Die Jölle schwankte natürlich mit einem plötzlichen Ruck nach ihnen

hinüber und zwar so stark, daß Jean auf Steuerbord überstürzte, und

nur noch glücklicherweise mit der linken Hand den Rand ihres kleinen

Fahrzeugs erfaßte. Dadurch hielt er sich nicht allein über Wasser,

sondern bewahrte auch wahrscheinlich durch das Gegengewicht was er

hiermit an die andere Seite warf, das Boot vor dem gänzlichen Füllen

und Sinken, auf das der Angriff berechnet gewesen. Freilich konnte er

nicht verhüten, daß trotzdem eine Masse Wasser über Bord schlug.

Ein zweiter solcher Stoß wäre ihnen auch jedenfalls verderblich

gewesen, und er mußte erfolgen, sobald die Schwarzen nur einfach mit

ihrem Gewicht hängen blieben, Bill aber rettete sie diesmal, und

zwar ganz gegen seinen Willen, denn mit dem ersten Ruck schon hinten

überfallend, stürzte er gerade in den Vordertheil des Bootes hinein.

Wahrscheinlich aber dabei mit dem Finger den Drücker der Muskete

berührend, oder auch nur durch das Anstoßen des Kolbens auf den Sitz,

entlud sich diese, und die Kugel fuhr zischend ins Blaue.

Die Wirkung zeigte sich zauberschnell. -- Im Nu waren die sechs

schwarzen Köpfe, die eben noch ein gellendes Siegesgeschrei

ausgestoßen, in der über ihnen zusammenschlagenden Fluth verschwunden.

Durch das schnelle Loslassen des Bootes und Jeans Gewicht nach der

andern Seite hätten sie aber beinahe das erreicht, was sie durch ihren

Angriff verfehlt, denn die Jölle schlug nun ebenso viel nach Steuerbord

über, als vorher nach Backbord, und nahm wieder eine Menge Wasser ein.

Das kleine Boot war jedoch glücklicherweise ziemlich breit gebaut, und

das nächste Zurückschwanken nach Steuerbord zeigte ihnen, daß die

Gefahr für den Augenblick vorbei sei.

Während aber Jean, so rasch ihm das irgend möglich war, zurück ins

Boot kletterte -- und Timor faßte ihn dabei und half ihm hinein --

hatte Hans sein Gewehr aufgegriffen und gespannt, und François mit dem

Messer noch immer in der Faust, bewachte scharf die beiden Bootränder,

ob sich wieder eine schwarze Hand auf ihnen sollte blicken lassen. Aber

nirgends zeigte sich auch nur eine Spur von den Flüchtigen, und Hans

meinte erstaunt, es wären doch keine Fischmenschen, daß sie ganz unter

Wasser leben könnten; sie =müßten= wieder vorkommen. Da deutete Timor

nach dem Seetang, der an den Korallen hing, an dem sie schon vorher das

Auftauchen der geglaubten Fische beobachtet hatten.

Alle folgten mit ihren Augen der Richtung, nur François nicht, der fest

die Feinde noch einmal auf ihren alten Angriffsplatz -- er wußte nur

nicht recht auf welcher Seite -- zu erwarten schien.

»Dort sind sie!« rief aber jetzt auch Hans, und Jean, der indessen

ebenfalls seine Muskete aufgefaßt, wollte schon auf das Dunkle dort,

was sich ziemlich deutlich als die dunklen Köpfe der Feinde erkennen

ließ, zielen. Hans verhinderte ihn aber daran und meinte ruhig, es

wäre besser Blutvergießen zu vermeiden, bis es nicht anders mehr

möglich wäre.

Die Köpfe verschwanden auch in demselben Moment fast wieder, und erst

weit außer Schußweite kamen sie zum zweitenmal hervor. Als sie

sich zum drittenmal zeigten, war es dicht am Ufer, und sechs schwarze

Gestalten, mit kurzen Speeren in der Hand, wie es Hans deutlich durch

das jetzt aufgegriffene Fernrohr erkennen konnte, sprangen aufs Trockene

und tauchten in der nächsten Minute in die dichten Büsche ein, die sie

den Blicken der Nachschauenden gänzlich entzogen.

Deren nächste Sorge war jedoch jetzt ihr Boot, und zwei gingen daran,

es so schnell als möglich wieder auszuschöpfen, während die anderen

noch immer auf Wacht blieben, denn sie glaubten kaum, daß so wenige von

den Wilden es gewagt haben sollten sie anzugreifen.

Der Plan war auch gar nicht so übel gewesen, und nur daran gescheitert,

daß die Schwarzen nicht die Natur einer solchen Jölle kannten, die

weit fester mit ihrem breiten Boden auf dem Wasser liegt als eines

der gewöhnlichen Canoes. Keines dieser letzteren hätte einem solchen

Gewicht, plötzlich an die Seite geworfen, widerstehen können, und

einmal die Mannschaft über Bord, hätte sie den Wilden, die im Wasser

fast gewandter sind als auf festem Lande, sicherlich nicht widerstehen

können. Mit ihren kurzen Speeren würden sie die Weißen entweder

ermordet, oder untergezogen und ertränkt haben, und das Boot mit der

Ladung, die sie leicht wieder vom Grund mit Tauchen aufbringen konnten,

wäre ihre gute Beute geworden.

Ihr ganzes Manöver ließ sich jetzt auch sehr leicht erklären. Zuerst

hatten sie versuchen wollen im Dunkel der Morgendämmerung (fast alle

wilden Stämme machen ihre Angriffe zu dieser Tageszeit) heimlich

anzuschwimmen. Timors Munterwerden machte ihnen das aber unmöglich, und

einmal die richtige Zeit versäumt, war auch die andere Mannschaft wach

geworden. Einer schwamm also deshalb wieder von den übrigen ab, die

Aufmerksamkeit der Fremden auf sich und von den Cameraden abzulenken,

während diese unbeachtet herantauchen und den vorher verabredeten Plan

ausführen konnten. Vor Feuergewehren haben aber diese Stämme, die mit

Weißen fast noch nie in Berührung gekommen, eine heilsame Furcht, und

das zufällige Losgehen von Bills Muskete erschreckte sie so, daß

sie jeden Gedanken an Angriff aufgaben, und nur ihre eigene Haut in

Sicherheit zu bringen suchten.

»Nun, wie gefällt Euch Euer Empfang bei den Schwarzen?« frug Hans

die anderen, als sie ihr Boot wieder in Ordnung gebracht und ihre

Provisionen vorgesucht hatten, um ein hastiges Frühstück einzunehmen.

»Nicht wahr, es sind gastliche Gesellen, die nicht einmal abwarten bis

wir bei ihnen an Land gekommen sind, sondern uns gar schon =vor= der

Thüre besuchen.«

»Hol der Teufel die Landlubbers,« brummte Bill, der damit das

schlimmste Wort seines Kopfwörterbuchs ausgesprochen -- »wenn die

Sachen hier so stehen, hab' ich wenigstens allen Appetit verloren mich

viel bei ihnen zu Gaste zu bitten. -- Das sind ja verteufelte Kerle --

und wie die Bestien schwimmen und tauchen können.«

»Die Hälfte von unserem Brod ist naß geworden,« sagte Timor, der

sich indessen eifrig damit beschäftigte den beschädigten Proviant

nachzusehen -- »ein Glück nur daß das meiste hoch lag.«

»Wir essen das naßgewordene zuerst weg,« meinte Jean -- »wenn das

Brod auch ein wenig salzig schmeckt, das schadet nichts, und aufgeweicht

ist's doch nicht. Da müssen unsere Schiffszwieback länger im Wasser

liegen, wenn sie wirklich weich werden sollen; für solche Fälle haben

unsere Rheder glücklicherweise gesorgt. -- Aber so heimtückische

Canaillen; auf einer Seite Freundschaftsversicherungen, und auf der

anderen Meuchelmord. Doch feige sind die Kerle. Hei wie sie ausbrannten

als Bill sein Gewehr unter sie abschoß. Mich wundert nur daß sich Bill

so rasch fassen und schießen konnte; der Angriff kam so schnell, daß

ich an =mein= Gewehr gar nicht dachte.«

Siebenzehntes Capitel.

Die Landung.

Bill sah ihn mit einem trocken komischen Ausdruck in den Zügen an, und

die anderen lachten.

»Ja,« sagte Bill endlich, »wenn ich jedesmal mein Gewehr auf =die=

Art abfeuere, dann thu' ich meinem eigenen Leichnam mehr Schaden dabei

als jemand anderem. Nicht allein daß ich mir meine ganze hintere Fronte

auf den scharfen Kistenecken und Gott weiß was abgescheuert habe, nein,

die verdammte Muskete stieß mich auch, wie sie los ging, so gegen

den Leib, daß ich erst fürchtete, ich hätte einen förmlichen

Decimalbruch gekriegt. -- Das sind verwetterte Dinger so Schießgewehre

-- da ist's ja wahrhaftig so gefährlich dahinter wie davor zu stehen,

und ich hatte nur eine einzige Handvoll Pulver drin. Aber Donnerwetter,

Ihr braucht nicht so furchtbar zu lachen; wir sitzen hier keineswegs

in einer so angenehmen Lage hier vielen Spaß machen zu können. Gebt

lieber einen guten Rath, wie wir aus dieser Klemme wieder hinauskommen

und was wir thun sollen.«

»Sail ho!« rief in diesem Augenblick Timor, der trotz seiner

Beschäftigung im Boot, doch nicht aufgehört hatte den Horizont wie

seine nächste Umgebung zu beobachten.

Dieser Ruf gab natürlich den Gedanken der kleinen Mannschaft eine total

andere Richtung. Aller Augen richteten sich blitzesschnell nach der

einzigen Himmelsgegend hin, wo ein Segel sichtbar werden konnte -- der

Einfahrt der Torresstraße zu. Und richtig genug, über dem Horizont

waren deutlich die oberen Segel eines wahrscheinlich großen Schiffes zu

sehen, das schon gestern Abend in die Straße eingelaufen und vor Anker

gegangen sein mußte, und jetzt mit einer guten, wenn auch leichten

Brise und von der starken, westwärts setzenden Strömung begünstigt,

seine Durchfahrt antrat.

»Da wär' eine Gelegenheit von hier fortzukommen,« sagte Hans

lächelnd, nachdem sie das Segel, dessen Fortgang sie leicht bemerken

konnten, eine kleine Weile schweigend beobachtet hatten, »was meinst

du, Bill? sollen wir unser Glück damit versuchen?«

Bill schüttelte aber finster mit dem Kopf und sagte endlich, nachdem er

sich ein tüchtiges Stück von seinem Kautaback abgebissen und den

Rest wieder in die Mütze -- dem gewöhnlichen Aufbewahrungsort, gelegt

hatte: -- »Ne -- so gern ich hier weg wäre, aber die Gesellschaft

Capitän Oilytts ist doch zu gut für mich -- ich bin sie nicht werth

und -- ich will mich nicht gern wieder hineindrängen. -- Wenn wieder

ein's käme, ja, da will ich nichts dagegen sagen, aber ich denke dies

erste gönnen wir unserem Alten zu seiner alleinigen Verfügung.«

»O wenn's nur deshalb wäre,« rief Jean, »das sollte mich wahrhaftig

nicht abhalten. -- Auf einem fremden Schiff hat er Nichts zu sagen,

denn er ging höchstens als Cajütenpassagier und wir kämen als

Wachtverstärkung mit ins Vorcastel. Was könnte er uns da anhaben?«

»Was er uns anhaben könnte?« wiederholte Bill, »weiter nichts,

Mann, als daß er uns viere hier einfach in Eisen legen ließe, wegen

Widersetzlichkeit -- wenn er da irgend Gefallen d'ran fände. Und thäte

er das wirklich nicht, so kannst du dich d'rauf verlassen, er würde uns

bei dem anderen Capitän einen solchen Namen machen, daß ich lieber

mit sieben Jahr Urlaub nach Norfolk Island oder Vandiemensland geschickt

werden möchte, als dort Matrose sein. Frag einmal Hans, was der dazu

meint. -- Und Timor erst für sein bischen Versteckens spielen. -- Aus

dem seiner Haut machten sie, Gott straf mich, Kabelgarn.«

»Unsinn, Mann,« lachte Jean, »es fällt mir ja gar nicht ein Capitän

Oilytts Gesellschaft je wieder aufzusuchen. Im Gegentheil, ich danke

Gott daß ich sie mit so guter Manier los geworden bin. Das Schiff hat

aber jedenfalls =den= Vortheil für uns, daß es den Capitän mit seiner

ganzen Gesellschaft aus der Straße herausnimmt, und kommt später

einmal ein anderes, und es gefällt uns dann nicht auf dem festen Lande,

dann können wir immer noch thun was wir wollen.«

»Hollo, Hans, was machst du da?« wandte er sich plötzlich zu diesem,

der nach vorn gegangen war, und ohne weiter etwas zu sagen, den kleinen

Anker aufholte.

»Was ich mache? -- ich mache uns flott,« lautete die Antwort -- »oder

wollen wir heute hier liegen bleiben?«

»Gut dann, an Land!« rief Jean fröhlich, »und gefällt uns das

Innere, so sollen uns alle Wilden Australiens nicht abhalten unser Ziel

zu erreichen.«

»Damit bin ich auch einverstanden,« meinte Bill, »meine Flinte kann

aber Timor nehmen. Ich will verdammt sein, wenn ich das Ding noch einmal

losschieße oder vielmehr sich selber losschießen lasse. Was ich bis

jetzt daran gesehen habe, so scheint es mir verwünscht unabhängig zu

sein, und sich wenig daran zu kehren, ob an dem kleinen Stück Eisen da

gedrückt wird oder nicht.«

Als der Anker gelichtet war, wollten Bill und François nach den Rudern

greifen, die kurze Strecke hinüber zu rudern; Hans richtete aber das

Segel auf und schlug ihnen vor, noch eine kleine Strecke an der Küste

hinabzufahren, bis wo sie wieder Hügel zum Strande niederdachen sehen

konnten. Die Gegend war hier vollkommen flach, die kleinen Hügel

standen aber mit anderen höheren, deren blaue Spitzen sie jetzt

schon erkennen konnten jedenfalls in Verbindung. Es war dort auch eher

wahrscheinlich daß sie Wasser finden würden als hier; und Wasser blieb

ihnen ja doch, bei einem Marsch ins Innere, die Hauptsache, wo sie wohl

dann und wann ein Stück Wild erlegen konnten, ihren Hunger zu stillen,

aber nie im Stande gewesen wären sich ohne Wasser zu behelfen.

»Und dann kommen wir auch ein Stück von diesen verdammten schwarzen

Heiden fort,« sagte Bill, als er die Schote des kleinen Segels anholte

und fest machte -- »hol sie der Henker!«

»Das nun wohl nicht,« meinte Hans, »denn ich bin fest überzeugt,

daß wir die ganze Zeit von mehr als den wenigen beobachtet wurden, und

selbst diese können uns leicht zu Lande folgen. Laufen wir aber scharf

gegen die Küste an, so werden sie sich jedenfalls zurückziehen, und

ich bin ziemlich gewiß, daß sie uns beim Landen nicht im geringsten

stören.«

Nach zwei Stunden etwa erreichten sie das höher gelegene Land, und

fanden hier sogar, ganz gegen Erwarten, ein wohl 30 Schritt breites

kleines Strombett, in dem eine ziemlich starke Quelle niederrieselte.

Es war gerade Regenzeit, und sie durften jetzt allerdings weit eher

erwarten dann und wann Wasser zu finden als im Sommer, wo auch diese

Quelle sicher vertrocknete.

Bei der Landung gebrauchten sie nichtsdestoweniger jede Vorsicht, die

ihnen unter ihren Umständen nur möglich war. Während Bill vorn mit

dem Springtau in der Hand auf das Anlaufen des Bootes wartete, und dann

hinaussprang und es ans Ufer zog, standen Jean, und François mit ihren

geladenen Gewehren neben ihm. Hans hielt das Ruder. Es ließ sich aber

kein Indianer blicken, ja nicht einmal die Spur ihrer Füße konnten

sie in dem Ufersand entdecken, und nachdem sie erst zu diesem Zweck

eine kleine Runde durch die Büsche gemacht, und auch nicht das

mindeste Verdächtige gefunden hatten, zogen sie ihr Boot in die kleine

Süß-Wasser-Bay, die hier das frische Wasser in den sonst überall nahe

zum Ufer kommenden Korallen gebildet zu haben schien, und fanden sich,

zum erstenmal wieder, auf festem, trockenem Lande.

Achtzehntes Capitel.

Der Australische Busch.

François und Jean hielten es allerdings jetzt noch für unumgänglich

nöthig Posten auszustellen, und indessen ihr Boot in Sicherheit zu

bringen. Hans aber, mit den Sitten dieser Stämme, wie es schien, besser

bekannt, beruhigte sie darüber, und gab ihnen die Versicherung, daß

sie gewiß keinen neuen Ueberfall, so lang es hell sei, zu fürchten

hätten; obgleich er keineswegs für dasselbe nach Dunkelwerden

einstehen möchte.

Was aber nun thun? ihr Boot am Strand, oder irgendwo im Dickicht

versteckt zurücklassen, und geradezu den Landweg durch das Innere

versuchen? die Sache wurde bald als unmöglich verworfen, denn die

gerade, die im Anfang am exaltirtesten für einen solchen Plan gewesen

waren, schienen durch diese erste Begrüßung einen heilsamen Schreck

vor irgend einem solchen Unternehmen bekommen zu haben.

Hierzu kam noch, daß jetzt die Provisionsfrage in Anregung gebracht

werden mußte, und es sich nun herausstellte, wie solche auf keine

andere Weise fortzubringen wären, als auf den eigenen Rücken. Hans

setzte ihnen dabei die etwaige Entfernung auseinander, bei der Bill

schon vollkommen genug hatte, sobald er die Zahl der Tagemärsche

hörte, und selbst François und Jean wurden kleinmüthig als sie das

ihnen nächste Wasser, das sie für frisches gehalten, kosteten und --

=salzig= fanden. Allerdings hatte das seine sehr natürlichen Ursachen,

da die Mündung des kleinen Creeks oder Flusses -- denn das Bett

desselben sah breit genug aus -- hier jedenfalls der Ebbe und Fluth

ausgesetzt war.

Hansens Rath lautete nun, wie er von Anfang an gewesen, in ihrem Boot zu

bleiben und so rasch sie könnten nach Westen zu segeln, um jedenfalls

Timor oder eine andere Insel jener dicht gedrängten Gruppe zu

erreichen. Bis dorthin führten sie auch genug Provisionen bei sich,

denn Wasser konnten sie, wenigstens etwas, bei einzelnen doch jedenfalls

zu erwartenden Regengüssen oder Gewitterschauern mit ihrem Segel

auffangen.

Wenn nun aber auch die übrigen im Ganzen mit dem Plan vollkommen

übereinstimmten, versicherten doch François sowohl wie Jean, das feste

Land hier nicht eher wieder verlassen zu wollen, ehe sie mehr davon

gesehen hätten, denn der Beweis wäre ihnen geworden, welchen Respect

die Wilden hier vor Feuerwaffen hätten. François besonders, mit der

eigenen Leidenschaft die Matrosen für jede Art von Jagd zeigen, wenn

sie einmal festes Land betreten haben, verschwor sich hoch und theuer

hier erst einmal die Gegend untersuchen zu wollen, ehe er wieder in

See ginge -- die Zeit sei ihm lang genug an Bord geworden und er müsse

jedenfalls erst »sein Gewehr einmal anschießen.« Etwaige Gefahren

konnten ja nur den Reiz erhöhen, aber nimmer vermindern.

Der einzige, dem es ziemlich gleichgültig schien was vorgenommen wurde,

war Bill, so sie nur nicht von ihm verlangten lange Tagemärsche mit

einer Last auf dem Rücken zu machen. Er gestand jetzt ein daß er sich

das Land ebenfalls anders gedacht habe, und stimmte Hans bei, so rasch

als möglich Timor zu erreichen. -- Gegen eine kleine Excursion ins

Innere hatte er aber ebenfalls nichts, vorausgesetzt, daß er dieselbe

ohne Flinte mitmachen könne, denn nur im äußersten Nothfall möchte

er, wie er meinte, gezwungen sein, solch ein »hintenausschlagendes

Schießeisen« wieder abzufeuern. -- Aber was sollte indessen aus dem

Boote werden? -- Die Frage war die natürlichste, und wenn auch

besonders François im Anfang geglaubt hatte, man würde es irgendwo

leicht verstecken können, überzeugte sie doch bald die ganze Natur

des Bodens, daß etwas derartiges wohl leicht gedacht, aber schwer

ausgeführt werden könne. Handelten sie übrigens hierin leichtsinnig,

so waren sie der fast unvermeidlichen Gefahr ausgesetzt, alles was sie

an Provisionen bei sich hatten nicht allein zu verlieren, sondern auch

noch zugleich der Möglichkeit eines Rückzugs von hier beraubt zu

werden.

Dagegen erklärte sich auch Hans auf das Bestimmteste, und erbot sich

mit Timor im Boot zu bleiben und dies flott zu halten, bis die drei

Cameraden ihrer »Landungswuth« genügt und vom Land so viel gesehen

hätten als ihnen zuträglich wäre, was, wie er hoffte, gar nicht so

sehr lange dauern sollte. Timor war sehr gern damit einverstanden, Jean

aber nicht, der Hans mit an Land zu haben wünschte und dagegen Bill,

als am schlechtesten auf den Füßen, zur Bootwacht vorschlug. Als

Station für das Boot konnte der dann eine kleine Insel nehmen, die

jetzt, in der Fluthzeit, nur eben über die Oberfläche des Wassers

vorragte und mit dichtem Gebüsch bewachsen war. Trotzdem lag sie gerade

bequem und etwa eine englische Meile vom Lande ab, so daß sie dort

wenig oder gar nichts von einem Ueberfall, ausgenommen in Canoes, zu

fürchten hatten. Den aber brauchten sie am hellen Tag um so weniger zu

fürchten, da sie gesehen hatten, welchen Respect die Eingeborenen den

Schießgewehren gegenüber gezeigt.

Bill, überdies nicht sehr lebhaften Temperaments, war mit diesem Plan

vollkommen einverstanden, ließ ihn derselbe doch in unbeschränktem,

unverkümmertem Besitz und unmittelbarer Nähe des Portweins, für den

er anfing eine stille Neigung zu fühlen.

Hans wünschte selber gern einen Theil der Küste und das Innere des

Landes zu sehen, wenn sich die Cameraden denn doch nun einmal nicht

von ihrem Plan abbringen ließen, und da er sich auch wohl bewußt war

manche Gefahr von ihnen abwenden zu können, stand der Ausführung des

beabsichtigten Streifzugs nichts weiter im Weg. Timor schien mit Allem

einverstanden, was ihn nur nicht wieder in den Bereich der Schwarzen

brachte, die sich bei ihm durch den so schlau ausgeführten Angriff gar

tüchtig in Respect gesetzt.

Mit Vorbereitungen verloren sie denn auch keine lange Zeit weiter.

Jeder nahm nur an Munition und Proviant was er auf zwei oder drei Tage

nothwendig zu brauchen glaubte -- denn etwas zu schießen mußten sie ja

doch auch hier im Walde finden -- und als Signal, wenn sie zurückkehren

wollten, wurden zwei rasch hintereinander abgefeuerte Schüsse bestimmt.

Sobald Bill dieselben höre, solle er sich, aber immer noch sehr

vorsichtig, dem Festland nähern. Auch jetzt wurde es ihm zur Pflicht

gemacht, um ganz gesichert gegen einen Ueberfall zu sein, augenblicklich

vom Lande abzustoßen.

Zuerst aber nahm er noch herzlichen Abschied von den Cameraden und

warnte sie ernstlich, ganz besondere Acht auf ihre eigene Haut zu haben,

damit sie dieselbe nicht unnöthiger Gefahr aussetzten. Dann nöthigte

er noch jedem, sie mochten dagegen einwenden was sie wollten, eine extra

Flasche Madeira auf -- Madeira, meinte er, sei besser wie Portwein, wenn

man ihn mit Salzwasser trinken müsse -- und schob hierauf mit Hülfe

der Zurückbleibenden vom Lande ab. Hier wandte er rasch den Bug seines

kleinen Fahrzeugs, setzte das Segel und suchte mit Timor am Steuer, vom

Lande abzukreuzen, was ihm jetzt, von der eintretenden Ebbe begünstigt,

auch bald gelang.

Die drei Matrosen sahen ihn aber kaum frei und unter Segel, als sie auch

ihre verschiedenen Packen schulterten, die Gewehre unter den Arm nahmen,

und dem nächsten Hügel zuwanderten, den sie vor allen Dingen erst

einmal besteigen wollten, einen ungefähren Ueberblick über das

benachbarte Land zu gewinnen.

Hansens Bein schmerzte ihn allerdings noch ein wenig. Die letzten

Ruhetage und die gute Pflege hatten ihn jedoch so weit wieder

hergestellt, einen derartigen nicht zu langen Marsch ohne große Gefahr

für sich wagen zu können.

Da sie sich hier noch innerhalb des Flußthals befanden, das nach Osten

und Westen in einem, wenn auch schmalen doch weit auslaufenden Streifen

abzweigte, so hatten sie sich vor allen Dingen durch einen höchst

beschwerlichen Mangrovesumpf hinzuarbeiten. Im Anfang durften sie auch

wirklich kaum wagen auf den Schlamm zu treten, der oft unter ihnen

wegsank. Sie mußten sich über die hoch emporstehenden Wurzeln, die

nach allen Seiten hin wie die Beine einer Spinne vom Stamme wegstarrten,

hinarbeiten, nur erst einmal höheres und damit auch festeres Terrain zu

gewinnen.

Hans fühlte sich aber gleich von vorn herein in diesem Sumpf nicht

wohl, denn hätten die Wilden wirklich noch böse Absichten auf sie

gehabt, so wären sie hier, wo sie ihre beiden Hände gebrauchten,

um sich nur fortzuhelfen, ihren Angriffen jedenfalls auf eine höchst

gefährliche Weise preisgegeben gewesen. Aber nicht ein einziger ließ

sich sehen; keine Spur konnten sie von ihnen, selbst in dem weichen

Schlamm erkennen, und François meinte lachend, als sie den ersten

festen Platz erreicht hatten und hier einen Augenblick stehen blieben,

sich zu erholen; die schwarzen Schufte die an dem Morgen einen Angriff

versucht hätten, liefen wahrscheinlich noch, so seien sie über den

Knall von Bills unfreiwilligem Schuß erschreckt worden.

Hans war anderer Meinung, aber er begnügte sich damit, vorsichtig

auszuschauen, und erhielt dazu noch kräftigeren Grund als sie hier, am

Rande eines kleinen »Theebaum«-Dickichts nicht allein Spuren, sondern

einen festgetretenen Pfad von Indianern fanden, der am Rande des Sumpfes

hinzulaufen, und wahrscheinlich dem nächsten frischen Wasser, am Flusse

weiter hinauf, zuzuführen schien.

Hier, mit dem ersten hohen Land, wurde auch die Vegetation eine andere,

üppigere und hier zum erstenmal schienen selbst Bäume den Hügelkamm

zu decken, während weiter unten sowohl wie oben die nächsten

Küstenhügel nur starre, dürftige Sandberge gewesen waren. Kleine

schmale Lagunen oder flache, mit frischem Gras bewachsene Ausläufe

zogen sich hier zum Fluß hinunter, deren Ränder mit Banksias

eingefaßt standen, während dahinter einzelne Kohlpalmen aufragten

und der ganzen Landschaft, mit dem dunklen Hintergrund von

Stringybark-Bäumen und Casuarinen, einen freundlichen Anstrich gaben.

Nach rechts hinüber schienen diese Palmen in noch größerer Menge zu

stehen und weiter eindringend in den Wald, kamen sie auch zu einzelnen

Pandanus-Dickichten, an denen besonders die Wilden ordentliche Lager

gehabt zu haben schienen.

Hans sowohl wie Jean und François fühlten sich aber beengt in dem

dichten Unterholz, das übrigens eine Masse weißer Tauben belebte, und

gerade das ewige Geflatter und Aufschrecken dieser Vögel diente nur

dazu, sie mehr und mehr zu beunruhigen. Glaubten sie doch anfänglich

in jedem solchen Geräusch einen versteckten Wilden zu hören, der mit

Speer oder Waddie (Keule) auf sie losbrechen wolle.

Hier noch im flachen Lande wäre auch ein solcher Ueberfall nicht so

unmöglich gewesen, denn die üppige Vegetation würde einen Hinterhalt

sehr begünstigt haben. Deshalb wandten sich alle drei, wie nach

gemeinsamer Verabredung, dem nächsten Hügellande zu, und erreichten

bald darauf einen vollkommen baum- und buschfreien Hang, dürftig mit

Rasen und kleinen gelbrothen Blumen bedeckt, an dem hinauf sie rasch und

ungefährdet ihre Bahn verfolgen konnten.

Eigenthümlich war hier eine Masse einzelnstehender hoher und spitzer

Lehmhaufen, die ihnen von fern wie zugespitzte alte Baumstümpfe

vorkamen, und überall am Hügel hin, oft zu zweien und dreien,

manchmal 20 und 25 zusammenstanden. Diese wiesen sich jedoch bald als

Ameisenhaufen aus, die meist acht bis zehn Zoll unten im Durchmesser,

bis vier Fuß hoch und scharf abgespitzt, von dem gelblichen Lehm des

Bodens errichtet, der ganzen Landschaft einen wunderlichen Anstrich

gaben. François glaubte in der That im Anfang, es sei eine gewaltige

Schaar von lederfarbenen Eingebornen, die dort über den Berg zerstreut,

nur ihr Hinaufsteigen abwarteten, um von allen Seiten über sie

herzufallen. Hans kannte aber diese Hügel schon von früher, und

bald konnten sie sich auch selber von dem harmlosen Wesen derselben

überzeugen.

Eine ihnen fremde Gattung von Taube, mit dunkelbraunem Körper und

hellerer Zeichnung schienen übrigens die einzigen Bewohner dieses

Hügelhanges zu sein. Diese hatten in einzelnen vorragenden Felsen ihre

Wohnungen aufgeschlagen, aus denen sie scheu hervorschwirrten, sobald

sich ihnen die Fremden näherten. Die Seeleute wollten aber weder ihre

Munition nach so kleinem Wild verschießen, noch die benachbarten Wilden

unnöthigerweise auf sich aufmerksam machen, und kletterten deshalb,

ohne ein Gewehr abzudrücken, den jetzt steiler werdenden Hang empor.

Hier befanden sie sich, etwa eine halbe Stunde später, auf dem

äußersten Kamm des Bergrückens, der sich nach Süden zu hinunterzog,

und im Osten durch die noch höhere Kette, die in Cape York ausläuft,

begränzt wurde. Nach Westen zu öffnete sich ihnen dagegen die Aussicht

über ein weites buschiges Thal, um das der Ocean seinen endlosen

blauneblichen Gürtel zog. Aber auch dorthin sah das Land traurig

genug aus. Dürre, theils mit dichtem Busch bewachsene Strecken, theils

grausandige Flächen dehnten sich rings um sie her, und nicht die

geringste Anzeige irgend eines bedeutenden Wasserlaufes ließ sich darin

erkennen. Es war eine trostlose Wildniß, die ihre Einbildungskraft noch

nach Gefallen mit den heimtückischen Schwarzen bevölkern konnte -- und

dagegen donnerte im ewigen Ansturm die weite See.

»Großer Gott!« brach François endlich zuerst das Schweigen,

nachdem sie eine ganze Zeitlang lautlos auf das weite monotone Land

hinabgeschaut hatten, »wie verlassen, wie entsetzlich todt sieht jene

weite furchtbare Fläche aus. Hier in den Hügeln haben wir zwar auch

gerade nichts Besonderes, aber ich kann mir denken wie man von da unten

aus ordentlich mit einer wahren Sehnsucht hier heraufschauen könnte.«

»Und durch ein solches Land wolltet Ihr, von allen Mitteln entblößt

die einer solchen Reise wenigstens die Möglichkeit des Gelingens

ließe, den Marsch versuchen;« sagte Hans.

»Aber es wird auch nicht überall so sein,« entgegnete Jean rasch.

»Da wo sich der Fluß durch das breite Thal zieht, grünt und blüht

eine so üppige Vegetation, wie sie sich der Wanderer nur wünschen

kann, und diesem Strome folgend --«

»Kämst du nur zu bald zu seiner Quelle, wo all' die Schrecken und

Gefahren einer Wüste beginnen,« unterbrach ihn Hans kopfschüttelnd.

»Wir können uns ein Beispiel an dem Deutschen, an _Dr._ Leichhardt,

nehmen, der diesen Landstrich allerdings, aber Gott weiß auch mit

welchen Mühseligkeiten und Gefahren durchzogen, und auf einer zweiten

Reise sein Leben dennoch eingebüßt hat. Mit allem Nöthigen zu einem

solchen Marsch ausgerüstet, mit der Kenntniß des Landes, die er auf

der ersten Tour erworben, mit Muth und Ausdauer, wie sie nur je ein

Mensch bewiesen, mußte er doch in den entsetzlichen Wüsten, die das

Innere dieses weiten Landes bilden, elendiglich umkommen, und seine

Gebeine bleichen jetzt vielleicht neben irgend einer Salzquelle, vom

Sand der Wüste bedeckt. Ich bin sonst wahrlich nicht furchtsam, aber

ein heimliches Grausen durchrieselt mich jedesmal, wenn ich auf das

Innere dieses ungeheuren räthselhaften Landes blicke, das seinen

kühnen Bewohnern noch immer hartnäckig die starre Sandwüste

entgegenhält. Trotz allen Versuchen das Innere zu erforschen, trotz

aller Aufopferung, trotz allem Todesmuth, es blieb vergebens, und

wer weiß ob es je den Menschen gelingen wird, die ganze Insel zu

durchwandern.«

»Es hat aber auch einen eigenen Reiz in solche, noch unbetretene

Wildniß vorzudringen,« sagte Jean, der, auf sein Gewehr gestützt,

lange und sinnend nach Süden hinabgeschaut hatte. »Fast unwillkürlich

treibt und drängt es uns vorwärts, und -- der Drang wird um so

mächtiger, wenn gerade dahinter das Ziel unseres ganzen Lebens liegt,

und unseren ausgestreckten Armen fast erreichbar scheint.«

»Dir steckt die Dirne aus dem goldenen Kreuz noch im Kopf,« lachte

François, »aber ich weiß nicht, ob ein paar tausend Meilen Sand und

Salzwasser nicht selbst die heißeste Liebe, ich will nicht gerade

sagen =abkühlen=, aber doch wenigstens auftrocknen könnte. Wenn ich

meinestheils ein ganzes Pensionat von lauter Geliebten in Sydney sitzen

hätte, es würde mir nicht einfallen, so parteiisch für mein Herz,

Magen und Kehle auf eine so entsetzliche Weise zu behandeln.«

»Bah,« sagte Jean leicht erröthend, »du bist reiner Materialist,

François und hast keine Idee davon was wirkliche Liebe ist. Der allein

glaub ich auch, wäre es nur möglich, alle solche Schwierigkeiten zu

besiegen, die uns bei ruhigem Blut, bei kalter Ueberlegung geradezu

unüberwindlich scheinen.«

»Es giebt für solche Zwecke ein noch mächtigeres Gefühl, Jean,«

nahm aber Hans jetzt das Wort -- »und zwar der =Ehrgeiz=. Es ist das

die mächtigste, aber auch furchtbarste Gewalt unseres ganzen Systems,

und kann sich selber nur in solchem Falle übertreffen, wo er sich mit

der Liebe vereinigt, und das arme Menschenherz dann zu Sieg und Ruhm

oder -- zu ewigem Verderben mit fortreißt. -- Ich habe in meiner Zeit

von beiden Beispiele erlebt, die --«

Ein wilder, merkwürdiger Laut unterbrach ihn plötzlich, und alle drei

griffen wie unwillkürlich nach ihren Gewehren.

»=Ku-ih!=« tönte es aus dem Wald heraus, das den oberen Hügelhang

begränzte, »=Ku-ih!=« und der gleiche Ruf antwortete von zwei

verschiedenen Stellen im Thal.

»Was für ein Thier war das?« frug François leise, als die Töne

endlich schwiegen, indem er vorsichtig nach dem nächsten Dickicht

hinüberhorchte.

»Vielleicht unsere Freunde von heut' Morgen,« lachte Hans endlich, mit

den Blicken den Waldrand nach jener Richtung hin musternd, von woher der

Laut zum erstenmal getönt. -- »Jedenfalls waren es Eingeborne, denn

das ist ihr Ruf. Möglich kann es auch sein, daß es als eine Art

telegraphische Meldung beabsichtigt wurde, den Cameraden unten im Thal

wissen zu lassen, daß wir bis hier oben glücklich angelangt seien.«

»Wir reisen ja da ordentlich wie die hohen Herrschaften in Europa,«

lachte Jean, »von denen auch die Zeitungen jeden Schritt und Tritt,

jeden Bissen den sie essen, jeden Schluck den sie trinken, melden, und

-- noch mehr melden würden, wenn sie sich eben nicht genirten. Aber --

ich muß aufrichtig gestehen, ich mache mir für den Augenblick nichts

aus einer derartigen Berühmtheit, und wenn ich wüßte daß ich die

Rolle auch gut durchführen könnte, hätte ich gar nichts dagegen mich,

so lange ich hier an Land wäre, schwarz anzustreichen und incognito zu

reisen.«

»Hier auf dem Berg sind wir ihnen auch vollkommen preisgegeben,«

meinte François kopfschüttelnd. »Sie können jede unserer Bewegungen

beobachten, und sich nachher prächtig ins Dickicht in den Hinterhalt

legen, ehe wir nur einmal ahnen daß sie in der Nähe sind. -- Wenn

sie nur mit Bill nichts unter der Zeit anfangen. Bill ist ein ganz

tüchtiger Kerl, und fürchtet sich vor dem Teufel nicht; aber wo

es heißt irgend einer List zu begegnen, da traue ich ihm eben nicht

übermäßig viel zu.«

»Mir ist das auch schon im Kopf herumgegangen,« sagte Hans, »und ich

habe nur dabei meine Hoffnung auf Timor gesetzt, der, selber halb ein

Wilder, sich nicht wird so leicht überlisten lassen. -- Hättet Ihr

nicht Euer Herz einmal darauf gestellt, ich wäre auch gar nicht aus dem

Boot gegangen.«

»Ja, und ich glaube wir haben dabei einen dummen Streich gemacht,«

entgegnete ihm Jean kopfschüttelnd. »Ich gebe allerdings zu, daß ich

selbst jetzt noch dabei wäre, wenn Ihr Euch alle dahin entschlösset

die Landtour nach dem Süden hinunter zu unternehmen, so verzweifelt das

Mittel auch sein möchte, um von hier fortzukommen. Dann aber hätten

wir auch unser Boot ganz im Stich lassen, und unsere Kräfte nicht

zersplittern sollen. Ueberdies sehe ich jetzt nicht recht gut ein was

wir hier eigentlich wollen. Proviant brauchen wir hier noch nicht,

sondern verzehren im Gegentheil mehr als mir scheint, daß wir hier

wieder einlegen können, und vom Land werden wir auch nicht mehr zu

sehen bekommen als wir bis jetzt gesehen haben. Es ist eine trostlose,

entsetzliche Wildniß und ich stimme dafür, daß wir sobald als

möglich machen wieder abzukommen. Wollen wir dabei noch ein Uebriges

thun, so können wir ja eben nur einen Bogen durchs Thal ziehen, die

Vegetation unten ein wenig genauer kennen zu lernen, dann sind wir gegen

Abend wieder am Ufer, rufen unser Boot an und schlafen die Nacht an Bord

wahrhaftig besser und sicherer als hier, wo man nie weiß von welcher

Seite die schwarzen Schufte zuerst über uns einbrechen mögen.«

»Ja, und je eher wir hier fortkommen, desto besser,« stimmte François

etwas kleinmüthig bei, »denn, weiß der Böse woher es kommt, aber

meine Schuhe fangen auch an zu drücken, und den einen hab' ich mir auch

schon in dem scharfen Boden hier aufgetreten. -- Mit keiner Silbe

hatt' ich ja daran gedacht, daß man zu einer Fußreise zu Land auch

tüchtiges Schuhwerk nöthig hat, denn das leichte Zeug, womit wir an

Deck herumlaufen müssen, damit wir dem Capitän das Quarterdeck nicht

zerkratzen, würde bald fertig werden. Nachher was dann? Nein, eine

Landreise klingt recht gut von Bord aus, aber mir ist's doch jetzt

ungemein lieb, daß wir noch den Hinterhalt an unserem Boot haben. Nun

Hans, wie stehts? -- was giebts wieder?«

»Meine Meinung braucht Ihr nicht erst zu hören,« sagte dieser, ohne

die Augen jedoch von einem gewissen Punkt des Waldstreifens, der sich

unfern von ihnen über den Berg hinzog, zu verwenden. -- »Ich bin von

Anfang an gegen einen solchen Marsch gewesen, und wußte recht gut Ihr

würdet das Wahnsinnige eines solchen Unternehmens einsehen, sobald

Ihr nur einmal den Fuß an Land gesetzt hättet. Aber ich glaube, wir

bekommen Besuch,« fuhr er dann fort, den Arm nach der Richtung hin

ausstreckend, nach der er schaute. »Dorthin regt sich's jedenfalls,

will aber noch nicht recht heraus. Nun wir brauchen uns wenigstens keine

Mühe zu geben unsere Anwesenheit geheim zu halten, denn ich bin fest

überzeugt, wir werden von allen Seiten scharf genug beobachtet.«

»Ku-ih!« rief es in dem Augenblick wieder aus dem Walde herüber,

und Hans wollte eben die Hand an den Mund heben, den Ruf diesmal zu

beantworten, als dicht hinter ihnen, wo ein kleiner Vorsprung des

Hügels auslief, daß sie die Ecke nicht hatten übersehen können, der

Schrei laut und sorglos beantwortet wurde.

Wie der Blitz fuhren die drei nach dem unerwarteten Ruf herum, und

unwillkürlich rissen sie ihre Gewehre in die Höhe, Hans aber winkte

ihnen auch ebenso rasch sich ruhig zu verhalten, und nur nach der

Gegend zu Front machend, von der der Laut kam, standen sie still und

regungslos.

Sie brauchten nicht lange zu warten. Noch keine halbe Minute hatten sie

so gestanden, als ein Schwarzer, vollkommen nackt, und nur mit einem

kurzen Speer bewaffnet um den Absprung des Hügels bog. Er hielt den

Blick auf den Boden geheftet, und es war augenscheinlich, daß er keine

Ahnung von der Anwesenheit der weißen Männer haben konnte. In dem

Moment aber, wo sie glaubten daß er jetzt erstarrt vor Schreck zu ihnen

aufschauen und die entsetzlichen Weißen vor sich erblicken sollte, war

er plötzlich wieder fast wie in den Boden hinein verschwunden.

»Peste!« riefen Jean und François fast zu gleicher Zeit; als Hans

aber rasch dem kleinen Abhang zusprang, zu sehen was aus ihm geworden,

konnte er eben noch die dunkle Gestalt erkennen, wie sie an dem

bröcklichen Gestein, ganz gleichgültig gegen irgend eine Gefahr von

Knochenbrüchen oder sonstigen Quetschungen mehr niederrollte als glitt,

und wie eine Schlange unter den nächsten Büschen verschwand.

»Wenn der Bursche nicht fest überzeugt ist den Teufel gesehen zu

haben,« lachte Jean, »so will ich nie wieder auf Salzwasser fahren.

Der wird eine schöne Geschichte erzählen, wenn er zu Haus kommt.«

»Der muß noch keine Ahnung von uns gehabt haben,« meinte François.

»Es mag wohl selten genug vorkommen,« sagte Hans, »daß Weiße hier

an der Küste landen, denn die Eingebornen hier haben vielleicht einen

noch schlimmeren Ruf als sie verdienen. -- Wir würden auch manchem auf

diese Art begegnen, wenn wir länger hier blieben. Aber Jean hat recht

-- auch ich sehe nicht den geringsten Nutzen weiter für uns darin, nur

Schaden; also je rascher wir wieder fortkommen, desto besser, und zu

diesem Zweck nehmen wir ebenso gut den nächsten Weg nach der Küste

zu, wo wir allerdings durch eine längere Strecke Thalland müssen, aber

auch die offene Küste eher erreichen und das Boot anrufen können.« --

Und ohne weiter eine Antwort abzuwarten, wollte er den bezeichneten

Weg vorangehen, als ihn Jean noch einmal am Arm ergriff und gegen den

Hügel, an dem sie standen, hinüberdeutend, ausrief:

»Aber sieht das hier nicht so aus wie bewohnter Boden? -- die

freie, scharf vom Wald begränzte Fläche, die baumstumpfähnlichen

Ameisenhügel, jene fast regelmäßig eingeschnittene Hecke. -- Ich

glaube wahrhaftig hier ist einmal Feld gewesen.«

»Ein =Schlachtfeld= vielleicht feindlicher Stämme,« erwiderte Hans

kopfschüttelnd, »sonst wahrlich kein anderes. -- Nein Camerad, all

diese weiten ungeheueren Strecken des nördlichen Australiens liegen

noch wild und unberührt, ein oder zwei kleine Forts weiter westlich hin

ausgenommen -- und werden auch wohl so lange so liegen bleiben, bis es

hier auf unserer guten Erde recht an Platz zu fehlen anfängt, oder

-- die Leute sich mit Salzwasser anstatt frischen Quellen zu begnügen

lernen. -- Aber fort -- da gerade vor uns tönt schon wieder ein Ku-ih

der Eingebornen, es wird Zeit daß wir nach unten gehen, denn die Sonne

sinkt mehr und mehr, und -- ich weiß nicht, ich fühle mich Bills wegen

beunruhigt. Dort hinüber kann ich auch nicht einmal das Boot sehen, und

das müßte doch eigentlich von hier aus gut zu erkennen sein.«

»Es wird hinter der kleinen Insel liegen,« meinte François -- »die

steigt so mit der Ebbe höher und höher hinauf. -- Mir scheint, wir

haben jetzt niedrig Wasser. Wetter noch einmal, wie lange wir schon hier

herumgeklettert sind.«

Hans warf noch einen langen forschenden Blick über den ruhigen Spiegel

dieser weiten, mit Inseln und Klippen überstreuten Binnensee, und stieg

dann ohne Weiteres nach unten, ihren Weg gegen die Küste hin zu suchen.

Das war aber nicht so leicht ausgeführt, als sie im Anfang geglaubt

haben mochten. Gerade dem Strande zu breitete sich ein so entsetzliches

Dickicht von jenen Theebaumdickichten mit durcheinander gestürzten

Cycas und Banksias und Pandanus aus, daß sie mit ihren Packen oft

Viertelstunden lang gebrauchten, sich nur eine kleine Strecke weit

fortzuarbeiten, und die zähen Stämme nie brechen, sondern höchstens

nur aus dem Weg biegen konnten.

Hans hatte gleich von Anfang an vorgeschlagen wieder umzukehren,

und lieber den Weg zurückzumachen den sie gekommen waren. Jean und

François wollten aber den mühseligen Pfad nicht zurück, da dem

letzteren besonders die Füße wie Feuer brannten. Während sie deshalb

mit jedem Schritt hofften den helleren Waldstreifen zu erreichen, hinter

dem endlich der offene Strand sichtbar werden mußte, arbeiteten sie

sich tiefer und tiefer in das Dickicht hinein. Zuletzt fehlte ihnen

sogar die Richtung, und sie fanden bald daß sie viel weiter in den

Thalgrund hineingerathen sein mußten als sie im Anfang beabsichtigt

hatten.

Dabei rückte der Abend mehr und mehr vor, und Hans blieb endlich

stehen, da ihm die Vegetation um sich her vorkam, als ob sie sich

eher wieder den Hügeln als dem Strande der See näherten. --

Die verschiedenartigen Gumbäume, Eisenrinde, Melaleuca, Gum und

Stringybark, mit Acacien und Cypressen zeigten sich, und von dem

Mangrovesumpf, den sie kreuzen mußten ehe sie den Strand erreichten,

war noch nicht die Spur zu sehen.

»Hier dürfen wir nicht mehr weiter,« sagte er endlich, »denn ich

fürchte wir haben uns schon seit etwa zwei Stunden die größte Mühe

gegeben, von unserem Boote fortzukommen, anstatt darauf zuzugehen -- wo

ist jetzt die See -- wo sind die Hügel? --«

»Ja, wenn mich Einer auf den Kopf stellte,« lachte Jean, »ich

könnt's nicht sagen; Wetter noch einmal, ich weiß nicht einmal wo Nord

und Süden ist, so lange ich die Sonne nicht sehen kann.«

»Norden ist dort,« sagte Hans, »und Süden hier, aber ich fürchte

wir sind zu weit in das Thal des Flusses selber hinein gerathen, und da

wird uns die Himmelsrichtung insofern irre geführt haben, als sich die

breiteste Strecke Sumpfland gerade hier nach Norden hinaufzog; unsere

einzige Wahl bleibt jetzt nur geradezu nach Osten hinüberzuarbeiten,

und dann unserem guten Glück zu vertrauen, wohin wir kommen, und wo wir

zuerst frei von diesem Chaos von Zweigen und Stämmen werden.«

Neunzehntes Capitel.

Das Bivouak.

Die beiden Franzosen, so schon durch das ungewohnte Gehen und Klettern,

ermüdet und abgemattet waren durch das Hindurcharbeiten durch

Dornen und Schlingpflanzen und niedergebrochenes trockenes Holz oder

verwachsene Büsche so erschöpft worden, daß sie kaum mehr ihre

Glieder regen konnten. Das Bewußtsein sich verirrt zu haben, oder

wenigstens nicht mehr genau zu wissen wo man sei -- jedenfalls ein

geringerer Grad desselben -- schien dabei nicht geeignet sie heiterer

zu stimmen. Der Wasservorrath den sie mitgenommen, war ebenfalls schon

aufgezehrt, die Zunge klebte ihnen fortwährend am Gaumen, und das in

den Flaschen warm gewordene Getränk löschte nicht einmal mehr ihren

Durst.

Hans wußte zu gleicher Zeit recht gut, daß ein Berathschlagen mit

den beiden doch weiter nichts gefruchtet hätte. Ruhig deshalb die Bahn

verfolgend, die er für die richtige ansah, hielt er sich jetzt am Ufer

einer schmalen Salzwasser-Lagune, die nach Nordosten zulief, und in

ihrem inneren Bett etwas offenere Vegetation zeigte, und suchte dabei so

rasch als möglich vorwärts zu dringen. Aber es half ihm alles nichts,

die Nacht brach an, ehe sie auch nur einen anderen, der See näher

scheinenden Ort erreicht hatten, und es blieb ihnen jetzt nichts weiter

übrig als da, wo sie sich gerade befanden, ein Lager aufzuschlagen und

den dämmernden Tag zu erwarten.

Jean wollte nun freilich auch noch die Nacht benützen, den Strand

doch am Ende zu erreichen, da, wie er gehört hatte, die Eingebornen in

dunkler Nacht nie gern ihren Lagerplatz verließen. Hans weigerte sich

aber entschieden aufs geradewohl noch weiter, besonders im Dunkeln

durch die Büsche zu kriechen, und warf nicht mit Unrecht ein, daß sie

möglicherweise dadurch immer weiter vom Boote abkämen. Dagegen konnten

sie in der Nacht wenn alles ruhig geworden war und besonders der Lärm

der wilden Tauben hier im Unterholz aufgehört hatte, ihre Gewehre

abschießen und Antwort vom Boot aus bekommen, wonach sie dann die

genaue Richtung wußten, in der dasselbe lag.

Diesem fügten sich François und Jean endlich ebenfalls, und bald

loderte mitten in einem Pandanusdickicht ein lustiges Feuer auf, um das

sie ihre Gewehre jedoch immer schußfertig neben sich lagerten, und von

ihren Provisionen ein reichliches Mahl hielten. Der mitgenommene Wein

kam ihnen jetzt sehr zu statten, denn sie hatten kein Wasser finden

können, und erst nachdem alles still und ruhig um sie her geworden,

und nur noch hie und da das Zirpen einer Grille oder das wunderliche

Geräusch eines einzelnen »fliegenden Fuchses« die Ruhe der Nacht

unterbrach, nahm Hans sein Gewehr, um es nach der Richtung zu, nach der

er das Boot vermuthete, abzufeuern.

In dem Augenblick tönte schwach, aber nichtsdestoweniger deutlich,

der Schall eines Schusses zu ihnen herüber, und als sie sämmtlich

von ihren Sitzen emporfuhren und horchten, hörten sie unverkennbar das

zweite Signal.

»Das ist gescheut!« sagte François, während er den Hahn seines

eigenen Gewehres spannte -- »nun wollen wir« --

»Halt!« unterbrach ihn aber Hans, indem er die Hand auf das Gewehr

des Franzosen legte, »Bill erspart uns die Nothwendigkeit, der ganzen

Nachbarschaft anzugeben wo wir uns gegenwärtig befinden, und es wäre

mehr als thöricht, das jetzt leichtsinnig zu mißbrauchen.«

»Aber sie werden im Boote glauben wir hätten es nicht gehört,« sagte

Jean.

»Desto besser,« erwiderte Hans, »dann schießen sie noch einmal, und

die Schwarzen hier herum erfahren um so deutlicher, daß auf dem Wasser

noch andere Weiße sind, die sich um ihre Landsleute bekümmern.«

Das Zeichen wurde deshalb nicht erwidert, die regelmäßige Wache aber

mit jeder nur möglichen Vorsicht gestellt. Hans selber übernahm die

Morgenwache, weil diese von den wilden Stämmen fast stets zur Zeit

ihrer Angriffe gewählt wird, wenn sie überhaupt etwas Bösartiges

und Feindliches im Sinne haben. Die Nacht verging aber, wirklich wider

Erwarten, vollkommen ruhig. -- Sie hörten das Ku-ih der Wilden

wohl nach verschiedenen Richtungen hin in den Büschen, aber Niemand

belästigte sie, und mit dem ersten Dämmerschein des jungen Morgens

hatte Hans schon seine beiden Cameraden geweckt und munter, jedes

Angriffs gewärtig.

Eine halbe Stunde hatten sie so zusammen gesessen und eben ihr

Frühstück beendet, um mit vollem Tageslicht zum Aufbruch fertig zu

sein. Der Tag war auch nicht mehr fern, denn der östliche Himmel deckte

sich schon mit einem rothglühenden Schein. Da hörten sie plötzlich in

einem kleinen Pandanusdickicht dicht bei, Schritte, und gleich darauf,

die Gewehre im Anschlag und lautlos das Näherkommen des Gegners

erwartend, trat keineswegs ein Feind, sondern niemand weiter als ein

einzelner, nur mit seinem kurzen Speer und dem Wurfholz bewaffneter

Schwarzer aus den nächsten Büschen. Dieser kam aber allem Anschein

nach ganz unbekümmert um die Anwesenheit der Weißen, den Blick nur

auf das Feuer gerichtet, auf sie zu, und stand wirklich schon zwischen

ihnen, dicht vor den glimmenden Kohlen, ehe er nur einmal aufschaute.

Die Wirkung aber war auch fabelhaft.

Einen Blick nur warf er umher. Dann aber, als er entdeckte in wessen

Nachbarschaft, ja in wessen Gewalt er sich befand, vielleicht zur selben

Zeit auch halb seiner Sinne beraubt, in dem einen entsetzlichen Gedanken

dem Devil Devil, oder sonst einem anderen Ungethüm seiner Heimath in

die Hände gerathen zu sein, lief er, wie es eine Katze unter ähnlichen

Umständen gethan haben würde, in fast wunderbarer Schnelle an dem ihm

nächsten Gumbaum empor, wo er in dem höchsten Wipfel desselben, und so

weit wie ihn das Holz nur tragen konnte, regungslos stehen blieb.

Daß dieser Schwarze nichts Böses gegen sie im Schilde geführt, ja

ihre Anwesenheit nicht einmal geahnt, und ihr Feuer für das seines

eigenen Stammes oder seiner Bekannten gehalten, war natürlich, und die

jungen Leute suchten ihn nun durch Zureden, durch Winken und Schwenken

von Büschen zu überzeugen, daß er von ihnen nichts zu fürchten habe,

und ruhig und ungehindert herunterkommen möge. Umsonst -- wie eine aus

schwarzem Marmor gehauene Statue stand er starr und regungslos oben in

dem Baumwipfel. Kein Lärm der unten gemacht werden konnte, schien ihn

zu bewegen auch nur das geringste Lebenszeichen von sich zu geben, und

selbst als Hans jetzt sein Gewehr aufgriff, seine beiden Signalschüsse

abzufeuern und Bill zugleich mit dem Boot zum Strand zu rufen, blieb er

noch in seiner Stellung da oben, als ob er zu dem Baum gehöre, und mit

ihm, als wunderliche Frucht, aus der Erde aufgewachsen sei.

»Hol' den Burschen der Henker,« rief François endlich ungeduldig --

»wir wollen ihm doch zeigen daß wir ebenfalls klettern können, und im

Stande wären ihn herunterzuholen, wenn wir ihn nur haben wollten« und

damit lehnte er sein Gewehr gegen einen umgefallenen Stamm, und fing

an den ihm nächsten Baum hinaufzuklimmen. Er war aber noch nicht seine

eigene Länge vom Boden auf, als der Wilde plötzlich bewies, er sei

weder taub noch stumm. Er schrie und »birrrrte,« ku-ichte und

hallote und machte in der That jede Art von Spectakel, die er da oben

möglicherweise machen konnte, und das alles mit solcher Energie, daß

François erschreckt wieder niederglitt und zu ihm aufschaute.

»Der Bursche wird uns den ganzen Stamm über den Hals ziehen,«

fluchte Jean -- »ich glaube er schreit Beschwörungsformeln von da oben

herunter, daß wir ihn nicht fressen sollen. -- Seht nur wie er spuckt

und prustet. -- Es wird uns nichts übrig bleiben als ihm eine Kugel

durch den Kopf zu schießen. Wer weiß überhaupt, ob er nicht mit zu

den Schuften gehört, die gestern Morgen ihr Bestes versuchten uns

zu ersäufen, und der Spectakel da oben nur die Folgen seines bösen

Gewissens sind.«

»Horch -- das war ein Antwortschuß vom Boot!« rief Hans dagegen. --

»Kommt, laßt dem armen Teufel Raum vom Baum hinunter und ins Freie zu

kommen; er hat Angst genug ausgestanden, und sein Tod könnte uns

wenig nützen. Wir sind sicher nicht weit mehr vom Strand entfernt, und

können ihm das Vergnügen, sich einmal ordentlich auszuschreien, schon

gönnen.«

»Und unter der Zeit brüllt uns der Bursche die ganze Nordküste

zusammen,« fluchte Jean.

»Nun, so laß ihn,« lachte Hans, »sind wir erst auf offenem Strand,

wagt sich keiner der schwarzen Burschen an uns. Hier dagegen, wenn

wir länger blieben, wären wir allerdings leichter einem Angriff

ausgesetzt. Ueberdies wird das Boot jetzt so rasch herankommen, wie es

Bills und Timors Ruder bringen können, und je eher wir das erreichen,

desto besser.«

Damit waren seine beiden Cameraden ebenfalls einverstanden, und ihre

wenigen Sachen zusammenpackend, zogen sie sich vor allen Dingen erst

einmal eine kurze Strecke von dem Baum zurück, auf dem der Schwarze

noch immer schrie und tobte, und jedenfalls die Genugthuung hatte, daß

ihm schon von mehreren Seiten geantwortet wurde. Sie hörten jetzt das

Ku-ih der Eingebornen an verschiedenen Stellen im Wald.

Kaum aber sah der so wunderlich Gefangene die friedliche Bewegung der

vermutheten Feinde, als er seine Schreiübungen einstellte, und

noch hatten ihn diese kaum zwanzig Schritte freigegeben, als er mit

Blitzesschnelle, und gänzlicher Mißachtung aller seiner Gliedmaßen,

an dem Stamm mehr hinunterschoß wie glitt, und zwei Secunden später

auch in dem dichten Gebüsch von Pandanus- und Theebaumgesträuch

spurlos verschwunden war.

Das Ku-ihen der Schwarzen kam indeß näher und näher, und so komisch

auch wohl der Rückzug des eingeschüchterten Wilden war, durften sie

sich doch nicht lange damit aufhalten. Der Richtung also folgend, die

sie sich nach dem Schusse gemerkt, und die allerdings von der gestern

vermutheten um ein Bedeutendes abwich, durchschritten sie rasch ein hier

etwas offenes Terrain von Boxholz und Casuarinen, das seinerseits wieder

von Pandanus, Theebaumsträuchen und Cycas, so wie einzelnen Arten von

Acazien begränzt war, passirten ein altes Lager der Blacks, neben dem

ganze Berge von Muschelschalen lagen, und erreichten, nach einem etwa

halbstündigen Marsch, unangefochten von den Schwarzen, aber oft durch

ihre jetzt ganz nahen Rufe gewarnt, den Mangrovesumpf und mit diesem,

das Ueberklettern über Wurzeln und niedergestürzte Stämme nicht

achtend, den freien offenen Strand von glattem hartgeschlagenem

Korallensand.

»Hurrah!« rief Jean, der mit einem etwas gewagten Satz den letzten

Schlammstreifen überflogen hatte, und zuerst wieder festen sicheren

Boden betrat -- »hurrah -- allen Respect vor der Landpartie -- mir ist

Salzwasser lieber -- aber wo ist das Boot?«

Hans war im nächsten Augenblick an seiner Seite und das leichte

Fernrohr, das er sich umgehangen als sie das Boot verließen, rasch

öffnend und richtend, überflog er zuerst die nächste Nähe der

kleinen Insel, wo sie das Boot vermuthen mußten, und dann den Horizont

mit dem Glas, ohne das Gesuchte zu finden.

François, der erst noch einmal in ein Schlammloch gerathen war, sich

aber wieder herausgearbeitet hatte, stand jetzt ebenfalls an ihrer

Seite, und rief, nachdem er einen flüchtigen Blick über die

Oberfläche des Wassers geworfen und diesen jetzt auf der Insel wenige

Secunden aufmerksam haften ließ --

»Was ist das dort? --«

»Was? -- wo?« -- frugen Jean und Hans rasch und zu gleicher Zeit, und

Hansens Fernrohr haftete auch in demselben Moment, wo er die Richtung

von François ausgestrecktem Arm gewahrte, auf der kleinen schon

mehrfach besprochenen Insel.

»Dort ist Bill!« rief er aber kaum zwei Secunden später, und das Wort

war kaum seinen Lippen entflohen, als der Knall des Gewehres wieder zu

ihnen herüberdrang.

»Er will uns zeigen daß er uns gesehen hat,« rief Jean lachend,

»mich wunderts nur, wo er die Courage hergenommen seine alte Muskete so

oft abzufeuern -- er muß sich schon ordentlich daran gewöhnt haben.«

»Dort geht das Boot,« rief François plötzlich, dessen scharfes Auge

die dunklen Umrisse des kleinen Fahrzeugs in demselben Moment erspähte,

als es hinter der kleinen Insel, die es bis dahin ihren Blicken

entzogen, vorschoß.

»Teufel!« schrie aber auch Hans in diesem Augenblick, mit dem

Fuße stampfend -- »wir sind verloren. -- Es ist in der Gewalt der

Schwarzen.«

»Der Schwarzen?« stöhnten die beiden Franzosen entsetzt -- »das ist

ja nicht möglich.«

»Da seht selber,« erwiderte ihnen Hans tonlos, indem er Jean das Glas

hinüberreichte -- »nun sei uns Gott gnädig in unserer Noth.«

Zwanzigstes Capitel.

Bill's Wacht.

Wir müssen jetzt zu unserer Bootsmannschaft, Bill und Timor

zurückkehren, die wir verlassen hatten als sie wieder vom Lande

abkreuzten, um in sicherer Entfernung das Zeichen ihrer ans Ufer

gegangenen Cameraden zu erwarten.

»Hm!« sagte Bill nach einer langen Weile, in der keiner der beiden

auch nur ein Wort gesprochen -- »eigentlich ärgerts mich, daß ich

nicht mit an Land bin. -- Ist doch ein anderes Leben, als hier ewig

die Knie eingezwängt zu haben zwischen die Bootsdoften, und blaue Luft

über sich, blaues Wasser unter sich zu sehen. So eine acht Tage halt

ichs immer vortrefflich am Ufer aus, nur nachher wirds langweilig, und

ich setze dann allerdings am liebsten wieder Segel -- aber eine Weile

gefällt mir's doch.«

»Tuwan Bill würde sich hier aber sehr wenig unterhalten,« lachte

Timor in seinem gebrochenen Englisch, indem er den eben wieder

zugerichteten Fischhaken über Bord warf und nachschleifen ließ.

-- »Viel Wald hier und viel Busch, und viel böse Wilde -- und viel

Thiere, und viel nichts zu essen und zu trinken.«

»Viel nichts zu trinken, ah?« sagte Bill und verzog den Mund fast zu

einem Lächeln, was aber selten oder nie bei ihm ganz zum Ausbruch kam,

»das wäre freilich bös, Timor, herzlich bös, und ein ordentlicher

Kerl sollt' es bald satt bekommen. -- Aber es wäre doch eine

Veränderung, und man könnte jeden Augenblick wieder an Bord kommen.«

»Wenn man nicht im Wald irre läuft,« setzte Timor hinzu --

»Wasserleute wissen selten viel mit Wald Bescheid -- Wasserleute

steuern bald den, bald den Cours in Busch, wenn sie keinen Compaß haben

-- australische Busch viel schlimm zu laufen.«

»Hm! das wäre ein schöner Spaß,« brummte Bill leise vor sich hin,

»wenn unserer Gesellschaft da drin etwas Aehnliches passirte.

Hätten wir nur wenigstens ein Rakete, so könnten wir die heut' Abend

aufsteigen lassen -- das bliebe jedenfalls das sicherste.«

»Tuwan Bill muß heute nach Dunkelwerden zweimal Gewehr abschießen,«

argumentirte dagegen der kleine Malaye -- »Tuwan Bill ...«

»Will verdammt sein, wenn er das verwünschte Schießeisen wieder in

die Hand nimmt,« unterbrach ihn der Matrose aber rasch und mürrisch --

»ich habe mir =einmal= die Schulter damit ausgerenkt, und der Knochen

sitzt eben nur erst wieder in der Pfanne.«

Der Malaye ließ sich aber nicht so leicht abweisen. Er wollte schon

früher einmal in diesem Theil des Landes, den er =Marega= nannte, und

zwar mit seinen Landsleuten von Timor aus, zum Fischen gewesen sein,

und konnte die Gegend gar nicht traurig und wasserarm genug beschreiben.

Hätten die Wanderer dann auch noch dazu die Richtung verfehlt, so

müßten ihnen ein paar Signalschüsse, nachdem der Wald ruhig geworden,

von unendlichem Nutzen sein, und wenn Bill sich zu schießen fürchtete

-- der schlaue kleine Bursche faßte den alten Matrosen beim Ehrgefühl

-- »so solle er =ihm= nur die Flinte geben -- er wolle sie selber

abfeuern.«

Das konnte Bill doch unmöglich zugeben, und that endlich eine

halbmürrische Zusage, dem Rathe Folge zu leisten -- heißt das mit der

vorsichtigen Clausel: nur wenn sie nicht selber noch vor Dunkelwerden

wieder etwas von den ihrigen gesehen hätten.

Gestern Abend -- und sie hatten den Tag über dicht hinter der kleinen

Insel gelegen, hatte Timor die »Wacht zur Coje,« d. h. konnte schlafen,

während Bill »an Deck« munter bleiben mußte. Als Timor endlich die

Augen wieder aufschlug, denn der kleine Bursche schien ordentlich zu

fühlen, wie ihre beiderseitige Sicherheit mehr von seiner eigenen

Wachsamkeit, als der seines älteren Gefährten abhänge, saß Bill

im Heck vom Boot und nähte, ohne nur einen Blick links oder rechts

hinauszuwerfen, eifrig an einem kleinen viereckigen Säckchen, das er

eben beendet und mit etwas Heu aus einer der Flaschenkisten gestopft

hatte. Er war gerade damit fertig, und jetzt dabei, eine Strippe daran

zu befestigen. Timor, nachdem er im Boot aufgestiegen und sich rings

umgeschaut hatte, sah ihm eine Weile neugierig zu und sagte endlich,

ganz verwundert der sonderbaren Verrichtung zuschauend:

»Aber Tuwan Bill, was das? -- macht kleine Polster für Boot? -- hier

nicht Felsen und nicht neue Schiff.«

»Für Boot?« knurrte aber Bill zwischen den Zähnen durch, indem er

seiner Hände Werk wohlgefällig betrachtete, und auf dem Knie vorn

eindrückte und weich machte, »Boot soll verdammt sein; nein, meine

eigenen Schultern will ich mir nicht schamfielen[7]. Wenn ich denn doch

einmal die blutige Donnerbüchse wieder abbrennen soll, hab' ich mir

hier das Kissen gemacht, zum Unterlegen. Aber was giebt's nun wieder? --

heh? was hast du zu gucken, Braunfisch. -- Sind die schwarzen Canaillen

wieder im Ansegeln?«

»Was der weiße Punkt da, Tuwan Bill?« sagte aber Timor, der auf

eine der Doften gesprungen war, und sich so viel als möglich auf

die Fußspitzen hebend, nach Osten, wo die »Barrier Riffe« lagen,

hinüberzeigte -- »da drüben, da weiter links -- gerade über die

kleine Sandbank dort.«

»Hm, das sieht wahrhaftig wie ein Segel aus,« sagte Bill nach einer

Weile, in der er sich bemüht hatte den von dem schärferen Auge des

Knaben bezeichneten Punkt zu finden -- »aber ausmachen kann ich's doch

noch nicht recht. Es kann auch ein Wasservogel oder ein weißes Riff,

oder Gott weiß was sonst, in diesem verwünschten Fahrwasser sein, wo

ein ordentlicher Seemann eigentlich gar nichts drin zu verlieren haben

sollte. Wo sonst eine Klippe oder Sandbank in der Karte angegeben ist,

giebt man ihr gewöhnlich fünf bis sechs und mehr Meilen Seeraum und

ist froh wenn man sie gar nicht, oder doch nur wenigstens von den Marsen

aus zu sehen kriegt, und hier jagt man mit dem Schiff gerade mitten

hinein, als ob man im Nothfall auch ein paar Räder oder Kufen drunter

schrauben, und damit über alle möglichen Steine und Korallen und

Sandbänke wegfahren könnte. Nun meinetwegen,« setzte er hinzu,

während er wieder von der Bank herunterstieg und seinen vorigen

Platz einnahm, »laß es auch ein Segel sein; desto früher kommen wir

vielleicht von hier fort.

Weit kann es heute Abend nicht mehr gehen, ehe es Anker werfen muß, und

dann wirds morgen Nachmittag etwa gerade in Zeit hier eintreffen, unsere

ganze Gesellschaft wieder bei einander zu finden.«

Timor hätte sich nun freilich gern noch besser von der Identität des

Segels überzeugt, aber mit dem sinkenden Abend legte sich ein

leichter Dunst über die Oberfläche des Wassers, der die entfernteren

Gegenstände bald umhüllte, und jede weitere Beobachtung unmöglich

machte. Der Nebel zwang sie aber auch zu noch weit größerer Vorsicht

und Aufmerksamkeit, denn unter seinem Schutz, wenn er nur etwas dichter

wurde, hätten sich ihnen selbst Canoes nähern können, wie viel mehr

denn einzelne Wilde mit ihren so einfachen, und doch so gefährlichen

Waffen.

Timor drang auch deshalb darauf, daß sie von der Insel ablegten, und

weiter draußen Anker würfen. Bill sah auch endlich selber ein daß das

nöthig sein würde, wollte sich aber später, als er nach Dunkelwerden

die beiden Signalschüsse, und zwar diesmal ohne schlimme Folgen

abgefeuert hatte, unter keiner Bedingung dazu verstehen den Ankerplatz

noch einmal zu verändern, um etwa lauernde Schwarze irre zu führen.

Der Nebel legte sich nämlich gleich nach Dunkelwerden in dicken

Schwaden auf das Wasser, und Bill hielt es für unnöthig, sich Mühe

und Arbeit zu machen, wo bei solchem Wetter selbst ein Indianer sein

kleines, vor einem leichten Wurfanker liegendes Boot nicht hätte finden

können.

Um Mitternacht erhob sich übrigens eine leichte östliche Brise, und

trieb die Schwaden nach Westen und Nordwesten hinüber. Die Sterne

leuchteten hell und klar von dem dunkelblauen Firmament hernieder, und

die See funkelte und blitzte in der leisen Bewegung ihren Glanz tausend

und tausendfach wieder.

Bill war ganz damit einverstanden die erste Wacht von sechs bis zwölf

zu nehmen, und die zweite dem Malayen zu überlassen. Dieser streckte

sich denn auch ziemlich sicher, daß sie um diese Zeit wenig von einem

Angriff zu fürchten hätten, in seiner wollenen Decke im Bug des

kleinen Fahrzeugs aus, und war bald sanft und süß eingeschlafen.

Bill indeß, in dem doppelten Genuß einer guten Pfeife Tabak und eines

vorzüglichen Glases Portwein, welchen beiden er ohne den mindesten

Rückhalt zusprach, theilte seine Aufmerksamkeit gewissenhaft zwischen

diesen und dem dann und wann über das Wasser tönenden Geräusch von

Fischen oder Seevögeln.

Er war jedoch weit davon entfernt der Flasche mehr zuzusprechen als er

vertragen konnte, denn er wußte recht gut von welchen Gefahren sie,

wenn auch nicht wirklich umgeben, doch jedenfalls erreicht werden

konnten, und wie nöthig es in einer solchen Lage sei seine Sinne

vollständig beisammen zu haben.

Ein paarmal aber nur wurde er wirklich beunruhigt, indem ein

wunderliches Gurren und Schnalzen, wahrscheinlich von auf dem Wasser

schlafenden oder träumenden Seevögeln seine Lebensgeister zu voller

Thätigkeit weckte und anspannte. Einmal stand er sogar im Begriff Timor

zu wecken, denn die Laute kamen weit näher als ihm lieb war, und doch

konnte er nicht das mindeste über dem Wasser erkennen. Mit einem derben

und ziemlich lauten Fluche sich Luft machend, nahm er sein Gewehr auf

die Knie, dem ersten sich zeigenden und verdächtigen Gegenstand erst

vor allen Dingen einmal eins aufzubrennen. Von dem Moment an war aber

wieder alles ruhig, und selbst die Töne ließen sich nur erst später

in einiger Entfernung zum zweitenmal hören.

So kam Mitternacht heran. Der Nebel zog sich fort und Timor, dem Bill

von den wunderlichen Lauten um das Boot her, erzählt hatte, legte

sich vergebens flach in das Boot, und nur mit dem Kopf über den Rand

desselben auf die Lauer, irgend weiter etwas Verdächtiges zu erspähen.

Bis gegen Morgen blieb alles ruhig, und nur ein einzigesmal glaubte er

in der Richtung nach der kleinen Insel zu, neben der sie den Tag über

gelegen, etwas zu hören, das nicht, weder von einem Bewohner der Tiefe

noch der Luft herzurühren schien. Es kam dem von Bill erwähnten Laut

nah, klang aber anders als er beschrieben worden, und schien von zwei

verschiedenen Seiten beantwortet zu werden.

Timor lauschte den Tönen auf das aufmerksamste, bis er den vollen Klang

derselben begriffen hatte, und ahmte jetzt denselben erst leise, dann

laut und zuversichtlich nach. In demselben Moment schon hatte er auch

die Genugthuung sich beantwortet zu hören, und zehn Minuten später

etwa glaubte er in dem bewegten und sternblitzenden Wasser etwas

heranschwimmen zu sehen. Was es aber auch gewesen, es verschwand

in Sicht von dem Boot, und ein gleich darauf ganz in der Nähe des

vermutheten Gegenstands aufsteigender großer dunkler Seevogel, der mit

flappenden Schwingen über die Oberfläche der See eine Strecke lang

schwerfällig hinflog, bis seine Flügel die Luft ordentlich faßten

und ihn nach oben trugen, beruhigte ihn über die Ursache der gehörten,

scheinbar verdächtigen Laute.

Nichtsdestoweniger wußte er, selbst ein Kind des Waldes, viel zu gut,

wie nöthig in der Nähe feindlicher Stämme stete und unausgesetzte

Wachsamkeit sei, und verwandte, während der Stunden seiner Wacht kein

Auge von dem nur leise durch die leichte Brise bewegten Wasserspiegel.

Im Osten dämmerte endlich der Tag. Dem kleinen Burschen hatte aber

lange keine Nacht so wirklich endlos geschienen, und um gerade in dieser

gefährlichsten Stunde keine Vorsicht zu versäumen, weckte er jetzt

auch noch seinen Cameraden. Der Seemann war rasch munter gebracht; aber

mehr Mühe kostete es, Bill zu bewegen die beiden Signalschüsse zu

geben. Er entschloß sich auch erst dazu, als dieselben wirklich vom

Lande her abgefeuert waren, und er die Antwort nicht schuldig bleiben

durfte. Dies Signal sollte ihnen den doppelten Vortheil gewähren, den

Freunden die genaue Richtung in der das Boot lag anzuzeigen, als auch

ihren Feinden zu verstehen zu geben, wie sie gerüstet wären und gute

Wache hielten.

Den ersten Schuß that Bill auch, bekam aber, da er im Dunklen am

vorigen Abend geladen, und wahrscheinlich zu viel Pulver genommen hatte,

trotz des »Schamfiel-Kissens« wieder einen so fürchterlichen Stoß,

daß er durch keine Ueberredung von Seiten Timors bewogen werden konnte,

seinen rechten Schulterknochen noch einmal in Gefahr zu bringen. Ja er

wollte im Anfang nicht einmal wieder laden, und verstand sich erst nach

langer Weigerung dazu, dem so gefährlichen Rohr noch eine »Hand voll

Pulver« anzuvertrauen.

Mit der aufgehenden Sonne, die den Meeresspiegel um sie her rings

beleuchtete und nicht das geringste Verdächtige erkennen ließ, schien

aber auch die Gefahr eines Angriffs, für jetzt wenigstens, vollkommen

verschwunden, und Bill beschloß seinen Anker zu lichten und nach

der kleinen Insel, von der sie nur eine kurze Strecke entfernt waren,

zurückzukehren. Dort gedachte er zum Frühstück einige Fische zu

braten, die Timor in der Nacht auf seiner Wacht gefangen hatte.

Der Anker war rasch gehoben, und da sie am vorigen Abend absichtlich

nach windwärts aufgegangen waren, brauchten sie fast nur mit der

Strömung wieder niederzutreiben, um die Insel gerade anzulaufen. Um

vier Uhr Morgens etwa war es vollkommen windstill geworden -- kein Hauch

hatte gegen Morgen die spiegelglatte Fläche dieses »Binnensees im

Ocean« bewegt, und erst jetzt hob sich wieder eine leichte Brise,

und schien zu wachsen, je höher die Sonne über die Meeresfläche

emporstieg.

»Was nur aus dem Segel von gestern geworden sein mag,« sagte Timor

jetzt, der sich vergebens Mühe gegeben hatte den weißen Punkt von

gestern Abend zwischen den verschiedenen, dort umhergestreuten Inseln

wieder herauszufinden. -- »Sie müssen doch jetzt bei der Brise schon

wieder Segel gesetzt haben.«

»Segel können sie immer gesetzt haben,« meinte Bill, »ob wir sie

aber jetzt gerade sehen können, ist die Frage, denn sie scheinen heute

Morgen nicht so hell als gestern Abend. Gestern leuchtete nämlich die

Sonne im Westen gerade gegen die helle Leinwand, während sie heute

=dahinter= aufgeht, und wir dadurch nur die Schattenseite zu sehen

bekommen. -- Aber geh nach vorn, Timor,« setzte er dann hinzu, »nimm

das Segel wieder nieder und steh bei dem Tau, daß du gleich an Land

springen kannst. Wir wollen keine Zeit verlieren, damit wir unser

Frühstück wenigstens verzehrt haben, ehe uns Hans und Jean vom Ufer

aus das Zeichen geben.«

»Tuwan Bill,« sagte aber Timor jetzt, der jedoch den ersten Befehl,

das Segel niederzulassen, rasch befolgt hatte -- »ich weiß nicht ob

gut ist, so rasch auf Insel zu treiben -- viel dichtes Buschwerk auf

kleinen Inseln. Lieber erst einmal hineinschießen mit Gewehr -- ist

besser.«

»Was du immer so verdammt rasch mit deinem Gewehrschießen bei der

Hand, bist, du verwetterter kleiner brauner Hallunke,« fluchte aber

Bill, »wenn du =deine= Schulter dagegen halten solltest, würdest du

das Mittel sparsamer verschreiben, denk' ich. -- Wer ist nun wieder

todt, daß ich schon wieder Pulver verplatzen soll?«

»Todt?« frug der kleine Bursche verwundert, der die Redweise des

Matrosen noch nicht so recht verstand. -- »Niemand todt, glaub' ich,

aber vielleicht Lebendige da drin, und ist besser ein Bißchen Feuer

hineinmachen.«

»Darin hast du recht,« lachte aber jetzt Bill -- »Feuer wollen wir

auch hineinmachen, und das so rasch als möglich, aber nicht um mir die

Glieder auseinanderzuschlagen, sondern unsere Fische zu braten. -- Und

so mach daß wir hinankommen; was hast du in einen fort zu gucken und

dir den Hals halb auszurenken? -- Wenn die schwarzen Schufte da

drin stäken, würden sie sich auch ein Feuer anmachen und ihre paar

Lebensmittel kochen oder braten, gerade wie andere Christenmenschen. --

Leben wollen wir alle, und sein Frühstück versäumt niemand gern --

ich am allerwenigsten.«

Timor lachte bei dem Gedanken leise vor sich hin, daß im Hinterhalt

liegende Eingeborne ein Feuer anmachen sollten, ihr Frühstück zu

braten. Aber der kleine Bursche hatte auch dabei eine unbestimmte

Ahnung, welchen Gefahren sie ausgesetzt sein konnten. Während sie also

jetzt von der Strömung gerade auf die kleine Insel zugetrieben wurden,

die mit der wachsenden Fluth noch kaum etwa 20 bis 25 Fuß aus dem

Wasser lag, stand er vorn auf der niederen Back oder dem Vorboot, und

betrachtete aufmerksam und mißtrauisch das dichte Gebüsch, das von der

Fluth hier auf der obersten Kuppe zusammengedrängt schien, und aus

dem nur drei oder vier kleine Stämme mit knorrigen Aesten dürftig

hervorragten.

Fast dicht an die nächste Korallenbank, die sich rings um den schmalen

Erdhügel hinzog, hinangekomnen, stieg Bill ebenfalls auf eine der

Doften oder Bänke. Von hier aus einen Blick über den Horizont werfend,

was die Matrosen aus alter Gewohnheit selten oder nie unterlassen wenn

sie nach oben gehen, oder auch nur einen etwas höheren Punkt besteigen,

haftete sein Auge plötzlich auf einer gar nicht weit entfernten

anderen, etwas längeren und höher bewachsenen Insel, die nach Osten

zu lag und, wie es von hier aus schien, theilweis von einer breiten

Sandbank umschlossen war.

»Hallo, Timor,« rief er dabei -- »ich glaube wahrhaftig gleich hinter

den Büschen dort liegt das Fahrzeug, das wir gestern Abend gesehen

haben -- mir war's wenigstens als ob der weiße Fleck da, der auch

jetzt noch wie ein Segel aussieht, eben aufgezogen wurde als ich darnach

hinsah. -- Die müssen die halbe Nacht gefahren sein.«

Timor folgte der angewiesenen Richtung mit den Augen, und glaubte auch

einen weißen Schein hinter den Büschen zu erkennen, stand aber zu

niedrig oder war zu klein es genau unterscheiden zu können, und hatte

auch in der That seine Aufmerksamkeit viel zu sehr der Insel vor ihnen

zugewandt, um sich mehr, als ein flüchtiger Blick erforderte, mit dem

Segel zu beschäftigen. Das lag jedenfalls noch eine Strecke hinter

ihnen, und mußte seiner Zeit schon von selber sichtbar werden.

Bill dagegen interessirte sich weit mehr für das fremde Fahrzeug, wenn

es wirklich ein solches und nicht vielleicht ein Streifen Sand war, der

so hell da herüber blinkte. Wies es sich jedoch wirklich als ein Segel

aus, so mußten sie vor allen Dingen darauf zufahren, und es zu bewegen

suchen daß es beilege, bis seine drei Schiffscameraden abgeholt

werden konnten. Der Gedanke an ihre hier mögliche und baldige Rettung

beschäftigte ihn dabei so, daß er darüber wirklich sogar sein

Frühstück vergaß. Nur in aller Geschwindigkeit schob er sich rasch

ein frisches Priemchen Kautaback in den Mund, und seinen Hut dann in die

Stirn drückend nahm er den einen Riemen auf; legte ihn hinten ein und

begann das Boot nach der Insel zuzuwricken.[8]

»Von da oben aus muß man sehen können ob es ein Segel ist oder nicht,

Timmy,« sprach er dabei vergnügt zu dem jungen Malayen, dem aber das

zuversichtliche Benehmen des älteren Gefährten gar nicht so besonders

zu gefallen schien -- »der Erdhaufen da liegt wenigstens drei oder vier

Faden höher wie das Wasser, und ist es wirklich ein Schiff, oder ein

Schooner wenigstens, denn nur ein klein Ding von einem Fahrzeug dürfte

wagen hier in den Klippen und Untiefen die Nacht zu fahren, so segeln

wir hinüber und belegen uns Plätze nach irgend einem christlichen

Seehafen. _Stand by old Fellow_. Komm Timmy, spring hinaus und mach das

Boot fest.«

»Timmy,« wie ihn Bill zutraulich nannte, sprang aber nicht hinaus,

sondern schaute nur ängstlich und kopfschüttelnd nach den dichten

Büschen hinauf, die jetzt fast über ihn herüber hingen. -- Hatten

sich hier in der That Schwarze in den Hinterhalt gelegt -- und eine Art

Instinct warnte ihn vor den Feinden -- so befanden sie sich in einer

fast mehr als nur gefährlichen, in einer wirklich verzweifelten Lage.

Ein großes Messer aufgreifend, das er schon lange neben sich gelegt

hatte, schien er auch wirklich in dem Moment, als der eisenbeschlagene

Bug des Bootes den Korallensand berührte, einen förmlichen Angriff zu

erwarten.

Nicht das Mindeste rührte sich aber zwischen den Büschen, und Bill,

der keine Ahnung von irgend etwas Bedrohlichem hatte, zog den Riemen

ein, ließ ihn mitten im Boote »vor und aft« liegen, und trat über

die Doften weg, an Land zu springen.

»Nehmt die Flinte mit, Tuwan Bill,« bat aber Timor und faßte ihn am

Arm -- »viel besser Flinte; weiß nicht was an anderer Seite ist.«

»Viel besser, Hell,« rief Bill aber ärgerlich, der nun einmal eine

gründliche Aversion gegen das Gewehr gefaßt hatte. »Wenn du mir

noch einmal mit dem verdammten Dings da kommst, werf ich es über Bord,

nachher ist Ruhe. -- Weshalb soll ich denn das alte Eisen überall mit

hinschleppen? -- ich komme ja gleich wieder herunter.«

Er wollte wirklich ohne die Waffe an Land gehen; Timor ließ aber nicht

mit Bitten nach, und Bill griff endlich nach der ihm gereichten Muskete

-- mochte ihm doch selber vielleicht bei den Befürchtungen des Knaben

etwas weniger sicher zu Muthe werden.

»Na meinetwegen,« rief er unwillig »und nur damit du endlich Frieden

hältst, will ich das nichtsnutzige Ding noch einmal zum Vergnügen da

hinauf und nachher wieder herunter schleppen. Nachher läßt du mich

aber damit ungeschoren; so viel sag ich dir.«

Damit sprang er an Land, und sich durch das nächste Gesträuch

drängend, kletterte er so rasch er konnte an dem bröcklichen

Korallgestein empor. Lag ihm doch vor allen Dingen daran, von oben aus

einen freien Ueberblick nach jener Gegend hin zu bekommen, wo er das

Segel vermuthete.

Allerdings warf er zuerst einen flüchtigen Blick über die kleine Insel

selber. Da er hier jedoch nicht das mindeste Verdächtige entdecken

konnte, wandte er sich auch gleich darauf sorglos der Richtung zu, in

der das Segel liegen mußte. Nur wenige Secunden hatte er auch, seine

Augen mit der Hand schützend, dorthin gesehen, als er die Mütze

schwenkte und jubelnd nach Timor hinunter rief:

»Hurrah mein Junge, _sail ho!_ bei Allem was da schwimmt. Gerade hinter

-- Alle Wetter,« unterbrach er sich aber selber und fuhr blitzesschnell

herum, denn dicht vor ihm, wie aus dem Boden heraus, tauchten plötzlich

ein paar schwarze Gestalten auf, und schleuderten ihre Lanzen auf ihn.

Allerdings fuhr er, fast instinktartig mit dem Gewehr nach ihnen nieder,

aber lange vorher ehe er zielen konnte, war er schon wieder mit dem

Finger an den Drücker gekommen, und die Kugel zischte harmlos über die

Köpfe der Feinde hin.

Diesmal hatte ihn aber sein gutes Glück vor einem sonst gewissen

Tode bewahrt. Die Lanzen waren allerdings in der kurzen Entfernung mit

tödtlicher Fertigkeit nach seiner Brust geworfen, trafen aber, die eine

den Kolben der Muskete, an dem sie abglitt, und ihm nur eben den Arm

ritzte, die andere das Stück Kautabak das er in der Brusttasche trug,

und das sie nicht durchbohren konnte. Die schlimmste Wunde in dem ganzen

Kampf erhielt er wieder von dem eigenen Gewehr, das ihn mit dem scharfen

Bügel Haut und Fleisch vom Zeigefinger der rechten Hand abschlug.

In dem Moment fühlte er aber weder den Schmerz des verwundeten Fingers,

noch den Wurf der Lanzen, denn die Feinde, die den Weißen nach

den beiden Lanzenwürfen auf kaum sechs Schritte Entfernung sicher

unschädlich gemacht glaubten, kümmerten sich weiter gar nicht um ihn,

sondern sprangen in wilden Sätzen die steile Uferbank nieder, dem Boote

zu, dieses vor allen Dingen in Sicherheit zu bringen.

Timor fanden sie nun freilich nicht unvorbereitet. Schon bei dem ersten

Ausruf Bills hatte er die vorn im Boot liegende Stange ergriffen, das

Fahrzeug rasch vom Lande abzuschieben, um es flott zu haben, sobald sein

Gefährte zu ihm niederflüchten würde. Daran schien Bill aber noch gar

nicht gedacht zu haben, so hatte ihn der Angriff eines gar nicht mehr

vermutheten Feindes überrascht, und fast seiner ganzen Besinnung

beraubt.

Der kleine Malaye sah da plötzlich vier dunkle Gestalten zu sich

niederspringen, von denen eine schon zum Wurf nach ihm ausholte. Recht

gut begriff er dabei, wie jeder Widerstand von seiner Seite vollkommen

nutzlos und nur für ihn allein verderblich sein müßte. Rasch deshalb

den Bootshaken fallen lassend, warf er sich rückwärts in demselben

Augenblick über Bord, als der kurze spitze Wurfspeer über ihn

wegsauste, mit dem zugleich er unter der Oberfläche verschwand.

Der Anblick brachte den Matrosen wieder zu sich selber. Er sah, wie

der Knabe, den er ermordet glaubte, über Bord stürzte, sah die vier

Schwarzen, denen sich noch ein fünfter anschloß, dem Boot zuspringen,

und mit dem Schrei »=Murder=!« das bei dem Schuß weggeworfene Gewehr

wieder aufgreifend, packte er es am Lauf und flog den Feinden nach.

Aber er kam zu spät. -- Die Wilden hatten beim Hineinspringen in das

kleine schwanke Fahrzeug, dieses schon durch ihr eigenes Gewicht eine

Strecke vorwärts getrieben, und als er das Ufer erreichte, waren sie

schon wenigstens funfzehn Schritt von diesem entfernt. Die in voller

Wuth nach ihnen geschleuderte Muskete fiel dicht vor ihnen in die Fluth,

das aufspritzende Wasser bis selbst ins Boot werfend, und in blinder

aber machtloser Wuth griff der jetzt wüthende Matrose lose Stücke

Korallen auf, sie den Flüchtigen nachzuschleudern.

Er selbst blieb dabei dem Wurf ihrer Speere, falls es ja einem von

ihnen eingefallen wäre, diese nach ihm zu schleudern, vollkommen blos

gegeben. Die Schwarzen hatten aber in diesem Augenblick zu viel mit

ihrem eroberten Boote zu thun, das außer den Bereich seines

vorigen Eigenthümers zu bringen, um sich noch weiter mit diesem zu

beschäftigen. Ohne sich selbst nur nach ihm umzusehen, griffen sie die

Riemen auf, die sie recht gut zu benutzen verstanden, und während drei

mit diesen arbeiteten, setzten die beiden anderen das Segel, das sie

bald in einem Nordcours der Insel entführte.

Einundzwanzigstes Capitel.

Schluß.

Noch war das genommene Boot übrigens kaum dreimal seine eigene Länge

vom Ufer abgeschossen, als die funkelnden Augen des Malayen schon wieder

über der Oberfläche des Wassers emportauchten. -- Wenige Secunden

blieb der Kopf sichtbar, dann verschwand er wieder und gleich darauf

stieg, jetzt aber von einem schmalen Vorsprung der Insel gedeckt, der

kleine Bursche rasch aufs Trockene und glitt, ohne auch nur einen Blick

um sich herzuwerfen, ins Dickicht. Wenigstens vor den Wurflanzen des

Feindes wollte er gesichert sein, sollte sich dieser ja noch nahe genug

befinden, ihn damit zu erreichen. Nur erst als er Bill unten am Ufer

jubeln und hurrah schreien hörte, wagte er seinen Versteck zu verlassen

zu sehen was es plötzlich draußen so ungemein Erfreuliches gäbe.

An das fremde Fahrzeug hatte er im ersten Schreck des Ueberfalls gar

nicht mehr gedacht. Das aber erschien gerade jetzt, im entscheidenden

Moment, und unter vollen Segeln hinter der Insel vor, hinter der es

jedenfalls während der kurzen Morgen-Windstille vor Anker gelegen.

Es war ein kleiner Schooner, von vielleicht 90 bis 95 Tonnen mit langen,

weit nach vorn gesetzten keck aussehenden Masten, aber lichtbraun

angestrichen mit kleinen gemalten Kanonenluken, wie ein

Kauffahrteischiff, und alten, ziemlich abgenutzten Segeln.

Im Anfang und selbst nach dem Schuß, den er jedenfalls gehört haben

mußte, behielt er noch seinen Westcours bei. Bills Auge aber, das sich

in allem auf die See Beziehenden nur selten täuschte, obgleich niemand

leichter als er auf festem Lande irre zu führen war, erkannte schon

einen nach oben gesandten Mann in den Wanten. Als dann auch noch gleich

darauf der scharf geschnittene Bug des kleinen Fahrzeugs etwas mehr

gegen sie und das flüchtige Boot anluvte, da stieß Bill seinen

Triumphschrei aus, denn er wußte jetzt nicht allein daß sie gesehen

waren, sondern daß auch der Schooner wahrscheinlich das Boot mit den

Eingebornen anhalten würde.

Eine gute Weile blieb aber der Erfolg dieser Jagd ziemlich zweifelhaft,

denn die Schwarzen, die selbst mit ihren einfachen, nicht selten mit

doppelten Lee- und Luv-Bäumen versehenen Canoes vortrefflich umzugehen

wissen, hatten sich gar bald in die Führung des Segels hineingefunden,

dessen größere Nützlichkeit sie leicht vor ihren gewöhnlichen

Matten-Segeln erkennen lernten. Außerdem lag, wenn auch das fremde

Fahrzeug rasch näher kam, nördlich vor ihnen, und gar nicht weit

entfernt, eine breite Kette von Sandbänken und Korallenfelsen, und

konnten sie diese glücklich erreichen, war es dem Schooner jedenfalls

unmöglich ihnen zu folgen.

Dieser aber, der jetzt ihre Absicht erkannte und die für ihn

gefährliche Strecke schon übersehen konnte, versuchte sein Letztes,

dicht an dem südlichen Rande dieses Klippen-Archipels niederzulaufen.

Zu dem Zweck wieder etwas mehr von der frischen Südostbrise abfallend,

hielt er scharf gegen die Einfahrt auf, welcher das Boot zuzustreben

schien, und ein tüchtiger Renner, glaubte er den Wilden schon jede

Möglichkeit, zu entkommen, abgeschnitten zu haben. Da entdeckten die

vorn auf der Vor-Marsraae stationirten Wachen des kleinen Fahrzeugs

einen schmalen, aber gefährlich lichten Streifen hellgrünen Wassers,

der sich quer vor ihnen nach Süden niederzog, und den sie vielleicht

hoch genug gingen, um ihn zu passiren, auf dem sie aber auch ihr

wackeres Seeboot, wenn sie irgend eine heimtückisch verborgene Klippe

berühren sollten, leicht total verlieren konnten. Mit dem rasch

gegebenen und im Moment befolgten Befehl flog das behende Fahrzeug dem

Wind in die Zähne herum, und während alle Segel back lagen, und das

eroberte Boot der Einfahrt zuschoß, stießen die Schwarzen ein wildes

gellendes Freuden- und Siegesgeschrei aus.

Ihr Triumph sollte nicht lange dauern.

Vom Deck des Schooners hob sich ein leichter Rauch; und während

der dumpfe Schall eines Schusses über die weite Meeresfläche

dahindröhnte, schlug der Mast des geraubten Bootes nach Lee über. Mit

ihm stürzte zugleich Einer der Wilden mit gähem Aufschrei über Bord.

Die Schwarzen erwarteten aber keinen zweiten Schuß -- Hals über Kopf

warfen sie sich, wie nur der erste starre Schreck vorüber war, in

die Fluth, und das Boot, durch dessen Backbordbug die Kugel

hindurchgeschlagen war, füllte sich langsam und sank. -- Zwei Minuten

später sah man hie und da einen schwarzen Kopf auftauchen und den

nächsten Klippen zuschwimmen, dann verschwanden auch diese zwischen

den einzelnen Riffen, und einzelne, auf der Fluth treibende Kisten und

Fäßchen zeigten nur die Stelle an, wo das Boot vor kurzen Minuten

zerschmettert gesunken war.

Die Raaen des Schooners waren indessen, und selbst noch während der

Katastrophe, herumgebraßt, und an der gefährlichen Klippenzunge

niederlaufend kam er in Lee von der Insel, auf der Bill jetzt alle

nur möglichen Anstalten getroffen hatte, nicht unbeachtet sitzen zu

bleiben. Sein Hemd wehte an einem Busch, und Timor hatte müssen

rasch ein Feuer anmachen, denn Bill führte noch glücklicherweise das

Feuerzeug bei sich, zu dessen friedlicher Benützung er besonders an

Land gestiegen war. Der Rauch stieg in dicken Schwaden in die blauklare

Luft empor, während Bill selber noch außerdem auf der weißen,

jetzt allerdings von der Fluth sehr eingeschränkten Uferbank auf und

absprang, und schrie, und seine Jacke um den Kopf schwenkte.

Er würde sich ruhig hingesetzt und das Nahen des Schooners erwartet

haben, hätte er die Späße hören können, die an Bord desselben auf

seine Unkosten gemacht wurden.

Die Gefahren der Schiffbrüchigen sollten aber hiermit ihr Ende erreicht

haben. Etwa eine halbe Stunde später sank die kleine Jölle vom Bord

des Schooners nieder und schoß, von zwei Matrosen gerudert und von

dem »Mate« gesteuert, gegen die Insel zu, Bill und Timor an Bord zu

nehmen. Die auf dem Festland zurückgelassene Mannschaft hatte indessen

auch wieder mehrere Schüsse abgefeuert, das Boot ging gleich von der

Insel zu ihnen hinüber, und zwei Stunden später hatte der »Shooting

Star« (die Sternschnuppe), wie der kleine Schooner hieß, die bootlos

gewordene Mannschaft des »Boreas« sicher an Bord, braßte seine Raaen

auf, und glitt vor einer herrlichen Brise gen Osten, dem Indischen Meere

zu.

Leipzig,

Druck von Giesecke & Devrient.

Aus dem Matrosenleben · 第 5 / 8 题