Der Eifersuchtswahn der Alkoholisten

ist die dritte wichtige Psychose auf dem Boden des chronischen

Alkoholismus. Es ist schon angedeutet worden, daß die Urteilschwäche des

chronischen Alkoholisten zu Wahnbildung führen kann. Besonders oft ist

dies der Fall in der Richtung des Eifersuchtswahnes. Es liegt in der

Natur der Sache, daß der aus fröhlicher Kneipgesellschaft heimkehrende

Trinker von seiner Frau nicht immer zärtlich empfangen und zumal in

seinen durch den Rausch hervorgerufenen sexuellen Gelüsten oft nicht

befriedigt wird; dazu kommt noch die dem Rausch folgende Abspannung und

Depression und schließlich oft die mit den psychischen Begierden nicht

übereinstimmende körperliche Impotenz. Aus alledem ergibt sich ohne

weiteres ein Mißtrauen gegen die Frau. In der Kritiklosigkeit dienen

harmlose Zufälligkeiten zur Unterstützung der Eifersuchtsidee: ein aus

dem Hause kommender Mann, der dem heimkehrenden Trinker begegnet, wird

als der Nebenbuhler betrachtet; Flecken auf der Bettwäsche werden als

Samenflecke angesprochen; die Kinder sehen einem anderen Manne ähnlich

u. dgl. m. Wird die Frau bei Streitigkeiten mit dem Manne von anderen

unterstützt oder verteidigt, so gibt auch dies einen verdächtigen, dem

Trinker genügenden Hinweis. Zuweilen tun auch wirkliche Illusionen oder

Halluzinationen ein übriges. Da die sonstige Verstandestätigkeit völlig

normal bleiben kann, mindestens für den Laien und für oberflächliche

Untersuchung, und der Alkoholist regelmäßig mit dem Anschein der

Biederkeit und Offenheit sein scheinbares Recht zu verteidigen weiß, da

andererseits ein Grund zu solchen Eifersuchtsideen immer sehr schwer

auszuschließen ist, wird der krankhafte Zustand =gewöhnlich= von der

Umgebung und von der Behörde, wo die bedrohte Frau gelegentlich Schutz

sucht, verkannt, bis es endlich zu schweren Gewalttaten kommt: Revolver-

und andere Mordangriffe auf die Frau oder auf den vermeintlichen

Liebhaber sind keine Seltenheit. Die große Gefährlichkeit dieser

Kranken verlangt daher besonders bei den Polizei- und Gerichtsärzten

nachdrücklichste Würdigung. -- Bei längerer Entziehung des Alkohols

pflegen sich die Eifersuchtsideen zurückzubilden, eine Weiterentwicklung

zur Paranoia mit Ausdehnung auf andere Wahngebiete bleibt aus. Dagegen

wird nur selten völlige Krankheitseinsicht erreicht.

Die alkoholische Pseudoparalyse.

Abgesehen von der echten Dementia paralytica, die natürlich auch den

Alkoholisten befallen kann, kommt es ausnahmsweise unter dem Einfluß des

chronischen Alkoholismus zu akuten Geistesstörungen, die durch

ausgesprochene Euphorie mit Größenwahn, Zittern, erschwerte Sprache,

Ataxie, epileptiforme Anfälle und manchmal durch die bei der

polyneuritischen Psychose beschriebenen Eigentümlichkeiten sehr an

Dementia paralytica erinnern, aber nicht zu fortschreitender Verblödung,

sondern nur zu einfachem Schwachsinn führen, während der Größenwahn und

die motorischen Erscheinungen verschwinden.

Ätiologie der Alkoholpsychosen.

Wodurch es im einzelnen Falle zu diesen verschiedenen Erkrankungen

kommt, ist unklar; das wesentliche wird in der Disposition des Gehirns

liegen. Das Delirium tremens beruht nach Ansicht mehrerer Autoren auf

einer Selbstvergiftung des Körpers mit Stoffwechselgiften, die infolge

der Organschädigungen durch den Alkoholmißbrauch entstehen. Dafür

spricht unter anderem, daß das Delirium sowohl bei Entziehung, wie bei

Fortgebrauch des Alkohols entstehen und auch heilen kann, so daß es

jedenfalls nicht als direkte Vergiftung durch Alkohol aufgefaßt werden

kann. Bezüglich der oft als auslösend betrachteten Verletzungen ist zu

beachten, daß nach den neueren genauen Feststellungen ein großer Teil

dieser Verletzungen schon dem Beginn des Deliriums angehört, also nicht

seine Ursache, sondern seine Folge darstellt.

Behandlung des Alkoholismus.

Der Schwerpunkt des Kampfes gegen die Alkoholpsychosen liegt =in der

Bekämpfung der Trinkgewohnheiten=, die gegenwärtig in Deutschland fast

drei Milliarden Mark jährlich verschlingen und ungezählte weitere

Aufwendungen verlangen, da sowohl das =Irresein= wie das =Verbrechen= zu

einem erheblichen Prozentsatz dem Trunk zur Last gelegt werden muß.

Ebensosehr wie der Trinker selbst ist seine Nachkommenschaft in diesen

beiden Richtungen disponiert. Jeder gewissenhafte Arzt hat daher die

Pflicht, an der öffentlichen Belehrung über die Gefahren des Alkohols

teilzunehmen, insbesondere auch immer wieder darauf hinzuweisen, daß im

Kindesalter überhaupt jeder Tropfen eines alkoholischen Getränkes

verboten ist, und daß auch weiterhin nicht die absolute Menge des

Getränkes die Gefahr bringt, sondern bei Disponierten schon die

geringste Menge. Wie oft dies Gebot noch übertreten wird, sogar bei der

Behandlung von Kranken, auch von Nervösen, ist gar nicht zu sagen. Die

soziale Fürsorge, die im Geiste unserer Zeit liegt, wird auch in dieser

Richtung vieles bessern können, wenn immer für eindringliche Belehrung

gesorgt wird.

Für den Trinker selbst gibt es =nur eine Rettung=: die =völlige

Enthaltsamkeit=. Es ist eine Frage des einzelnen Falles, ob der

Alkoholist noch Willenskraft genug hat, um sich ihr zu ergeben, oder ob

er durch längere Anstaltsbehandlung dazu erzogen werden muß. Immer kann

nur dann ein Erfolg erreicht werden, wenn die Abstinenz wirklich

durchgeführt wird; der Vorsatz der Mäßigkeit ist zwecklos, denn es

kennzeichnet ja gerade den Trinker, daß er vermöge seiner Intoleranz

nicht aufhören kann, sobald er nur den kleinsten Anfang gemacht hat. Der

Anschluß an die aller Orten entstehenden Temperenzvereine, den

Alkoholgegnerbund, den Verein vom blauen Kreuz, den Guttemplerorden oder

an die Vereine abstinenter Ärzte und abstinenter Lehrer kann das

Verbleiben bei dem gewonnenen Entschluß sehr erleichtern.

In allen Alkoholkrankheiten =kann= und =muß= sofort der =Alkohol völlig=

entzogen werden. Auch die Annahme eines möglichen Abstinenzdeliriums

darf davon nicht abhalten, denn die Abstinenzdelirien verlaufen auf alle

Fälle milder als die eigentlichen Delirien, wovor doch kein Alkoholist

geschützt ist, wenn man ihm bei einer Pneumonie usw. Alkohol weitergibt.

Einen viel besseren Schutz gewährt jedenfalls die sorgfältige Pflege

durch reichliche Ernährung mit Milch und durch Fürsorge für den Schlaf,

der durch die Entziehung meist ausfällt. Reichliche Gaben von

Paraldehyd, Dormiol oder Trional tun das Nötige, namentlich wenn man

langdauernde warme Bäder (vgl. S. 57) hinzufügt. Auch Opium subkutan,

0,05 Extr. Opii aquos. alle Stunden bis zum Eintritt des Schlafes, ist

zu empfehlen, man muß aber dann in den nächsten Tagen allmählich

kleinere Gaben weitergeben, um die nach der Opiumentziehung auftretende

Unruhe zu vermeiden. Sehr wichtig ist eine rechtzeitige Behandlung der

Herzschwäche: Bettruhe, heiße Umschläge auf die Herzgegend, kalte

Übergießungen im warmen Bade, Coffeinum natriobenzoicum oder Oleum

camphoratum subkutan in reichlichen Dosen, bei ungenügender Diurese

Diuretin oder Agurin. -- Gegen die Unruhe ist das Dauerbad das beste

Mittel, auch der beste Schutz gegen Verletzungen; natürlich ist eine

beständige Überwachung der Kranken unentbehrlich.

Kompendium der Psychiatrie für Studierende und Ärzte · 第 30 / 133 题