Die Grundlage aller geistigen Vorgänge bildet die im vorigen Abschnitt
in physiologischer und pathologischer Hinsicht besprochene Tätigkeit der
Sinnesorgane. Nihil est in intellectu, quod non prius fuerit in sensu.
Der Sinnesreiz mag noch so flüchtig sein, der dadurch in der
Großhirnrinde hervorgerufene Eindruck bleibt aufbewahrt, als eine
materielle Veränderung, die beliebige Zeit schlummern, aber dann durch
ähnliche Reize oder durch zufällige oder absichtliche Ideenassoziationen
erweckt werden kann. Die meisten äußeren Dinge wirken nicht auf ein
Sinnesorgan allein, sondern zugleich auf mehrere. Eine Persönlichkeit,
die wir kennen lernen, prägt sich uns nicht nur nach ihrem Aussehen,
also durch den Gesichtsinn, ein, sondern auch nach dem Klange ihrer
Sprache, nach dem Gefühl ihres Händedrucks, und sie bleibt zugleich
verbunden mit dem Ort, wo wir sie kennen lernten, und mit den
Mitteilungen, die wir über sie erhielten; sie kann auch für uns dauernd
in Verbindung treten mit den Erinnerungen an einen Ort, wohin sie reisen
wollte oder wovon sie uns sprach, sie hat uns vielleicht durch ihre
Kleidung, durch Eigentümlichkeiten des Ausdrucks oder der Haltung usw.
an irgend jemand erinnert. Diese Andeutungen zeigen, wie
verschiedenartige Verknüpfungen schon ein zufälliger Eindruck haben
kann. Von allen diesen Anknüpfungspunkten kann später der Eindruck
wieder wachgerufen werden; eine ähnliche Stimme, die wir irgendwo hören,
kann uns die ganze Situation wieder ins Gedächtnis rufen, die dem ersten
Eindruck zugrunde lag. Es ergibt sich daraus, daß erstens die Erregungen
verschiedener Sinneszentren eng miteinander verbunden werden und
bleiben, und zweitens, daß sich an Sinneseindrücke alsbald geistige
Funktionen anschließen. Ungenaue und flüchtige Eindrücke werden
regelmäßig durch Verknüpfung mit ähnlichen oder verwandten
Erinnerungsbildern ergänzt. So verbessern wir beim Lesen unmerklich die
Druckfehler, wir ergänzen halbgehörte Sätze eines Redners nach dem Sinn,
natürlich um so vollkommener, je vertrauter uns der behandelte
Gegenstand ist. Wo dagegen die zum Verständnis nötigen Assoziationen
fehlen, ist die Möglichkeit irriger Auffassungen vorhanden. Die gesunde
Geistestätigkeit befähigt zu genauen Wahrnehmungen, weil ihr die
Eigenschaft der =Aufmerksamkeit= zukommt. Man versteht darunter nicht
etwa eine besondere Geistesfunktion, sondern nur die erfahrungsmäßige
Erscheinung, daß gewisse Eindrücke und Vorstellungen zeitweise im
Vordergrund der Beobachtung und des Denkens stehen, entweder durch ihre
hervorragende Deutlichkeit, als auffallende Teile des Gesamtbildes, oder
durch den besonderen Gefühlston, der sie uns annähert und verwandte
Assoziationen wachruft. Wir sehen z. B. im Straßengewühl der Großstadt
entweder die auffallenden Erscheinungen, hören die lautesten Geräusche
usw., wir können aber, wenn es uns genehm ist, bestimmte weniger
auffallende Dinge beobachten und aus dem allgemeinen Lärm etwa die
Klänge einer leise ertönenden Melodie heraushören. Ohne eine solche
Auswahl würden wir beständig der Spielball trügerischer Wahrnehmungen
und unangenehmer, für uns gleichgültiger oder störender Eindrücke sein.
Jede stärkere Ermüdung bringt Zustände, die daran erinnern, insbesondere
die Unfähigkeit, logischen Auseinandersetzungen zu folgen; der Ermüdete
überhört wichtige Teile der Darstellung und wird durch jede unbedeutende
Störung abgelenkt. In Erschöpfungspsychosen, bei der manischen
Ideenflucht, bei akuten Vergiftungen mit Gehirngiften ist die Fähigkeit
zur Konzentrierung der Aufmerksamkeit völlig verloren gegangen und damit
die richtige Beurteilung der äußeren und inneren Vorgänge schwer
gestört; dasselbe tritt ein, wenn durch organische Erkrankungen, wie bei
Dementia paralytica, die Assoziationsbahnen untergehen, die den normalen
Zusammenhang der Vorstellungen ermöglichen.
Die in ihrem Wesen noch völlig dunkle Umwandlung physiologischer Reize
in psychische Vorgänge und die damit verbundene Wahrnehmung des
Auftretens von Empfindungen, Vorstellungen, Gefühlen und Willensregungen
nennen wir =Bewußtsein=. Aus der Gesamtheit der Organ- und Lagegefühle
und der Lust- und der Unlustempfindungen des Organismus ergibt sich das
=Bewußtsein der Körperlichkeit=; aus der Erfahrungserkenntnis, daß die
früher erlebten und durch die Erinnerung erneuten geistigen Zustände
demselben Subjekt angehören, resultiert das =Bewußtsein der
Persönlichkeit=; diese beiden, die man auch als =Selbstbewußtsein=
zusammenfaßt, stehen dem =Bewußtsein der Außenwelt= gegenüber, das die
äußeren Vorgänge erfaßt. In gewissen Krankheitzuständen kann das
Selbstbewußtsein aufgehoben sein, während das Bewußtsein der Außenwelt
nicht erheblich gestört ist. Dadurch kommen dann scheinbar überlegte
Handlungen zustande, die doch dem Bewußtsein des Handelnden fremd sind
und auch nicht in die Erinnerung aufgenommen werden. Solche
=Dämmerzustände= finden sich besonders bei Epilepsie und Hysterie und
machen oft gerichtsärztliche Schwierigkeiten. Eine weitere Steigerung
dieser Störung bezeichnet man als =Bewußtlosigkeit=; hier ist die
Tätigkeit des Denkorgans völlig aufgehoben, es wird weder empfunden noch
gedacht, und keine Willensregung tritt ein. Das Kennzeichen der
Bewußtlosigkeit ist das nachträgliche Fehlen aller Erinnerungen für die
betreffende Zeit, die =Amnesie=. Sie erstreckt sich oft auch noch auf
die letzte Zeit vor dem Eintreten der Bewußtlosigkeit, so daß z. B.
Erhängte, die wieder ins Leben gerufen werden konnten, oft gar nichts
von ihren Selbstmordvorbereitungen wissen. Ebenso umfaßt die Amnesie des
berauscht Gewesenen häufig auch die Zeit, wo der Betreffende noch
ziemlich klar zu sein schien.
Bei gesundem Bewußtsein werden die Erinnerungen auch in verschiedener
Deutlichkeit festgehalten. Das hängt einerseits, wie schon hervorgehoben
wurde, von der Stärke des Eindruckes und seinem Gefühlstone ab,
andererseits auch sehr wesentlich von dem Zustande des Gehirns. Die
Fähigkeit des Gehirns, frische Eindrücke festzuhalten, nennt man, nach
WERNICKE, die =Merkfähigkeit=. Sie ist normalerweise größer in der
Jugend als im Alter; krankhafte Störungen erleidet sie überall da, wo
durch Zerfahrenheit der Assoziationen oder durch ungenaue Wahrnehmungen
das Erinnerungsbild von vornherein matt aufgenommen wird. Insbesondere
die chemische Schädigung des Gehirns durch Alkohol stört sehr die
Merkfähigkeit, aber auch die gewöhnliche Ermüdung wirkt ungünstig darauf
ein, zum Teil aus den eben genannten Gründen. Wiederholung der Eindrücke
trägt sehr zur Festigung des Erinnerungsbildes und seiner Assoziationen
bei; daher die Erscheinung, daß die in der Jugend erfahrenen und durch
Wiederholen auswendig gelernten Vorstellungskreise bis in das späteste
Alter geläufig bleiben: das =Gedächtnis= bleibt erhalten, auch wenn die
Merkfähigkeit stark abnimmt. Das zeigt sich auch bei Krankheiten sehr
deutlich; bei funktionellen Psychosen ist die Merkfähigkeit oft ganz
aufgehoben, aber das Gedächtnis ungestört, soweit die Kranken zu
Äußerungen zu bewegen sind; bei organischen Psychosen treten die
Störungen des Gedächtnisses erst ein, wenn größere Teile des
Assoziationsorganes zugrunde gegangen sind. Die geringeren Störungen der
Merkfähigkeit äußern sich durch mangelhafte zeitliche Verknüpfung der
Eindrücke; der Kranke weiß nicht mehr, ob er etwas Bestimmtes heute oder
gestern erlebt oder erzählt hat usw. Indem dabei die Tatsachen
gewissermaßen willkürlich geordnet werden, kommt es zu Entstellungen der
Wahrheit, zu =Erinnerungsfälschungen=, ganz besonders, wenn
Gefühlsbetonungen oder die Beteiligung der eigenen Persönlichkeit
mitspielen, also die Wahrnehmung durch das Urteil mit beeinflußt wird.
Wie es Gesunde gibt, die nach einem lebhaften Streit glauben, alles das
gesagt zu haben, was ihnen in Wirklichkeit erst nachher als passende
Antwort eingefallen ist, so wird unter krankhaften Verhältnissen noch in
viel stärkerer Weise die Wirklichkeit mit den Zutaten der
Einbildungskraft vermischt. Namentlich bei Dementia paralytica, im
Delirium tremens, bei Psychosis polyneuritica und bei gewissen Formen
von Paranoia und Dementia praecox kommt es dadurch zu den
eigentümlichsten Konfabulationen. Auch eine Gruppe der Grenzzustände
verdankt dieser Eigenart den Namen der Pseudologia phantastica, der
pathologischen Lügensucht.
Zu den Erinnerungsfälschungen rechnet man auch die von SANDER
beschriebene Empfindung, ein eben stattfindendes Erlebnis schon einmal
ganz ebenso durchgemacht zu haben. Die Erscheinung, die man auch als
=Doppeldenken= bezeichnet, kommt bei Gesunden gelegentlich in Zuständen
der Erschöpfung vor und ist bisher unerklärt. Daß sie auf
ungleichzeitigem Denken beider Gehirnhälften beruhe, ist nicht
anzunehmen. Unter krankhaften Verhältnissen kommt die Empfindung
besonders ausgebildet bei Epileptischen und Hysterischen vor.
Wird der innere Zusammenhang des Vorstellungsablaufs gestört, so
entsteht =Verwirrtheit=, =Inkohärenz=. Eine Andeutung davon bringen
vielfach schon unruhige Träume, namentlich bei Übermüdung oder im
Fieber, ferner gehört dazu das zusammenhangslose Denken in manchen
Rauschzuständen. Das Wesen der Verwirrtheit liegt darin, daß nicht wie
im normalen Zustande bestimmte leitende Vorstellungen das Denken
beherrschen, sondern daß der Zufall äußerer oder innerer Reize die
Assoziationen bestimmt. Bei geringeren Graden ist oft noch ein gewisser
Zusammenhang der aufeinander folgenden Vorstellungen nachweisbar, oder
eine Bestimmung durch äußere Eindrücke. Bei dieser =Ideenflucht= ist
vielfach die äußere Ähnlichkeit der Worte, der Gleichklang oder der
Rhythmus bestimmend für die Aneinanderreihung. Das akute Auftreten von
Verwirrtheit ist ganz besonders an eine mehr oder weniger schwere, oft
rauschartige Trübung des Bewußtseins gebunden: unter Umständen wird sie
durch massenhaft auftretende Halluzinationen oder durch krankhafte
Affektzustände begünstigt, doch sind diese nicht immer dabei vorhanden.
Oft bildet die Verwirrtheit einen Teilzustand der erwähnten
Dämmerzustände, im allgemeinen ist aber eine erhöhte Ablenkbarkeit der
Vorstellungstätigkeit dazu erforderlich. Infolgedessen verbindet sich
die geistige Verwirrtheit gewöhnlich auch mit einer Unstetigkeit und
regellosen Geschäftigkeit der Bewegungen.
Eine andere wichtige Störung des Vorstellungsablaufes ist die
=Denkhemmung=. Es besteht dabei, oft von den Kranken selbst deutlich und
schmerzlich empfunden, eine Verlangsamung der Wahrnehmung und der
Assoziationen und eine Beschränkung des Denkens auf bestimmte Gebiete,
die der wohl immer zugrunde liegenden trüben Stimmung entsprechen. Die
Erschwerung des Denkens kann so weit gehen, daß der Kranke dem
Beobachter als erheblich schwachsinnig oder gar blödsinnig erscheint,
während mit dem Schwinden des depressiven Affekts alsbald ein völlig
ungestörtes Denkvermögen wieder da ist. Bei Besprechung der Melancholie
wird darauf zurückzukommen sein.
Bei den Erinnerungsfälschungen greifen die sonstigen Vorstellungen des
Betreffenden in die Wahrnehmungen verändernd ein. Bei andern krankhaften
Zuständen werden, wie ebenfalls schon angedeutet ist, wenig oder
gar keine Assoziationen gebildet, hier muß also außer der
Gedächtnisschwäche auch eine =Urteilschwäche= eintreten, da das Urteil,
die Kritik ja nur in der Verknüpfung der gegenwärtigen Vorstellungen mit
denen des Erfahrungschatzes besteht. Es ist ohne weiteres klar, daß jede
Störung der Wahrnehmung, der Erinnerung und der Vorstellungverknüpfung
das Urteil schädigen muß; am schwersten ist die Schädigung, wenn alle
drei Arten von Störungen zusammenwirken. Jede gefälschte Wahrnehmung und
noch mehr eine Halluzination muß zu falschen Vorstellungen führen, wenn
sie nicht durch Überlegung und Urteil auf ihren richtigen Wert
zurückgeführt wird. Wenn eine falsche Vorstellung infolge krankhafter
Assoziationstörungen nicht berichtigt wird, während ihre Berichtigung
nach den Fähigkeiten des Betreffenden im übrigen möglich wäre, so
bezeichnet man sie als =Wahnvorstellung=. Daraus ergibt sich, daß man
die falsche Vorstellung und die Wahnvorstellung nur durch die
Beurteilung der ganzen Persönlichkeit, oft nur durch Kenntnis der
tatsächlichen Verhältnisse unterscheiden kann. Wenn ein einfacher Mann
sich einreden läßt, es sei möglich, durch irgend eine Vorrichtung die
Schwerkraft aufzuheben, so ist das eine falsche Vorstellung; wenn ein
Physiker dasselbe glaubt, so ist das eine Wahnidee. Ähnlich
unterscheidet sich auch der Aberglaube von der Wahnvorstellung. Wenn
endlich eine Frau die Untreue ihres Mannes behauptet, so kann nur die
Erhebung der Tatsachen feststellen, ob das eine richtige, eine
irrtümliche oder eine wahnhafte Auffassung ist. Oft ist daher die
Beurteilung unendlich schwer.
Bei Geisteskranken kommen Wahnvorstellungen im Anschluß an
Sinnestäuschungen oder an Erinnerungsfälschungen oder wohl am häufigsten
als =primäre= Störungen der Vorstellungstätigkeit vor. Vermutlich
begründet eine krankhafte Gefühlsbetonung (vgl. S. 33) bestimmter,
umschriebener Gedankenreihen, die meist auf die eigene Persönlichkeit
Bezug haben, diese Störung des Urteils. Das geschieht natürlich
um so leichter, wenn ein allgemeiner Affektzustand oder eine
Bewußtseinstrübung das klare Denken und die Kritik erschwert. Die in
solchen Zuständen entstandenen Wahnvorstellungen verblassen und
verschwinden daher gewöhnlich mit der Wiederkehr gesunder Überlegung. Wo
dagegen die Wahnvorstellung bei klarem Bewußtsein auftritt und wegen
der krankhaften Disposition des Gehirns nicht korrigiert wird, wird sie
meist ein fester Bestandteil des Denkens, =fixe Idee=, mit derselben
Gültigkeit wie der normale Erfahrungschatz, und es werden darauf andere
Vorstellungen logisch aufgebaut, die wegen ihrer krankhaften Grundlage
vielfach ebenfalls wahnhaft sein müssen. Man spricht dann von
=Systematisierung des Wahns=. Daneben können die geistigen
Verrichtungen, die nicht direkt mit den Wahnvorstellungen oder mit ihrer
krankhaften Grundlage zusammenhängen, lange Zeit ziemlich ungestört
einhergehen. Man glaubte ehemals, daraus eine »partielle« Geistesstörung
ableiten zu dürfen. Indessen schreitet in solchen Fällen die wahnhafte
Verfälschung des Denkens allmählich und in kaum merklichem Übergange auf
andere Gebiete weiter, und es ist nie mit Sicherheit anzugeben, welche
Urteilsreihen noch von dem krankhaften Einflüsse frei sind. Dieser wird
gewöhnlich auch noch dadurch verstärkt, daß neben den Wahnideen
allmählich entsprechende Illusionen und (psychische oder zentrifugale)
Halluzinationen als Folgeerscheinungen desselben krankhaften
Gehirnzustandes aufzutreten pflegen.
Dem Inhalte nach unterscheidet man die beiden großen Gruppen der
=depressiven= und =expansiven Wahnideen= oder den =Kleinheits=- oder
=Beeinträchtigungswahn= und den =Größenwahn=. Zu jenem gehören besonders
die =hypochondrischen= Vorstellungen, die sich auf krankhafte Zustände
des eigenen Körpers richten, ferner der =Versündigungswahn=, der
besonders bei Melancholie, aber auch bei anderen Formen vorkommt,
weiterhin der =Verfolgungswahn=, wobei der Kranke sich körperlich oder
in seinen ganzen Lebensverhältnissen feindlich beeinflußt glaubt. Aus
allgemeinem Argwohn bilden sich dabei allmählich immer klarere
Verfolgungsideen hervor; zunächst werden die Verfolgungen meist in
natürlicher und nicht ohne weiteres als krankhaft erkennbarer Art
geschildert (Verleumdungen, Schädigungen im Geschäftsleben, Verhöhnungen
durch Gebärden, Zeitungsartikel usw.), dann aber werden sie schon
weniger glaubhaft auf ganze Gruppen, auf Freimaurer, Jesuiten usw.
bezogen, und endlich werden zur Erklärung der krankhaften Empfindungen
und Vorstellungen ganz geheimnisvolle Vorgänge angenommen: die Feinde
wirken durch Magnetismus, Elektrizität, Telephonieren und Hypnose aus
der Entfernung ein (Telepathie), Raum und Zeit usw. spielen keinerlei
hindernde Rolle mehr. Vergiftungen, Samenabtreibung, Schwängerung,
körperliche Quälereien aller Art werden auf solche Weise vermeintlich
gegen den Kranken ausgeübt; er glaubt sich ganz oder teilweise
verwandelt usw. -- Der Verfolgungswahn findet sich als flüchtige
Erscheinung zumal bei den Erschöpfungs- und Infektions- und
Intoxikationspsychosen, fixiert dagegen am besten ausgeprägt bei der
Paranoia. Eine häufige Form des Beeinträchtigungswahnes ist der
=Eifersuchtswahn=, der besonders beim chronischen Alkoholismus eine
wichtige Rolle spielt.
Der =Größenwahn= kann sich ebenfalls auf die körperliche oder die
geistige Persönlichkeit des Kranken oder auf seine gesamten Verhältnisse
beziehen. Er glaubt je nachdem, sehr stark, aller körperlichen Vorzüge
voll zu sein, Weiber rühmen sich ihrer zahlreichen und schönen Kinder,
die Abgänge der Kranken sind golden, ihre geistigen Leistungen
unerreicht. Allgemeinere Überschätzungsvorstellungen spiegeln ihnen hohe
Abkunft, großen Reichtum, wichtige Lebensstellungen vor, viele glauben
Graf, Fürst, Millionär, Feldmarschall, Kaiser, Weltverbesserer,
Christus, Gott und endlich Obergott zu sein. Daneben zeigt sich
gesteigerte Unternehmungslust, von unüberlegten Ankäufen bis zum Plane
von Mondbahnen u. dgl. Sehr schneidend ist oft der Gegensatz zwischen
diesen Vorstellungen, womit unendliche Prahlerei getrieben wird, und dem
hilflosen Körper- und Geisteszustand der Kranken. Größenvorstellungen
kommen bei Manie als Ausfluß des Affekts, als fixierte Teile des Denkens
besonders bei Paranoia, Dementia praecox und Dementia paralytica vor.
Häufig verbinden sich Größen- und Kleinheitsideen in derselben Person;
der Kranke glaubt sich wegen seiner besonderen Stellung und Bedeutung
verfolgt usw. Auf der Grenze beider Arten und je nach dem Einzelfall
mehr als Beeinträchtigung oder als Vorzug aufgefaßt steht die bei
Weibern häufige Vorstellung, schwanger zu sein, die bald auf feindliche
Notzucht, bald auf unwiderstehliche Reize der eigenen Person, bald auf
übernatürliche, göttliche Einflüsse zurückgeführt wird. Eine Einsicht
für das Krankhafte des Wahns besteht nie, im Gegenteil, die meisten
Wahnkranken halten sich für völlig gesund, viele für gesünder als je.
Eine andere Form von krankhafter Assoziationstätigkeit sind die
=Zwangsvorstellungen=. Es handelt sich dabei um Vorstellungen, die sich
gegen den Willen und die Überlegung unter dem Gefühl lästigen Zwanges in
das Bewußtsein eindrängen. Unter normalen Verhältnissen kommen
vorübergehend Andeutungen davon vor, z. B. in dem störenden Haften eines
erschreckenden Vorfalls oder einer Melodie, die man nicht wieder
loswerden kann, in dem Bedenken, ob man beim Verlassen des Hauses die
Tür sicher zugeschlossen habe, in dem Gedanken, bei einer feierlichen
Handlung lachen zu müssen, in einer Gesellschaft mit irgend einer
Vernachlässigung der Kleidung erschienen zu sein u. dgl. m. Während beim
Gesunden lästige Erinnerungsbilder durch Ablenkung, störende Besorgnisse
oder Einfälle durch die Überlegung alsbald beseitigt werden, genügt
gegenüber den krankhaften Zwangsvorstellungen weder der Wille noch die
Einsicht in das Fremdartige der Erscheinung. Die Kranken sagen mit
Recht, daß sie die Vorstellungen für lächerlich, für unbegründet usw.
halten, aber sich doch nicht davon losmachen können. Der Versuch, einer
Zwangsvorstellung nicht nachzugeben, bestraft sich gewöhnlich durch
lebhafte Angst- oder Unlustgefühle. Der Inhalt knüpft sich oft an ein
bestimmtes Erlebnis (vgl. S. 35, Intentionspsychosen) oder an mehr oder
weniger unbestimmte Empfindungen des Unbehagens (Schwindelgefühl auf
Höhen, Gefühl der Hilflosigkeit im geschlossenen Eisenbahnwagen, der
persönlichen Kleinheit in einem menschengefüllten großen Saal
u. dgl. m.), an allgemeine abergläubische Meinungen oder verbreitete
Befürchtungen. Oft ist der Ausgangspunkt vollkommen unklar, namentlich
in gewissen Fällen, wo die Zwangsvorstellung in dem Auftreten an sich
sinnloser Erinnerungsbilder, Wörter und Wortgruppen oder in zwecklosem
Fragen oder Grübeln besteht. FREUD will in den Zwangsvorstellungen
jedesmal verwandelte, aus der absichtlichen psychischen Verdrängung
wiederkehrende Selbstvorwürfe sehen, die sich auf eine geschlechtliche,
mit Lust ausgeführte Handlung aus der Kinderzeit beziehen. Auch andere
Autoren finden darin stets einen Hinweis auf ein verdrängtes
Schuldbewußtsein. Die Zwangsvorstellungen kommen zumal bei der
Neurasthenie und bei gewissen hereditär Abnormen vor und werden bei
deren Besprechung (im zweiten Buche) eingehender geschildert. Selten
gehen sie im weiteren Verlauf in Wahnvorstellungen über. Gelegentlich
kommt es zu Halluzinationen im Sinne der Zwangsvorstellung.