Nicht selten kann man beim ersten Anblick eines Menschen aus seinem
ganzen Äußeren und aus der Umgebung, die er sich geschaffen hat,
erkennen, daß er geisteskrank ist. In den meisten Fällen hat der Arzt
nicht die Gelegenheit, den Kranken unbemerkt in seinem Verhalten zu
studieren, er findet vieles, was bezeichnend wäre, sorgfältig von den
Angehörigen »in Ordnung gebracht«, und er ist wegen der Vorgeschichte
auf die teils absichtlich, teils durch schlechte Beobachtung gefälschten
Schilderungen der Umgebung angewiesen. Aus diesem Grunde hat man schon
lange nach objektiven, greifbaren Zeichen des Irreseins gesucht, um so
mehr, da das Urteil noch durch die Gefahr der Simulation von
Geistesstörung erschwert wurde. Körperliche Erscheinungen, die das
Vorhandensein geistiger Erkrankung sicherstellten, gibt es nun nicht,
aber immerhin gewähren die objektiven Verhältnisse manchen wichtigen
Anhalt und müssen daher genau gekannt sein, schon deshalb, weil
vorhandene Veränderungen die =Ursache= der Störungen sein und für die
Behandlung maßgebend werden können.
Zunächst finden sich, wie schon S. 7 angedeutet ist, bei zahlreichen
Geisteskranken, jedenfalls verhältnismäßig viel zahlreicher als bei
Gesunden und erblich normal Veranlagten, die sogenannten
=Entartungszeichen=. Der Schädel kann im Sinne der Vergrößerung oder der
Verkleinerung bedeutende Abweichungen vom normalen Mittel zeigen; die
Vergrößerung kann durch =Hydrokephalie= verursacht sein, wobei das
Schädeldach wie aufgeblasen über dem verhältnismäßig kleinen Gesichte
aufragt, oder durch =Rachitis=, wobei die Stirn breit und steil
erscheint und nach vorn vorspringt. Dabei kann das Gehirn wesentlich
kleiner sein als normal, weil der Zwischenraum durch vermehrte
Zerebrospinalflüssigkeit ausgefüllt wird, oder es ist zwar groß, aber
mit spärlicher Rindenfaserung versehen, wie das bei Idiotie vorkommt. Im
Gegensatz dazu kann der Schädel recht klein sein, ohne daß die geistige
Entwicklung wesentlich leidet; man sieht die höchsten Grade von
=Mikrokephalie=, wobei der Schädel dicht hinter und über den Ohren wie
abgeschnitten ist und anscheinend kaum die Hälfte des normalen Gehirns
einschließen kann, zuweilen bei Idioten mit leidlichen geistigen
Fähigkeiten. Trotzdem sind die Größenveränderungen des Schädels, ebenso
wie Asymmetrie desselben, unverhältnismäßige Entwicklung des Ober- oder
des Unterkiefers, enge Wölbung oder völlige Flachheit des Gaumens,
Hasenscharte, starke Unregelmäßigkeit der Zahnstellung, Ausbleiben eines
Teils der Zähne, Mißbildungen der Ohrmuschel, Kolobom und eingestreute
Pigmentflecke der Iris u. a. m. Zeichen einer minder vollkommenen
Körperbildung, die häufig in mangelhafter Geistesanlage ihr Gegenspiel
hat.
Unter den Veränderungen des übrigen Körpers haben eine ähnliche
Bedeutung: der =Kropf=, dessen Einfluß auf die Gehirnernährung in den
letzten Jahren so deutlich erkannt ist, die =rachitischen=
Gliederverkrümmungen, starke Abweichungen des Wachstums, Zwergwuchs,
Albinismus, überzählige Finger oder Zehen, angeborene Verwachsungen
derselben, Mißbildungen der Geschlechtsorgane, Verharren des Uterus auf
kindlicher Stufe, Fehlen der weiblichen Brüste, weibische Brustbildung
bei Männern, Bartwuchs bei Weibern, abnormer Haarwuchs (bei Spina
bifida) usw.
Der =allgemeine Ernährungszustand= hat innige Beziehungen zum geistigen
Befinden. Bei der Besprechung der Krankheitsursachen (vgl. S. 12) ist
das deutlich hervorgetreten. Von besonders schwerer Bedeutung sind die
körperlichen Schwächezustände, wenn sie mit nervösen Störungen
einhergehen, mit Anästhesien oder Hyperästhesien der Sinne, mit
Neuralgien und vasomotorischen Störungen, weil diese sämtlich die
Grundlage von abnormen Vorstellungen werden oder sich zu geistigen
Störungen steigern können (vgl. Hysterie). Ebenso lehrreich ist die
Feststellung des =Körpergewichts=, das bei akuten Geisteskrankheiten
regelmäßig sinkt und erst dann wieder ansteigt, wenn entweder die
Genesung oder der Übergang in Verblödung eintritt. In der Erregungszeit
der periodischen Manie steigt das Körpergewicht nicht selten, im
Gegensatz zu dem regelmäßigen Gewichtsverlust bei akuten manischen
Erregungszuständen. In chronischen Psychosen wechselt das Gewicht nach
äußeren Verhältnissen, ähnlich wie beim Gesunden, nur die Dementia
paralytica zeigt gewöhnlich längere Zeit eine Gewichtszunahme, die
weiterhin unaufhaltsam dem Gegenteil Platz macht.
Die =Körperwärme= zeigt bei verschiedenen Geisteskrankheiten
Abweichungen vom normalen Verhalten, die nicht durch äußere oder
zufällige Einflüsse erklärt werden können. Sie ist im allgemeinen bei
der Melancholie etwas herabgesetzt, mit oft wenig ausgesprochenem
Abendmaximum, wogegen durch Angstanfälle Nebenmaxima bewirkt werden. Bei
Manie ist die Temperatur auf der Krankheitshöhe um etwa 0,5° erhöht. Bei
der akuten Verwirrtheit fehlt oft das Abendmaximum, die
Höhenschwankungen sind ziemlich ausgedehnt, unregelmäßige Nebenmaxima
oft vorhanden, auch ohne besondere Affekte oder Erregungen. Die
hysterischen Geistesstörungen verhalten sich fast ebenso. Im Stupor ist
die Temperatur meist herabgesetzt. Bei den schweren Fällen von
Kollapsdelirium, die auch als Delirium acutum bezeichnet werden, kommt
hohes Fieber vor, bei Hysterie und bei Dementia paralytica finden sich
zeitweilige Steigerungen zu mittleren Fiebergraden, im Anschluß an
paralytische Anfälle auch hohes Fieber oder umgekehrt tiefe Senkungen,
bis 30°C. im After ohne tödliche Vorbedeutung, vor dem Tode bis 23°C.
Der =Puls= ist an Zahl meist normal, im Stupor häufig verlangsamt, bei
Stupor- und Depressionszuständen ist er oft gespannt, bei der
paralytischen Demenz im Endstadium schlaff und dikrot. Im Affekt kommt
eine geringe Spannung vor, die nur sphygmographisch nachweisbar ist.
Die Veränderungen des =Harns= nach Menge und Beschaffenheit stehen nicht
fest. Eiweiß findet sich gelegentlich im Harn (ohne Nierenkrankheit oder
Stauungen) nach epileptischen Anfällen, im Delirium tremens und bei
Dementia paralytica, hier besonders nach paralytischen Anfällen.
Zuckergehalt des Urins ist nicht häufiger als bei geistig Gesunden.
Die =Menstruation= setzt während akuter Geisteskrankheiten gewöhnlich
aus, oft erscheint sie mit der Besserung wieder, manchmal erst nach
vollendeter Heilung. Bei den chronischen und den unheilbaren Fällen
zeigt sie meist keine Störung.
Die =Speichelabsonderung= ist zuweilen vermehrt, der Nachweis ist aber
schwierig, und der =Speichelfluß=, der bei Stuporösen und Blödsinnigen
häufig vorkommt, meist nur die Folge davon, daß die Kranken alles
ausfließen lassen.
Die =Verdauung= und auch die =Darmentleerung= zeigen namentlich bei den
Depressions- und Verblödungszuständen häufig Störungen, die wiederum auf
die Krankheit ungünstig einwirken. Die Nahrungsverweigerung hat
gewöhnlich akute Dyspepsie mit fauligem Mundbelag und üblem Geruch zur
Folge.
Der =Schlaf= leidet bei akuten Psychosen meist erheblich; bei
chronischen kommen fast nur durch Affekte Störungen vor.
Wichtige Befunde ergibt für manche Fälle der Gebrauch des =Augen=- und
des =Ohrenspiegels=, allerdings nicht für die Psychose an sich, sondern
insofern, als Störungen der peripheren Sinnesorgane die Ursache von
Sinnestäuschungen sein können (vgl. S. 19).
Über die =elektrodiagnostischen= Ergebnisse bei Geisteskranken ist noch
nichts Bestimmtes zu sagen. Man hat den Leitungswiderstand, die
Empfindlichkeit und die Erregbarkeit bald vermindert, bald erhöht
gefunden, ohne daß allgemeine Sätze darüber aufgestellt werden könnten.
Die =Sehnenreflexe= folgen den bekannten neurologischen Verhältnissen;
als funktionelle Störungen findet man nicht selten Steigerung des
Kniephänomens bei akuter Verwirrtheit, Hysterie, Neurasthenie, Fußklonus
bei Epilepsie. Die =Hautreflexe= fehlen oft in stuporösen und
depressiven Zuständen, einseitig zuweilen bei Hysterie. Von bedeutendem
Wert ist das Verhalten der =Pupillen=. =Ungleichheit= der Pupillen kommt
vorübergehend bei vielen Geistesgesunden vor; tritt sie dauernd auf,
ohne daß Verschiedenheiten der Augen selbst daran schuld wären, so
handelt es sich nicht selten um hereditäre Abnormität, ein
Entartungszeichen; andererseits kommt Pupillendifferenz auch bei
Katatonie und bei Dementia paralytica vor, ohne dafür bezeichnend zu
sein. Auffallend =weit= sind die Pupillen nicht selten bei akuter
Verwirrtheit und bei Katatonie, sehr =eng= in manchen Fällen von
paralytischer Demenz, namentlich wenn gleichzeitig Tabes dorsalis
besteht. =Reflektorische Pupillenstarre=, d. h., Ausbleiben der
Verengerung und Erweiterung auf Lichteinfall oder Verdunkelung, oft bei
erhaltener Verengerung auf Konvergenz der Augen, kommt bei Dementia
paralytica, chronischem Alkoholismus, Gehirnsyphilis und ausnahmsweise
bei multipler Neuritis vor. Nicht selten besteht dabei zunächst ein
Unterschied, je nachdem man die Lichtreaktion direkt oder indirekt
(durch wechselnde Beleuchtung des anderen Auges) prüft; die indirekte
Reaktion kann länger bestehen, aber auch eher aufgehoben sein als die
direkte. =Herabsetzung= der Reaktion bis zur Undeutlichkeit kommt
vorübergehend bei allen akuten Geisteskrankheiten vor. Die bei
Untersuchung mit der WESTIENschen Lupe bei Gesunden stets nachweisbare
=Pupillenunruhe=, die feinen Schwankungen der Pupillenweite -- dadurch
bewirkt, daß jeder sensorische Reiz und jeder psychische Vorgang eine
geringe Erweiterung hervorruft -- fand BUMKE bei manchen Hysterischen
und Manischen gesteigert, aber auch bei Gesunden individuell sehr
verschieden, bei Dementia praecox und Katatonie in den verschiedensten
Stadien ganz aufgehoben, nur selten trat nach starken Schmerzreizen die
normale reflektorische Erweiterung ein; dagegen war die Licht- und
Akkommodationsreaktion erhalten.