2. Allgemeine Veranlagung.

Ein allgemeiner Einfluß auf die Zunahme der Geisteskrankheiten wird

herkömmlich der Zivilisation zugeschrieben, oder wie das Schlagwort

meist lautet: dem rastlosen Streben und Vorwärtsdrängen unserer Zeit.

Dagegen spricht zunächst ziemlich gewichtig der Umstand, daß in allen

Ländern, wo Zählungen der Irren zuverlässig durchgeführt sind, ihre

Verhältniszahl gegenüber der gesunden Bevölkerung ziemlich die gleiche

ist, nämlich etwa 3 auf 1000. Dieser Satz hat sich nicht nur fast genau

übereinstimmend für die meisten Kulturländer ergeben, sondern z. B. auch

für Montenegro, wo außer den Schäden der Überkultur noch der

Alkoholismus, eine sichere Ursache zahlreicher Geisteskrankheiten,

wegfällt. Eine bestimmte Entscheidung, ob die Irrenzahl stärker wächst,

als die der Gesunden, ist schon deshalb unmöglich, weil aus früherer

Zeit keine erschöpfenden Zählungen vorliegen. Die Zunahme der Anstalten

darf dafür nicht verwendet werden, denn sie beruht teils auf der

wachsenden Fürsorge für Kranke und Schwache, die schon wegen der

modernen Lebensverhältnisse dringend geboten ist -- die Irren werden

heutzutage viel leichter gemeingefährlich als früher bei der

Abgeschlossenheit der einzelnen Orte --, teils auf dem Schwinden des

Vorurteils gegen die Anstalten. Es ist wohl wahrscheinlich, daß die

stärkeren Anforderungen, die die heutige Welt an den Einzelnen stellt,

durch bessere Ernährung und Lebensweise in ihrer schädlichen Wirkung

wieder ausgeglichen werden.

Ebensowenig Bestimmtes läßt sich über den =Rasseneinfluß= sagen, nur das

dürfte feststehen, daß die Juden, wie überhaupt die orientalischen

Völker, etwas mehr zu geistigen Störungen veranlagt sind, und daß diese

bei ihnen besonders zu ungünstigen Ausgängen, chronischer Verwirrtheit

usw., neigen.

=Klima= und =Jahreszeit= sind ohne durchgreifende Bedeutung, wo sie sich

nicht etwa mit krankmachenden äußeren Einflüssen verbinden.

Weit wichtiger ist die Beziehung zwischen Krankheitanlage und dem

=Alter= und dem =Geschlecht=. Das =Kindesalter= besitzt, wenn man von

den angeborenen Entwicklungshemmungen und von den schweren Erkrankungen

der ersten Jahre absieht, einen gewissen Schutz gegen geistige

Erkrankungen, obwohl von diesen zumal Melancholie, Manie, hysterische

und epileptische Störungen öfters vorkommen. Die Zeit der =Pubertät= ist

um so gefährlicher, namentlich für die erblich Veranlagten. Die

unbestimmten Empfindungen und Stimmungen dieser Zeit gehen nicht selten

in ausgesprochene Erkrankungen über, zumal in Dementia praecox. Auch

manisch-depressive sowie hysterische und epileptische Störungen beginnen

oft in der Pubertät. Das der Geschlechtsentwicklung eigentümliche

Auftreten von teils physiologischen, teils pathologischen

Stoffwechselprodukten macht Intoxikationen des Zentralnervensystems sehr

naheliegend. Die erbliche Belastung äußert sich häufig in verfrühter

Geschlechtsentwicklung, und es ist klar, daß in jüngerem Alter die

Folgen z. B. der Onanie bei Knaben, der Chlorose oder der auch

körperlich erschöpfenden Menstruation bei den Mädchen um so schwerer

sein müssen. Die Menstruation ist außerdem auch bei gesunden Erwachsenen

fast stets mit Störungen des geistigen Befindens, zumal des gemütlichen

Gleichgewichts, verbunden.

In der Blütezeit zeigt sich ein gewisser Unterschied in dem Verhalten

der Veranlagung zu geistiger Erkrankung bei beiden Geschlechtern. Beim

Weibe ist die Gefährdung am größten etwa vom 25.-35. Jahre, beim Manne

vom 35.-45., entsprechend der verschiedenen Lage des Höhepunkts der

Erwartungen, Leistungen und Schädigungen. Die Frau ist hier gefährdet

durch Enttäuschungen, Liebeskummer, Schwangerschaft, Wochenbett usw.,

der Mann durch die Schädlichkeiten des Lebens und des Berufs. Für das

Weib beginnt eine neue üble Zeit mit den Wechseljahren, die große

körperliche und geistige Umwälzungen bringen. Beide Geschlechter sind

endlich einer neuen allgemeinen Veranlagung unterworfen um das 60. Jahr

herum, wo bei vielen die Beschwerden und Schwächen des Alters sich

zeigen. Im ganzen ist die Zahl der geistigen Erkrankungen bei beiden

Geschlechtern ziemlich gleich.

Ähnlich wie die veranlagenden Einflüsse des Alters und Geschlechts sich

wesentlich durch bestimmte Vorgänge erklären, die sich an die

verschiedenen Zeiten und Umstände zu knüpfen pflegen, ist auch der

Einfluß der verschiedenen =Berufsarten= hauptsächlich von

Eigentümlichkeiten abhängig, die in mehr oder weniger lockerem

Zusammenhange damit stehen. Manche Stände sind mehr als andere

anstrengender Geistes- oder Körperarbeit im Verein mit Kränkungen,

Verantwortungsgefühl oder Sorgen ausgesetzt, bei anderen sind daneben

Ausschweifungen, Trunk und =Syphilis= geradezu herkömmlich, wieder

anderen Zweigen wenden sich vorzugsweise zarte oder nervös beanlagte

Menschen zu. Dadurch erklärt sich ohne weiteres, daß Bankiers,

Großkaufleute, Offiziere und Soldaten, Erzieherinnen, Künstler usw.

verhältnismäßig viel Erkrankungen liefern.

Viel Staub hat in neuerer Zeit die Frage der =Überbürdung der Schüler=

aufgewirbelt, worin Einzelne die Ursache häufiger Erkrankungen sehen

wollten. In dieser Schärfe war die Behauptung übertrieben, bei den

vorgeführten Fällen spielten erbliche Belastung und üble äußere

Einflüsse eine sehr große Rolle. Immerhin ist es zweifellos, daß die

Schule mit ihren im ganzen sehr pedantisch-philologischen Vorschriften

und der noch viel zu geringen Berücksichtigung der Hygiene, der

körperlichen Erholung usw. viel mehr Unheil in bezug auf die geistige

Gesundheit der Schüler anstiften würde, wenn diese nicht als

Sicherheitsventil gegen Überanstrengung die Unaufmerksamkeit besäßen.

Deshalb sind auch Kinder im Einzelunterricht, wo das Aufmerken bis zu

einem gewissen Grade erzwungen werden kann, viel mehr gefährdet.

KRAEPELIN weist sehr richtig darauf hin, daß die 200000 Geisteskranken

in Deutschland doch alle einmal Schulkinder gewesen sind. Gewiß wäre bei

manchen davon ein schonenderer Unterricht heilsam gewesen!

Kompendium der Psychiatrie für Studierende und Ärzte · 第 6 / 133 题