II. Infektionspsychosen.

Im Verlaufe fieberhafter Infektionskrankheiten entstehen nicht selten

geistige Störungen. Man bezog sie früher auf das Fieber, hat aber

allmählich erkannt, daß sie dazu nicht in direkter Beziehung stehen.

Wahrscheinlich werden sie teils durch Bakterientoxine, teils durch

Stoffwechselgifte hervorgerufen, die während der Krankheit entstehen.

Die Entstehung durch Toxine ist besonders wahrscheinlich für die Fälle,

wo die Geistesstörung schon im Anfangstadium der Krankheit eintritt.

Besonders bei Typhus, Variola und Variolois, Intermittens und Lyssa

kommen solche =Initialdelirien= vor; die Kranken werden zuweilen in die

Irrenanstalt gebracht, ohne daß die körperliche Krankheit nur vermutet

würde. Häufiger treten die Störungen erst =auf der Höhe= der Krankheit

auf, am häufigsten beim =Fieberabfall=, wo die körperliche

Rekonvaleszenz beginnen sollte. Hier ist es wahrscheinlich, daß auf dem

Boden der körperlichen Erschöpfung krankhafte Stoffwechselprodukte die

Störung hervorrufen. Typhus, Pocken, akuter Gelenkrheumatismus,

Influenza, Cholera, Puerperalfieber, Pneumonie, Erysipelas, Scharlach,

Pyämie rufen am häufigsten diese Störungen hervor.

Den Typus der Infektionspsychosen geben die für gewöhnlich den

Internisten beschäftigenden =Fieberdelirien=. Ihrem Wesen nach stehen

sie jedenfalls den Erscheinungen nahe, die wir als Kollapsdelirium und

als akute Verwirrtheit beschrieben haben, aber ihr Grad ist geringer.

Die leichtesten Fälle bieten nur eine gewisse Benommenheit und

Gereiztheit, mit Neigung zu lebhaften Träumen, die sich auch schon

tagsüber im Halbschlafe einstellen können und oft mit Vorsichhinsprechen

und unruhigen Körperbewegungen verbunden sind. Bei höheren Graden kommt

es zu anhaltender traumhafter Benommenheit mit reichlichen

Halluzinationen und Illusionen, die sich teils an die eigenen

körperlichen Empfindungen anknüpfen, teils an Erinnerungen oder an

Eindrücke der Umgebung. Dabei ist die Stimmung bald heiter erregt, bald

ängstlich oder zornmütig. Zuweilen besteht lebhafter Bewegungsdrang, so

daß die Kranken schwer im Bett zu halten sind. Bei den höchsten Graden

besteht völlige Unbesinnlichkeit, die Kranken murmeln unverständlich vor

sich hin (blande Delirien, mussitierende Delirien), zupfen an der

Bettdecke (Flockenlesen) und haben alle Auffassung für die Umgebung

verloren. Hier liegt, die Gefahr des Überganges in Koma und Tod nahe.

Die Schwere der Erscheinungen geht nicht der Höhe des Fiebers parallel,

nur zuweilen verbinden sich die schweren Delirien mit übermäßigen

Fiebergraden (hyperpyretischer Gelenkrheumatismus, Pyämie).

Die Ausbildung und der Verlauf der Fieberdelirien hängt sehr von der

Behandlung der Grundkrankheit ab. Insbesondere ist anzunehmen, daß die

Alkoholbehandlung, wie sie zumal gegen Puerperalfieber und andere Formen

der Pyämie empfohlen worden ist, und reichliche Alkoholgaben während der

Krankheit die Neigung dazu steigern, um so mehr, wenn der Kranke schon

vorher dem Alkoholgenuß ergeben war. Das beste Mittel zur Verhütung

sowohl wie zur Behandlung der Fieberdelirien ist eine rechtzeitige milde

Wasserbehandlung, in dem modernen Sinne, daß damit nicht das Fieber

herabgedrückt, sondern die anregende, Herz und Atmung und Nervensystem

gleich gut belebende Wirkung der Bäder benutzt wird. Da die

Schlaflosigkeit die Erschöpfung steigert, ist die Fürsorge für den

Schlaf sehr wichtig. Am meisten empfehlen sich dazu Dormiol (S. 62),

Paraldehyd (S. 61) und kleine Gaben von Dionin oder Morphium subkutan.

Gegen die Unruhe sind Dauerbäder sehr wirksam (S. 57). Beständige

Bewachung ist unentbehrlich!

Die =Initialdelirien= treten nach ASCHAFFENBURG in zwei Formen auf. In

dem einen Falle erscheinen unter ängstlicher Verstimmung, aber bei

erhaltener Besonnenheit Wahnideen und Sinnestäuschungen; die Kranken

glauben sich verfolgt, körperlich beschädigt, bedroht und erleben

zuweilen ganze Abenteuer. Bei der zweiten Form tritt eine manische

Erregung auf, die sich aus unbedeutenden Anfängen schnell zu

tobsüchtiger Aufregung und schwerster Verwirrtheit mit reichlichen

Sinnestäuschungen steigern kann. Mit der Höhe der Krankheit verschwinden

die Delirien, oder sie gehen in die eigentlichen Fieberdelirien über;

oft tritt aber schon zu dieser Zeit durch die Schwere der Krankheit der

Tod ein. Die Behandlung und Fürsorge ist dieselbe wie bei den

Fieberdelirien. Es ist außerdem empfohlen worden, durch Kochsalzinfusion

der Blutvergiftung abzuhelfen.

Die Infektionspsychosen, die =nach= der Höhe der Krankheit auftreten,

können nach KRAEPELIN drei Formen annehmen. Die leichteste Form stellt

einen Erschöpfungszustand dar; die Kranken sind matt, teilnahmlos,

können sich nicht aufraffen, sind trübe oder mürrisch gestimmt, oft sehr

reizbar; daneben treten, namentlich nachts, Angstgefühle und beim

Augenschluß Gesichtsbilder, flüsternde Geräusche in den Ohren,

eigentümliche Empfindungen im Körper auf. Auch Beeinträchtigungsideen,

Vergiftungsfurcht, Mißtrauen gegen die Umgebung, hypochondrische

Vorstellungen, ja selbst Versündigungsideen kommen vor. Zuweilen sind

heftige Ausbrüche gegen die Umgebung, Selbstmordversuche und

Nahrungsverweigerung die Folge. KRAEPELIN hat diese Form besonders nach

Influenza und Gelenkrheumatismus und bei Kindern nach Keuchhusten

beobachtet. Bei der zweiten Form handelt es sich um Benommenheit mit

Sinnestäuschungen, abenteuerlichen Wahnideen und lebhaften ängstlichen

Erregungszuständen, nach deren Abklingen noch für Monate, manchmal über

ein Jahr depressive Stimmung, Herabsetzung der körperlichen und

geistigen Leistungsfähigkeit und Gedächtnisschwäche zurückbleiben

können. Zuweilen geht die Krankheit in geistige Schwäche mit

unvollkommener Berichtigung der Wahnvorstellungen über. Am häufigsten

sieht man diese Form nach Typhus. Die dritte, schwerste Form, beginnt

mit heftigen Delirien, die bald in stuporöse Zustände übergehen. Die

Kranken verblöden allmählich, gehen auch körperlich sehr herunter und

zeigen zuweilen einseitige Lähmungen, Sprachstörungen und epileptiforme

Krämpfe als Ausdruck schwererer Hirnveränderungen. Nur in der Hälfte der

Fälle kommt es zu völliger Genesung, meist erst nach vielen Monaten. --

In einzelnen Fällen schließt sich an die beschriebene zweite Form der

KRAEPELINschen Darstellung ein länger dauernder Zustand, der sehr an die

expansive Form der Dementia paralytica erinnert, aber von ihren

organischen Zeichen freibleibt und in vielen Fällen in Heilung übergeht.

Die =Behandlung= aller dieser Fälle besteht in sorgfältiger körperlicher

Pflege (Bettruhe, Bäder, gute Ernährung).

Eine besondere Art von infektiöser Geistesstörung bildet die

=KORSAKOWsche Psychose= oder =polyneuritische Psychose=. Vorzugsweise

bei chronischem Alkoholismus, aber auch bei andern Intoxikationen, und

auf dieser Grundlage durch Autointoxikation bei Typhus, Syphilis,

Magendarmkatarrh, Fäulnis im Uterus oder in Geschwülsten, vereinzelt

auch nach Schädelverletzungen, tritt eine eigenartige Geisteskrankheit

auf, die sich fast immer mit den körperlichen Erscheinungen der

=Polyneuritis= verbindet: Frost, Fieber, schwere Störung des

Allgemeinbefindens, reißende Schmerzen in den Gliedern, weiterhin

peripherische Lähmungen an den Beinen oder am ganzen Körper

einschließlich der Hirnnerven, in leichteren Fällen nur ausgebreitete

Ataxie. Das Eigentümliche der geistigen Störung ist die zuweilen nach

einem Durchgangstadium von halluzinatorischer verwirrter Erregung bei

anscheinend guter Besonnenheit bestehende, fast völlige =Aufhebung der

Merkfähigkeit=, die Unfähigkeit, irgend etwas auch nur für einige

Minuten zu behalten, bei ganz gut erhaltener Orientierung. Die Kranken

machen daher auf den ersten Anblick einen ganz geordneten Eindruck, beim

Gespräch merkt man aber alsbald, daß sie nicht mehr wissen, was sie vor

ganz kurzer Zeit gesagt oder gehört haben, daß sie die Personen von

gestern auf heute vergessen, die Vorgänge von morgens und abends oder

von gestern oder vorgestern und heute mit den vor Jahren geschehenen

durcheinanderwerfen, also insbesondere zeitlich nicht orientiert sind,

daß sie ihr Zimmer, ihr Bett, ihre Sachen nicht mehr aufzufinden wissen.

Dabei ist die Erinnerung für weiter zurückliegende Vorgänge oft ganz

ungestört. Als zweite auffallende Erscheinung findet sich eine

ausgesprochene =Konfabulation=: die Kranken erzählen in scheinbar

besonnener Weise ein buntes Gemisch von völlig erdichteten oder

entstellten oder doch zeitlich völlig verkehrten Einzelheiten, berichten

über angebliche Erlebnisse, woran kein wahres Wort ist. Die meist trübe

Stimmung läßt sie dabei mit Vorliebe bei der Schilderung von

Leichenbegängnissen u. dgl. verweilen. Im weiteren Verlauf trägt die

Stimmung oft mehr einen mürrischen oder auch einen albern-heiteren

Charakter: zwischendurch kommen auch Erregungen vor. In einer Anzahl von

Fällen führt das Grundleiden zum Tode, meist kommt es aber im Laufe von

Monaten zu allmählicher Besserung der Merkfähigkeit und der geistigen

Leistungsfähigkeit. In vielen Fällen tritt dauernder, unheilbarer

Blödsinn ein. -- Die Krankheit wird leicht mit Dementia paralytica

verwechselt, um so eher, als bei langsamerem Verlauf die polyneuritische

Ataxie nebst der Aufhebung der Patellar- und Pupillenreflexe die

körperlichen Zeichen der Dementia paralytica vortäuschen kann. Die

Anamnese und der Verlauf müssen dann entscheiden. -- Die =Behandlung=

besteht in sorgfältiger körperlicher Pflege, guter Ernährung bei

völliger Vermeidung von Alkohol, Anwendung von lauen Bädern und

Solbädern usw.

Kompendium der Psychiatrie für Studierende und Ärzte · 第 27 / 133 题