Die motorische Seite des Seelenlebens ist von dem Vorstellungsleben
untrennbar, ein eigenes Organ des =Willens= besteht nicht. Manche
Forscher sind sogar der Meinung, daß die willkürlichen Bewegungen nichts
weiter darstellen als ein Lebendigwerden von Bewegungsvorstellungen.
Jedenfalls hängen sie innig mit dem Verhalten der Assoziationen
zusammen. Das äußert sich zunächst darin, daß die Beschleunigung des
Vorstellungsablaufs regelmäßig mit allgemeiner Unruhe, mit einer
erleichterten Auslösung von Bewegungen und Handlungen, =Bewegungsdrang=,
die Hemmung der Ideenassoziation oder mangelhafte Ausbildung dagegen mit
=Herabsetzung der Willensantriebe=, mit Verminderung und Verlangsamung
der gewollten motorischen Äußerungen einhergeht. Die typischen Beispiele
für diese beiden Fälle geben die Manie und die Melancholie. Bei der
Verwirrtheit ist das Verhalten je nach dem begleitenden depressiven oder
lebhaften Affekt verschieden. Die höchsten Grade der =psychomotorischen
Hemmung=, bis zur völligen Willenlosigkeit, =Abulie=, finden sich da, wo
das Vorstellungsleben fast ganz aufgehört hat, beim sogenannten
=Stupor=, der zumal die Katatonie und die höchsten Grade der angeborenen
oder erworbenen Geistesschwäche begleitet, aber auch bei Melancholie und
als zeitweilige Erscheinung auch bei Epilepsie und in den
schlafähnlichen Zuständen der Hysterie vorkommt. Bei dem ausgesprochenen
Stupor fehlt die Neigung zu Bewegungen ganz. Der Kranke sitzt oder liegt
möglichst regungslos, läßt den Unterkiefer hängen und den Speichel zum
Munde herauslaufen und muß wie ein Kind gewartet werden. Hebt man seinen
Arm auf, so läßt er ihn wie tot zurückfallen.
In anderen Fällen ist die Regungslosigkeit mit einer gewissen dauernden
=Spannung= der Muskulatur verbunden: =Katatonie=. Der Körper kann
dadurch die verschiedensten Haltungen annehmen, deren einzelne trotz
aller Unbequemlichkeit Wochen und Monate lang festgehalten werden:
=Haltungsstereotypie=. Äußere Einwirkungen auf die Gliederstellung
begegnen deutlichem Widerstande: =Negativismus=, ebenso die Anregung zur
Nahrungsaufnahme und zur Verrichtung der Bedürfnisse. Zuweilen zeigen
die Glieder dagegen _flexibilitas cerea_, sie lassen sich ohne
Widerstand in jede beliebige Stellung bringen und verharren darin, bis
man ihnen eine andere gibt oder bis Ermüdung sie herabsinken läßt. Diese
Beeinflußbarkeit, die man auch als =Befehlsautomatie= bezeichnet,
erinnert an die Suggestibilität der Hypnotisierten. Die Augen sind
geschlossen oder ausdruckslos ins Weite gerichtet oder verdreht, die
Lippen rüsselartig vorgeschoben, Schnauzkrampf; sprachliche Äußerungen
sind häufig nicht zu erzielen, Mutazismus. Die Starre wechselt zeitweise
mit rhythmischen oder einförmig fortgesetzten seltsamen Bewegungen,
Bewegungsstereotypie, unsinnigen Handlungen, stundenlangem Deklamieren
sinnloser Sätze: Verbigeration. Angefangene Bewegungen werden oft
plötzlich unterbrochen oder anders beendigt als beabsichtigt Es handelt
sich hier eben nicht um ein Fehlen der Willensantriebe, sondern um
innerliche Gegenbefehle, bei deren Ausbleiben die Handlungen frei von
statten gehen. Reste dieser Bewegungen findet man vielfach als
krankhafte =Manieren= bei alten verblödeten Katatonikern, so z. B.
klopfendes Vorstellen eines Fußes, Scheuern bestimmter Teile,
Ausrupfen der Haare usw. Verwandte Erscheinungen finden sich als
=Zwangsbewegungen= bei erblich Belasteten vgl. den Abschnitt
Grenzzustände, die sich als zwangsmäßig dadurch kennzeichnen, daß sie
dem Betreffenden als krankhaft erscheinen, aber doch nicht unterdrückt
werden können; sie sind entweder gar nicht mit bestimmten Vorstellungen
verbunden: _Maladie des tics_, oder ein Ausfluß von Zwangsvorstellungen
(s. S. 32). Endlich gibt es noch =triebartige (impulsive) Handlungen=,
die namentlich bei erblich Belasteten auf dem Boden krankhafter Affekte
(lebhafter Geschlechtstrieb, Heimweh, menstruelle Reizung) mit unklarer
treibender Vorstellung aufschießen; sie bestehen besonders häufig in
Notzucht, Brandstiftung, Diebstahl, Selbstmord. Leichtere Andeutungen
derartiger Triebe finden sich häufig bei Idioten und außerdem besonders
unter dem Einfluß von Ärger, Zorn, Menstruationsaffekt usw. bei erblich
Belasteten, in Angstanfällen auch bei anderen Kranken in Gestalt einer
anscheinend unüberwindlichen Neigung zum Nägelkauen (Onychophagie), zu
Verletzungen der Haut an den Nagelrändern, zum Wundkratzen des Gesichts
und der Ohren.
Auch bei den Trieben des normalen Lebens, dem Nahrungstrieb und dem
Geschlechtstrieb, kommen krankhafte Abweichungen vor. Der
=Nahrungstrieb= ist bei zahlreichen Geistesstörungen herabgesetzt, indem
entweder das Gefühl für Hunger und Durst fehlt (nicht selten bei
Dementia paralytica, bei Manie) oder wegen Überempfindlichkeit des
Magens vorschnell das Sättigungsgefühl eintritt (gelegentlich bei
Hysterie, Neurasthenie, Melancholie). Die =Nahrungsverweigerung=
(Sitophobie), die eine wichtige Erscheinung bei vielen Psychosen ist,
beruht aber nur in der Minderzahl der Fälle auf vermindertem
Nahrungstrieb, sondern meist auf Wahnvorstellungen: die Kranken glauben,
das Essen nicht wert zu sein, es nicht bezahlen zu können, damit
vergiftet zu werden usw. Im Gegensatz dazu findet sich bei Neurosen
häufig ein krankhafter =Heißhunger= (Bulimie), der ganz plötzlich
auftritt, sehr schnell gestillt wird, aber ebenso schnell wiederkehrt.
Bei geistigen Schwächezuständen fehlt häufig das Sättigungsgefühl, so
daß die Kranken essen, solange sie etwas haben, auch ungenießbare und
ekelhafte Dinge. Auch ein übermäßiges Verlangen nach Reizmitteln,
besonders Alkohol und Tabak, ist hierher zu rechnen. Als dritte
Abweichung des Nahrungstriebes sind seine =Perversionen= zu erwähnen,
die sich andeutungsweise schon bei nervösen Bleichsüchtigen und
Schwangeren sowie bei Hysterischen als Gelüste (Picae) nach
ungenießbaren oder schlecht riechenden Stoffen äußern; bei
Geisteskranken kann die Verkehrung bis zum Kotessen (Skatophagie) gehen,
namentlich bei Blödsinnigen und bei stark verwirrten Kranken mit Manie
oder Amentia.
Auch der =Geschlechtstrieb= kann nach dreifacher Richtung verändert
sein. Er ist herabgesetzt bei angeborenem Fehlen, ferner bei
Melancholie; gesteigert bei psychischen Erregungszuständen, z. B. bei
der Manie, im Anfange der Dementia paralytica und bei manchen
Schwachsinnigen. Bei Männern äußert sich diese Satyriasis durch
Aufsuchen liederlicher Weiber, Onanieren und widernatürliche Unzucht,
bei Weibern durch zärtliche Blicke, Putzsucht, zweideutige Reden,
Vorbringen von bedenklichen Klatschgeschichten, geschlechtliche
Verdächtigung der Umgebung, Verlangen nach gynaekologischer Beratung
oder Untersuchung, bei schwerer Störung durch unanständige Berührungen,
Entblößungen, Onanie, Auflösen der Haare und Waschungen mit Speichel
oder Urin. Nicht selten bildet religiöse Schwärmerei einen Ausdruck für
unbestimmte sexuelle Triebe. Endlich kann der Geschlechtstrieb
=Verkehrungen= (Perversionen) erfahren. Nach den neueren Forschungen, um
die VON KRAFFT-EBING besondere Verdienste hat, kann man etwa folgende
Formen unterscheiden. Zunächst richtet sich der Trieb, wie normal, auf
das andere Geschlecht, aber die volle Befriedigung wird nicht durch den
Beischlaf allein erreicht, sondern durch gleichzeitiges Quälen des
Opfers, Peitschen, Beißen usw., bis zum Lustmord, =Sadismus=, oder diese
Handlungen allein rufen Wollust hervor. Die Handlungen der
Zopfabschneider, Mädchenstecher usw. beruhen auf solchen Perversionen.
In anderen Fällen wird die Wollust erhöht, wenn der Betreffende vor dem
Beischlaf oder stattdessen von der Geliebten mißhandelt wird,
=Masochismus=. In wieder anderen erregt es den Perversen, wenn er seine
Geschlechtsteile vor Weibern entblößt, =Exhibition=, oder wenn er
weibliche Kleidungsstücke ansieht oder berührt, =Fetischismus=. Bei der
zweiten Hauptgruppe ist der Geschlechtstrieb auf das eigene Geschlecht
gerichtet, =konträre Sexualempfindung=. Trotz körperlich normaler
Geschlechtsentwicklung fühlt der Kranke sich nach seinem ganzen Denken
als Angehöriger des anderen Geschlechtes, der Mann als Weib, das Weib
als Mann; zuweilen entspricht die äußere Körperform (abgesehen von den
Geschlechtsteilen) diesen Vorstellungen in gewissem Grade. Umarmungen,
gegenseitige Onanie, Päderastie und bei Weibern Tribadie sind die
Äußerungen dieser angeborenen oder bei erblicher Belastung erworbenen
Verkehrung.
Bei dem engen Zusammenhang zwischen Vorstellungen und Bewegungen ist es
ohne weiteres klar, daß sich die krankhaften Vorstellungen in allen
Ausdrucksbewegungen des Irren geltend machen müssen. Da wir die
psychischen Vorgänge nicht direkt beobachten können, sind wir ja
überhaupt bei der Beurteilung fast ganz auf das angewiesen, was die
motorische Seite des Geisteslebens uns verrät. Die Äußerungen, die von
den allgemeinen Störungen der Assoziation abhängen, haben wir kennen
gelernt; die bei den einzelnen Krankheitsformen vorkommenden, die durch
den Inhalt der Vorstellungen bedingt werden, werden bei den einzelnen
Krankheitsformen genau geschildert. Die =Physiognomie= ist bei vielen
Krankheiten höchst bezeichnend, so daß sie ein wichtiges Hilfsmittel für
die Diagnostik bildet. Spannung, Teilnahmlosigkeit, heitere und trübe
Stimmung, Mißtrauen, Angst, Selbstüberschätzung usw. sprechen sich
sämtlich in den Gesichtszügen aus. Die Schilderung der einzelnen
Krankheiten nimmt darauf entsprechende Rücksicht.
Die =Sprache= und die =Schrift= geben, abgesehen von ihrem Inhalt auch
in ihrer Form viele wertvolle Hinweise. Der überstürzten Redeweise des
Maniakalischen (Logorrhoe) entspricht seine Schrift, die sich nicht Zeit
läßt, die einzelnen Worte vollständig zu machen, und schließlich ganz
zusammenhangslos wird; zugleich äußert sich der ungestüme Bewegungsdrang
in fortwährendem Unterstreichen, Einrahmen von Worten, Besudeln des
ganzen Schriftstücks mit Tintenstrichen und Schnörkeln usw.
Melancholische und trübe gestimmte Verwirrte kommen wegen der geistigen
Hemmung weder zu zusammenhängendem Sprechen noch zum Schreiben, bringen
höchstens einige Sätze unter Stocken und Zögern heraus und kommen im
Schreiben noch weniger weit. Weiter haben die Schriftstücke der Kranken
mit Hebephrenie, Katatonie, Paranoia, Dementia paralytica, Imbezillität
und Idiotie ebenso wie ihre Reden viel Besonderes, was im zweiten Buch
genauer beschrieben wird. Eine eigentümliche Abweichung in der Form der
Sprache stellt die bereits erwähnte, gewöhnlich mit den Erscheinungen
der Katatonie verbundene =Verbigeration= dar, wobei sinnlose Wörter oder
Sätze in pathetischer Weise immer wieder vorgetragen werden. Ähnliche
Erscheinungen kommen bei paralytischer Demenz vor. In der Verwirrtheit
werden vielfach =neugebildete= Wörter gebraucht, die zum Teil
Verstümmelungen richtiger Worte, zum Teil völlig fremde Bildungen sind
und zum Teil jedenfalls zur Bezeichnung besonderer, dem Gesunden
unverständlicher Vorstellungen dienen.