VIII. Verlauf und Ausgänge der Geisteskrankheiten.

Der Verlauf der Geisteskrankheiten ist im Vergleich mit dem der

körperlichen Krankheiten sehr verlangsamt. Abgesehen von manchen

»transitorischen Störungen«, die sich an Epilepsie, Hysterie,

Vergiftungen anschließen, dauern auch die =akuten= Psychosen Monate,

selten nur einige Wochen lang. Dafür ist auch das Verhältnis zwischen

Krankheitsdauer und Heilbarkeit anders; die akuten Geisteskrankheiten

(Melancholie, Manie, primäre Verwirrtheit) können noch nach mehr als

einjähriger Krankheitsdauer geheilt werden, die Melancholie sogar noch

nach mehrjähriger Dauer.

Auch der Beginn ist nur selten plötzlich, selbst bei ganz schweren

körperlichen oder geistigen Ursachen. Meist geht ein =Vorläuferstadium=

vorher, in dem sich Reizbarkeit, Verstimmung, Mattigkeit,

Arbeitsunfähigkeit u. dgl. einstellen. Diese Zeichen werden, auch wenn

sie viele Wochen lang anhalten, meist nicht richtig gedeutet, und der

dann oft plötzlich erfolgende Ausbruch der =eigentlichen Krankheit=

kommt der Umgebung ganz überraschend. Auch die chronischen Krankheiten

(Paranoia, Alkoholismus, Dementia paralytica) bereiten sich vielfach

ganz ähnlich vor, wenn auch meist noch langsamer und mit etwas

bestimmteren Krankheitzeichen im Vorstadium, und erscheinen dann durch

eine plötzliche Steigerung der Erscheinungen zunächst als etwas ganz

Neues und plötzlich eingetretenes.

Auf der Höhe der Krankheit ist der Verlauf meist ziemlich gleichmäßig,

wenn auch geringe Nachlässe zwischendurch vorkommen. Erst gegen das Ende

der akuten und heilbaren Psychosen pflegen die Schwankungen stärker zu

werden, so daß sich z. B. bei der primären Verwirrtheit klare Stunden

einschieben. Bei den chronischen Krankheiten wird dagegen der ziemlich

gleichmäßige Verlauf oft durch Steigerungen (z. B. Erregungszustände,

paralytische und epileptische Anfälle) unterbrochen. Völlige

Intermissionen sind kennzeichnend für das manischdepressive Irresein.

Der Nachlaß tritt bei den ganz akuten Störungen meist ebenso schnell ein

wie der Beginn, bei den übrigen heilbaren Geisteskrankheiten fast immer

ziemlich allmählich. Häufig gehen diese durch einen Erschöpfungszustand

hindurch, wo das geistige Leben ziemlich darniederliegt und bald

depressive, bald gehobene Affekte den Kranken beherrschen, bis

schrittweise das gewohnte Gleichmaß der Stimmung und der geistigen

Vorgänge wieder hergestellt wird. Dieser Ausgang in =Heilung= tritt

durchschnittlich in etwa 40% aller Geisteskrankheiten ein, und bei etwa

75% der Geheilten ist die Genesung eine dauernde. Neben dem Zurücktreten

der abnormen Erscheinungen ist die volle Einsicht in das Krankhafte des

überwundenen Zustandes das sicherste Zeichen wirklicher Heilung.

Mangelnde »Krankheitseinsicht«, Unzufriedenheit mit der Verbringung in

die Anstalt, Abneigung gegen die damit verknüpften Personen, Furcht vor

dem Zurücktreten in die Welt sind im allgemeinen Zeichen einer

unvollkommenen Genesung; ganz gewöhnlich finden sie sich häufig in der

Zwischenzeit periodischer Störungen.

Die Aussichten auf Heilung hängen wesentlich von der Art der Erkrankung

und bis zu einem gewissen Grade von der Ätiologie ab. Erbliche Anlage

ist zuweilen ein prognostisch günstiges Zeichen, die Krankheit geht in

solchen Fällen oft besonders schnell vorüber, vielleicht, weil wegen der

erblichen Anlage verhältnismäßig geringe Ursachen hingereicht haben, sie

hervorzurufen; um so verhängnisvoller ist sie, wenn die Krankheit nicht

durch äußere Ursachen, sondern nur durch die erbliche Anlage

hervorgerufen wurde (Dementia praecox, Paranoia usw.). Die chronischen

Psychosen werden nur selten geheilt, zuweilen tritt allerdings noch ganz

unerwartet nach Kopfverletzungen oder nach schwerem Infektionsfieber

(Gesichtsrose, Typhus) Heilung ein.

Häufig ist die Genesung nicht ganz vollkommen, =Heilung= mit =Defekt=;

es bleibt bei übrigens normalem Verhalten und bei voller Einsicht für

die überstandene Krankheit eine geringe Urteilschwäche, namentlich aber

eine Beeinträchtigung der ethischen Gefühle und eine gewisse Reizbarkeit

und leichtere Ermüdbarkeit zurück. Fernerstehenden kann die Abweichung

von dem früheren Verhalten ganz entgehen, aber die Angehörigen oder die

Berufsgenossen merken den Unterschied gegen früher.

Tritt keine Heilung ein, so kann bei bestimmten chronischen

Geistesstörungen der Zustand jahre- und jahrzehnte lang ziemlich

unverändert andauern =stationär= bleiben, z. B. bei Paranoia,

Imbezillität, neurotischen Psychosen. In anderen Fällen und ebenso, wenn

akute Krankheiten ungeheilt bleiben, stellt sich eine meist

fortschreitende Abnahme der Geisteskräfte ein, =sekundärer Schwachsinn=,

in schweren Fällen bis zu völligem Erlöschen der geistigen Tätigkeit,

während die leichteren Fälle mit fließenden Übergängen an die Heilungen

mit Defekt anstoßen. In allen diesen Fällen tritt das Ende der Krankheit

erst mit dem Aufhören des Lebens ein.

Die mit Defekt Geheilten und die in mäßigem Grade schwachsinnig

Gewordenen sind es, die zu der volkstümlichen Meinung geführt haben, daß

die Heilung Geisteskranker selten Bestand habe. Sie sind in der Tat so

viel weniger widerstandsfähig geworden, daß sie schon durch

verhältnismäßig geringe Anstöße gefährdet werden und =Rückfälle=

erleiden.

Ein weiterer Teil der Geisteskranken erleidet den Tod zu einer Zeit, wo

völlige Heilung noch möglich wäre; am häufigsten durch =Selbstmord=, der

bei allen mit traurigem Affekt oder mit Sinnestäuschungen oder mit

Wahnvorstellungen verbundenen Geistesstörungen als dauernde Gefahr über

den Kranken schwebt. 1/3 aller Selbstmorde geschehen auf Grund

krankhafter Geisteszustände. Auch =Ernährungstörungen= durch

Nahrungsverweigerung oder durch unausgesetzte Unruhe der Patienten

führen nicht selten zu ungünstigem Verlauf. Die =Gehirnkrankheit= selbst

bringt nur in den schwersten Fällen von Delirium acutum, in vielen

Fällen von Dementia paralytica und von Gehirnsyphilis und nicht selten

bei Epilepsie den Tod mit sich.

Außerdem aber gibt es noch zahlreiche Wege, auf denen die

Geisteskrankheiten das Leben bedrohen. In allen schwereren

Bewußtseinstörungen liegt die Gefahr der =Schluckpneumonie= vor; bei

erregten und unsauberen Kranken entstehen im Anschluß an unvermeidliche

geringe Verletzungen sehr leicht gefährliche =Phlegmonen=; manche

körperliche Krankheiten (Knochenbrüche, Bauchfellentzündungen,

Brucheinklemmungen usw.) verlaufen ungünstig, weil die Kranken nicht zur

Ruhe und zu zweckmäßigem Verhalten zu bewegen sind; endlich sind

stuporöse, stumpfe und körperlich hilflose Kranke besonders der

Infektion mit =Tuberkulose= ausgesetzt, umsomehr, weil die daran

Erkrankten mit ihrem Auswurf nicht eben vorsichtig umgehen und dadurch

die Übertragung sehr begünstigen. Ähnlich erklärt sich die Häufigkeit

infektiöser Darmkatarrhe und Entzündungen in Irrenanstalten.

Kompendium der Psychiatrie für Studierende und Ärzte · 第 16 / 133 题