2. Akute Verwirrtheit, Amentia.

Die akute Verwirrtheit äußert sich in einer verschieden schweren

=Trübung des Bewußtseins= mit Aufhebung der normalen geordneten

Vorstellungsverbindungen und in gewissen =Reizerscheinungen=, nämlich

=Sinnestäuschungen= und depressiven oder gehobenen =Affekten=. Je nach

dem Überwiegen und dem Grade der genannten Teilerscheinungen wechselt

das Krankheitbild ganz erheblich. Die wichtigste Form ist die

=halluzinatorische Verwirrtheit= (Fig. 1). Dabei tritt nach einem kurzen

Vorstadium voll Mattigkeit und Unlust, mit Schlaflosigkeit und dem

unbestimmten Gefühl drohender Gefahr oder Gebundenheit schnell eine

hochgradige Verwirrtheit mit zahlreichen Sinnestäuschungen ein. Das

Bewußtsein ist wie traumhaft verändert, der Kranke kann sich gar nicht

mehr ordentlich zurechtfinden, beachtet die Umgebung, aber alles um ihn

sieht anders aus, er ist vollkommen =ratlos= geworden. Trotz aller

Bemühungen kommt er ebensowenig wie der Träumende zu einer klaren

Auffassung der Umgebung; lebhafte Sinnestäuschungen in beständigem

Wechsel steigern die Unklarheit. Vögel und unbelebte Gegenstände

sprechen mit Menschenstimmen, Bilder winken mit den Augen und machen

Gebärden, die Personen der Umgebung scheinen ihre Gesichts- und

Haarfarbe zu verändern, magern scheinbar zusehends ab, der eigene Körper

und seine Verrichtungen werden anders als zuvor wahrgenommen. Auch echte

Halluzinationen gesellen sich hinzu, Teufelsgestalten, wilde Tiere,

Feuerbrände schweben durch das Zimmer, Glockenläuten, drohende Zurufe

usw. werden gehört, Gerüche und Geschmäcke der verschiedensten Art

wahrgenommen. An die Sinnestäuschungen knüpfen sich entsprechende

Wahnvorstellungen. Die Stimmen verkünden Unheil und schwere Strafen für

die Kranken und ihre Angehörigen, wobei nicht selten (ganz wie bei

Melancholie) eine eigene Verschuldung als gerechter Grund

krankhafterweise angenommen und entwickelt wird. Die Wahnvorstellungen

können schnell wechseln, aber auch durch den ganzen Krankheitsverlauf

eine gewisse Beständigkeit bewahren, niemals aber kommt es zu

ausgedehnten logischen Verknüpfungen, zur »Systematisierung« der

Wahnideen wie bei der Paranoia und zu einer regelrechten Abhängigkeit

der Handlungen von diesen Vorstellungen. Auch dies erinnert wieder sehr

an das Verhalten im Traume. Viel seltener als Verfolgungsideen sind die

der Überschätzung, durch entsprechende Halluzinationen und Illusionen

hervorgerufen. Ebenso steht es mit der Stimmung der Kranken; nur selten

ist sie heiter, gewöhnlich ist sie trüb, mit Neigung zu Angst- und

Schmerzausbrüchen und Gewalthandlungen gegen die eigene Person oder

gegen die Umgebung. In manchen Fällen findet sich dauernd oder als

vorübergehende Einschiebung in die trübe Stimmungsgrundlage ein

beschleunigter Ablauf der Vorstellungen, der eine Manie vortäuschen kann

und früher derartige Fälle der Manie zurechnen ließ. Der Unterschied ist

durch die massenhaften Sinnestäuschungen und vor allem durch die Trübung

des Bewußtseins, die Unfähigkeit zum Auffassen usw., die bei der Manie

trotz der überschnellen krankhaft veränderten Reihung der Vorstellungen

gut erhalten bleibt. Viel häufiger findet sich eine blinde, wiederum

traumhafte Unruhe, ein ängstliches Hin- und Hergehen und Sichanklammern

als Ausdruck der =Ratlosigkeit=; in anderen Fällen überwiegt die

motorische Hemmung bis zu bildsäulenartiger Regungslosigkeit:

=halluzinatorischer Stupor=, =Pseudostupor=.

[Illustration: Fig. 1. Verwirrtheit, Amentia. (Nach WEYGANDT.)]

Die Auslöschung der Assoziationen und damit das scheinbare Verschwinden

von Erinnerungsbildern kann so weit gehen, daß grobe anatomische

Störungen vorgetäuscht werden. Die Kranken vermögen eine Anzahl von

Gegenständen nicht zu bezeichnen und umschreiben deren Namen mit

gewundenen Redensarten, die sich auf den Gebrauch beziehen:

=pseudaphasische Verwirrtheit=, MEYNERT; sie können nicht mehr richtig

die Zeit von der Uhr ablesen, einfache Rechenaufgaben nicht lösen, auch

wenn sie ihre Aufmerksamkeit wirklich darauf lenken und nicht durch

einen Affekt oder durch Sinnestäuschungen abgezogen werden. Sie sind

häufig nicht imstande, sich Datum und Wochentag von einem Tage zum

andern zu merken, auch wenn sie eigens dazu aufgefordert werden. Wie im

Sprechen, so kommen auch im Schreiben häufig Verwechslungen von Wörtern

vor; meist fehlt aber schon die zum Schreiben erforderliche Sammlung,

und die Kranken bringen es trotz aller Bemühungen nur bis zur

Überschrift eines Briefes oder zu einigen sinnlosen Strichen. In anderen

Fällen sind alle eingelernten Bewegungen vergessen, die Kranken können

nicht mehr gehen, sich nicht ausziehen usw.: dementer Stupor.

Die Ratlosigkeit drückt dem Gesicht des akut Verwirrten einen

eigentümlichen, staunend-fragenden, zuweilen mehr ängstlichen Charakter

auf, der diagnostisch namentlich gegenüber der Paranoia (vgl. Abschnitt

VI, 1) von großem Wert sein kann (Fig. 2). Bei dem Pseudostupor läßt

sich bei aller äußerlichen Ruhe gerade an dem gespannten

Gesichtsausdruck, an einem vorübergehenden Zittern oder Zucken der

Gesichtsmuskeln, an einem versteckten Blick u. dgl. nicht selten das

unter der Maske fortbestehende Geistesleben erkennen. In selteneren

Fällen entladet sich die motorische Spannung in allgemeinem heftigen

Zittern oder in Konvulsionen. Weit häufiger sind vasomotorische

Störungen: langsamer Puls, allgemeines oder auf die äußersten Teile

beschränktes Kältegefühl, Ohrensausen, Blutandrang zum Kopf, Schwindel.

Die Pupillen sind meist erweitert, oft sind die Patellarreflexe

gesteigert. In schweren Fällen kommen Fiebererregungen vor. Das

Körpergewicht nimmt gewöhnlich erheblich ab, hauptsächlich, weil die

Kranken die Nahrung verweigern oder doch wegen ihrer Verwirrtheit nicht

genügend essen. Der Schlaf ist meist schlecht, oft steigert sich die

Unruhe gegen die Nacht hin.

[Illustration: Fig. 2. Amentia. (Nach ZIEHEN.)]

=Ursachen.= Die primäre Verwirrtheit ist im allgemeinen eine Krankheit

normal veranlagter Gehirne, die durch eine schwere Erschütterung, oft

auf der Grundlage langsam vorbereitender Schädlichkeiten, aus dem

Gleichgewicht gebracht werden. Unglücksfälle, erschöpfende Krankenpflege

mit dem nachfolgenden Affekt der Trauer, Blutverluste, Puerperium,

weiterhin Kopfverletzungen, die Einzelhaft, zumal in ihrer ersten Zeit,

heftiger Schreck u. dgl. sind häufige Veranlassungen.

=Theorie.= Eine geistvolle Theorie dieser Krankheitform hat MEYNERT

aufgestellt. Darnach ist die =Verwirrtheit=, wie es auch in unserer

Schilderung dargestellt ist, keine =Reiz=erscheinung, sondern auf den

=Ausfall= der Assoziationsleistung zu beziehen; darauf gründet sich auch

die Bezeichnung Amentia (Geistesmangel), im Gegensatz zu Dementia

(Geistesschwäche). Gegenüber der Betäubung, wo auch die

Projektionsfasern, die Vermittler der Sinneswahrnehmungen, schlecht oder

gar nicht leiten, sei bei der Verwirrtheit nur die Leitung der

Assoziationsfasern herabgesetzt. Auf der Störung der geregelten

Assoziationstätigkeit beruhe das Auftreten der =Illusionen=. Im

Gegensatz zu der Erschöpfung der Hirnrindenleistungen sei die Tätigkeit

der subkortikalen Zentren gesteigert, und deren Reizung, die

gewohnheitsmäßig als Sinneseindruck in die Außenwelt verlegt werde,

schaffe die =Halluzinationen=. Die subkortikale Reizung ihrerseits

erklärt MEYNERT aus der Gefäßversorgung des Gehirns als kollaterale

Hyperämie zum Ausgleich der Blutleere des Rindennetzes.

=Verlauf und Ausgänge.= Nach dem Vorstadium, das einige Tage bis zwei

Wochen dauert, entwickelt sich die Krankheit meist schnell zu ihrer

Höhe. Die Dauer erstreckt sich gewöhnlich auf einige Monate;

zwischendurch schieben sich öfters Nachlässe ein, worin die Kranken für

Stunden oder Tage ziemlich klar erscheinen. Die Heilung schließt sich am

seltensten direkt an den verwirrten oder wahnhaften Zustand an, vielmehr

schiebt sich gewöhnlich ein Erschöpfungstadium ein, in dem der Affekt

fehlt, aber verschiedene Wahnvorstellungen, Sinnestäuschungen,

Personenverkennung oder geistige Schwächeerscheinungen noch wochen- und

monatelang fortbestehen können; andre Male besteht dann noch eine

gewisse trübe Stimmung oder aber eine manieähnliche, meist alberne und

läppische Erregung. Diese Zwischenzustände mit gehobener oder

herabgesetzter Stimmung können viele Monate ganz gleichmäßig anhalten,

so daß der Gedanke an dauernde Geistesschwäche sich immer wieder

aufdrängt, und es kann doch noch völlige Heilung eintreten, die sich

durch allmähliches Schwinden der krankhaften Erscheinungen,

Wiedererwachen des Interesses für die Außenwelt und des Urteils über

fremde und persönliche Verhältnisse andeutet Die Erinnerung an den

Vorstellungsinhalt der kranken Zeit kann nach schwerer Verwirrtheit ganz

fehlen, in andern Fällen erstreckt sie sich nur auf die wichtigsten

Vorgänge, in vielen umfaßt sie in überraschender Weise auch die

kleinsten Einzelheiten. Die Besserung wird gewöhnlich durch

entschiedenes Steigen des Körpergewichts angezeigt, das um so schneller

erfolgt, je rascher und glatter die Heilung verläuft. Von ungünstigen

Ausgängen kommt am seltensten der Tod vor, durch Selbstmord oder durch

Erschöpfung infolge von sehr großer Unruhe bei mangelhafter körperlicher

Widerstandskraft. Ein Teil der Fälle führt zu chronischer Verwirrtheit

oder zu tiefer Verblödung, indem das geistige Leben sich nicht mehr aus

dem Darniederliegen oder aus der Verwirrung der Assoziationen erholt.

Rückfälle kommen auch nach völliger, zuweilen langdauernder Genesung auf

Grund erblicher Anlage und bei wiederholtem Einwirken der

Krankheitursachen vor. Nicht selten ist bei Mädchen in der Pubertät das

Wiederauftreten der Amentia, besonders in der Form der reinen

Verwirrtheit ohne oder mit spärlichen Sinnestäuschungen jedesmal zur

Zeit der Menses. Nach einer Reihe von Monaten pflegt hier bei

zweckmäßiger Allgemeinbehandlung und bei Anwendung der Bettruhe während

der Menses die Heilung einzutreten.

Die =Diagnose= ist nach dem Gesagten gegenüber der Melancholie und Manie

nicht schwierig, wenn man die schwere Störung der Auffassung, die

Verwirrtheit und das Verhalten der Stimmung und der Sinnestäuschungen

beachtet: dort die primäre Anomalie der Stimmung, hier die primäre

Verwirrtheit und das Überwiegen selbständiger Sinnestäuschungen. Der

Pseudostupor ist durch den gespannten Ausdruck, der die verborgenen

Vorstellungen und Sinnestäuschungen andeutet, der demente Stupor durch

das Fehlen jeder Affektbetonung von der regungslosen, schmerzlichen

Spannung mancher Melancholischen genügend unterschieden. Am

schwierigsten ist oft die Unterscheidung von der =Katatonie=; auch hier

ist besonders auf das Verhalten der Auffassung Wert zu legen, die bei

den Katatonischen gewöhnlich sehr gut erhalten ist, so daß sie über Ort,

Personen und Zeit orientiert bleiben. Auch fehlen bei der Verwirrtheit

die ausgeprägten motorischen Zeichen der Katatonie.

Nicht selten entsteht die akute Verwirrtheit in einer ihrer Formen bei

=Epileptischen=, es muß daher stets nachgeforscht werden, ob früher

epileptische Anfälle vorgekommen sind. Damit wird die Vorhersage, die

sonst eine recht günstige ist, außerordentlich trübe, weil, abgesehen

von dem schweren Grundleiden, die Verwirrtheitzustände besonders bei

schweren Fällen von Epilepsie vorkommen.

Endlich muß man sich daran erinnern, daß auch die Dementia paralytica

mit Verwirrtheit einsetzen kann. Einen Wink in dieser Richtung gibt ein

dann meist vorhandenes Mißverhältnis zwischen dem Grade der Verwirrtheit

und dem Affekt oder der Masse der Sinnestäuschungen; die Entscheidung

erfolgt auf Grund der motorischen Störungen der Dementia paralytica.

=Behandlung.= Für die Behandlung der Verwirrtheit ist der Aufenthalt in

einer Heilanstalt fast stets nur mit Schaden zu umgehen. In der

gewohnten Umgebung läßt sich weder die völlige äußere Ruhe, die für den

Kranken das Hauptbedürfnis ist, noch die notwendige, Tag und Nacht

fortgesetzte Überwachung ohne Beunruhigung des mißtrauisch-ängstlichen

Kranken durchführen. Das verdunkelte Bewußtsein des Kranken scheint

planmäßige Selbstbeschädigung kaum zuzulassen, dennoch ist in manchen

Fällen alles Denken darauf gerichtet, während in anderen ganz

unvorbereitet triebartige, oft durch die Angst hervorgerufene Handlungen

gefährlichster Art unternommen werden. In der Anstalt findet wie in

allen akuten Geisteskrankheiten auch hier die Bettbehandlung die

wesentlichste Anzeige, und daneben, zumal in den erregten Formen, die

=Opium=- oder =Kodeinkur= in der auf Seite 58 geschilderten Weise. Nur

in den schweren, mit manieähnlicher Aufregung verbundenen Fällen, ist

das =Skopolamin= (vgl. S. 61) nicht zu entbehren; hier kann es im

Notfall auch subkutan gegeben werden. Die Einspritzung unter die Haut

ist überhaupt bei der Verwirrtheit oft nicht zu entbehren, weil die

Kranken nicht zum Einnehmen zu bewegen sind. Bei den mit Blutandrang zum

Kopf verbundenen Fällen gibt man allein oder mit einem der genannten

Mittel zusammen Ergotin, 0,2 zwei- bis dreimal täglich; bei den

stuporösen Kranken empfehlen sich kleine Kampfergaben, 0,05-0,1 dreimal

täglich, bei Pseudostupor gleichzeitig mit Kodein oder Opium. Die

Bäderbehandlung (vgl. S. 57) ist sehr wichtig, sie muß natürlich bei

erregten und ängstlichen Kranken mit großer Rücksicht auf das Befinden

durchgeführt werden, stellt aber dann ein vortreffliches

Beruhigungsmittel dar. Sehr wichtig sind auch gegen die Genesung hin je

nach der Art des Falles beruhigende, die Stimmung lindernde Vollbäder

von 32-34°C oder anregende Halbbäder von 28-30°C. Wo Wahnvorstellungen

und Sinnestäuschungen ganz geschwunden sind und nur noch Verstimmung,

Abspannung u. dgl. bestehen, habe ich sehr wohltätige Wirkungen von

sanfter Galvanisation des Kopfes gesehen, quer durch die Schläfen oder

von der Stirn zum Nacken, Elektrodenplatten von 5×10 cm, mit Moos oder

Filz gepolstert, mit heißem Wasser gut durchfeuchtet, Stromstärke 2 bis

4 M.-A., bei sorgfältigem Einschleichen und strenger Vermeidung von

Stromschwankungen und Unterbrechungen, täglich ein oder zweimal je drei

Minuten lang. Daneben ist immer das körperliche Befinden sehr zu

berücksichtigen, namentlich sind Blutarmut, Verdauungstörungen,

Verstopfung u. dgl. nach den Regeln der inneren Medizin zu behandeln.

Oft ist die Sondenfütterung nicht zu umgehen. Die Menstruationstörungen

bessern sich mit der Krankheit zugleich. Nach der Genesung schiebt man

zweckmäßig zwischen Anstaltspflege und Rückkehr in die Familie einen

ruhigen Aufenthalt auf dem Lande, an der See usw. ein. Die mit

Verblödung endenden Fälle bedürfen der dauernden Anstaltspflege, damit

durch Gewöhnung und Erziehung soviel wie möglich von einem

menschenwürdigen Dasein erhalten werden kann.

Kompendium der Psychiatrie für Studierende und Ärzte · 第 26 / 133 题