VII. Die Untersuchung der Geisteskranken.

Bei der Vornahme der Untersuchung wird es einen wesentlichen Unterschied

machen, ob sie einen wissenschaftlichen Zweck hat und demnach sämtliche

Hilfsmittel der Diagnostik (Kraniographie, Sphygmographie, den ganzen

neurologischen Untersuchungsapparat usw.) heranzieht, oder ob sie dem

praktischen Zwecke dient, den Geisteskranken und seine Leiden kennen zu

lernen. Das Kompendium muß seine Aufgabe auf den praktischen Zweck

beschränken.

Der Arzt hat sich dem Kranken stets unter richtiger Angabe seines

Berufes zu nähern. Gerade bei unzugänglichen Geisteskranken tut man am

besten, nicht mit seiner Absicht zurückzuhalten. Man sagt dann

vielleicht, man sei zur Untersuchung aufgefordert und werde ja leicht

die Wahrheit feststellen, sei der Betreffende krank, so werde man ihm zu

helfen suchen, andernfalls werde man für seine Gesundheit eintreten.

Ob man die körperliche Untersuchung vor oder nach Feststellung des

geistigen Befundes vornehmen will, richtet sich nach dem Einzelfall.

Manche Kranke gewinnen Ruhe und Vertrauen, wenn sie den Arzt zunächst an

die Prüfung des Aussehens, der Zunge, des Pulses usw. gehen sehen,

anderen ist das alles so unangenehm, daß man sich darauf beschränken

muß, während des Gesprächs das Äußere recht genau aus der Entfernung

wahrzunehmen und nachträglich so viel wie möglich genau festzustellen.

Selbstverständlich muß der Verkehr immer den gesellschaftlichen

Gewohnheiten des Kranken angemessen sein.

Die Betrachtung richtet sich zunächst auf den =Gesamteindruck=, ob

dieser von dem Aussehen und Verhalten anderer Menschen desselben

Standes, Alters und Geschlechts abweicht, nach der körperlichen oder

nach der geistig mehr beeinflußten Seite. Dazu gehören einerseits

Haltung, Gang, Größe usw., andererseits Gesichtsausdruck, Gebärden,

Sprechweise, Ordnung und Sauberkeit in der Kleidung (und Umgebung),

Verhalten gegen den Arzt und dessen Aufforderungen, Reaktion auf irgend

welche Reize.

Weiterhin wird die =Schädel=- und =Gesichtsform= unter Beachtung der

Entartungszeichen (vgl. S. 7), das Verhalten der Augenbewegungen, der

Pupillen, der Gesichtsinnervation (ob gespannt, zuckend, schlaff,

symmetrisch), der Zunge (ob gerade ausgestreckt, zitternd, zuckend), der

Gesichtsfarbe (bleich, gerötet) festgestellt und darauf geachtet, ob

Störungen der Sprachartikulation, des Sehens und des Hörens vorliegen.

Bei abweichendem Befunde hat dann eine genauere Untersuchung

einzusetzen.

Vom weiteren körperlichen Befunde soll stets die Untersuchung des Pulses

(und der Arterienwand), des Kniephänomens, des Halses (Kropf)

vorgenommen werden, womöglich auch die des Herzens, der Lungen, des

Urins. Wo Krampf- oder Lähmungserscheinungen, Athetose usw. vorliegen,

ist ein genauerer neurologischer Status praesens zu erheben. Die

Geschlechtsteile untersucht man, namentlich bei weiblichen Kranken, nur

auf dringenden Anlaß hin. Über Stuhlentleerung, Menstruation,

Nahrungstrieb (nötigenfalls auch über den Geschlechtstrieb), Hunger,

Durst, Schlaf, Schmerzen, Beschwerden unterrichtet man sich durch Fragen

an den Kranken und getrennt davon an seine Umgebung.

Die =geistige Untersuchung= soll womöglich ein Gesamtbild des

psychischen Zustandes etwa nach den Richtungen geben, die der

Schilderung der allgemeinen geistigen Erscheinungen im 5. Abschnitt

zugrunde gelegt sind. Es würde aber unzweckmäßig sein, sich einem

bestimmten, wohl ausgearbeiteten Schema anzuvertrauen. Man arbeitet ja

nicht mit einem toten Gegenstand, sondern man verhandelt mit einem

Kranken, noch dazu mit einem geistig abnormen, oft reizbaren,

empfindlichen, mißtrauischen und verschüchterten Menschen, den ein

unbescheidenes Ausfragen verstimmt und stutzig macht. Man muß versuchen,

seine überlegten und planmäßig die verschiedenen Seelengebiete

streifenden Fragen in das Gewand einer leichten Unterhaltung zu bringen,

die durch Teilnahme und Interesse geleitet erscheint und gelegentlich

auch durch gelindes, vorsichtiges Anzweifeln der bestehenden Ansichten,

Kenntnisse und Urteile des Untersuchten seine Äußerungen lebhafter

macht. Je besser man dies versteht, um so mehr wird man von dem

Vorstellungsinhalt erfahren.

Der einzuschlagende Weg ist natürlich verschieden je nach dem

Bildungsgrade des zu Untersuchenden, je nach der Art wie man bei ihm und

den Seinigen eingeführt ist usw. Bei den weniger gebildeten Kranken, die

die Mehrheit bilden, fragt man nach Herkunft, Alter, Lebensgang,

Stellungen, Einnahmen, Familienverhältnissen, Datum, Jahreszeiten,

Wohnung, Einzelheiten seines Wohnortes, staatlichen, geschichtlichen und

literarischen Personen und Werken, religiösen Begriffen u. dgl. m., bei

höher Gebildeten sucht man ebenfalls zunächst einen nicht gerade mit der

Krankheit zusammenhängenden Gesprächstoff zu finden, vielleicht aus

welcher Gegend der Betreffende stamme, wie lange er am Ort sei, über

frühere Begegnungen mit ihm, über Dinge seiner Neigung oder seines

Berufs u. dgl. m. Man gewinnt aus diesen Gesprächen zunächst eine

Übersicht über den =Bildungsgrad=, das =Erinnerungsvermögen=, die

=Merkfähigkeit=, und den allgemeinen =Ablauf der Vorstellungen= (ob

gehemmt oder beschleunigt, zusammenhängend, abschweifend usw.), oft auch

über die =Stimmung=, den gegenwärtig herrschenden =Affekt=, über die

=ethischen Gefühle= (gegen die Angehörigen, das Vaterland usw.). Überall

wo man etwas Auffallendes oder Abnormes entdeckt, muß man sogleich oder

später nachfassen um dadurch die Störung und ihren Umfang genau

festzustellen. Bemerkenswert ist, daß viele Geisteskranke sich

schriftlich freier äußern als mündlich, wodurch der schon bedeutende

formelle Wert der Schriftstücke noch erhöht wird.

Oft ergibt sich schon bei den anscheinend gleichgültigen Fragen und

Antworten ein Hinweis auf =Krankheitsbewußtsein=, =krankhafte

Empfindungen= und =Vorstellungen=. Wenn nicht, so pflegt dies beim

Eingehen auf die nähere Vergangenheit und auf die Gegenwart nicht

auszubleiben. Die direkte Frage »hören Sie Stimmen« ist fast immer ein

Zeichen, daß der Arzt nicht zu untersuchen versteht; sie ist nicht

unbedenklich, weil sie den Kranken oft zu Mißverständnissen, noch öfter

zur Ableugnung und zur späteren Verheimlichung veranlaßt. Fragt man

dagegen anscheinend harmlos nach dem Schlaf, der Nahrungsaufnahme, der

Arbeitsfähigkeit, nach den Beziehungen zu Angehörigen und

Fernerstehenden, nach der Zufriedenheit mit der Lebensstellung

u. dgl. m., so sind damit für viele =Sinnestäuschungen=,

=Wahnvorstellungen= und =Zwangsvorstellungen= Anknüpfungen gegeben. Den

Erfahreneren leitet manche Besonderheit im Gesamteindruck auf bestimmte

krankhafte Verhältnisse hin, andererseits erleichtert die =Anamnese=

vielfach das Vorgehen, aber sie darf nie dazu veranlassen, nun

geradenwegs auf den krankhaften Punkt loszustürzen. Wo der Kranke nicht

Auskunft geben will oder kann, muß die Feststellung des objektiven

Befundes und des Gesamteindrucks um so genauer sein. Jedenfalls läßt

sich da nichts erzwingen. Wer einen Stuporösen rüttelt, um ihn zu

lebhafterer Antwort anzuregen, verschließt ihm erst recht den Mund.

Die =Anamnese= stützt sich hauptsächlich auf die Angaben der Umgebung.

Sie schildert die Heredität, besondere Zufälle bei der Geburt, die

körperliche und geistige Entwickelung, berührt die Pubertät, zumal das

Verhalten der Menstruation, und berichtet über besondere Krankheiten,

Berufswahl, Charakterentwicklung, äußeres Schicksal, Leidenschaften,

Eigentümlichkeiten usw., dann über die vermeintliche besondere Ursache

der gegenwärtigen Krankheit, über ihren bisherigen Verlauf und über die

Behandlung. Es kann nicht genug empfohlen werden, die oft absichtlich

oder unabsichtlich falschen Berichte der Umgebung in aller möglichen Art

nachzuprüfen, um die objektive Wahrheit festzustellen!

Das so gefundene Gesamtbild wird als Geisteskrankheit beurteilt, wenn es

in eine der erfahrungsgemäß vorkommenden Krankheitsformen hineinpaßt.

Die Unsicherheit des heutigen Standpunktes verrät sich allerdings darin,

daß in Grenzfällen Zweifel über das Bestehen einer Geisteskrankheit

vorkommen können.

Kompendium der Psychiatrie für Studierende und Ärzte · 第 15 / 133 题