»Mit einem Franzosen; ich dächte doch du kenntest mich besser, als
daß ich mich an einen der Parlewus hängen sollte. Daß er mir den Hof
gemacht hat weißt du, und in Ehren kann man auch ein Geschenk annehmen.
Damit ist die Sache aber auch fertig, und wenn du nun noch einmal --«
Ein scharfer, vom Hof gellender Pfiff unterbrach hier ihre Rede, und das
Mädchen schrack so auffallend zusammen, daß es Charles selbst in der
dunklen Flur auffallen mußte.
»Hallo!« sagte er leise und horchte -- Polly wollte nach dem Hof
zu gehen, er faßte sie aber am Arm und flüsterte: »bleib nur einen
Augenblick hier, Polly -- wir gehen gleich zusammen.«
Vorsichtige Schritte wurden jetzt gehört, die fast geräuschlos aber
rasch die Treppe hinaufgingen. -- Sie verriethen, daß der welcher
diesen Weg nahm, ihn schon mehr als einmal gegangen sein mußte.
Charles mochte das wohl auch fühlen, denn als die Tritte mehr nach oben
verhallten und die Stufen jetzt kaum hörbar im zweiten Stock knarrten,
sagte er leise vor sich hinlachend:
»Der kennt jede Stufe im ganzen Haus, darauf wollt' ich schwören. --
Also das sind die ersten sechs Pfund, Polly, wie? --«
Das Mädchen stand einen Augenblick wie unschlüssig da -- sie
erwiederte kein Wort. Endlich als oben eine Thür leise aufging und
wieder geschlossen wurde, sagte sie, mehr zu sich selber als zu
dem jungen Manne sprechend, und wie nur mit ihren eigenen Gedanken
beschäftigt:
»Er hat mir Geld zum Aufheben gegeben.«
»Für so dumm hätt' ich ihn nicht gehalten«, meinte Charles trocken,
-- »doch Matrosen wissen überhaupt nicht ihr Geld zu wahren. -- Gehe
aber jetzt in die Stube, Polly, ich will noch etwas warten, damit kein
Verdacht auf dich fällt.«
»Aber Charles --«
»Aber Polly -- Und nicht etwa ein Zeichen gegeben. -- Ich gehe nicht
fort, ich bleibe hier unten an der Treppe stehen -- _good bye_, Polly
-- Heut Abend werden wir nicht weiter mitsammen sprechen können, morgen
Mittag aber komm ich her und sage dir Antwort, und -- laß der Alten
nichts merken.« Damit nahm er die sich nur schwach Sträubende ohne
weitere Umstände beim Kopf, küßte sie herzhaft ab und öffnete dann
selber, ihr jede weitere Einrede abzuschneiden, die Thür, hinter der
er sich aber wohlweislich verborgen hielt. Es blieb Polly auch gar
kein anderer Ausweg als einzutreten, und um ihre Bewegung zu verbergen,
machte sie sich, so viel sie konnte, im Zimmer Beschäftigung, wischte
die Tische ab, und trocknete die Gläser aus.
Noch war sie mit dieser letzten Arbeit beschäftigt, als dicht vor dem
Fenster, draußen auf der Straße, dreimal mit einem schweren Stock
aufgestoßen wurde -- sie erschrack so heftig darüber, daß sie das
eben erst aufgenommene Glas fallen ließ, wobei es in Scherben brach.
Während Mrs. Mac Carther noch darüber zankte, standen die beiden
Männer, die am Tisch gesessen hatten, auf, tranken das letzte aus was
sie noch im Glas hatten, und verließen langsam das Zimmer. Das diente
ebenfalls nicht dazu Madame in bessere Laune zu bringen.
»Da geht das Lumpengesindel, das in zwei Stunden für einen Sixpence
verzehrt hat -- und dafür muß man Licht verbrennen und Gläser
zerbrechen lassen. Wenn ich meinen Willen hätte, so würden die Tische
und Bänke hier eher zu Feuerholz verbrannt, als daß sie mit hälfen
das faule, povere Gesindel auch noch hier in seinem Müßiggang zu
bestärken, und Einem zu Schimpf und Aerger da sitzen zu bleiben.«
Mac Carther, der durch das Zerbrechen des Glases erwacht und aufgefahren
war, warf einen vorsichtigen Blick im Zimmer umher. Da er aber niemanden
bemerkte, wollte er sich eben wieder auf seinen alten Sitz niederlassen,
als er schwere Schritte auf der Hausflur hörte. Er war noch nicht
ganz hinter dem Schenktisch vor als die Thür aufging, Charles den Kopf
hereinsteckte und sagte:
»Mr. Mac Carther, auf ein Wort.«
Polly horchte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit, und das Herz schlug
ihr fast hörbar in der Brust, aber sie konnte nichts verstehen. -- Die
Männer gingen zusammen die Treppe hinauf -- sie konnte es endlich
nicht länger aushalten, ging an die Thüre und öffnete diese. -- Oben
entstand Geräusch -- ein Schlüssel wurde im Schloß umgedreht und dann
angeklopft -- Alles ruhig -- im nächsten Augenblick schallte ein Lärm
herunter, als ob eine Thür aufgebrochen würde.
»Polly« -- rief Mrs. Mac Carthers Stimme -- Polly drehte sich um
und ein ganzer Schwarm Matrosen kam in diesem Augenblick durch die
Mittelthür ins Zimmer -- Brandy, Ale, Porter, Portwein, alle nur
möglichen Getränke wurden verlangt, und Polly hätte gerade in diesem
Moment Gott weiß was dafür gegeben, nur wenigstens eine ungestörte
Viertelstunde zu haben. Bald darauf kamen die Schritte wieder die Treppe
herunter; Stimmen wurden auf der Hausflur gehört und das Geräusch
verlor sich auf der Straße. Fast in demselben Augenblick kam Mr.
Mac Carther herein, warf die Thür hinter sich zu, daß die Fenster
klirrten, griff seinen Hut auf und stürmte wieder hinaus.
Gleich darauf war Alles ruhig und Polly sagte leise vor sich hin --
»Gott sei Dank, daß es vorbei ist.«
Als Charles Mr. Mac Carther zu sich auf die Flur gerufen hatte, sagte er
zu diesem freundlich:
»Mr. Mac Carther, wollten Sie wohl die Güte haben, mir das kleine
Hinterzimmer im zweiten Stock noch einmal aufzuschließen. Ich und meine
beiden Freunde hier« -- die zwei Männer, die zum Aerger seiner Frau
so lange an dem »Nobbler«[5] getrunken hatten -- »wünschen sich die
Gelegenheit zu besehen.«
»Mit dem größten Vergnügen«, sagte Mr. Mac Carther, bei dem solche
Haussuchungen keineswegs eine Seltenheit waren, und ging ruhig die
Treppe vorne hinauf. -- Er hatte keine Idee von dem Schreck der ihm
bevorstand.
Charles kannte nur zu genau den Ort wo er zu suchen hatte. Als sie die
Thür von innen verschlossen fanden, wurde sie einfach aufgebrochen, und
Jean sah sich im nächsten Augenblick in Eisen und den Händen eines der
Gerichtsdiener, der den weiter keinen Widerstand Leistenden, nach schon
früher erhaltenem Befehle, direct zur Wasserpolizei hinunterführte.
Der Wirth war über diese Entdeckung, die ihn in die größte
Unannehmlichkeit bringen konnte, außer sich, und suchte sich nur vor
allen Dingen bei Charles, dem er die heiligsten Versicherungen seiner
Unschuld und gänzlichen Unwissenheit von dem Vorgefallenen gab, zu
vertheidigen. In dessen eigenem Interesse lag es aber ihn zu beruhigen,
und er versicherte Mr. Mac Carther daher, daß er recht gut wisse, der
Gefangene habe nicht bei ihm gewohnt, ja er sei ihm sogar die ganze
Straße herauf bis in's Haus und an die Thür gefolgt, und er glaube der
Franzose habe sich hier nur herein geflüchtet, weil er jemanden hinter
sich bemerkt habe der ihm nachschliche, dadurch vielleicht seinen
etwaigen Verfolger von der richtigen Spur abzubringen. Er konnte ja
nicht wissen, daß dieser gerade so genau in dem goldenen Kreuz bekannt
sei.
Mr. Mac Carther drückte ihm die Hand, faßte ihn dann unter den Arm
und führte ihn, während der eine der Leute mit dem Gefangenen abging,
etwas bei Seite.
»Mr. Charles«, flüsterte er hier leise und vertraulich -- »nicht
wahr, es sind auf das Einbringen der Matrosen vom Boreas sechs Pfd. St.
per Mann gesetzt -- wie? ich habe es heute Abend erst gehört und wollte
Sie morgen früh selber aufsuchen.«
»Allerdings«, erwiederte ihm Charles lächelnd -- »haben Sie eine
Spur?«
»Eine Spur?« sagte Mac Carther leise, und kniff den Polizeidiener
vertraulich in den Arm -- »wollt Ihr ein hübsches Trinkgeld verdienen,
Freundchen?«
Der junge Mann von der Wasserpolizei bog sich zu ihm hinüber, hielt
seinen Mund dicht an das Ohr des Wirthes und flüsterte:
»Nicht wahr, wenn ich hinüber an das North Shore in Kennedy's alte
Hütte ginge?«
Mac Carther machte sich rasch von ihm los, und sah ihn erschreckt an.
Charles lachte. -- »Ja, ja, mein alter Fuchs«, fuhr er dann lauter
fort, »manche Nasen sind schärfer als man es ihnen zutraut -- meine
reicht bis zum North Shore hinüber -- und noch mehr« fuhr er wieder
mit unterdrückter Stimme fort -- »unten am Werf liegt schon ein Boot
mit zwölf Mann, die nur auf mich warten. In einer halben Stunde sind
wir an Ort und Stelle, und übermorgen früh segelt der Boreas. -- Der
Wind ist günstig und ich habe mein Wort darauf gegeben. Guten Abend,
Mac Carther --« und damit schnellte er, von seinem Begleiter gefolgt,
zur Thür hinaus auf die Straße. Mac Carther aber stürzte, wie schon
erwähnt, in die Schenkstube, griff seinen Hut auf und eilte, so rasch
er konnte, nach einer anderen Richtung hin zum Wasser hinunter.
Charles hatte seine Maaßregeln aber viel zu gut und sicher getroffen;
außerdem kannte er den Platz selber schon genau, und zwei seiner Leute
mußten den ganzen Nachmittag dort in der Nähe versteckt liegen und auf
die geringsten Bewegungen der Entflohenen achten. Die armen Teufel
von Matrosen waren, als sie sich gerade am sichersten fühlten, schon
verrathen und verkauft.
Das Boot landete, zwei Mann ließ man schwer bewaffnet als Wache dabei
zurück, die kleine Hütte wurde dann umzingelt und die ganze Mannschaft
des Boreas, mit Ausnahme eines Deutschen und eines Franzosen, die gerade
in der Stadt waren Provisionen zu holen, gefangen genommen und in Eisen
gelegt. Die beiden kamen gerade zurück als die Polizei in das Haus
drang und flüchteten in den Busch, wo sie sich mit den Provisionen
versteckt hielten, bis der Boreas, den sie von ihrem Versteck aus
konnten in der Bay liegen sehen, wirklich abgesegelt war.
Gerade als das Polizeiboot mit seinen Gefangenen vom Lande abstieß,
schoß ein anderes kleines scharfgebautes Boot, mit zwei Männern darin,
in eine kleine durch einen Felsenvorsprung gebildete Bucht. Einer von
diesen sprang augenblicklich an Land und sah dem Boot nach. Man konnte
die Gestalt in der Dunkelheit nicht mehr genau erkennen, Charles hatte
aber allen Grund auf den richtigen Mann zu rathen, und rief deßhalb auf
gut Glück nach dem Lande zurück.
»Guten Abend, Mr. Mac Carther.«
Die Gestalt verschwand in demselben Moment wieder in den Büschen und
das kleine Boot ruderte, eine halbe Stunde später, mit denselben beiden
Männern nach der Stadt zurück.
* * * * *
Am Montag Morgen wehte vom großen Mast des Boreas die Signalflagge für
die Wasserpolizei. Alles andere war zur Abfahrt fertig, der Lootse an
Bord, vom Anker schon alles Unnöthige an Kette eingeholt, und die Segel
hingen gelöst von den Raaen nieder. Der Wind wehte stark von Westen und
die Brise konnte zum in See Gehen nicht günstiger sein.
Eine Viertelstunde später schossen um das Castell zwei schmale lange
Boote. Es war die Wasserpolizei mit den Gefangenen die sie an Bord
brachte, denn der Boreas hatte indessen, um die nothwendigsten Arbeiten
zu verrichten, andere Arbeiter an Bord gehalten.
Die Gefangenen trugen sämmtlich Handschellen. Da es zu viele waren,
und die Polizei vielleicht einen letzten Fluchtversuch fürchten mochte,
ließ sie den Einzelnen, wenn sie die Fallreepsleiter hinaufsteigen
sollten, auch die Eisen nicht abnehmen, sondern es wurde eine Leine
heruntergelassen, diese um das Eisen geschlagen, und der Gefangene
mußte dann nach oben steigen. An Bord nahm man ihnen die Schellen
ab, die Boote ließen sich aber an langer Leine bis hinter das Schiff
treiben.
Die im goldenen Kreuz versetzten Kleider der Entflohenen waren auch
schon wieder an Bord; der Capitän hatte sie bei Mr. Mac Carther,
durch Charles Vermittelung einlösen lassen, denn er konnte die Leute
natürlich nicht ohne Kleider mit in See nehmen. Es war das seinerseits
übrigens nicht etwa aus Menschlichkeit geschehen; er wußte recht gut,
aus wessen Casse das Geld bezahlt werden mußte. Die Matrosen schienen
jedoch bis zu diesem Augenblick noch immer nicht recht geglaubt zu
haben, daß es wirklich schon so bald in See gehen sollte. Wahrscheinlich
hatten sie noch auf Rettung gehofft, und jetzt erst, da sie die Segel
gelöst und den Lootsen an Bord sahen, mochte ihnen die Gewißheit ihres
Schicksals zuerst in ihrer vollen Wirklichkeit vor Augen treten.
Am meisten freute sich aber der Zimmermann über das Einfangen derer,
die ihn am Morgen ihrer Flucht in einem so schmählichen Zustand
zurückgelassen, und er konnte nicht umhin Bill sowohl als Jean ganz
besonders um ihr Befinden zu befragen.
Bill antwortete ihm mit einem kernigen Fluch, Jean lachte ihm aber
gerade ins Gesicht, denn er mußte trotz seiner jetzt keineswegs
angenehmen Lage doch unwillkürlich an die trostlose Gestalt des
Zimmermanns denken, als sie ihn vor 14 Tagen, mit dem Knebel im Munde,
in dem Logis vorn liegen hatten. Andere Sachen nahmen aber seine
Aufmerksamkeit gleich darauf mehr in Anspruch.
Die Polizei war fertig an Bord und machte sich eben bereit wieder in
ihre Boote zurückzukehren -- als Jean auf Charles zutrat und ihn am Arm
faßte.
»Ah, Jean?« sagte der Polizeidiener und wandte sich freundlich zu
ihm -- »noch etwas zu bestellen am Ufer? -- werde es mit dem größten
Vergnügen zur Besorgung übernehmen.«
»Weiter nichts als diesen Brief« -- sagte der junge Mann, ohne seine
Freundlichkeit weiter zu erwiedern -- »Ich glaubte nicht, daß wir so
bald in See gingen und -- ich weiß Sie sind dort im Haus bekannt«,
setzte er mit etwas bitterem Ausdruck hinzu -- »wollten Sie vielleicht
so gut sein und ihn an seine Adresse -- aber heute noch -- besorgen?«
Charles las statt aller Antwort die Adresse -- _Miss Polly Whitby_
-- _golden cross_ -- »soll richtig besorgt werden und zwar noch vor
Tisch,« sagte er dann und legte den Brief in seinen Strohhut -- »sonst
noch etwas, Jean?«
»Ich danke, weiter nichts«, erwiederte der Matrose, und ging langsam
nach dem Vorcastle, wo indessen die Miethleute des Boreas den Anker
herauf bekommen hatten. Die Marssegel-Raaen stiegen in die Höhe, das
große und Vorsegel fiel herunter und die Halsen wurden festgemacht --
die Clüver und leichteren Segel folgten, und vor dem Wind schoß das
flüchtige Schiff den Heads zu, zwischen denen hindurch sie schon die
offene See erkennen konnten. Eine halbe Stunde später befanden sie sich
zwischen den Heads -- den beiden schroffen Felsbänken, die den Eingang
des schönen Sydney-Hafens bilden, und auf deren südlichem Kamm der
hohe treffliche Leuchtthurm steht.
Hier ging der Lootse mit den gemietheten Leuten von Bord; die Segel
wurden etwas angebraßt, und mit einer herrlichen Brise hielt der Boreas
mit Nordost Cours in die offene See hinaus.
Achtes Capitel.
Die Ausfahrt.
Der Boreas hatte die »Heads« des schönen Sydney-Hafens kaum hinter
sich, als er, von einer scharfen Südbrise gefaßt, pfeilschnell durch
die Wogen schoß. Die Raaen standen eben genug zu Backbord angebraßt,
daß der Wind auch die Klüver füllen, und voll in alle Segel
hineinstehen konnte, und noch war die Nachmittagswache nicht gesetzt als
die leichteren Segel schon wieder nieder mußten.
Gegen Abend wurde der Wind immer stärker, und da das Schiff nicht
so stark bemannt war, mit sehr viel Segeln in schlechtem Wetter rasch
handthieren zu können, ließ der Capitän noch vor Dunkelwerden ein
Reef in die Marssegel nehmen. Das Schiff loggte neun Knoten.
Von den letzt eingefangenen Leuten waren außerdem noch zwei auf der
Krankenliste; der eine englische Matrose, Jack, der schon mit einem
leichten Fieber an Bord gekommen, und der deutsche Matrose, Hans --
derselbe der damals, bei der Flucht der anderen in Sydney an Bord
geblieben. An demselben Morgen, an dem sie ausliefen, hatte diesen, beim
Füttern, eines der Pferde an den Schenkel geschlagen, und obgleich ihm
die Wunde vom zweiten Mate ziemlich gut verbunden war, schmerzte sie ihn
doch noch sehr. Er konnte nicht auftreten, mußte also gleichfalls die
Coje hüten.
Die ganze Mannschaft bestand außer diesen beiden und dem Capitän mit
seinen beiden Mates nur noch aus zehn Personen, und zwar dem Steward und
Zimmermann, dem Koch (einem Neger), aus drei Engländern, unseren alten
bekannten Bill, Bob und Jim, zwei Franzosen, Jean und François, zwei
Deutschen und einem Jungen.
Der Junge war ein Malaye und gehörte eigentlich, wenn das Schiff
Passagiere führte, mit in die Cajüte, dem Steward und Koch als Hülfe,
wurde aber jetzt, da er vorne nöthiger war, mit in das Vorcastel gethan
und ging seine Wachen wie die anderen.
Auf der Starbords- oder Steuerbordswache (die erste) waren der Capitän
mit dem zweiten Mate, der Steward, Bill, Jean, Hans und der junge
François; auf der Backbord- oder zweiten Wache, der erste Mate mit dem
Zimmermann, der auch zugleich mit Bootsmannsdienste verrichtete, mit
Bob, Jack, Karl, Jim und dem Malayen.
Zu seiner vollen Besatzung hätte der Boreas die doppelte Mannschaft
gebraucht, der Capitän war aber, wie die Sachen jetzt in Sydney
standen, nur froh mit diesen fortgekommen zu sein und glaubte sich
bis Indien in einem ziemlich günstigen Monsun auch wohl behelfen zu
können. Bei günstigem Winde, und wenn das Schiff nicht zwischen vielen
Inseln hindurch und aus engen Straßen hinauszukreuzen hat, wo die
Mannschaft durch das ewige Wenden erschöpft und aufgerieben wird, kann
man auch ein Schiff mit verhältnißmäßig sehr wenig Leuten vorwärts
bringen.
Die Mannschaft saß unten im Logis oder Vorcastel (wie der vorderste
Raum im Schiff genannt wird, wo die Matrosen gewöhnlich ihren
Aufenthalt haben), beim »Schaffen.« Zwei große hölzerne Schüsseln
oder besser Wannen, die eine mit einem gar verdächtig aussehenden
Stück gesalzenem Speck und Rindfleisch, die andere mit hartem muldigem
Schiffszwieback gefüllt, standen zwischen ihnen, und nebenbei dampfte
eine riesige Blechkanne, aus der sich jeder, wie es ihm gut dünkte,
seinen vor ihm stehenden Blechbecher mit dem allerdings etwas sehr
dünnen und unschuldigen aber kochend heißen Getränk füllte.
»Da seid =Ihr= schuld daran, Gott verdamm mich,« brummte der
Zimmermann, als er sich eben selber zu einer »Tasse Thee« half,
wie dies Wasser schmeichelhafterweise genannt wurde -- »ich glaube
wahrhaftig sie wollen uns knapp halten, und nun muß ich das verfluchte
Zeug mitsaufen. Koch, du schwarze Bestie, was hast du hier für eine
Brühe zurecht gebraut? -- ist das Aufwaschwasser da =Thee= -- heh?«
»Kann nicht helfen, Massa,« sagte der Schwarze, der eben die Stiege
heruntergekommen war und seine Pfeife in der kleinen, in der Mitte
schwingenden Lampe angezündet hatte. Er zuckte dabei mit den Achseln
und that als ob er selber sehr betrübt darüber sei; die großen
rollenden Augen fuhren aber zu gleicher Zeit und mit unverkennbarem
Humor im Kreis herum, und man sah es ihm an, daß es ihm nicht gerade
das Schmerzlichste war, den Zimmermann über seinen Thee entrüstet
zu finden. »Massa Steward« setzte er hinzu, »gibt nur ganz kleine
Fingerspitzen voll Thee -- meinte, wenn die Leute jetzt in den Minen
wären, hätten sie auch keinen stärkeren Thee gehabt -- wäre gerade
recht.«
»Oho,« knurrte der Zimmermann -- »wenn die Sache so gemeint ist,
werde ich mir meine Theekanne künftig insbesondere halten. -- Spaß ist
Spaß -- aber nach warm Wasser wird mir immer schlecht.«
Er stieß seinen Becher auf die Kiste nieder, auf der er gesessen, und
kletterte ärgerlich und vor sich hinbrummend an Deck.
»Hallo, Doctor« (denn der Koch wird gewöhnlich auf den englischen
und amerikanischen Schiffen mit diesem ihm auch wohlklingenden
Titel belehnt), sagte jetzt, als der Zimmermann aus der Logiskappe
verschwunden war, Bill, indem er mit seinem Messer ein Stück Speck aus
der Schüssel stach, an die Nase hob und wieder hineinwarf -- »_shiver
my timbers_, wenn ich nicht glaube, die haben da hinten das alte Faß
Speck wieder aufgeschlagen, was schon vor vier Wochen einmal condemnirt
wurde. Wenn der Capitän oder Steward im Sinn haben uns hier, nachdem
wir wieder in der Falle sitzen, auch noch auszuhungern, so weiß
ich einen Fehler. Dann kenn' ich einen gewissen Bill Stumper, der
sterbenskrank wird und sich in seine Koje legt, und so lange jeden
Morgen mit dem größten Vergnügen eine Dosis Salz nimmt, als der
Vorrath an Bord dieses braven Schiffes aushält -- was doch hoffentlich
nicht so entsetzlich lang dauern soll. Seine Segel kann =er= nachher
allein herüber und hinüber brassen.«
Der Koch sah sich nach oben um, ob der Zimmermann auch nicht mehr in der
Luke stand, und sagte dann leise:
»Massa Bill, Timor« (wie der malayische Junge nach der Insel von
der er stammte), genannt wurde -- »Timor hat gehört wie Capitän zu
Steward sagte -- alte Faß wieder aufzumachen und den Leuten zu geben --
wollte Schufte schon =zwiebeln=, hat er gemeint.«
»So? -- das nennt er also zwiebeln?« lachte Jean, »Alter, Alter, ein
zu straff angespanntes Tau reißt leicht und -- wir sind noch nicht in
Calcutta.«
»Nur sehr gut ist, daß Zimmermann mittrinken und essen muß,« lachte
der Doctor -- »wird auch mit =gezwiebelt=, hi, hi, hi, für seinen
guten Willen.«
»Ja; aber Hans kriegt ja auch nichts besseres,« sagte der andere
Deutsche, »und der hat doch ebenfalls keinen Fuß in Sydney von Bord
gesetzt.«
»Der hat aber nicht sagen wollen wo wir hin sind,« murrte Bill, »und
deßhalb wird er natürlich mit uns über einen Kamm geschoren. Wenn
wir nur den verdammten Zimmermann hier nicht mit unten in unserer Back
hätten, ließe sich das alles aber schon machen. Im Zwischendeck
liegt nur Heu und zwischen den Ballen durch kann man leicht nach der
Vorrathskammer kommen -- doch der Lump verriethe, glaub' ich, seinen
eigenen Bruder, wenn er sich selber einen weißen Fuß dadurch machen
könnte.«
»Steward ist der Schlimmste,« sagte der Doctor, aber noch leiser
als vorher -- »hat Massa Jean so auf dem Strich, weil ihn der 'mal
durchgeprügelt hat -- will's wieder gut machen.«
»Daß ich ihm nicht zum zweitenmal auf den Pelz komme,« brummte Jean
zwischen den zusammengebissenen Zähnen durch. -- »Diesmal möcht's
besser fördern -- der Wille ist wenigstens da.«
»Brassen!« lautete des ersten Mate Stimme vom Quarterdeck herunter,
und »Brassen« rief der Zimmermann auch in demselben Augenblick in die
Back nieder -- »Brassen, Boys -- Donnerwetter, macht nicht so lange da
unten; der Mate hat schon dreimal gerufen.«
»Schade, daß Massa Spahn nicht am Lügen erstickt,« lachte der Koch
und sprang vorneweg die Leiter hinauf.
Bis acht Uhr Abends und zwar von Morgens fünf Uhr an, hatte er die
Wache auf Deck, nach acht Glasen Abends aber war seine Wacht bis zum
anderen Morgen zu Koje. Jetzt aber, da die beiden Leute krank, oder
doch wenigstens zur Arbeit für einige Zeit unfähig waren, mußte er so
lange des Capitäns Wache mithalten, und durfte dafür, um doch seinen
gehörigen Schlaf zu bekommen, Nachmittags bis vier Uhr zu Koje gehen.
Die Raaen mußten vierkant gebraßt werden. Der Wind drehte mehr und
mehr nach Westen herum, so daß er jetzt von hinten in den Segeln lag,
und um 12 Uhr schon gingen sie über Backbord Bug mit halbem Wind, und
es wehte ein fliegender Sturm. Der Boreas zischte vor dicht gereeften
Vormars-, Sturm- und Vorstengenstagsegeln wie ein Pfeil durch die
kochende schäumende Fluth. -- Drei Tage lang dauerte der Sturm; vom
Lande aber herüberwehend konnte keine so gewaltige See stehen, wie das
der Fall gewesen, wäre er von der anderen Seite gekommen. Das Schiff
brauchte deshalb auch nicht beizulegen, sondern lief mit ganz kleinen
Segeln und nur weniger Unterbrechung fast seine 10 Miles die Stunde.
Am schlechtesten befanden sich die im Raum stehenden Pferde dabei, die,
noch nicht an unruhige See gewöhnt, gleich vom ersten Anfang an in
solch ein Unwetter hineinkamen. Zwei starben auch schon den dritten
Morgen und eines hatte ein Hinterbein Nachts zwischen die Stangen
bekommen und gebrochen, und mußte, da hier keine Möglichkeit war es zu
heilen, mit den anderen beiden über Bord geworfen werden.
Das Füttern und Besorgen der Thiere geschah in den verschiedenen Wachen
immer von denen, die gerade auf Wacht waren, und man kann sich denken
daß die Leute, noch außerdem unfreundlich vom Capitän behandelt, eben
nicht viel Lust zu einer Arbeit zeigten, welche Matrosen selbst unter
den günstigsten Verhältnissen ungewohnt und zuwider ist.
Hierzu kam noch daß die Pferde, durch die starke Bewegung des Schiffs
wie das dadurch unvermeidliche stete Hin- und Hergeworfenwerden, dann
durch das Knarren der Balken, den Dunst, die Dunkelheit, wie alle die
fremden Gestalten, wild und scheu gemacht und oft gar nicht zu bändigen
waren und die Leute mehrmals nur mit genauer Noth der Gefahr entgingen,
von den wüthend aushauenden Thieren Arm und Bein zerschlagen zu
bekommen. In der That hatten auch schon fast Alle Quetschungen und
Wunden wegbekommen. Selbst beim Wassergeben bissen ein Paar der
boshaftesten nach denen, die ihnen den Eimer hinhielten, und Bill machte
schon Vorschläge, wie man die sämmtlichen »Bestien,« wie er sie
nannte, mit einemmale vergiften und loswerden könnte.
Der zweite Mate, ein ruhiger, ordentlicher Mann that sein Bestes die
Leute zufrieden zu stellen, und da er auch den Proviant auszutheilen
hatte, so versprach er ihnen schon gleich am zweiten Tag, daß sie
bessere Provisionen haben sollten, »wenn ihm der Capitän und Steward
nur erst nicht mehr so auf die Finger sähen.« Damit mußten sie sich
aber für jetzt begnügen, denn für den Augenblick ließ sich darin
noch nicht viel ändern. Der zweite Mate half auch, wo es irgend ging,
mit im Raum bei den Pferden; weder Steward noch Zimmermann ließen sich
dort aber nur ein einzigesmal blicken. -- Sie hatten immer ungemein viel
andere nothwendige Sachen in der Zeit gerade zu thun.
Neuntes Capitel.
Hans.
Am vierten Tag ging der Wind wieder mehr nach Süden herum und wurde
schwächer. Dadurch legte sich die See allerdings in etwas, der Boreas
kam aber nun auch wieder platt vor den Wind und hiermit in so viel
stärkere Bewegung. Nur in Ballast geladen, mit den Pferden im unteren
Raum, das Heu in das Zwischendeck gestaut, und sogar noch mit einem
Dutzend Wasserfässern oben an Deck, war er etwas kopfschwer geworden,
und lief allerdings ziemlich ruhig, sobald er von dem mehr schräg
einstehenden Winde auf einer besonderen Seite gehalten wurde. War das
aber nicht mehr der Fall, so schlingerte[6] er so herüber und hinüber,
daß die Raanocken manchmal fast die Wogen berührten. Es sah oft aus,
als ob er sich im Leben nicht wieder aufrichten würde.
Den Pferden bekam dies noch schlechter als das Stampfen des Schiffes. --
Noch an dem nämlichen Tage crepirte ein viertes, und zwei hatten
sich die Brust, mit der sie fortwährend gegen die Querbalken geworfen
wurden, vollkommen aufgescheuert.
Capitän Oilytt war wüthend darüber; er stieg selber in den unteren
Raum hinunter, und als er den Zustand sah, in dem sich einige der Thiere
befanden, fluchte und lärmte er auf eine entsetzliche Weise und schwur,
er wolle den letzten Mann von der »Räuberbande«, die er jetzt an Bord
habe, zu Tode -- oder aus seiner Haut hinauspeitschen lassen, wenn auch
noch einem seiner Thiere nur »das Fell geritzt würde.«
Capitän Oilytt hatte eine andere Tugend an sich -- =er trank=. Nach dem
Mittagstisch nahm er seinen »Verdauungstropfen«, wie er es nannte --
ein Bierglas halb mit Brandy, halb mit heißem Wasser gefüllt und mit
etwas Zitronensaft versetzt -- er verschmähte Zucker. Dabei blieb es
aber nicht. -- Dem »Verdauungstropfen« folgte ein anderer und noch
einer, bis sein Gesicht glühte und manchmal ordentlich Funken zu
sprühen schien und in solchem Zustand sah er sich gewöhnlich nach ein
wenig »Sport« oder =Vergnügen=, wie er meinte, um, und stieg auf Deck
oder zu den Leuten hinunter. Gnade dann Gott dem, der ihm dort verkehrt
in den Weg kam, oder Ursache zu Mißfallen gab. Er verschmähte es oft
nicht, selber Hand anzulegen, und da er ein breitschultriger, schwerer
Gesell und überdem Capitän des Schiffes war, also vor Gericht stets
das Recht auf seiner Seite hatte, hüteten sich die Leute auch wohl, wo
sie das nur irgend vermeiden konnten, mit ihm anzubinden, und gingen ihm
lieber aus dem Wege.
Es war am achten Tag ihrer Ausfahrt von Sydney. Der Wind wehte ziemlich
stetig aus SSO und der Boreas lief, jetzt einen Nord zu West Cours
haltend, an der Küste Australiens vor einer herrlichen Brise hinauf.
Der Capitän hoffte am nächsten Tag in Sicht der Riffe zu kommen,
zwischen denen hinein er durch die Torresstraße seine Bahn suchen
wollte.
Die Torresstraße ist jene, an Flächenraum ziemlich breite Straße, die
im Süden von der nördlichen Küste Australiens, im Norden durch
die große noch fast unbekannte Insel Neu-Guinea gebildet wird, aber
dermaßen mit Inseln und Sandklippen überstreut und von Korallenriffen
durchwachsen ist, daß die Passage, selbst bei günstigem Wetter, immer
gefährlich bleibt und die größte Umsicht erfordert; bei stürmischem
Wetter aber selten oder nie gewagt wird. Hierzu kommt daß gerade in
dieser Gegend, vielleicht durch die vielen Inseln und die nahe so heiße
australische Küste hervorgerufen, das Wetter höchst unbeständig ist,
und Nebel und plötzliche Böen etwas sehr gewöhnliches sind, vor denen
sich die Schiffer dann natürlich nicht genug hüten können.
Die Riffe selbst haben einen ebenso eigenthümlichen als gefährlichen
Charakter. Sie bestehen einzig und allein aus Korallenfelsen; steigen
aber nicht selten und besonders an diesem Theil der australischen
Küste, über tausend Fuß steil und schroff, manchmal bis an die
Oberfläche, manchmal diese nicht ganz erreichend, empor, nie aber so
weit über dieselben emporragend, daß mehr als das Schäumen der auf
ihnen überstürzenden Brandung sichtbar wäre, und dem Schiffer die
Nähe seines gefährlichen Feindes verriethe. Hie und da nur lauscht
zu Zeiten eine schwarze Felsspitze aus dem weißen Gischt des erregten
Wassers empor, und kündet die Gränze irgend eines in einem schmalen
Streifen vielleicht weit auszweigenden Riffs, während dicht davor, ja
vielleicht selbst in dem Bogen den das eigentliche Riff umschließt, das
ganz dunkelblaue Wasser die fast unergründliche Tiefe zeigt. An vielen
Stellen ragen die Korallen bis zur Oberfläche empor, während dicht
daneben und keine 20 Schritt davon entfernt, über 260 Faden, also 1560
Fuß, Tiefe sind.
Mit der australischen Küste von Süden nach Norden gleichlaufend, zieht
sich nun eine förmliche Mauer dieser theils mehr, theils minder steil
aufschießenden Riffe bis nach Neu-Guinea hinauf, und nur hie und da
laufen schmale gewundene und natürlich höchst gefährliche Eingänge
in diese Riffe hinein, an denen sich das Meer in seiner östlichen
Strömung mit aller Kraft und Stärke bricht. In einigen Meilen
Entfernung gesehen bieten sie dem Auge auch nichts als eine einzige,
ununterbrochene Kette weißen Schaumes, die sich von Süden nach
Norden in schneeiger, beweglicher Linie hinaufzieht, und erst dicht
hinanfahrend entdeckt der Schiffer von seiner Vorbramraae aus hie und
da einen schmalen dunklen Eingang, der zwischen den milchigen Massen hin
auf die innere spiegelglatte und stille Fluth führt.
Macht aber wirklich das Schiff diesen schmalen Eingang, so ist immer
noch nicht gesagt daß es darin auch weiter kann, daß dieser nämlich
eine förmliche Durchfahrt in die tiefere innere Bay gestattet. Eine
starke, gewöhnlich nach Nordwesten setzende Strömung droht ihm
zugleich fortwährend in dem engen Fahrwasser, mit den nördlich von ihm
liegenden Klippen, während er, dicht von Riffen eingeschlossen, sich
vielleicht auf einer Tiefe befindet, in der seine beiden aneinander
gesteckten Ketten nicht einmal Ankergrund erreichen würden.
Der Capitän war an dem Tage besonders mürrisch gewesen. Er hatte sich
mit dem zweiten Steuermann, irgend einer Kleinigkeit in den Provisionen
wegen, gezankt, oder diesen vielmehr einer Sache beschuldigt, die sich
nachher als unwahr herausstellte, und aus Aerger darüber schien er mehr
als seine gewöhnliche Zahl Verdauungstropfen zu sich nehmen zu wollen.
Da fiel ihm aber möglicherweise ein, daß er an dem zweiten Mate doch
vielleicht noch einen andern Haken finden könne, da dieser ja auch die
Aufsicht über das Füttern und Halten der Pferde hatte. Er beschloß
deshalb, einmal selber in den unteren Raum hinabzusteigen, und zu sehen
wie sich seine Pferde befänden. Er rief den Steward, ihm mit einer
Laterne zu folgen.
Jean stand am Ruder und Bill saß nicht weit davon auf dem Quarterdeck
und besserte das dort ausgebreitete große Marssegel aus, das in der
letzten Bö beschädigt worden war. Der zweite Mate, der bis jetzt daran
mitgeholfen hatte, stand auf und ging nach vorn.
Hans und François, die beiden übrigen auf Wache, waren gerade im
unteren Raum mit dem Füttern und Tränken der Thiere beschäftigt. Hans
hatte sich wieder so weit erholt, daß er wenigstens herumhinken und
die nothwendigsten Arbeiten mit verrichten konnte. Auch Jack war besser
geworden, lag aber immer noch, zu schwach irgend etwas anzugreifen, zu
Koje.
»Na, heut' Nachmittag wird's wieder was Schönes setzen«, meinte Jean
mit halblauter Stimme zu Bill, der nicht weit von ihm saß, und nachdem
er erst einen vorsichtigen Blick über Deck geworfen. -- Der Mann am
Ruder darf mit niemandem sprechen und von niemandem angeredet werden,
damit er seine Aufmerksamkeit ungetheilt Compaß und Segeln zuwenden
kann; »der Alte ist in vortrefflicher Laune, und wenn er erst noch ein
paar »Tropfen« weggestaut hat, giebt's aller Wahrscheinlichkeit nach
einen Wolkenbruch. Sollte mich gar nicht wundern, wenn er unten schon
anfinge. -- Dort hat er aber niemanden. François versteht nicht was er
sagt wenn er schimpft, und Hans mukst nicht, und wenn er dem das Leder
vollschlüge.«
»Das laß gut sein,« meinte Bill kopfschüttelnd, »Hans läßt viel
mit sich machen; wenn es aber zum Aeußersten kommt, traut' ich ihm
gerade weniger als jedem anderen. Er hat was im Auge was mir nicht
gefällt, und muß seine ganz besonderen Gründe gehabt haben, in
Sydney nicht mit fortzulaufen, denn aus Feigheit ist es wahrhaftig nicht
geschehen.«
»Er hat Frau und Kind zu Haus,« entgegnete ihm Jean, »das wird der
Grund gewesen sein.«
»Fällt ihm nicht ein,« meinte Bill kopfschüttelnd, »der hat so
wenig eine Frau zu Haus wie ich und du. Nein, ich will dir sagen was er
mir geantwortet hat, als ich ihn deshalb fragte -- er meinte er hätte
dem Capitän =sein Ehrenwort= gegeben an Bord zu bleiben, und das könne
er nicht brechen.«
»Den Teufel auch?« rief Jean rasch und erstaunt -- »das hätt ich
Hans gar nicht zugetraut. -- Es ist überhaupt ein sonderbarer Kauz,
und so wenig er damit ausläßt, spricht er doch jedenfalls auch
französisch. -- Er versteht wenigstens alles, obgleich ich ihn nie zum
Antworten bringen kann. Er weicht dann immer aus und meint die Zunge sei
ihm zu schwer dazu. Ich glaub's aber nicht.«
»Manchmal kommt's mir vor als ob er gar kein Deutscher wäre,« sagte
Bill. »Obgleich er sonst nur ganz gebrochen englisch spricht, sind
ihm doch schon ein paarmal Worte herausgefahren, die mich ganz stutzig
machten, und im Schlaf neulich will ich verdammt sein, wenn er nicht den
einen Satz so rein englisch herausbrachte wie nur je Einer an den alten
Kreideküsten Geborner. Nachher kam freilich eine Menge Kauderwälsch
dazwischen das ich nicht verstand, wahrscheinlich »_dutch_.« -- Hallo,
da unten gehts los -- hörst du's Jean?«
»Ich hab's mir vorneherein gedacht,« sagte dieser gleichgültig. --
»Daß er dem Mate nichts anhaben konnte, war dem alten Höllenhund
schon ein Dorn im Fleisch, und jetzt hat er denn richtig so lange
herumgesucht, bis er sich ein anderes Vergnügen herausstöbern
konnte.«
»Hm!« sagte Bill, »da unten ist's laut -- hallo, da kommt der Alte
zu Luft -- Donnerwetter, was er für einen rothen Kopf hat -- wahrhaftig
ich glaube er blutet. Na jetzt werden wir was Neues hören,« und mit
unendlichem Fleiß, als ob er bis dahin gar nicht von seiner Arbeit
aufgesehen, machte er sich wieder über das alte, von Wetter und Zeit
schon arg mitgenommene Marssegel her.
Im Raum war es indessen allerdings bunt hergegangen. Als der Capitän
hinunter kam, standen Hans und François eben und tränkten die Pferde,
von denen einige immer noch ungern aus dem Eimer soffen. Sie schnoperten
und scharrten und schnaubten, stießen mit der Nase nach dem Eimer, oder
versuchten auch wohl mit einem Vorhuf hineinzufühlen, wie sie einen
schwanken Steg oder zu weichen Boden erst versuchen würden, ob er auch
stark und sicher genug wäre sie zu halten.
Es war natürlich sehr dunkel im unteren Raum, denn das wenige Licht
was durch die schmalen Luken fiel, wurde fast total durch die
beiden Windfänge gebrochen und aufgehalten, die von oben herunter
niedergelassen sein mußten, den Dunst der Pferde, der sonst nirgends
Abzug hatte, hinauszutreiben und reine Luft hinabzuführen. Die Hitze
war dadurch auch in der That sehr gemäßigt worden, und wenn man sich
erst einmal eine kurze Zeit unten befand, gewöhnte sich das Auge
eher an die Dunkelheit und konnte die Gegenstände, gegen die der eben
Niedersteigende wie erblindet war, leichter unterscheiden.
Als der Capitän hinunterkam, stolperte er gleich bei den ersten
Schritten über eine dort lehnende Mistgabel, mit der die Leute die
Streu etwas aufgelockert und die trockene von der feuchten geschieden
hatten. Der Steward, der mit der Laterne hinter ihm herkam, half ihm
natürlich wenig oder gar nichts mit seinem Licht, und das erste was die
beiden Leute unten von der Gegenwart ihres Capitäns erfuhren, war ein
entsetzliches Schwören und Fluchen über die erstlich, die in ihrer
»verdammten Nachlässigkeit« das Werkzeug dort hatten stehen lassen,
und dann über die ganze »nichtsnutzige, diebische, strickwerthe«
u. s. w. Schiffsmannschaft.
»Parbleu,« sagte François leise auf französisch zu Hans -- denn
die beiden sprachen einem Verständniß gemäß, das sie unter sich
getroffen, der eine sein Französisch und der andere sein Deutsch, womit
sie vollkommen gut auskamen -- »der Alte ist heut' in einer besonders
rosenfarbenen Laune. -- Ich gäb' 'was darum wenn er dem Fuchs da
drüben ein bischen nahe käme. Er und der würden's dann bald zusammen
kriegen.«
Der Fuchs, von dem François sprach, war das bösartigste Thier im
ganzen Schiff, und Hans der einzige der ihm selbst Wasser oder Futter
geben durfte. Sobald sich nur ein anderer der Leute ihm näherte, und er
nur eben glaubte, sie mit seinen Zähnen erreichen zu können, fuhr er
wie ein Tiger aus seiner Höhle zwischen den beiden Querbalken mit dem
Kopfe durch, und Gnade Gott dann allem was er erwischte. Die übrigen
Pferde hatten sich schon etwas mehr in die Umstände gefügt, obgleich
sie trotzdem noch immer gern nacheinander bissen und schlugen.
»Was gutes hat er nicht im Sinn, wenn er Nachmittags hier
herunterkommt,« erwiederte Hans, mehr jedoch mit sich selber redend als
auf die Bemerkung des Anderen antwortend. -- »Komm hier, Schwarzer,«
rief er dann laut gegen das Pferd gewandt, an dem er gerade stand,
und das nach dem jetzt näher kommenden Licht der Laterne
hinüberschnoperte. Es trat ängstlich dabei so weit zurück, als es
ihm das etwas kurze Seil, an dem sein festes Halfter saß, erlaubte --
»komm hier, Bursche -- es thut dir niemand 'was -- hier -- sauf dein
Wasser, daß die anderen auch 'was kriegen -- Steward! haltet ihm die
Laterne nicht so vor die Nase,« wandte er sich jetzt aber rasch gegen
diesen, der indessen mit dem Capitän ganz nahe getreten war und das
Licht so hoch als möglich hielt, um selber darunter wegsehen zu können
-- »es scheut vor dem ungewohnten Strahl und wird das Halfter am Ende
zerreißen.«
Der Steward senkte das Licht und wollte zurücktreten, der Capitän
hatte aber in demselben Augenblick auch eine Schramme am Hals des
Pferdes bemerkt -- eine Stelle, wo es das Seil ein wenig wund gescheuert
hatte und die jetzt, da es mit dem ganzen Gewicht seines Körpers nach
hinten zog, frei kam und sichtbar wurde.
»Halt, Steward -- gieb mir einmal die Laterne,« sagte er rasch --
»Gott verdamme mich, wenn sie mir hier unten die Thiere nicht zu Tode
schinden, falls ich nicht selber dann und wann darnach sehe. -- Woh
Poney -- woh mein Thier -- _come up here, you damned son of a bitch_ --
_come up here_ -- _w-o-h_ -- daß dich die Pest!«
Das Pferd durch das ihm dicht vorgehaltene Licht und die fremden
Laute scheu und furchtsam gemacht -- drängte nur immer mehr zurück,
schnürte sich fast die Kehle zu, daß ihm die Augen weit aus dem Kopf
traten, sprengte endlich, als der Capitän mit dem letzten, »daß dich
die Pest« den Arm mit der Laterne rasch und heftig gegen es in die
Höhe stieß, das Halfterseil, und stürzte auf seinen Hintertheil
zurück gegen die Schiffswand. Allerdings war es noch mit einem anderen
Nothtau um den Hals befestigt und festgehangen, dieses aber länger als
das andere, so daß es ihm mehr Raum gab. Als es deshalb wieder in
die Höhe sprang, drückte es mit aller Kraft hinter die ihm zunächst
stehenden Thiere hinein, die, durch den ganzen Lärm und die ungewohnten
heftigen Stimmen ebenfalls scheu gemacht, ausschlugen und wieherten und
stampften, und einen Lärm machten als ob sie das ganze Unterdeck aus
einander reißen wollten.
Die Verwirrung hatte ihren Höhepunkt aber noch lange nicht erreicht.
Das einzige Pferd nämlich, was sich bis jetzt bei der ganzen Sache
vollkommen ruhig verhalten, ja nicht ein Glied gerührt, und nur
vorsichtig gebückt mit zurückgezogenem Kopf, aber lebhaft und
tückisch blitzenden Augen dagestanden hatte, war eben der Fuchs
gewesen, von dem François vorher gesprochen, und der geduldig ein Opfer
für seinen nächsten Angriff zu erwarten schien. Der Steward war ihm
der nächste. Dieser stand, nicht das mindeste von der ihm im Rücken
drohenden Gefahr ahnend, mit der ihm vom Capitän wieder zugereichten
Laterne mitten in dem Gang, der zwischen den beiden Reihen Pferden
gelassen worden. Der aber war nicht drei Schritt von der Stelle ab, wo
der Fuchs, mit fest zusammengebissenen Zähnen, gierig auf die nächste
Bewegung seiner ausersehenen Beute lauerte.
Die sollte auch nicht lange auf sich warten lassen. Der Capitän
bedeutete den Steward mit dem Licht nach hinten zu gehen, daß die
Thiere sich wieder beruhigen möchten. Dieser wollte auch eben dem
Befehl Folge leisten, hatte aber kaum seinen zweiten Schritt gethan, als
er einen lauten Angst- und Schmerzensschrei ausstieß und die Laterne
fallen ließ. Der Fuchs war nämlich ohne weitere Warnung mit dem Kopf
durch seine beiden Querbalken hingefahren, und den Mann gerade über der
Hüfte packend, hielt er ihm hier Hose und Fleisch, ingrimmig zwischen
seinen scharfen ehernen Zähnen eingeklemmt; an Losreißen war nicht zu
denken.
»Pfui, Fuchs, schäm dich!« rief Hans, der wegen seines kranken Beines
nicht gleich so schnell hinüber konnte, den Gefangenen zu befreien.
Fuchs aber, obgleich er sonst gewöhnlich auf seines Fütterers Wort
hörte, schämte sich diesmal nicht, und ließ den jetzt Zeter und
Mord Brüllenden auch nicht eher los, bis der Capitän zusprang, ihn
zu befreien; dann geschah es aber auch nur, um nach dem neuen Opfer zu
schnappen. An diesem hafteten jedoch seine Zähne diesmal nicht, denn
er stieß ihn so heftig mit dem Maul gegen den Leib, daß er
zurücktaumelte und mit dem Kopf an den gegenüberstehenden Pfosten
schlug.
Als er sich wieder in die Höhe richtete, wollte der Fuchs seinen
Angriff erneuern, jetzt sprang aber Hans dazwischen und trieb das
freudig und fast höhnisch wiehernde Thier in seine Gränzen zurück.
Der Steward aber kroch indessen wie eine Schlange in dem schmalen Gang
hin und hielt nicht eher an, bis er die Leiter halb hinauf war. Dort
blieb er stehen und schrie nun zurück, »das sei eine schändliche
Gemeinheit, denn er habe selber gesehen wie Hans das Thier auf ihn
gehetzt hätte.«
»Tropf,« war das einzige was Hans, halb lachend, halb verächtlich auf
die Anschuldigung erwiederte, und er wandte sich dabei wieder nach dem
Rappen um, diesen aufs neue festzumachen, und die anderen Thiere zu
beruhigen und zu tränken. So leichten Kaufs sollte er aber bei dem
Capitän nicht davonkommen, denn Capitän Oilytt, durch Rum, Aerger und
den letzten Fall zu wahrer Wuth gebracht, schäumte fast vor innerlich
kochendem Grimm und suchte nur noch ein Opfer, an dem er ihn auslassen
konnte.
François merkte das, und drückte sich aus dem Weg, und auch Hans
fühlte, wie der Capitän nur eine Ursache suche mit ihm anzubinden;
that aber als ob er entweder nichts merke oder sich nur wenig um die
Sache bekümmere. Den ersten allgemeinen Ausbruch des Gereizten oder
eigentlich sich selber erst Aufreizenden: »Ihr verdammten Hallunken
hier unten macht was Ihr wollt mit den Thieren, und ich muß Euch
nur erst einmal die Katze zu fühlen geben,« ließ er deshalb auch
unbeantwortet, und machte sich mit dem Rappen zu schaffen, den er durch
Zureden so weit vorn an die Stange zu bringen versuchte, daß er ihm das
Halfterseil wieder anknoten konnte.
»_You, Sir, there_,« rief aber der Capitän, »ich spreche mit Euch --
Gott verdamme es, wollt Ihr wohl so gut sein und mir Antwort geben wenn
ich mit Euch rede? -- Was ist das hier für eine Wirtschaft unten? --
Ueberall liegt das Geschirr herum, daß man Hals und Beine darüber
bricht -- die Pferde sind wund gescheuert und liederlich angebunden,
daß sie sich einander zu Schanden schlagen müssen -- _damn it to hell
and damnation_, ich will darin Ordnung sehen, oder ich lasse Euch alle
mit einander krumm schließen und abpeitschen.«
Hans zuckte zusammen, als ob er schon einen Schlag empfangen hätte,
und hielt einen Moment, wie unschlüssig was er thun solle, in seinen
Bewegungen ein. -- Was ihm aber auch für Gedanken im Kopfe herum
gegangen waren, seine Vernunft siegte.
»Geduld -- Geduld,« murmelte er leise, wie eine Art
Beschwörungsformel vor sich hin, und griff eine andere, neben ihm
liegende Mistgabel auf, um das den Pferden kurz vorher gegebene und
jetzt umhergestreute Heu wieder zusammenzuschieben. Der Capitän mochte
aber wohl die leise geflüsterten Worte gehört haben, denn er sprang
rasch auf den Mann zu, faßte ihn am Kragen und rief wüthend:
»Was murmelt der Hund -- willst du auch noch gegen mich knurren? Einen
Muks noch, Canaille, und ich schlage dir den tückischen Schädel bis
in den Kragen hinunter!« Und er riß bei den Worten dem, nicht den
mindesten Widerstand Leistenden die Mistgabel aus der Hand und hob sie
drohend, wie zum Schlag in die Höhe.
Hans sagte kein Wort, er drehte sich nur halb nach ihm um und sah ihm
starr ins Gesicht -- er war todtenbleich geworden, und das kranke Bein,
auf dem er zu lange gestanden, fing ihn plötzlich so an zu schmerzen,
daß er sich an dem nächsten Pfeiler halten mußte.
»Faule, schuftige Bande,« schrie jetzt der Capitän in fast trunkener
Wuth, ohne jedoch zuzuschlagen, denn der Mann stand ihm, ohne eine Hand
aufzuheben, gegenüber -- »die das Brod nicht verdienen, was sie ihrem
Herrgott abstehlen. Nun, zum Donnerwetter, was steht der Lump da und hat
Maulaffen feil -- Wird's bald, und kriegen die Pferde heute noch etwas
zu saufen.«
Hans wandte sich um, als er aber auf sein Bein trat, knickte er
zusammen und konnte sich nur mit Mühe aufrichten, suchte aber doch mit
äußerster Anstrengung seinen Schmerz zu verbeißen. Er hatte dabei die
Laterne umgestoßen, die neben ihm stand, nahm sie aber gleich wieder in
die Höh und hing sie in einen dazu bestimmten Haken.
»Ungeschicktes Vieh,« sagte da der Capitän, und stieß ihm, noch
während er damit beschäftigt war, den Stiel der Gabel gegen den
Nacken.
»Capitän!« knirrschte aber auch in diesem Augenblick der
Gemißhandelte zwischen den fest zusammengebissenen Zähnen hindurch --
»ich habe meine Schuldigkeit, so viel in meinen Kräften stand, gethan,
und keine Mißhandlung verdient!«
»Bestie!« schrie jetzt ordentlich jauchzend, daß er eine gegründete
Ursache gegen einen Widersetzlichen hatte, der Capitän, und drehte die
Gabel in der Hand um, daß er das schwere Eisen nach oben schwang
-- »willst du muksen?« und im nächsten Moment fuhr das Instrument
sausend nach dem Kopfe des Matrosen -- aber es traf nur den Pfosten,
und während die Pferde wieder in wilder Scheu zurückschreckten und
stampften, schlugen und an den Tauen rissen, griff eine eiserne Faust
des Capitäns Kehle, und ein schwerer Schlag schmetterte ihn zu Boden.
Zehntes Capitel.
Die unterbrochene Execution.
Eine Stunde etwa nach den im letzten Capitel beschriebenen Vorgängen
lag der Capitän, mit Essigumschlägen über den Kopf, in seinem Bett in
der Cajüte, und der deutsche Matrose Hans schwer in Eisen geschlossen
in einer kleinen Art von Behälter des untersten Raumes dicht neben dem
Steuer, zwischen zwei dort angebrachten eisernen Wasserreservoiren. Der
Capitän hatte sich seine Bestrafung auf den andern Tag vorbehalten und
wollte, wie er gemeint, ein exemplarisches Beispiel statuiren. -- Er
hatte mit dem ersten Mate eine lange Besprechung darüber gehabt.
Der Steward lag übrigens auch in seiner Koje, der Leib war ihm, wo
ihn das Pferd gepackt gehabt, bös aufgeschwollen und er wimmerte und
lamentirte vor Schmerzen. Mit Jack ging es ebenfalls nicht besser --
er hatte den Abend wieder starkes Fieber und konnte nicht an Aufstehen
denken. Des Capitäns Wache war dadurch so eingeschmolzen daß der Koch
mit dazu genommen werden mußte, obgleich er sich keineswegs, wie er
sich ausdrückte, ein »Vergnügen daraus mache.«
Es herrschte übrigens ein dumpfes Schweigen unter der Mannschaft. Hans
war seines stillen anspruchslosen Wesens wegen von Allen gern gesehen;
dabei gab es keinen tüchtigeren Matrosen an Bord als ihn, und
François' Erzählung, der ja Zeuge des Vorfalls im unteren Raum
gewesen, diente gerade nicht dazu sie gegen den Capitän günstiger
zu stimmen. Nichts destoweniger hatte er Hand an seinen Vorgesetzten
gelegt, und die angeborene, fast möchte ich sagen =Scheu=, die in
dieser Hinsicht in den Leuten steckte, ließ sie auch von seiner
Bestrafung -- wie er immer gereizt gewesen sein mochte -- als von
einer Sache sprechen die sich von selbst verstände, und durch Nichts
geändert werden könne.
»Der Teufel muß heute in Hans gefahren sein« meinte Jack, als die
Leute nach eben eingenommenem Abendessen noch auf ihren Kisten, und um
die hölzernen Schüsseln herum, im Logis saßen, »das hätt' ich ihm
gar nicht zugetraut, daß er so hitzig werden könnte.«
»Ich hab' Dir's gestern wohl gesagt« lachte Bill -- »s'ist mir schon
ein paar Mal so vorgekommen, als ob der kleine _dutchman_ vom richtigen
Stoff wäre und nur einen mittelmäßigen Stahl brauche vortreffliches
Feuer zu geben. Schade daß er den alten betrunkenen Schuft nicht gleich
todtgeschlagen hat, dann wären wir ihn auf einmal los« -- er sah sich
dabei um, ob ihn auch der Zimmermann nicht gehört habe, doch der war
schon an Deck.
»Schade für uns, aber nicht für ihn« meinte Jean nachdenkend --
»dem armen Teufel wird's so schlecht genug gehen. -- Ich möchte morgen
früh nicht in seiner Haut stecken.«
»Sie können ihm doch weiter nichts thun als daß sie ihn in Eisen
lassen,« sagte Carl rasch, »das ist für jetzt Strafe genug, und
nachher mögen sie ihn den Gerichten übergeben. Auf dem festen Land
wird er nicht so schwer abkommen wie an Bord.«
»Das kommt aufs Wetter an« meinte Bill trocken, und schob sich ein
tüchtiges Primchen in den Mund, den er sich vorher mit einem halben
Kumpen Thee ausgespült hatte.
»Auf's Wetter?« sagte Bob -- »wie soll das auf's Wetter ankommen --
wohl die Laune vom Alten.«
»Ich meine das =Wetter=,« behauptete Bill -- »nach Recht und Gesetz
weiß ich nicht einmal ob er ihn schlagen kann. Wird aber das Wetter
morgen unbeständig, und es sieht heute gerade so aus als ob wir vor dem
alten miserabeln Riffnest Gott weiß wie lange herumkreuzen müssten,
dann kann ihn der Alte, so schwach wie wir jetzt bemannt sind, gar nicht
in Eisen lassen, oder er muß erwarten daß ihm einmal über Nacht ein
Viertel Dutzend Masten über Bord gehen. Nachher heißts »wieder auf
Deck« und daß er ihn dann nicht so ohne alle Strafe frei herum laufen
läßt, ich dächte dazu kenntet Ihr doch unseren Alten ein klein
Bischen zu gut.«
»Er darf ihn doch nicht schlagen lassen!« rief Carl entrüstet.
»=Darf= nicht?« lächelte Bill verächtlich -- »ich möchte sehen
wer ihn daran verhindern wollte. -- Wenn =wir's= thäten, wär's weiter
nichts als »Seeräuberei« von unserer Seite -- »Rebellion und
Aufruhr« und wie die schönen Worte sonst noch alle heißen, nach denen
man eines ehrlichen Menschen Hals so lang zieht, daß er bis an die
nächste Raanocke reicht. Und wollte ihn Hans nachher verklagen wenn wir
an Land kommen, so möchte ich drei Monat Lohn gegen einen Priem Taback
wetten, daß der Capitän Recht bekommt und der Kläger, -- wenn sie ihn
nicht gar noch einmal einstecken -- höchstens den Verweis bekommt, sich
in Zukunft besser zu betragen. Das nennen sie nachher Gerechtigkeit.«
»Ich hebe keine Hand gegen ihn auf,« betheuerte Carl, »wenn sie mich
krumm und lahm schließen lassen.«
»Wirst du auch gar nicht 'zu kommen,« meinte Bill -- »das ist des
Bootsmanns Sache, und da »Spahn« jetzt überhaupt hier an Bord den
Bootsmann spielt, so wird der also auch wohl die kleinen Nebengeschäfte
zu besorgen haben. Doch hoffentlich bekommen wir besser Wetter, und dann
macht sich vielleicht noch Alles.«
»Ich glaube auch nicht daß ihn der Capitän wird wirklich =peitschen=
lassen,« tröstete sich Jean, -- »er mag wohl den Teufel im Kopf haben
wenn er die »Tropfen« im Magen spürt -- aber Morgens ist er ja sonst
immer still und ruhig, und flucht nicht einmal besonders viel.«
»Trau du dem Morgens,« brummte Bob hier aus seiner Ecke vor, »ich
hab' ihn einmal Morgens bei solchem Geschäft gesehen, und verlang es
nicht wieder.«
Bob war, außer Hans, der einzige von der ganzen Mannschaft, der schon
früher einmal eine Reise mit dem Capitän in ein und demselben Schiffe
gemacht; aber man hatte ihn bis jetzt nie dazu bringen können auch nur
das mindeste darüber zu erzählen. Desto gespannter drehten sich jetzt
Alle gegen ihn um, weil sie glaubten er würde ihnen nun das, worauf er
anspielte, zum Besten geben. Bob aber, der vielleicht fürchten mochte
daß er dazu gedrängt würde, stand auf, zündete seine Pfeife an,
und stieg auf Deck, und da der Zimmermann gleich nach ihm herunter kam,
hörte jede weitere derartige Unterredung von selber auf.
Der Gefangene bekam von dem zweiten Mate Wasser und einen
Schiffszwieback, auf des Capitäns Ordre hinuntergebracht -- auf seine
eigene fügte er aber ein Stück Fleisch und ein Fläschchen mit Rum
bei, und sprach dem armen Teufel Muth ein: er solle nicht das Schlimmste
glauben; es würde noch Alles gut gehen?«
»Gut gehen?« lachte Hans leise und bitter vor sich hin, nachdem er dem
Mate, der mit der Laterne neben ihm stand, freundlich zugenickt -- »gut
gehn? -- was der Capitän thun kann daß mir's =schlecht= geht, thut er
gewiß, darauf könnt Ihr Euch verlassen, und =er= hat jetzt die Macht
in Händen. -- Das Blatt hat sich gewendet.«
»Das Blatt hat sich gewendet?« wiederholte der Mate verwundert --
»wie meint Ihr das?«
»Oder es wendet sich vielleicht wollte ich sagen« erwiederte der
Matrose und that einen kräftigen Zug aus der ihm dargereichten Flasche.
-- »Ich spreche schlechtes englisch Mate, und Ihr dürft bei mir die
Worte nicht so auf die Wagschaale legen.«
»Donnerwetter Mann, Ihr sprecht heute Abend ein recht =gutes= Englisch,
besser wie ich's noch je von Euch gehört habe -- Ihr müßt schnell
lernen.«
»Wenn man den ganzen Tag weiter Nichts hört,« meinte der Gefangene,
»bleibt einem ein Bischen hängen, und =andere= Menschen lernen's ja,
warum soll gerade =mein= Kopf von Holz sein.«
»Nun, laßt's Euch schmecken,« sagte der Mate, »und wenn Ihr das
Fläschchen leer habt, steckt's hier in die Ecke, zwischen die beiden
Balken hinein. Der Lump der Steward könnte wieder aufstehn und herunter
kommen und wenn der's ausschnoperte, wüßte es der Capitän auch schon
in den nächsten fünf Minuten.«
»Ist denn der Steward krank?« frug Hans erstaunt -- »was fehlt ihm?«
»Alle Wetter, Ihr waret doch selbst mit unten und sollt ja das Pferd
gerade auf ihn gehetzt haben, was ihn gebissen hat,« lachte der Mate
leise.
»Oh, hat Ihn der Fuchs so derb gepackt gehabt« meinte Hans,
kopfschüttelnd, »hm, hm -- ja, Pferde beißen scharf, wenn sie einmal
richtig zufassen -- liegt er denn zu Bett?«
»Ja -- aber ich kann jetzt auch nicht länger unten bleiben, ich habe
die Wache an Deck, -- also gute Nacht Hans« -- und damit nahm er seine
Laterne wieder in die Hand, und stieg die Leiter in die Höh, und Hans
blieb im Dunkeln allein.
Am nächsten Morgen war der Wind ziemlich schläfrig geworden; das
Schiff machte nur wenig Fortgang. Am vorigen Tag hatten sie dabei gar
keine Observation bekommen, und auch heute verdunkelte sich gegen Mittag
die Sonne. Der Logrechnung nach mußten sie allerdings dem südlichen
Eingang der Riffe ziemlich nahe, d. h. fast auf einer Breite mit ihm
sein. Wie aber der Wind jetzt stand, wäre es gefährlich gewesen zu
nah an die Klippen anzulaufen, denn die Strömung setzte in dieser
Jahreszeit stark dagegen. Befiel sie vor dem Eingang Windstille, so
war die größte Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß sie gegen die Riffe
getrieben werden mußten. Außerdem konnten sie dabei unter keiner
Bedingung vor Anker gehen -- mit ihrer längsten Lothleine hätten sie,
dicht vor den Riffen, keinen Grund gefunden.
Der Morgen war so vorüber gegangen, ohne daß der Capitän auch nur ein
Wort über den Gefangenen erwähnt hätte. Erst mit sechs Glasen (drei
Uhr) gab er dem zweiten Mate den Befehl Hans an Deck zu bringen.
In Süd-Westen stieg eine dichte Wolkenschicht auf, und es war jede
Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß sie eine häßliche Nacht bekommen
würden.
Hans war todtenbleich als er das Deck erreichte, aber vollkommen ruhig.
-- Er stieg durch die hintere Luke vor dem Mate die Zwischendeckstreppe
hinauf, und blieb, auf ein Zeichen desselben, an der Nagelbank des
großen Mastes stehen. -- Hier aber, ob ihn sein Bein vielleicht noch
schmerzte, oder er sich durch die Aufregung, in der er sich jedenfalls
befand, erschöpft fühlte, aber er lehnte sich halb auf das neben ihm
stehende Fleischfaß, und erwartete dort die Ankunft des Capitäns, der
gleich darauf über das Quarterdeck herüber auf ihn zu kam.
Capitän Oilytt sah gerade das Gegentheil von Hans aus -- er war
glühend roth im Gesicht, und über der Stirn saß ihm ein breites und
langes schwarzes Pflaster. Es war dieselbe Stelle, auf die ihn der jetzt
in Eisen Geschlossene gestern getroffen. Seine Augen hafteten aber nur
für kurze Zeit auf dem Gefangenen, der seinem Blick fest begegnete --
er schaute unruhig über sein Schiff hinweg, nach den Segeln hinauf,
nach den Wolken hinüber und befahl dann dem zweiten Mate mit heiserer
fast nur halblauter Stimme _all hands on deck_ zu rufen und aufs
Quarterdeck zu bringen.
Die Leute kamen still und schweigend an und sammelten sich um Hans,
Keiner aber, außer dem Zimmermann, ohne ihm nicht halb verstohlen und
freundlich zuzunicken.
Um des Gefangenen Züge spielte ein leises schmerzliches Lächeln, --
aber sein Blick suchte wieder die im Süd-Westen aufsteigenden Wolken,
die er in den letzten Minuten schon aufmerksam betrachtet hatte. Wie
unruhig schaute er dann nach dem Oberbramsegel hinauf. Bill, der neben
ihm stand hatte den Blick gesehen und sagte leise:
»Du hast recht Hans, wir kriegen heut Abend faul Wetter und wenn der
Alte nicht bald Segel« --
Des Capitäns Stimme unterbrach ihn hier. -- Dieser war bis dicht an die
dünne eiserne Railing getreten, die das Quarterdeck, das halb aus dem
unteren Raum emporragte, von dem Mitteldeck trennte, und redete jetzt
die Mannschaft mit lauter aber doch nicht fest klingender Stimme an:
»Leute -- wie Ihr wohl wissen werdet, so hat gestern der deutsche
Matrose da -- könnt Ihr nicht aufrecht stehn, Sir, wenn man zu Euch
spricht? -- heh?« -- Hans versuchte sich aufzurichten, mußte sich aber
immer noch festhalten und suchte sich jetzt mit dem gesunden Beine gegen
das Faß zu stützen.
»Sein Bein thut ihm noch weh,« sagte der zweite Mate leise zum
Capitän, hinter dem er stand. --
»Sein Bein soll verdammt sein,« erwiederte dieser barsch und laut,
»übrigens hab ich Euch nicht gefragt Sir, daß Ihr Euch hier das Wort
erlaubt.« --
»Ich meinte nur.«
»Ihr =habt= Nichts zu meinen, Ruhe Sir -- Gott verdamme mich, ich will
Ordnung hier an Bord haben, oder mit Schiff und Mannschaft zu Grunde
gehn -- und Gnade Gott allen denen, über die ich vorher noch weg muß.
-- Also wie ich Euch sagte, Leute, so hat gestern der deutsche Matrose,
sich erst im Raum unten, als ich ihn wegen Unordnung und Liederlichkeit
zurecht wieß, mit Worten gegen mich vergangen, und zuletzt sogar
einen mörderischen Angriff auf mich gewagt, bei dem er mich, von der
Dunkelheit des unteren Raumes und der Lokalität begünstigt, mit irgend
einem schweren Instrument oder Gegenstand vor den Kopf traf und zu Boden
warf.«
»Ich hätte meinen Hals verwettet,« flüsterte Bill dem neben ihm
stehenden Jean zu, »daß er's akkurat so herausbringen würde. -- Ein
Advokat hätt's nicht besser machen können.«
»Dem Gesetz nach könnte ich ihn nun bis Indien« -- fuhr der Capitän
fort, »schwer geschlossen im unteren Raume lassen. Da wir aber
überdies schwach bemannt und einige von uns noch dazu krank sind, so
dürfte ich das jetzt kaum mit der Sicherheit des Schiffes verantworten
können. Ganz ohne Strafe soll er aber natürlich, bis ich ihn in
Calcutta den Gerichten übergeben kann, nicht wegkommen, und der
Bootsmann wird ihm deshalb hier vor Euren Augen funfzig Hiebe aufzählen
-- als =Warnung= für jeden Einzelnen unter Euch für die Zukunft. Ihr
habt mir in Sydney Aerger und Kosten genug gemacht, und ich will mir
hier an Bord wenigstens nicht länger von Euch auf der Nase herumspielen
lassen, oder mich gar Euren mörderischen Angriffen aussetzen. Bootsmann
-- thut Eure Schuldigkeit.«
Er wandte sich um als ob er nach hinten gehen wollte. Des Gefangenen
Stimme hielt ihn da zurück; er blieb mitten im Gange stehen, drehte
sich aber nur halb nach diesem wieder um.
»Capitän,« sagte Hans, dem die Worte kaum aus dem Mund wollten, so
erstickte die innere fürchterliche Aufregung seine Stimme. Er sprach
auch sehr langsam, wie er immer that wenn er sich des Englischen
bediente. -- »Capitän -- in Sydney haben fast alle Euer Schiff
verlassen, nur ich nicht, weil ich Euch mein =Wort= gegeben hatte zu
bleiben.«
»Du bist geblieben, Schuft, weil ich den Lohn von voriger Reise für
dich in Händen hatte,« lachte der Capitän und drehte sich wieder ab
-- »nicht wegen deines Ehrenworts.«
»Capitän,« rief aber Hans noch einmal, dem das Blut jetzt wie mit
vollen Strömen aus dem Herzen herauf ins Gesicht stieg -- »ich blieb,
weil ich mein =Wort= gegeben -- und ich gebe es Euch hier noch einmal --
nehmt die Strafe zurück. Ihr wißt selber, wie Ihr mich gereizt habt.
-- Ich war meiner Sinne nicht mächtig als ich nach Euch schlug -- aber
nur mit meiner nackten unbewaffneten Faust, so helfe mir Gott. -- Nehmt
die Strafe zurück und ich will arbeiten, daß mir das Blut unter den
Nägeln vorkommt -- oder in Eisen liegen wie Ihr wollt -- ich will nicht
murren. -- Setzt mich die ganze Reise auf Wasser und Brod -- behaltet
zur Strafe für mich jeden Cent, den ich bis jetzt hier an Bord verdient
habe -- aber -- aber -- keine Schläge.«
Der Capitän war stehen geblieben, aber allem Anschein nach ohne den
Worten auch nur die geringste Aufmerksamkeit zu widmen. -- Er wandte
sich jetzt rasch gegen den Zimmermann und sagte schnell: --
»Hab' ich Euch nicht befohlen Eure Schuldigkeit zu thun? -- Wir haben
keine Zeit mehr zu verlieren, dort hinten kommt ein Wetter auf -- Bob --
Jim -- bindet den Gefangenen an die Leeseite -- nur mit den Händen --
er mag aufrecht dabei stehen bleiben oder -- wenn ihm das bequemer ist,
auf die Kniee niederfallen.«
»Capitän!« schrie aber jetzt Hans plötzlich, als die beiden auf ihn
zutraten, mit lauter fast drohender Stimme, und in so reinem, flüssigem
Englisch, daß selbst der Capitän sich erstaunt nach ihm umschaute --
»Ihr =wißt=, daß ich mein Wort halte, aber beim heiligen Gott des
Himmels, der, der Hand an mich legt, schlage mich lieber gleich todt,
denn so wahr ich einst selig zu werden hoffte, so wahrhaftig morde ich
ihn im nächsten Augenblick, wo ich die Hände frei bekomme.«
»Ah, wenn die Sachen so stehen, wollen wir wohl zusehen daß du
die Hände nicht frei bekommst, mein Bursche,« lachte der Capitän
höhnisch -- »Gott verdamme es, wie der Kerl auf einmal so gut englisch
spricht -- das bringt die Angst heraus. Also =Mord= -- gut Sir, wir
werden's nicht vergessen. -- Und nun an die Arbeit, Bootsmann, und legt
gut auf, oder ich laß Euch auf Euerm eigenen Rücken zeigen wie man's
machen muß. Allons, Bob -- Jim -- Pest, noch einmal Burschen, soll
ich's Euch zum =drittenmal= sagen?«
Die beiden hatten unschlüssig dagestanden. Dem directen Aufruf des
Capitäns wagten sie aber nicht den Gehorsam zu verweigern, und führten
den Gefangenen an die Leeseite, wo sie ihm das Hemd abzogen und
den Rücken entblößten. Brust und Schultern waren ihm mit blauen
wunderbaren Zeichen tättowirt, und auf der ersteren hatte er noch
außerdem drei tiefe, aber schon seit Jahren verharrschte Narben. Sie
banden ihm die Hände hoch in die Höhe, aber er sprach kein Wort mehr,
und ließ alles ruhig mit sich geschehen. Der Zimmermann hatte indessen
ein schon bereitliegendes noch neues Reefband vorgenommen, wickelte sich
das eine Ende davon um die rechte Hand, und trat auf den Gefangenen zu.
Indessen hatte es schon lange im Südwesten geblitzt, und es folgte
gerade in diesem Augenblick ein so heftiger Donnerschlag, daß Alle,
die bis jetzt nur mit dem Gefangenen beschäftigt gewesen, erschrocken
aufsahen.
»Werft die Bramsegelfalle los,« schrie aber jetzt auch der Capitän,
der auf einmal fand daß ihn das Wetter ganz plötzlich überrascht
hatte. -- »Bramsegel fest -- schnell -- Falle los -- Donnerwetter,
Zimmermann, laßt den Burschen jetzt stehen und werft die Taue los.«
Die Leute sprangen, froh dem peinlichen Schauspiel enthoben zu
sein, blitzesschnell auf ihre verschiedenen Posten, und im nächsten
Augenblick schien alles nur Verwirrung in den gelösten Tauen und
flatternden Segeln. -- Niemand kümmerte sich um den Gefangenen, der
noch mit entblößtem Oberkörper an den Wanten hing.
Ueber die See kam es indessen in dumpfem, hohlem Brausen herangestürmt.
-- Noch standen die Wolken tief am Horizont, aber die Luft wurde schon
dick und düster, und das Wasser fing an sich vor der andrängenden
Gewalt zu kräuseln und zu gähren. Die leichteren Segel waren indessen,
so rasch es die schwache Mannschaft nur irgend erlaubte, festgemacht,
die Marsraaen rasselten jetzt zum Reefen nieder, und in das monotone
Heulen der Matrosen, die an den Reeftaljen hingen und die schweren Segel
zum Reefen aufholten, mischte sich schon das Brausen des Sturmes, und
die Segel schlugen dabei an die von den Brassen gelösten Raaen, als ob
sie der kommenden Windsbraut ängstlich entfliehen und hinaus ins Weite
wollten.
Hier besonders zeigte sich jetzt der Nachtheil einer zu schwachen
Bemannung. -- Sämmtliche Mannschaft wurde gebraucht ein einziges Segel
zu reefen -- und war selbst dazu kaum stark genug. Ehe sie denn auch das
Vormarssegel fest bekommen konnten, brauste der Sturm heran, riß das
große Marssegel mit =einem= Schlag, wie aus einer Kanone geschossen,
von einander, und in der nächsten Secunde peitschten schon die Streifen
davon um die Raaen. Der Capitän stampfte ingrimmig mit dem Fuß.
»Soll ich Hans lieber losbinden, daß er mit hilft?« sagte der erste
Mate zum Capitän, mit dem er allein auf dem Verdeck stand -- der zweite
Mate war mit oben auf der Marsraae. --
»Verdammt! nein,« rief aber dieser »ich traue dem Burschen nicht,
und er soll nicht sagen, daß er oder das Wetter mir seine Strafe
abgetrotzt. Das Segel ist nun doch einmal beim Teufel, und mit
den anderen werden sie schon fertig werden. So wie der Zimmermann
herunterkommt, soll er ihm seinen Theil auflegen und dann wieder marsch
hinunter in sein Loch. Wenn er so mordlustige Gedanken hat, wollen wir
den Wolf doch lieber nicht aus der Falle herauslassen.«
Der Wind, der indessen eher an Stärke zugenommen als nachgelassen
hatte, war erst ganz nach Norden herumgegangen, und bis die Leute mit
Reefen fertig waren, neigte er sich sogar so weit gegen Nord-Ost
daß der Capitän, der in den letzten beiden Tagen keine Observation
bekommen, und die Nacht vor der Thür sah, der Nähe der Riffe nicht
mehr traute, und lieber gleich zu wenden befahl.
Jetzt war aber der Angebundene wirklich im Weg, und da der Capitän auch
wohl einsehen mochte, daß unter den jetzigen Umständen und während
der Sturm über die aufgeregten Wogen heulte, die Vollziehung der Strafe
unter den Leuten weit eher einen bösen Eindruck machen, als sie vor
ähnlichen Vergehungen zurückschrecken würde, befahl er dem jetzt
wieder an Deck gekommenen zweiten Mate ihn abzubinden und nach unten zu
führen -- »bis das Wetter besser geworden wäre.«
Der Mate, ein gutherziger Bursche, hatte wohl kaum einen Befehl seines
Oberen mit größerer Freudigkeit befolgt als eben diesen. Er sprang
rasch nach unten, warf ihm sein Hemd wieder über und stieg mit ihm die
Luke hinunter.
»Es kann sich noch alles machen, =Hans=,« sagte er ihm hier
freundlich, als er ihn in sein kleines Behältniß wieder eingebracht
hatte -- »Zeit gewonnen alles gewonnen, und wenn wir morgen glücklich
in die Riffe einlaufen, denkt der Alte vielleicht gar nicht mehr an die
ganze Geschichte.«
»Ich dank Euch für Euren freundlichen Wunsch, Mate,« sagte der
Gefangene düster und warf sich auf seine Matratze, die ihm Jean heute,
allerdings =gegen= des Capitäns Befehl, zu verschaffen gewußt hatte.
Der Mate hatte auch nicht lange Zeit, denn von oben nieder tönte schon
das Schreien und Heulen der Matrosen, die an den Schoten und Brassen
rissen, das Schiff auf den anderen Bug zu legen, und er sprang rasch die
Leiter wieder hinauf.
Elftes Capitel.
Der Sturm.
Als an Deck alles klar war, die nicht durchaus nöthigsten Segel
geborgen, die Raaen scharf angebraßt standen, lief das Schiff wieder
nach Süden zurück. Südost lag freilich auf dem Compaß an, aber ein
paar Striche trieb es doch noch immer weiter nach Süden hinüber, so
daß es vielleicht einen SSO-Cours steuerte. Unter der Zeit war es aber
auch vollkommen dunkel geworden, und der Capitän saß in der Cajüte
und trank, theils aus Aerger über das schlechte Wetter, theils über
die vereitelte Execution an dem Deutschen, von dessen schwerer Faust ihm
das Zeichen noch immer auf der Stirn brannte, ein Glas Grog über das
andere. Der erste Mate, der die Wache auf Deck hatte, ging ab und zu,
bald in die Cajüte hinunter, das Nöthige mit dem Capitän über die
Fahrt zu besprechen, bald einmal wieder an Deck schauend, wie es mit dem
Wetter stehe.
Die Karte der Torresstraße lag mit Cirkeln und Parallel-Lineal auf dem
Tisch der Cajüte, und es schien ihm nichts weniger als angenehm, daß
sich der Capitän heute gerade um seinen Verstand trank.
»Um zwölf wollen wir wieder über den anderen Bug gehen,« sagte
endlich Capitän Oilytt, der in der einen Sophaecke lehnte, und das
rechte Bein zu sich heraufgezogen hatte. -- »_Damn it_, wir dürfen
nicht so weit von der Straße ablaufen, wir haben sonst morgen Abend
wieder dieselbe Geschichte.«
»Um zwölf möchte wohl ein wenig früh sein, Capitän,« meinte der
Steuermann -- »ich war noch vor Dunkelwerden oben im Mast, und wenn
ich's auch nicht gerade bestimmt behaupten will, so war mir's doch als
ob ich im Westen Land gesehen hätte. -- Die Strömung setzt uns hier
sehr stark nach den Riffen hinein, und es wäre eine fatale Geschichte,
wenn wir im Dunkeln drauf liefen.«
»Unsinn,« brummte der Capitän und füllte sich auf's neue sein Glas
-- »wenn's Tag wird, werden wir gerade in der rechten Entfernung
sein, bis Mittag die Einfahrt machen zu können, und dann soll auch der
Bursche, der Hans, seine Ladung haben -- der Schuft der.«
»Capitän Oilytt,« sagte der Mate ruhig -- »ich würde die Sache sein
lassen, bis wir durch die Torresstraße sind. -- Es ist nicht gut jetzt
böses Blut unter der Mannschaft machen. Nachher, wenn Ihr Euch nicht
anders besonnen habt, könnt Ihr ja immer noch thun was Ihr wollt. --
Er läuft uns in der Zeit wahrhaftig nicht weg, und da unten in Eisen
liegen ist auch eben kein Spaß.«
»Papperlapapp!« rief der Capitän ärgerlich auffahrend -- »glaubt
Ihr ich soll vor meiner Mannschaft mit zerschlagenem Gesichte
herumlaufen, und den Schuft nicht gezüchtigt haben, der es gewagt hat
Hand an mich zu legen? Pest und Gift -- und hinter dem Burschen steckt
auch noch mehr. -- Ich habe ihn im vorigen Jahr zuerst von Sydney mit
fortgenommen, und er sprach fast kein Wort englisch, und gestern Abend,
Gott verdamme mich, ging's ihm vom Maule als ob er in seinem ganzen
Leben keine andere Sprache gesprochen. Hier an Bord kann er das in der
kurzen Zeit nicht so gelernt haben, also hat er sich vorher =verstellt=
und da sitzt ein Haken dahinter. Es sollte mich nicht so viel wundern,
wenn er irgend ein durchgekniffener Verbrecher von Neusüdwales oder
Vandiemensland wäre. -- Ich wollte, ich hätte früher eine Ahnung
davon gehabt.«
»Ja, sein englisch Sprechen ist mir auch gestern Abend aufgefallen,«
sagte der Mate, nachdenkend -- »was sollte er aber für eine Ursache
haben, seine Sprache zu verstellen?«
»Und den ganzen Leib hat der Schuft voller Narben,« fuhr der Capitän,
ein anderes Glas leerend, fort, »ich möchte nur wissen wo er die
gekriegt hat -- im ehrlichen Kriege wahrhaftig nicht, denn so alt ist er
gar nicht irgend einen Krieg mitgemacht zu haben -- verdammte Bestie.
-- Und dabei ist mir's immer als ob ich seine grauen Katzenaugen schon
irgendwo einmal früher gesehen hätte.«
»Er müßte denn mit in Indien gewesen sein,« meinte der Mate.
»Indien -- pah« -- sagte Oilytt -- »die Tättowirungen hat er auch
nicht aus Indien, die sind aus der Südsee. -- Wo sich der Schuft nur
mag alles herumgetrieben haben.«
Er schenkte sich ein frisches Glas ein und rührte dieses wüthend
zusammen, während der Mate, der das nicht länger mit ansehen mochte,
die Cajüte verließ. Dem Capitän gingen aber indessen allerlei Dinge
durch den Kopf -- die Narben des Gefangenen gefielen ihm nicht. -- Der
Mann hatte schon mehr erlebt als er wieder erzählen mochte, und war
allerdings im Stande seine Drohung auszuführen.
»Hol ihn der Teufel,« brummte er endlich vor sich hin -- »er soll
nicht sagen können daß er Bill Oilytt erst geschlagen und nachher in's
Bockshorn gejagt hat. -- Morgen früh, wenn wir gesund bleiben, soll
er seine fünfzig -- Narben oder keine Narben -- richtig aufgezählt
kriegen. -- Wart Canaille, ich will dir das Fell noch einmal
übertättowiren und nachher kann er sehen wie er sein Wort hält, wenn
er unten in Eisen krumm liegt. -- Verdammte meuterische Hundeseele.«
Mit diesen Worten zog er auch das andere Bein auf's Sopha herauf, um
sich zum Schlafen zurecht zu legen. -- Das Rückenkissen unter den
Kopf schiebend, rief er dann, erst in seiner gewöhnlichen Stimme, zum
zweiten Mal jedoch laut und ärgerlich nach dem Steward -- er hatte ganz
vergessen daß der im Bett lag. An dessen Statt erschien aber Timor, der
Malayische Knabe in der Thür, und frug was der Capitän befehle.
»Wo ist der Steward, der Lump?« schrie ihn dieser an -- »schon zu
Bett? -- ach ja so, hat eine dicke Seite -- Pest noch einmal, daß ich
ihm nicht einen dicken Buckel dazu gebe -- Timor -- Timor!«
»Ich bin hier, Sir,« sagte der Junge, und trat dicht zum Sopha hinan.
»Timor -- um zwölf Uhr weckst Du mich -- verstanden?«
»Ja Sir,« -- der Junge blieb noch eine ganze Weile auf seinem Platz,
fernere Befehle seines Herrn, mit dem er wohl wußte daß sich in diesem
Zustand nicht spaßen ließ, abzuwarten. Der Capitän war aber schon
fest eingeschlafen und Timor drückte sich in seinen Verschlag zurück,
-- wenn es ihm der Mate verstattete -- ein Gleiches zu thun.
Unter fast gar keinen Segeln und gegen eine ziemlich schwere See an,
machte das Schiff nur sehr geringen Fortgang. Trotzdem sie aber vom
Lande, ihrem Cours nach, abgingen, schickte der zweite Mate, der bis
zwölf Uhr Wacht hatte, mehrmals Leute nach oben, um zu sehen ob sich
nach Westen zu nicht doch irgend etwas erkennen ließ. Der Himmel war
jedoch zu bewölkt und die Luft zu dunkel. Ohne daß etwas besonderes
vorgefallen wäre kam 12 Uhr heran.
Timor schüttelte jetzt seinen Herrn und that im Anfang wirklich was
er thun =konnte=, ihn nur munter zu bekommen. Dann sprang derselbe aber
auch mit beiden Füßen zugleich empor, rieb sich die Augen und sah nach
dem über ihm hängenden Compaß. Fünf Minuten blieb er noch etwa,
wie in tiefe Gedanken versunken, auf dem Sopha sitzen -- er besann sich
wahrscheinlich, was in den letzten Stunden mit ihm vorgegangen, und erst
jetzt, mit einem plötzlichen »Ja so« -- stand er auf, sah nach der
Kanne, die er jedoch leer fand, und stieg, darüber auch eben nicht ganz
zufrieden, an Deck hinauf.
Der Wind wehte noch aus demselben Quartier, ja hatte sich eher noch
mehr nach Osten gedreht; die See ging hoch und hohl, und es war eine
häßliche Nacht. -- Der erste Mate kam eben an Deck und zog sich, schon
oben, seinen dicken Rock an, den er fest unter dem Halse zuknöpfte.
»Guten Morgen, Capitän,« sagte er, als er an diesem vorüberging --
»noch immer um nichts besser -- da hinten sieht's noch häßlich aus.«
»Guten Morgen, Mr. Black -- nun ich denke mit Sonnenaufgang sollen wir
wieder klar Wetter bekommen, die Luft sieht da drüben schon lichter
aus. Sind die Leute an Deck? -- he Bill,« wandte er sich zu dem Mann,
der eben vom Ruder abgelöst war -- »geht noch nicht zu Koje, wir
wollen wenden.«
Das Manöver, das auf vollkommen bemannten Schiffen nicht viele Minuten
dauern darf, erforderte mit der schwachen Mannschaft, bis alles wieder
in der gehörigen Ordnung war, fast eine halbe Stunde, und der Boreas
nahm, gegen die schwere See an, eine Masse Wasser über Bord. Wie der
Wind stand, konnte er dabei nur eben einen Nordcours liegen, und hatte
jedenfalls nach Westen hin, ohne die dort hinüber setzende Strömung,
anderthalb Strich Abdrift. --
»Capitän Oilytt,« sagte der Mate, als die letzten Brassen angeholt
waren und das Schiff wieder, mit etwa drei Meilen Fahrt, langsam gegen
die Wogen ankämpfte. -- »Ich glaube wahrhaftig nicht daß wir bis vier
Uhr über diesen Bug liegen dürfen. Unserer Berechnung nach sind wir
allerdings noch über einen Grad von der Küste ab, wir haben aber in
zwei vollen Tagen keine ordentliche Observation gehabt, und -- es ist
eine verdammt gefährliche Küste.«
»Kommen Sie mit hinunter, wir wollen einmal auf der Karte ablegen,«
sagte Capitän Oilytt, und stieg voran die Treppe hinunter.
Ihrer Berechnung nach waren sie allerdings noch weit genug von den
Klippen ab, und mit dem geringen Fortgang den das Schiff machte, ließ
sich eben nichts besonderes für die wenigen Stunden fürchten. Der Mate
schüttelte aber doch mit dem Kopf und meinte, »sicher sei jedenfalls
sicher.«
»Gut, dann wecken Sie mich um zwei Uhr,« brummte der Capitän
mürrisch und legte sich wieder auf's Sopha, dort die anderthalb Stunden
zu verbringen.
Zwölftes Capitel.
Die Riffbank.
Der Mate kam um die bestimmte Zeit selber herunter, legte die Distance
ab, die sie nach Log und Compaß gemacht, und fand daß sie der Küste,
wenn die Strömung hier nicht sehr stark war, etwa um fünf Meilen
näher gekommen. Sie gingen dann mitsammen auf Deck, und es wurde ein
Mann nach oben gesandt, auszusehen, während vorn auf der Back ein
anderer die Wacht halten mußte. Es ließ sich aber nicht das mindeste
erkennen, und der Capitän blieb bis zu seiner Wacht oben. Gewendet
wurde aber =nicht=.
Um vier Uhr ging der erste Mate nach unten, und als er den zweiten
weckte, prägte er ihm noch besonders ein, ja fortwährend Jemand auf
dem Ausguck zu haben, der nicht allein nach der Brandung aussähe,
sondern auch =aushorche=, denn sie würden sie in dieser stockfinstern
Nacht eine Stunde eher hören als sehen können. Er ging dann zu Koje,
konnte aber nicht schlafen und wälzte sich unruhig, alle Augenblicke
aufhorchend, auf seinem Bett herum.
Es war um fünf Uhr Morgens, als er ganz deutlich durch sein offenes
Fenster, bei einem plötzlich herüberwehenden Windstoß, das ferne
dumpfe Rollen der Brandung zu hören glaubte. -- Mit einem Satz war er
aus dem Bett und an Deck -- einen Augenblick war alles still, dann kam
es dumpfgrollend und deutlich wieder über die empörte See daher, und
mischte sich in das Heulen des Windes.
»Capitän Oilytt, wir sind dicht auf der Küste,« rief der Mann
erschrocken und sprang rasch die wenigen Stufen hinauf und auf den
Capitän zu, der bis jetzt auf dem hinteren Theil des Quarterdecks mit
schnellen Schritten auf- und abgegangen war.
»Unsinn, Sir -- was macht Sie das glauben?« frug der Capitän, indem
er stehen blieb.
»Hörten Sie nichts?« sagte der Mate, und hielt die gebogene Hand
trichterförmig an das lauschend vorgebeugte Ohr. Eine halbe Minute wohl
ließ sich nichts deutlich unterscheiden, dann aber plötzlich quollen
die dumpfgrollenden Töne ferner Brandung so deutlich zu ihnen herüber,
daß sich die Sache nicht mehr bezweifeln oder gar wegläugnen ließ.
»Ich höre nach vorn zu auch die Brandung, Capitän,« sagte Jean
der am Steuer stand, und schon eine Weile nach der Richtung hinüber
gehorcht hatte, »gerad' da drüben.«
»Er hat wahrhaftig recht,« rief der Mate -- »wir sitzen mitten
drinn.«
»_All hands on deck_« donnerte der Capitän jetzt, ohne etwas darauf
zu erwiedern, über Deck hin -- »schnell Jungen, schnell, treibt mir
die Schläfer aus den Kojen. -- Nach oben ihr Leute, und schüttelt mir
die Reefen aus den Marssegeln. -- Rasch, munter, Jungens -- zwei nach
vorn und zwei für die Besahn -- jetzt fehlt uns das große Marssegel.
Den großen Klüver los, Einer von Euch, und nun Marsraaen in die Höhe,
was das Zeug halten will.«
Die Leute waren aus dem Logis halb bekleidet herausgesprungen und flogen
an die Taue. Die Vormarsraae ging rasch, diesmal ohne Singen und nur
unter dem schnellen Tactheulen eines Einzelnen, nach oben, und das
gewaltige Segel faßte bald voll und kräftig den Wind. »Vor-Bramsegel
los!« -- tönte der nächste Ruf, und ob sich gleich die Stenge vor der
ungeheuren Last die gegen sie preßte, ordentlich bog, als die Schoten
nach dem Nocken flogen und der Wind plötzlich hineinschlug, sie brachen
wenigstens nicht. Das große Besahn war ebenfalls gesetzt, und das
Schiff bewegte sich etwas schneller durchs Wasser.
»Ist das neue Marssegel zur Hand, Mr. Black?« frug der Capitän jetzt
diesen, der neben ihm stand und die Besahnschot befestigen half.
»Alles in Ordnung, Sir -- liegt gerade hier unter der Luke. Ich wollte
es überhaupt schon heute früh anschlagen und das alte Segel ausbessern
lassen.«
»Ich wollte Sie hätten's gestern gethan,« erwiederte der Capitän --
»allons, hinauf damit -- wir müssen sehen, daß wir es fest kriegen.
-- Wenn wir nicht Segel setzen können, jagen wir unrettbar auf die
Riffe hinauf.«