1. Thyreogene Psychosen.

Aus Erfahrungen an operierten Menschen und aus Tierexperimenten ist

bekannt, daß die =Schilddrüse= für den Stoffwechsel im Körper sehr

wichtig ist. Wird sie ausgeschaltet, so treten erhebliche geistige und

körperliche Veränderungen ein. Es ist noch streitig, ob der Wegfall des

Schilddrüsensaftes an sich die Störung des Stoffwechsels bewirkt, oder

ob ein normalerweise durch den Saft neutralisiertes Gift bei seinem

Fehlen in Wirkung tritt, oder ob beide Umstände zusammenwirken.

Fehlt die Schilddrüsentätigkeit =von Geburt= an oder doch schon in

den =ersten Lebensjahren=, so bleiben Körper und Geist auf einer

frühen Stufe der Entwicklung stehen: =Infantilismus=. Der Körper

nimmt die bekannte Zwergengestalt an, der Geist bleibt kindlich, in

schweren Fällen durchaus idiotisch, ohne psychische Unterschiede von

der gewöhnlichen =Idiotie= (vgl. den betr. Abschnitt). Ist die

Schilddrüsenwirkung nicht ganz aufgehoben, sondern nur vermindert,

so tritt nur eine körperliche Minderentwicklung und eine geistige

Minderwertigkeit ein, die am meisten den schlaffen, apathischen

Grenzzuständen entspricht. In diesen Fällen kann von selbst oder

durch Schilddrüsenbehandlung eine wesentliche Besserung eintreten.

Bei den schweren Fällen, dem sogenannten =Kretinismus=, werden in

späteren Jahren fast nur die körperlichen Zeichen durch die

Schilddrüsenbehandlung gebessert. Ob damit in den ersten Jahren mehr

zu erreichen wäre, ist noch nicht bekannt, da diese Kranken meist

nicht in ärztlicher Behandlung stehen, sondern zu Hause oder in

nichtärztlich geleiteten Idiotenanstalten bewahrt werden.

Verlieren =Erwachsene= die Schilddrüse durch Erkrankung des Organs oder

durch Kropfoperation, so tritt die eigentümliche, =Myxödem= genannte

Verdickung der Weichteile, namentlich des Gesichtes, weiterhin auch des

Halses und der Glieder auf, meist unter fortschreitender geistiger und

körperlicher Schwäche. Gewöhnlich werden das Gesicht bleich, die Zunge

dick und blau, die Sprache langsam und schwerfällig, die Stimme tief,

die Haut trocken und abschilfernd, die Nägel rissig. Auch Haarschwund,

Amenorrhoe, Zahnausfall kommen oft vor. Auf geistigem Gebiete finden

sich Kopfschmerzen, Schwindelgefühl, Unfähigkeit, zuweilen Ohnmacht- und

Krampfanfälle. Alle geistigen Fähigkeiten gehen allmählich zurück,

Auffassung, Gedächtnis und Urteilsvermögen lassen erheblich nach,

namentlich sind alle Tätigkeiten sehr verlangsamt. Auf dem Gebiete des

Gemütslebens tritt eine immer größere Stumpfheit ein. Manchmal kommen

zwischendurch melancholische Anwandlungen, Angstzustände und

Sinnestäuschungen vor. Nur selten tritt bei dem spontanen Myxödem von

selbst eine Besserung ein, oder z. B. beim Weibe während der

Schwangerschaft. Dagegen ist beim spontanen Myxödem wie bei dem durch

Entfernung der Schilddrüse entstandenen mit großer Sicherheit durch

Verabreichung von =Schilddrüsensubstanz= die Heilung zu erzielen,

vielleicht mit Ausnahme sehr alter Fälle. Man gibt am besten täglich

5-10 g rohe Hammelschilddrüse (auf Butterbrot) oder Thyreoidintabletten,

die 0,3 der Drüsensubstanz entsprechen, oder Thyraden-Knoll in

Tabletten, tgl. 5 bis 10 Stück. Wenn als Zeichen der Vergiftung Zittern,

Appetitlosigkeit, Herzklopfen eintreten, muß man die Dosis vermindern.

Nach erzieltem Erfolge gibt man kleinere Dosen dauernd oder zeitweise

weiter. Die Vergiftungserscheinungen beruhen manchmal auf verdorbenen

Präparaten; andere Male kann man sie durch kleine gleichzeitige

Arsenikgaben ausgleichen.

Kompendium der Psychiatrie für Studierende und Ärzte · 第 33 / 133 题