X. Allgemeine Behandlung der Geisteskranken.

Die erste Aufgabe des Arztes bei der Behandlung eines Geisteskranken

bilden die Beseitigung der Ursachen und der fortwirkenden

Schädlichkeiten, die Herstellung körperlicher und geistiger Ruhe, die

Besserung des körperlichen Befindens nach den Grundsätzen der inneren

Medizin. Wo in den häuslichen oder örtlichen Verhältnissen Quellen der

Beunruhigung vorhanden sind, ist ein Ortswechsel ratsam, aber nur, wo er

wirklich das Gewünschte schafft. Reisen mit ihren unvermeidlichen

Anstrengungen und den meist geradezu schädlichen Zerstreuungen werden

leider nur zu oft zum Schaden der Kranken verordnet. Namentlich bei

Depressionszuständen wirken sie auf die Dauer immer schädlich. Von

Kurorten und Heilanstalten sind alle die von vornherein ungeeignet, die

großen Verkehr bieten oder körperlich angreifen (Kaltwasserbehandlung,

schematische Stoffwechselkuren u. dgl.). In vielen Fällen ist es durch

die Schwere der Erscheinungen den Angehörigen ohne weiteres klar, daß

der Kranke einer Irrenanstalt übergeben werden muß; der Arzt hat die

Pflicht, die vielfach noch herrschenden Vorurteile zu bekämpfen und,

wenn er selbst noch solche hat, sich durch den Besuch guter Anstalten

von den wirklichen Verhältnissen zu überzeugen. Es ist einfacher

Aberglaube, daß eine Irrenanstalt von einer Herde tobender »Verrückter«

bevölkert sei. In Wahrheit bietet sie dem Kranken Ruhe, unscheinbare

Aufsicht und damit größere Freiheit als das Privathaus, sachverständige

und wohlwollende Behandlung und alles übrige, wie es seinem Zustande

entspricht. Das Ideal der Irrenheilanstalt ist die Ähnlichkeit mit einem

guten Krankenhause.

Dem chronisch Kranken und dem unheilbaren oder geistig tiefstehenden

Irren bietet die Anstalt Ablenkung und gute Gewöhnung durch

Beschäftigung, Anregung, Verkehr und Vorbild; die von Geburt an

Schwachsinnigen finden in besonderen Anstalten auch Ausbildung und

Unterricht. =Notwendig= ist die Anstaltsbehandlung überall da, wo der

Kranke sich selbst und seine Umgebung gefährdet, also in allen akuten

Geistesstörungen, sofern sie nicht in wenigen Tagen oder Wochen

verlaufen, und in chronischen Fällen bei Paranoiakranken mit schweren

Wahnvorstellungen oder mit so verändertem Vorstellungsinhalt, daß

dadurch ihr Verkehr in der Freiheit erschwert wird, ferner bei

Paralytikern mit Erregung oder mit erheblicher geistiger oder

körperlicher Schwäche, endlich bei Hypochondrischen mit Lebensüberdruß.

Imbezille und Idioten sollten regelmäßig so lange in Anstalten

untergebracht werden, bis sie soweit wie möglich ausgebildet sind oder

sich als harmlos erwiesen haben, weil gerade die unerzogenen höher

stehenden Imbezillen die sichersten Rekruten der Verbrecher- und

Landstreicherarmee sind.

Die Verbringung in die Anstalt wird erleichtert, wenn man dem Kranken

ruhig aber bestimmt die Notwendigkeit vorstellt oder durch

Achtungspersonen, den Arzt usw., vorstellen läßt. Im Notfall erspart der

Hinweis auf eine bereitstehende Übermacht von Helfern häufig die

tatsächliche Gewaltanwendung. Für die Dauer der Überführung können

Narkotika (s. u.) sehr wertvoll sein.

Unter den übrigen Hilfsmitteln ist für akute Geisteskrankheiten und für

die Erregungszustände chronischer Störungen die =Bettbehandlung= seit

langer Zeit als das beste erkannt. Man läßt den Kranken wochen- und

nötigenfalls monatelang in einem freundlichen Raume unter anderen

Patienten und unter der nötigen Aufsicht und Bedienung das Bett hüten.

Oft genügt das Mittel, um Beruhigung zu schaffen, häufig muß die

Bettbehandlung durch =Bäder= oder durch =Arzneimittel= unterstützt

werden. In manchen Fällen ist es besser und auch dem Kranken angenehmer,

wenn er stunden- oder tageweise im Einzelzimmer =isoliert= wird. Die

Isolierung ist früher viel mißbraucht worden; man sperrte den Irren in

eine Zelle und kümmerte sich möglichst wenig um ihn. In guten Anstalten

ersetzt man die Zelle durch ein Zimmer, das allerdings für schwere

Aufregung- und Verwirrtheitszustände glatte Wände haben und ohne andere

Möbel als Matratze u. dgl. sein muß, gut gelüftet und nach Bedarf mit

Licht versehen und genügend beaufsichtigt wird, um dem Kranken das

Gefühl der »Einsperrung« zu nehmen und seine Wünsche nach Möglichkeit zu

befriedigen, und außerdem betrachtet man die Isolierung als Notbehelf

mit der Verpflichtung, sie sobald wie möglich mit dem gemeinsamen

Aufenthaltsraum zu vertauschen.

Als =Bäder= zur Beruhigung gibt man Vollbäder von 34 bis 32°C, viertel-

oder halbstündig, bei Neigung zu Kopfkongestionen mit kalten Umschlägen

auf den Kopf verbunden. Bei schweren Aufregungszuständen und bei

schwerer Depression bewähren sich als bestes Beruhigungs- und

Schlafmittel die =Dauerbäder=, mehrstündiges oder tagelanges Verweilen

in lauem Bade, natürlich unter genauer Aufsicht, oder als Ersatz dafür

feuchtwarme Einpackungen des ganzen Körpers. Die =Dauerbäder= haben sich

in vielen Anstalten als ein vortreffliches Mittel erwiesen, die

=Isolierung= so gut wie =überflüssig= zu machen! =Halbbäder=,

=Brausebäder=, feuchtwarme =Einpackungen= und nasse =Abreibungen= des

ganzen Körpers benutzt man im weiteren Verlauf und bei chronischen

Krankheiten als mildes Anregungsmittel, bei bestimmten Anzeigen auch

Sitzbäder. Alle angreifenden Wasserkurmethoden, kalte Bäder, kräftige

Duschen usw. sind zu verwerfen.

Von =Arzneimitteln= sind zunächst die narkotischen Mittel zu nennen. Das

älteste, das bei gewissen Krankheiten geradezu heilend wirkt, ist das

=Opium=. Sein mildernder Einfluß auf trübe Affekte, Angstzustände,

krankhafte Reizbarkeit, nicht selten auch auf motorische Erregungen, auf

Schmerzen und Schlaflosigkeit macht es zu einem der wichtigsten Teile

des irrenärztlichen Heilschatzes. Als Heilmittel wird es kurmäßig in

fortgesetzten, allmählich steigenden und dann langsam wieder fallenden

Gaben angewendet bei Melancholie, akuter Verwirrtheit, Hysterie,

Epilepsie, Zwangszuständen, Neurasthenie, symptomatisch auch bei anderen

Krankheiten. Die gebräuchlichsten Formen sind Opium purum,

Opiumtinktur, DOWERsches Pulver, Kodein[2] und Morphium.

Die =Opiumkur= und die =Kodeinkur= werden in der Weise vorgenommen, daß

man regelmäßig über den Tag verteilte Gaben in allmählich steigender

Größe gibt und nach Erreichung der für den vorliegenden Fall

ausreichenden Gabe ebenso allmählich wieder mit der Dosis herabgeht. Es

handelt sich also nicht um die gelegentliche Anwendung des Arzneimittels

zum Zwecke der Beruhigung oder Schmerzstillung, vielmehr macht man von

der durch alte Erfahrung festgestellten Wirkung des Opiums Gebrauch, daß

es mit der Zeit eine Beruhigung, und zwar oft eine bleibende Beruhigung

zumal der Teile des Gehirns hervorruft, die als Träger der krankhaften

Affekte dienen. Mit der Beruhigung zugleich, oft ohne daß die Kranken

irgend eine direkt narkotische Einwirkung merken, tritt eine Kräftigung

und Gesundung des Zentralnervensystems ein. Daher der alte Spruch: Opium

mehercle ac sedat ac excitat. Ob zugleich eine direkte trophische

Wirkung ausgeübt wird, mag dahingestellt bleiben. Jedenfalls sind die

Folgen der Kur für das Gehirn ausgezeichnet gute. Von den

Opiumalkaloiden scheint nur das =Kodein= ebenso günstig einzuwirken, es

steht aber dem Opium an Kraft der Wirkung nach und verdient daher

besonders in den leichteren Fällen Anwendung. Auf das =Morphium= in

systematischer Anwendung verzichtet man am besten ganz, da es die

Gehirnernährung jedenfalls nicht fördert und immer die große Gefahr der

Gewöhnung mit sich bringt, die bei Opium und Kodein bei verständigem

Vorgehen nicht vorliegt.

Man gibt das Opium am besten in Pillen oder in Tablettenform, zunächst

zu 0,05 pro dosi, morgens und abends eine Dosis, immer bei gefülltem

Magen, also zum Schluß einer Mahlzeit. Bei kräftigeren Kranken kann man

auch mit 0,1 anfangen. Jeden dritten oder vierten Tag legt man eine

Pille oder Tablette zu, so daß bald dreimal, dann viermal, dann fünfmal

täglich eine Pille genommen wird; dann läßt man dreimal täglich zwei

nehmen (oder dreimal täglich eine von doppeltem Gehalt) usw. So fährt

man fort, bis die Tagesgabe auf 1,0 Opium purum gestiegen ist.

Gewöhnlich macht sich schon bei 0,5 ein lindernder Einfluß auf die

Beschwerden, die trübe Stimmung usw. geltend, aber es ist durchaus

verfehlt, dann mit der Kur aufzuhören oder zurückzugehen. Die

Heilwirkung beginnt, wenn es sich um die Höhe der Krankheit handelt,

immer erst bei mindestens 1,0 pro die. Nur in der Nachlaßzeit einer

Krankheit, z. B. einer Melancholie, oder bei einem leichteren Rückfall,

kommt man manchmal mit 0,5 aus. Wer die Kuren regelmäßig auf so kleine

Dosen beschränkt, lernt nie die eigentliche Kurwirkung kennen; darauf

gründen sich viele absprechende Urteile, die man hier und da hört. In

den meisten Fällen muß man bei Frauen auf 1,4, bei Männern auf 1,6 pro

die steigen, um wirklich glatte Heilung ohne Rückschläge zu erzielen.

Man erreicht diese Höhe gewöhnlich in 5-6 Wochen. Schnelleres Vorgehen

bringt gewöhnlich einige Störungen des Appetits und des Befindens mit

sich; die Kranken sind dann bei der höheren Dosis noch nicht genug an

die vorige gewöhnt und bekommen eingenommenen Kopf, Müdigkeit, schlaffes

Gefühl u. dgl., während bei langsamerem Vorgehen oft alle solche

Nebenerscheinungen ausbleiben. -- Bei vielen Kranken äußert das Opium

seine stopfende Wirkung gar nicht oder nur in den ersten Tagen; bei

anderen muß man sie durch abendliche Gaben von Rhabarber, Phenalin,

Cascara sagrada oder durch morgens verabreichtes Bitterwasser usw.

ausgleichen. Die Verstopfung führt oft auch Übelkeit und sogar Erbrechen

mit sich und muß daher sorglich bekämpft werden. Treten doch solche

Zufälle ein, so geht man für einen oder mehrere Tage um ein geringes in

der Dosis zurück. Niemals darf man aus solchem oder aus einem anderen

Grunde plötzlich das Opium aussetzen, denn dann treten Durchfall,

Angegriffenheit, Ziehen und Schmerzen in den Gliedern, Schlaflosigkeit

usw. auf. Kranke mit besonderer Empfindlichkeit, bei denen

Schwindelgefühl, Eingenommenheit usw. auftreten, läßt man zweckmäßig die

Opiumkur im Bett gebrauchen, was ja oft auch ohnehin zum Heilplan

gehört. Die meisten Menschen können aber die Kur sehr wohl im Umhergehen

durchführen, viele sogar, wenn es ihr sonstiges Befinden erlaubt (wie

z. B. die Kranken mit Zwangsvorstellungen) ihrer gewohnten Tätigkeit

nachgehen, so wenig greift die Kur bei der fortschreitenden Gewöhnung in

den Allgemeinzustand ein. Am ehesten findet man zu Anfang

Schwierigkeiten, aber mit etwas Geduld und langsamem Vorgehen kann man

sie wohl ausnahmslos überwinden. Bei Kranken, die weder Pillen noch

Tabletten schlucken können, gibt man die Tinctura Opii simplex, mit

dreimal täglich 10 Tropfen (= 0,05 Opium purum) beginnend, ganz in

derselben Weise. Die subkutane Anwendung von Extractum Opii aquosum ist

wegen der Zahl und Menge der Einspritzungen nicht zu empfehlen.

Nur bei widerstrebenden Kranken rate ich, mit Morphium- oder

Kodeineinspritzungen zu beginnen und zur innerlichen Anwendung von Opium

oder Kodein überzugehen, sobald durch die fortschreitende Kur der

Widerstand gelöst ist. -- Ist man zu der höchsten Tagesdosis gelangt und

hat über die schon vorher eintretende Beruhigung hinaus einen freien,

ruhigen Zustand erreicht, der vielleicht ein wenig durch die etwas müde

und apathisch machende Wirkung der großen Dosis getrübt ist, so geht man

ebenso allmählich, wie man gestiegen ist, mit der Medizin zurück. Ich

bin öfters in sehr schweren und hartnäckigen Fällen auf 2,0 Opium pro

die gestiegen, halte es aber jetzt für zweckmäßiger, nicht über 1,6

hinauszugehen und lieber auf dem halben Rückwege oder einige Wochen nach

Ablauf der ersten Kur ein zweites Ansteigen folgen zu lassen. Das hat

sich namentlich bei jahrelanger Melancholie, bei Zwangsvorstellungen von

jahrzehntelanger Dauer und schweren eingewurzelten Neurasthenien

bewährt. -- Manchmal werden die Kranken während der Kur durch lebhaftes

Träumen oder durch häufiges Zusammenzucken, besonders beim Einschlafen

oder im Schlaf, belästigt. Man gibt dagegen zweckmäßig abends 1,5 Natr.

bromatum in Wasser, Milch oder Baldriantee. Aber alle Beschwerden sind

geringfügig im Vergleich mit den oft wunderbaren, in so kurzer Zeit

eintretenden Dauererfolgen! Die meisten Kuren sind in drei Monaten

völlig abgeschlossen.

Die =Kodeinkur= verläuft ganz entsprechend. Man beginnt hier mit 0,02

dreimal täglich und steigt jeden dritten oder vierten Tag um 0,02 und

weiterhin um etwas größere Mengen, bis man auf 1,0 Codeinum phosphoricum

pro die gekommen ist. Dann geht man wieder ebenso langsam zurück. Das

Kodein hat vor dem Opium den Vorzug, daß es den Stuhlgang weniger

beeinflußt und fast immer ganz unbemerkt vertragen wird. Aber wie gesagt

reicht es in den schwereren Fällen nicht aus. Auch verdient der höhere

Preis für viele Fälle Beachtung. -- Abgesehen von der kurmäßigen

Anwendung eignet sich das Kodein sehr als =gelegentliches=

Beruhigungsmittel, in Gaben von 0,03-0,05 ein oder mehrmals täglich.

Bei =Aufregungszuständen= werden die Opiate durch das =Skopolamin=

(früher Hyoszin genannt) übertroffen. Nach dem Vorgange von SOHRT habe

ich es 1887 in Deutschland eingeführt[3], und zahlreiche Beobachter

haben es als ein sehr sicher wirkendes und bei vernünftiger Anwendung

unbedenkliches Mittel erkannt. Schwerere Bewußtseinstörungen,

Trockenheit im Halse, taumelnder Gang und Kollaps sind namentlich von

solchen Beobachtern mitgeteilt worden, die das Skopolamin =subkutan=

angewendet hatten. Man hat deshalb die subkutane Anwendung auf die

seltensten Fälle zu beschränken, wo augenblickliche Einwirkung nötig und

der Kranke nicht zum Einnehmen zu bewegen ist; als Dosis genügt meist

0,0002-0,0005 des offizinellen Scopolamin. hydrobrom. Die innerliche

Verabreichung der fast geschmacklosen wässrigen Lösung bewirkt niemals

andere Vergiftungserscheinungen als eine gewisse Trockenheit im Halse,

die nach dem Aussetzen des Mittels oder bei kleineren Gaben alsbald

verschwindet und ganz bedeutungslos ist. Besondere Empfehlung verdient

das Skopolamin bei Manie und bei den Erregungen der Katatoniker,

Epileptiker und Paralytiker, wo man es auch längere Zeit hindurch ohne

Schädigung der Ernährung anwenden kann. Ein Schlafmittel für Gesunde ist

es nicht. Man gibt innerlich 0,0003-0,0005-0,001-0,002 zweimal täglich.

Als Ersatzmittel für das Skopolamin ist das =Duboisinum sulfuricum=,

0,001-0,002 subkutan, empfohlen worden, es hat aber keine Vorzüge davor.

Ein gutes Beruhigungs- und Schlafmittel für viele Fälle ist das harmlose

=Paraldehyd=, wovon man 3,0-5,0-8,0 in einem Weinglas voll Wasser mit

oder ohne Himbeersaft wohlgeschüttelt verabreicht; nur der üble

Geschmack und Geruch, der sich in der Atemluft einen Tag lang erhält,

hindern oft seine Anwendung. Der letztere Nachteil fehlt dem ebenfalls

sehr wirksamen und unbedenklichen, aber schlecht schmeckenden

=Schlafmittel Amylenhydrat=, das man zu 2,0-5,0 ebenso wie Paraldehyd

einnehmen läßt. Ohne üblen Geschmack und Geruch sind =Sulfonal= und

=Trional=, zu 1,0-2,0-3,0 in heißen Flüssigkeiten gelöst besonders

wirksam; bei =dauernder= Anwendung führen sie zuweilen zu

lähmungsartiger Schwäche der Beine und zu Hämatoporphyrinurie (mit

Rotfärbung des Harns), doch lassen sich die Gefahren vermeiden, wenn man

beachtet, daß eine genügende Gabe oft noch für die folgende Nacht

nachwirkt, und daß man gelegentlich mit dem Mittel wechseln muß. Die

empfohlene Anwendung als Beruhigungsmittel bei akuten Psychosen, zu 0,5

viermal täglich, wird man am besten vermeiden. Viele Vorzüge vor den

genannten Schlafmitteln hat das =Dormiol=, das in Gaben von 2,0-4,0 und

mehr des Dormiolum solutum 1:1 in wässriger Lösung gegeben wird; es

wirkt auch tagsüber beruhigend und ist ganz unschädlich. Von

ausgezeichneter Wirkung als Schlafmittel und als Beruhigungsmittel ist

das =Veronal= MERCK, wovon man abends 0,5-1,0, ausnahmsweise auch

1,5-2,0 gibt, tags zur Beruhigung 0,25-0,5, als Pulver oder in

Tablettenform. Als Schlafmittel bei einfacher Schlaflosigkeit ist das

=Hedonal= zu empfehlen, 1,0-2,0 in Tabletten (zu 0,5 und 1,0).

Durch die genannten Mittel ist das =Chloralhydrat= aus den

Irrenanstalten stark verdrängt worden, weil es im ganzen unsicherer

wirkt, bei Herz- und Gefäßerkrankungen gefährlich ist und bei längerem

Gebrauch Magenstörungen und Blutandrang zum Kopf, fliegende Gesichtsröte

u. dgl. herbeiführen kann.

Dagegen haben die =Bromsalze= ihren Ruf als beruhigendes und

schlafmachendes Mittel immer mehr befestigt. Das Brom setzt die

Erregbarkeit der motorischen kortikalen und subkortikalen Zentren und,

wie mir scheint, die Empfindlichkeit für gewisse undeutliche

Organgefühle herab; auf die Affekte und die Vorstellungen an sich hat es

nicht den Einfluß wie z. B. die Opiumpräparate. Darum versagt es bei den

akuten Psychosen, bei rein geistigen Zwangsvorstellungen und bei manchen

Angstzuständen, während es bei Reizvorgängen in den Geschlechtsorganen,

bei Schlaflosigkeit durch unangenehme Empfindungen in den peripherischen

Teilen, bei vielen neurasthenischen Zuständen und namentlich bei

Epilepsie durch kein anderes Mittel übertroffen wird. Manchmal läßt es

periodische Aufregungszustände gar nicht zur Entwicklung kommen; man

gibt dann einige Tage lang große Dosen, 12,0-15,0 täglich, dann langsam

weniger, während man bei den vorher genannten Zuständen zweckmäßig mit

kleinen Gaben, 0,5-1,0-2,0 ein- oder mehrmals täglich, anfängt und nur

beim Ausbleiben der Wirkung größere Mengen gibt. (Die kurmäßige

Anwendung bei der Epilepsie ist im zweiten Buch IV, 5 geschildert.) Man

verwendet meist Bromkalium. Besser ist, weil es bei gleicher Wirkung den

Magen viel weniger angreift, das Bromnatrium, in reichlich Wasser

gelöst; gut ist auch das ERLENMEYERsche kohlensaure Bromwasser, das in

1000 Teilen 5,0 Bromkalium, 5,0 Bromnatrium und 2,5 Bromammonium

enthält, und dasselbe in billigerer, bequemer mitzuführender Form:

SANDOWS brausendes Bromsalz, wovon ein Meßglas 1,2 Bromkalium, 1,2

Bromnatrium und 0,6 Bromammonium enthält. Für längere Anwendung eignet

sich sehr das =Bromipin=, in 10%iger Lösung tee- bis eßlöffelweise

innerlich, in 33-1/3%iger Lösung innerlich in Kapseln zu 2,0 oder

subkutan gegeben. Es wird auch von Kindern sehr gut vertragen und meist

gern genommen; es erzeugt niemals Vergiftungserscheinungen, auch keine

Bromakne, und wirkt vorzüglich bei Epilepsie, bei nervösen

Mißempfindungen, bei fortgesetzter Unruhe nervöser Kinder usw.

Ein wertvolles Schlafmittel, zumal bei verblödeten Kranken, ist der

=Alkohol=, zumal in Form von Bier. Die dunklen, würzreichen, sog.

schweren Biere (Kulmbacher, Nürnberger, Porter) wirken am besten,

gewöhnlich genügt 1/2 oder 1 Flasche. Bei akuten Psychosen und bei

Neurasthenie scheint es besser den Alkohol zu vermeiden.

Häufig entfalten die neueren =Nervina=, besonders Citrophen (1,0),

Kryofin (0,5), Pyramidon (0,5), Acetanilid (0,5), Salipyrin (1,0) eine

deutlich schlafmachende Wirkung, die namentlich zur Abwechslung mit

anderen Mitteln ausgenutzt zu werden verdient.

Bei =Myxödem= und =Kretinismus= wirken die Schilddrüsenpräparate

spezifisch.

Die =Elektrizität= hat bei Geisteskrankheiten noch nicht die genügende

Prüfung erfahren. Wertvoll ist die Galvanisation des Kopfes mit

(unfühlbaren) schwachen Strömen in den Erschöpfungszuständen nach akuten

Psychosen; ich habe mich wiederholt überzeugt, daß die von den Kranken

sonst angegebene Wirkung ausblieb, wenn ich die Elektroden in der

gewohnten Weise anwendete, aber ohne Wissen der Kranken keinen Strom

hindurchschickte. In denselben Zuständen und als Anregungsmittel bei

Neurasthenischen, Hypochondern, Hysterischen usw. ist die allgemeine

Faradisation oft wertvoll.

Gegen die =Sinnestäuschungen= ist bei der Verschiedenartigkeit ihrer

Bedeutung kein bestimmtes Mittel anwendbar, aber auch im einzelnen Falle

sind die Erfolge recht gering. Einseitige Halluzinationen, die

vielleicht auf peripherischer Reizung beruhen, werden nicht selten auf

regelmäßige Gaben von Kodein (0,02-0,04 zweimal täglich) geringer und

namentlich für den Kranken weniger störend; in solchen Fällen wäre auch

die Behandlung mit der galvanischen Anode zu versuchen, wenn man nicht

wahnhafte Ausdeutung des Verfahrens zu scheuen hat. Manchmal wirken bei

(psychischen?) Halluzinationen Acetanilid, Sulfonal und andere Mittel

günstig ein.

Bei =Nahrungsverweigerung= ist die erste Verordnung die Bettruhe. Von

vielem Zureden und Drängen ist zunächst abzusehen. Man läßt neben das

Bett Getränke und zu den Mahlzeiten Speisen hinstellen; zuweilen ist es

gut, wenn man die Speisen stehen läßt und dem Kranken Gelegenheit gibt,

sie unbeachtet zu verzehren. Wenn der Kranke mehrere Tage nichts

genossen hat, wenn trotz Reinigung der Mundhöhle übler Geruch auftritt

und das täglich festgestellte Körpergewicht abnimmt, muß man mindestens

Eingießungen von Wasser in größeren Mengen oder von Milch in den Darm

oder subkutane Kochsalzinfusionen vornehmen. In den meisten Fällen,

namentlich wo es sich nicht um sehr kräftige Kranke handelt, ist es nun

aber besser, zur Ernährung durch die Schlundsonde zu greifen. Am

bequemsten und am wenigsten gewaltsam ist es, ein weiches Kautschukrohr

(JAQUES-Patent) durch die Nase einzuführen. Man ölt es gut ein und

schiebt es langsam vor. Wenn die Spitze etwa den Zungengrund erreicht

hat, benutzt man womöglich eine Schluckbewegung, um das Eindringen des

Rohrs in die Mundhöhle oder in den Kehlkopf zu vermeiden. Daß der Magen

erreicht ist, verrät sich dem am Epigastrium horchenden Ohr durch

glucksende Geräusche beim Einblasen in das obere Rohrende. Das

Eindringen in die Luftwege macht z. B. bei stuporösen Kranken wenig

Erscheinungen (am sichersten sind noch die Veränderung des Stimmklanges

und das Auftreten von Einatmungsgeräuschen an dem Rohr), während

andererseits das Atemanhalten und Pressen, das manche Kranke im

Widerstreben gegen das Verfahren durchführen, auch bei richtiger

Sondenlage Kyanose, Husten usw. hervorbringen kann. Am besten spült man

wenigstens vor der ersten Sondenfütterung den Magen aus. Je nach dem

Zustande des Kranken gießt man nun zwei oder dreimal täglich durch einen

Trichter lauwarme Milch, Milchkakao, Bouillon mit Ei, Kindermehlsuppen,

Hygiama, zerkleinerte normale Kost und darnach etwas Wein,

Salzsäurelösung usw. ein. Beim Herausziehen muß man das Rohr zudrücken,

um nicht etwa die letzten Tropfen im Rachen auszuleeren. Von Zeit zu

Zeit versucht man, den Kranken wieder zur natürlichen Eßweise zu

bewegen, aber das gelingt oft erst nach Wochen oder Monaten. Bewirkt die

Sondenfütterung regelmäßig Erbrechen, so bleibt nur das Nährklysma

übrig.

Die =Unreinlichkeit= der Kranken, die vom einfachen Untersichlassen des

Harns oder Stuhlgangs bis zu der Neigung zum Kotessen und Kotschmieren

wechselt, sucht man durch reinliche Gewöhnung und regelmäßiges Erinnern

an die Verrichtungen zu bekämpfen. Häufig wirkt für alle Formen als

Ursache der Reiz von Kotanhäufungen im Dickdarm; sorgt man durch

Rizinusöl und Darmausspülungen für tägliche Entleerung, so hören häufig

Enuresis usw. auf, auch gegen die Verunreinigungen, die auf Blasen- und

Darmanästhesie oder Lähmung beruhen, ist im ganzen wenig Besseres zu

machen. Bei Blasenschwäche ist es wichtig, die Kranken regelmäßig etwa

alle anderthalb Stunden zum Urinieren aufzufordern, damit keine

Überdehnung der Blase und damit weitere Inkontinenz eintritt. In

einzelnen Fällen nützt die sonst übliche Behandlung der Enuresis mit

Blasenausspülungen, Ergotin, Atropin und vielleicht noch öfter die mit

Antipyrin (1,0 dreimal täglich).

Die Neigung zum Kotschmieren ist übrigens ebenso wie die zu

=Zerstörungen= der Kleidung usw. häufig nur die Folge fortgesetzter

Isolierung und mangelnder Ablenkung. Bei leichter Beschäftigung und beim

Zusammensein mit anderen ist die Gelegenheit dazu viel weniger günstig.

Bettruhe und Dauerbäder sind oft sehr wirksam dagegen. Wo triebartige

Handlungen dazu veranlassen, bringt oft das Hyoszin Besserung.

Die =Onanie= bekämpft man, wo sie selbständige Bedeutung hat und nicht

als Begleiterin von Angst oder Bewußtseinstrübung auftritt, mit kühlen

Sitzbädern (25°C, am besten vormittags) und mit kleinen Bromgaben.

Eine der schwersten, aber in zahllosen Fällen erfolgreiche Aufgabe der

Irrenbehandlung ist die Verhütung des =Selbstmordes= (vgl. S. 51). Wo

die Neigung dazu hervorgetreten ist, muß der Kranke Tag und Nacht

beaufsichtigt werden. Es genügt nicht, daß etwa nachts ein Pfleger oder

eine Pflegerin neben dem Kranken schlafe, sondern es muß wirklich

gewacht werden. Ein Taschentuch, ein Strumpfband genügen, um sich damit

zu erdrosseln, ein Riemen oder ein Hosenträger, um sich aufzuhängen,

eine Glasscherbe oder ein Nagel, um sich die Adern zu öffnen, eine

Handvoll Sand, Roßhaar od. dgl., um sich den Schlund auszustopfen. Man

hat zeitweise geglaubt, durch Anlegen der =Zwangsjacke= (einer hinten zu

schließenden Jacke, deren blind endigende Ärmel durch Bänder quer über

die Brust gezogen und hinten zusammengebunden werden) den Selbstmord

hindern zu können, aber auch damit sind Selbstbeschädigungen nicht

auszuschließen: der Kranke rennt mit dem Kopfe gegen die Wand, beißt

sich Zunge und Lippen ab usw. Die Zwangsjacke wäre daher in der Anstalt

höchstens noch in solchen Fällen unentbehrlich, wo chirurgische

Krankheiten die Ruhestellung verlangten (und Gipsverbände nicht

ausreichen sollten): sie müßte dann zugleich am Bett befestigt werden.

Ebenso trifft man die =Zwangshandschuhe=, feste lederne Handschuhe, die

am Handgelenk mit Schrauben geschlossen werden, unzerreißbare, hinten zu

verschraubende Kleider usw. um so weniger, je besser die Anstalt ist,

und je weniger verwahrlost die Kranken dahin gelangt sind.

* * * * *

Die =geistige Behandlung= der Irren ist nicht weniger wichtig als die

körperliche. Der Irrenarzt soll dem Kranken mit Güte und Geduld, aber

auch mit strenger Aufrichtigkeit und voller Bestimmtheit

gegenüberstehen, ihm nie mit unnötigen Forderungen und Einschränkungen

entgegentreten, aber das Nötige und Geforderte planmäßig aufrecht

erhalten. Man vermeidet zwecklose Erörterungen, macht aber

gegebenenfalls kein Geheimnis daraus, daß man einen Kranken vor sich zu

haben glaube, und spricht zum Trost und zur Beruhigung aus, daß man der

erste sein werde, die vorhandene Gesundheit anzuerkennen.

Wahnvorstellungen lassen sich nicht hinwegdisputieren und ausreden, man

darf sie aber auch nicht anerkennen, wird also, wenn das Gespräch darauf

kommt, seine ruhigen Zweifel äußern oder dem Kranken andeuten, daß er

solche Mitteilungen von anderen jedenfalls früher auch bezweifelt haben

würde u. dgl. Verspottung und Verhöhnung ist selbstverständlich

verboten. Takt, Gemüt und Erfahrung werden für den einzelnen Fall die

richtigen Regeln geben.

Akut Erkrankte bedürfen vor allem der Ruhe, wie schon mehrfach

angedeutet ist. Dazu gehört auch, daß die gewohnten Beziehungen in

persönlicher und geschäftlicher Richtung ganz abgebrochen werden, bis

die sich anbahnende Genesung die vorsichtige Aufnahme des Brief- und

Besuchsverkehrs gestattet. Auch der Arzt enthält sich in der ersten Zeit

der eingehenden Einwirkung und beschränkt sich auf allgemeine Fürsorge,

gelegentlichen Zuspruch usw. In der Rekonvaleszenz akuter Störungen und

im ruhigen Verlauf chronischer Fälle ist seine geistige Hilfe um so

wichtiger. Hier heißt es, den kranken Vorstellungen neuen Halt und neue

Richtung geben, das Selbstvertrauen kräftigen oder umgekehrt die

Einfügung in die gegebenen Grenzen fördern, zu Tätigkeit und

Unterhaltung anregen. Die heutigen Irrenanstalten sind dafür mit

zahlreichen Mitteln ausgerüstet. Besondere Abteilungen je nach dem

Zustande und der gesellschaftlichen Eignung des Kranken, mannigfache

Beschäftigung in allen Richtungen des Anstaltshaushalts oder, in

besonderen Tätigkeitszweigen (Werkstätten, Modelliersäle,

Papparbeitereien usw.), namentlich aber in Landwirtschaft und Gartenbau,

wofür die neueren Anstalten eigene Ländereien besitzen, sind in dieser

Richtung besonders wichtig. Für Schwachsinnige der verschiedenen Grade

verbindet man damit noch einen eigentlichen Schulunterricht, der sich

ihrem Fassungsvermögen anpaßt, mit besonderer Rücksicht auf

Handfertigkeit und Körperübung, weiterhin regelrechte Ausbildung in

verschiedenen Handwerken, die ihnen auch nach der Entlassung aus der

Anstalt einen gewissen Erwerb sichern. Sehr wichtig für die Anregung der

Kranken sind auch Gesangstunden, gemeinsame Ausflüge und Vergnügungen.

Es ist immer wieder der Versuch gemacht worden, die Leistungen des

Arztes in der Behandlung und Pflege der Geisteskranken zu verkleinern

und diese Gebiete für den Seelsorger oder den Pädagogen zu fordern. Die

Ausführung dieses Verlangens würde einen großen Teil der Erfolge

vernichten, die das 19. Jahrhundert erzielt hat. Es ist durch

tausendfältige Erfahrung zu belegen, daß der allein richtige Standpunkt,

in dem Irren und in dem Epileptiker auch im chronischen Verlaufe den

=Kranken= zu sehen, fast nur von psychiatrisch gebildeten Ärzten

gewonnen und festgehalten wird; vom Standpunkte des Leiters hängt aber

das ganze Wesen und Wirken der Angestellten ab. Dazu kommen dann noch

die zahllosen, vielgestaltigen Anforderungen des körperlichen Wohles der

Kranken und der allgemeinen Gesundheitspflege. Bei den höher stehenden

imbezillen Kindern, die sich in ihrem Wesen den Gesunden annähern, ist

die ärztliche Anstaltsleitung meines Erachtens nicht zu erstreben,

soweit sie nicht krankhafte Richtungen im Sinne des hereditären

Irreseins zu erkennen geben. Bei den tiefer stehenden, bildungsunfähigen

oder wenig lernfähigen Idioten finden sich dagegen zahlreiche

Gesichtspunkte, die den Arzt als Leiter der Anstalt begehren lassen.

Damit ist natürlich nicht ausgeschlossen, daß Geistliche an der

geistigen Pflege unserer Kranken ernstlich teilnehmen. Die Höhestadien

und die Erregungszustände der Krankheiten verbieten allerdings diese wie

jede andere Einwirkung, aber die ruhigen Zeiten, die Perioden der

Erschlaffung, die Stunden der Beängstigungen, des Zweifels, der

Besorgnisse bieten dem einsichtsvollen Geistlichen, der sich Sachkunde

erworben hat, in der Anstalt wie in der Gemeinde vollauf Gelegenheit zu

wirklicher, helfender Seelsorge.

Kompendium der Psychiatrie für Studierende und Ärzte · 第 18 / 133 题