Geistesstörungen sind zu allen Zeiten vorgekommen und beobachtet. Das
Alte Testament berichtet sie von Saul und von Nebukadnezar, die
griechischen Dichter erzählen ihr Vorkommen bei Ajax, Ödipus, Orestes,
bei den Töchtern des Königs Proitos, die von Juno irrsinnig gemacht
waren; die Skythen glaubten sich eines Tages in Weiber verwandelt. Im
allgemeinen betrachtete man das Irresein als Folge göttlicher Strafen
oder teuflischer Einwirkungen. Hippokrates, 460-377 v. Chr., leitet
zuerst die Seelenstörungen aus körperlichen Ursachen her und bringt sie
mit Krankheiten des Gehirns in Verbindung; bei ihm finden sich »Manie«
und »Melancholie« als allgemeine Bezeichnungen für Irresein; seine
Behandlung besteht in Diät, Gymnastik, kalten Übergießungen,
Verabreichung von Alraunwurzel (Atropa Mandragora), Helleborus u. s. w.
Asklepiades, Cälius Aurelianus, Celsus, Galenos u. A. beschreiben die
einzelnen Formen des Irreseins genauer; Asklepiades erwähnt die
psychische Behandlung und verwirft eingreifende Mittel, Celsus kennt die
Halluzinationen und die Wahnvorstellungen, er wie Cälius Aurelianus
legen Wert auf Individualisieren und auf psychische Therapie. Im
Mittelalter gingen alle diese Errungenschaften verloren, die Irren
galten als Besessene und wurden eingesperrt oder der Teufelsaustreibung
unterworfen. Den größten Teil der Besessenen, die der Folter und dem
Scheiterhaufen unterworfen wurden, bildeten übrigens nicht die
eigentlichen Irren, sondern Kranke mit _grande hystérie_, wie sich aus
den Protokollen der Hexenprozesse und aus gleichzeitigen Bildwerken
ersehen läßt. Ruhige Geisteskranke wurden an manchen Orten in besonderen
Anstalten untergebracht. Im 16. Jahrhundert tritt FELIX PLATTER,
Professor in Basel, gegen die Einsperrung der Geisteskranken und für die
psychische Behandlung auf, aber zu derselben Zeit herrscht noch weithin
die grausame Verfolgung derjenigen Irren, die sich nach den
abergläubischen Vorstellungen des Mittelalters in ihrem Wahn für
Werwölfe halten. Erst das 18. Jahrhundert bringt große Fortschritte;
1751 wird in London die erste öffentliche Irrenanstalt errichtet,
zahlreiche Privatanstalten, meist unter Schülern CULLENs (1712-1790),
folgen nach; in Frankreich ertrotzt PINEL (1755-1826) unter persönlicher
Gefahr vom Nationalkonvent im Jahre 1792 die Erlaubnis, die Irren von
ihren Ketten und von dem Zusammenleben mit den Verbrechern zu befreien.
ESQUIROL (1772-1840) wurde sein würdiger Nachfolger. Die Bestrebungen
dieser erleuchteten Ärzte Englands und Frankreichs riefen auch in
Deutschland eine neue Zeit in der Psychiatrie wach. REIL (1759-1813) und
LANGERMANN (1768-1832) reformierten theoretisch und praktisch, und REILs
Schüler HORN und CHR. FR. NASSE setzten das Werk im 19. Jahrhundert
fort. Hervorragende Förderung erfuhr das humane Irrenwesen weiterhin
durch FOVILLE, FALRET und MOREL in Frankreich, SCHRÖDER VAN DER KOLK in
Holland und Belgien, CONOLLY, den Urheber des _no-restraint_-Systems,
der Irrenbehandlung ohne Zwang, in England, DAMEROW, JACOBI, FLEMMING
und besonders GRIESINGER (1817-1868) in Deutschland. Mit den Arbeiten
dieser Männer wurde zugleich die rein psychologische Auffassung der
Geisteskrankheiten (z. B. als Folge der Sünde, HEINROTH, oder als
gewucherte Leidenschaften, IDELER) und die Behandlung der Irren durch
Einschüchterung (LEURETs _Traitement moral_) endgültig zugunsten der
modernen Anschauungen beseitigt.
Von den zuletzt genannten Irrenärzten ragt GRIESINGER am meisten in
unsere Zeit hinein. Seine »Pathologie und Therapie der psychischen
Krankheiten« (4. Aufl. 1876) bildet die Grundlage der heutigen Lehren.
Die wichtigsten neueren Lehrbücher sind:
V. KRAFFT-EBING, Lehrbuch der Psychiatrie. 7. Aufl. 1903.
KRAEPELIN, Psychiatrie. 7. Aufl. 1903. 2 Bände.
SCHÜLE, Klinische Psychiatrie. 3. Aufl. 1886.
ZIEHEN, Psychiatrie. 2. Aufl. 1902.
WERNICKE, Grundriß der Psychiatrie. 1894-96.
WEYGANDT, Atlas und Grundriß der Psychiatrie. 1902.
HOCHE, Handbuch der gerichtlichen Psychiatrie. 1901.
CRAMER, Lehrbuch der gerichtlichen Psychiatrie. 3. Aufl. 1903.
Vgl. ferner STÖRRING, Vorlesungen über Psychopathologie. 1901.