen bewegen lassen, die der Heilung zuwiderlaufen. Der Laie

widerstrebt der Bettbehandlung schon deshalb, weil er annimmt, daß

dadurch Angst, Unruhe und Grübelei verstärkt werden müßten. Das

Gegenteil ist der Fall. Während es nicht gelingt, auch durch noch so

fesselnde Lektüre oder Tätigkeit die Angst und Unruhe zu überwinden,

verschwinden bei Bettruhe diese Störungen oft ohne weiteres. Für die

schwereren Fälle von Angst und von Gedankenunruhe, wie sie sich

namentlich nach Überarbeitung entwickelt, wo Tag und Nacht die

Erinnerungen an die krankmachende Arbeit oder an die ursächlichen

Gemütsbewegungen oder Schreckwirkungen lebendig bleiben, reicht meist

die einfache Bettruhe nicht aus, um die Ruhe herbeizuführen. Hier treten

vor allem die =beruhigenden Wasseranwendungen= helfend ein. Besonders

wertvoll sind langdauernde laue Bäder, von halbstündiger Dauer aufwärts

bis zu mehrstündigem Verweilen im Bade, bei einer Temperatur von 35°C,

entweder kurz vor der Nachtruhe oder im Laufe des Tages oder auch

morgens =und= abends angewendet. Das Badewasser muß dabei natürlich

durch Zugabe von heißem Wasser auf dem anfänglichen Wärmegrad gehalten

werden. -- Im weiteren Verlauf und in leichten Fällen genügen

=Halbbäder= von 30°C, vier Minuten lang, mit Übergießungen von

demselben Wasser, vormittags oder vor dem Abendbrot genommen. Auch

=Ganzeinpackungen= in nasse Laken mit umhüllender Wolldecke, für halbe

oder ganze Stunden, können sehr gut. wirken, sie sind aber namentlich

beängstigten Kranken oft nicht angenehm. Die beliebten =nassen

Abreibungen= sind bei Angstzuständen gleich allen anderen anregenden

Verfahren nicht angezeigt, sie steigern hier vielfach die Unruhe; sie

passen im allgemeinen nur für die leichtesten Fälle von Überarbeitung

und für die Rekonvaleszenz.

Die wertvollste Unterstützung dieser Beruhigungsmethoden bildet die von

mir angegebene =Kodeinbehandlung=.[5] Es handelt sich dabei nicht um

symptomatische Verabreichung eines Narkotikums, sondern um planmäßig

fortschreitende Beruhigung des Nervensystems durch ein nach ausgedehnter

Erfahrung völlig unschädliches beruhigendes Mittel (vgl. S. 60). Man

beginnt damit, dreimal täglich eine Pille zu 0,02 Codeinum purum oder

phosphoricum zu verabreichen, und steigert diese Gabe etwa jeden dritten

Tag um eine solche Pille, bis man auf 10 oder 15 solcher Pillen gekommen

ist. Natürlich kann man, damit der Kranke nicht soviel Pillen zu nehmen

braucht, weiterhin der einzelnen Pille einen größeren Kodeingehalt

geben. Wesentlich ist, daß man bei den größeren Dosen die Gesamtgabe auf

etwa 5 oder 6 über den Tag verteilte Zeiten zerlegt. Der Kranke

verspürt, wegen der eintretenden Gewöhnung, meist keine einschläfernde

Wirkung, sondern nimmt nur das Angenehme der fortschreitenden Beruhigung

wahr. Sobald wirkliche Beruhigung eingetreten ist, hört man mit der

weiteren Steigerung der Dosis auf, bleibt einige Tage auf der

erreichten Höhe und geht dann ganz allmählich wieder abwärts, etwa jeden

dritten oder vierten Tag um eine Pille; man läßt das Mittel

gewissermaßen ausschleichen. Hatte man die richtige Dosis erreicht, so

bleibt der erzielte Zustand auch nach dem Aussetzen des Mittels

bestehen, als Beweis, daß es sich um eine Heilwirkung gehandelt hat. Bei

einzelnen Kranken tritt eine stopfende Wirkung des Kodeins hervor; man

hilft dann mit leichten Abführmitteln, Phenalin, Rhabarber oder Cascara

sagrada nach. In =schweren Fällen= reicht das Kodein nicht aus, um bald

geistige und Gemütsruhe herzustellen. Dann greift man zweckmäßig zu

einer =Opiumkur= wie bei Melancholie, die nach den Angaben auf S. 58

durchgeführt werden muß. Ich habe in den letzten 7 Jahren eine große

Anzahl solcher Kuren durchgeführt, mit überraschend gutem und schnellem

Erfolge, und ohne ein einziges Mal unangenehme Nebenerscheinungen oder

schädliche Folgen, Gewöhnung u. dgl., zu sehen.

Es liegt in der Natur der Sache, daß derartige Kuren sich am besten

unter direkter Leitung des sachverständigen Arztes durchführen lassen,

und zwar nicht in den großen Sanatorien, wo der Massenbetrieb immer mehr

oder weniger den Charakter des Hotellebens annimmt, sondern in =kleinen

Sanatorien= mit der Möglichkeit individueller Behandlung. Die Kur im

Sanatorium wird oft schon dadurch notwendig, daß der Kranke daheim nicht

die nötige geistige Ruhe finden kann. Namentlich die Hausfrauen, die

durch jeden Laut im Hause an die ihnen sonst obliegende Hauswirtschaft

erinnert werden, finden im eigenen Hause nur unter ganz seltenen

Umständen wirklich Ruhe. Natürlich heilt nicht das Sanatorium an sich

den Kranken, wie oft fälschlich geglaubt wird, weil nicht wenige

Neurasthenische sich alsbald nach der Ankunft im Sanatorium wohl und

frei fühlen und unter einer einfachen Diät- und Wasserbehandlung, wie

sie auch manche Naturheilanstalten nicht unzweckmäßig darbieten, bald zu

genesen scheinen. Die Täuschung wird offenbar, wenn der krank Gewesene

in seinen Beruf zurückkehrt: in wenigen Wochen sind alle Beschwerden

wieder da. Ich habe in der Praxis zahllose Male diesen Verlauf gesehen,

am häufigsten nach Kuren in den großen Wasserheilanstalten, wo zum Teil

unter dem Drängen der Patienten möglichst viel gegen die Krankheit

geschieht und ein Übermaß von Bädern, Spaziergängen, körperlichen

Übungen usw. die Kranken nicht zur Ruhe kommen läßt. Der von den älteren

Autoren so oft ausgesprochene Grundsatz, der Neurastheniker müsse so

zahlreiche und genau verteilte Verordnungen bekommen, daß er gar nicht

zum Nachdenken über seine Krankheit kommen könne, erweist sich in

zahllosen Fällen geradezu als ein Fluch für die Kranken. Je weniger

Verordnungen der Neurastheniker erhält, um so leichter findet er Ruhe

und um so sicherer kommt er zur Genesung!

Neben der Bettruhe, der Wasserbehandlung und Arzneibehandlung, die auch

im Heilschatze der Sanatorien die ihnen gebührende Rolle spielen müssen,

steht eine geeignete =Ernährung= an erster Stelle. Auch hier ist viel

durch Vielgeschäftigkeit gesündigt worden. Die nur für ganz bestimmte

Fälle von ihren Autoren empfohlene =Mastkur= hat eine ganz unberechtigte

Wertung als Mittel gegen alle Formen und Fälle von Nervenschwäche

gefunden, und immer wieder kommen einem Kranke vor Augen, die eine

Mastkur durchgemacht haben, während ihnen eine Entfettungskur vonnöten

gewesen wäre. Sie eignet sich tatsächlich nur da, wo ein schweres

Darniederliegen der Gesamternährung den ungünstigen Nervenzustand

unterhält. Ebenso unzweckmäßig ist die kritiklose Verordnung

zweistündiger Nahrungsaufnahme; sie ist nur für die vereinzelten Fälle

berechtigt, wo eine besondere Hyperästhesie des Magens nur wenig zur

Zeit aufzunehmen gestattet. In diesen Fällen erweist es sich übrigens

meist als noch besser, alle Stunden Nahrung zu geben, und zwar

abwechselnd einmal feste Kost und das nächste Mal flüssige Kost, weil

oft gerade das Gemisch beider schlecht ertragen wird. Für die große

Mehrzahl der Kranken ist es am besten, sich auf erstes und zweites

Frühstück, Mittagessen, Vesper und Abendessen zu beschränken.

Schwächlichen und schlaflosen Kranken kann man außerdem noch vor dem

Einschlafen ein Glas Milch oder eine Tasse Kakao u. dgl. geben. Was die

Art der Kost anlangt, so ist die oft zu besonderer Kräftigung angeratene

Fleischkost durchaus unzweckmäßig, man kann wohl sagen, noch

unzweckmäßiger als die von den Naturheilkünstlern beliebte vegetarische

Kost. Ich pflege die tägliche Fleischration auf höchstens ein Viertel

Kilogramm anzugeben (das Fleisch roh gewogen), wovon zwei Drittel auf

das Mittagessen, ein Drittel auf zweites Frühstück und Abendessen kommen

sollen. Reichlich ist =Fett= zu gewähren, am besten in Form von =Butter=

und =Milch=, doch ist es wiederum verkehrt, Milch zwischen den

Mahlzeiten trinken zu lassen oder sie in Mengen von mehr als anderthalb

Liter pro Tag zu verordnen. Sie wird dann nicht mehr gut ausgenutzt und

schädigt die Ausnutzung der übrigen Kost. Ich beschränke mich meist auf

die Verordnung von 1 Liter pro Tag und lasse diese Menge auf erstes und

zweites Frühstück, Vesper und eventuell die Zeit vor dem Einschlafen

verteilen. Wenn man zudem in der Form der Darreichung wechselt (rohe

Milch, kalt oder warm, Milchsuppen, Kakao mit Milch, saure Milch, Eis

und andere Speisen mit Schlagsahne usw.), vermeidet man den oft so

störenden Milchüberdruß. Wenn man noch mehr tun will, kann man z. B.

Kakao und Schokolade mit =Sahne= statt mit Milch bereiten lassen, wobei

natürlich die Fettaufnahme erheblich größer wird. Wenn man es den

Kranken nicht sagt, merken sie den Unterschied gar nicht und finden

nicht, daß Sahne zu fett zum Trinken sei. Amylazeen sind ebenfalls

reichlich zu gestatten, namentlich lasse ich gern viel Kartoffeln essen,

da sie wie kein anderes Nahrungsmittel den Kot weich machen und die

Darmentleerung begünstigen, auch für die Korpulenz lange nicht so

bedenklich sind wie die besser ausgenutzten zarten Mehlspeisen und

Gebäcke. Daß auch Zucker ein gutes und bekömmliches Nährmittel ist, wird

ja zum Glück immer mehr bekannt. -- Zur weiteren Vervollständigung der

Nahrungsmenge dienen die =Gemüse=, die nach Gefallen erlaubt sind und

durch ihren Gehalt an Salzen immerhin für die Blutbildung wichtig sind,

wenngleich dieser Punkt von naturärztlicher Seite außerordentlich

übertrieben wird. Für die Darmtätigkeit bedeuten sie mindestens

ebensoviel wie der Genuß von =Obst=, worüber ebenfalls viel verkehrte

Ansichten im Umlauf sind. Ich schätze das Obst wesentlich als

Genußmittel und als Ersatz für die =alkoholischen Getränke=, die in der

Behandlung der Neurasthenie völlig zu verwerfen sind. Dagegen ist gegen

mäßigen Genuß von Kaffee und Tee in der größten Mehrzahl der Fälle

nichts Begründetes einzuwenden.

Neben diesen allgemein wirkenden und wesentlichen Mitteln der

Behandlung kommen je nach dem Einzelfall die symptomatisch wirkenden

Mittel in Frage. Es soll hier nicht näher darauf eingegangen werden,

näheres findet sich in meinem Buche »Nervöse Anlage und Neurasthenie«

(2. Aufl. in Vorbereitung).

Von sehr großer Bedeutung ist die =psychische Behandlung=. Nicht in dem

Sinne, daß sie die Krankheit heile, denn auch die funktionelle

Erschöpfung wird nur durch körperliche Mittel ausgeglichen, wie gesagt

durch genügende Ruhe und geeigneten Ersatz. Das kann der psychische

Einfluß natürlich nicht bewirken. Wohl aber leistet er sehr Großes,

indem der sachverständige Arzt, durch genaue Untersuchung dem Kranken

die Überzeugung beibringt, daß sein Leiden nicht vernachlässigt,

unterschätzt oder verkannt werde, indem er ferner diese Überzeugung

durch ruhige Aussprache, geduldiges Anhören der Klagen und durch genaue

Anweisungen über Verhalten und Pflege unterstützt, und indem er die

Sorgen und Beängstigungen des Kranken nach Kräften und mit dem Ausdruck

seiner ernsten wissenschaftlichen Persönlichkeit zerstreut. Man muß mit

Bedauern sagen, daß in dieser Kunst heute noch viele Ärzte sogar hinter

gewöhnlichen Kurpfuschern zurückstehen. Auch in dieser Hinsicht wird das

Studium der Psychiatrie und das dadurch erzielte Verständnis für

krankhafte Seelenzustände großen Segen schaffen.

Erst wenn die =Erholung= eingetreten ist, gilt es, den Kranken wieder an

die =Arbeit= zu schicken. Die Belehrung über die vernünftige Art, zu

leben und zu arbeiten, gibt zugleich den besten Schutz gegen die

Wiederkehr der Krankheit.

2. Traumatische Depressionszustände, Unfallneurosen, Traumatische

Neurosen, Schreckneurose.

Nach Eisenbahnunfällen, Berufsunfällen, Feuersbrünsten und anderen

schweren Gemütserschütterungen entwickeln sich nicht selten sofort oder

öfter allmählich, nach einer Zeit der Inkubation, wie CHARCOT

hervorgehoben hat, im Laufe von Wochen und Monaten Zustände von

=trauriger Verstimmung=, die sich besonders durch Unfähigkeit zu

ernstlicher Arbeit, abnorme Ermüdbarkeit und durch die Beschränkung der

Gedanken auf den Kreis des erlittenen Unfalles kennzeichnen.

Man war zunächst geneigt, die Krankheit auf schleichende organische

Veränderungen im Gehirn zurückzuführen, die als Folgen der erlittenen

Verletzungen oder Erschütterungen des Kopfes, vielleicht auf dem Umwege

über Erkrankungen der kleineren Blutgefäße des Gehirns, entstehen

sollten. Namentlich CHARCOT und seine Schüler hielten dem entgegen, daß

dieselben Krankheiterscheinungen häufig eintreten, wenn die Kranken

z. B. bei dem Eisenbahnunfalle gar keine körperliche Verletzung oder

Erschütterung erlitten haben und mit dem Schrecken davongekommen sind.

Das trifft insbesondere für die zahlreichen Fälle zu, wo nur ein Schreck

eingewirkt hat, so bei Feuersnot, bei einem im letzten Augenblick

vermiedenen Eisenbahn- oder Wagenunfall usw. Gegenwärtig wird wohl

allgemein die =psychische Erschütterung= als wesentliche Ursache der

Krankheit angenommen. Insofern steht die Krankheit der Hysterie nahe und

ist auch von vielen Autoren als traumatische Hysterie angesprochen

worden. Indessen bestehen doch so große Unterschiede, zumal in dem

ganzen Wesen der Kranken, in dem Fehlen der Zustände von Schlafwandeln,

der Dämmerzustände und Delirien usw., daß die Trennung gerechtfertigt

erscheint.

Der ursächliche Unfall führt zuweilen zum Bilde einer Gehirn- oder

Rückenmarkerschütterung: Bewußtlosigkeit, Rückenschmerzen, Paresen und

Parästhesien oder Anästhesien in den Gliedern, die sich allmählich

verlieren oder teilweise bestehen bleiben. In den meisten Fällen fehlen

die sofortigen Folgen. Erst allmählich macht sich eine Wandlung der

Stimmung geltend, die vorher gesunden und frischen Menschen erscheinen

trübe gestimmt, mißgelaunt, verdrießlich, zuweilen auffallend reizbar,

ihre Gedanken beschäftigen sich beständig mit ihrem Befinden und mit dem

erlittenen Unfall und seinen Folgen für das körperliche und geistige

Wohl. Sie klagen über Schwäche, Unfähigkeit zur Arbeit,

Schwindelgefühle, Angstgefühle, Überempfindlichkeit der Sinne, Schmerzen

an der Stelle der Verletzung, Steifheit der Wirbelsäule, besonders der

Kreuzgegend, Herzklopfen, Gedächtnisschwäche, Blutandrang zum Kopf,

Schweißausbruch bei jeder Anstrengung usw. Objektiv findet man häufig

Tic convulsif, Zittern, Puls- und Atemstörungen, namentlich

Pulsbeschleunigung bei Druck auf eine Schmerzstelle, Pupillendifferenz

oder Pupillenerweiterung, manchmal auch Verengerung, Steigerung der

Sehnenreflexe, umschriebene Rötung oder Kyanose der Haut, das

Stehenbleiben roter Wälle nach Streichen über die Haut (Urticaria

factitia), Stottern, Gehstörungen verschiedener Art, konzentrische

Gesichtsfeldeinengung, Hautanästhesien usw. Alle diese Erscheinungen

treten oft besonders stark hervor, wenn man mit den Kranken über den

Unfall und seine Folgen spricht, oder wenn sie zu einer Arbeit veranlaßt

werden, die sie ermüdet. Auch gegen Alkohol pflegt eine deutliche

Intoleranz zu bestehen. Eine ungünstige Wirkung auf die Erscheinungen

hat erklärlicherweise der durch die moderne Unfallversicherung

hervorgerufene Kampf der Geschädigten um eine Rente. Der Kranke, der

sich darum bewirbt, wird oft genug von vornherein als Simulant und

Schwindler betrachtet und demgemäß behandelt. Eine gewisse Verführung

zur Übertreibung liegt natürlich in dem Wunsch, eine möglichst große

Entschädigung zu erhalten. Man sieht aber dieselben scheinbar

übertriebenen Klagen in Fällen, wo gar keine Entschädigung in Frage

kommt und wo das Leben als Kranker entschieden eine Entsagung bedeutet.

Jedenfalls sieht man sehr oft, daß da, wo ein unerfahrener, in

Nervenkrankheiten und Psychiatrie fremder Beobachter Simulation

angenommen hatte, der erfahrene Fachmann eine ernste Krankheit

nachweist. Und es ist selbstverständlich, daß dem Kranken die

Aufregungen eines Prozesses nachteilig sind. Dahin wirkt außer der

Unsicherheit des Ausganges bei der unbemittelten Bevölkerung auch der

gefürchtete und tatsächlich nicht immer angenehme Verkehr mit den

Behörden und Beamten. Der Arzt sollte sich jedenfalls immer erinnern,

daß er der Helfer des Kranken sein soll, solange nicht der sichere

Beweis der Täuschung vorliegt.

Für die =Diagnose= ist es besonders wichtig, festzustellen, ob die

Krankheit tatsächlich von dem Unfall herrührt. Oft genug ist das

gar nicht der Fall, sondern es werden chronische Erkrankungen, die vor

dem Unfall nicht beachtet oder nicht erkannt wurden, bei

fortschreitendem Verlaufe dem Unfall zugeschrieben. Unter Umständen wird

auch ihr Verlauf durch den Unfall beschleunigt, so bei der Dementia

paralytica. Zuweilen macht es große Schwierigkeit, zu entscheiden, ob

es sich um eine einfache Neurose oder Neuropsychose handelt, oder ob

durch den Unfall eine fortschreitende arteriosklerotische Hirnerkrankung

hervorgerufen ist. Deutliche Veränderungen an den zugänglichen Arterien,

erheblichere Veränderung der Sprache, aphasische Zustände von oft nur

flüchtiger Dauer, nachweisbare Gedächtnisschwäche sind in dieser

Richtung ungünstige Zeichen.

=Behandlung.= Die traumatischen Depressionszustände erfordern, von ganz

leichten Fällen abgesehen, Behandlung in Nervenheilanstalten. Entgegen

der früheren Annahme, daß die Kranken sich gegenseitig zur Simulation

erziehen würden, hat die Erfahrung gezeigt, daß diese ungünstige

Möglichkeit jedenfalls sehr weit überwogen wird durch die bekannten

Vorteile einer gemeinsamen Behandlung Nervenkranker und vor allem durch

die nur in Anstalten mögliche systematische Behandlung durch erprobte

Nervenärzte. Sogar die Einrichtung eigener Anstalten für Unfallkranke

hat sich zweckmäßig erwiesen, vorausgesetzt, daß der Leiter der Anstalt

geeignet war. Abgesehen von den organischen Erkrankungen, wozu die

genannten arteriosklerotischen Veränderungen gehören, ist die Prognose

tatsächlich am meisten von der Behandlung abhängig. Ruhe, gute

Ernährung, milde Wasserbehandlung, tröstender und beruhigender,

aufrichtender Zuspruch des Arztes, allmähliche Hebung der

Widerstandskraft und der Leistungsfähigkeit durch fortschreitende Übung

und durch Erhöhung des Selbstvertrauens sind die wichtigsten Punkte.

Vielfach wird zu großer Wert auf die Übung, auf die Erziehung zur Arbeit

gelegt und damit schon zu einer Zeit begonnen, wo der Kranke noch vor

allem Ruhe nötig hat. Damit schadet man natürlich nur. Alle Erfahrung

zeigt, daß die genügend ausgeruhten, von ihrer Depression geheilten

Kranken ohne Schwierigkeit wieder zur Arbeit kommen, während die zu früh

dazu getriebenen trotz aller Übung in nicht langer Zeit wieder die

Arbeit einstellen. In den schwereren Fällen wird man mit Vorteil von der

Behandlung der Depressionszustände Gebrauch machen, die im folgenden

Abschnitt geschildert ist.

Kompendium der Psychiatrie für Studierende und Ärzte · 第 36 / 133 题