Unter Psychiatrie versteht man die Lehre von den Geisteskrankheiten und
ihrer Behandlung. Sie ist im Grunde ein Teil der inneren Medizin, denn
die geistigen Vorgänge und ihre Störungen sind an ein Organ des Körpers,
an das Gehirn, ebenso gebunden wie die wesentlich durch körperliche
Zeichen sich äußernden Gehirnkrankheiten im engeren Sinne. Die
Geisteskrankheiten nehmen aber insofern praktisch eine andere Stellung
ein, als ihre Äußerungen sich vorzugsweise auf psychischem Gebiet
abspielen, also nicht den gewöhnlichen Methoden der inneren Medizin
zugänglich sind, und ferner dadurch, daß ihre Behandlung in vielen
Fällen gerade wegen der Störung des geistigen Lebens ganz andere
Vorkehrungen und die Trennung von den körperlich Kranken erfordert.
Trotzdem muß die wissenschaftliche und menschliche Auffassung der
Geistesstörungen streng daran festhalten, daß es sich dabei um
=Krankheiten= handelt, die sich im =Wesen= nicht von anderen, körperlich
greifbaren Leiden unterscheiden.
Nach den gehirnphysiologischen Erfahrungen der letzten Jahrzehnte kann
es keinem Zweifel unterliegen, daß die geistigen Vorgänge besonders an
Teile und Veränderungen der Großhirnrinde gebunden sind. Insbesondere
ist anzunehmen, daß die Hinterhauptwindungen der Gesichtswahrnehmung,
die Schläfenwindungen der Gehörswahrnehmung, die Zentralwindungen und
die Scheitellappen den Bewegungsvorstellungen (Erinnerungsbildern der
Bewegungs-, Haut- und Muskelgefühle und ihrer Lokalisation) als Sitz
dienen. Geschmack und Geruch, die für die geistigen Vorgänge von
geringerer Bedeutung sind, verknüpfen sich mit Rindenfeldern der
Gehirnbasis. Unzählige Assoziationsfasern verknüpfen die verschiedenen
Gebiete und Schichten zu einem gemeinsamen Wirken als Organ der
geistigen Vorgänge.
Von großer Wichtigkeit für die Theorie der normalen und der krankhaften
Geistestätigkeiten ist jedenfalls das Sprachzentrum und seine
Beschaffenheit, da sicher die meisten Menschen in Sprachvorstellungen
denken. Hier gilt aber ganz besonders, was für die gesamte materielle
Erklärung des Denkens und seiner Störungen nie außer acht gelassen
werden sollte, daß es sich dabei immer nur um Theorien handelt, die bei
aller Wahrscheinlichkeit und bei allem wissenschaftlichen Werte doch
keine wirkliche Erklärung für das Beobachtete geben können. Die
Psychiatrie als eine Wissenschaft bedarf dieser Aufstellungen und wird
dadurch gefördert, die fortschreitende Erkenntnis der geistig kranken
Menschen und ihrer Behandlung muß auch unabhängig davon durch klinische
Beobachtung und durch reine Erfahrung herausgebildet werden.
Eine scharfe Grenze zwischen Geistesgesundheit und Geisteskrankheit gibt
es ebensowenig wie zwischen den entsprechenden Körperzuständen. Wie
niemals zwei Menschen körperlich völlig gleich sind, und wie kein Maß
geschaffen werden kann, um jemand als körperlich normal zu erweisen, so
sind auch bei möglichst gleicher geistiger Anlage und Ausbildung die
größten Verschiedenheiten möglich. Was bei geistig Hochgebildeten als
grobe Abweichung vom Normalen und als klaffende Lücke betrachtet werden
muß, kann bei Ungebildeten als durchaus regelrecht erscheinen, und noch
größer sind die Verschiedenheiten, wenn an Stelle des ruhigen Denkens
die Affekte den Geist beherrschen. Man soll sich daher hüten, jede
Abweichung von der bisherigen Erfahrung oder von dem Gewohnheitsbilde
ohne weiteres als abnorm oder gar als krankhaft hinzustellen, auch wenn
der erfahrene Beobachter geistiger Persönlichkeiten Anklänge an
Krankhaftes wahrnimmt. Nur durch Mißbrauch solcher Beobachtungen wird
man z. B. das Genie wegen seiner mannigfachen Eigentümlichkeiten dem
Irren an die Seite stellen.
In der Praxis ist eine willkürliche Trennung zwischen gesund und krank
nicht zu entbehren; sie ist Sache der Erfahrung und des Taktes, also
nicht durch bestimmte Regeln zu erlernen und daher dem Unkundigen nicht
jedesmal als berechtigt nachzuweisen. Zu große Bestimmtheit in
derartigen subjektiven Ansichten hat manchem Irrenarzte den nicht ganz
irrigen Vorwurf zugezogen, sein Gebiet unrechtmäßig ausdehnen zu wollen.
Mit gutem Grunde stellt daher die neuere Psychiatrie ein eigenes Gebiet
der »Grenzzustände« auf.