Der Verlauf der Geisteskrankheiten ist im Vergleich mit dem der
körperlichen Krankheiten sehr verlangsamt. Abgesehen von manchen
»transitorischen Störungen«, die sich an Epilepsie, Hysterie,
Vergiftungen anschließen, dauern auch die =akuten= Psychosen Monate,
selten nur einige Wochen lang. Dafür ist auch das Verhältnis zwischen
Krankheitsdauer und Heilbarkeit anders; die akuten Geisteskrankheiten
(Melancholie, Manie, primäre Verwirrtheit) können noch nach mehr als
einjähriger Krankheitsdauer geheilt werden, die Melancholie sogar noch
nach mehrjähriger Dauer.
Auch der Beginn ist nur selten plötzlich, selbst bei ganz schweren
körperlichen oder geistigen Ursachen. Meist geht ein =Vorläuferstadium=
vorher, in dem sich Reizbarkeit, Verstimmung, Mattigkeit,
Arbeitsunfähigkeit u. dgl. einstellen. Diese Zeichen werden, auch wenn
sie viele Wochen lang anhalten, meist nicht richtig gedeutet, und der
dann oft plötzlich erfolgende Ausbruch der =eigentlichen Krankheit=
kommt der Umgebung ganz überraschend. Auch die chronischen Krankheiten
(Paranoia, Alkoholismus, Dementia paralytica) bereiten sich vielfach
ganz ähnlich vor, wenn auch meist noch langsamer und mit etwas
bestimmteren Krankheitzeichen im Vorstadium, und erscheinen dann durch
eine plötzliche Steigerung der Erscheinungen zunächst als etwas ganz
Neues und plötzlich eingetretenes.
Auf der Höhe der Krankheit ist der Verlauf meist ziemlich gleichmäßig,
wenn auch geringe Nachlässe zwischendurch vorkommen. Erst gegen das Ende
der akuten und heilbaren Psychosen pflegen die Schwankungen stärker zu
werden, so daß sich z. B. bei der primären Verwirrtheit klare Stunden
einschieben. Bei den chronischen Krankheiten wird dagegen der ziemlich
gleichmäßige Verlauf oft durch Steigerungen (z. B. Erregungszustände,
paralytische und epileptische Anfälle) unterbrochen. Völlige
Intermissionen sind kennzeichnend für das manischdepressive Irresein.
Der Nachlaß tritt bei den ganz akuten Störungen meist ebenso schnell ein
wie der Beginn, bei den übrigen heilbaren Geisteskrankheiten fast immer
ziemlich allmählich. Häufig gehen diese durch einen Erschöpfungszustand
hindurch, wo das geistige Leben ziemlich darniederliegt und bald
depressive, bald gehobene Affekte den Kranken beherrschen, bis
schrittweise das gewohnte Gleichmaß der Stimmung und der geistigen
Vorgänge wieder hergestellt wird. Dieser Ausgang in =Heilung= tritt
durchschnittlich in etwa 40% aller Geisteskrankheiten ein, und bei etwa
75% der Geheilten ist die Genesung eine dauernde. Neben dem Zurücktreten
der abnormen Erscheinungen ist die volle Einsicht in das Krankhafte des
überwundenen Zustandes das sicherste Zeichen wirklicher Heilung.
Mangelnde »Krankheitseinsicht«, Unzufriedenheit mit der Verbringung in
die Anstalt, Abneigung gegen die damit verknüpften Personen, Furcht vor
dem Zurücktreten in die Welt sind im allgemeinen Zeichen einer
unvollkommenen Genesung; ganz gewöhnlich finden sie sich häufig in der
Zwischenzeit periodischer Störungen.
Die Aussichten auf Heilung hängen wesentlich von der Art der Erkrankung
und bis zu einem gewissen Grade von der Ätiologie ab. Erbliche Anlage
ist zuweilen ein prognostisch günstiges Zeichen, die Krankheit geht in
solchen Fällen oft besonders schnell vorüber, vielleicht, weil wegen der
erblichen Anlage verhältnismäßig geringe Ursachen hingereicht haben, sie
hervorzurufen; um so verhängnisvoller ist sie, wenn die Krankheit nicht
durch äußere Ursachen, sondern nur durch die erbliche Anlage
hervorgerufen wurde (Dementia praecox, Paranoia usw.). Die chronischen
Psychosen werden nur selten geheilt, zuweilen tritt allerdings noch ganz
unerwartet nach Kopfverletzungen oder nach schwerem Infektionsfieber
(Gesichtsrose, Typhus) Heilung ein.
Häufig ist die Genesung nicht ganz vollkommen, =Heilung= mit =Defekt=;
es bleibt bei übrigens normalem Verhalten und bei voller Einsicht für
die überstandene Krankheit eine geringe Urteilschwäche, namentlich aber
eine Beeinträchtigung der ethischen Gefühle und eine gewisse Reizbarkeit
und leichtere Ermüdbarkeit zurück. Fernerstehenden kann die Abweichung
von dem früheren Verhalten ganz entgehen, aber die Angehörigen oder die
Berufsgenossen merken den Unterschied gegen früher.
Tritt keine Heilung ein, so kann bei bestimmten chronischen
Geistesstörungen der Zustand jahre- und jahrzehnte lang ziemlich
unverändert andauern =stationär= bleiben, z. B. bei Paranoia,
Imbezillität, neurotischen Psychosen. In anderen Fällen und ebenso, wenn
akute Krankheiten ungeheilt bleiben, stellt sich eine meist
fortschreitende Abnahme der Geisteskräfte ein, =sekundärer Schwachsinn=,
in schweren Fällen bis zu völligem Erlöschen der geistigen Tätigkeit,
während die leichteren Fälle mit fließenden Übergängen an die Heilungen
mit Defekt anstoßen. In allen diesen Fällen tritt das Ende der Krankheit
erst mit dem Aufhören des Lebens ein.
Die mit Defekt Geheilten und die in mäßigem Grade schwachsinnig
Gewordenen sind es, die zu der volkstümlichen Meinung geführt haben, daß
die Heilung Geisteskranker selten Bestand habe. Sie sind in der Tat so
viel weniger widerstandsfähig geworden, daß sie schon durch
verhältnismäßig geringe Anstöße gefährdet werden und =Rückfälle=
erleiden.
Ein weiterer Teil der Geisteskranken erleidet den Tod zu einer Zeit, wo
völlige Heilung noch möglich wäre; am häufigsten durch =Selbstmord=, der
bei allen mit traurigem Affekt oder mit Sinnestäuschungen oder mit
Wahnvorstellungen verbundenen Geistesstörungen als dauernde Gefahr über
den Kranken schwebt. 1/3 aller Selbstmorde geschehen auf Grund
krankhafter Geisteszustände. Auch =Ernährungstörungen= durch
Nahrungsverweigerung oder durch unausgesetzte Unruhe der Patienten
führen nicht selten zu ungünstigem Verlauf. Die =Gehirnkrankheit= selbst
bringt nur in den schwersten Fällen von Delirium acutum, in vielen
Fällen von Dementia paralytica und von Gehirnsyphilis und nicht selten
bei Epilepsie den Tod mit sich.
Außerdem aber gibt es noch zahlreiche Wege, auf denen die
Geisteskrankheiten das Leben bedrohen. In allen schwereren
Bewußtseinstörungen liegt die Gefahr der =Schluckpneumonie= vor; bei
erregten und unsauberen Kranken entstehen im Anschluß an unvermeidliche
geringe Verletzungen sehr leicht gefährliche =Phlegmonen=; manche
körperliche Krankheiten (Knochenbrüche, Bauchfellentzündungen,
Brucheinklemmungen usw.) verlaufen ungünstig, weil die Kranken nicht zur
Ruhe und zu zweckmäßigem Verhalten zu bewegen sind; endlich sind
stuporöse, stumpfe und körperlich hilflose Kranke besonders der
Infektion mit =Tuberkulose= ausgesetzt, umsomehr, weil die daran
Erkrankten mit ihrem Auswurf nicht eben vorsichtig umgehen und dadurch
die Übertragung sehr begünstigen. Ähnlich erklärt sich die Häufigkeit
infektiöser Darmkatarrhe und Entzündungen in Irrenanstalten.