Bei der Vornahme der Untersuchung wird es einen wesentlichen Unterschied
machen, ob sie einen wissenschaftlichen Zweck hat und demnach sämtliche
Hilfsmittel der Diagnostik (Kraniographie, Sphygmographie, den ganzen
neurologischen Untersuchungsapparat usw.) heranzieht, oder ob sie dem
praktischen Zwecke dient, den Geisteskranken und seine Leiden kennen zu
lernen. Das Kompendium muß seine Aufgabe auf den praktischen Zweck
beschränken.
Der Arzt hat sich dem Kranken stets unter richtiger Angabe seines
Berufes zu nähern. Gerade bei unzugänglichen Geisteskranken tut man am
besten, nicht mit seiner Absicht zurückzuhalten. Man sagt dann
vielleicht, man sei zur Untersuchung aufgefordert und werde ja leicht
die Wahrheit feststellen, sei der Betreffende krank, so werde man ihm zu
helfen suchen, andernfalls werde man für seine Gesundheit eintreten.
Ob man die körperliche Untersuchung vor oder nach Feststellung des
geistigen Befundes vornehmen will, richtet sich nach dem Einzelfall.
Manche Kranke gewinnen Ruhe und Vertrauen, wenn sie den Arzt zunächst an
die Prüfung des Aussehens, der Zunge, des Pulses usw. gehen sehen,
anderen ist das alles so unangenehm, daß man sich darauf beschränken
muß, während des Gesprächs das Äußere recht genau aus der Entfernung
wahrzunehmen und nachträglich so viel wie möglich genau festzustellen.
Selbstverständlich muß der Verkehr immer den gesellschaftlichen
Gewohnheiten des Kranken angemessen sein.
Die Betrachtung richtet sich zunächst auf den =Gesamteindruck=, ob
dieser von dem Aussehen und Verhalten anderer Menschen desselben
Standes, Alters und Geschlechts abweicht, nach der körperlichen oder
nach der geistig mehr beeinflußten Seite. Dazu gehören einerseits
Haltung, Gang, Größe usw., andererseits Gesichtsausdruck, Gebärden,
Sprechweise, Ordnung und Sauberkeit in der Kleidung (und Umgebung),
Verhalten gegen den Arzt und dessen Aufforderungen, Reaktion auf irgend
welche Reize.
Weiterhin wird die =Schädel=- und =Gesichtsform= unter Beachtung der
Entartungszeichen (vgl. S. 7), das Verhalten der Augenbewegungen, der
Pupillen, der Gesichtsinnervation (ob gespannt, zuckend, schlaff,
symmetrisch), der Zunge (ob gerade ausgestreckt, zitternd, zuckend), der
Gesichtsfarbe (bleich, gerötet) festgestellt und darauf geachtet, ob
Störungen der Sprachartikulation, des Sehens und des Hörens vorliegen.
Bei abweichendem Befunde hat dann eine genauere Untersuchung
einzusetzen.
Vom weiteren körperlichen Befunde soll stets die Untersuchung des Pulses
(und der Arterienwand), des Kniephänomens, des Halses (Kropf)
vorgenommen werden, womöglich auch die des Herzens, der Lungen, des
Urins. Wo Krampf- oder Lähmungserscheinungen, Athetose usw. vorliegen,
ist ein genauerer neurologischer Status praesens zu erheben. Die
Geschlechtsteile untersucht man, namentlich bei weiblichen Kranken, nur
auf dringenden Anlaß hin. Über Stuhlentleerung, Menstruation,
Nahrungstrieb (nötigenfalls auch über den Geschlechtstrieb), Hunger,
Durst, Schlaf, Schmerzen, Beschwerden unterrichtet man sich durch Fragen
an den Kranken und getrennt davon an seine Umgebung.
Die =geistige Untersuchung= soll womöglich ein Gesamtbild des
psychischen Zustandes etwa nach den Richtungen geben, die der
Schilderung der allgemeinen geistigen Erscheinungen im 5. Abschnitt
zugrunde gelegt sind. Es würde aber unzweckmäßig sein, sich einem
bestimmten, wohl ausgearbeiteten Schema anzuvertrauen. Man arbeitet ja
nicht mit einem toten Gegenstand, sondern man verhandelt mit einem
Kranken, noch dazu mit einem geistig abnormen, oft reizbaren,
empfindlichen, mißtrauischen und verschüchterten Menschen, den ein
unbescheidenes Ausfragen verstimmt und stutzig macht. Man muß versuchen,
seine überlegten und planmäßig die verschiedenen Seelengebiete
streifenden Fragen in das Gewand einer leichten Unterhaltung zu bringen,
die durch Teilnahme und Interesse geleitet erscheint und gelegentlich
auch durch gelindes, vorsichtiges Anzweifeln der bestehenden Ansichten,
Kenntnisse und Urteile des Untersuchten seine Äußerungen lebhafter
macht. Je besser man dies versteht, um so mehr wird man von dem
Vorstellungsinhalt erfahren.
Der einzuschlagende Weg ist natürlich verschieden je nach dem
Bildungsgrade des zu Untersuchenden, je nach der Art wie man bei ihm und
den Seinigen eingeführt ist usw. Bei den weniger gebildeten Kranken, die
die Mehrheit bilden, fragt man nach Herkunft, Alter, Lebensgang,
Stellungen, Einnahmen, Familienverhältnissen, Datum, Jahreszeiten,
Wohnung, Einzelheiten seines Wohnortes, staatlichen, geschichtlichen und
literarischen Personen und Werken, religiösen Begriffen u. dgl. m., bei
höher Gebildeten sucht man ebenfalls zunächst einen nicht gerade mit der
Krankheit zusammenhängenden Gesprächstoff zu finden, vielleicht aus
welcher Gegend der Betreffende stamme, wie lange er am Ort sei, über
frühere Begegnungen mit ihm, über Dinge seiner Neigung oder seines
Berufs u. dgl. m. Man gewinnt aus diesen Gesprächen zunächst eine
Übersicht über den =Bildungsgrad=, das =Erinnerungsvermögen=, die
=Merkfähigkeit=, und den allgemeinen =Ablauf der Vorstellungen= (ob
gehemmt oder beschleunigt, zusammenhängend, abschweifend usw.), oft auch
über die =Stimmung=, den gegenwärtig herrschenden =Affekt=, über die
=ethischen Gefühle= (gegen die Angehörigen, das Vaterland usw.). Überall
wo man etwas Auffallendes oder Abnormes entdeckt, muß man sogleich oder
später nachfassen um dadurch die Störung und ihren Umfang genau
festzustellen. Bemerkenswert ist, daß viele Geisteskranke sich
schriftlich freier äußern als mündlich, wodurch der schon bedeutende
formelle Wert der Schriftstücke noch erhöht wird.
Oft ergibt sich schon bei den anscheinend gleichgültigen Fragen und
Antworten ein Hinweis auf =Krankheitsbewußtsein=, =krankhafte
Empfindungen= und =Vorstellungen=. Wenn nicht, so pflegt dies beim
Eingehen auf die nähere Vergangenheit und auf die Gegenwart nicht
auszubleiben. Die direkte Frage »hören Sie Stimmen« ist fast immer ein
Zeichen, daß der Arzt nicht zu untersuchen versteht; sie ist nicht
unbedenklich, weil sie den Kranken oft zu Mißverständnissen, noch öfter
zur Ableugnung und zur späteren Verheimlichung veranlaßt. Fragt man
dagegen anscheinend harmlos nach dem Schlaf, der Nahrungsaufnahme, der
Arbeitsfähigkeit, nach den Beziehungen zu Angehörigen und
Fernerstehenden, nach der Zufriedenheit mit der Lebensstellung
u. dgl. m., so sind damit für viele =Sinnestäuschungen=,
=Wahnvorstellungen= und =Zwangsvorstellungen= Anknüpfungen gegeben. Den
Erfahreneren leitet manche Besonderheit im Gesamteindruck auf bestimmte
krankhafte Verhältnisse hin, andererseits erleichtert die =Anamnese=
vielfach das Vorgehen, aber sie darf nie dazu veranlassen, nun
geradenwegs auf den krankhaften Punkt loszustürzen. Wo der Kranke nicht
Auskunft geben will oder kann, muß die Feststellung des objektiven
Befundes und des Gesamteindrucks um so genauer sein. Jedenfalls läßt
sich da nichts erzwingen. Wer einen Stuporösen rüttelt, um ihn zu
lebhafterer Antwort anzuregen, verschließt ihm erst recht den Mund.
Die =Anamnese= stützt sich hauptsächlich auf die Angaben der Umgebung.
Sie schildert die Heredität, besondere Zufälle bei der Geburt, die
körperliche und geistige Entwickelung, berührt die Pubertät, zumal das
Verhalten der Menstruation, und berichtet über besondere Krankheiten,
Berufswahl, Charakterentwicklung, äußeres Schicksal, Leidenschaften,
Eigentümlichkeiten usw., dann über die vermeintliche besondere Ursache
der gegenwärtigen Krankheit, über ihren bisherigen Verlauf und über die
Behandlung. Es kann nicht genug empfohlen werden, die oft absichtlich
oder unabsichtlich falschen Berichte der Umgebung in aller möglichen Art
nachzuprüfen, um die objektive Wahrheit festzustellen!
Das so gefundene Gesamtbild wird als Geisteskrankheit beurteilt, wenn es
in eine der erfahrungsgemäß vorkommenden Krankheitsformen hineinpaßt.
Die Unsicherheit des heutigen Standpunktes verrät sich allerdings darin,
daß in Grenzfällen Zweifel über das Bestehen einer Geisteskrankheit
vorkommen können.