Im Verlaufe fieberhafter Infektionskrankheiten entstehen nicht selten
geistige Störungen. Man bezog sie früher auf das Fieber, hat aber
allmählich erkannt, daß sie dazu nicht in direkter Beziehung stehen.
Wahrscheinlich werden sie teils durch Bakterientoxine, teils durch
Stoffwechselgifte hervorgerufen, die während der Krankheit entstehen.
Die Entstehung durch Toxine ist besonders wahrscheinlich für die Fälle,
wo die Geistesstörung schon im Anfangstadium der Krankheit eintritt.
Besonders bei Typhus, Variola und Variolois, Intermittens und Lyssa
kommen solche =Initialdelirien= vor; die Kranken werden zuweilen in die
Irrenanstalt gebracht, ohne daß die körperliche Krankheit nur vermutet
würde. Häufiger treten die Störungen erst =auf der Höhe= der Krankheit
auf, am häufigsten beim =Fieberabfall=, wo die körperliche
Rekonvaleszenz beginnen sollte. Hier ist es wahrscheinlich, daß auf dem
Boden der körperlichen Erschöpfung krankhafte Stoffwechselprodukte die
Störung hervorrufen. Typhus, Pocken, akuter Gelenkrheumatismus,
Influenza, Cholera, Puerperalfieber, Pneumonie, Erysipelas, Scharlach,
Pyämie rufen am häufigsten diese Störungen hervor.
Den Typus der Infektionspsychosen geben die für gewöhnlich den
Internisten beschäftigenden =Fieberdelirien=. Ihrem Wesen nach stehen
sie jedenfalls den Erscheinungen nahe, die wir als Kollapsdelirium und
als akute Verwirrtheit beschrieben haben, aber ihr Grad ist geringer.
Die leichtesten Fälle bieten nur eine gewisse Benommenheit und
Gereiztheit, mit Neigung zu lebhaften Träumen, die sich auch schon
tagsüber im Halbschlafe einstellen können und oft mit Vorsichhinsprechen
und unruhigen Körperbewegungen verbunden sind. Bei höheren Graden kommt
es zu anhaltender traumhafter Benommenheit mit reichlichen
Halluzinationen und Illusionen, die sich teils an die eigenen
körperlichen Empfindungen anknüpfen, teils an Erinnerungen oder an
Eindrücke der Umgebung. Dabei ist die Stimmung bald heiter erregt, bald
ängstlich oder zornmütig. Zuweilen besteht lebhafter Bewegungsdrang, so
daß die Kranken schwer im Bett zu halten sind. Bei den höchsten Graden
besteht völlige Unbesinnlichkeit, die Kranken murmeln unverständlich vor
sich hin (blande Delirien, mussitierende Delirien), zupfen an der
Bettdecke (Flockenlesen) und haben alle Auffassung für die Umgebung
verloren. Hier liegt, die Gefahr des Überganges in Koma und Tod nahe.
Die Schwere der Erscheinungen geht nicht der Höhe des Fiebers parallel,
nur zuweilen verbinden sich die schweren Delirien mit übermäßigen
Fiebergraden (hyperpyretischer Gelenkrheumatismus, Pyämie).
Die Ausbildung und der Verlauf der Fieberdelirien hängt sehr von der
Behandlung der Grundkrankheit ab. Insbesondere ist anzunehmen, daß die
Alkoholbehandlung, wie sie zumal gegen Puerperalfieber und andere Formen
der Pyämie empfohlen worden ist, und reichliche Alkoholgaben während der
Krankheit die Neigung dazu steigern, um so mehr, wenn der Kranke schon
vorher dem Alkoholgenuß ergeben war. Das beste Mittel zur Verhütung
sowohl wie zur Behandlung der Fieberdelirien ist eine rechtzeitige milde
Wasserbehandlung, in dem modernen Sinne, daß damit nicht das Fieber
herabgedrückt, sondern die anregende, Herz und Atmung und Nervensystem
gleich gut belebende Wirkung der Bäder benutzt wird. Da die
Schlaflosigkeit die Erschöpfung steigert, ist die Fürsorge für den
Schlaf sehr wichtig. Am meisten empfehlen sich dazu Dormiol (S. 62),
Paraldehyd (S. 61) und kleine Gaben von Dionin oder Morphium subkutan.
Gegen die Unruhe sind Dauerbäder sehr wirksam (S. 57). Beständige
Bewachung ist unentbehrlich!
Die =Initialdelirien= treten nach ASCHAFFENBURG in zwei Formen auf. In
dem einen Falle erscheinen unter ängstlicher Verstimmung, aber bei
erhaltener Besonnenheit Wahnideen und Sinnestäuschungen; die Kranken
glauben sich verfolgt, körperlich beschädigt, bedroht und erleben
zuweilen ganze Abenteuer. Bei der zweiten Form tritt eine manische
Erregung auf, die sich aus unbedeutenden Anfängen schnell zu
tobsüchtiger Aufregung und schwerster Verwirrtheit mit reichlichen
Sinnestäuschungen steigern kann. Mit der Höhe der Krankheit verschwinden
die Delirien, oder sie gehen in die eigentlichen Fieberdelirien über;
oft tritt aber schon zu dieser Zeit durch die Schwere der Krankheit der
Tod ein. Die Behandlung und Fürsorge ist dieselbe wie bei den
Fieberdelirien. Es ist außerdem empfohlen worden, durch Kochsalzinfusion
der Blutvergiftung abzuhelfen.
Die Infektionspsychosen, die =nach= der Höhe der Krankheit auftreten,
können nach KRAEPELIN drei Formen annehmen. Die leichteste Form stellt
einen Erschöpfungszustand dar; die Kranken sind matt, teilnahmlos,
können sich nicht aufraffen, sind trübe oder mürrisch gestimmt, oft sehr
reizbar; daneben treten, namentlich nachts, Angstgefühle und beim
Augenschluß Gesichtsbilder, flüsternde Geräusche in den Ohren,
eigentümliche Empfindungen im Körper auf. Auch Beeinträchtigungsideen,
Vergiftungsfurcht, Mißtrauen gegen die Umgebung, hypochondrische
Vorstellungen, ja selbst Versündigungsideen kommen vor. Zuweilen sind
heftige Ausbrüche gegen die Umgebung, Selbstmordversuche und
Nahrungsverweigerung die Folge. KRAEPELIN hat diese Form besonders nach
Influenza und Gelenkrheumatismus und bei Kindern nach Keuchhusten
beobachtet. Bei der zweiten Form handelt es sich um Benommenheit mit
Sinnestäuschungen, abenteuerlichen Wahnideen und lebhaften ängstlichen
Erregungszuständen, nach deren Abklingen noch für Monate, manchmal über
ein Jahr depressive Stimmung, Herabsetzung der körperlichen und
geistigen Leistungsfähigkeit und Gedächtnisschwäche zurückbleiben
können. Zuweilen geht die Krankheit in geistige Schwäche mit
unvollkommener Berichtigung der Wahnvorstellungen über. Am häufigsten
sieht man diese Form nach Typhus. Die dritte, schwerste Form, beginnt
mit heftigen Delirien, die bald in stuporöse Zustände übergehen. Die
Kranken verblöden allmählich, gehen auch körperlich sehr herunter und
zeigen zuweilen einseitige Lähmungen, Sprachstörungen und epileptiforme
Krämpfe als Ausdruck schwererer Hirnveränderungen. Nur in der Hälfte der
Fälle kommt es zu völliger Genesung, meist erst nach vielen Monaten. --
In einzelnen Fällen schließt sich an die beschriebene zweite Form der
KRAEPELINschen Darstellung ein länger dauernder Zustand, der sehr an die
expansive Form der Dementia paralytica erinnert, aber von ihren
organischen Zeichen freibleibt und in vielen Fällen in Heilung übergeht.
Die =Behandlung= aller dieser Fälle besteht in sorgfältiger körperlicher
Pflege (Bettruhe, Bäder, gute Ernährung).
Eine besondere Art von infektiöser Geistesstörung bildet die
=KORSAKOWsche Psychose= oder =polyneuritische Psychose=. Vorzugsweise
bei chronischem Alkoholismus, aber auch bei andern Intoxikationen, und
auf dieser Grundlage durch Autointoxikation bei Typhus, Syphilis,
Magendarmkatarrh, Fäulnis im Uterus oder in Geschwülsten, vereinzelt
auch nach Schädelverletzungen, tritt eine eigenartige Geisteskrankheit
auf, die sich fast immer mit den körperlichen Erscheinungen der
=Polyneuritis= verbindet: Frost, Fieber, schwere Störung des
Allgemeinbefindens, reißende Schmerzen in den Gliedern, weiterhin
peripherische Lähmungen an den Beinen oder am ganzen Körper
einschließlich der Hirnnerven, in leichteren Fällen nur ausgebreitete
Ataxie. Das Eigentümliche der geistigen Störung ist die zuweilen nach
einem Durchgangstadium von halluzinatorischer verwirrter Erregung bei
anscheinend guter Besonnenheit bestehende, fast völlige =Aufhebung der
Merkfähigkeit=, die Unfähigkeit, irgend etwas auch nur für einige
Minuten zu behalten, bei ganz gut erhaltener Orientierung. Die Kranken
machen daher auf den ersten Anblick einen ganz geordneten Eindruck, beim
Gespräch merkt man aber alsbald, daß sie nicht mehr wissen, was sie vor
ganz kurzer Zeit gesagt oder gehört haben, daß sie die Personen von
gestern auf heute vergessen, die Vorgänge von morgens und abends oder
von gestern oder vorgestern und heute mit den vor Jahren geschehenen
durcheinanderwerfen, also insbesondere zeitlich nicht orientiert sind,
daß sie ihr Zimmer, ihr Bett, ihre Sachen nicht mehr aufzufinden wissen.
Dabei ist die Erinnerung für weiter zurückliegende Vorgänge oft ganz
ungestört. Als zweite auffallende Erscheinung findet sich eine
ausgesprochene =Konfabulation=: die Kranken erzählen in scheinbar
besonnener Weise ein buntes Gemisch von völlig erdichteten oder
entstellten oder doch zeitlich völlig verkehrten Einzelheiten, berichten
über angebliche Erlebnisse, woran kein wahres Wort ist. Die meist trübe
Stimmung läßt sie dabei mit Vorliebe bei der Schilderung von
Leichenbegängnissen u. dgl. verweilen. Im weiteren Verlauf trägt die
Stimmung oft mehr einen mürrischen oder auch einen albern-heiteren
Charakter: zwischendurch kommen auch Erregungen vor. In einer Anzahl von
Fällen führt das Grundleiden zum Tode, meist kommt es aber im Laufe von
Monaten zu allmählicher Besserung der Merkfähigkeit und der geistigen
Leistungsfähigkeit. In vielen Fällen tritt dauernder, unheilbarer
Blödsinn ein. -- Die Krankheit wird leicht mit Dementia paralytica
verwechselt, um so eher, als bei langsamerem Verlauf die polyneuritische
Ataxie nebst der Aufhebung der Patellar- und Pupillenreflexe die
körperlichen Zeichen der Dementia paralytica vortäuschen kann. Die
Anamnese und der Verlauf müssen dann entscheiden. -- Die =Behandlung=
besteht in sorgfältiger körperlicher Pflege, guter Ernährung bei
völliger Vermeidung von Alkohol, Anwendung von lauen Bädern und
Solbädern usw.