IV. Pathologische Anatomie und Chemie.

Eine pathologische Anatomie in dem Sinne, wie sie für die meisten

körperlichen Krankheiten feststeht, ist für die Geisteskrankheiten noch

zu schaffen. Für eine Reihe derselben ist anzunehmen, daß es sich um

=funktionelle Störungen= handelt, d. h. um molekulare Veränderungen in

der Hirnrinde, die teils den heutigen Untersuchungsmethoden noch nicht

zugänglich sind, teils in flüchtigen Hyperämien und Anämien bestehen,

die mit dem Ablauf des Lebens verschwinden und deshalb durch keine

Untersuchung festgestellt werden können. Die funktionellen Neurosen und

Psychosen beruhen in letzter Linie auf nutritiven Störungen der

funktionstragenden Nervensubstanz und insbesondere der zentralen

Nervenzelle, und zwar sowohl in einer Schädigung der assimilatorischen

als auch der dissimilatorischen (kraftverbrauchenden) Prozesse innerhalb

der Nervenzelle. Nach bestimmten Untersuchungen glaubt BINSWANGER die

ausgleichbaren funktionellen Schädigungen, die einem völligen Ausgleich

zugänglich sind, auf Partialschädigungen der Bestandteile der NISSLschen

Körper in der Zelle beziehen zu können; je schwerer die Schädigung und

je unvollkommener die Konstitution der Nervenzelle und je größer der

Widerspruch zwischen Ansprüchen und Wiederersatz, um so schwerer

ausgleichbar sind die Veränderungen. Vielleicht seien bei den bleibenden

funktionellen Störungen der schweren Erschöpfung nicht nur die

NISSLschen Körper, sondern auch die funktionstragende Nervensubstanz im

engeren Sinne, das Neurosoma HELDs, mitbeteiligt, aber auch hier könne

es sich nur um Partialschädigungen handeln, weil die Funktion nur

herabgemindert, nicht aber aufgehoben und dauernd vernichtet sei. Bei

noch stärkeren Einwirkungen kann die ganze Nervenzelle ergriffen werden

und können nicht nur die NISSLschen Granula, sondern die ganze Zelle

zerstört werden, was BINSWANGER speziell für das Delirium acutum

nachgewiesen hat. Insbesondere können die syphilitischen Toxine alle

Grade von Veränderungen bewirken, von Partialschädigungen, die das Bild

der Neurasthenie bis zu verwickelten Paranoiafällen ergeben, bis zu den

schweren Degenerationen bei viszeraler und zerebraler Syphilis und

Dementia paralytica, und zwar können bei der langdauernden, oft

schubweise erfolgenden Einwirkung syphilitischer Toxine auf das

Nervensystem die verschiedensten Grade der Schädigung nebeneinander

vorkommen (Neurasthenie neben bleibenden Herdsymptomen, reflektorischer

Pupillenstarre, Aufhebung des Patellarreflexes u. dgl. ohne

fortschreitenden Verlauf).

Für die _Dementia paralytica_, die _arteriosklerotischen Störungen_, die

_Dementia senilis_ und für die _Idiotie_ liegen schon heute zahlreiche

pathologisch-anatomische Befunde vor, die bei diesen Krankheiten

besprochen werden sollen. Endlich finden sich grobe Veränderungen, die

schon für das bloße Auge sichtbar sind, bei allen länger bestehenden und

mit Verblödung verbundenen Geisteskrankheiten. Zunächst an den

Umgebungen des Gehirns, am Schädel in Gestalt von Exostosen oder von

allgemeiner Verdickung, an der Dura mater als Verwachsung mit dem

Schädeldach, zumal an den Nähten, oder als chronische Pachymeningitis.

Wichtiger noch sind die Veränderungen der weichen Hirnhaut. Diese ist

getrübt, hyperämisch oder zellig infiltriert, wäßrig oder sulzig

verdickt, die größeren Gefäße sind oft strotzend gefüllt. Diese

Veränderungen sind meist in der Gegend der Sylvischen Spalte und an der

Konvexität des Gehirns am stärksten. Nicht selten besteht erhebliche

Ansammlung klarer oder leicht getrübter Flüssigkeit im Subduralraum und

in den Gehirnhöhlen. Die weiche Haut ist in vielen Fällen mit der

Gehirnrinde verwachsen und nicht ohne Abreißung von Rindenteilchen

abzulösen, andre Male ist sie nicht verlötet und gerade wegen ihrer

Verdickung leicht abziehbar. Auch die Plexus chorioidei sind oft

verdickt und getrübt, das Ependym der Ventrikel, zumal des vierten,

verdickt und mit zahlreichen ganz feinen, nur im spiegelnden Licht

erkennbaren Körnchen besetzt oder durch gröbere in eine sich rauh

anfühlende Fläche verwandelt. In der Gehirnmasse wechseln die Festigkeit

und der Blutgehalt; punktförmige Blutergüsse und Erweiterungen der

perivaskulären Räume, wodurch ein eigenartiges, siebähnliches Aussehen,

_état criblé_, entsteht, sind häufig, ebenso umschriebene Veränderungen

der Färbung und der Festigkeit. Die Gehirnwindungen sind häufig deutlich

atrophisch, wie sich aus der Verbreiterung der Furchen und minder sicher

bei der Betrachtung ihrer Schnittflächen ergibt; oft ist die Rinde blaß

und die Zeichnung ihrer Schichten verwischt. Dabei kann sie erweicht

oder von vermehrter Festigkeit sein. Die mikroskopische Untersuchung hat

besonders für die Dementia paralytica arteriosclerotica und senilis, für

einzelne Formen von Idiotie, für das Delirium tremens und anscheinend

auch für die Dementia praecox bestimmte Befunde ergeben, doch stehen wir

hier noch im Anfang der Kenntnisse. Der anatomische Befund gestattet

bisher nur in den angeführten Krankheiten die Diagnose der

Krankheitsform. Starke Veränderungen der Gehirnoberfläche in der eben

geschilderten Art machen das Vorherbestehen einer schweren

Geisteskrankheit sehr wahrscheinlich, dagegen schließt ein anscheinend

normaler Befund nicht aus, daß der Betreffende bis zu seinem Tode

geisteskrank gewesen ist.

Die Versuche, aus allgemeinen Stoffwechselbeobachtungen einen Einblick

in die chemischen Vorgänge des Gehirns von Geisteskranken zu gewinnen,

haben bisher nichts Bestimmtes ergeben. Sowohl über die physikalische

als über die chemische Beschaffenheit des Blutes haben die Forscher die

verschiedensten Erfahrungen veröffentlicht, und ebenso ist es mit den

Harnuntersuchungen, zumal auf Harnstoff und Phosphorsäure, gegangen. Es

wird damit auch jedenfalls erst dann Besseres zu erzielen sein, wenn

eine gewisse Einigkeit über die Abgrenzung der einzelnen Formen erzielt

sein wird; es ist natürlich sehr wahrscheinlich, daß die verschiedenen

Krankheiten darin sehr voneinander abweichen werden.

Kompendium der Psychiatrie für Studierende und Ärzte · 第 8 / 133 题