Die =akute Alkoholvergiftung=, der =Rausch=, wird, wie bekannt, wegen
der damit verbundenen Euphorie von unzähligen Menschen willkürlich
herbeigeführt. Bei den leichtesten Graden spricht man von einer Anregung
und glaubt in der Tat einer höheren Leistung fähig zu werden. Die
Experimentaluntersuchungen haben gezeigt, daß das eine Täuschung ist. In
Wirklichkeit besteht nur das subjektive Gefühl einer größeren
Leistungsfähigkeit, eben auf Grund jener Euphorie, und so kann wohl bei
befangenen oder abgespannten Menschen durch mäßigen Alkoholgenuß eine
freiere Aussprache herbeigeführt werden. Überhaupt wird die Auslösung
von Willensantrieben erleichtert. Dagegen ist auch nach kleinen
Alkoholgaben schon die Auffassung erschwert und die Verarbeitung der
Eindrücke gehemmt (KRAEPELIN). Die wirklichen geistigen Leistungen sind
herabgesetzt, die Vorstellungen verbinden sich mehr als im nüchternen
Zustande nach Gleichklang und zufälligen Beziehungen; die witzigen und
»geistvollen« Einfälle einer heiteren Zechgesellschaft erscheinen dem
nüchternen Zuhörer meist schal und oberflächlich. Die freie geistige
Arbeit läßt also schon von vornherein eine Lähmung erkennen. Bei
schwererer Vergiftung werden auch die psychomotorischen Zentren
allmählich gelähmt. Vor allem aber treten die ethischen Einwirkungen in
den Hintergrund, denen die Äußerungen und Handlungen des Nüchternen
unterworfen sind. Auf diese Weise kann schon ein gewöhnlicher Rausch,
der keine krankhaften Zeichen bietet, zu Handlungen führen, die bei
gesunder Überlegung nicht ausgeführt worden wären. Von dem scherzhaften
Unfug, der namentlich den Studenten oft noch als berechtigter
Ausfluß der Jugendstimmung angerechnet wird, bis zu wirklichen
Gesetzübertretungen zieht sich davon eine ununterbrochene Reihe.
Brandstiftungen, Körperverletzungen, geschlechtliche Akte und
fahrlässige Schädigungen allerart gehören hierher. Die persönliche
Eigenart des Berauschten und seine Selbstbeherrschung, vielfach die bei
den Trinksitten erworbene »Direktion«, haben großen Einfluß auf die
Äußerungen, bei übergroßen Gaben verdrängt aber schließlich die
eintretende Bewußtlosigkeit alle Willensregungen.
[Illustration: Fig. 3. Alkoholismus. (Nach WEYGANDT.)]
Bei =fortgesetztem Alkoholmißbrauch= treten allmählich sowohl Wandlungen
in dem gewöhnlichen Verhalten des Trinkenden wie Veränderungen in der
Art des Rausches auf. Zu den Eigentümlichkeiten des =chronischen
Alkoholismus= gehört vor allem eine bleibende und zunehmende =ethische
Entartung= und =Willensschwäche=. Die feinen Gefühle, die den Charakter
ausmachen, gehen mehr und mehr verloren. Die Gewissenhaftigkeit im
Beruf, in der Fürsorge für die Familie, für das Äußere, die Rücksicht
auf Recht und Behagen der Umgebung läßt nach, die Empfindung für das
Beschämende des Rausches und seiner Folgen geht verloren, und damit ist
auch der sichere Halt gegen die Verlockungen des berauschenden Mittels
dahingegangen. Die mangelhafte Erinnerung, die der Trinker für Worte und
Handlungen aus der Zeit des Rausches bewahrt, und die sittliche
Gleichgültigkeit, die dem Zustande des Katzenjammers eigen ist, gewinnen
mehr und mehr Einfluß auf sein Selbsturteil. Der chronische Alkoholist
findet bald nichts mehr in allen den Vorfällen, die ihn seinen
Standesgenossen und seiner Umgebung gegenüber herabsetzen, er ist vor
sich selbst immer entschuldigt. Wenn er den Vorsatz, nichts mehr zu
trinken, wieder einmal außer acht gelassen hat, weiß er immer einen
genügenden Grund dafür anzugeben; bald hat man ihn eingeladen oder
verführt, bald war er es seinem Geschäfte schuldig, bald war ihm schwach
und elend, oder er mußte irgend welche Schmerzen oder Sorgen dadurch
vertreiben. Kein Alkoholist gibt zu, daß er viel trinke: immer hat er
die Ausrede, daß andere noch mehr trinken, daß er gar nicht wirklich
betrunken gewesen sei usw. Bald überträgt sich die Schwäche auch auf die
intellektuellen Funktionen. Zumal die geistige Ausdauer geht zurück. Die
=Merkfähigkeit=, das Gedächtnis für neue Eindrücke, wird geschwächt, die
Eindrücke werden ungenau oder lückenhaft aufbewahrt. Das =Urteil= über
die Beziehungen zu der Umgebung wird verfälscht; benimmt sich der
Trinker, der in den ersten Stadien des Rausches vergnügt und heiter war,
nach seiner Heimkehr unfreundlich oder roh gegen die Seinigen, weil
inzwischen die nachfolgende Depression eingetreten ist, so schiebt er
die Schuld auf seine Umgebung, die seiner Stimmung nicht genügend
entgegengekommen sei; die Frau, die ihn vor dem Trinken warnt, gönnt
ihm vermeintlich den Genuß nicht, und so kommt es schließlich zu einer
ganz falschen Auffassung seiner Beziehungen, nicht selten zu wirklichem
=Beeinträchtigungswahn=. Im Rausch und im Katzenjammer tritt immer
größere =Reizbarkeit= hervor, die zu Streitigkeiten und Zusammenstößen
führt; kommt es, wie gewöhnlich, durch die fortgesetzte Alkoholwirkung
zu neurasthenischen Zuständen, so gesellen sich =Unruhe=,
=Angstandeutungen= und =unangenehme Empfindungen= im Körper hinzu, die
ihrerseits wieder zum Trinken antreiben. Die zahlreichen Schädigungen
des Körpers durch den übermäßigen Alkoholgenuß, die aus der inneren
Medizin bekannt sind, steigern ebenfalls die Widerstandslosigkeit, die
den Alkoholisten auszeichnet.
[Illustration: Fig. 4. Chronische Alkoholhalluzinose. Humoristischer
Ausdruck. (Nach WEYGANDT.)]
Neben diesen allgemeinen psychischen Veränderungen entwickelt sich bei
vielen Menschen, die regelmäßig Alkohol zu sich nehmen, früher oder
später eine =pathologische Alkoholreaktion= (VON KRAFFT-EBING). Sie wird
durchaus nicht immer durch das Übermaß des genossenen Alkohols bedingt,
vielmehr gibt es zahlreiche Menschen, die schon nach geringen
Alkoholgaben solche Erscheinungen bekommen. Dazu gehören insbesondere
viele erblich nervös Belastete, ferner fast alle Epileptischen, ferner
Menschen, die Kopfverletzungen erlitten oder schwere Gemütsbewegungen
oder erschöpfende Krankheiten durchgemacht haben. Man spricht in solchen
Fällen von =Alkoholintoleranz=. Sie äußert sich entweder dadurch, daß
schon geringe Alkoholmengen einen Rausch hervorrufen, besonders aber
dadurch, daß der Rausch besondere Eigenschaften annimmt:
=pathologischer= oder =komplizierter Rausch=. Er äußert sich durch
Blutandrang zum Kopf, Aufregung, Streitsucht, Zerstörungstrieb,
Angstzustände, schwerere Störungen des Bewußtseins und gelegentlich
auch durch Sinnestäuschungen. Alle diese Erscheinungen können sehr früh
auftreten, auch ohne daß es zu den gewöhnlichen Zeichen der
Berauschtheit gekommen wäre, oder sie treten im Verlauf des Rausches
oder im nachträglichen Schlaf auf Grund irgend einer Störung oder
endlich nach dem Erwachen auf Grund irgend eines Affektes hervor,
Schimpfen, Umsichschlagen und tätliche Angriffe auf die Umgebung sind
die gewöhnlichsten Äußerungen der krankhaften Störung. Zuweilen kommt es
zu epileptiformen oder apoplektiformen Anfällen, beides namentlich dann,
wenn längerer Alkoholmißbrauch vorhergegangen war. Bemerkenswerterweise
fehlen bei dem pathologischen Rausch oft die körperlichen Zeichen der
Trunkenheit, das Taumeln, Lallen usw., so daß die nachträglich
vernommenen Zeugen meist in gutem Glauben aussagen, daß der Betreffende
nicht betrunken gewesen sei. Der Nachweis ist daher in forensischen
Fällen gewöhnlich sehr schwer. Wichtig ist für die Erkennung besonders
die Heftigkeit der motorischen Entladungen, die dabei oft in direktem
Gegensatz zu dem Wesen des Betreffenden in nüchternem Zustande stehen,
der Übergang in tiefen Schlaf nach Ablauf der Erregung, das
Mißverhältnis zwischen der Tat und der sonstigen Gesinnung und Denkweise
des Täters usw. Wenn sich feststellen läßt, daß Angstaffekte oder
schwere Störungen der Orientierung vorgelegen haben, so ist das
natürlich ein voller Beweis für das Krankhafte des Zustandes. Erschwert
wird die Beurteilung, wenn schon vor dem Alkoholgenuß Aufregung und Zorn
bestanden haben, die sich dann im Rausch in derselben Richtung, aber
übermäßig stark, entladen.
Auf der Grundlage des chronischen Alkoholismus entwickeln sich,
abgesehen von der erwähnten ethischen Entartung und der Neigung zu
pathologischen Rauschzuständen, unter Umständen verschiedene
=Geistesstörungen=. Die häufigste und am längsten bekannte ist das
Delirium tremens.
Es handelt sich dabei um eine akute halluzinatorische Verwirrtheit, die
durch die alkoholische Grundlage eine besondere Färbung erhalten hat und
auf körperlichem Gebiet durch Unruhe und Zittern ausgezeichnet ist. Sie
wird gewöhnlich durch eine besondere Gelegenheitsursache ausgelöst.
Nicht oft, wie man früher allgemein annahm, gibt die plötzliche
Entziehung des gewohnten Getränkes den Anstoß zum Ausbruche des
Deliriums; meist ist eine Pneumonie, eine schwerere Verletzung, eine
Operation oder auch eine größere Gemütsbewegung die direkte Ursache. Die
Krankheit beginnt mit Angstgefühl und vereinzelten Halluzinationen,
Schlaflosigkeit, wilden Träumen, Schreckhaftigkeit. Meist stellen sich
schon nach wenigen Stunden zahlreiche lebhafte Sinnestäuschungen ein.
Die Kranken fassen auf, was um sie her vorgeht, vermischen aber damit
die eigenen Vorstellungen und die Halluzinationen, sehen Wagen durch die
im Zimmer anwesenden Personen hindurchfahren, nehmen Bewegungen an
Möbeln oder Bildern wahr, können keinen Gedanken festhalten, bringen
beim Lesen zusammenhangslose Zusätze, sagen auch oft etwas anderes, als
was sie sagen wollten. Sie verkennen regelmäßig den Ort und die
Personen, wozu die immer besonders reichlichen Gesichtstäuschungen
natürlich viel beitragen. Sehr oft leben sie vermeintlich in der
gewohnten Weise weiter, sie glauben in ihrem Beruf tätig zu sein und
nehmen alles vor, was sie sonst den Tag über tun; auch das
Wirtshausleben spielt eine große Rolle in ihrer Geschäftigkeit. Dies
=Beschäftigungsdelirium= ist für den Alkoholismus ziemlich
charakteristisch. Dabei behalten sie das Bewußtsein ihrer eigenen
Persönlichkeit. Die Merkfähigkeit ist sehr herabgesetzt, das Gedächtnis
für die Vergangenheit aber ziemlich ungestört. Wegen der ungenügenden
Aufnahme neuer Eindrücke bringen sie alte und neue Ereignisse stark
durcheinander und erzählen früher Erlebtes oder rein Erdachtes als neue
Erlebnisse, wie das auch bei der polyneuritischen Psychose vorkommt
(vgl. S. 91). Die Gesichtsbilder zeigen fast immer kleine Gegenstände
oder Tiere in lebhafter Bewegung: Ratten, Mäuse, Spinnen, Flocken, aber
auch Hunde, Raubtiere, Pferde, Stöcke usw.; Teufel und Engel erscheinen.
Nicht selten vollziehen sich förmliche Aufführungen vor ihren Augen,
ohne daß sie sich anders wie als ruhige Zuschauer verhielten. Sie sehen
Menschen zum Fenster hereinsteigen, sehen ganze Theater und Schlachten
vor sich aufführen, wobei manchmal ihre Angehörigen mitwirken. Andere
Male fühlen sie sich durch die Erscheinungen lebhaft beängstigt. Sie
fühlen auch Ungeziefer auf der Haut und versuchen es zu fangen oder zu
verscheuchen. Daneben hören sie Sausen, Wasserrauschen, Glockenläuten,
Vogelgezwitscher, unbestimmten Lärm oder Drohungen und Kriegsgetümmel.
Die Sinnestäuschungen lassen sich durch entsprechende Suggestionen
erzeugen, so daß ihre psychische Entstehung sehr deutlich ist, sie
werden aber auch durch peripherische Eindrücke begünstigt, so z. B.
Gesichtsbilder durch Verhängen der Augen oder durch Druck auf den
Augapfel herbeigeführt. Die Stimmung ist erklärlicherweise sehr von der
Art der Sinnestäuschungen abhängig. Oft läßt sie einen eigentümlichen
=Humor= erkennen, der beim chronischen Alkoholismus überhaupt eine
gewisse Rolle spielt (vgl. Fig. 3, 4). Oft steht allerdings die Angst im
Vordergrunde der Erscheinungen. Nicht selten wechseln heitere und
depressive Stimmung unvermittelt ab. Die Vorstellungen wechseln
überhaupt gewöhnlich in rascher Flucht, die Kranken sprechen viel und
schnell, wollen beständig ihre Lage ändern, decken sich immerwährend auf
und zu, wollen zum Bett hinaus, drängen zur Tür oder zum Fenster hinaus
usw. -- Unter den =körperlichen Erscheinungen= ist das Zittern am
auffallendsten, dem die Krankheit das Beiwort tremens verdankt. Es zeigt
sich zuerst an den Fingern, namentlich wenn sie gespreizt werden, und an
der vorgestreckten Zunge, ferner auch an der mimischen Muskulatur,
manchmal auch an Armen, Kopf und Beinen. Das Zittern ist ziemlich
grobschlägig. Die Bewegungen sind ungeschickt, ausfahrend, die Schrift
zeigt ataktische Störungen, der Gang ist oft taumelnd. Die Sprache ist
unsicher, oft besteht Lallen oder Silbenstolpern. Die Sehnenreflexe sind
meist gesteigert, nur ausnahmsweise fehlen die Pupillenreflexe, oft sind
die Pupillen eng. Die Empfindung der Haut und der tieferen Teile kann in
verschiedenster Weise verändert sein. Schwere Verletzungen werden oft
gar nicht wahrgenommen. In den meisten Fällen besteht Fieber, dessen
Grade der Höhe des Deliriums parallel gehen. Zuweilen steigt es zu den
höchsten Graden, wahrscheinlich nur durch pyämische Infektion erlittener
Verletzungen. Auch die Pulszahl ist gesteigert, sie liegt auch bei
Bettruhe meist zwischen 90 und 124, bei mäßiger Muskeltätigkeit zwischen
116 und 136, bei größerer Unruhe steigt sie bis 150 und 160. Bei
Angstdelirien wird der Puls oft klein und hart, sonst ist er gewöhnlich
weich und voll. Auf der Höhe der Krankheit besteht meist eine akute
Herzdilatation, um so stärker, je älter und starrer die Arterien sind.
Die Regelmäßigkeit der Herztätigkeit ist fast immer gestört. In der
Rekonvaleszenz tritt oft Bradykardie ein. Die Nierensekretion ist
herabgesetzt, in den ersten Tagen wird oft nur 200 ccm Harn
entleert, während mit dem Eintritt der Besserung ohne vermehrte
Flüssigkeitaufnahme mehrere Liter entleert werden. Regelmäßig ist Eiweiß
im Harn enthalten, ohne Beziehung zur Schwere des Deliriums; in 40% der
Fälle finden sich reichliche Eiweißmengen, auch wenn die Erkrankung nur
leicht ist; Zylinder finden sich nur, wenn Nephritis gleichzeitig
vorliegt. Das Aderlaßblut zeigt vermehrten Fettgehalt.
Nicht selten treten =epileptiforme Anfälle= auf, die ganz den typischen
Anfällen der echten Epilepsie gleichen können, mit Zungenbiß verlaufen
usw., oft ganz im Anfang der Erkrankung, schon vor dem Hervortreten der
Sinnestäuschungen und des Zitterns.
Gewöhnlich dauert das Delirium tremens 3-5 Tage. Manche Fälle enden in
dieser Zeit tödlich durch Unfall, Selbstmord, Herzschwäche oder durch
Gehirnlähmung im epileptiformen Anfall. Sonst kommt es oft in kritischer
Form, besonders oft durch längeren Schlaf, zur schnellen Heilung.
Fieber, Pulsbeschleunigung. Albuminurie, Unruhe und das grobe Zittern
hören dann sofort auf; die Sinnestäuschungen können noch in mäßigem
Grade fortbestehen, auch das feine Zittern des chronischen Alkoholisten
bleibt bestehen. Die Erinnerung ist verhältnismäßig gut, aber die
Einsicht für das Krankhafte der überstandenen Erscheinungen oft
mangelhaft.
Manchmal verläuft die Krankheit, als =Delirium sine delirio=, mit
Schlaflosigkeit, Angst, Unruhe, Zittern und Albuminurie, ohne daß es zu
Sinnestäuschungen käme. In anderen Fällen zeigen sich schwerere
Benommenheit, mattes Daniederliegen, unklare mussitierende Delirien,
meist mit tödlichem Ausgange.
Zuweilen geht das Delirium tremens in die =polyneuritische
Geistesstörung= über (vgl. S. 90), in wieder anderen Fällen nach
KRAEPELIN in einen unausgebildeten, aber anhaltenden Verfolgungswahn,
der sich durch einen erheblichen Grad von geistiger Schwäche und
Stumpfheit (trotz guten Gedächtnisses) und durch deutliche Schwankungen
zwischen einsichtigeren und aufgeregteren Zeiten wesentlich von der
eigentlichen Paranoia unterscheidet.
Eine zweite Form von Geistesstörung, die auf dem Boden des chronischen
Alkoholismus entstehen kann, ist
Die akute alkoholische Paranoia.
KRAEPELINs halluzinatorischer Wahnsinn der Trinker, WERNICKEs akute
Alkoholhalluzinose. Die Krankheit besteht in einem =zusammenhängenden
Verfolgungswahn=, der sich vorzugsweise unter =Gehörstäuschungen= bei
fast völlig =klarem Bewußtsein= entwickelt.
Gewöhnlich beginnt die Störung plötzlich mit nächtlichen
Gehörstäuschungen. Zunächst kommen unbestimmte Geräusche, dann Musik,
Schießen, Glockenläuten, zuletzt Worte und Gespräche, meist mit
drohendem oder beschimpfendem Inhalt. Der Kranke hört das Gesagte ganz
genau, meist sind es Stimmen von Bekannten, die deutlich als Männer- und
Frauenstimmen unterschieden werden, sonst schreibt er sie anderen
bestimmten Personen zu; er hört genau, woher sie kommen, und zweifelt
nicht an ihrer Natürlichkeit. Oft besprechen und verspotten die Stimmen
das frühere Leben oder die gegenwärtigen Absichten des Kranken, machen
sich über seine Kleidung lustig usw. Vorübergehend kommen auch
Gesichtstäuschungen vor. Auf Grund der Täuschungen entwickelt sich, da
im Gegensatz zu dem Delirium das Bewußtsein und die Orientierung fast
ungetrübt sind, ein ausgeprägter Beziehungswahn: der Kranke hält sich
für den Mittelpunkt aller der Vorgänge, die ihm in den Halluzinationen
bekannt werden. Trotz des dadurch bedingten Verfolgungswahnes behält die
Stimmung gewöhnlich den für den Alkoholisten kennzeichnenden Humor (vgl.
Fig. 4, S. 95) bei, der auch durch die nebenhergehende Angst immer nur
vorübergehend ausgelöscht wird. Die Kranken können daher z. B. Reisen
machen, ohne den Mitreisenden besonders aufzufallen, während sie
freilich diese oft völlig in ihren Wahn hineinziehen, sich von ihnen
beobachtet oder bedroht glauben usw. Der Schlaf ist meist sehr gestört,
es besteht tagsüber Neigung zu Pulsbeschleunigung und zu Schweißen, das
Gewicht geht gewöhnlich herunter.
Nach einigen Tagen oder Wochen kommt es gewöhnlich plötzlich zur
Genesung, oft nach einem Schlafe; es tritt dann völlige
Krankheitseinsicht ein. Seltener vergehen Monate, bevor die
Wahnbildungen zurücktreten.