und solcher See ein Segel anzuschlagen, das schon durch sein ungeheures
Gewicht ein stetes Hinderniß bietet. In offener See wäre es auch
sicher unterblieben. Hier aber lag ihre einzige Rettung darin von der
Küste oder den Riffen vielmehr, die sich hier gefährlicher als an
irgend einer Küste hinauf erstreckten, wieder abzukommen, und die
Marssegel sind durch ihre Größe wie ihren Platz bei solchem Absegeln
gerade die wichtigsten von allen. Ob die Stengen und Masten hielten,
mußte sich jetzt zeigen. Aber halten oder nicht -- brachten sie nicht
mehr Segel auf, so saßen sie in einer Stunde zwischen den Klippen.
Die Luke war geöffnet, und die Männer arbeiteten daran das schwere
Segel auf Deck zu heben, während der Capitän unruhig vorgebeugt nach
der Brandung horchte, und in der mehr und mehr lichtenden Dämmerung
den weißen Schaumstreifen, der jetzt sichtbar sein mußte, zu erkennen
suchte. Einer der Leute war nach oben geschickt, eine Talje an eine
der Pardunen zu schlagen, um das Segel nachher gleich in die Marsen
hinaufheben zu können. Zuerst mußte es aber erst auf Deck vollkommen
dicht gereeft, und so fest zusammengeschnürt werden, daß oben der
Wind, ehe es fest gemacht war, nicht hineingreifen konnte.
»Capitän Oilytt,« sagte der Mate jetzt zu diesem tretend -- »wir
sind zu schwach an Händen -- soll ich Hans vielleicht aus dem untern
Raum heraufholen lassen?«
»Nein« -- sagte der Capitän rasch -- »es geht auch ohne den --
ich will nicht. -- Doch meinetwegen,« setzte er, sich eines besseren
besinnend hinzu -- »wir dürfen nichts versäumen, denn wenn wir
Unglück haben, käme uns am Ende die Assecuranz-Compagnie auf den
Kragen. -- Bringt ihn herauf und nehmt ihm die Eisen ab. Wenn wir von
der Küste los sind, können wir immer noch thun, was wir wollen.«
Der Zimmermann mußte den Gefangenen heraufbringen, und auch der Steward
war indessen aus dem Bett geholt. Obgleich er ächzte und stöhnte als
ob er am Spieße stäke, half ihm das diesmal nichts. Kaum hatte er aber
einen Blick über See und Takelwerk geworfen, und nach den donnernden
Riffen hinüber gehorcht, als er auf einmal so gesund schien, als ob ihm
im Leben nichts gefehlt hätte. Er war lange genug zur See gewesen, um
bald einzusehen wie die Sachen hier standen.
Als Hans an Deck kam, warf er einen einzigen flüchtigen Blick über
Segel und Luft, im nächsten Moment schlug aber schon das dumpfe, jetzt
ganz deutliche Donnern der Brandung an sein Ohr, und ein leichtes, fast
triumphirendes Lächeln überflog seine bleichen Züge.
»Nehmt ihm die Eisen ab, Zimmermann,« sagte der erste Mate rasch, als
ob er befürchte, daß vom Capitän wieder Einsprache geschehen könnte
-- »und dann rasch ans Werk, mein Bursche. Wir arbeiten heute Morgen
alle nur für uns selber, denn wer den Hals nicht voll Seewasser
haben will, mag zusehen daß er seinen Mund noch eine Weile über hoch
Wassermark behält. -- Rasch mit dem Segel, Ihr Jungen, das dauert ja
eine Ewigkeit.«
»Mr. Black,« sagte aber in diesem Augenblick Hans, der dem Zimmermann
seine Hände wieder entzogen hatte, daß er ihn noch nicht frei machen
konnte -- »ehe ich einen Finger dazu aufhebe, dies Schiff vom Untergang
mit frei zu arbeiten, will ich erst wissen ob der Capitän die --
Prügelstrafe, die er mir zudictirt, zurückgenommen. -- Ist das der
Fall, so soll er wahrlich keinen willigeren Mann als mich an Bord haben,
und er mag mich nachher geduldig wieder in Eisen legen. -- Ist das aber
nicht der Fall, so -- ist mir's lieber wir treiben auf die Klippen.
-- Ich für meinen Theil ersaufe nun einmal lieber als daß ich mich
peitschen lasse.«
»Das ist Unsinn, Mann,« rief aber der Mate -- »macht keine Flausen,
und seid froh, daß man Euch Gelegenheit giebt Euer eigenes Leben mit
retten zu helfen. -- Erst einmal von der Küste ab -- das andere findet
sich nachher?«
»Was? -- will sich der Hund noch widersetzen?« schrie aber der
Capitän jetzt, auf das Mitteldeck springend und eine Handspeiche, die
beim Oeffnen der Luke gebraucht war, aufgreifend -- und ehe ihn jemand
daran verhindern konnte, schlug er sie dem Gefangenen der wehrlos
und mit gefesselten Händen vor ihm stand, über den Kopf, daß er
besinnungslos zu Boden stürzte. Bill und Karl wollten ihm zu Hülfe
springen und ihn aufrichten. Der Capitän schrie sie aber an bei ihrer
Arbeit zu bleiben und sich nicht zu rühren, warf dann die Handspeiche
auf Deck, und befahl Timor den »Körper« aus dem Weg und auf die Seite
zu ziehen.
Mr. Black -- sonst wohl ein rauher Gesell, aber keineswegs mit solcher
unnöthigen Grausamkeit einverstanden, wartete diesmal auf keine
weiteren Befehle von seinem Capitän, sondern rief dem ihm nächsten
Matrosen -- es war Bill -- den Bewußtlosen aufzuheben und hinunter in
das Zwischendeck zu schaffen. Dort legten sie ihn auf ein paar der da
aufgestapelten Heuballen und ließen ihn liegen -- es war nicht möglich
in diesem Augenblick weiter etwas mit ihm vorzunehmen.
Der Capitän sah dies wohl, da aber Mr. Black, und wie es schien
ziemlich entschlossen, selber dabei betheiligt war, ließ er ihn
gewähren und ging mürrisch nach hinten.
Das Segel war indessen an Deck dicht gereeft und fest
zusammengeschnürt. An einem Ende an die Taille befestigt zogen es die
Leute mit leichter Mühe in den großen Mars. Zwei von den Leuten hatten
indessen die Reeftalje von den Marsraanocken bis hierher niedergeholt,
schlugen diese an beiden Seiten durch eine der Reefkausen, und holten
nun das Segel nach Steuer- und Backbord aus. Eine andere Talje um die
Mitte geschlagen, brachte es dicht unter die Raae und die ganze jetzt
über die Raae vertheilte Mannschaft zog mit unendlicher Schwierigkeit
zwar, aber doch sicher und gut das Segel mit den ersten Reefbändern an
seine gehörige Stelle, und festigte es dort mit allen Bändern.
Nach kaum einer Viertelstunde schlug das Segel, von den beiden Tauen
befreit, auf. Mit der Geschwindigkeit von Affen glitten aber auch
die Leute zu gleicher Zeit an Wanten und Pardunen nieder, die Schoten
auszuziehen, und hoch flog die wilde Spritzsee über den Bug des
Schiffes aus und schleuderte förmliche Wellen über Deck weg, als die
neue Gewalt das ächzende Fahrzeug gegen die anstürmende Wassermasse
trieb.
Es war ein Glück für das Fahrzeug, daß sich der Wind mit der
Tagesdämmerung etwas gelegt hatte, es wäre sonst gar nicht im Stande
gewesen diese Segel zu führen. Selbst jetzt noch standen die Taue zum
äußersten gestrafft, und die starken Stengen bogen sich und schienen
nur eines einzigen Druckes mehr zu bedürfen, um wie Glas von einander
zu springen.
Mr. Black war indessen selber nach oben gegangen, und sein gleich darauf
nichts weniger als tröstlich klingender Ruf -- Brandung einen Strich
über den Leebug, brachte auch den Capitän bald an seine Seite.
»Da drüben sind die Riffe, Sir« -- sagte der Mate, auf der Bramraae
stehend, und sich mit dem linken Arm um die Stenge festhaltend. Er
deutete dabei mit der Rechten nach einem weißen Kamm hinüber, der,
aus hohen Brandungswellen bestehend, weit vom Süden heraufkam und den
ganzen Westen zu umschließen schien.
»Können Sie gar kein hohes Land erkennen, Sir?« frug der Capitän,
der auf die Raae mit hinaufstieg und sein linkes Bein darüber weg
schlug. -- »Wenn wir nur den Thurm von Raines Island ausmachen könnten
-- in einer Stunde wären wir in Sicherheit.«
»Es ist zu neblich,« lautete die Antwort -- »gerad hinter der
Brandung liegt es wie schwerer Duft auf dem Wasser, und es läßt sich
nichts erkennen. -- Ich glaube nicht daß wir abkommen, Capitän.«
»Laßt das große Bramsegel auch beisetzen, Mr. Black« -- sagte
dieser -- unruhig den drohenden Küsten- oder vielmehr Inselstreifen
übersehend -- »wir =müssen=.«
»Die Stenge hält es nicht, Capitän,« sagte der Mate -- »sie ist alt
und schon einmal geflickt -- wir werfen sie augenblicklich über
Bord.« --
»Wir =müssen=, Mr. Black -- wir kommen wahrhaftig nicht einmal mehr
mit diesen Segeln um die Südspitze der Riffe dort weg, und wenn wir
hier noch einmal zum Wenden gezwungen werden, sind wir rettungslos
verloren. -- Wir verlieren mehr dabei, als wir in einer vollen Wacht
wieder gut machen können.«
»Große Bramsegel los!« schrie der Mate, statt weiterer Antwort, nach
unten. -- Einer von den Leuten, es war der Deutsche, Karl, stieg nach
oben, das Segel zu lösen. -- Unten zogen sie indessen schon die Raae
auf. Als das Segel ausflatterte, ächzte die Stenge und Karl sah sich
erschreckt um.
»Nieder mit Euch -- nieder!« schrie ihm der Mate hinüber und winkte
ihm mit der Hand, daß er sich rasch niederlassen sollte. -- Das
Brausen des Windes übertönte aber seine Worte, und Karl war eben damit
beschäftigt einen der Geitaublöcke, der unklar gekommen war, wieder
frei zu machen -- die Schoten fuhren aus und der Wind schlug in das
Segel.
»Nieder mit Euch aus dem Top!« schrie der Mate, während er wie der
Capitän selber blitzesschnell nach unten glitten -- aber Karl hörte
die warnende Stimme nicht. -- Um ihn krachte und brach es -- seine
Geistesgegenwart verlierend, griff er nach dem ersten besten Tau das er
erfassen konnte, und seine Sinne schwanden in der Gewalt des Sturzes.
»Mann über Bord!« schrie Jean, vom Ruder aus, durch den Lärm des
krachenden Holzes und das Brüllen der See hinweg. -- Wie instinctartig
flog auch Bill die Quarterdeckstreppe hinauf, und ein dort liegendes
Tau ergreifend, schleuderte er es mit geschicktem Wurf dem eben
vorbeitreibenden Körper fast über den Kopf, -- aber es war umsonst.
-- Die Fähigkeit es zu halten und zu greifen war aus den erschlafften
Muskeln gewichen. -- Im Fall mußte er mit dem Kopf gegen irgend einen
der Blöcke oder Raaenocken geschlagen sein; die Stirn zeigte, eben als
Bill noch in Todesangst hinübersah, eine klaffende Wunde. -- Die See
schlug über dem Unglücklichen zusammen und er sank in die Tiefe.
Das alles geschah während es über den Häuptern der beiden ebenfalls
krachte und zusammenbrach. -- Dicht neben Bill schlug der Besahntop
herunter, und fuhr gerade durch das eine der Boote, die an beiden
Seiten, in eisernen Krahnen, aufgehißt und befestigt waren -- aber
der Matrose hörte es gar nicht. Wie erstarrt hing sein Blick an der
wegsinkenden Leiche des Cameraden. -- Als er sich wieder umschaute, war
das Schiff ein Wrack -- alle drei Stengen waren niedergebrochen und der
Klüverbaum nach Lee herumgeschlagen. Das Schiff, welches im Anfang fast
schon durch die Segellast auf der Seite gelegen und eine Unmasse Wasser
übergenommen hatte, richtete sich dadurch allerdings wieder etwas auf,
wurde aber auch zu gleicher Zeit durch das jetzt nebenherschleifende
Takelwerk mit Raaen und Stengen so in seinem Lauf gehemmt, daß es fast
nicht den geringsten Fortgang machte, und nur mit der hier stark nach
Nordwest setzenden Strömung gerade auf die Klippen trieb.
»Kappt weg, Jungen, kappt alles!« schrie der Mate und suchte selber,
mit gutem Beispiel vorangehend, das Schiff von dem Anhängsel, das es
sogar im Steuern hinderte, zu befreien, was ihm auch mit Hülfe der
anderen Zuspringenden bald gelang. Sie kappten alles frei was über Bord
hing; das Schiff vermochten sie aber nicht mehr zu retten. Nur noch
wo möglich eine Stelle zu treffen, wo sie in ruhiges Wasser kommen
konnten, war das einzige was ihnen zu thun übrig blieb, und der
Capitän hatte sich durch das hängende und schlagende Tauwerk bis
zu dem Stumpf des vorderen Mastes hinauf gearbeitet, von dem er jetzt
nieder schrie das Schiff zwei Striche abfallen zu lassen. -- Der Befehl
wurde augenblicklich befolgt, und sie näherten sich den brandenden
schäumenden Klippen mit rasender Schnelle.
»Können Sie die Backbord-Raaen etwas anbrassen, Mr. Black?«
»Ay, ay, Sir -- brassen meine Jungen -- nur ein wenig -- für Euer
Leben -- greift zu hier. Ahoy -- ahoy -- noch einmal -- so -- Vor-Raaen
jetzt.«
»Noch mehr abfallen -- halt -- Steady --« tönte der langgezogene Ruf.
Die Leute standen an Deck und wagten kaum zu athmen. Eine, wie es von
hier aus schien, durchaus ununterbrochene =Mauer= von Klippen streckte
sich vor ihnen aus, auf die das Schiff jetzt halb vor dem Wind mit
wenigstens Neun-Meilen Fahrt hinauftrieb. Sobald sie aufstießen, mußte
sie die erste nachstürzende Woge zerschmettern, und in diesem Chaos von
scharfen Korallenfelsen und Sturzseen wäre es nicht möglich gewesen
auch nur ein einziges Leben zu retten.
»Noch mehr abfallen!« lautete der eintönige ruhige Ruf.
»Noch mehr abfallen!« wiederholte fast bewußtlos mehr als ein halbes
Duzend der Umstehenden -- Jean stand am Steuer und sah todtenbleich aus,
aber ein fast trotziges Lächeln spielte um seine Lippen, als er
die Befehle, zum Zeichen daß er sie gehört und während sie schon
ausgeführt waren, wiederholte.
Die Brandung stürmte jetzt so gewaltig und so in ihrer Nähe, daß es
schon fast war als ob das Wasser auf Deck spritzen könnte. Bill sah
nach den Masten hinauf, denn er erwartete mit jedem Augenblick den
ersten Stoß, und wußte, daß sie dann auch rettungslos nach vorn
übergehen mußten. Keiner sprach aber ein Wort, und wohl drei oder
vier Minuten standen die Männer still und lautlos, den Augenblick der
Entscheidung erwartend.
An Hans dachte keiner mehr von ihnen. Der Tod lauerte vor jedes
einzelnen Thür, und mahnte mit ernstem Klopfen an Zeit und Ewigkeit.
»Luff -- ein klein wenig Luff nur!« rief der Capitän in diesem
Augenblick von oben herunter.
»_Luff it is!_« die Antwort des Steuernden.
»=Steady!=« die Stimme klang geisterhaft wild durch das Heulen des
Sturmes und das Brausen der Brandung -- »Steady um Euer Leben.«
Rechts und links am Schiff hinauf stürzten die Wogen, die sich an
den Korallenfelsen neben ihnen brachen, aber das Schiff schoß mit
Blitzesschnelle hindurch.
»_Hard a port_ --« überschrie der Capitän mit seiner Donnerstimme
das Toben der Elemente und während fast jede bleiche Lippe den Befehl
wiederholte, und sich der Mate selbst mit in die Speichen des Rades
warf ihn auszuführen, glitt Capitän Oilytt blitzesschnell an einer der
Pardunen an Deck hinunter. Er hatte dieses aber kaum berührt und das
Schiff war noch nicht mehr wie seine eigene Länge in der neuen Richtung
fortgeschossen, als ein furchtbarer Stoß es bis in den Kiel hinunter
erschütterte. -- Was nicht fest stand, stürzte auf Deck nieder, und
wie mit =einem= Schlag brachen die drei Masten über Backbord nieder und
schmetterten in das wie kochend schäumende, milchige Wasser.
Alle schienen einen zweiten Stoß und das Zerschmettern des Schiffes
selber zu erwarten -- aber er kam nicht. -- Die ungeheuren Wogen des
stürmenden Meeres wälzten gegen sie heran, aber sie erreichten das
Schiff nicht. -- Dieselbe Wand starrer Korallen, die ihnen vorher
Verderben gedroht und auf denen sie, wenn sie dort aufgestoßen, auch
rettungslos verloren gewesen wären, lag jetzt, ein unerschütterlicher
Schutz, zwischen ihnen und dem drohenden Verderben.
Die Leute wagten kaum zu athmen, und viele Minuten lang rührte sich
keiner von seiner Stelle, als ob sie an Rettung noch gar nicht glauben
könnten. Bill war der erste, der auf das kleine hinter dem Rad
angebrachte Haus, das sogenannte Farbenspintje sprang, und mit einem
Jubelruf die Rettung verkündete.
»Sicher fest gefahren!« schrie er den andern zu, »verdammt will ich
sein, wenn das nicht der niedlichste Platz ist, den ich in meinem ganzen
Leben gesehen habe.«
Die Worte brachen den Zauber, und Alles sprang jetzt auf die hohe
Railing, so viel als möglich die Stelle wo sie sich befanden, zu
übersehen, und die Möglichkeit einer Rettung zu berechnen.
Das Schiff war glücklich zwischen zwei hohen Korallenriffen und durch
einen Durchgang eingelaufen, der vielleicht nicht viel breiter war
als das Fahrzeug selber. -- Der glatte Streifen Wasser der den Weg
wenigstens bezeichnete, in dem sie eingekommen, war kaum Mannslänge
breit, und an beiden Seiten stürzte sich die Brandung der
Nachbarklippen hinein. Weiter ließ sich aber auch, so weit das Auge
reichte, keine einzige Einfahrt erkennen, und nur ihre verzweifelte
Lage hatte den Capitän veranlassen können sein Schiff auf den schmalen
Streifen zuzutreiben, der ebenso gut wie das übrige eine versteckte
Klippe hätte bergen können. Hier, inmitten der Riffe, lagen sie nun
in einem kleinen, kaum hundert Schritt langen See hellen, fast gelblich
grünen Wassers, in dem sich die den Grund bildenden Baumkorallen klar
und deutlich erkennen ließen.
Ringsum waren sie total von Korallenbänken eingeschlossen, die an den
meisten Stellen bis dicht an die Oberfläche reichten, hie und da aber
kleine, zwei, drei und vier Fuß tiefe Canäle bildeten, von denen
einige offen lagen, andere mit langen treibenden Seegewächsen
überzogen waren. Diese Korallenriffe konnten indessen kaum 200 Schritt
breit sein, denn dicht dahinter lag wieder tiefes blaues, nur jetzt
von der schweren Brise aufgeregtes Wasser, das nicht so durch die hohe
Brandung vor dem darüber hinstreifenden Wind geschützt war wie die
Stelle, auf der sie gerade saßen.
Dreizehntes Capitel.
Das Wrack.
Vor allen Dingen galt es jetzt die Möglichkeit einer Rettung zu
überlegen.
Wenn sie ihr großes Boot flott bekommen konnten, schien nicht die
mindeste Schwierigkeit vorhanden in die wirkliche Fahrstraße durch die
Torresstraße einzulaufen, und dann konnten sie sich leicht auf einer
der kleinen Inseln halten, bis ein anderes von Sydney nach Britisch-
oder Holländisch-Indien bestimmtes Schiff vorbeikommen und sie
aufnehmen würde. Es war jetzt noch die günstigste Jahreszeit für
diese Fahrt, und Capitän Oilytt wußte selbst mehrere Schiffe, die
beabsichtigt hatten ihm in acht oder vierzehn Tagen zu folgen.
Aber selbst von ihrer eigenen Lage wurden sie in diesem Augenblick
durch einen furchtbaren Lärm, der aus dem unteren Deck herauftönte,
abgezogen, und alles sprang an die Luken, hinabzuschauen. Um das
Schiff selber brauchten sie sich jetzt auch in der That nicht weiter zu
kümmern, das lag fest genug zwischen seinen Korallen, und hätte es ja
noch gescheuert, so durften sie höchstens die Anker auswerfen, es ganz
fest und sicher zu bekommen.
Der Lärm rührte von den armen Thieren, den Pferden her. Natürlich war
das Schiff leck geworden und das Wasser in den unteren Raum gedrungen
und die festgebundenen rangen nun mit ihren letzten Anstrengungen gegen
den sie bewältigenden Tod an. Manchmal wenn eines der unglücklichen
Geschöpfe seinen Kopf noch über Wasser bekam, hörten sie deutlich das
Schnauben, und oft drang ein entsetzlicher Nothschrei zu ihren Ohren und
machte sie schaudern -- aber Hülfe zu bringen war nicht mehr möglich.
-- Wären sie selbst im Stande gewesen die Stricke zu zerschneiden mit
denen die Thiere festgebunden standen, aus dem unteren Raum konnten sie
sie doch nicht herausbekommen, und dort stieg das Wasser mit rasender
Schnelle.
Jean sprang zwar die Leiter hinunter, mehr um sich von der vollkommenen
Nutzlosigkeit einer Hülfe zu überzeugen, als irgend etwas zu thun.
Gerade da aber wurde diese, wahrscheinlich durch eines der losgerissenen
Thiere das sich dagegen geworfen, umgestoßen. Er konnte eben noch das
zum Auf- und Niedersteigen befestigte Tau fassen und sich vor einem
Sturz in die Tiefe retten, der ihn nur zu wahrscheinlich unter die Hufe
der verzweifelten Thiere geworfen hätte. Als er festen Fuß auf dem
Heu faßte, und traurig in den dunklen Raum hinabstarrte, wo es jetzt
stiller und stiller wurde, sagte eine leise schwache Stimme an seiner
Seite:
»Jean -- was ist mit dem Schiff vorgegangen?«
»Hans, um Gotteswillen,« rief der junge Franzose, und sprang rasch
nach ihm hinüber -- »armer Teufel, wie geht dir's? Hol's der Henker,
wir haben die Hände, oder vielmehr Augen und Ohren die letzte Stunde
so voll gehabt, daß beim Himmel keine Seele an etwas anderes als sich
selber denken konnte -- Jesus Maria, wie blutig du aussiehst -- wie ist
dir?«
»Besser, viel besser, aber was ist mit dem Schiff vorgegangen?« sagte
der Verwundete.
»O das sitzt fest und wacker auf einer Korallenbank,« lachte Jean,
der, einmal aus der nächsten Todesgefahr heraus, schon all seinen
frischen und fröhlichen Muth wieder bekommen hatte. »Masten über
Bord, alle drei, und so sicher vor Anker wie nur je ein gutes Fahrzeug
nach langer Reise gelegen hat. Der arme Karl ist aber auch über Bord«
-- setzte er ernster und fast traurig hinzu.
»Ich wollte ich wäre an seiner Stelle,« sagte Hans, und fiel mit
geschlossenen Augen auf das Heu zurück.
»Unsinn,« lachte aber Jean wieder -- »deine Leiden sind jetzt zu
Ende. -- Wer weiß, ob's nicht am Ende ganz gut ist, daß wir den
alten verdammten Kasten auf soliden Grund gesetzt haben. Der Schuft von
Capitän kann jetzt sehen wo er ein neues Schiff bekommt, =mich= kriegt
er aber wahrhaftig nicht wieder als Matrose an Bord, so viel ist gewiß.
Pest, Mann, du hast aber die Eisen noch an, das geht nicht; die müssen
herunter, und das Wasser ist auch schon bis ins Zwischendeck gestiegen
-- der untere Raum ist ganz voll. -- Wie still und ruhig es jetzt da
unten ist,« setzte er schaudernd hinzu -- »der Mensch ist doch ein
entsetzliches Geschöpf mit seiner Gewalt über das Thier.«
»Jean,« rief in diesem Augenblick der Mate herunter -- »wo zum Teufel
steckt Ihr?«
»Komme,« antwortete der Matrose, wandte sich dann aber noch rasch
zu Hans und sagte tröstend, »ich bin bald wieder bei dir. Hab' keine
Furcht, wir wollen die Sache schon machen.«
Er schob die Leiter, die nur auf die Seite geschlagen war, wieder
zurück und kletterte rasch an Deck. Dort wurden indessen schon die
nöthigen Vorbereitungen getroffen ein paar Nothspieren aufzurichten,
um das große Boot über Bord zu heben und flott zu bekommen, was der
doppelten Mannschaft ohne die Hülfe von diesen und Flaschenzügen nicht
möglich gewesen wäre mit blosen Händen ins Werk zu setzen.
Jean wandte sich nun an Mr. Black, Hansens Freilassung zu bewirken. --
Der Mann lag verwundet im unteren Raum und durfte nicht ohne Hülfe dort
liegen bleiben, wenn man sein Leben nicht in Gefahr bringen wollte. Mr.
Black sprach auch augenblicklich mit dem Capitän darüber, dieser
aber wollte von nichts hören. So lange er an Bord Herr sei, schwur er,
bleibe der Schuft in Eisen. -- Er habe sich widersetzt und dem den Tod
gedroht, der ihn bestrafen würde, also offene unverhehlte Meuterei,
und er wolle sich nicht der Gefahr aussetzen, gemeuchelmordet zu werden.
Damit wandte er sich ab und den Arbeitenden wieder zu.
»Aber Sir,« sagte der Mate, »Sie können ihn doch nicht gut
geschlossen mit ins Boot nehmen. Er wird da mehr im Wege sein und -- ich
weiß auch nicht, ob Sie das später werden verantworten können.«
»Verantworten?« lachte der Capitän höhnisch -- »übrigens wer sagt
Ihnen denn, Mr. Black, daß ich ihn überhaupt mit ins Boot haben will?
Es fällt mir gar nicht ein mich mit dem rebellischen Schurken länger
zu behelligen.«
»Sie werden ihn doch nicht hülflos zurücklassen wollen?« rief der
Mate rasch.
»Hülflos,« meinte Oilytt, »ist das hülflos? ich lasse ihn im Besitz
meines ganzen Schiffs, und da ist auch die Jölle, die er nehmen kann
wenn es ihm beliebt, sollte ihm der Aufenthalt hier nicht länger
behagen. -- Was verlangt er mehr?«
»Das geht wahrhaftig nicht an, Capitän Oilytt,« sagte der Mate
kopfschüttelnd.
»Sie sollen einmal sehen wie schön es geht,« lachte dieser zurück.
-- »Es geht alles auf der Welt, was man nur will, und der Bursche kann
noch seinem Gott danken, daß ich ihn nicht mit nach dem nächsten Hafen
nehme, um ihn dort als einen meuterischen Hund, der er ist, aufhängen
zu lassen. Sähe ich die Möglichkeit ein, wieder nach Sydney
zurückzukommen, so geschähe das auch jedenfalls. All die Schiffe, die
aber in nächster Zeit auslaufen, und auf die wir hier hoffen können,
sind nach Batavia bestimmt, und mit der holländischen Regierung mag ich
nichts zu thun haben. -- Ich und sie sind schon einmal zusammen gewesen,
und eben nicht als die besten Freunde geschieden.«
»So will ich ihm wenigstens jetzt die Eisen abnehmen, daß wir nach
seiner Wunde sehen können« -- sagte Mr. Black, und wollte sich
abdrehen, in das Zwischendeck hinunterzusteigen.
»Halt, Mr. Black,« hielt ihn aber sein Vorgesetzter zurück, »nicht
eher bis =ich= Ihnen das sage -- wenn's Ihnen =gefällig= ist. --
Nach der Wunde kann auch ohne das gesehen werden. Hier haben Sie den
Schlüssel zur Medicinkiste und sein Sie so gut und besorgen Sie das. --
Der dickköpfige Schuft wäre auch ohne dies nicht sogleich abgefahren
-- aber die Eisen behält er, bis wir von Bord gehen.«
Der Mate konnte nichts dagegen einwenden, stieg aber augenblicklich in
die Cajüte hinunter, das nöthige Wundpflaster heraufzuholen. Von dem
steckte er auch eine Quantität in die Tasche, es Hans zum ferneren
Gebrauch zu lassen, und sah dann nach seinem Kranken, den er aber weit
besser fand als er wirklich erwartet hatte.
Unterdessen gingen die Arbeiten an Deck rasch vor sich. Provisionen
wurden heraufgeschafft, der Capitän hatte seine Instrumente, Karten,
den Compaß für den Nothfall und seine Papiere geborgen, vertheilte
dann die an Bord befindlichen Musketen mit der gehörigen Munition unter
die Leute, da man in der Straße sehr häufig auf Schwarze stößt, von
denen man nicht immer weiß, ob sie freundlich oder feindlich sind, und
ließ dann die Leute an die Arbeit gehen, das große Boot vom Verdeck
hinunter in See zu heben.
Unter all diesen Arbeiten rückte der Abend mehr und mehr heran, und es
war schon kein Gedanke mehr, noch an diesem Tag sich einzuschiffen. Um
12 Uhr hatte der Capitän, da die Sonne heute hell und klar am Himmel
stand, seine Observation genommen, die Breite zu bekommen, auf der sie
sich befanden, denn die Länge wußten sie nur zu genau. Er fand dabei
daß sie etwa 30 Meilen überhalb Raines Insel auf den Riffen saßen.
Von hier aus konnten sie leicht in die südliche, am häufigsten
befahrene Straße kommen, und an Gefahr für ihr Leben, wenn sie sich
nur ein wenig mit ihren Provisionen einschränkten, oder sich zugleich
auf den Fischfang legten, war nicht zu denken. Die einzige Vorsicht
die sie gebrauchen mußten war, einen gehörigen Vorrath von Wasser
einzulegen, und damit konnten sie dann getrost nach einer der
Zwischen-Inseln oder auch Booby-Island hinfahren, an welchem letzteren
Ort sogar Vorräthe für Schiffbrüchige von mehreren englischen
Schiffen niedergelegt sind. Die gehörigen Segel für die Barkasse, die
jetzt vollkommen gut in Stand und mit allem Nöthigen versehen fertig
lagen, wurde ebenfalls hergerichtet, und mit Tagesanbruch am nächsten
Morgen wollten sie ihre Pilgerfahrt beginnen.
Die Matrosen packten indessen ebenfalls das Nöthigste was sie an
Wäsche gebrauchten mit ihren wollenen Decken zusammen, denn sonstiges
Gepäck oder gar ihre Kisten konnten sie natürlich nicht mitnehmen
-- stauten das alles in eine Kiste hinein, und waren somit ebenfalls
gerüstet. Nur Jean, François und Bill hatten ihre paar Hemden
zurückgelassen. -- Die Kiste war auch gerade von den andern Sachen voll
geworden -- und sie meinten sie wollten das Ihrige nur lieber =so= ins
Boot werfen. Alle drei schienen übrigens andere Absichten zu haben.
An dem Abend hätten die Leute gern viel mit einander unterhandelt, der
Zimmermann, der sonst nie lange im Logis blieb, wich und wankte aber
gerade heute nicht von seiner Kiste. Jean, François und Bill gaben sich
deshalb einen Wink und gingen nach oben.
Mit kurzen Worten vereinigten sie sich. Sie waren fest entschlossen Hans
nicht =allein= an Bord des Wracks und mit einem Boot zurückzulassen,
mit dem er allein wenig oder gar nichts anfangen konnte -- sie wollten
bei ihm bleiben. Hierzu kam auch noch, daß alle drei viel lieber nach
Sydney zurückzukehren, als mit dem Capitän auf irgend einem anderen
Fahrzeug nach Indien zu gehen wünschten, und sie machten sich deshalb
schon die schönsten Pläne einer Landreise an der Küste hinunter. Sie
kannten das Land und die Schwierigkeiten einer solchen Reise nicht,
und der leichte Sinn eines Matrosen, der Gefahren überhaupt gar nicht
achtet, weil er eben zwischen ihnen aufwächst, ließ sie das Alles mit
frohem Muthe betrachten.
Heute Abend beschlossen sie aber noch nichts darüber zu äußern,
sondern das alles bis auf morgen früh zu verschieben.
Vierzehntes Capitel.
Die Mannschaft trennt sich.
Am nächsten Morgen mit Tagesanbruch weckte der Mate -- denn der
Zimmermann, der mit dem Steward die letzte Wache gehalten, schnarchte
auf Deck mit diesem um die Wette -- und eine Stunde später war das
letzte Frühstück an Bord eingenommen; die Mannschaft zur Abfahrt
gerüstet.
Jean, der mit seinen Verbündeten an diesem Morgen nur wenige Worte
wechseln konnte, Hans aber, dem er in der Nacht Matratze und Decke
hinuntergetragen, ihren ganzen Plan schon mitgetheilt und natürlich
nicht im mindesten auf dessen Einwendungen gehört hatte, stand vorn
auf der Back, jetzt dem höchsten Theil des Schiffs, und suchte einen
Ueberblick über die Binnenwasser zu bekommen, durch welche sie nun bald
ihre einsame Bahn in einem kleinen schmalen Boote steuern sollten. Da
glitt Timor, der kleine Malaye, zu ihm hinan, und flüsterte in seinem
halb Englisch, halb Malayisch:
»Tuwan Jean -- gestern hab' ich gehört -- Ihr mit Tuwan Hans gehen
wollt -- ich auch. -- Wollt Ihr mich mitnehmen? ich kann gut rudern und
will recht folgsam sein.«
»Donnerwetter, Junge, herzlich gern, wenn's von mir abhinge. Da mußt
du aber den Capitän fragen, denn ich kann wohl über mich selber, aber
über niemanden anders von seiner Schiffsmannschaft bestimmen.«
»Ja, der Capitän wird nicht wollen,« meinte der Bursche traurig und
schüttelte mit dem Kopf -- »habe schon müssen meine Sachen in sein
Boot legen.«
»Ja, dann kann ich's nicht ändern, Timor,« sagte Jean. -- »Es thut
mir aber leid -- ich möchte dich gern mit haben.«
»Gewiß?« rief der Junge und seine Augen leuchteten vor Freude.
»Gewiß,« erwiederte ihm der junge Matrose -- »sieh' zu daß du's
einrichtest.«
»Timor,« rief gerade der Capitän -- »was hast du da vorn zu suchen,
Schlingel? -- marsch, hier die Sachen hinunter ins Boot, und dann
bleibst du selber unten dabei -- was gibt's noch, he?«
»Wer bleibt denn bei Tuwan Hans, Capitän?« frug der Junge schüchtern
und sah seinen Herrn von der Seite an.
»Ist der Junge verrückt geworden?« rief aber der Capitän wüthend.
»Was zum Donnerwetter geht das dich an, du lederbraune Canaille? --
Laß mich noch einmal eine derartige Frage von dir hören, und ich
tattowire dir das braune Fell mit blauen und rothen Streifen, daß du
deine Freude daran haben sollst. -- Marsch, die Sachen ins Boot, und
dann das andere, was hier noch liegt auch hinunter, und dann setzest
du dich hinten hinein und muksest nicht mehr. -- Sind die Flaschen alle
unten, die ich dir gestern Abend gegeben habe? -- he?«
»Saya Tuwan« -- murmelte der kleine Bursche erschreckt, und sprang
hin, den Befehl des strengen Gebieters zu erfüllen. -- Es wäre nicht
die erste Mißhandlung gewesen, die er von seinen Händen zu erdulden
gehabt, und er wollte sich dem nicht selber muthwillig aussetzen.
Indessen wurden die Matrosen zusammengerufen sich einzuschiffen. -- Der
Capitän stand an der Fallreepstreppe -- fertig niederzusteigen -- alle
seine Sachen mit Provisionen und Wasser waren im Boot, und Timor
hatte eben das letzte Kistchen -- den Peil-Compaß, den sie vielleicht
zwischen den Inseln gebrauchen konnten, heruntergebracht. Der erste
Mate war ins Zwischendeck gestiegen, Hans loszuschließen, und ihm
anzukündigen was der Capitän über ihn beschlossen hätte. Da traten
Jean, Bill und François vor, und erklärten dem Capitän, daß sie mit
Hans an Bord bleiben und versuchen würden, sich in dem kleinen Boote zu
retten. Hans sei zu schwach sich allein zu helfen, und sie wollten ihn
nicht umkommen lassen.
Der Capitän wüthete, und befahl ihnen augenblicklich in die Barkasse
hinunterzusteigen, Bill aber, der in dieser Sache das Wort genommen
hatte, blieb ganz ruhig und erklärte, das Schiff sei ein Wrack und die
Mannschaft könne sich retten, wie sie es am zweckmäßigsten halte.
Capitän Oilytt, da ihn seine Steuerleute nicht im mindesten dabei
unterstützten, sondern eher noch das Betragen der Matrosen zu billigen
schienen, sah bald, daß er gegen sie in dieser Sache nichts ausrichten
könne, und rief endlich trotzig, sie sollten seinetwegen zum Teufel
gehen, aber vorher die Gewehre und Munition, die sie bekommen hätten
und die dem Schiff gehörten, wieder abliefern.
»Die Gewehre abliefern, Sirrah?« rief Bill erstaunt -- »wollen Sie
uns hier von den Wilden, wenn sie in ihren Canoes ankommen, morden
lassen? Gott verdamme mich, wenn das nicht zu arg wäre. Dem =Schiff=
gehören die Gewehre, Capitän; der Lohn den wir beim Schiff zu gut
haben, gehört auch uns und wir kriegen nicht die Probe davon. --
Wenn's blos das wäre, könnten Sie die paar Schießeisen auf Abschlag
rechnen.«
»Schufte,« schrie aber der Capitän wüthend -- »Ihr zu gut haben?
Ihr seid dem Schiff noch schuldig für das, was ich in Sydney für Euer
Wiedereinfangen Belohnung zahlen mußte. -- Glaubt Ihr Euer Schlaf-Baas
hätte Euch umsonst verrathen?«
»Also Mr. Mac Carther hat uns den freundlichen Streich gespielt,«
sagte Bill lachend. -- »Nun das bleibt sich gleich, aber die Gewehre
behalten wir, und ich will mich lieber später einmal, wenn es dazu noch
kommen sollte, auf sechs Wochen von irgend einem Gerichtshof einsperren,
als hier von den Wilden fangen und auffressen lassen. -- So -- das ist
das Lange und Kurze davon.«
Mr. Black flüsterte leise einige Worte mit dem Capitän. Dieser
blieb einen Augenblick noch wie unschlüssig stehen; da aber die drei
Matrosen, mit ihren Gewehren in der Hand, ruhig seinen wild und boshaft
auf sie gerichteten Blick aushielten, und die anderen, die noch an Deck
waren, zu ihnen traten und ihnen herzlich die Hand schüttelten, drehte
er sich mit einem Fluch um und wollte eben die Fallreepstreppe hinunter
ins Boot steigen. Da wurde unten im Raum ein Fall in das, jetzt bis ins
Zwischendeck hinaufsteigende Wasser gehört, und gleich darauf tönte
ein gellender Hülfeschrei zu ihnen auf. Alles was in der Nähe war
drängte sich um die Luke, um hinunter zu sehen. Unten auf dem erregten
Wasser schwamm ein Strohhut.
»Das war Hans!« schrie Jean erschreckt -- »er ist ins Wasser gestürzt!«
»Nein, Hans habe ich selber eben ins Logis gebracht,« sagte der erste
Mate, »und ihm dort die Eisen abgenommen. Wie ich fortging, war er
dabei seine Kiste aufzuschließen.«
»Wo ist Timor?« rief aber jetzt der Capitän, der einen Blick in sein
Boot hinuntergeworfen und den Jungen dort vermißt hatte, schnell und
erschreckt aus -- »wo ist Timor?«
»Vor ein paar Secunden stand er hier an der Luke« -- betheuerte der
Steward, der ein Packet mit seinen eigenen Kleidungsstücken und noch
einige andere Sachen unter dem Arm trug, mit denen er dem Capitän
ins Boot hinunter folgen wollte. -- »Timor!« rief der Capitän noch
einmal, als ob er gar nicht glauben könnte, der arme kleine Bursche
sei hier hineingestürzt -- »wo steckt der Schlingel?« und er sah sich
ängstlich dabei nach allen Seiten um. Jean aber, rasch entschlossen wie
er immer war, hatte schon alles was er trug dem neben ihm stehenden
Bill in die Hände gedrückt, und glitt jetzt mehr als er stieg, an der
steilen Leiter in den Raum hinunter. Einen Augenblick faßte er auf dem
Rande des Zwischendecks festen Fuß, dann verschwand er in der Fluth die
kaum über dem ihm vorangegangenen Körper zu kreisen aufgehört hatte.
Alles stand in sprachloser Erwartung um die Luke her und schaute auf die
unheimliche Fluth in den Raum nieder. Jeder andere Hader, jeder andere
Gedanke war vergessen, und jedes Auge hing nur in peinlicher Spannung
an den da unten jetzt langsam aufsteigenden Luftblasen, welche die
Thätigkeit des Untergetauchten verkündeten.
»Bei Gott, der kommt auch nicht wieder,« rief François endlich mit
vor Angst fast erstickter Stimme. -- »Jean -- um Gotteswillen,
Jean.« --
»Da ist er!« tönte es plötzlich von den erleichterten Herzen der
Schaar, aus deren Brust sich ein tiefer Seufzer aufrang. -- Sie hatten
in der Zeit nicht einmal zu athmen gewagt. -- Das kohlschwarze, sonst
so lockige, jetzt straff niederhängende Haar des jungen Franzosen wurde
sichtbar, gleich darauf sein todtenbleiches Gesicht. Mit einer einzigen
Armbewegung war er an der Leiter und hob sich, auf eine der Sprossen
tretend, in die Höhe und mit den Schultern aus dem Wasser. -- Er war
allein.
»Kannst du gar nichts fühlen, Jean,« rief ihm der erste Mate
ermunternd hinunter, »es wird ja doch so entsetzlich schnell nicht
weggewaschen sein. -- Lieber Gott, der Junge kann schwimmen wie ein
Fisch, er muß sich beim Hinunterstürzen an den Kopf geschlagen
haben.«
Jean erwiederte nichts, verschwand aber zum zweitenmal unter Wasser, und
blieb diesmal länger aus als das erstemal. Als er endlich wieder zu Tag
kam, stieg er schweigend, ohne ein Wort zu sagen, an Deck und schnürte
sein Bündel auf, sich trockene Kleider anzuziehen.
»Armer Junge,« murmelte der Mate, als er dem Capitän, der sich rasch
und mürrisch abwandte, ins Boot folgte. Der Steward aber, der sich
neben dem Zimmermann niedersetzte, brummte leise vor sich hin:
»Das ist mir auch noch nicht vorgekommen, daß Einer =in= einem Schiff
drin ersaufen kann. Das hat die Kröte aber nur mir zum Possen gethan,
damit ich jetzt Alles allein besorgen muß.«
In wenigen Minuten war das Boot zur Abfahrt bereit. »Goodbye,
Cameraden,« riefen Bob und Jim hinüber, und die an Bord
Zurückgebliebenen winkten mit der Hand.
»Stoßt ab -- Gott verdamme Euch!« zürnte aber der Capitän, den
freundlichen Gruß unterbrechend -- »und macht Euch da vorne Platz,
daß Ihr, wenn wir einmal rudern müßten, nicht gehemmt seid.«
Der Kranke, Jack, lag vorne auf seiner Matratze im Boot. -- Er war noch
sehr schwach und sah unwohl aus, obgleich ihn das Fieber verlassen zu
haben schien; dadurch entstand eine kleine Verzögerung, während die
beiden Mates beschäftigt waren die Segel in Ordnung zu bringen.
Der Sturm von gestern hatte gänzlich nachgelassen, die Luft war hell
und klar, und eine leichte Ostbrise versprach ihnen eine rasche und
glückliche Fahrt nach Booby Island. Nur durch die Strömung aber, und
durch das Segel, das den leichten Wind doch schon etwas gefaßt hatte,
waren sie ungefähr 20 Schritt vom Schiff abgetrieben, als plötzlich
ein Ruf vom Schiffe niederschallte, und aller Augen dorthin zog. Der
Capitän, der ebenfalls aufsah, bekam eine Aschfarbe, denn dort stand
Hans und in seinen Händen hielt er ein kurzes in der Sonne blitzendes
Doppelgewehr.
»Mörder!« entfuhr fast unwillkürlich den bleichen Lippen des
Capitäns der Angstlaut, der bis zu den Ohren seines früheren Opfers
drang. Hans aber schüttelte verächtlich lächelnd mit dem Kopf und
rief, indem er das Gewehr neben sich auf Deck stieß:
»Habt keine Furcht, Capitän Oilytt, ich will Euern letzten feigen
Angriff auf mich nicht solcher Art erwiedern. -- Hättet Ihr mich
peitschen lassen, wäret Ihr jetzt ein todter Mann, aber den Schlag, den
Ihr einem Gefesselten gabet, vergelt ich Euch auf ein andermal. -- =Wir
sehen uns wieder=,« und er drehte sich mit diesen Worten von dem Boote,
das jetzt zum erstenmal den Wind ordentlich in seine Segeln faßte und
rasch durch die grüne Fluth dahinschoß, ab. Als er sich aber wandte,
sah er, wie Jean und Bill plötzlich erschreckt auseinander stoben
und in demselben Augenblick pfiff auch eine Kugel, aber schlecht genug
gezielt, über sie hin. Mit Blitzesschnelle flog er herum und riß die
eigene Büchse in die Höhe, doch ein Blick auf das Boot sagte ihm,
wie sehr er dabei das Leben anderer Menschen gefährden müßte. --
Er setzte das Gewehr rasch wieder nieder, hob aber, zum Zeichen seines
Wohlbefindens, die Mütze, schwenkte sie um den Kopf und rief mit
trotzigem Hohn:
»Dank Euch, Capitän -- werd's Euch zu gut schreiben -- auf Wiedersehen!«
Er sah wie der Capitän im Boot einen Versuch machte, eine andere
neben ihm liegende Muskete nach ihm hinzurichten, aber der erste Mate
verhinderte ihn daran, und fünf Minuten später war das Boot außer
Schußweite -- eine halbe Stunde später kaum noch in Sicht.
Die Matrosen blieben noch eine Weile auf Deck stehen, ehe sie an ihre
Vorbereitungen gingen. Sie schauten, jeder in seine Gedanken versenkt,
dem wegschießenden Boote nach, so lange sie noch eine Gestalt darin
unterscheiden konnten, und dann erst, als es nur noch wie ein schwarzer
Punkt auf dem Wasser lag, reichte Hans Jean, Bill und François die
Hand, und dankte ihnen für ihre ausharrende Freundschaft.
»O Unsinn, Mann,« lachte Jean -- »reiner Eigennutz von uns. Wir
wollen nicht mit dem Alten nach Indien, ich möchte gern wieder nach
Sydney zurück und darum sind wir alle drei hier geblieben die Landreise
zusammen zu versuchen.« Hans schüttelte aber zweifelnd mit dem Kopf
sagte bedächtig:
»Jean, Jean, Ihr irrt Euch da alle drei in der Natur des Landes, das
Ihr durchwandern wollt. Ich habe Euch das schon diese Nacht gesagt. Ich
fürchte sogar, wir dürfen nicht einmal den =Versuch= wagen, wenn wir
uns nicht der größten Gefahr aussetzen wollen. -- Die Schwarzen an
diesen Küstenstrichen sind nichtswürdiges, blutdürstiges Gesindel.«
»Pah, =wagen=,« lachte Jean mit seiner ganzen sorglosen Keckheit, die
nie einer Gefahr aus dem Wege ging, ja sie eher noch aufsuchte als sie
vermied, wenn er einmal die Wahl zwischen den beiden hatte. -- »Wir
sind hier vier entschlossene Männer, und gut bewaffnet. -- Wetter noch
einmal, wer =mein= Fleisch kochen oder braten wollte, würde es verdammt
zäh finden. Gott sei Dank nur, daß wir den Alten mit seinem Schwarm
los sind; für das andere ist mir wahrhaftig nicht bange. Jetzt an die
Ausrüstung, und in einer Stunde können wir segelfertig sein. Wenn uns
nur der arme Teufel von Junge nicht heute Morgen ertrunken wäre.«
Jean hatte das Wort kaum ausgesprochen, als er wie von einer Natter
gestochen in die Höhe sprang, denn dicht unter seinen Füßen -- er
stand keine zwei Schritt von der offenen Luke, flüsterte eine leise
Stimme, die ihm das Blut aus dem Gesichte ins Herz zurücktrieb:
»Tuwan Jean -- Tuwan Jean -- ist Capitän fort?« -- und im nächsten
Moment kletterte der kleine Malaye, flink wie eine Katze, an dem
Mittelpfosten des Decks auf, griff den oberen Lukenrand und schwang sich
an Deck -- über das er zuerst einen flüchtigen noch ängstlichen
Blick warf. -- In der höchsten Freude haftete aber bald sein großes
schwarzes Auge auf dem schimmernden Segel des fernen Boots, und in ein
lautes jubelndes Lachen ausbrechend, sprang er wie besessen auf Deck
herum.
Hans wußte von dem ganzen Vorgang nichts, und begriff nicht weshalb die
anderen so erschreckt waren und der Junge zurückgeblieben sein konnte.
Jean sammelte sich aber zuerst wieder und rief mit komischer Wuth, denn
es schien ihm nicht halb Ernst bei der Sache zu sein:
»Nun seh' ein Mensch in der Welt so eine kleine schwarze Bestie an
-- trocken wie eine Pulverkammer, und läßt mich da zweimal hinunter
zwischen die todten Pferde tauchen, um ihn wieder herauszufischen.
Ob ich jetzt nicht wahrhaftig Lust habe ihn kopfüber da hinunter
zu schicken wo ich gewesen bin, nur um zu probiren, wie sich's da im
stockfinstern Raum, bei den todten Thieren herumschwimmt -- der kleine
Heide, der!«
Timor aber der wohl wußte, daß ihm von alle denen, die er noch an Bord
sah, kein Leid geschähe, lachte, daß ihm die Thränen aus den Augen
liefen, wobei Jean und François natürlich mit einstimmten, und
erzählte seinen neuen Freunden nun, daß er unter keiner Bedingung mit
dem alten garstigen Capitän hätte weiter segeln wollen, aber auch gar
nicht gewußt habe wie er von ihm anders abkommen konnte, als auf solche
Art.
»Als Ihr alle damit beschäftigt waret Euch zu zanken, wer da bleiben
wollte und mitgehen sollte,« erzählte der kleine Bursche in seinem
gebrochenen Englisch, »und als ich sah, daß niemand auf mich achtete,
glitt ich auf das Heu ins Zwischendeck hinunter, warf ein kleines
Fäßchen mit Nägeln, das ich mir schon heute Morgen früh zu dem Zweck
dorthin geschafft, ins Wasser hinunter, daß es recht aufplätscherte
meinen Strohhut dann dahinter her, und kroch nun, während ich einen
lauten Schrei ausstieß, rasch zwischen ein paar Heuballen hinein und
zwischen diesen fort, bis ich sicher war, daß sie mich nicht finden
könnten, und wenn sie eine Stunde nach mir suchten. Dort bin ich liegen
geblieben, bis ich hörte daß Jean hier sagte, das Boot sei abgefahren.
Nun bin ich da und will mit Euch gehen.« Er setzte sich hierauf ruhig
auf eines der Wasserfässer nieder und schien geduldig eine Antwort auf
seinen Vorschlag abwarten zu wollen.
Hans lachte und meinte der kleine Strick habe jetzt gut auf eine Antwort
warten, er wisse recht wohl daß sie ihn nicht zurücklassen könnten.
Er solle aber nur, was er mitzunehmen wünsche, zusammenpacken und dann
helfen daß sie ihren Proviant und Wasservorrath in Ordnung brächten,
die heutige herrliche Brise wenigstens insoweit zu benutzen, Land zu
erreichen.
Fünfzehntes Capitel.
Die Bootfahrt.
Hierbei war ihnen jetzt Timor, der ja früher auch mit in der Cajüte
aufgewartet und viel mit dem Proviant zu thun gehabt hatte, von
unendlichem Nutzen. Der Steward hatte nämlich, um den Zurückbleibenden
womöglich nichts als =die= Provisionen zu lassen, die nicht unter
seiner Aufsicht standen, alles was von Eingemachtem, sauren Gurken,
feinen Zwiebacken, Weinen und Liqueuren nur irgend noch vorräthig war,
entweder selber mitgenommen, oder, wo das nicht anging, zerstört. --
Die ganze Cajüte schwamm in Brandy und Wein, denn er schien, als er
zuletzt unten war, alle Flaschen die er nur möglicherweise erreichen
konnte, zerstoßen zu haben.
Die Mühe war aber vergebens gewesen, denn Timor wußte zu genau
überall Bescheid und brachte in kurzer Zeit eine solche Unmasse von
Delicatessen und Liqueuren angeschleppt, daß sie drei solche kleine
Boote hätten damit verproviantiren können. Das Beste wurde natürlich
von alle diesem ausgesucht, ein ziemlich bedeutender Wasservorrath in
kleinen Brandyfässern als Ballast unten angelegt, eine der Kisten mit
ihren nothwendigsten Sachen gepackt an Bord geschafft und um 11 Uhr
Morgens konnten sie schon die leichte Jölle von den eisernen Krahnen,
an denen sie noch unversehrt hing, in See lassen.
Dies war des Capitäns Jölle. Obgleich aber in Sydney wenig gebraucht,
da das Schiff dort dicht am Lande lag, nahm sie doch nicht viel Wasser
ein, und als sie eine Stunde in See gelegen, stand sie vollkommen dicht.
Etwa eine Stunde später war das Boot zum Absegeln bereit.
»Alle fertig?« rief Bill, indem er sein Ruder gegen die Seite des
Wracks setzte, das noch immer unbeweglich auf den Riffen saß.
»Alles klar!« lautete die Antwort, und im nächsten Augenblick glitten
sie von dem kahlen Rumpf ab und in denselben schmalen Canal hinein,
durch den ihnen schon an diesem Morgen die Barkasse vorangegangen war.
Bill saß am Steuer, Jean und François standen an den Segeln, Timor
kauerte vorne im Bug und schaute auf die unten vorübergleitenden
Korallenbäume nieder, und Jean und Hans saßen in der Mitte, der
erstere von den Strapatzen des Morgens, von seiner Schwimmpartie, die
ihm Timors List verschafft, und den Provisionstransporten verschnaufend,
und der andere sein Bein ausruhend.
Fünf Minuten später rannten sie aber plötzlich fest. -- Einzelne
Korallenstämme stiegen hier überall aus der Tiefe auf, und der hinten
am Steuer Sitzende konnte von dort aus solche Stellen auf dem blendenden
Spiegel des Wassers nicht deutlich genug erkennen, sie zu vermeiden.
François mit den englischen Ausdrücken nicht so vertraut, war auch
nicht dazu geeignet und Hans nahm deshalb den Platz vorne, dicht am Bug
ein, die nöthige Warnung zu geben, wenn irgend ein Hinderniß in ihrem
Fahrwasser liegen sollte.
Sie mußten auch über eine halbe Stunde arbeiten von dem einzelnen
Korallenbaum wieder abzukommen, der sie gerade in der Mitte unter dem
Boot gefaßt hatte und festhielt, und so steil ringsum niederlief, daß
sie mit ihren Rudern weder den Grund, noch ihr gerade unten befindliches
Hinderniß erreichen konnten. Endlich gelang es ihnen den Bootshaken
zwischen den Kiel und die Koralle zu bringen, und mit einem kurzen Ende
Tau an der äußern Spitze der starken Stange hoben sie das Boot etwas,
und konnten es seitwärts wieder in tief Wasser schieben. Hans paßte
von da an sorgfältig auf, und sie näherten sich mehr und mehr dem
tiefen Wasser des inneren Beckens.
Gerade an der letzten Wand oder Mauer die hier wieder zu einer
beträchtlichen Tiefe niederschoß, hatten sie aber wohl den weitesten
Canal verfehlt, denn hier starrten überall Korallenbäume empor. Sie
mußten Segel bergen, daß sie nur langsam mit der Strömung hindurch
liefen.
»Luff, Bill, Luff!« rief Hans, als sie auf diese »Barriere« (denn
_barrier reefs_ werden diese Felsen ja auch genannt) zuliefen, und
sich hier von einem breiten Streifen gelbgrünen Wassers eingeschlossen
sahen, aus dem überall oft wie dichtes Gebüsch, das zum Theil
wunderlich geformten und verkrüppelten Bäumen glich, eine braune
Korallenart emporschoß. »Luff, mehr noch, so halt, Steady jetzt --
tiefer -- tiefer -- noch tiefer -- Steady -- Luff wieder -- und nun
Cours --« rief er, sich lächelnd nach Bill umdrehend, der sich
die größte Mühe gab den so rasch wechselnden Befehlen zu folgen.
»Allons, François, Segel wieder in die Höhe, wir sind jetzt sicher.«
»Donnerwetter, Hans, du jagst mich ja förmlich im Zickzack herum,«
rief Bill, während er das Ruder von Steuer nach Backbord und wieder
zurück brachte, »sind wir hinaus?«
»Frei und sicher in der Torresstraße eingelaufen« gab ihm Hans,
viel fröhlicher, als er sich bis jetzt nur je gezeigt, zur Antwort. --
»Wetter, Mann, als ich das letztemal hier war, dachte ich nicht, daß
ich in einer Nußschale wie dies Ding hier, zurückkommen würde.«
»Bist du schon früher hier einmal durchgekommen?« frug Bill schnell
und erstaunt.
»Dies ist das fünfte Mal, Camerad, und Ihr könntet keinen besseren
Lootsen hier hindurch haben als mich. -- Wäre der Capitän ein
vernünftiger Mann gewesen, er hätte das Schiff da draußen nicht zu
verlieren gebraucht -- doch so ist's besser, und einmal flott, bekommen
wir auch wieder festen Boden, oder was mir lieber wäre, ein anderes
gutes Fahrzeug unter die Füße, mit dem wir weiter gehen können. Ist's
aber nicht anders, so mögen wir auch getrost mit diesem kleinen Ding
dem Monsun folgen. Wie die Jahreszeit jetzt hier ist, wollte ich in
einem Canoe von hier nach Batavia oder Singapore laufen.«
»Hör' einmal Hans,« sagte aber jetzt Bill, der ihm die ganze Zeit
schweigend zugehört hatte -- »ich wollte dich schon lange -- aber
Wetter noch einmal, wo steuern wir denn jetzt hin? der verdammte Schuft
von Capitän hat uns nicht einmal einen Compaß gelassen, und ich halte
da immer ins Blaue hinein.«
»Hier ist einer,« sagte Hans und löste ein Band von seinem Nacken
los, an dem eine kleine wunderzierlich von Kupfer gearbeitete und
mit Gold eingelegte Kapsel hing -- »gebrauch den so lange, er thut's
wenigstens zur Noth und steuere nur einen Westsüdwest-Cours, bis wir
Land in Sicht bekommen.«
»Verdammt wunderliches Ding,« brummte Bill, als er, das eine
Steuerreep so lange zwischen den Zähnen, die kleine Kapsel öffnete und
mißtrauisch von allen Seiten betrachtete, »wo ist denn darauf Norden
oder Süden -- Donnerwetter, das Ding steht ja nach allen Seiten hin und
-- hol's der Henker, die Nadel ist verkehrt angesetzt, die Pfeilspitze
sitzt auf der falschen Seite oder zeigt wahrhaftig nach Süden hin.«
»Es ist ein chinesischer Taschencompaß,« lachte Hans, »doch komm,
laß mich hin, ich will steuern und dabei kann ich dir erklären wie er
eingetheilt ist, du wirst dich bald hineinfinden.«
Bill ließ ihn auf seinen Platz, blieb aber neben ihm sitzen, und als
er sich die Sache hatte auseinander setzen lassen, die er bald begriff,
sagte er, Hans auf einmal wieder ansehend:
»Ja, Camerad, was ich dich vorher fragen wollte, wie mir da der Compaß
durch den Kopf fuhr, und was mir die letzten Tage im Schädel hin- und
hergegangen ist. -- Wo zum Teufel hast du denn auf einmal das viele
Englisch hergekriegt, und warum hast du's vorher nicht gesprochen? --
Ich will verdammt sein wenn ich jetzt glaube daß du irgend was anderes
bist als ein Engländer. Hol mich dieser und jener, wenn's nicht wahr
ist.«
»Und ich glaube, er spricht auch ebenso gut französisch, wie ich
selber,« lachte Jean, »und hat uns hier die ganze Reise zum besten
gehabt -- ich möchte nur wissen warum.«
»Wenn ich keinen Grund dazu gehabt hätte, Cameraden,« sagte Hans
gutmüthig, jetzt aber auf einmal ganz ernst geworden, »so hätt' ich's
nicht gethan. Da ich also einen Grund dafür haben muß, laßt mir den
auch. Wenn ich kann, sollt Ihr ihn später erfahren, bis dahin müßt
Ihr aber Geduld haben.«
»Kurz und süß wie wir bei uns sagen,« lachte Bill, »jetzt glaub'
ich aber auch, François verstellt sich ebenfalls, und kommt nächster
Tage einmal, nur hoffentlich bei einer andern Gelegenheit, mit einem so
reinen Englisch zu Tage wie's unser Schulmeister nur zu Hause aus uns
Jungen herausquetschen wollte. Doch meinetwegen, jeder nach seinem Spaß
und wie er's verantworten kann -- und nun erst einmal einen Schluck auf
gute Cameradschaft und glückliche Reise!«
Und damit langte er sich eine Flasche Portwein, die er, wie er
versicherte, ganz besonders zu diesem Zweck beigepackt habe, aus dem
kleinen Spintge, was unter dem Sternsitz angebracht war, heraus, that
erst selber einen kräftigen Zug und ließ dann die Flasche im Kreis
herumgehen. Selbst Timor wurde nicht vergessen.
Sie waren nun vollkommen in diesen wunderbaren Ort eingedrungen der,
nicht See, nicht festes Land, nicht Inselgruppe -- ein Mittelding
zwischen allen dreien zu halten scheint. Wenn sie über Bord schauten,
lag es tief unter ihnen manchmal wie die unergründliche Tiefe des
Meeres selber da, und manchmal wieder war es als ob sie in einem
Luftballon über weiten schneeigen Feldern mit Blitzesschnelle
hingeführt wurden. -- Waldungen, Ströme -- selbst Städte schwanden
mit einer nur etwas regen Einbildungskraft rasch vorüber, und wenn sie
plötzlich wieder in tiefer Wasser kamen, sah es gerade so aus, als
ob eine dunkle Wolke unter sie getreten sei, und nur die eben noch
gesehenen Bilder verdecke.
»Es wird einem ganz schwindlich wenn man so hinunterschaut,« brach
Jean endlich ein ziemlich langes Schweigen, indem sich jeder mit seinen
eigenen Gedanken beschäftigt hatte. »Ist das nicht gerade so, als
ob man meilenhoch über einer wundervollen, vom Mondlicht beschienenen
Landschaft hinwegflöge? sieh Bill, da kommt es wieder -- dort der Wald
-- dort das tiefe Thal.«
Bill warf einen Blick über Bord, wechselte sein Priemchen aus einer
Backe in die andere und lachte.
»Aber Mann, das sind ja die Korallen unten, über die wir weggehen! --
kaum drei Faden Tiefe und all solch verdammt bröckliches, aber zähes
Zeug wie die dort, die da über Wasser vorragen. -- _Bless you_, ein
Wald und Thäler -- der Mann phantasirt. -- Nimm noch einen Schluck von
dem Portwein, es wird dir ausnehmend gut thun.«
Bill war nichts weniger als ein Romantiker, und wenn er Bäume oder
Thäler sah, so mußten sie auch wirklich mit allem nöthigen Zubehör
da sein. Jean lächelte und blinzte nach Hans hinüber, Bill der das
aber sah, meinte gutmüthig: --
»Ja, lacht nur Jungen; =mir= ist's recht, aber hier haben wir in
Wirklichkeit Salzwasser unter und Korallen um uns, und wir =mögen=
wieder frei von der ganzen Geschichte kommen, das ist wahr, der Teufel
kann aber auch sein Spiel haben und uns sonst einen Possen spielen,
und nachher ist die Geschichte faul. Soviel ist jedoch gewiß, wenn das
Bäume da unten sind, so will ich nur wünschen daß keiner von uns in
ihren Schatten zu liegen kommt, das ist alles.« -- Und damit hob er die
Flasche gegen das Licht, zu sehen ob der Inhalt noch eines Zuges werth
war, und leerte sie dann ohne abzusetzen. Fertig damit, machte er eine
fast unwillkürliche Bewegung, sie über Bord zu werfen, hielt aber auch
ebenso rasch wieder ein und legte sie auf ihren alten Fleck zurück --
»halt,« sagte er dabei -- »zum Wegwerfen ist's noch immer Zeit, und
wer weiß wozu wir die noch einmal gebrauchen können, ehe wir andere
kriegen.«
Vor einer ziemlich steten und frischen Brise in dem jetzt hie und da
leise gekräuselten Wasser dahingleitend, schwand das Wrack mehr und
mehr am Horizont, und im Westen tauchten dafür schon einige dunkle
Punkte kleiner Inseln in diesen Korallengruppen empor, und boten dem
Steuernden, der nun seinen Compaß wieder schloß, ein festes Ziel, auf
das er halten konnte.
»Dort links hinüber liegt auch Land, wenn ich nicht irre« -- sagte
Bill, als sie mehrere Stunden ruhig fortgesegelt waren und wenig mehr
sprachen als eben zu ihrer Fahrt gehörte. -- »Am Ende ist das das
feste Land und wir hielten am besten dort gleich hinüber.«
»Habt Ihr Lust gefressen oder wenigstens Eures Bischen Fetts beraubt zu
werden, so mögen wir sehen daß wir die Nacht auf australischem
Boden zu schlafen kommen,« meinte da Hans. »Ich meinestheils hätte
geglaubt, wir wollten erst einmal eine von den Inseln erreichen und dann
Kriegsrath halten. Wir fahren uns dabei nicht einmal aus dem Weg, denn
was du siehst, Bill, kann schwerlich die Küste, sondern wird Hendriks
Insel sein -- eine kleine aufragende Spitze; -- wie?«
»Ja,« sagte Bill, der auf einen der Thwarten oder Bänke getreten war
und seine Augen mit der Hand gegen das helle Licht schützte, »ich kann
auch weiter nichts sehen als den Punkt -- doch halt, da rechts hinein
liegt noch mehr Land glaub' ich -- luff ein wenig mehr auf, Hans, wir
halten besser Strich.«
»Ich seh übrigens gar nicht ein,« meinte Jean, »weßhalb wir uns
hier im Boot nicht ebenso gut berathen können wie auf irgend einem der
kleinen Sandflecke in der Straße hier. Wir haben weiter nichts zu thun,
und je eher wir uns einen festen Plan bilden, desto besser.«
»Gut,« sagte Hans -- »und seid Ihr wirklich entschlossen den Landweg
nach Sydney zu wagen?«
»Entschlossen?« rief Bill erstaunt, »ei Mann, ich glaubte das
bedürfe gar keiner Frage mehr, sondern wir wollten nur berathen wie wir
am =schnellsten= zum Lande kämen.«
»Aber, Leute, Ihr bedenkt gar nicht was für ein Land Ihr durchwandern
wollt. -- Ich bin von Herzen gern dabei den Versuch mitzumachen, Euch
zu überzeugen, aber wir kommen keine 50 Meilen ins Innere, so viel ist
gewiß. -- Wir finden kein Wasser und verwünscht wenig zu essen, und
werden zuletzt froh sein, wenn uns die Schwarzen nur wieder zur Küste
zurücklassen.«
»Ja, aber was zum Donnerwetter sollten wir denn da eigentlich thun?«
frug Bill verblüfft -- »ich habe bis jetzt noch an gar nichts anderes
gedacht. Dann bleibt uns nichts übrig, als hinter dem Alten herzufahren
und uns vielleicht von demselben Schiff auflesen zu lassen, was den mit
fortnimmt. Deßhalb haben wir ja doch keinen Scandal mit dem Capitän
angefangen.«
»Nein, daran denk ich wahrhaftig nicht,« sagte Hans schnell -- »das
Schiff das ich betrete, möchte ich mir vorher =wählen=, und deßhalb
können wir meinetwegen erst irgendwo an der Küste landen und einen
Versuch machen; ich möchte das feste Land selber gern einmal sehen.
Geht es aber dort nicht, dann schiffen wir uns wieder ein und segeln mit
diesem Monsun, und von dieser Strömung begünstigt frisch und fröhlich
in den Indischen Archipel ein -- vielleicht gar nach Timor, wo wir ja
hier einen herrlichen Dolmetscher und Führer haben.«
»Gut, dabei bleibt's,« rief Jean schnell -- »es wäre doch wunderbar
wenn vier starke junge Kerle -- und Timor dürfen wir immer für einen
halben rechnen -- sich nicht durch die Welt schlagen könnten, sei's
wo's sei. Also frisch einen Südcours hinüber, Hans. Hier verlieren wir
zu viel Grund und Boden, und wir wollen gleich von vornherein wissen,
welche Aufnahme wir an der Küste zu erwarten haben.«
»Aber wird François damit einverstanden sein?« frug Hans auf diesen
blickend.
François verstand nicht viel englisch, doch genug den Sinn der
Verhandlung begriffen zu haben, und nickte lachend mit dem Kopf. --
»_Cest la même chose pour moi, camerade_,« rief er fröhlich, »wohin
es auch geht, ich bin dabei, und was die Indianer betrifft, so denk
ich brauchen wir uns deretwegen keine Sorge zu machen. Wir sind gut
bewaffnet und Schießgewehre kennen sie vielleicht hier oben noch gar
nicht.«
»Was sagt er?« frug Bill, der ihn indessen scharf angesehen hatte.
»Vorwärts« lachte Hans und luffte mit einer leisen Bewegung des
Ruders, scharf gegen den Wind an, »Brassen meine Burschen -- brassen;
so, das thuts François. Ich denke wir können mit diesem Cours der
Küste nahen.«
»S'ist doch ein merkwürdiges _gibberitch_ das Französische« brummte
Bill kopfschüttelnd. »Ich habe mich nun so lange zwischen Franzosen
herum getrieben, aber nie mehr davon wegkriegen können als _merci
Monsiehr_ und _sil woo plaze_ -- was beinah wie breit _Irish_ klingt. --
S'ist eigentlich merkwürdig daß wir Engländer, wenn wir uns ein paar
Worte französisch merken immer nur Höflichkeiten, und die Franzosen
bei ihrem ersten Englisch Sprechen nur Fluchen lernen. Hol mich dieser
und jener wenn nicht das erste Wort was ein Franzmann von unserer
Sprache begreift, jedesmal _God dam_ ist. -- Ich möchte nur wissen
woher das kommt, denn es ist ja doch gerade gegen beider Natur. -- Wenn
ich z. B. höflich sein soll, komme ich mir immer vor wie eine Katze die
schwimmen will. -- Wir sind einmal nicht daran gewöhnt.«
»Es mag doch wohl daher kommen,« sagte Hans lächelnd, »daß Ihr
Engländer so entsetzlich viel flucht, und die Franzosen so entsetzlich
viel höfliche Redensarten haben. -- Was die eine Nation nun von der
andern am meisten hört, behält sie auch am leichtesten.«
»Hm,« brummte Bill, »das wäre möglich, daran habe ich noch nicht
gedacht« und er saß eine Zeit lang so in Gedanken versunken da, daß
er nicht einmal merkte wie er eine neue Flasche vorgeholt, geöffnet und
einen langen Zug daraus gethan hatte.
Timor's Augen, obgleich er an dem Gespräch nicht Theil nahm,
leuchteten, als er die Möglichkeit vor sich auftauchen sah, sein lange
nicht gesehenes Heimathland wieder zu betreten. Nur soviel eifriger
machte er sich jetzt daran die Angelgeräthschaften, die er auch an Bord
des Boreas unter Händen gehabt, hervorzusuchen, und seinen Fischfang
zu beginnen. Zu dem Zweck befestigte er jetzt ein Stück rothes Zeug
an einem ziemlich starken Haken, und ließ es, etwa zehn Ellen vom Boot
entfernt, nachschleifen.
Das kleine ziemlich schwerbeladene Boot legte sich indessen, mit
dem Wind recht breit von der Seite in die Segel, fast bis an den
Steuerbordrand auf das Wasser, und die Besatzung mußte nach Backbord
hinüberrücken, das Gleichgewicht wieder herzustellen. Nach Südwesten
zu wurden jetzt schon die drei Spitzen der Hannibals Inseln sichtbar.
Nachmittag starb der Wind aber plötzlich weg, und um nicht von der
Strömung zu weit westlich getrieben zu werden, ruderten sie nach einer
kleinen Sandbank, deren weißen Rücken sie über dem dunklen Wasser
vielleicht zwei Meilen vor sich konnten herausschimmern sehen, und
warfen dort Anker. Timor hatte allerdings einen Fisch gefangen, niemand
aber daran gedacht Feuerholz vom Schiff mitzunehmen, und da auf dieser
Sandbank auch nicht der kleinste Strauch, ja kein Grashalm wuchs,
mußten sie ihr Abendbrod, von ihren Vorräthen halten und den Fisch auf
morgen sparen.
Die Nacht schliefen sie im Boot, mit regelmäßig ausgestellter Wache.
Es ließ sich indessen nicht das mindeste hören oder sehen, was sie
hätte beunruhigen können. Die Nacht war warm und ruhig, und erst gegen
Morgen erhob sich wieder eine schwache Ostbrise, bei der Hans, dessen
Wacht es war, den leichten Anker hob, die Segel setzte und langsam über
das spiegelglatte Wasser hinglitt. Als die andern erwachten, fanden sie
sich zu ihrem Erstaunen schon wieder unterwegs und die Sandbank, die
jetzt bei Fluthzeit auch fast bedeckt war, weit hinter sich.
Der Wind blieb übrigens den ganzen Tag sehr schwach; sie mußten
zweimal wieder ankern, und erreichten den zweiten Abend mit genauer Noth
die nördlichsten der Hannibal Inseln, wie sie auf der Karte genannt
sind -- ein niederer, nur mit wenigem Gesträuch bedeckter Felsen unter
dessen Lee sie ankerten, und es vorzogen wieder im Boot zu schlafen.
Abends gingen sie aber vorher an Land und brieten mit zusammengesuchtem
trockenen Holz eine tüchtige Portion delicater Fische, die Timor über
Tag gefangen.
Hans war allerdings nicht recht damit einverstanden daß sie ein Feuer
anmachten, denn wenn sie das auch vorsichtigerweise auf der Nordseite
der Insel thaten, so daß es von der jetzt deutlich sichtbaren Küste
des festen Landes aus nicht gesehen werden konnte, so mochte der
aufsteigende Rauch dort etwa herumstreifenden Wilden leicht verrathen,
daß sich hier Fremde aufhielten. Bill wollte davon aber nichts hören,
und meinte die schwarzen Schufte würden dann ebenso wenig wissen, ob es
nicht Fischer von ihrem eigenen Stamm wären, als Weiße, und wenn sie
=jetzt= schon in der Hinsicht so ängstlich sein wollten, wie das dann
nachher werden sollte? Die Fische wurden deshalb auch gebraten und
schmeckten ausgezeichnet.
Am nächsten Morgen wehte ihnen ein schwacher Landwind gerade entgegen,
und erst um 10 Uhr konnten sie Segel setzen und den Anker lichten. Die
australische Küste trat jetzt immer klarer und deutlicher heraus. Sie
konnten schon das niedere buschige Gehölz, das ihre Ufer bedeckte,
unterscheiden. An der weißen sandigen Bank ließen sich aber keine
menschlichen Wesen erkennen, und sie sahen auch nirgends Rauch
aufsteigen. Der ganze Strich hier schien vollkommen unbewohnt, und Hans,
der wieder am Steuer saß, bat Bill, ihm doch das kleine Fernrohr, das
gleich oben links in der Kiste lag, herüberzureichen.
»Wenn wir hier nicht mit Wilden zu thun bekommen, finden wir auch kein
Wasser,« sagte er, nachdem er das Land eine Weile mit dem Fernglas
überflogen hatte. -- »Willst du das Glas haben, Bill?«
»Merci,« meinte dieser trocken, ohne den Arm nach dem dargereichten
auszustrecken, »wenn Brandy drin wäre, ja, -- weiß der Henker woher
es kommt, ich bin doch sonst nicht so ungeschickt. Mit den Dingern
da aber habe ich mich nie befreunden können, und wenn ich durchsehe
schwimmt mir immer Alles vor den Augen. Gerade so geht mir's auch mit
den Gewehren; abdrücken kann ich sie, aber wo die Kugel hingeht das ist
ihre Sache. Siehst =du= nichts, Hans?«
»Nicht das mindeste,« sagte dieser, das Glas Jean hinüberreichend.
»Nun so viel besser, denn da können wir die Gegend ungestört
untersuchen und nachher immer noch thun was uns gefällt.«
Gegen Abend starb der Wind wieder weg, und sie mußten diesmal zu den
Rudern greifen, denn es war hier so tief, daß sie nicht einmal
hätten ankern können. Mit Sonnenuntergang waren sie etwa noch einen
Büchsenschuß vom Lande ab, in vier Faden Wasser, und beschlossen
dort auch die Nacht zu bleiben. Sie wollten sich nicht gerade mit
Dunkelwerden einem vollkommen fremden Küstenstrich anvertrauen, an dem
sie weder die Bewohner, noch die Thiere kannten.
»Was es nur hier für Bestien geben mag,« sagte Jean, als sie ihren
Anker fallen gelassen, die Segel geborgen und niedergelegt, und ihr
Abendbrod auf zwei besonders dazu aufgestellten Weinkisten ausgebreitet
hatten, »weiß man denn gar nichts davon?«
»Der erste der hier ins Innere eingedrungen ist, und durch den
wir einigermaßen Nachrichten von diesem bis jetzt noch meist
geheimnißvollen Küstenstrich erhalten haben,« sagte Hans, »war ein
Deutscher, ein Dr. Leichhardt, der mit einer kleinen Gesellschaft und
mit aufopfernder Kühnheit diese Küste bis weit gegen Westen besucht
hat. Diesem nach haben wir hier aber eine ganz andere Thierwelt als im
südlichen Australien, und es soll an der nördlichen Küste Krokodile
und Büffel geben. Ob wir die auch hier so weit im Osten finden würden,
weiß ich nicht. Känguruhs giebt's aber jedenfalls, und deren Erlegung
wäre das einzige, von dem wir hoffen könnten im Innern zu existiren.
-- =Seht= aber das Land erst, und wenn Ihr euern Plan durch das Innere
zu gehen, dann =nicht= aufgebt, dann seid Ihr die ersten Matrosen oder
Fischer, die das Land nicht satt hatten und wieder nach Salzwasser
schnappten.«
»Unsinn,« lachte Jean, »ich will Gott danken wenn ich nur erst einmal
wieder vom Salzwasser hinunter bin. -- Nein, ich habe mir Australien zu
meiner künftigen Heimath erwählt, und je schneller ich Sydney wieder
erreiche, desto besser -- und nachher nie mehr zur See.«
Hans hatte das Fernglas wieder aufgenommen und schaute so lange nach
der Küste hinüber als es ihm die jetzt rasch einbrechende Dämmerung
erlaubte. Es ließ sich aber nicht das mindeste verdächtige erkennen,
und auf dem blendend weißen Korallensand der das Ufer bildete, hätte
ihm der kleinste dunkle Gegenstand, der sich nur im mindesten bewegte,
augenblicklich ins Auge fallen müssen.
Darüber beruhigt ging er wieder an sein Abendessen und die Wacht wurde,
als sich die andern zum Schlafen niederlegten, aufgesetzt. Hans hatte
die erste Wacht, Jean die zweite, François die dritte, und Bill die
Morgenwacht. Timor durfte die ganze Nacht schlafen.
Als sich die Männer, so gut das der enge Raum erlaubte, ausgestreckt,
und für eine gute Rast eingerichtet hatten, sah Hans noch einmal
nach seinem Gewehr, setzte frische Zündhütchen auf und legte es zum
augenblicklichen Gebrauch an seiner Seite nieder. Dann schob er sich
seine zusammengerollte wollene Decke unter den Rücken, und schaute, auf
diese gestützt, träumend zu den leichten über ihn hinziehenden Wolken
und blinkenden Sternen empor, manchmal nur aufhorchend, wenn er irgend
ein fernes Geräusch zu hören glaubte oder ein aufschnellender Fisch,
zweimal auch ein eigenthümlicher Schrei vom Lande herüber, der Ruf
irgend eines fremdartigen Nachtvogels, die Stille unterbrach.
Hätte er die sechs dunklen Gestalten gesehen, die still und
geräuschlos, aber schnell wie das Wild ihrer Wälder durch die
düsteren Uferbüsche glitten und nach Osten zu dem Strand hinaufliefen,
dessen hellen Sand zu betreten sie sich aber wohl hüteten, er würde
die Stunden seiner Wacht nicht so ruhig verträumt und sich nachher mit
so leichtem Herzen zum Schlafen niedergelegt haben. So aber wandte sich
sein Geist bald von der Gegenwart ab. -- Den Kopf in die Hand gestützt
und mit den Blicken an den funkelnden Sternen über ihm haftend, dachte
er bald keiner Gefahr mehr die ihnen hier drohen konnte. -- Die Bilder
der Vergangenheit gingen vor seiner inneren Seele vorüber, und die
Stunden der Wacht schwanden ihm wie Minuten dahin.
Jean hatte eine Uhr, die einzige an Bord, die der Wachthabende jedesmal
in Verwahrung bekam. Die ersten drei Wachen verliefen übrigens
vollkommen ruhig, und als Bill sich, von François geweckt, aufrichtete,
schliefen Hans, Jean und Timor so fest, als ob sie in irgend einer wohl
verwahrten und civilisirten Stadt in ihren Betten lägen und dort auch,
bis Morgens der Kaffee käme, jedenfalls liegen bleiben wollten.
»Hallo,« sagte Bill und rieb sich die Augen -- »was zum Henker, ist's
schon zwei Uhr? -- ich glaubte, ich hätte mich eben erst niedergelegt.
-- Es wird ordentlich kalt, Morgens.«
»Schon drei Uhr fast, Kamerad,« versicherte François, »Alles ruhig
gewesen!« Damit übergab er dem Wachthabenden die Uhr und rollte sich
ebenfalls in seine Decke, die Beine über die nächste Bank streckend.
Bill war übrigens zu lange in Australien gewesen sich nicht indessen an
ein Pfeifchen gewöhnt zu haben, aus dem sich sonst Matrosen, wenn sie
ihren Kautabak haben, gewöhnlich nicht viel machen. Vor allen Dingen
knöpfte er sich aber erst einmal warm in seine dicke Lootsenjacke ein,
denn die Morgenluft zog schon scharf von Osten her über das Wasser,
schnitt sich dann in der Hand eine Pfeife voll Kautaback klein, stopfte
seinen kurzen irdenen Stummel und schlug Feuer. -- Das dauerte aber wohl
eine Viertelstunde lang, denn der Schwamm war feucht geworden und wollte
nicht fangen. Bill wurde auch endlich ärgerlich darüber und fluchte
nach Matrosenart, bis er zuletzt all seine Kraftwörter erschöpft
hatte, und nur immer bei jedem Schlage _damn it_ -- _damn it_ --
_damn it_, brummte. Endlich bekam er Feuer, setzte sich dann mit
übergeschlagenen Beinen und die Schulter bequem gegen den kleinen Mast
gestützt, in Wachtpositur, und qualmte aus Leibeskräften.
Sechszehntes Capitel.
Der Morgenbesuch.
Durch das Feuerschlagen war Timor wach geworden und richtete sich
ebenfalls auf. Es schien ihm aber zu frisch außerhalb der Decke, und
noch halb im Schlaf sah er nur einmal über den Bootsrand weg neben dem
er lag, nach dem Lande zu, und wickelte sich dann wieder, so warm es ihm
möglich war, ein.
Bill wußte nun allerdings recht gut daß er die Wacht hatte, und nicht
allein munter bleiben, sondern auch aufpassen mußte; aber es war ihm
nur eine höchst unbestimmte Idee, auf =was= eigentlich. Canoes hatten
sie am Abend vorher nicht gesehen, und so dunkel wie es jetzt geworden
war, sollte es den Wilden, wenn überhaupt welche an der Küste hausten,
sehr schwer werden das fremde Boot zu finden. Keinenfalls hätten sie
aber so geräuschlos anrudern können, daß sie von ihm nicht bemerkt
wären, und in dieser Hinsicht fühlte er sich auch vollkommen beruhigt.
Das Wetter sah ebenfalls günstig aus, denn obgleich sich am Himmel hie
und da dichte Wolken sammelten, versprachen die mehr einen möglichen
Regenschauer als viel Wind. Ueberdies lagen sie hier durch das Land
durchaus geschützt, und brauchten nicht das mindeste für ihr kleines
Boot zu befürchten. Die Wacht versprach also, ebenso wie die
übrigen drei, ohne das mindeste Außergewöhnliche abzulaufen.
Nichtsdestoweniger setzte er sich so, daß er den schmalen
Wasserstreifen, der zwischen dem festen Land und ihrer Jölle lag,
vollkommen übersehen konnte, und bließ, den rechten Ellbogen auf
das rechte übergeschlagene Knie gestützt, seinen Tabaksdampf in
regelmäßigen Puffen dem Morgenwind entgegen.
So mochte es vier Uhr geworden sein. Bill hatte sich seine dritte Pfeife
gestopft, und im Osten zeigte sich eben der erste graue Dämmerschein
des nahenden Tages. Der Schwamm war aber diesmal nicht gefälliger als
das erstemal, und Timor, der überdies die ganze Nacht vortrefflich
geschlafen, und auch am Schiff daran gewöhnt war meist um diese Zeit
aufzustehen und Kaffee zu kochen, richtete sich bei dem hartnäckigen
Feueranschlagen des Matrosen auf den Ellbogen in die Höhe und frug
leise, die anderen nicht zu stören:
»Wie viel Uhr, Tuwan Bill. -- Wird's schon Tag? es muß noch früh
sein?«
Bill, überhaupt kein großer Freund von vielen Worten, zeigte mit der
Pfeifenspitze nur gerade nach Osten hin und sagte, indem er den Kopf
ebenfalls dorthin drehte -- »kommt eben.«
Timor folgte seiner Bewegung und schaute mehrere Minuten lang schweigend
nach dem östlichen Horizont hinüber, das Wachsen des lichten Streifens
zu beobachten. Plötzlich richtete er sich aber ein wenig höher auf,
machte sich seinen rechten Arm frei, rieb sich die Augen, und schaute
wieder unverwandt nach der Gegend hin. Er faßte zugleich Bills Knie und
drückte es leise. --
»Tuwan Bill,« flüsterte er dabei, doch so geräuschlos, daß die
Laute kaum zu des Mannes Ohr drangen -- »was ist das dort -- Fische?«
Bill drehte den Kopf dorthin, wohin der junge Malaye zeigte, und sah
allerdings gerade in diesem Augenblick einen dunklen Gegenstand über
dem Wasser vorkommen. -- Aber er hob sich nur höchstens einen Fuß
über die Oberfläche, glitt etwa zwei oder drei Fuß darüber hin, und
verschwand dann wieder.
»Tümmler,« sagte Bill laut, als gleich darauf vier oder fünf
derselben Art dem ersten folgten; »es sind Fische, Timor, mit denen
können wir uns jetzt aber nicht einlassen. Wenn wir an so einen fest
kämen, schleppte uns der mit Anker und allem, Gott weiß wohin.« Er
nahm seine alte Stellung wieder ein und rauchte ruhig weiter, während
Timor eine Weile die Fische beobachtete. Sie kamen nach kurzer Zeit
noch einmal zum Vorschein -- etwas näher dem Boote zu, wo auch eine
ziemliche Menge Seetang, an einen der vorragenden Korallenfelsen
wahrscheinlich, an- und festgeschwemmt war. Der Tang bildete dort eine
volle, dunkle Masse. Der Tag war aber noch nicht weit genug vorgerückt,
mehr als einen schwarzen schattigen Streifen davon erkennen zu lassen.
Der Tang lag nach NO. zu.
Es ist vielleicht nöthig den Leser hier darauf aufmerksam zu machen wie
das Boot zu der Küste geankert hatte. Die australische Küste, an deren
nördlichem Ufer sie sich hier befanden, streckte sich von Osten nach
Westen hin, und bildete dadurch die südliche Bank der Torresstraße.
Der vorherrschende Wind war in dieser Jahreszeit der Ostwind, und die
Strömung setzte deshalb auch, durch Ebbe und Fluth nur wenig beherrscht
oder geändert, in ziemlicher Stärke nach Westen. Das kleine Boot
»ritt« vor seinem Anker der es festhielt, während es zugleich der
Strömung, so weit es der Anker ließ, nachgab, und deshalb mit seinem
Bug gerade nach Osten, vielleicht einen Strich noch südlich, zeigte,
da eine, gerade hier oberhalb liegende kleine Bucht die Strömung
gewissermaßen aufgefangen hatte, und da wo sie lagen, in die Straße
zurückführte. Die Steuerbord oder Starbordseite des Bootes zeigte
deshalb nach dem Lande, die Backbordseite nach der offenen Straße hin.
Timor, der vorn im Bug kauerte, fing an zu frieren; die Morgenluft war,
trotz der niederen Breite in der sie sich befanden, ziemlich frisch, und
er wickelte sich wieder in seine Decke. Die Fische wollten ihm aber doch
noch nicht aus dem Kopf, und ehe er sich auf's neue hinlegte, warf er
noch einen Blick nach dem Tang hinüber, wo sie verschwunden waren.
Der graue Streifen im Osten war indessen auch etwas breiter und lichter
geworden, ohne jedoch noch mehr zu vermögen als einen matten falben
Schein auf das sonst fast spiegelglatte Wasser zu werfen, was eher das
Auge blendete, als ihm die Gegenstände unterscheiden half. Trotzdem
glaubte er sich wieder Etwas nach jener Richtung hin bewegen zu sehen,
und sprang noch einmal auf, stieg auf die vordere Bank und schaute
scharf hinüber.
»Das sind im Leben keine Tümmler,« murmelte er dann für sich, auf
malayisch -- »das sind entweder Schildkröten oder andere Fische, und
vielleicht kommen sie dicht ans Boot heran, daß wir einen mit dem Elker
(eine kleine fünf- oder dreizackige Harpune) erreichen können. -- Ich
will wenigstens alles fertig machen.«
Der Elker lag aber mitten im Boot, und die Spitzen staken unter dem
hinteren Sitz, damit sich niemand die Nacht hineinreißen konnte. Um ihn
zu bekommen mußte der junge Bursche über François wegsteigen, und die
Stange jetzt hebend und vorziehend, konnte er nicht verhindern daß er
Hans anstieß und weckte. Dieser, als er sich berührt fühlte, fuhr
rasch in die Höhe und frug »was es gäbe?«
»O nichts,« sagte der Malaye leise, »legt Euch ruhig wieder hin, ich
wollte nur die Harpune vorholen und bin ungeschickt dabei gewesen. -- Es
sind Fische da, die vielleicht zum Boot herankommen.«
»Was für Fische, Timor?« sagte Hans, sich die Haare aus dem Gesicht
streichend und seine Mütze, die ihm im Schlaf heruntergefallen war,
wieder aufsetzend. --
»O ich weiß selber noch nicht, ich kann nur sehen wo sie sich
bewegen,« erwiederte Timor. -- »Sie scheinen hier ums Boot herum
zu spielen und kommen vielleicht näher.« Timor sprach mit Hans
gewöhnlich in seiner eigenen Sprache, und deshalb lauter mit ihm als
den anderen.
Hans richtete sich auf und warf einen Blick um sich. Er schaute nach
den sich lichtenden Wolken und dem noch düster vor ihnen liegenden
Küstenstreifen hinüber. Timor aber, der glaubte daß er den Platz
suche wo die Fische wären, zeigte mit dem Arm nach dem Tang hinüber,
der aber jetzt vollkommen regungslos blieb. Der Tang konnte etwa 60
Schritt von ihnen entfernt sein.
»Da war aber etwas, mehr nach dem Lande hin,« sagte Hans, dessen Blick
unwillkürlich der Richtung gefolgt war, die ihm Timors Arm bezeichnete.
-- »Das muß ein großer Fisch gewesen sein, und ich hätte gar nicht
geglaubt, daß sich die so weit nach dem Lande zu verlieren. Wirf ja
nicht die Harpune nach solch einem Burschen, wenn er hier herankommen
sollte, Timor, denn entweder riß er dich selber mit über Bord, oder
wir sehen nie etwas von dem Elker wieder, und es ist der einzige den
wir mit haben. -- Halt, da wieder -- er will zwischen dem Lande und uns
durch.«
Der Fisch ging aber tief, und kam nicht wieder auf, wenigstens nicht
daß es Hans und Timor bemerkt hätten. Durch das Sprechen war jedoch
François ebenfalls munter gemacht, richtete sich auf, und rief den
anderen beiden seinen guten Morgen zu.
»_Qu'est -- ce que c'est ça?_« -- rief er aber plötzlich, den Arm
nach dem Lande ausstreckend -- »_des poissons?_«
»Nein, bei Gott nicht!« rief Hans, der bei dem jetzt deutlich zu ihnen
herüberschallenden Plätschern den Kopf rasch dorthin drehte -- »das
sind keine Fische -- das ist ein Schwarzer, und ich habe doch niemand
ins Wasser steigen sehen.«
»Wo?« rief Bill, und richtete sich rasch in die Höhe; auch Jean wurde
munter.
Bill hatte seine Muskete aufgegriffen und schaute scharf nach dem
Gegenstand hin, der sich jetzt gar nicht mehr verkennen ließ. Es war
jedenfalls ein Indianer, der hier ganz unbesorgt, etwa 60 Schritt von
ihrem Boot entfernt, herumschwamm und tauchte. Als er übrigens bemerken
mochte, daß aller Blicke nach ihm gerichtet waren, hob er sich, so
weit er das schwimmend konnte, aus dem Wasser und rief etwas nach ihnen
hinüber.
=Was= er rief konnten sie natürlich nicht verstehen, Hans aber, um ihm
zu zeigen daß er gesehen sei, antwortete ihm auf gut Glück in einem
südaustralischen Dialekte, obgleich er kaum hoffen durfte von ihm
verstanden zu werden. Jeder australische Stamm hat fast eine andere
Sprache.
»_Parni tirriapindo_ -- komm näher heran.« Der Wilde, als ob er wisse
was man von ihm verlange, kam jetzt einige Striche herangeschwommen, und
hielt dann wieder wie unschlüssig.
In demselben Augenblicke wurden nach Norden zu, also an der dem Land
entgegengesetzten Seite, mehrere Köpfe über Wasser sichtbar, tauchten
aber auch schon nach wenigen Secunden wieder unter -- sie waren nur zum
Athemholen in die Höhe gestiegen, und befanden sich keine 30 Schritte
mehr vom Boot. Die Aufmerksamkeit der Matrosen wurde jedoch durch
den neuen Aufruf des Wilden zu sehr in Anspruch genommen, um sich der
anderen Seite zuzuwenden. -- Sie sahen nicht was hinter ihnen vorging.
»Es wäre gut, wenn wir uns einen der Burschen zum Freund machen
könnten,« sagte Hans zu Jean gewandt -- »der würde uns auf dem
festen Land von unberechenbarem Nutzen sein. Wir wollen es jedenfalls
versuchen.«
»_Nunja ngun renga patlerti!_« rief der Wilde jetzt deutlich zu ihnen
herüber.
»Hol' der Teufel die Sprache,« brummte Hans, »ich verstehe kein Wort
davon.«
Dicht unter Backbord des Bootes tauchte ein schwarzer Kopf auf und ein
paar dunkle Augen blickten scheu empor -- jetzt noch einer, jetzt ein
dritter. Die Männer im Boot hätten sie müssen Athem holen hören.
»Wir wollen ein Tuch nehmen und damit wehen,« rief Jean -- »einen
grünen Busch haben wir ja doch nicht hier, und er wird verstehen daß
das freundlich gemeint ist.«
»_Parni tirriapindo!_« munterte ihn Hans noch einmal dabei auf, weil
Jener das vorher verstanden zu haben schien, und Jean schwenkte das
Tuch. --
»_Diable!_« schrie in diesem Augenblick François -- und riß sein
Messer, das er wie jeder Matrose an der Seite trug, aus der Scheide. --
Hans wollte sich umdrehen, verlor aber auch schon das Gleichgewicht, und
fiel mit beiden Händen auf den Bootrand zu Steuerbord. Am Backbordrand
hingen in dem Moment fünf dunkle Gestalten und suchten, sich so
hoch das ging aus dem Wasser schnellend, mit ihrem Gewicht den Rand
niederzudrücken, und das Boot jedenfalls dadurch zu füllen und zu
versenken.