Krankhafte Affekte und Stimmungen.
Im Geistesleben des Gesunden werden alle Empfindungen und Vorstellungen
von einem bestimmten Gefühlston der Lust oder Unlust begleitet, der sich
im allgemeinen nach ihrem freundlichen oder feindlichen, fördernden oder
hemmenden Verhältnis zu der Persönlichkeit des Menschen richtet. Bei den
Empfindungen sind wir allerdings vielfach nicht in der Lage, den Grund
anzugeben, weshalb sie uns Lust oder Unlust erregen, weshalb uns ein
Akkord harmonisch, ein andrer dissonant klingt. Ebensowenig können wir
es direkt ableiten, daß die sogenannten =ethischen Gefühle=, das Gefühl
für Familie, für Ehre, Recht, Eigentum, Reinlichkeit, Ordnung usw., zu
den angenehmen gehören. Jedenfalls besteht aber bei den meisten Menschen
eine Übereinstimmung, ein »normales« Gefühl. Die Gesamtwirkung, die
solche Gefühlstöne auf den Geist ausüben, bezeichnet man, wenn sie
dauernd ist, als =Charakter=, wenn sie vorübergehend ist, als
=Stimmung=, und die Schwankungen der Stimmung nach der Lust- oder
Unlustseite nennt man =Affekt=.
Unter krankhaften Verhältnissen sind Stimmung, Charakter und Affekte
vielfachen Abänderungen unterworfen. Die Stimmung kann =gleichgültig=
und teilnahmlos sein, so daß Vorgänge ohne Eindruck bleiben, die sonst
deutliche Gefühlstöne anregen. Die Gleichgültigkeit kann gegen alle
Vorgänge der Außenwelt gleichmäßig bestehen, oder z. B. besonders die
ethischen Gefühle betreffen, die auch unter normalen Verhältnissen von
dem werdenden Menschen viel später erworben werden als die an das eigene
Ich geknüpften (egoistischen) Empfindungen. Bei manchen
Geistesstörungen, besonders bei Formen des angeborenen Schwachsinns,
kommen die ethischen (altruistischen) Gefühle gar nicht zur
Entwicklung[1]; bei anderen verschwinden sie zuerst, eher als die
eigentlichen Verstandeskräfte, wenn Geistesschwäche sich ausbildet, so
besonders bei der Dementia paralytica und beim chronischen Alkoholismus.
In anderen Fällen ist die Stimmung =wechselnd=, sie wird nicht, wie beim
Gesunden, durch ein gewisses Gleichmaß ausgezeichnet, sondern sie ist
jedem flüchtigen Eindruck unterworfen. Die angeborene Neigung zu
schnellem Stimmungswechsel, der ja auch dem Kinde eigen ist, das
Mißverhältnis zwischen dem Anlaß und der Stärke und Dauer des Affektes,
kennzeichnet wiederum den geistig nicht voll oder abnorm Entwickelten
(angeborenen Schwachsinn, Hysterie). Erworben findet sie sich bei
vorübergehenden geistigen Erschöpfungszuständen (z. B. bei Neurasthenie,
nach akuten Geisteskrankheiten) und bei schwererem geistigen Verfall, wo
das geschwundene Gedächtnis die Erinnerung an die kurz vorhergehende
Stimmung und ihre Begründung schnell fahren läßt (Dementia paralytica).
Dem Stimmungswechsel verwandt und deshalb annähernd denselben
Krankheitsformen eigen ist die =krankhafte Reizbarkeit=, die Neigung,
auf geringe Anlässe mit schweren Affekten, zumal mit Ärger- und
Zornausbrüchen zu antworten. Immer ist sie das Zeichen einer krankhaften
Gehirnverfassung. Mehr als irgend einer Störung ist sie der Epilepsie
eigen, aber auch Neurasthenie, Alkoholismus, Manie und Dementia
paralytica bringen die Neigung dazu.
Während die geschilderten Stimmungsveränderungen im gesunden Leben
ziemlich viel Berührungspunkte haben, finden sich unter krankhaften
Verhältnissen dauernde, geistig nicht begründete, also =primäre=
Affekte, denen auf gesundem Gebiet nur die auf bestimmten Ursachen
beruhende freudige oder traurige Stimmung gegenübergestellt werden
können. Immer sind die Affekte von großem Einfluß auf den
Vorstellungsablauf: er steht entweder einseitig unter der Herrschaft der
seiner Färbung entsprechenden Vorstellungen, oder er wird gehemmt und
unterbrochen. Die schmerzliche, =deprimierte= Stimmung, =psychische
Depression=, kann natürlich auch sekundär, durch unangenehme
Empfindungen oder Vorstellungen bedingt sein, häufig ist sie aber rein
primär, d. h. entweder ganz unbegründet oder doch nach Maß und Dauer
durch den angeblichen Anlaß nicht genügend erklärt. Dabei kann sie so
tief gehen, daß sämtliche äußeren Eindrücke, auch die sonst angenehmen,
nur Unlust erzeugen (vgl. Melancholie). Umgekehrt kommt eine krankhaft
heitere, =gehobene=, =expansive=, Stimmung vor, die ebenfalls sekundär,
z. B. durch eingebildetes Glück, Selbstüberschätzung u. dgl. begründet,
aber auch wieder rein primär sein kann (vgl. Manie). Erfahrungsgemäß
schlägt sie leicht, wenigstens vorübergehend, in =Zorn= um, also in
einen Unlustaffekt, während die schmerzliche Verstimmung häufig in den
ihr innig verwandten Affekt der =Angst= übergeht oder darin Ausdruck
findet. Die Angst ist eine außerordentlich häufige und sehr wichtige
krankhafte Erscheinung. Im Gegensatz zu dem ihr sonst nahestehenden
Affekt der Furcht ist die Angst (im psychiatrischen Sinne) nicht durch
äußere Einwirkung oder durch Vorstellungen hervorgerufen, sondern sie
erscheint von selbst und unerklärt, so daß die Kranken sagen: ich weiß
selbst nicht, wovor ich Angst habe, ich sehe ja ein, daß meine Angst
grundlos ist u. dgl. m. Aber dadurch wird das beklemmende Gefühl nicht
geringer. Meist verbindet es sich mit einer Empfindung von Enge (daher
das Wort Angst) in der Magen- oder Herzgegend: =Präkordialangst=, andere
Male wird die Angst in den Kopf oder in den Schlund, in den Rücken, in
den Unterleib verlegt oder gar nicht lokalisiert. Sie verbindet sich mit
dem Gefühl der Herzschwäche und des Versagens der Beine, mit allgemeiner
Unruhe, zuweilen mit unregelmäßigem Puls, meist mit Blässe der Haut, die
weiterhin in Röte übergehen kann, mit unregelmäßiger, gepreßter Atmung
(Zwerchfelltiefstand), oft mit Unfähigkeit zu denken und zu sprechen
usw. Die Besonnenheit kann dadurch völlig aufgehoben werden; Selbstmord,
Gewalttaten, Brandstiftung im Angstaffekt sind auch bei sonst besonnenen
Kranken nicht selten und erscheinen den Laien dann oft unerklärlich. Die
Angst kommt entweder in Anfällen, oder sie besteht mehr dauernd und dann
mit weniger ausgesprochenen körperlichen Erscheinungen. Eine
regelmäßige Begleiterin ist sie bei der Melancholie und bei der akuten
Verwirrtheit, aber auch ohne ausgesprochene geistige Störung findet sie
sich als häufiges und wichtiges Zeichen bei der Neurasthenie. Hier tritt
sie entweder rein, in der geschilderten Weise, auf, oder in Verbindung
mit bestimmten Vorstellungen, so daß z. B. jemand, der sich auf einem
gepflasterten Wege den Fuß verstaucht hat, nun dauernd bei jedem
Betreten einer gepflasterten Straße von der Angst, zu fallen, überkommen
wird: =Intentionspsychosen= nach L. MEYER. Vgl. auch die Besprechung der
=Zwangszustände= im Abschnitt Grenzzustände.