3. Störungen der Gefühlsvorgänge.

Krankhafte Affekte und Stimmungen.

Im Geistesleben des Gesunden werden alle Empfindungen und Vorstellungen

von einem bestimmten Gefühlston der Lust oder Unlust begleitet, der sich

im allgemeinen nach ihrem freundlichen oder feindlichen, fördernden oder

hemmenden Verhältnis zu der Persönlichkeit des Menschen richtet. Bei den

Empfindungen sind wir allerdings vielfach nicht in der Lage, den Grund

anzugeben, weshalb sie uns Lust oder Unlust erregen, weshalb uns ein

Akkord harmonisch, ein andrer dissonant klingt. Ebensowenig können wir

es direkt ableiten, daß die sogenannten =ethischen Gefühle=, das Gefühl

für Familie, für Ehre, Recht, Eigentum, Reinlichkeit, Ordnung usw., zu

den angenehmen gehören. Jedenfalls besteht aber bei den meisten Menschen

eine Übereinstimmung, ein »normales« Gefühl. Die Gesamtwirkung, die

solche Gefühlstöne auf den Geist ausüben, bezeichnet man, wenn sie

dauernd ist, als =Charakter=, wenn sie vorübergehend ist, als

=Stimmung=, und die Schwankungen der Stimmung nach der Lust- oder

Unlustseite nennt man =Affekt=.

Unter krankhaften Verhältnissen sind Stimmung, Charakter und Affekte

vielfachen Abänderungen unterworfen. Die Stimmung kann =gleichgültig=

und teilnahmlos sein, so daß Vorgänge ohne Eindruck bleiben, die sonst

deutliche Gefühlstöne anregen. Die Gleichgültigkeit kann gegen alle

Vorgänge der Außenwelt gleichmäßig bestehen, oder z. B. besonders die

ethischen Gefühle betreffen, die auch unter normalen Verhältnissen von

dem werdenden Menschen viel später erworben werden als die an das eigene

Ich geknüpften (egoistischen) Empfindungen. Bei manchen

Geistesstörungen, besonders bei Formen des angeborenen Schwachsinns,

kommen die ethischen (altruistischen) Gefühle gar nicht zur

Entwicklung[1]; bei anderen verschwinden sie zuerst, eher als die

eigentlichen Verstandeskräfte, wenn Geistesschwäche sich ausbildet, so

besonders bei der Dementia paralytica und beim chronischen Alkoholismus.

In anderen Fällen ist die Stimmung =wechselnd=, sie wird nicht, wie beim

Gesunden, durch ein gewisses Gleichmaß ausgezeichnet, sondern sie ist

jedem flüchtigen Eindruck unterworfen. Die angeborene Neigung zu

schnellem Stimmungswechsel, der ja auch dem Kinde eigen ist, das

Mißverhältnis zwischen dem Anlaß und der Stärke und Dauer des Affektes,

kennzeichnet wiederum den geistig nicht voll oder abnorm Entwickelten

(angeborenen Schwachsinn, Hysterie). Erworben findet sie sich bei

vorübergehenden geistigen Erschöpfungszuständen (z. B. bei Neurasthenie,

nach akuten Geisteskrankheiten) und bei schwererem geistigen Verfall, wo

das geschwundene Gedächtnis die Erinnerung an die kurz vorhergehende

Stimmung und ihre Begründung schnell fahren läßt (Dementia paralytica).

Dem Stimmungswechsel verwandt und deshalb annähernd denselben

Krankheitsformen eigen ist die =krankhafte Reizbarkeit=, die Neigung,

auf geringe Anlässe mit schweren Affekten, zumal mit Ärger- und

Zornausbrüchen zu antworten. Immer ist sie das Zeichen einer krankhaften

Gehirnverfassung. Mehr als irgend einer Störung ist sie der Epilepsie

eigen, aber auch Neurasthenie, Alkoholismus, Manie und Dementia

paralytica bringen die Neigung dazu.

Während die geschilderten Stimmungsveränderungen im gesunden Leben

ziemlich viel Berührungspunkte haben, finden sich unter krankhaften

Verhältnissen dauernde, geistig nicht begründete, also =primäre=

Affekte, denen auf gesundem Gebiet nur die auf bestimmten Ursachen

beruhende freudige oder traurige Stimmung gegenübergestellt werden

können. Immer sind die Affekte von großem Einfluß auf den

Vorstellungsablauf: er steht entweder einseitig unter der Herrschaft der

seiner Färbung entsprechenden Vorstellungen, oder er wird gehemmt und

unterbrochen. Die schmerzliche, =deprimierte= Stimmung, =psychische

Depression=, kann natürlich auch sekundär, durch unangenehme

Empfindungen oder Vorstellungen bedingt sein, häufig ist sie aber rein

primär, d. h. entweder ganz unbegründet oder doch nach Maß und Dauer

durch den angeblichen Anlaß nicht genügend erklärt. Dabei kann sie so

tief gehen, daß sämtliche äußeren Eindrücke, auch die sonst angenehmen,

nur Unlust erzeugen (vgl. Melancholie). Umgekehrt kommt eine krankhaft

heitere, =gehobene=, =expansive=, Stimmung vor, die ebenfalls sekundär,

z. B. durch eingebildetes Glück, Selbstüberschätzung u. dgl. begründet,

aber auch wieder rein primär sein kann (vgl. Manie). Erfahrungsgemäß

schlägt sie leicht, wenigstens vorübergehend, in =Zorn= um, also in

einen Unlustaffekt, während die schmerzliche Verstimmung häufig in den

ihr innig verwandten Affekt der =Angst= übergeht oder darin Ausdruck

findet. Die Angst ist eine außerordentlich häufige und sehr wichtige

krankhafte Erscheinung. Im Gegensatz zu dem ihr sonst nahestehenden

Affekt der Furcht ist die Angst (im psychiatrischen Sinne) nicht durch

äußere Einwirkung oder durch Vorstellungen hervorgerufen, sondern sie

erscheint von selbst und unerklärt, so daß die Kranken sagen: ich weiß

selbst nicht, wovor ich Angst habe, ich sehe ja ein, daß meine Angst

grundlos ist u. dgl. m. Aber dadurch wird das beklemmende Gefühl nicht

geringer. Meist verbindet es sich mit einer Empfindung von Enge (daher

das Wort Angst) in der Magen- oder Herzgegend: =Präkordialangst=, andere

Male wird die Angst in den Kopf oder in den Schlund, in den Rücken, in

den Unterleib verlegt oder gar nicht lokalisiert. Sie verbindet sich mit

dem Gefühl der Herzschwäche und des Versagens der Beine, mit allgemeiner

Unruhe, zuweilen mit unregelmäßigem Puls, meist mit Blässe der Haut, die

weiterhin in Röte übergehen kann, mit unregelmäßiger, gepreßter Atmung

(Zwerchfelltiefstand), oft mit Unfähigkeit zu denken und zu sprechen

usw. Die Besonnenheit kann dadurch völlig aufgehoben werden; Selbstmord,

Gewalttaten, Brandstiftung im Angstaffekt sind auch bei sonst besonnenen

Kranken nicht selten und erscheinen den Laien dann oft unerklärlich. Die

Angst kommt entweder in Anfällen, oder sie besteht mehr dauernd und dann

mit weniger ausgesprochenen körperlichen Erscheinungen. Eine

regelmäßige Begleiterin ist sie bei der Melancholie und bei der akuten

Verwirrtheit, aber auch ohne ausgesprochene geistige Störung findet sie

sich als häufiges und wichtiges Zeichen bei der Neurasthenie. Hier tritt

sie entweder rein, in der geschilderten Weise, auf, oder in Verbindung

mit bestimmten Vorstellungen, so daß z. B. jemand, der sich auf einem

gepflasterten Wege den Fuß verstaucht hat, nun dauernd bei jedem

Betreten einer gepflasterten Straße von der Angst, zu fallen, überkommen

wird: =Intentionspsychosen= nach L. MEYER. Vgl. auch die Besprechung der

=Zwangszustände= im Abschnitt Grenzzustände.

Kompendium der Psychiatrie für Studierende und Ärzte · 第 12 / 133 题