4. Störungen des Wollens und Handelns.

Die motorische Seite des Seelenlebens ist von dem Vorstellungsleben

untrennbar, ein eigenes Organ des =Willens= besteht nicht. Manche

Forscher sind sogar der Meinung, daß die willkürlichen Bewegungen nichts

weiter darstellen als ein Lebendigwerden von Bewegungsvorstellungen.

Jedenfalls hängen sie innig mit dem Verhalten der Assoziationen

zusammen. Das äußert sich zunächst darin, daß die Beschleunigung des

Vorstellungsablaufs regelmäßig mit allgemeiner Unruhe, mit einer

erleichterten Auslösung von Bewegungen und Handlungen, =Bewegungsdrang=,

die Hemmung der Ideenassoziation oder mangelhafte Ausbildung dagegen mit

=Herabsetzung der Willensantriebe=, mit Verminderung und Verlangsamung

der gewollten motorischen Äußerungen einhergeht. Die typischen Beispiele

für diese beiden Fälle geben die Manie und die Melancholie. Bei der

Verwirrtheit ist das Verhalten je nach dem begleitenden depressiven oder

lebhaften Affekt verschieden. Die höchsten Grade der =psychomotorischen

Hemmung=, bis zur völligen Willenlosigkeit, =Abulie=, finden sich da, wo

das Vorstellungsleben fast ganz aufgehört hat, beim sogenannten

=Stupor=, der zumal die Katatonie und die höchsten Grade der angeborenen

oder erworbenen Geistesschwäche begleitet, aber auch bei Melancholie und

als zeitweilige Erscheinung auch bei Epilepsie und in den

schlafähnlichen Zuständen der Hysterie vorkommt. Bei dem ausgesprochenen

Stupor fehlt die Neigung zu Bewegungen ganz. Der Kranke sitzt oder liegt

möglichst regungslos, läßt den Unterkiefer hängen und den Speichel zum

Munde herauslaufen und muß wie ein Kind gewartet werden. Hebt man seinen

Arm auf, so läßt er ihn wie tot zurückfallen.

In anderen Fällen ist die Regungslosigkeit mit einer gewissen dauernden

=Spannung= der Muskulatur verbunden: =Katatonie=. Der Körper kann

dadurch die verschiedensten Haltungen annehmen, deren einzelne trotz

aller Unbequemlichkeit Wochen und Monate lang festgehalten werden:

=Haltungsstereotypie=. Äußere Einwirkungen auf die Gliederstellung

begegnen deutlichem Widerstande: =Negativismus=, ebenso die Anregung zur

Nahrungsaufnahme und zur Verrichtung der Bedürfnisse. Zuweilen zeigen

die Glieder dagegen _flexibilitas cerea_, sie lassen sich ohne

Widerstand in jede beliebige Stellung bringen und verharren darin, bis

man ihnen eine andere gibt oder bis Ermüdung sie herabsinken läßt. Diese

Beeinflußbarkeit, die man auch als =Befehlsautomatie= bezeichnet,

erinnert an die Suggestibilität der Hypnotisierten. Die Augen sind

geschlossen oder ausdruckslos ins Weite gerichtet oder verdreht, die

Lippen rüsselartig vorgeschoben, Schnauzkrampf; sprachliche Äußerungen

sind häufig nicht zu erzielen, Mutazismus. Die Starre wechselt zeitweise

mit rhythmischen oder einförmig fortgesetzten seltsamen Bewegungen,

Bewegungsstereotypie, unsinnigen Handlungen, stundenlangem Deklamieren

sinnloser Sätze: Verbigeration. Angefangene Bewegungen werden oft

plötzlich unterbrochen oder anders beendigt als beabsichtigt Es handelt

sich hier eben nicht um ein Fehlen der Willensantriebe, sondern um

innerliche Gegenbefehle, bei deren Ausbleiben die Handlungen frei von

statten gehen. Reste dieser Bewegungen findet man vielfach als

krankhafte =Manieren= bei alten verblödeten Katatonikern, so z. B.

klopfendes Vorstellen eines Fußes, Scheuern bestimmter Teile,

Ausrupfen der Haare usw. Verwandte Erscheinungen finden sich als

=Zwangsbewegungen= bei erblich Belasteten vgl. den Abschnitt

Grenzzustände, die sich als zwangsmäßig dadurch kennzeichnen, daß sie

dem Betreffenden als krankhaft erscheinen, aber doch nicht unterdrückt

werden können; sie sind entweder gar nicht mit bestimmten Vorstellungen

verbunden: _Maladie des tics_, oder ein Ausfluß von Zwangsvorstellungen

(s. S. 32). Endlich gibt es noch =triebartige (impulsive) Handlungen=,

die namentlich bei erblich Belasteten auf dem Boden krankhafter Affekte

(lebhafter Geschlechtstrieb, Heimweh, menstruelle Reizung) mit unklarer

treibender Vorstellung aufschießen; sie bestehen besonders häufig in

Notzucht, Brandstiftung, Diebstahl, Selbstmord. Leichtere Andeutungen

derartiger Triebe finden sich häufig bei Idioten und außerdem besonders

unter dem Einfluß von Ärger, Zorn, Menstruationsaffekt usw. bei erblich

Belasteten, in Angstanfällen auch bei anderen Kranken in Gestalt einer

anscheinend unüberwindlichen Neigung zum Nägelkauen (Onychophagie), zu

Verletzungen der Haut an den Nagelrändern, zum Wundkratzen des Gesichts

und der Ohren.

Auch bei den Trieben des normalen Lebens, dem Nahrungstrieb und dem

Geschlechtstrieb, kommen krankhafte Abweichungen vor. Der

=Nahrungstrieb= ist bei zahlreichen Geistesstörungen herabgesetzt, indem

entweder das Gefühl für Hunger und Durst fehlt (nicht selten bei

Dementia paralytica, bei Manie) oder wegen Überempfindlichkeit des

Magens vorschnell das Sättigungsgefühl eintritt (gelegentlich bei

Hysterie, Neurasthenie, Melancholie). Die =Nahrungsverweigerung=

(Sitophobie), die eine wichtige Erscheinung bei vielen Psychosen ist,

beruht aber nur in der Minderzahl der Fälle auf vermindertem

Nahrungstrieb, sondern meist auf Wahnvorstellungen: die Kranken glauben,

das Essen nicht wert zu sein, es nicht bezahlen zu können, damit

vergiftet zu werden usw. Im Gegensatz dazu findet sich bei Neurosen

häufig ein krankhafter =Heißhunger= (Bulimie), der ganz plötzlich

auftritt, sehr schnell gestillt wird, aber ebenso schnell wiederkehrt.

Bei geistigen Schwächezuständen fehlt häufig das Sättigungsgefühl, so

daß die Kranken essen, solange sie etwas haben, auch ungenießbare und

ekelhafte Dinge. Auch ein übermäßiges Verlangen nach Reizmitteln,

besonders Alkohol und Tabak, ist hierher zu rechnen. Als dritte

Abweichung des Nahrungstriebes sind seine =Perversionen= zu erwähnen,

die sich andeutungsweise schon bei nervösen Bleichsüchtigen und

Schwangeren sowie bei Hysterischen als Gelüste (Picae) nach

ungenießbaren oder schlecht riechenden Stoffen äußern; bei

Geisteskranken kann die Verkehrung bis zum Kotessen (Skatophagie) gehen,

namentlich bei Blödsinnigen und bei stark verwirrten Kranken mit Manie

oder Amentia.

Auch der =Geschlechtstrieb= kann nach dreifacher Richtung verändert

sein. Er ist herabgesetzt bei angeborenem Fehlen, ferner bei

Melancholie; gesteigert bei psychischen Erregungszuständen, z. B. bei

der Manie, im Anfange der Dementia paralytica und bei manchen

Schwachsinnigen. Bei Männern äußert sich diese Satyriasis durch

Aufsuchen liederlicher Weiber, Onanieren und widernatürliche Unzucht,

bei Weibern durch zärtliche Blicke, Putzsucht, zweideutige Reden,

Vorbringen von bedenklichen Klatschgeschichten, geschlechtliche

Verdächtigung der Umgebung, Verlangen nach gynaekologischer Beratung

oder Untersuchung, bei schwerer Störung durch unanständige Berührungen,

Entblößungen, Onanie, Auflösen der Haare und Waschungen mit Speichel

oder Urin. Nicht selten bildet religiöse Schwärmerei einen Ausdruck für

unbestimmte sexuelle Triebe. Endlich kann der Geschlechtstrieb

=Verkehrungen= (Perversionen) erfahren. Nach den neueren Forschungen, um

die VON KRAFFT-EBING besondere Verdienste hat, kann man etwa folgende

Formen unterscheiden. Zunächst richtet sich der Trieb, wie normal, auf

das andere Geschlecht, aber die volle Befriedigung wird nicht durch den

Beischlaf allein erreicht, sondern durch gleichzeitiges Quälen des

Opfers, Peitschen, Beißen usw., bis zum Lustmord, =Sadismus=, oder diese

Handlungen allein rufen Wollust hervor. Die Handlungen der

Zopfabschneider, Mädchenstecher usw. beruhen auf solchen Perversionen.

In anderen Fällen wird die Wollust erhöht, wenn der Betreffende vor dem

Beischlaf oder stattdessen von der Geliebten mißhandelt wird,

=Masochismus=. In wieder anderen erregt es den Perversen, wenn er seine

Geschlechtsteile vor Weibern entblößt, =Exhibition=, oder wenn er

weibliche Kleidungsstücke ansieht oder berührt, =Fetischismus=. Bei der

zweiten Hauptgruppe ist der Geschlechtstrieb auf das eigene Geschlecht

gerichtet, =konträre Sexualempfindung=. Trotz körperlich normaler

Geschlechtsentwicklung fühlt der Kranke sich nach seinem ganzen Denken

als Angehöriger des anderen Geschlechtes, der Mann als Weib, das Weib

als Mann; zuweilen entspricht die äußere Körperform (abgesehen von den

Geschlechtsteilen) diesen Vorstellungen in gewissem Grade. Umarmungen,

gegenseitige Onanie, Päderastie und bei Weibern Tribadie sind die

Äußerungen dieser angeborenen oder bei erblicher Belastung erworbenen

Verkehrung.

Bei dem engen Zusammenhang zwischen Vorstellungen und Bewegungen ist es

ohne weiteres klar, daß sich die krankhaften Vorstellungen in allen

Ausdrucksbewegungen des Irren geltend machen müssen. Da wir die

psychischen Vorgänge nicht direkt beobachten können, sind wir ja

überhaupt bei der Beurteilung fast ganz auf das angewiesen, was die

motorische Seite des Geisteslebens uns verrät. Die Äußerungen, die von

den allgemeinen Störungen der Assoziation abhängen, haben wir kennen

gelernt; die bei den einzelnen Krankheitsformen vorkommenden, die durch

den Inhalt der Vorstellungen bedingt werden, werden bei den einzelnen

Krankheitsformen genau geschildert. Die =Physiognomie= ist bei vielen

Krankheiten höchst bezeichnend, so daß sie ein wichtiges Hilfsmittel für

die Diagnostik bildet. Spannung, Teilnahmlosigkeit, heitere und trübe

Stimmung, Mißtrauen, Angst, Selbstüberschätzung usw. sprechen sich

sämtlich in den Gesichtszügen aus. Die Schilderung der einzelnen

Krankheiten nimmt darauf entsprechende Rücksicht.

Die =Sprache= und die =Schrift= geben, abgesehen von ihrem Inhalt auch

in ihrer Form viele wertvolle Hinweise. Der überstürzten Redeweise des

Maniakalischen (Logorrhoe) entspricht seine Schrift, die sich nicht Zeit

läßt, die einzelnen Worte vollständig zu machen, und schließlich ganz

zusammenhangslos wird; zugleich äußert sich der ungestüme Bewegungsdrang

in fortwährendem Unterstreichen, Einrahmen von Worten, Besudeln des

ganzen Schriftstücks mit Tintenstrichen und Schnörkeln usw.

Melancholische und trübe gestimmte Verwirrte kommen wegen der geistigen

Hemmung weder zu zusammenhängendem Sprechen noch zum Schreiben, bringen

höchstens einige Sätze unter Stocken und Zögern heraus und kommen im

Schreiben noch weniger weit. Weiter haben die Schriftstücke der Kranken

mit Hebephrenie, Katatonie, Paranoia, Dementia paralytica, Imbezillität

und Idiotie ebenso wie ihre Reden viel Besonderes, was im zweiten Buch

genauer beschrieben wird. Eine eigentümliche Abweichung in der Form der

Sprache stellt die bereits erwähnte, gewöhnlich mit den Erscheinungen

der Katatonie verbundene =Verbigeration= dar, wobei sinnlose Wörter oder

Sätze in pathetischer Weise immer wieder vorgetragen werden. Ähnliche

Erscheinungen kommen bei paralytischer Demenz vor. In der Verwirrtheit

werden vielfach =neugebildete= Wörter gebraucht, die zum Teil

Verstümmelungen richtiger Worte, zum Teil völlig fremde Bildungen sind

und zum Teil jedenfalls zur Bezeichnung besonderer, dem Gesunden

unverständlicher Vorstellungen dienen.

Kompendium der Psychiatrie für Studierende und Ärzte · 第 13 / 133 题