VI. Die allgemeinen körperlichen Erscheinungen bei Geisteskrankheiten.

Nicht selten kann man beim ersten Anblick eines Menschen aus seinem

ganzen Äußeren und aus der Umgebung, die er sich geschaffen hat,

erkennen, daß er geisteskrank ist. In den meisten Fällen hat der Arzt

nicht die Gelegenheit, den Kranken unbemerkt in seinem Verhalten zu

studieren, er findet vieles, was bezeichnend wäre, sorgfältig von den

Angehörigen »in Ordnung gebracht«, und er ist wegen der Vorgeschichte

auf die teils absichtlich, teils durch schlechte Beobachtung gefälschten

Schilderungen der Umgebung angewiesen. Aus diesem Grunde hat man schon

lange nach objektiven, greifbaren Zeichen des Irreseins gesucht, um so

mehr, da das Urteil noch durch die Gefahr der Simulation von

Geistesstörung erschwert wurde. Körperliche Erscheinungen, die das

Vorhandensein geistiger Erkrankung sicherstellten, gibt es nun nicht,

aber immerhin gewähren die objektiven Verhältnisse manchen wichtigen

Anhalt und müssen daher genau gekannt sein, schon deshalb, weil

vorhandene Veränderungen die =Ursache= der Störungen sein und für die

Behandlung maßgebend werden können.

Zunächst finden sich, wie schon S. 7 angedeutet ist, bei zahlreichen

Geisteskranken, jedenfalls verhältnismäßig viel zahlreicher als bei

Gesunden und erblich normal Veranlagten, die sogenannten

=Entartungszeichen=. Der Schädel kann im Sinne der Vergrößerung oder der

Verkleinerung bedeutende Abweichungen vom normalen Mittel zeigen; die

Vergrößerung kann durch =Hydrokephalie= verursacht sein, wobei das

Schädeldach wie aufgeblasen über dem verhältnismäßig kleinen Gesichte

aufragt, oder durch =Rachitis=, wobei die Stirn breit und steil

erscheint und nach vorn vorspringt. Dabei kann das Gehirn wesentlich

kleiner sein als normal, weil der Zwischenraum durch vermehrte

Zerebrospinalflüssigkeit ausgefüllt wird, oder es ist zwar groß, aber

mit spärlicher Rindenfaserung versehen, wie das bei Idiotie vorkommt. Im

Gegensatz dazu kann der Schädel recht klein sein, ohne daß die geistige

Entwicklung wesentlich leidet; man sieht die höchsten Grade von

=Mikrokephalie=, wobei der Schädel dicht hinter und über den Ohren wie

abgeschnitten ist und anscheinend kaum die Hälfte des normalen Gehirns

einschließen kann, zuweilen bei Idioten mit leidlichen geistigen

Fähigkeiten. Trotzdem sind die Größenveränderungen des Schädels, ebenso

wie Asymmetrie desselben, unverhältnismäßige Entwicklung des Ober- oder

des Unterkiefers, enge Wölbung oder völlige Flachheit des Gaumens,

Hasenscharte, starke Unregelmäßigkeit der Zahnstellung, Ausbleiben eines

Teils der Zähne, Mißbildungen der Ohrmuschel, Kolobom und eingestreute

Pigmentflecke der Iris u. a. m. Zeichen einer minder vollkommenen

Körperbildung, die häufig in mangelhafter Geistesanlage ihr Gegenspiel

hat.

Unter den Veränderungen des übrigen Körpers haben eine ähnliche

Bedeutung: der =Kropf=, dessen Einfluß auf die Gehirnernährung in den

letzten Jahren so deutlich erkannt ist, die =rachitischen=

Gliederverkrümmungen, starke Abweichungen des Wachstums, Zwergwuchs,

Albinismus, überzählige Finger oder Zehen, angeborene Verwachsungen

derselben, Mißbildungen der Geschlechtsorgane, Verharren des Uterus auf

kindlicher Stufe, Fehlen der weiblichen Brüste, weibische Brustbildung

bei Männern, Bartwuchs bei Weibern, abnormer Haarwuchs (bei Spina

bifida) usw.

Der =allgemeine Ernährungszustand= hat innige Beziehungen zum geistigen

Befinden. Bei der Besprechung der Krankheitsursachen (vgl. S. 12) ist

das deutlich hervorgetreten. Von besonders schwerer Bedeutung sind die

körperlichen Schwächezustände, wenn sie mit nervösen Störungen

einhergehen, mit Anästhesien oder Hyperästhesien der Sinne, mit

Neuralgien und vasomotorischen Störungen, weil diese sämtlich die

Grundlage von abnormen Vorstellungen werden oder sich zu geistigen

Störungen steigern können (vgl. Hysterie). Ebenso lehrreich ist die

Feststellung des =Körpergewichts=, das bei akuten Geisteskrankheiten

regelmäßig sinkt und erst dann wieder ansteigt, wenn entweder die

Genesung oder der Übergang in Verblödung eintritt. In der Erregungszeit

der periodischen Manie steigt das Körpergewicht nicht selten, im

Gegensatz zu dem regelmäßigen Gewichtsverlust bei akuten manischen

Erregungszuständen. In chronischen Psychosen wechselt das Gewicht nach

äußeren Verhältnissen, ähnlich wie beim Gesunden, nur die Dementia

paralytica zeigt gewöhnlich längere Zeit eine Gewichtszunahme, die

weiterhin unaufhaltsam dem Gegenteil Platz macht.

Die =Körperwärme= zeigt bei verschiedenen Geisteskrankheiten

Abweichungen vom normalen Verhalten, die nicht durch äußere oder

zufällige Einflüsse erklärt werden können. Sie ist im allgemeinen bei

der Melancholie etwas herabgesetzt, mit oft wenig ausgesprochenem

Abendmaximum, wogegen durch Angstanfälle Nebenmaxima bewirkt werden. Bei

Manie ist die Temperatur auf der Krankheitshöhe um etwa 0,5° erhöht. Bei

der akuten Verwirrtheit fehlt oft das Abendmaximum, die

Höhenschwankungen sind ziemlich ausgedehnt, unregelmäßige Nebenmaxima

oft vorhanden, auch ohne besondere Affekte oder Erregungen. Die

hysterischen Geistesstörungen verhalten sich fast ebenso. Im Stupor ist

die Temperatur meist herabgesetzt. Bei den schweren Fällen von

Kollapsdelirium, die auch als Delirium acutum bezeichnet werden, kommt

hohes Fieber vor, bei Hysterie und bei Dementia paralytica finden sich

zeitweilige Steigerungen zu mittleren Fiebergraden, im Anschluß an

paralytische Anfälle auch hohes Fieber oder umgekehrt tiefe Senkungen,

bis 30°C. im After ohne tödliche Vorbedeutung, vor dem Tode bis 23°C.

Der =Puls= ist an Zahl meist normal, im Stupor häufig verlangsamt, bei

Stupor- und Depressionszuständen ist er oft gespannt, bei der

paralytischen Demenz im Endstadium schlaff und dikrot. Im Affekt kommt

eine geringe Spannung vor, die nur sphygmographisch nachweisbar ist.

Die Veränderungen des =Harns= nach Menge und Beschaffenheit stehen nicht

fest. Eiweiß findet sich gelegentlich im Harn (ohne Nierenkrankheit oder

Stauungen) nach epileptischen Anfällen, im Delirium tremens und bei

Dementia paralytica, hier besonders nach paralytischen Anfällen.

Zuckergehalt des Urins ist nicht häufiger als bei geistig Gesunden.

Die =Menstruation= setzt während akuter Geisteskrankheiten gewöhnlich

aus, oft erscheint sie mit der Besserung wieder, manchmal erst nach

vollendeter Heilung. Bei den chronischen und den unheilbaren Fällen

zeigt sie meist keine Störung.

Die =Speichelabsonderung= ist zuweilen vermehrt, der Nachweis ist aber

schwierig, und der =Speichelfluß=, der bei Stuporösen und Blödsinnigen

häufig vorkommt, meist nur die Folge davon, daß die Kranken alles

ausfließen lassen.

Die =Verdauung= und auch die =Darmentleerung= zeigen namentlich bei den

Depressions- und Verblödungszuständen häufig Störungen, die wiederum auf

die Krankheit ungünstig einwirken. Die Nahrungsverweigerung hat

gewöhnlich akute Dyspepsie mit fauligem Mundbelag und üblem Geruch zur

Folge.

Der =Schlaf= leidet bei akuten Psychosen meist erheblich; bei

chronischen kommen fast nur durch Affekte Störungen vor.

Wichtige Befunde ergibt für manche Fälle der Gebrauch des =Augen=- und

des =Ohrenspiegels=, allerdings nicht für die Psychose an sich, sondern

insofern, als Störungen der peripheren Sinnesorgane die Ursache von

Sinnestäuschungen sein können (vgl. S. 19).

Über die =elektrodiagnostischen= Ergebnisse bei Geisteskranken ist noch

nichts Bestimmtes zu sagen. Man hat den Leitungswiderstand, die

Empfindlichkeit und die Erregbarkeit bald vermindert, bald erhöht

gefunden, ohne daß allgemeine Sätze darüber aufgestellt werden könnten.

Die =Sehnenreflexe= folgen den bekannten neurologischen Verhältnissen;

als funktionelle Störungen findet man nicht selten Steigerung des

Kniephänomens bei akuter Verwirrtheit, Hysterie, Neurasthenie, Fußklonus

bei Epilepsie. Die =Hautreflexe= fehlen oft in stuporösen und

depressiven Zuständen, einseitig zuweilen bei Hysterie. Von bedeutendem

Wert ist das Verhalten der =Pupillen=. =Ungleichheit= der Pupillen kommt

vorübergehend bei vielen Geistesgesunden vor; tritt sie dauernd auf,

ohne daß Verschiedenheiten der Augen selbst daran schuld wären, so

handelt es sich nicht selten um hereditäre Abnormität, ein

Entartungszeichen; andererseits kommt Pupillendifferenz auch bei

Katatonie und bei Dementia paralytica vor, ohne dafür bezeichnend zu

sein. Auffallend =weit= sind die Pupillen nicht selten bei akuter

Verwirrtheit und bei Katatonie, sehr =eng= in manchen Fällen von

paralytischer Demenz, namentlich wenn gleichzeitig Tabes dorsalis

besteht. =Reflektorische Pupillenstarre=, d. h., Ausbleiben der

Verengerung und Erweiterung auf Lichteinfall oder Verdunkelung, oft bei

erhaltener Verengerung auf Konvergenz der Augen, kommt bei Dementia

paralytica, chronischem Alkoholismus, Gehirnsyphilis und ausnahmsweise

bei multipler Neuritis vor. Nicht selten besteht dabei zunächst ein

Unterschied, je nachdem man die Lichtreaktion direkt oder indirekt

(durch wechselnde Beleuchtung des anderen Auges) prüft; die indirekte

Reaktion kann länger bestehen, aber auch eher aufgehoben sein als die

direkte. =Herabsetzung= der Reaktion bis zur Undeutlichkeit kommt

vorübergehend bei allen akuten Geisteskrankheiten vor. Die bei

Untersuchung mit der WESTIENschen Lupe bei Gesunden stets nachweisbare

=Pupillenunruhe=, die feinen Schwankungen der Pupillenweite -- dadurch

bewirkt, daß jeder sensorische Reiz und jeder psychische Vorgang eine

geringe Erweiterung hervorruft -- fand BUMKE bei manchen Hysterischen

und Manischen gesteigert, aber auch bei Gesunden individuell sehr

verschieden, bei Dementia praecox und Katatonie in den verschiedensten

Stadien ganz aufgehoben, nur selten trat nach starken Schmerzreizen die

normale reflektorische Erweiterung ein; dagegen war die Licht- und

Akkommodationsreaktion erhalten.

Kompendium der Psychiatrie für Studierende und Ärzte · 第 14 / 133 题