Die akute Verwirrtheit äußert sich in einer verschieden schweren
=Trübung des Bewußtseins= mit Aufhebung der normalen geordneten
Vorstellungsverbindungen und in gewissen =Reizerscheinungen=, nämlich
=Sinnestäuschungen= und depressiven oder gehobenen =Affekten=. Je nach
dem Überwiegen und dem Grade der genannten Teilerscheinungen wechselt
das Krankheitbild ganz erheblich. Die wichtigste Form ist die
=halluzinatorische Verwirrtheit= (Fig. 1). Dabei tritt nach einem kurzen
Vorstadium voll Mattigkeit und Unlust, mit Schlaflosigkeit und dem
unbestimmten Gefühl drohender Gefahr oder Gebundenheit schnell eine
hochgradige Verwirrtheit mit zahlreichen Sinnestäuschungen ein. Das
Bewußtsein ist wie traumhaft verändert, der Kranke kann sich gar nicht
mehr ordentlich zurechtfinden, beachtet die Umgebung, aber alles um ihn
sieht anders aus, er ist vollkommen =ratlos= geworden. Trotz aller
Bemühungen kommt er ebensowenig wie der Träumende zu einer klaren
Auffassung der Umgebung; lebhafte Sinnestäuschungen in beständigem
Wechsel steigern die Unklarheit. Vögel und unbelebte Gegenstände
sprechen mit Menschenstimmen, Bilder winken mit den Augen und machen
Gebärden, die Personen der Umgebung scheinen ihre Gesichts- und
Haarfarbe zu verändern, magern scheinbar zusehends ab, der eigene Körper
und seine Verrichtungen werden anders als zuvor wahrgenommen. Auch echte
Halluzinationen gesellen sich hinzu, Teufelsgestalten, wilde Tiere,
Feuerbrände schweben durch das Zimmer, Glockenläuten, drohende Zurufe
usw. werden gehört, Gerüche und Geschmäcke der verschiedensten Art
wahrgenommen. An die Sinnestäuschungen knüpfen sich entsprechende
Wahnvorstellungen. Die Stimmen verkünden Unheil und schwere Strafen für
die Kranken und ihre Angehörigen, wobei nicht selten (ganz wie bei
Melancholie) eine eigene Verschuldung als gerechter Grund
krankhafterweise angenommen und entwickelt wird. Die Wahnvorstellungen
können schnell wechseln, aber auch durch den ganzen Krankheitsverlauf
eine gewisse Beständigkeit bewahren, niemals aber kommt es zu
ausgedehnten logischen Verknüpfungen, zur »Systematisierung« der
Wahnideen wie bei der Paranoia und zu einer regelrechten Abhängigkeit
der Handlungen von diesen Vorstellungen. Auch dies erinnert wieder sehr
an das Verhalten im Traume. Viel seltener als Verfolgungsideen sind die
der Überschätzung, durch entsprechende Halluzinationen und Illusionen
hervorgerufen. Ebenso steht es mit der Stimmung der Kranken; nur selten
ist sie heiter, gewöhnlich ist sie trüb, mit Neigung zu Angst- und
Schmerzausbrüchen und Gewalthandlungen gegen die eigene Person oder
gegen die Umgebung. In manchen Fällen findet sich dauernd oder als
vorübergehende Einschiebung in die trübe Stimmungsgrundlage ein
beschleunigter Ablauf der Vorstellungen, der eine Manie vortäuschen kann
und früher derartige Fälle der Manie zurechnen ließ. Der Unterschied ist
durch die massenhaften Sinnestäuschungen und vor allem durch die Trübung
des Bewußtseins, die Unfähigkeit zum Auffassen usw., die bei der Manie
trotz der überschnellen krankhaft veränderten Reihung der Vorstellungen
gut erhalten bleibt. Viel häufiger findet sich eine blinde, wiederum
traumhafte Unruhe, ein ängstliches Hin- und Hergehen und Sichanklammern
als Ausdruck der =Ratlosigkeit=; in anderen Fällen überwiegt die
motorische Hemmung bis zu bildsäulenartiger Regungslosigkeit:
=halluzinatorischer Stupor=, =Pseudostupor=.
[Illustration: Fig. 1. Verwirrtheit, Amentia. (Nach WEYGANDT.)]
Die Auslöschung der Assoziationen und damit das scheinbare Verschwinden
von Erinnerungsbildern kann so weit gehen, daß grobe anatomische
Störungen vorgetäuscht werden. Die Kranken vermögen eine Anzahl von
Gegenständen nicht zu bezeichnen und umschreiben deren Namen mit
gewundenen Redensarten, die sich auf den Gebrauch beziehen:
=pseudaphasische Verwirrtheit=, MEYNERT; sie können nicht mehr richtig
die Zeit von der Uhr ablesen, einfache Rechenaufgaben nicht lösen, auch
wenn sie ihre Aufmerksamkeit wirklich darauf lenken und nicht durch
einen Affekt oder durch Sinnestäuschungen abgezogen werden. Sie sind
häufig nicht imstande, sich Datum und Wochentag von einem Tage zum
andern zu merken, auch wenn sie eigens dazu aufgefordert werden. Wie im
Sprechen, so kommen auch im Schreiben häufig Verwechslungen von Wörtern
vor; meist fehlt aber schon die zum Schreiben erforderliche Sammlung,
und die Kranken bringen es trotz aller Bemühungen nur bis zur
Überschrift eines Briefes oder zu einigen sinnlosen Strichen. In anderen
Fällen sind alle eingelernten Bewegungen vergessen, die Kranken können
nicht mehr gehen, sich nicht ausziehen usw.: dementer Stupor.
Die Ratlosigkeit drückt dem Gesicht des akut Verwirrten einen
eigentümlichen, staunend-fragenden, zuweilen mehr ängstlichen Charakter
auf, der diagnostisch namentlich gegenüber der Paranoia (vgl. Abschnitt
VI, 1) von großem Wert sein kann (Fig. 2). Bei dem Pseudostupor läßt
sich bei aller äußerlichen Ruhe gerade an dem gespannten
Gesichtsausdruck, an einem vorübergehenden Zittern oder Zucken der
Gesichtsmuskeln, an einem versteckten Blick u. dgl. nicht selten das
unter der Maske fortbestehende Geistesleben erkennen. In selteneren
Fällen entladet sich die motorische Spannung in allgemeinem heftigen
Zittern oder in Konvulsionen. Weit häufiger sind vasomotorische
Störungen: langsamer Puls, allgemeines oder auf die äußersten Teile
beschränktes Kältegefühl, Ohrensausen, Blutandrang zum Kopf, Schwindel.
Die Pupillen sind meist erweitert, oft sind die Patellarreflexe
gesteigert. In schweren Fällen kommen Fiebererregungen vor. Das
Körpergewicht nimmt gewöhnlich erheblich ab, hauptsächlich, weil die
Kranken die Nahrung verweigern oder doch wegen ihrer Verwirrtheit nicht
genügend essen. Der Schlaf ist meist schlecht, oft steigert sich die
Unruhe gegen die Nacht hin.
[Illustration: Fig. 2. Amentia. (Nach ZIEHEN.)]
=Ursachen.= Die primäre Verwirrtheit ist im allgemeinen eine Krankheit
normal veranlagter Gehirne, die durch eine schwere Erschütterung, oft
auf der Grundlage langsam vorbereitender Schädlichkeiten, aus dem
Gleichgewicht gebracht werden. Unglücksfälle, erschöpfende Krankenpflege
mit dem nachfolgenden Affekt der Trauer, Blutverluste, Puerperium,
weiterhin Kopfverletzungen, die Einzelhaft, zumal in ihrer ersten Zeit,
heftiger Schreck u. dgl. sind häufige Veranlassungen.
=Theorie.= Eine geistvolle Theorie dieser Krankheitform hat MEYNERT
aufgestellt. Darnach ist die =Verwirrtheit=, wie es auch in unserer
Schilderung dargestellt ist, keine =Reiz=erscheinung, sondern auf den
=Ausfall= der Assoziationsleistung zu beziehen; darauf gründet sich auch
die Bezeichnung Amentia (Geistesmangel), im Gegensatz zu Dementia
(Geistesschwäche). Gegenüber der Betäubung, wo auch die
Projektionsfasern, die Vermittler der Sinneswahrnehmungen, schlecht oder
gar nicht leiten, sei bei der Verwirrtheit nur die Leitung der
Assoziationsfasern herabgesetzt. Auf der Störung der geregelten
Assoziationstätigkeit beruhe das Auftreten der =Illusionen=. Im
Gegensatz zu der Erschöpfung der Hirnrindenleistungen sei die Tätigkeit
der subkortikalen Zentren gesteigert, und deren Reizung, die
gewohnheitsmäßig als Sinneseindruck in die Außenwelt verlegt werde,
schaffe die =Halluzinationen=. Die subkortikale Reizung ihrerseits
erklärt MEYNERT aus der Gefäßversorgung des Gehirns als kollaterale
Hyperämie zum Ausgleich der Blutleere des Rindennetzes.
=Verlauf und Ausgänge.= Nach dem Vorstadium, das einige Tage bis zwei
Wochen dauert, entwickelt sich die Krankheit meist schnell zu ihrer
Höhe. Die Dauer erstreckt sich gewöhnlich auf einige Monate;
zwischendurch schieben sich öfters Nachlässe ein, worin die Kranken für
Stunden oder Tage ziemlich klar erscheinen. Die Heilung schließt sich am
seltensten direkt an den verwirrten oder wahnhaften Zustand an, vielmehr
schiebt sich gewöhnlich ein Erschöpfungstadium ein, in dem der Affekt
fehlt, aber verschiedene Wahnvorstellungen, Sinnestäuschungen,
Personenverkennung oder geistige Schwächeerscheinungen noch wochen- und
monatelang fortbestehen können; andre Male besteht dann noch eine
gewisse trübe Stimmung oder aber eine manieähnliche, meist alberne und
läppische Erregung. Diese Zwischenzustände mit gehobener oder
herabgesetzter Stimmung können viele Monate ganz gleichmäßig anhalten,
so daß der Gedanke an dauernde Geistesschwäche sich immer wieder
aufdrängt, und es kann doch noch völlige Heilung eintreten, die sich
durch allmähliches Schwinden der krankhaften Erscheinungen,
Wiedererwachen des Interesses für die Außenwelt und des Urteils über
fremde und persönliche Verhältnisse andeutet Die Erinnerung an den
Vorstellungsinhalt der kranken Zeit kann nach schwerer Verwirrtheit ganz
fehlen, in andern Fällen erstreckt sie sich nur auf die wichtigsten
Vorgänge, in vielen umfaßt sie in überraschender Weise auch die
kleinsten Einzelheiten. Die Besserung wird gewöhnlich durch
entschiedenes Steigen des Körpergewichts angezeigt, das um so schneller
erfolgt, je rascher und glatter die Heilung verläuft. Von ungünstigen
Ausgängen kommt am seltensten der Tod vor, durch Selbstmord oder durch
Erschöpfung infolge von sehr großer Unruhe bei mangelhafter körperlicher
Widerstandskraft. Ein Teil der Fälle führt zu chronischer Verwirrtheit
oder zu tiefer Verblödung, indem das geistige Leben sich nicht mehr aus
dem Darniederliegen oder aus der Verwirrung der Assoziationen erholt.
Rückfälle kommen auch nach völliger, zuweilen langdauernder Genesung auf
Grund erblicher Anlage und bei wiederholtem Einwirken der
Krankheitursachen vor. Nicht selten ist bei Mädchen in der Pubertät das
Wiederauftreten der Amentia, besonders in der Form der reinen
Verwirrtheit ohne oder mit spärlichen Sinnestäuschungen jedesmal zur
Zeit der Menses. Nach einer Reihe von Monaten pflegt hier bei
zweckmäßiger Allgemeinbehandlung und bei Anwendung der Bettruhe während
der Menses die Heilung einzutreten.
Die =Diagnose= ist nach dem Gesagten gegenüber der Melancholie und Manie
nicht schwierig, wenn man die schwere Störung der Auffassung, die
Verwirrtheit und das Verhalten der Stimmung und der Sinnestäuschungen
beachtet: dort die primäre Anomalie der Stimmung, hier die primäre
Verwirrtheit und das Überwiegen selbständiger Sinnestäuschungen. Der
Pseudostupor ist durch den gespannten Ausdruck, der die verborgenen
Vorstellungen und Sinnestäuschungen andeutet, der demente Stupor durch
das Fehlen jeder Affektbetonung von der regungslosen, schmerzlichen
Spannung mancher Melancholischen genügend unterschieden. Am
schwierigsten ist oft die Unterscheidung von der =Katatonie=; auch hier
ist besonders auf das Verhalten der Auffassung Wert zu legen, die bei
den Katatonischen gewöhnlich sehr gut erhalten ist, so daß sie über Ort,
Personen und Zeit orientiert bleiben. Auch fehlen bei der Verwirrtheit
die ausgeprägten motorischen Zeichen der Katatonie.
Nicht selten entsteht die akute Verwirrtheit in einer ihrer Formen bei
=Epileptischen=, es muß daher stets nachgeforscht werden, ob früher
epileptische Anfälle vorgekommen sind. Damit wird die Vorhersage, die
sonst eine recht günstige ist, außerordentlich trübe, weil, abgesehen
von dem schweren Grundleiden, die Verwirrtheitzustände besonders bei
schweren Fällen von Epilepsie vorkommen.
Endlich muß man sich daran erinnern, daß auch die Dementia paralytica
mit Verwirrtheit einsetzen kann. Einen Wink in dieser Richtung gibt ein
dann meist vorhandenes Mißverhältnis zwischen dem Grade der Verwirrtheit
und dem Affekt oder der Masse der Sinnestäuschungen; die Entscheidung
erfolgt auf Grund der motorischen Störungen der Dementia paralytica.
=Behandlung.= Für die Behandlung der Verwirrtheit ist der Aufenthalt in
einer Heilanstalt fast stets nur mit Schaden zu umgehen. In der
gewohnten Umgebung läßt sich weder die völlige äußere Ruhe, die für den
Kranken das Hauptbedürfnis ist, noch die notwendige, Tag und Nacht
fortgesetzte Überwachung ohne Beunruhigung des mißtrauisch-ängstlichen
Kranken durchführen. Das verdunkelte Bewußtsein des Kranken scheint
planmäßige Selbstbeschädigung kaum zuzulassen, dennoch ist in manchen
Fällen alles Denken darauf gerichtet, während in anderen ganz
unvorbereitet triebartige, oft durch die Angst hervorgerufene Handlungen
gefährlichster Art unternommen werden. In der Anstalt findet wie in
allen akuten Geisteskrankheiten auch hier die Bettbehandlung die
wesentlichste Anzeige, und daneben, zumal in den erregten Formen, die
=Opium=- oder =Kodeinkur= in der auf Seite 58 geschilderten Weise. Nur
in den schweren, mit manieähnlicher Aufregung verbundenen Fällen, ist
das =Skopolamin= (vgl. S. 61) nicht zu entbehren; hier kann es im
Notfall auch subkutan gegeben werden. Die Einspritzung unter die Haut
ist überhaupt bei der Verwirrtheit oft nicht zu entbehren, weil die
Kranken nicht zum Einnehmen zu bewegen sind. Bei den mit Blutandrang zum
Kopf verbundenen Fällen gibt man allein oder mit einem der genannten
Mittel zusammen Ergotin, 0,2 zwei- bis dreimal täglich; bei den
stuporösen Kranken empfehlen sich kleine Kampfergaben, 0,05-0,1 dreimal
täglich, bei Pseudostupor gleichzeitig mit Kodein oder Opium. Die
Bäderbehandlung (vgl. S. 57) ist sehr wichtig, sie muß natürlich bei
erregten und ängstlichen Kranken mit großer Rücksicht auf das Befinden
durchgeführt werden, stellt aber dann ein vortreffliches
Beruhigungsmittel dar. Sehr wichtig sind auch gegen die Genesung hin je
nach der Art des Falles beruhigende, die Stimmung lindernde Vollbäder
von 32-34°C oder anregende Halbbäder von 28-30°C. Wo Wahnvorstellungen
und Sinnestäuschungen ganz geschwunden sind und nur noch Verstimmung,
Abspannung u. dgl. bestehen, habe ich sehr wohltätige Wirkungen von
sanfter Galvanisation des Kopfes gesehen, quer durch die Schläfen oder
von der Stirn zum Nacken, Elektrodenplatten von 5×10 cm, mit Moos oder
Filz gepolstert, mit heißem Wasser gut durchfeuchtet, Stromstärke 2 bis
4 M.-A., bei sorgfältigem Einschleichen und strenger Vermeidung von
Stromschwankungen und Unterbrechungen, täglich ein oder zweimal je drei
Minuten lang. Daneben ist immer das körperliche Befinden sehr zu
berücksichtigen, namentlich sind Blutarmut, Verdauungstörungen,
Verstopfung u. dgl. nach den Regeln der inneren Medizin zu behandeln.
Oft ist die Sondenfütterung nicht zu umgehen. Die Menstruationstörungen
bessern sich mit der Krankheit zugleich. Nach der Genesung schiebt man
zweckmäßig zwischen Anstaltspflege und Rückkehr in die Familie einen
ruhigen Aufenthalt auf dem Lande, an der See usw. ein. Die mit
Verblödung endenden Fälle bedürfen der dauernden Anstaltspflege, damit
durch Gewöhnung und Erziehung soviel wie möglich von einem
menschenwürdigen Dasein erhalten werden kann.