Eine pathologische Anatomie in dem Sinne, wie sie für die meisten
körperlichen Krankheiten feststeht, ist für die Geisteskrankheiten noch
zu schaffen. Für eine Reihe derselben ist anzunehmen, daß es sich um
=funktionelle Störungen= handelt, d. h. um molekulare Veränderungen in
der Hirnrinde, die teils den heutigen Untersuchungsmethoden noch nicht
zugänglich sind, teils in flüchtigen Hyperämien und Anämien bestehen,
die mit dem Ablauf des Lebens verschwinden und deshalb durch keine
Untersuchung festgestellt werden können. Die funktionellen Neurosen und
Psychosen beruhen in letzter Linie auf nutritiven Störungen der
funktionstragenden Nervensubstanz und insbesondere der zentralen
Nervenzelle, und zwar sowohl in einer Schädigung der assimilatorischen
als auch der dissimilatorischen (kraftverbrauchenden) Prozesse innerhalb
der Nervenzelle. Nach bestimmten Untersuchungen glaubt BINSWANGER die
ausgleichbaren funktionellen Schädigungen, die einem völligen Ausgleich
zugänglich sind, auf Partialschädigungen der Bestandteile der NISSLschen
Körper in der Zelle beziehen zu können; je schwerer die Schädigung und
je unvollkommener die Konstitution der Nervenzelle und je größer der
Widerspruch zwischen Ansprüchen und Wiederersatz, um so schwerer
ausgleichbar sind die Veränderungen. Vielleicht seien bei den bleibenden
funktionellen Störungen der schweren Erschöpfung nicht nur die
NISSLschen Körper, sondern auch die funktionstragende Nervensubstanz im
engeren Sinne, das Neurosoma HELDs, mitbeteiligt, aber auch hier könne
es sich nur um Partialschädigungen handeln, weil die Funktion nur
herabgemindert, nicht aber aufgehoben und dauernd vernichtet sei. Bei
noch stärkeren Einwirkungen kann die ganze Nervenzelle ergriffen werden
und können nicht nur die NISSLschen Granula, sondern die ganze Zelle
zerstört werden, was BINSWANGER speziell für das Delirium acutum
nachgewiesen hat. Insbesondere können die syphilitischen Toxine alle
Grade von Veränderungen bewirken, von Partialschädigungen, die das Bild
der Neurasthenie bis zu verwickelten Paranoiafällen ergeben, bis zu den
schweren Degenerationen bei viszeraler und zerebraler Syphilis und
Dementia paralytica, und zwar können bei der langdauernden, oft
schubweise erfolgenden Einwirkung syphilitischer Toxine auf das
Nervensystem die verschiedensten Grade der Schädigung nebeneinander
vorkommen (Neurasthenie neben bleibenden Herdsymptomen, reflektorischer
Pupillenstarre, Aufhebung des Patellarreflexes u. dgl. ohne
fortschreitenden Verlauf).
Für die _Dementia paralytica_, die _arteriosklerotischen Störungen_, die
_Dementia senilis_ und für die _Idiotie_ liegen schon heute zahlreiche
pathologisch-anatomische Befunde vor, die bei diesen Krankheiten
besprochen werden sollen. Endlich finden sich grobe Veränderungen, die
schon für das bloße Auge sichtbar sind, bei allen länger bestehenden und
mit Verblödung verbundenen Geisteskrankheiten. Zunächst an den
Umgebungen des Gehirns, am Schädel in Gestalt von Exostosen oder von
allgemeiner Verdickung, an der Dura mater als Verwachsung mit dem
Schädeldach, zumal an den Nähten, oder als chronische Pachymeningitis.
Wichtiger noch sind die Veränderungen der weichen Hirnhaut. Diese ist
getrübt, hyperämisch oder zellig infiltriert, wäßrig oder sulzig
verdickt, die größeren Gefäße sind oft strotzend gefüllt. Diese
Veränderungen sind meist in der Gegend der Sylvischen Spalte und an der
Konvexität des Gehirns am stärksten. Nicht selten besteht erhebliche
Ansammlung klarer oder leicht getrübter Flüssigkeit im Subduralraum und
in den Gehirnhöhlen. Die weiche Haut ist in vielen Fällen mit der
Gehirnrinde verwachsen und nicht ohne Abreißung von Rindenteilchen
abzulösen, andre Male ist sie nicht verlötet und gerade wegen ihrer
Verdickung leicht abziehbar. Auch die Plexus chorioidei sind oft
verdickt und getrübt, das Ependym der Ventrikel, zumal des vierten,
verdickt und mit zahlreichen ganz feinen, nur im spiegelnden Licht
erkennbaren Körnchen besetzt oder durch gröbere in eine sich rauh
anfühlende Fläche verwandelt. In der Gehirnmasse wechseln die Festigkeit
und der Blutgehalt; punktförmige Blutergüsse und Erweiterungen der
perivaskulären Räume, wodurch ein eigenartiges, siebähnliches Aussehen,
_état criblé_, entsteht, sind häufig, ebenso umschriebene Veränderungen
der Färbung und der Festigkeit. Die Gehirnwindungen sind häufig deutlich
atrophisch, wie sich aus der Verbreiterung der Furchen und minder sicher
bei der Betrachtung ihrer Schnittflächen ergibt; oft ist die Rinde blaß
und die Zeichnung ihrer Schichten verwischt. Dabei kann sie erweicht
oder von vermehrter Festigkeit sein. Die mikroskopische Untersuchung hat
besonders für die Dementia paralytica arteriosclerotica und senilis, für
einzelne Formen von Idiotie, für das Delirium tremens und anscheinend
auch für die Dementia praecox bestimmte Befunde ergeben, doch stehen wir
hier noch im Anfang der Kenntnisse. Der anatomische Befund gestattet
bisher nur in den angeführten Krankheiten die Diagnose der
Krankheitsform. Starke Veränderungen der Gehirnoberfläche in der eben
geschilderten Art machen das Vorherbestehen einer schweren
Geisteskrankheit sehr wahrscheinlich, dagegen schließt ein anscheinend
normaler Befund nicht aus, daß der Betreffende bis zu seinem Tode
geisteskrank gewesen ist.
Die Versuche, aus allgemeinen Stoffwechselbeobachtungen einen Einblick
in die chemischen Vorgänge des Gehirns von Geisteskranken zu gewinnen,
haben bisher nichts Bestimmtes ergeben. Sowohl über die physikalische
als über die chemische Beschaffenheit des Blutes haben die Forscher die
verschiedensten Erfahrungen veröffentlicht, und ebenso ist es mit den
Harnuntersuchungen, zumal auf Harnstoff und Phosphorsäure, gegangen. Es
wird damit auch jedenfalls erst dann Besseres zu erzielen sein, wenn
eine gewisse Einigkeit über die Abgrenzung der einzelnen Formen erzielt
sein wird; es ist natürlich sehr wahrscheinlich, daß die verschiedenen
Krankheiten darin sehr voneinander abweichen werden.