2. Der Morphinismus.

Die Morphiumsucht hängt noch deutlicher als die Trunksucht mit der

abnormen Geistesveranlagung des Einzelnen zusammen. Nur bei Belasteten

erzeugt die Morphiumeinspritzung das Wohlbefinden und die Steigerung der

Leistungsfähigkeit, wodurch manche schon mit dem ersten Versuch dem

Zaubermittel gänzlich verfallen. Zuweilen ist nur die Neugierde, öfter

die Verführung, am häufigsten die ärztliche Verordnung gegen körperliche

Leiden der Anlaß zum Gebrauch. Nach einigen Monaten schon machen sich

die üblen Einwirkungen des Mittels auf das Gehirn und das Nervensystem

geltend. Der Vorstellungsablauf wird verlangsamt, das Gedächtnis nimmt

ab, die ethischen Gefühle schwinden so sehr, daß die Kranken vor Lüge

und Betrug nicht zurückschrecken, wo es sich um Verdeckung ihrer

Leidenschaft oder um die Erlangung des Mittels handelt. Nicht selten

entwickeln sich im Anschluß daran Verfolgungsideen. z. B. die

Vorstellung der Überwachung des Briefverkehrs und der Morphiumbezüge,

oder krankhafte Selbstüberschätzung; ausgesprochene Geisteskrankheiten

sind weit seltener. Neben diesen geistigen Erscheinungen findet man auf

körperlichem Gebiet häufig Blasen- und Darmstörungen, leichte Ataxie der

Beine, psychische oder körperliche Impotenz, Amenorrhoe,

Appetitlosigkeit, Verdauungstörungen, talgarme, glanzlose Haut mit

Neigung zu Akne und Furunkeln, örtliche oder allgemeine Schweiße,

Locker- und Weichwerden der Zähne, Pupillenverengerung usw.

Neben dem Genuß, der den Morphinisten durch die Einspritzung zuteil

wird, tragen zu dem fortdauernden Gebrauch die =Abstinenzerscheinungen=

beim Aussetzen sehr viel bei. Mit dem Aufhören der Wirkung einer

Morphiumdosis stellen sich Unruhe, zuweilen mit Angst verbunden,

Schlaflosigkeit, Verstimmung und Abgeschlagenheit ein, bei längerer

Gewöhnung an das Mittel erzeugt die plötzliche Entziehung Kollaps oder

akute halluzinatorische Verwirrtheit von höchstens zweitägiger Dauer,

die allmähliche dagegen Delirien und triebartigen, rücksichtslosen Drang

nach Morphium, der bis zu Verbrechen oder Selbstmord führen kann. Bei

Frauen kommen hysterische Krampfanfälle vor, während sich bei Männern

die gesteigerte Reflexerregbarkeit oft in vereinzelten Muskelzuckungen

oder in allgemeinem Zusammenzucken äußert. Daneben bestehen Tremor,

Störungen der Akkommodation, Pupillendifferenz, Strabismus, Wadenkrampf,

Neuralgien, Parästhesien der verschiedenen Sinne, krampfhaftes Niesen,

Gähnen, Würgen oder Erbrechen, Durchfall, geschlechtliche Erregung. Nach

vollendeter Entziehung bleibt fast immer ein neurasthenischer Zustand

zurück, der sich namentlich bei vorzeitiger Rückkehr in den Beruf zu

hohen Graden steigert und die Gefahr des Rückfalls sehr nahe legt. Wie

weit die geistige Schwäche noch zu bessern ist, hängt von ihrem Grade

und von der Dauer des Mißbrauchs ab.

Die =Behandlung= kann nur in einer eigens dazu eingerichteten Anstalt

vorgenommen werden. Man entzieht das Morphium am besten so schnell, wie

es ohne Gefahr geschehen kann, je nach der Höhe der gewohnten Menge in

6-12 Tagen[4], wobei man von vornherein auf die Hälfte hinabgeht. Der

Kollaps wird durch eine reichliche Morphiumeinspritzung am

sichersten bekämpft, ebenso schwerere Delirien, die übrigen

Entziehungserscheinungen werden nach den allgemeinen Regeln behandelt,

soweit nicht ihre kurze Dauer ein Abwarten zuläßt. Der Ersatz des

Morphiums durch Kokain (s. u.) ist gefährlich, am besten wohl der durch

Kodein. Später bedarf die zurückbleibende Neurasthenie und ein etwaiges

Grundleiden dringend der Behandlung, damit Rückfälle vermieden werden.

Leider ist in dieser Beziehung die Vorhersage recht ungünstig. Um so

wichtiger ist die Verhütung der ersten Gewöhnung. Die Ärzte müssen die

Morphiumeinspritzungen auf die Fälle wirklicher Notwendigkeit

beschränken, zumal bei chronischen Leiden, außer wenn diese unheilbar

sind, und dürfen nie die Spritze und die Lösung dem Kranken anvertrauen.

Kompendium der Psychiatrie für Studierende und Ärzte · 第 31 / 133 题