Die äußeren Ursachen der Geisteskrankheiten zerfallen in körperliche und
geistige.
Unter den =körperlichen Ursachen= stehen obenan die =Gehirnkrankheiten=,
allerdings nur dann, wenn sie (z. B. die Entzündung der Pia oder
multiple Erkrankungsherde) ausgedehnte Ernährungstörungen in der
Gehirnrinde hervorrufen oder durch allgemeine Drucksteigerung
(Gehirntumoren) die Gehirntätigkeit stören. Örtliche Erkrankungen
des Gehirns ohne Fernwirkung können ohne Einfluß auf die
Geistesverrichtungen bleiben. Im ganzen sind die =Kopfverletzungen=
wichtiger. Sie veranlassen häufig Geisteskrankheiten, entweder, indem
sie chronische Entzündungen der Pia oder der Hirnrinde bewirken, oder
indem sie auf unbekannte Art die Tätigkeit der Nervenzentren und der
Gefäße des Gehirns stören. Die Erkrankung kann sich direkt an die
Verletzung anschließen oder durch eine längere Zwischenzeit mit geringen
Erscheinungen (Kopfschmerz, Reizbarkeit, Kongestionen) davon getrennt
sein. Die Krankheitbilder, die danach auftreten, gehören meist zur
Epilepsie, zum arteriosklerotischen Irresein oder zur Dementia
paralytica, in leichteren Fällen zur Schreckneurose.
Häufig verbinden sich Geisteskrankheiten mit =Nervenkrankheiten=,
Migräne, Neuralgie usw., doch darf man dabei die letzteren nicht
schlechthin als Ursache betrachten. Vielmehr entspringen beide dann
meist aus derselben Ursache, vgl. die Abschnitte Neurasthenie und
Hysterie.
Eine wichtige Ursache geistiger Störungen bilden =akute körperliche
Krankheiten=, vor allem akute Infektionskrankheiten: Typhus,
Gelenkrheumatismus, Pneumonie, Influenza, Kopfrose, Malaria, Pocken,
Kindbettfieber usw. Abgesehen von der Betäubung und der traumhaften
Verwirrtheit der Fieberdelirien kommen bei manchen der genannten schon
im Vorläuferstadium, aber gelegentlich auch bei allen ohne direktes
Verhältnis zur Höhe des Fiebers geistige Störungen vor, die man demnach
außer auf die Herzschwäche und den Säfteverlust auf die Vergiftung mit
Bakteriengiften beziehen darf. Auch in ihren Erscheinungen sind diese
Störungen nicht ohne Ähnlichkeit mit =Vergiftungen=, zumal durch
=Alkohol=, Kokain, Chloroform, Jodoform, Blei, Kohlendunst, Absinth usw.
Außer den =Fieberdelirien= und den =Vergiftungspsychosen=, die im Beginn
und auf der Höhe oder bei kritischem Ende der Infektionskrankheiten
vorkommen, gibt es auch Geistesstörungen, die erst nach dem Ablauf der
akuten Krankheit einsetzen; sie sind als =Erschöpfungspsychosen=
anzusehen. Eine ähnliche Stellung haben wohl die Geisteskrankheiten, die
gelegentlich durch Entbehrungen, Hungern, Nachtwachen, verkehrte Kuren,
oder auf dem Boden chronischer erschöpfender Krankheiten, Tuberkulose.
Magen-, Herz-, Nierenleiden, Gicht, Diabetes, Karzinome usw. und
namentlich auch chronischer Erkrankungen der weiblichen
Geschlechtsorgane, erwachsen. Bei der =Syphilis= handelt es sich
entweder um anatomische Veränderungen in den Zentralorganen mit
eigentümlichen Krankheitsbildern, die in einem besonderen Abschnitt
eingehender behandelt sind, oder um Toxinwirkungen, wie z. B. bei der
Dementia paralytica. 1/4-1/3 der Anstaltskranken verdankt seine
Krankheit dem =Alkohol= oder der =Syphilis=!
Die Vergiftungspsychosen bieten häufig gewisse klinische
Verschiedenheiten, die mit verschieden lokalisierter Giftwirkung
zusammenhängen dürften: so die Urteilschwäche bei Dementia paralytica,
die sittliche Stumpfheit und Haltlosigkeit der Alkoholisten, die
Teilnahmlosigkeit und Verkehrtheit bei Dementia praecox usw.
Unter den =geistigen Ursachen= der Psychosen sind namentlich
=Überanstrengung= und =Gemütsbewegungen= zu nennen. In vielen Fällen
wirken beide unheilvoll zusammen wie bereits S. 11 angedeutet ist. Im
allgemeinen bewirken sie Geistesstörungen nur da, wo entweder erhebliche
erbliche Anlage besteht, oder wo körperliche Ernährungstörungen
mitwirken. Die Gemütsbewegungen sind meist solche, die längere Zeit
einwirken, wie Kummer, Sorgen, seltener handelt es sich um plötzliche
sehr heftige Affekte, Schreck u. dgl, die dann meist akute, seltener
chronische Geistesstörungen hervorrufen: akute Verwirrtheit,
Schreckneurosen.
Geistig bedingt sind auch die =Psychosen durch Ansteckung=, _Folie à
deux_, _Folie communiquée_, wo durch Zusammensein mit einem
Geisteskranken bei einem besonders dazu veranlagten Menschen eine
Geistesstörung entsteht, meist Paranoia oder ein Grenzzustand.
Ein Gemisch von körperlichen und geistigen Einwirkungen erzeugt die
recht häufigen Geisteskrankheiten der Gefangenen. In vielen Fällen
erblich belastet haben sie Elend, Not, Angst vor der Entdeckung und die
Beschwerden der Untersuchung, die Einsamkeit der Zelle bei ungewohnter
Kost und ungenügender Bewegung, dazu noch Gram und Gewissensbisse zu
ertragen, so daß also eine ganze Reihe von Schädlichkeiten auf sie
einwirkt.
Die verschiedenen Ursachen des Irreseins, die wir kennen gelernt haben,
wirken in der Tat in der verschiedensten Weise zusammen. Selten wird
eine Erkrankung durch eine einzelne Ursache hervorgebracht. Wo die
erbliche Anlage fehlt, müssen die äußeren Einwirkungen, um Krankheit zu
erzeugen, besonders schwer sein, wie dies z. B. bei den akuten
Infektionskrankheiten zutrifft, die den Gesamtstoffwechsel und zugleich
die Gehirnernährung so schwer schädigen. Bei erblich Veranlagten oder
gar Belasteten genügen weit leichtere Einflüsse, bei erheblich
Belasteten sind oft schon die normalen Anforderungen des Lebens, z. B.
zur Zeit des Selbständigwerdens, des Militärdienstes, hinreichend, um
Seelenstörungen zum Vorschein zu bringen.
Besonderer Sorgfalt bedarf es in vielen Fällen, um bei der Beurteilung
der Entstehung einer Geisteskrankheit nicht Ursache und Wirkung zu
verwechseln. Von Laien geschieht dies sehr häufig, indem z. B. die mit
einer abnormen Geistesanlage oder mit dem Beginn einer ausgesprochenen
Geisteskrankheit verbundene Neigung zum Trunk, zu Onanie und anderen
geschlechtlichen Ausschweifungen, zu hochfahrendem Auftreten gegen
Andere u. dgl. m. für die Ursache der späteren Krankheit gehalten wird.
Wo derartige Neigungen im Beginn akuter Störungen auftreten, ist die
Unterscheidung bei gewissenhafter Anamnese meist leicht, weil der
Gegensatz zu dem früheren Verhalten in die Augen springt. Freilich wird
er oft dadurch verschleiert, daß man annimmt, der Betreffende sei z. B.
durch Gemütsbewegungen zum Trunk getrieben und durch Trunk geisteskrank
geworden, während er in Wahrheit durch Gemütsbewegungen krank wurde und
in der Krankheit zu trinken begann. Wo das abnorme Verhalten auf
dauernder abnormer Geistesbeschaffenheit, insbesondere auf erblicher
Belastung beruht, ist die Erkennung nur auf Grund irrenärztlicher
Erfahrung möglich. Die Laien sind deswegen in diesen Fällen meist schwer
von der Wahrheit zu überzeugen, um so mehr, da in allen Kreisen eine
Unmasse von törichten Vorurteilen aufgespeichert ist. Ein wichtiges
Beispiel geben hier die häufigen Fälle, wo die Umgebung die
Krankheitsursache je nach dem -- oft trügerischen -- äußeren Schein in
Onanie, geschlechtlicher Nichtbefriedigung oder übermäßigem
Geschlechtsgenuß sucht, während in Wahrheit alle drei Erscheinungen oder
zum mindesten ihre üblen Folgen nur der Ausfluß der abnormen Veranlagung
sind. Sehr oft trifft man es auch, daß die Angehörigen des Kranken in
sehr bestimmter Weise irgend welchen Personen oder Vorfällen die Schuld
beimessen, während es sich um von selbst entstandene Krankheiten,
syphilitische Psychosen usw. handelt.