3. Äußere Ursachen.

Die äußeren Ursachen der Geisteskrankheiten zerfallen in körperliche und

geistige.

Unter den =körperlichen Ursachen= stehen obenan die =Gehirnkrankheiten=,

allerdings nur dann, wenn sie (z. B. die Entzündung der Pia oder

multiple Erkrankungsherde) ausgedehnte Ernährungstörungen in der

Gehirnrinde hervorrufen oder durch allgemeine Drucksteigerung

(Gehirntumoren) die Gehirntätigkeit stören. Örtliche Erkrankungen

des Gehirns ohne Fernwirkung können ohne Einfluß auf die

Geistesverrichtungen bleiben. Im ganzen sind die =Kopfverletzungen=

wichtiger. Sie veranlassen häufig Geisteskrankheiten, entweder, indem

sie chronische Entzündungen der Pia oder der Hirnrinde bewirken, oder

indem sie auf unbekannte Art die Tätigkeit der Nervenzentren und der

Gefäße des Gehirns stören. Die Erkrankung kann sich direkt an die

Verletzung anschließen oder durch eine längere Zwischenzeit mit geringen

Erscheinungen (Kopfschmerz, Reizbarkeit, Kongestionen) davon getrennt

sein. Die Krankheitbilder, die danach auftreten, gehören meist zur

Epilepsie, zum arteriosklerotischen Irresein oder zur Dementia

paralytica, in leichteren Fällen zur Schreckneurose.

Häufig verbinden sich Geisteskrankheiten mit =Nervenkrankheiten=,

Migräne, Neuralgie usw., doch darf man dabei die letzteren nicht

schlechthin als Ursache betrachten. Vielmehr entspringen beide dann

meist aus derselben Ursache, vgl. die Abschnitte Neurasthenie und

Hysterie.

Eine wichtige Ursache geistiger Störungen bilden =akute körperliche

Krankheiten=, vor allem akute Infektionskrankheiten: Typhus,

Gelenkrheumatismus, Pneumonie, Influenza, Kopfrose, Malaria, Pocken,

Kindbettfieber usw. Abgesehen von der Betäubung und der traumhaften

Verwirrtheit der Fieberdelirien kommen bei manchen der genannten schon

im Vorläuferstadium, aber gelegentlich auch bei allen ohne direktes

Verhältnis zur Höhe des Fiebers geistige Störungen vor, die man demnach

außer auf die Herzschwäche und den Säfteverlust auf die Vergiftung mit

Bakteriengiften beziehen darf. Auch in ihren Erscheinungen sind diese

Störungen nicht ohne Ähnlichkeit mit =Vergiftungen=, zumal durch

=Alkohol=, Kokain, Chloroform, Jodoform, Blei, Kohlendunst, Absinth usw.

Außer den =Fieberdelirien= und den =Vergiftungspsychosen=, die im Beginn

und auf der Höhe oder bei kritischem Ende der Infektionskrankheiten

vorkommen, gibt es auch Geistesstörungen, die erst nach dem Ablauf der

akuten Krankheit einsetzen; sie sind als =Erschöpfungspsychosen=

anzusehen. Eine ähnliche Stellung haben wohl die Geisteskrankheiten, die

gelegentlich durch Entbehrungen, Hungern, Nachtwachen, verkehrte Kuren,

oder auf dem Boden chronischer erschöpfender Krankheiten, Tuberkulose.

Magen-, Herz-, Nierenleiden, Gicht, Diabetes, Karzinome usw. und

namentlich auch chronischer Erkrankungen der weiblichen

Geschlechtsorgane, erwachsen. Bei der =Syphilis= handelt es sich

entweder um anatomische Veränderungen in den Zentralorganen mit

eigentümlichen Krankheitsbildern, die in einem besonderen Abschnitt

eingehender behandelt sind, oder um Toxinwirkungen, wie z. B. bei der

Dementia paralytica. 1/4-1/3 der Anstaltskranken verdankt seine

Krankheit dem =Alkohol= oder der =Syphilis=!

Die Vergiftungspsychosen bieten häufig gewisse klinische

Verschiedenheiten, die mit verschieden lokalisierter Giftwirkung

zusammenhängen dürften: so die Urteilschwäche bei Dementia paralytica,

die sittliche Stumpfheit und Haltlosigkeit der Alkoholisten, die

Teilnahmlosigkeit und Verkehrtheit bei Dementia praecox usw.

Unter den =geistigen Ursachen= der Psychosen sind namentlich

=Überanstrengung= und =Gemütsbewegungen= zu nennen. In vielen Fällen

wirken beide unheilvoll zusammen wie bereits S. 11 angedeutet ist. Im

allgemeinen bewirken sie Geistesstörungen nur da, wo entweder erhebliche

erbliche Anlage besteht, oder wo körperliche Ernährungstörungen

mitwirken. Die Gemütsbewegungen sind meist solche, die längere Zeit

einwirken, wie Kummer, Sorgen, seltener handelt es sich um plötzliche

sehr heftige Affekte, Schreck u. dgl, die dann meist akute, seltener

chronische Geistesstörungen hervorrufen: akute Verwirrtheit,

Schreckneurosen.

Geistig bedingt sind auch die =Psychosen durch Ansteckung=, _Folie à

deux_, _Folie communiquée_, wo durch Zusammensein mit einem

Geisteskranken bei einem besonders dazu veranlagten Menschen eine

Geistesstörung entsteht, meist Paranoia oder ein Grenzzustand.

Ein Gemisch von körperlichen und geistigen Einwirkungen erzeugt die

recht häufigen Geisteskrankheiten der Gefangenen. In vielen Fällen

erblich belastet haben sie Elend, Not, Angst vor der Entdeckung und die

Beschwerden der Untersuchung, die Einsamkeit der Zelle bei ungewohnter

Kost und ungenügender Bewegung, dazu noch Gram und Gewissensbisse zu

ertragen, so daß also eine ganze Reihe von Schädlichkeiten auf sie

einwirkt.

Die verschiedenen Ursachen des Irreseins, die wir kennen gelernt haben,

wirken in der Tat in der verschiedensten Weise zusammen. Selten wird

eine Erkrankung durch eine einzelne Ursache hervorgebracht. Wo die

erbliche Anlage fehlt, müssen die äußeren Einwirkungen, um Krankheit zu

erzeugen, besonders schwer sein, wie dies z. B. bei den akuten

Infektionskrankheiten zutrifft, die den Gesamtstoffwechsel und zugleich

die Gehirnernährung so schwer schädigen. Bei erblich Veranlagten oder

gar Belasteten genügen weit leichtere Einflüsse, bei erheblich

Belasteten sind oft schon die normalen Anforderungen des Lebens, z. B.

zur Zeit des Selbständigwerdens, des Militärdienstes, hinreichend, um

Seelenstörungen zum Vorschein zu bringen.

Besonderer Sorgfalt bedarf es in vielen Fällen, um bei der Beurteilung

der Entstehung einer Geisteskrankheit nicht Ursache und Wirkung zu

verwechseln. Von Laien geschieht dies sehr häufig, indem z. B. die mit

einer abnormen Geistesanlage oder mit dem Beginn einer ausgesprochenen

Geisteskrankheit verbundene Neigung zum Trunk, zu Onanie und anderen

geschlechtlichen Ausschweifungen, zu hochfahrendem Auftreten gegen

Andere u. dgl. m. für die Ursache der späteren Krankheit gehalten wird.

Wo derartige Neigungen im Beginn akuter Störungen auftreten, ist die

Unterscheidung bei gewissenhafter Anamnese meist leicht, weil der

Gegensatz zu dem früheren Verhalten in die Augen springt. Freilich wird

er oft dadurch verschleiert, daß man annimmt, der Betreffende sei z. B.

durch Gemütsbewegungen zum Trunk getrieben und durch Trunk geisteskrank

geworden, während er in Wahrheit durch Gemütsbewegungen krank wurde und

in der Krankheit zu trinken begann. Wo das abnorme Verhalten auf

dauernder abnormer Geistesbeschaffenheit, insbesondere auf erblicher

Belastung beruht, ist die Erkennung nur auf Grund irrenärztlicher

Erfahrung möglich. Die Laien sind deswegen in diesen Fällen meist schwer

von der Wahrheit zu überzeugen, um so mehr, da in allen Kreisen eine

Unmasse von törichten Vorurteilen aufgespeichert ist. Ein wichtiges

Beispiel geben hier die häufigen Fälle, wo die Umgebung die

Krankheitsursache je nach dem -- oft trügerischen -- äußeren Schein in

Onanie, geschlechtlicher Nichtbefriedigung oder übermäßigem

Geschlechtsgenuß sucht, während in Wahrheit alle drei Erscheinungen oder

zum mindesten ihre üblen Folgen nur der Ausfluß der abnormen Veranlagung

sind. Sehr oft trifft man es auch, daß die Angehörigen des Kranken in

sehr bestimmter Weise irgend welchen Personen oder Vorfällen die Schuld

beimessen, während es sich um von selbst entstandene Krankheiten,

syphilitische Psychosen usw. handelt.

Kompendium der Psychiatrie für Studierende und Ärzte · 第 7 / 133 题