Die Morphiumsucht hängt noch deutlicher als die Trunksucht mit der
abnormen Geistesveranlagung des Einzelnen zusammen. Nur bei Belasteten
erzeugt die Morphiumeinspritzung das Wohlbefinden und die Steigerung der
Leistungsfähigkeit, wodurch manche schon mit dem ersten Versuch dem
Zaubermittel gänzlich verfallen. Zuweilen ist nur die Neugierde, öfter
die Verführung, am häufigsten die ärztliche Verordnung gegen körperliche
Leiden der Anlaß zum Gebrauch. Nach einigen Monaten schon machen sich
die üblen Einwirkungen des Mittels auf das Gehirn und das Nervensystem
geltend. Der Vorstellungsablauf wird verlangsamt, das Gedächtnis nimmt
ab, die ethischen Gefühle schwinden so sehr, daß die Kranken vor Lüge
und Betrug nicht zurückschrecken, wo es sich um Verdeckung ihrer
Leidenschaft oder um die Erlangung des Mittels handelt. Nicht selten
entwickeln sich im Anschluß daran Verfolgungsideen. z. B. die
Vorstellung der Überwachung des Briefverkehrs und der Morphiumbezüge,
oder krankhafte Selbstüberschätzung; ausgesprochene Geisteskrankheiten
sind weit seltener. Neben diesen geistigen Erscheinungen findet man auf
körperlichem Gebiet häufig Blasen- und Darmstörungen, leichte Ataxie der
Beine, psychische oder körperliche Impotenz, Amenorrhoe,
Appetitlosigkeit, Verdauungstörungen, talgarme, glanzlose Haut mit
Neigung zu Akne und Furunkeln, örtliche oder allgemeine Schweiße,
Locker- und Weichwerden der Zähne, Pupillenverengerung usw.
Neben dem Genuß, der den Morphinisten durch die Einspritzung zuteil
wird, tragen zu dem fortdauernden Gebrauch die =Abstinenzerscheinungen=
beim Aussetzen sehr viel bei. Mit dem Aufhören der Wirkung einer
Morphiumdosis stellen sich Unruhe, zuweilen mit Angst verbunden,
Schlaflosigkeit, Verstimmung und Abgeschlagenheit ein, bei längerer
Gewöhnung an das Mittel erzeugt die plötzliche Entziehung Kollaps oder
akute halluzinatorische Verwirrtheit von höchstens zweitägiger Dauer,
die allmähliche dagegen Delirien und triebartigen, rücksichtslosen Drang
nach Morphium, der bis zu Verbrechen oder Selbstmord führen kann. Bei
Frauen kommen hysterische Krampfanfälle vor, während sich bei Männern
die gesteigerte Reflexerregbarkeit oft in vereinzelten Muskelzuckungen
oder in allgemeinem Zusammenzucken äußert. Daneben bestehen Tremor,
Störungen der Akkommodation, Pupillendifferenz, Strabismus, Wadenkrampf,
Neuralgien, Parästhesien der verschiedenen Sinne, krampfhaftes Niesen,
Gähnen, Würgen oder Erbrechen, Durchfall, geschlechtliche Erregung. Nach
vollendeter Entziehung bleibt fast immer ein neurasthenischer Zustand
zurück, der sich namentlich bei vorzeitiger Rückkehr in den Beruf zu
hohen Graden steigert und die Gefahr des Rückfalls sehr nahe legt. Wie
weit die geistige Schwäche noch zu bessern ist, hängt von ihrem Grade
und von der Dauer des Mißbrauchs ab.
Die =Behandlung= kann nur in einer eigens dazu eingerichteten Anstalt
vorgenommen werden. Man entzieht das Morphium am besten so schnell, wie
es ohne Gefahr geschehen kann, je nach der Höhe der gewohnten Menge in
6-12 Tagen[4], wobei man von vornherein auf die Hälfte hinabgeht. Der
Kollaps wird durch eine reichliche Morphiumeinspritzung am
sichersten bekämpft, ebenso schwerere Delirien, die übrigen
Entziehungserscheinungen werden nach den allgemeinen Regeln behandelt,
soweit nicht ihre kurze Dauer ein Abwarten zuläßt. Der Ersatz des
Morphiums durch Kokain (s. u.) ist gefährlich, am besten wohl der durch
Kodein. Später bedarf die zurückbleibende Neurasthenie und ein etwaiges
Grundleiden dringend der Behandlung, damit Rückfälle vermieden werden.
Leider ist in dieser Beziehung die Vorhersage recht ungünstig. Um so
wichtiger ist die Verhütung der ersten Gewöhnung. Die Ärzte müssen die
Morphiumeinspritzungen auf die Fälle wirklicher Notwendigkeit
beschränken, zumal bei chronischen Leiden, außer wenn diese unheilbar
sind, und dürfen nie die Spritze und die Lösung dem Kranken anvertrauen.