2. Störungen der Verstandestätigkeit.

Die Grundlage aller geistigen Vorgänge bildet die im vorigen Abschnitt

in physiologischer und pathologischer Hinsicht besprochene Tätigkeit der

Sinnesorgane. Nihil est in intellectu, quod non prius fuerit in sensu.

Der Sinnesreiz mag noch so flüchtig sein, der dadurch in der

Großhirnrinde hervorgerufene Eindruck bleibt aufbewahrt, als eine

materielle Veränderung, die beliebige Zeit schlummern, aber dann durch

ähnliche Reize oder durch zufällige oder absichtliche Ideenassoziationen

erweckt werden kann. Die meisten äußeren Dinge wirken nicht auf ein

Sinnesorgan allein, sondern zugleich auf mehrere. Eine Persönlichkeit,

die wir kennen lernen, prägt sich uns nicht nur nach ihrem Aussehen,

also durch den Gesichtsinn, ein, sondern auch nach dem Klange ihrer

Sprache, nach dem Gefühl ihres Händedrucks, und sie bleibt zugleich

verbunden mit dem Ort, wo wir sie kennen lernten, und mit den

Mitteilungen, die wir über sie erhielten; sie kann auch für uns dauernd

in Verbindung treten mit den Erinnerungen an einen Ort, wohin sie reisen

wollte oder wovon sie uns sprach, sie hat uns vielleicht durch ihre

Kleidung, durch Eigentümlichkeiten des Ausdrucks oder der Haltung usw.

an irgend jemand erinnert. Diese Andeutungen zeigen, wie

verschiedenartige Verknüpfungen schon ein zufälliger Eindruck haben

kann. Von allen diesen Anknüpfungspunkten kann später der Eindruck

wieder wachgerufen werden; eine ähnliche Stimme, die wir irgendwo hören,

kann uns die ganze Situation wieder ins Gedächtnis rufen, die dem ersten

Eindruck zugrunde lag. Es ergibt sich daraus, daß erstens die Erregungen

verschiedener Sinneszentren eng miteinander verbunden werden und

bleiben, und zweitens, daß sich an Sinneseindrücke alsbald geistige

Funktionen anschließen. Ungenaue und flüchtige Eindrücke werden

regelmäßig durch Verknüpfung mit ähnlichen oder verwandten

Erinnerungsbildern ergänzt. So verbessern wir beim Lesen unmerklich die

Druckfehler, wir ergänzen halbgehörte Sätze eines Redners nach dem Sinn,

natürlich um so vollkommener, je vertrauter uns der behandelte

Gegenstand ist. Wo dagegen die zum Verständnis nötigen Assoziationen

fehlen, ist die Möglichkeit irriger Auffassungen vorhanden. Die gesunde

Geistestätigkeit befähigt zu genauen Wahrnehmungen, weil ihr die

Eigenschaft der =Aufmerksamkeit= zukommt. Man versteht darunter nicht

etwa eine besondere Geistesfunktion, sondern nur die erfahrungsmäßige

Erscheinung, daß gewisse Eindrücke und Vorstellungen zeitweise im

Vordergrund der Beobachtung und des Denkens stehen, entweder durch ihre

hervorragende Deutlichkeit, als auffallende Teile des Gesamtbildes, oder

durch den besonderen Gefühlston, der sie uns annähert und verwandte

Assoziationen wachruft. Wir sehen z. B. im Straßengewühl der Großstadt

entweder die auffallenden Erscheinungen, hören die lautesten Geräusche

usw., wir können aber, wenn es uns genehm ist, bestimmte weniger

auffallende Dinge beobachten und aus dem allgemeinen Lärm etwa die

Klänge einer leise ertönenden Melodie heraushören. Ohne eine solche

Auswahl würden wir beständig der Spielball trügerischer Wahrnehmungen

und unangenehmer, für uns gleichgültiger oder störender Eindrücke sein.

Jede stärkere Ermüdung bringt Zustände, die daran erinnern, insbesondere

die Unfähigkeit, logischen Auseinandersetzungen zu folgen; der Ermüdete

überhört wichtige Teile der Darstellung und wird durch jede unbedeutende

Störung abgelenkt. In Erschöpfungspsychosen, bei der manischen

Ideenflucht, bei akuten Vergiftungen mit Gehirngiften ist die Fähigkeit

zur Konzentrierung der Aufmerksamkeit völlig verloren gegangen und damit

die richtige Beurteilung der äußeren und inneren Vorgänge schwer

gestört; dasselbe tritt ein, wenn durch organische Erkrankungen, wie bei

Dementia paralytica, die Assoziationsbahnen untergehen, die den normalen

Zusammenhang der Vorstellungen ermöglichen.

Die in ihrem Wesen noch völlig dunkle Umwandlung physiologischer Reize

in psychische Vorgänge und die damit verbundene Wahrnehmung des

Auftretens von Empfindungen, Vorstellungen, Gefühlen und Willensregungen

nennen wir =Bewußtsein=. Aus der Gesamtheit der Organ- und Lagegefühle

und der Lust- und der Unlustempfindungen des Organismus ergibt sich das

=Bewußtsein der Körperlichkeit=; aus der Erfahrungserkenntnis, daß die

früher erlebten und durch die Erinnerung erneuten geistigen Zustände

demselben Subjekt angehören, resultiert das =Bewußtsein der

Persönlichkeit=; diese beiden, die man auch als =Selbstbewußtsein=

zusammenfaßt, stehen dem =Bewußtsein der Außenwelt= gegenüber, das die

äußeren Vorgänge erfaßt. In gewissen Krankheitzuständen kann das

Selbstbewußtsein aufgehoben sein, während das Bewußtsein der Außenwelt

nicht erheblich gestört ist. Dadurch kommen dann scheinbar überlegte

Handlungen zustande, die doch dem Bewußtsein des Handelnden fremd sind

und auch nicht in die Erinnerung aufgenommen werden. Solche

=Dämmerzustände= finden sich besonders bei Epilepsie und Hysterie und

machen oft gerichtsärztliche Schwierigkeiten. Eine weitere Steigerung

dieser Störung bezeichnet man als =Bewußtlosigkeit=; hier ist die

Tätigkeit des Denkorgans völlig aufgehoben, es wird weder empfunden noch

gedacht, und keine Willensregung tritt ein. Das Kennzeichen der

Bewußtlosigkeit ist das nachträgliche Fehlen aller Erinnerungen für die

betreffende Zeit, die =Amnesie=. Sie erstreckt sich oft auch noch auf

die letzte Zeit vor dem Eintreten der Bewußtlosigkeit, so daß z. B.

Erhängte, die wieder ins Leben gerufen werden konnten, oft gar nichts

von ihren Selbstmordvorbereitungen wissen. Ebenso umfaßt die Amnesie des

berauscht Gewesenen häufig auch die Zeit, wo der Betreffende noch

ziemlich klar zu sein schien.

Bei gesundem Bewußtsein werden die Erinnerungen auch in verschiedener

Deutlichkeit festgehalten. Das hängt einerseits, wie schon hervorgehoben

wurde, von der Stärke des Eindruckes und seinem Gefühlstone ab,

andererseits auch sehr wesentlich von dem Zustande des Gehirns. Die

Fähigkeit des Gehirns, frische Eindrücke festzuhalten, nennt man, nach

WERNICKE, die =Merkfähigkeit=. Sie ist normalerweise größer in der

Jugend als im Alter; krankhafte Störungen erleidet sie überall da, wo

durch Zerfahrenheit der Assoziationen oder durch ungenaue Wahrnehmungen

das Erinnerungsbild von vornherein matt aufgenommen wird. Insbesondere

die chemische Schädigung des Gehirns durch Alkohol stört sehr die

Merkfähigkeit, aber auch die gewöhnliche Ermüdung wirkt ungünstig darauf

ein, zum Teil aus den eben genannten Gründen. Wiederholung der Eindrücke

trägt sehr zur Festigung des Erinnerungsbildes und seiner Assoziationen

bei; daher die Erscheinung, daß die in der Jugend erfahrenen und durch

Wiederholen auswendig gelernten Vorstellungskreise bis in das späteste

Alter geläufig bleiben: das =Gedächtnis= bleibt erhalten, auch wenn die

Merkfähigkeit stark abnimmt. Das zeigt sich auch bei Krankheiten sehr

deutlich; bei funktionellen Psychosen ist die Merkfähigkeit oft ganz

aufgehoben, aber das Gedächtnis ungestört, soweit die Kranken zu

Äußerungen zu bewegen sind; bei organischen Psychosen treten die

Störungen des Gedächtnisses erst ein, wenn größere Teile des

Assoziationsorganes zugrunde gegangen sind. Die geringeren Störungen der

Merkfähigkeit äußern sich durch mangelhafte zeitliche Verknüpfung der

Eindrücke; der Kranke weiß nicht mehr, ob er etwas Bestimmtes heute oder

gestern erlebt oder erzählt hat usw. Indem dabei die Tatsachen

gewissermaßen willkürlich geordnet werden, kommt es zu Entstellungen der

Wahrheit, zu =Erinnerungsfälschungen=, ganz besonders, wenn

Gefühlsbetonungen oder die Beteiligung der eigenen Persönlichkeit

mitspielen, also die Wahrnehmung durch das Urteil mit beeinflußt wird.

Wie es Gesunde gibt, die nach einem lebhaften Streit glauben, alles das

gesagt zu haben, was ihnen in Wirklichkeit erst nachher als passende

Antwort eingefallen ist, so wird unter krankhaften Verhältnissen noch in

viel stärkerer Weise die Wirklichkeit mit den Zutaten der

Einbildungskraft vermischt. Namentlich bei Dementia paralytica, im

Delirium tremens, bei Psychosis polyneuritica und bei gewissen Formen

von Paranoia und Dementia praecox kommt es dadurch zu den

eigentümlichsten Konfabulationen. Auch eine Gruppe der Grenzzustände

verdankt dieser Eigenart den Namen der Pseudologia phantastica, der

pathologischen Lügensucht.

Zu den Erinnerungsfälschungen rechnet man auch die von SANDER

beschriebene Empfindung, ein eben stattfindendes Erlebnis schon einmal

ganz ebenso durchgemacht zu haben. Die Erscheinung, die man auch als

=Doppeldenken= bezeichnet, kommt bei Gesunden gelegentlich in Zuständen

der Erschöpfung vor und ist bisher unerklärt. Daß sie auf

ungleichzeitigem Denken beider Gehirnhälften beruhe, ist nicht

anzunehmen. Unter krankhaften Verhältnissen kommt die Empfindung

besonders ausgebildet bei Epileptischen und Hysterischen vor.

Wird der innere Zusammenhang des Vorstellungsablaufs gestört, so

entsteht =Verwirrtheit=, =Inkohärenz=. Eine Andeutung davon bringen

vielfach schon unruhige Träume, namentlich bei Übermüdung oder im

Fieber, ferner gehört dazu das zusammenhangslose Denken in manchen

Rauschzuständen. Das Wesen der Verwirrtheit liegt darin, daß nicht wie

im normalen Zustande bestimmte leitende Vorstellungen das Denken

beherrschen, sondern daß der Zufall äußerer oder innerer Reize die

Assoziationen bestimmt. Bei geringeren Graden ist oft noch ein gewisser

Zusammenhang der aufeinander folgenden Vorstellungen nachweisbar, oder

eine Bestimmung durch äußere Eindrücke. Bei dieser =Ideenflucht= ist

vielfach die äußere Ähnlichkeit der Worte, der Gleichklang oder der

Rhythmus bestimmend für die Aneinanderreihung. Das akute Auftreten von

Verwirrtheit ist ganz besonders an eine mehr oder weniger schwere, oft

rauschartige Trübung des Bewußtseins gebunden: unter Umständen wird sie

durch massenhaft auftretende Halluzinationen oder durch krankhafte

Affektzustände begünstigt, doch sind diese nicht immer dabei vorhanden.

Oft bildet die Verwirrtheit einen Teilzustand der erwähnten

Dämmerzustände, im allgemeinen ist aber eine erhöhte Ablenkbarkeit der

Vorstellungstätigkeit dazu erforderlich. Infolgedessen verbindet sich

die geistige Verwirrtheit gewöhnlich auch mit einer Unstetigkeit und

regellosen Geschäftigkeit der Bewegungen.

Eine andere wichtige Störung des Vorstellungsablaufes ist die

=Denkhemmung=. Es besteht dabei, oft von den Kranken selbst deutlich und

schmerzlich empfunden, eine Verlangsamung der Wahrnehmung und der

Assoziationen und eine Beschränkung des Denkens auf bestimmte Gebiete,

die der wohl immer zugrunde liegenden trüben Stimmung entsprechen. Die

Erschwerung des Denkens kann so weit gehen, daß der Kranke dem

Beobachter als erheblich schwachsinnig oder gar blödsinnig erscheint,

während mit dem Schwinden des depressiven Affekts alsbald ein völlig

ungestörtes Denkvermögen wieder da ist. Bei Besprechung der Melancholie

wird darauf zurückzukommen sein.

Bei den Erinnerungsfälschungen greifen die sonstigen Vorstellungen des

Betreffenden in die Wahrnehmungen verändernd ein. Bei andern krankhaften

Zuständen werden, wie ebenfalls schon angedeutet ist, wenig oder

gar keine Assoziationen gebildet, hier muß also außer der

Gedächtnisschwäche auch eine =Urteilschwäche= eintreten, da das Urteil,

die Kritik ja nur in der Verknüpfung der gegenwärtigen Vorstellungen mit

denen des Erfahrungschatzes besteht. Es ist ohne weiteres klar, daß jede

Störung der Wahrnehmung, der Erinnerung und der Vorstellungverknüpfung

das Urteil schädigen muß; am schwersten ist die Schädigung, wenn alle

drei Arten von Störungen zusammenwirken. Jede gefälschte Wahrnehmung und

noch mehr eine Halluzination muß zu falschen Vorstellungen führen, wenn

sie nicht durch Überlegung und Urteil auf ihren richtigen Wert

zurückgeführt wird. Wenn eine falsche Vorstellung infolge krankhafter

Assoziationstörungen nicht berichtigt wird, während ihre Berichtigung

nach den Fähigkeiten des Betreffenden im übrigen möglich wäre, so

bezeichnet man sie als =Wahnvorstellung=. Daraus ergibt sich, daß man

die falsche Vorstellung und die Wahnvorstellung nur durch die

Beurteilung der ganzen Persönlichkeit, oft nur durch Kenntnis der

tatsächlichen Verhältnisse unterscheiden kann. Wenn ein einfacher Mann

sich einreden läßt, es sei möglich, durch irgend eine Vorrichtung die

Schwerkraft aufzuheben, so ist das eine falsche Vorstellung; wenn ein

Physiker dasselbe glaubt, so ist das eine Wahnidee. Ähnlich

unterscheidet sich auch der Aberglaube von der Wahnvorstellung. Wenn

endlich eine Frau die Untreue ihres Mannes behauptet, so kann nur die

Erhebung der Tatsachen feststellen, ob das eine richtige, eine

irrtümliche oder eine wahnhafte Auffassung ist. Oft ist daher die

Beurteilung unendlich schwer.

Bei Geisteskranken kommen Wahnvorstellungen im Anschluß an

Sinnestäuschungen oder an Erinnerungsfälschungen oder wohl am häufigsten

als =primäre= Störungen der Vorstellungstätigkeit vor. Vermutlich

begründet eine krankhafte Gefühlsbetonung (vgl. S. 33) bestimmter,

umschriebener Gedankenreihen, die meist auf die eigene Persönlichkeit

Bezug haben, diese Störung des Urteils. Das geschieht natürlich

um so leichter, wenn ein allgemeiner Affektzustand oder eine

Bewußtseinstrübung das klare Denken und die Kritik erschwert. Die in

solchen Zuständen entstandenen Wahnvorstellungen verblassen und

verschwinden daher gewöhnlich mit der Wiederkehr gesunder Überlegung. Wo

dagegen die Wahnvorstellung bei klarem Bewußtsein auftritt und wegen

der krankhaften Disposition des Gehirns nicht korrigiert wird, wird sie

meist ein fester Bestandteil des Denkens, =fixe Idee=, mit derselben

Gültigkeit wie der normale Erfahrungschatz, und es werden darauf andere

Vorstellungen logisch aufgebaut, die wegen ihrer krankhaften Grundlage

vielfach ebenfalls wahnhaft sein müssen. Man spricht dann von

=Systematisierung des Wahns=. Daneben können die geistigen

Verrichtungen, die nicht direkt mit den Wahnvorstellungen oder mit ihrer

krankhaften Grundlage zusammenhängen, lange Zeit ziemlich ungestört

einhergehen. Man glaubte ehemals, daraus eine »partielle« Geistesstörung

ableiten zu dürfen. Indessen schreitet in solchen Fällen die wahnhafte

Verfälschung des Denkens allmählich und in kaum merklichem Übergange auf

andere Gebiete weiter, und es ist nie mit Sicherheit anzugeben, welche

Urteilsreihen noch von dem krankhaften Einflüsse frei sind. Dieser wird

gewöhnlich auch noch dadurch verstärkt, daß neben den Wahnideen

allmählich entsprechende Illusionen und (psychische oder zentrifugale)

Halluzinationen als Folgeerscheinungen desselben krankhaften

Gehirnzustandes aufzutreten pflegen.

Dem Inhalte nach unterscheidet man die beiden großen Gruppen der

=depressiven= und =expansiven Wahnideen= oder den =Kleinheits=- oder

=Beeinträchtigungswahn= und den =Größenwahn=. Zu jenem gehören besonders

die =hypochondrischen= Vorstellungen, die sich auf krankhafte Zustände

des eigenen Körpers richten, ferner der =Versündigungswahn=, der

besonders bei Melancholie, aber auch bei anderen Formen vorkommt,

weiterhin der =Verfolgungswahn=, wobei der Kranke sich körperlich oder

in seinen ganzen Lebensverhältnissen feindlich beeinflußt glaubt. Aus

allgemeinem Argwohn bilden sich dabei allmählich immer klarere

Verfolgungsideen hervor; zunächst werden die Verfolgungen meist in

natürlicher und nicht ohne weiteres als krankhaft erkennbarer Art

geschildert (Verleumdungen, Schädigungen im Geschäftsleben, Verhöhnungen

durch Gebärden, Zeitungsartikel usw.), dann aber werden sie schon

weniger glaubhaft auf ganze Gruppen, auf Freimaurer, Jesuiten usw.

bezogen, und endlich werden zur Erklärung der krankhaften Empfindungen

und Vorstellungen ganz geheimnisvolle Vorgänge angenommen: die Feinde

wirken durch Magnetismus, Elektrizität, Telephonieren und Hypnose aus

der Entfernung ein (Telepathie), Raum und Zeit usw. spielen keinerlei

hindernde Rolle mehr. Vergiftungen, Samenabtreibung, Schwängerung,

körperliche Quälereien aller Art werden auf solche Weise vermeintlich

gegen den Kranken ausgeübt; er glaubt sich ganz oder teilweise

verwandelt usw. -- Der Verfolgungswahn findet sich als flüchtige

Erscheinung zumal bei den Erschöpfungs- und Infektions- und

Intoxikationspsychosen, fixiert dagegen am besten ausgeprägt bei der

Paranoia. Eine häufige Form des Beeinträchtigungswahnes ist der

=Eifersuchtswahn=, der besonders beim chronischen Alkoholismus eine

wichtige Rolle spielt.

Der =Größenwahn= kann sich ebenfalls auf die körperliche oder die

geistige Persönlichkeit des Kranken oder auf seine gesamten Verhältnisse

beziehen. Er glaubt je nachdem, sehr stark, aller körperlichen Vorzüge

voll zu sein, Weiber rühmen sich ihrer zahlreichen und schönen Kinder,

die Abgänge der Kranken sind golden, ihre geistigen Leistungen

unerreicht. Allgemeinere Überschätzungsvorstellungen spiegeln ihnen hohe

Abkunft, großen Reichtum, wichtige Lebensstellungen vor, viele glauben

Graf, Fürst, Millionär, Feldmarschall, Kaiser, Weltverbesserer,

Christus, Gott und endlich Obergott zu sein. Daneben zeigt sich

gesteigerte Unternehmungslust, von unüberlegten Ankäufen bis zum Plane

von Mondbahnen u. dgl. Sehr schneidend ist oft der Gegensatz zwischen

diesen Vorstellungen, womit unendliche Prahlerei getrieben wird, und dem

hilflosen Körper- und Geisteszustand der Kranken. Größenvorstellungen

kommen bei Manie als Ausfluß des Affekts, als fixierte Teile des Denkens

besonders bei Paranoia, Dementia praecox und Dementia paralytica vor.

Häufig verbinden sich Größen- und Kleinheitsideen in derselben Person;

der Kranke glaubt sich wegen seiner besonderen Stellung und Bedeutung

verfolgt usw. Auf der Grenze beider Arten und je nach dem Einzelfall

mehr als Beeinträchtigung oder als Vorzug aufgefaßt steht die bei

Weibern häufige Vorstellung, schwanger zu sein, die bald auf feindliche

Notzucht, bald auf unwiderstehliche Reize der eigenen Person, bald auf

übernatürliche, göttliche Einflüsse zurückgeführt wird. Eine Einsicht

für das Krankhafte des Wahns besteht nie, im Gegenteil, die meisten

Wahnkranken halten sich für völlig gesund, viele für gesünder als je.

Eine andere Form von krankhafter Assoziationstätigkeit sind die

=Zwangsvorstellungen=. Es handelt sich dabei um Vorstellungen, die sich

gegen den Willen und die Überlegung unter dem Gefühl lästigen Zwanges in

das Bewußtsein eindrängen. Unter normalen Verhältnissen kommen

vorübergehend Andeutungen davon vor, z. B. in dem störenden Haften eines

erschreckenden Vorfalls oder einer Melodie, die man nicht wieder

loswerden kann, in dem Bedenken, ob man beim Verlassen des Hauses die

Tür sicher zugeschlossen habe, in dem Gedanken, bei einer feierlichen

Handlung lachen zu müssen, in einer Gesellschaft mit irgend einer

Vernachlässigung der Kleidung erschienen zu sein u. dgl. m. Während beim

Gesunden lästige Erinnerungsbilder durch Ablenkung, störende Besorgnisse

oder Einfälle durch die Überlegung alsbald beseitigt werden, genügt

gegenüber den krankhaften Zwangsvorstellungen weder der Wille noch die

Einsicht in das Fremdartige der Erscheinung. Die Kranken sagen mit

Recht, daß sie die Vorstellungen für lächerlich, für unbegründet usw.

halten, aber sich doch nicht davon losmachen können. Der Versuch, einer

Zwangsvorstellung nicht nachzugeben, bestraft sich gewöhnlich durch

lebhafte Angst- oder Unlustgefühle. Der Inhalt knüpft sich oft an ein

bestimmtes Erlebnis (vgl. S. 35, Intentionspsychosen) oder an mehr oder

weniger unbestimmte Empfindungen des Unbehagens (Schwindelgefühl auf

Höhen, Gefühl der Hilflosigkeit im geschlossenen Eisenbahnwagen, der

persönlichen Kleinheit in einem menschengefüllten großen Saal

u. dgl. m.), an allgemeine abergläubische Meinungen oder verbreitete

Befürchtungen. Oft ist der Ausgangspunkt vollkommen unklar, namentlich

in gewissen Fällen, wo die Zwangsvorstellung in dem Auftreten an sich

sinnloser Erinnerungsbilder, Wörter und Wortgruppen oder in zwecklosem

Fragen oder Grübeln besteht. FREUD will in den Zwangsvorstellungen

jedesmal verwandelte, aus der absichtlichen psychischen Verdrängung

wiederkehrende Selbstvorwürfe sehen, die sich auf eine geschlechtliche,

mit Lust ausgeführte Handlung aus der Kinderzeit beziehen. Auch andere

Autoren finden darin stets einen Hinweis auf ein verdrängtes

Schuldbewußtsein. Die Zwangsvorstellungen kommen zumal bei der

Neurasthenie und bei gewissen hereditär Abnormen vor und werden bei

deren Besprechung (im zweiten Buche) eingehender geschildert. Selten

gehen sie im weiteren Verlauf in Wahnvorstellungen über. Gelegentlich

kommt es zu Halluzinationen im Sinne der Zwangsvorstellung.

Kompendium der Psychiatrie für Studierende und Ärzte · 第 11 / 133 题