»Wie hoch wird die Belohnung etwa sein?«
»Wie hoch? nun =unter= vier Pfund Sterling per Mann auf keinen Fall,
wahrscheinlich aber sechs, und wie viel sind es gleich -- vier, sieben
-- neun, nicht wahr?«
Das Mädchen sah zu ihm auf und schüttelte verschmitzt mit dem Kopf --
die Falle war ein klein wenig zu plump gewesen. Charles mochte das auch
wohl fühlen, denn er wurde bis über die Ohren roth, sagte aber gleich
darauf lachend -- »bitt' um Entschuldigung, ich hatte ganz vergessen,
daß du gar nichts davon weißt. Doch genug für jetzt. Mir liegt selber
nichts daran, daß wir sie heut Abend erwischen sollten, und sind sie in
der Nähe, so thäten sie sehr wohl sich ein wenig von den Straßen oder
aus den öffentlichen Trinkhäusern zu halten, sie könnten sich
sonst leicht morgen an einem Orte finden, auf den sie Heute schwerlich
gerechnet haben. Also _good bye_, Polly, sei ein gut Mädchen und halte
die Augen offen.«
Damit trat er mit ihr in den dunklen Gang zurück, zog sie etwas näher
an sich und -- doch es war zu dunkel etwas weiter zu erkennen. Als aber
gleich darauf die Thür aufging, stand Charles vorn im Haus, und Polly
kam, allem Anschein nach eben vom Hof, und trat in die Schenkstube.
Als Charles wieder in die Stube kam, hatten die beiden Steuerleute schon
die Zeche bezahlt und sich zum Fortgehen gerüstet. -- Sie hielten sich
erst einmal vor allen Dingen nach der Rowson oder Rosenstraße hinüber,
wo ein freier eingezäunter Platz die eine Reihe Straßen begrenzt
und die Matrosen, in der Nähe zahlreicher verrufener Häuser gern
umherschlendern. Obgleich sie aber manchen von diesen begegneten, und
alle scharf ins Auge faßten, war doch keiner der rechten darunter.
Einmal freilich glitt eine dunkle Gestalt rasch und flüchtig vor
ihnen hin, verschwand aber auch gleich darauf durch die dort hohe
Pallisadenfenz, in eine kleine Thür, die sich hinter ihm schloß. Es
war dies kein öffentliches oder Kosthaus, und der Polizeimann hätte
erst einen »_warrant_« ausnehmen müssen, ehe er ein Privathaus
untersuchen durfte. Oft blieb Charles aber eine kurze Strecke zurück,
und flüsterte hie und da mit einer, im Schatten irgend eines niedern
Hauses, neben einem erleuchteten Fenster stehenden weiblichen Gestalt
-- er schien mit allen Winkeln und Höhlen der ganzen Stadt bekannt zu
sein.
Es war etwa neun Uhr als sie nach Pittstreet zurückkamen; hier hatte
sich indessen manches verändert, und die im Anfang noch ziemlich
öde Straße wimmelte jetzt, besonders in der Nähe des Theaters,
von Menschen. Dem Theater gerade gegenüber sind eine Anzahl kleiner
Spelunken oder Trink- und Tanzhäuser nur von liederlichen Dirnen
besucht, zu denen sich die Menschen förmlich drängten. Unsere drei
Wanderer traten ebenfalls ein, und zwar zuerst in das bedeutendste, das
sogenannte »Shakespeare Haus.«
Unten befand sich die sogenannte Bar -- ein Schenktisch mit den dazu
gehörigen Vorräthen von Flaschen und Gläsern; dahinter ein kleines
Zimmer für solche die ruhig ein Glas Bier trinken wollten. Beide Locale
waren aber fast leer von Gästen, und doch sollte dies Haus ungemein
großen Absatz haben. Außer diesen beiden Zimmern hatte es aber auch
noch andere Räume. Gleich neben der Bar, von dieser nur durch eine
Mauer getrennt, und mit einem aparten Eingang von der Straße, ging
eine schmale Treppe in die erste Etage hinauf, wo der ganze Raum in
zwei große Locale getheilt war. Das eine war ein hoher Saal, dessen
äußerstes Ende ein statuenartig und lebensgroß gemaltes Bild
Shakespeare's zierte.
Der große Dichter stand aufrecht da und überschaute mit einem
merkwürdigen Zug unendlicher Gleichgültigkeit das ganze wilde Treiben
um sich her. Der Maler hatte in diesem Bild sicher eine schwere
Aufgabe gelöst, und Shakespeare wenigstens an Gestalt, Kleidung und
Gesichtszügen kennbar, zugleich aber auch mit einem so nichtssagenden
faden Gesicht hingestellt, daß man dem Bild, da der Maler gerade nicht
bei der Hand war, die erste beste Flasche hätte an den Kopf werfen
mögen. Rings an den übrigen Wänden waren Scenen aus Shakespeare's
Werken, colorirt, dargestellt, mit gerade solchen Gesichtern als sie
=der= Shakespeare geschaffen haben würde. -- Der Sturm und Romeo
und Julie, König Lear und Fallstaff hatten besonders dazu herhalten
müssen, und auf einem Bild stand eine lange schwarze Figur mit einem
Barrett auf dem Kopf und einer Kegelkugel in der Hand, und sah ums Leben
aus, als ob sie eben im Begriff wäre alle neun zu schieben. -- Das
sollte Hamlet sein.
Es war noch ziemlich leer im Saal; in der äußersten linken Ecke stand
ein altes, abgepauktes Pianino wie ein Luftspringer auf einem Dorfe, der
sich auf die Hände stellt und mit den Füßen an der Wand hinaufreicht.
-- Vor diesem saß ein junger Mann, der Horn an den Fingern haben
mußte, denn er schlug unablässig eine alte Polka von vorn bis hinten
durch, und fing, wenn er hinten fertig war, vorn wieder an. Neben ihm
stand ein kleiner Junge mit einer Violine, der ihn zu begleiten suchte,
aber nicht mit kommen konnte. Allerdings hielt er ziemlich Tact mit ihm,
aber er konnte ihn nur nicht einholen. -- Der Schweiß stand ihm auf der
Stirn, die Augen traten ihm aus dem Kopf, die Finger gingen in rastloser
Hast auf den gequälten Saiten auf und nieder, aber vergebens -- zwei
Noten war er regelmäßig hinter ihm. Hätte der Clavierschläger nur
eine Secunde gewartet -- nur den Gedanken einer Secunde -- aber nein --
vorwärts, unaufhaltsam vorwärts ging es, wie die wilde Jagd -- kein
Rückblick, außer für die, denen das Gesicht auf den Nacken gedreht
war -- und der Violinspieler gab die Verfolgung endlich in Verzweiflung
auf.
Rings an den Wänden hin standen Bänke und Sophas; unter der
Shakespearestatue der beste, und auf diesem lag lang ausgestreckt
ein junges wunderhübsches Mädchen in einem seidenen, oben
hochanschließenden Kleid, unter dem die kleinen zierlichen Füße nur
eben mit den Spitzen hervorschauten. Ihre Beschäftigung war, wie sich
das unter einer Shakespearestatue auch gar nicht anders denken läßt,
eine rein geistige -- sie schlürfte ein Glas Brandy und Wasser, und
stellte das Glas als sie es ausgetrunken der Bequemlichkeit wegen vor
sich auf die Erde nieder.
Auf den anderen Sophas und Bänken saßen viele andere Mädchen und
junge Leute -- von den ersteren einige sehr elegant gekleidet, mit
Hüten und Schleiern und großen Shawls, andere wieder mit schlicht
zurückgekämmten Haaren und kattunenen Kleidern. Ebenso großer
Unterschied war bei dem männlichen Geschlecht, von dem feingekleideten
Stutzer bis, in einzelnen Fällen, zum einfachsten Matrosen herunter, so
standen, saßen und lehnten sie in den buntesten und verschiedenartigsten
Gruppen umher. -- Nur der eine Unterschied war doch wohl, daß die
Mädchen alle einem bestimmten =jugendlichen= Alter angehörten, während
sich unter den Männern auch sogar einige aus dem »besten« befanden, die
mit noch recht jugendlichem Anstand scheinbar theilnahmlos hin- und
herwanderten, oder an einem der Tische ihren »Portwein St. Gris«
sippten.
Der Tanz hatte aber noch nicht begonnen -- der verzweifelte Wettlauf der
beiden Musici schien nur erst eine Vorübung gewesen zu sein.
Unsere drei Freunde fanden hier übrigens nicht was sie suchten,
und Charles meinte, sie wollten lieber später noch einmal hierher
zurückkehren, und erst nebenan in die anderen Locale hineinsehen.
Es sei wahrscheinlicher, daß sich einzelne der Leute, wenn sie sich
überhaupt in ein öffentliches Local getraut, eher dort als hier
aufhalten würden.
Ehe sie übrigens die Treppe wieder hinuntergingen, traten sie noch
einen Augenblick in das nach vorn hinaussehende Zimmer. Drei junge
Mädchen saßen hier an dem mittleren Fenster und schauten nach dem
gegenüberliegenden Theater hinüber; ein paar andere lehnten in
verschiedenen Sophaecken und schienen zu schlafen, und an dem Tisch
stand eine sechste im eifrigen aber leise geführten Gespräch mit einem
jungen Mann, der sehr elegant gekleidet war, und augenscheinlich den
höheren Ständen angehörte.
Hier war weiter nichts für sie zu thun -- sie stiegen die Treppe
hinunter, bogen rechts ab, und traten in das erste Local hinein, das
sie drei oder vier Thüren weiter hin fanden. Wilder Lärm tönte
ihnen schon bei ihrem Eintritt entgegen, aus dem Saal hinter der Bar
kreischten die schrillen Töne einer Violine hervor, und kaum hatten sie
diesen Platz betreten, als sie auch in eine wahre Wolke von Tabaksqualm
und Brandygeruch eingehüllt waren.
Alle drei hatten aber schon in ihrem Leben weit schlimmere Dinge
mitgemacht, und bewegten sich in diesem Chaos wie in ihrem Element. In
der That gingen auch all diese äußeren Eindrücke spurlos an ihnen
vorüber, denn die männlichen Gäste bestanden fast einzig und allein
aus Matrosen von all den verschiedenen Schiffen in der Bay, und
die Dirnen, die sich zwischen ihnen herumtrieben, gehörten der
verworfensten Classe an. -- Auch lag der Platz weiter zurück und mehr
getrennt von der Hauptstraße, und mehrere der Leute vom Boreas sollten
in dieser Woche, und seit sie das Schiff verlassen, hier gesehen worden
sein.
Charles rief den Barkeeper bei Seite und sprach eine kurze Zeit lang
heimlich mit ihm. -- Es war sehr wahrscheinlich, daß sich die Leute
des Boreas nicht alle an Einem Ort aufhielten, besonders da sie von
verschiedenen Nationen waren, und leicht möglich wäre es gewesen
einen oder den anderen hier aufzutreiben. Der Barkeeper wußte aber von
nichts; er schüttelte wenigstens höchst entschieden mit dem Kopf, und
machte dabei fortwährend eine Bewegung mit seinem Körper, als ob ihn
hinten jemand am Hosengurt gefaßt habe, denn eine Jacke trug er
nicht, und aus Leibeskräften daran zöge. Nur der Respect vor dem
Polizeidiener, den er, wenn auch in Civil, doch jedenfalls kannte, hielt
ihn noch zurück.
»Ich bin sicher, daß hier Einer oder ein paar von den Burschen gewesen
sind«, sagte Charles, als er zu den Steuerleuten zurückkam. -- »Der
Schuft erschrack, als ich es ihm auf den Kopf zusagte, und war gar so
ängstlich bemüht, wieder von mir abzukommen. -- Wir wollen fortgehen
und nachher noch einmal einsprechen, dann aber gleich hinten in die
kleine Kammer gehen, ehe sie uns vermuthen können.«
Zwei Häuser weiter war eine andere solche Kneipe -- dort standen einige
zehn oder zwölf Mädchen vor der Thür, und zankten sich und schimpften
einander. Von der anderen Seite der Straße kamen mehrere Constabler
herüber, und die Dirnen, die nicht arretirt sein wollten, traten
rasch ins Haus, setzten aber hier den Streit in einer der Nebenstuben
unerbittlich fort. Es waren meist noch junge Dinger von sechszehn bis
achtzehn Jahren. Mehrere hatten aber schon blaugeschlagene Augen -- die
Folgen eines früheren Gefechts, vielleicht vom letzten Sonnabend Abend
-- viele trugen brennende Cigarren im Mund. Natürlich drängte sich
dabei Alles um sie her, den fast stets in Thätlichkeiten ausartenden
Scandal zu Ende zu sehen, und was nur von Matrosen in der ganzen Straße
war, schien sich hier auf einmal concentrirt zu haben.
»Jetzt ist unsere Zeit« flüsterte Charles den beiden Steuerleuten zu.
-- »Stellen Sie sich beide an verschiedenen Seiten der Stube auf und
betrachten sie sich vor allen Dingen die Gesichter der Hereinkommenden.
-- Die wieder hinaus wollen, müssen nachher immer bei mir
vorbeidefiliren. Sehen Sie einen der Burschen, dann geben Sie mir nur
ein Zeichen, und für das andere werde ich sorgen.« Er schlug dabei
bedeutungsvoll auf seine Tasche, in welcher er ein paar, von der
Regierung bezeichnete Handschellen, für ihn zugleich der eiserne
Ausweis seiner Function, trug.
Der Streit im Innern nahm indessen einen immer bedenklicheren Character
an. Die beiden Feindinnen hatten die Arme in die Seite gestemmt, und
bliesen den Rauch ihrer Manillas in dicken Wolken von sich. -- Es war
das ein Zeichen sehr heftiger Gemüthsstimmung, und Beide gehörten
jedenfalls dem verworfensten Theil der menschlichen Gesellschaft an.
»Und was thust Du überhaupt hier, Du gotteslästerliches Ding Du mit
deinen großen Glotzaugen?« rief die eine jetzt, die Unterhaltung wie
es schien auf ein anderes Feld überführend. -- »Was hast Du hier
zu suchen, als Dich unnütz machen und Scandal anfangen Du --
Preisverderber Du --«
»Was ich hier thue?« schrie die andere aber, und schleuderte mit einem
entsetzlichen Fluche ihre brennende Cigarre zur Erde nieder, während
sie sich zu gleicher Zeit die Aermel in die Höhe streifte und zum nicht
mehr zu vermeidenden Kampfe vorbereitete; sie hatte die Geduld verloren.
-- »Ich gehe meinem Broderwerb nach so gut wie Du -- -- und wenn Dir
das nicht genügende Auskunft ist, so will ich Dir meine andere mit
rother Dinte in die Fratze zeichnen.«
»_Go it Nelly_ -- _go it ye cripples_ -- Hurrah für Sally -- fünf
Schilling auf Nelly« -- schrieen mit einem wilden Gejauchze die
umstehenden Matrosen, die einen festen Kreis um die beiden gebildet
hatten.
»Vier Brandy hot«, schrie in diesem Augenblick der rothhaarige
Kellner, und versuchte mit einem Präsentirteller und vier halb
gefüllten Gläsern in das Zimmer zu dringen. Es wäre für ihn aber
viel vortheilhafter gewesen, hätte er statt dem bestellten =heißen=
Brandy, kalten gebracht, denn irgend einer von den fünfzig Ellbogen,
die ihm in seiner nächsten Nähe entgegenstarrten, fuhr ihm -- ob
absichtlich oder unabsichtlich, wer kann das sagen -- unter den Teller
und sandte dem armen Teufel die ganze Ladung im wahren Sinne des Worts
»über den Hals« und in das Vorhemdchen.
Sally war übrigens zu viel »_game_«, auf solche Ausforderung auch nur
noch weiter ein anderes Wort, als höchstens einen Fluch zu erwiedern.
-- In demselben Moment schleuderte sie ebenfalls ihre Cigarre mitten
zwischen die sie umdrängende Schaar, die lachend das Feuer von sich
abschlug, und fiel in richtiger Boxerstellung auf ihre Gegnerin aus.
Das Schreien und Hurrahen hatte in diesem Augenblick seinen höchsten
Grad erreicht, und die Stube drängte so voll von Menschen wie sie
nur Kopf an Kopf neben einander stehen konnten. Alles was in der
Nachbarschaft gewesen war, preßte herzu.
Der Mate vom Boreas, der sich im Anfang ziemlich nahe der Thür postirt
hatte, um im Fall der Noth gleich bei der Hand zu sein, war durch das
Zuströmen immer neu Hinzukommender viel weiter zurückgeschoben worden
als ihm selber lieb sein mochte. Hinaus konnte er aber nicht wieder, bis
sich wenigstens ein Theil der Menge verlaufen hatte, und er that deshalb
nur sein Möglichstes einen Platz auf dem Fensterbrett zu gewinnen.
Nicht aber um dem Kampfe zuzusehen, denn der interessirte ihn sehr
wenig, sondern die stets wechselnden Gesichter zu beobachten, die sich
theils immer noch in das Zimmer drängten, theils die Thüre in einem
dicht geschlossenen Ring von Köpfen umstanden.
An der Thür hatte Charles noch immer, trotz jedem Andrang von außen,
seinen Posten behauptet, nur war er ein klein wenig nach innen geschoben
worden, und blickte abwechselnd nach den beiden Mates hinüber, ob
nicht Einer von ihnen seine Thätigkeit für irgend ein noch näher zu
bezeichnendes Individuum in Anspruch nehmen wollte. Da sah er, wie sich
plötzlich der Steuermann vom Boreas so hoch aufrichtete, wie er sich
nur immer auf seine Zehen heben konnte und, ein Bild der gespanntesten
Aufmerksamkeit in die Masse von Menschen starrte. Ein Gesicht war vor
ihm aufgetaucht, das er nur noch nicht recht erkennen konnte, weil die
Lampe darüberhing, die ihren Schatten hinunter warf.
Dies Gesicht gehörte aber niemand anderem als unserem alten Bekannten
Bill, der, die Hände in den Taschen und eine Cigarre im Munde, eben
am Haus vorbeigeschlendert war, als der Lärm innen sich erhob, und nun
blos einmal sehen wollte was hier vorging. Fast ohne daß er es merkte,
war er aber weiter und weiter in das Zimmer hineingeschoben, und der
Kampf selber hatte im ersten Augenblick seine Neugierde so erregt, daß
er wirklich an gar keine weitere Gefahr für seine eigene Person dachte.
Endlich, aber nur zufällig und nicht etwa aus irgend einer Ahnung ihm
drohenden Unheils, warf er den Blick einmal höher, senkte ihn aber
nicht wieder, denn er begegnete gerade in diesem Momente dem seines
eigenen Steuermanns, von dem er, sobald der nur einmal sein Auge
sehen konnte, ebenfalls erkannt wurde. Der Steuermann stieß halb in
Ueberraschung, halb in Freude einen lauten Schrei aus.
Den Schrei würde nun freilich der an der Thür postirte Charles in
all dem wilden Lärmen nicht gehört haben, aber die damit begleitete
Bewegung entging ihm nicht, und fast unwillkürlich griff er schon in
die Tasche, die eisernen »_darbies_« herauszuholen.
Bill war übrigens viel zu klug, nicht mit einem einzigen Blicke seine
ganze Gefahr zu übersehen, denn er wußte recht gut daß der Steuermann
hier in dies Local nicht allein hereinkommen würde, ohne jedenfalls
noch Hülfe, am Ende gar Polizei, bei sich zu haben. Dabei hatte das
Zimmer nur eine Thür, und war die -- und wie konnte es anders sein,
besetzt, so befand er sich hier allerdings in einer Falle die
ihn umsomehr ärgerte, da ihn sein eigener fabelhafter Leichtsinn
hineingeführt. -- Für den Augenblick ließ sich noch dazu gar nichts
thun, seine Lage auch nur im Geringsten zu verbessern. -- Er konnte
seine Hände nicht einmal aus der Tasche bekommen, so drängte das Volk
um ihn her, denn der Kampf nahte sich seinem Ende: Nelly hatte schon
ein, Sally zwei blaue Augen und die letztere empfing gerade unter dem
beifälligen Hurrahschrei der Masse einen letzten entscheidenden Schlag,
der sie wie todt zu Boden warf. Nelly war ein sehr nervöses Mädchen,
d. h. sie hatte ausgezeichnete Nerven und Muskeln.
Bill interessirte sich aber nicht im mindesten mehr für den Kampf;
seine eigene Lage nahm seine Aufmerksamkeit viel zu sehr in Anspruch,
und rasch warf er den Blick umher, jede nur irgend günstige Gelegenheit
zu seinem Vortheil zu benutzen.
Der Mate hatte indessen mit Charles eine Art telegraphischer Depesche
unterhalten, worin er ihm bemerkbar machte, daß Einer der gesuchten
Leute hier in der Mitte des Zimmers sei. Zugleich gab er ihm dabei zu
verstehen, daß er einen großen Bart habe. Bill sah das alles selbst
mit an. So gern er aber auch seinen Feind mit eigenen Augen kennen
gelernt hätte, wagte er doch nicht den Blick dorthin zu wenden, und
wäre am liebsten in dem Meer von Köpfen, das ihn umgab, untergetaucht,
wenn er sich auch nur einen Zoll hätte bewegen können. Aber fest
eingekeilt stand er da, und der Mate warf dem Polizeidiener einen
triumphirenden Blick zu. Bill war ihm sicher.
Gerade in diesem Augenblick machte Nelly noch einen Ausfall auf die
schon gefällte Feindin. Das aber war zu unritterlich, als daß es die
Umstehenden hätten zugeben sollen, und sie warfen sich zwischen sie.
Dadurch bekam Bill wenigstens so viel Luft, die Hände aus den Taschen
zu ziehen und sich selber niederzuducken. Zu gleicher Zeit nahm er einen
verzweifelten Anlauf gegen die Beine der ihn Umdrängenden -- es blieb
ihm kein anderer Ausweg mehr als mit Gewalt durchzukommen, wußte er
doch recht gut, daß jeder versäumte Augenblick seine Gefahr nur immer
noch vergrößern mußte. Wie ein unter Wasser Fortschwimmender hielt er
dabei geraden Cours auf die Thür zu, obgleich er das Schlimmste von
den draußen stationirten Constablern fürchtete. Er konnte aber nicht
anders und vertraute jetzt nur seinem guten Glück.
So wie aber der Mate diese Bewegung des Flüchtlings bemerkte, von der
er augenblicklich den richtigen Grund errieth, schrie er dieses dem
Polizeidiener zu, und da er wohl merkte, daß der in dem Heidenlärm
kein Wort verstehen konnte, suchte er ihm die Absicht ihres Opfers
pantomimisch begreiflich zu machen. Aber auch dies hatte seine
Schwierigkeiten, denn er mußte sich mit einer Hand am Fenster
festhalten, und durfte sich auch nicht tief bücken, sonst konnte ihn
Charles nicht sehen. Durch diese unbequeme Stellung wurde er gezwungen
die wunderlichsten und entsetzlichsten Bewegungen zu machen, so daß
Charles ganz erstaunt zu ihm hinübersah, und gar nicht begreifen konnte
-- oder wollte, was das alles eigentlich zu bedeuten habe.
Das rettete Bill -- gerade in diesem Augenblick glitt er wie eine
Schlange, obgleich unbewußt, an den Beinen seines gefährlichsten
Gegners vorbei, der schon die Handschellen für ihn gefaßt hielt, und
war im nächsten Moment auf der Straße -- in Kingstreet, Kingstreet
hinauf in alle kleinen Quergassen die er auftreiben konnte, und
spornstreichs nach seinem Versteck zurück; fest entschlossen, dieses
von jetzt an mit keinem Schritt wieder zu verlassen.
Der Steuermann vom Boreas wollte erst gar nicht glauben, daß ihnen der
Matrose entgangen sein konnte; es war aber doch so, und er tröstete
sich zuletzt damit, er habe sich am Ende gar getäuscht, und Bill sei
das gar nicht gewesen. Es war auch nicht wahrscheinlich, daß sich
dieser so öffentlich und allein herauswagen sollte -- und doch hatte er
ihm erstaunlich ähnlich gesehen.
Von hier aus gingen sie noch einmal in das Shakespeare Haus zurück.
Hier schien indessen alles in vollem Gang; das Theater war gerade aus,
und zu den jetzt vereinigten Tönen des Claviers und der Violine -- die
wunderbarerweise zusammenstimmten -- drehten sich die flüchtigen und
mitunter auch sehr graciösen Paare in Quadrillen und Contratänzen.
Alle Sophas waren besetzt, alle Stühle und Tische von Menschen
beiderlei Geschlechts in Beschlag genommen, und eine ungeheure
Quantität von Brandy und Portwein wurde verzehrt. Shakespeare sah dabei
noch mit demselben nichtssagenden Gesicht auf die bunten Gruppen nieder,
und Hamlet war noch immer am Schub.
Für ihren Zweck fanden sie aber nichts, weder hier noch nebenan,
und verließen bald darauf Pittstreet, um zuerst einmal ein Stück in
Georgestreet hinaufzugehen, wo sie ein besonderes Haus an der Ecke von
George- und Kingstreet im Auge hatten.
Es war dies ebenfalls ein Schenkhaus, aber zugleich mit einer Art
Abendunterhaltung. Sie gingen durch die Schenkstube und ein paar Stufen
hinauf in ein anderes saalartiges Zimmer, sehr einfach mit hölzernen
Bänken und Tischen meublirt, und im Hintergrund mit einer Art schmaler
Bühne, in dessen einer Ecke ein Clavier traurig auf drei Beinen stand
und von einem jungen Virtuosen in einem abgetragenen blauen Frack
»beschlagen« wurde. Diese musikalische Abendunterhaltung war aber
nicht zum Tanz eingerichtet, sondern hatte einen höheren, geistigen
Zweck, der sich ihnen bald offenbaren sollte.
Auf die Bühne trat eine Gestalt in einem Charakteranzug, für die
Person aber jedenfalls höchst passend gewählt. Sie war in einen
zerrissenen Frack, an dem bedenklichsten Theil stark beschädigte
Beinkleider und einen eingedrückten Hut nebst schiefgetretenen Schuhen
gekleidet, und sang ein komisches, sehr langes und sehr unanständiges
Lied, das bei dem Publicum den unbegränztesten Beifall fand. Das
Letztere bestand zur einen Hälfte aus Matrosen und Handarbeitern aus
der Stadt, und zur anderen aus liederlichen Dirnen, die wie in all den
anderen derartigen Häusern hierherkamen ihre Cigarre zu rauchen, ihren
Brandy zu trinken und Bekanntschaften anzuknüpfen. Es waren widerliche,
freche, ekelerregende Geschöpfe.
Auch hier fanden sie keinen ihrer Leute. Gerade aber als sie wieder aus
der Thür auf die Straße traten, rannte in ziemlicher Eile ein junger
Bursch gegen den Mate des »Phönix« an und wollte eben mit einer
Entschuldigung ausweichen, als dieser sein Gesicht zu sehen bekam und
rasch zugriff --
»Hallo Smith«, rief er dabei aus, »ich bin höllisch froh dich hier
so zufällig zu finden; habe schon einen langen Spaziergang dir zu
lieb gemacht. Hr. Charles, ich möchte Sie einmal um ihre Handschellen
bemühen.« Charles war rasch damit bei der Hand, der arme Teufel von
Matrose aber, der hier so plötzlich dem Feind gerade in den Rachen
gerannt war, wollte wenigstens noch einen letzten Versuch machen zu
entwischen. Sich deshalb auf seine schnellen Beine verlassend, riß
er sich rasch von dem Mate, der daran gar nicht mehr dachte, los, und
sprang Kingstreet hinauf. Die Straße war aber hier hell erleuchtet
und an den Ecken von King- und Kentstreet stand ein wahres Nest
von Constablern. Der Alarmschrei wurde gegeben, die Straße war
augenblicklich besetzt, und fünf Minuten später befand sich Smith in
den Händen und Handschellen des Polizeidieners Charles von der Sidney
Wasserpolizei.
Es war indessen schon ziemlich spät geworden, und Charles ging mit
seinem Gefangenen zu seiner Station hinunter. Die beiden Steuerleute
wollten aber erst noch einmal zu dem besprochenen Sammelplatz hinauf,
wo sie weiteres von den übrigen Dienern der Gerechtigkeit und ihren
eigenen Cameraden über den Verlauf und das »Glück« des Abends hören
sollten.
Dicht vorher, ehe sie das in Pittstreet ihnen bezeichnete Haus
erreichten, und oben zwischen Druitt und Bathurststreet, kamen die
Beiden an einem kleinen niedern Schenkhaus vorbei, wo sie ebenfalls
Lärm hörten. Die Thür stand offen und sie traten ein.
Es war eines der gewöhnlichen Branntweinhäuser geringerer Classe,
und es schien hier an diesem Abend schon wild hergegangen zu sein. Eine
Masse Gläser standen ungespült mit Löffeln und Zuckersatz auf dem
Schenktisch -- andere lagen zerbrochen auf der Erde. Unter einem der
Tische lag ein trunkenes menschliches Wesen, das weibliche Kleidung
trug, auf dem anderen Tisch lehnte mit dem Kopf ein Mann und schnarchte
schwer. Hinter der Bar stand der Wirth, der auch der Flasche
bös zugesprochen zu haben schien, denn er konnte die kleinen
dickgeschwollenen Augen nicht mehr offen halten, und schlief im Stehen.
Die scheußlichste, aber auch interessanteste Gruppe bestand aus fünf
Frauen und Mädchen, zwei noch jung, dem Anschein nach wenigstens nicht
mehr als zwanzig bis einundzwanzig Jahr, und vielleicht noch jünger,
denn das wüste Leben altert vor der Zeit, die anderen aber schon
über die dreißig hinaus, mit widerlichen, schmutzigen, geschwollenen
Gesichtszügen und =alle= betrunken. Den ungemischten Brandy gossen sie
in die ausgebrannten Kehlen, und lachten und schrieen sich die rohsten,
wüstesten Sachen zu. Es hörte aber schon keine mehr was die andere
sprach.
Abgesondert von allen übrigen stand ein einzelnes Mädchen, vielleicht
achtzehn Jahre alt -- das Haar hing ihr wild um die Schläfe, die
Schminke war ihr zum Theil von den Wangen gelaufen und die bleiche
schmutzige Haut sah darunter vor. -- An Stirn und Schläfen trug sie
dabei Zeichen eines kürzlich bestandenen Kampfes, das geronnene Blut
klebte dort noch an mehrern Stellen. Das Zeug hing ihr unordentlich
und zerrissen am Körper, an der linken Seite war es ihr vollkommen
aufgeschlitzt und eine volle weiße Brust quoll hindurch. Mit der linken
Hand hielt sie aber ein halb mit Brandy gefülltes Glas -- sie hatte
schon einen Theil desselben getrunken und sang jetzt mit leiser
wunderbar melodischer Stimme eines jener so zum Herzen sprechenden
irischen Volkslieder -- »_oh no, we never mention her_.«
Keiner hörte aber auf sie, der Wirth schlief, die anderen Weiber hatten
zu viel mit sich selber zu thun, und die Singende schien ihrer auch
wenig zu achten. In wilder heftiger Tonart hatte sie das Lied begonnen,
wie sie aber weiter und weiter hineinkam, schienen andere, vergangene
Scenen vor ihr aufzutauchen -- Ihre Stimme wurde weicher und weicher,
und bei den letzten Worten »_if he has loved, as I have loved, he never
can forget_« -- ließ sie auf einmal das Glas fallen, das am Boden
zersplitterte, warf sich auf die ihr nächste Bank nieder, barg das
Gesicht in den Händen und schluchzte laut.
»_Nine pence_ für das Glas, _sixpence_ für den Brandy«, sagte der
Wirth noch halb im Schlaf -- »macht einen Schilling drei Pence -- wer
war das?« fuhr er dann aber plötzlich in die Höh und blinzte unter
den kurzen borstigen Augenlidern schläfrig vor.
Die beiden Männer schlugen im Ekel die Thür hinter sich zu, und
erreichten bald darauf den bestimmten Versammlungsort, wo sie die
übrigen schon ihrer harrend fanden.
Vom Boreas war ein Franzose unten am Wasser eingefangen, von dem
Phönix noch ein anderer, und drei Matrosen von einem schon länger
eingelaufenen Wallfischfänger. Man hatte aber sonst nutzlos all die
Plätze durchstöbert, wo den Polizeileuten, wie sie sagten, gewisse
Kunde zugegangen, daß sie heimlich versteckte Matrosen finden sollten.
Wie sie meinten, war ihnen der auf den Fang gesetzte Preis noch nicht
hoch genug, denn sie könnten nicht anders hinter ihre Schlupfwinkel
kommen, als wenn sie die Leute, die sie versteckt hielten, bestachen,
ihnen selbst den Zufluchtsort anzuzeigen. Das kostete natürlich viel
Geld, und wollten die Capitäne nicht so viel anwenden, so sollten sie
nur noch »ein Bißchen Geduld« haben. Mit der Zeit hofften sie schon
alle wieder zu bekommen.
»Mit der Zeit« -- das konnte aber noch vier bis sechs Wochen dauern,
und sie wußten recht gut, daß die Schiffe dann das zehnfache an
Unkosten haben würden. Sie bezweckten aber auch damit was sie wollten.
Die Capitäne waren gezwungen höhere Belohnungen auf den Einfang der
weggelaufenen Leute zu setzen.
Als sie auf ihre Schiffe zurückkehrten, mochte es schon ein Uhr Morgens
sein, und die Straßen waren still und öde. Einzelne Constabler gingen
langsam auf und ab, und ihre Schritte hallten von den hohen Gebäuden
wieder. Nur nach unten, nach dem Wasser zu zeigte sich der helle
Schimmer weiblicher Kleidungsstücke. Es waren zwei Frauen, die
betrunken auf einem Haufen dort gebrochener Steine lagen und ihren
Rausch ausschliefen. Da sie keinen Lärm mehr machten, ließen sie die
Constabler ruhig liegen.
Siebentes Capitel.
Was das Geld vermag.
Noch volle zehn Tage nach diesem Abend hatte der Boreas draußen in der
Bay gelegen, und auf das Einfangen seiner Leute gewartet, ohne nur das
mindeste Resultat weiter erzielt zu haben. Neue konnte der Capitän
ebenfalls nicht bekommen; seine frühere Mannschaft hatte seinen Ruf
durch die ganze Stadt verbreitet, und ein Proceß, den er gleich beim
Einlaufen mit dem Koch und einem der französischen Matrosen gehabt und
der =gegen= ihn entschieden und in den Blättern besprochen war, diente
auch nur noch dazu, Matrosen, die ja schiffen wollten und dazu hundert
andere Gelegenheiten finden konnten, vor seinem Schiff zu warnen.
Er =mußte= aber jetzt fort -- schon hatte er sich wieder genöthigt
gesehen frisches Wasser und sogar noch mehr Futter für die Pferde, die
er an Bord hatte, einzunehmen. Die Preise der Leute stiegen dabei von
Tag zu Tag, und es geschah endlich was die Diener der Wasserpolizei
schon lange vorhergesehen hatten -- er mußte sechs Pfund Sterling auf
jeden eingefangenen Matrosen stellen, und brachte dadurch die ganze
Polizei in Bewegung. Hier war etwas zu verdienen, und Charles wenigstens
wußte, an wen er sich zu wenden hätte.
Es wird übrigens Zeit, daß ich den Leser auch wieder zu den
Hauptpersonen dieser Erzählung zurückführe.
Die Mannschaft des Boreas hatte sich an dem Morgen, wo sie ihre Flucht
so glücklich von Bord bewerkstelligte, nach Verabredung in das goldene
Kreuz begeben. Hier harrte ihrer schon der Wirth, nahm ihre Sachen in
Empfang, die er sorgfältig in ein besonderes kleines Zimmer verschloß,
und ließ die Flüchtigen dann durch einen jungen Burschen, den er zu
diesem Zweck die Nacht bei sich behalten hatte, über die Bay schaffen.
Er beköstigte sie dort, und war durch ihre Kleider für die Auslagen
der wenigen Lebensmittel, durch ihre Entfernung aber auch dagegen
gesichert, daß das Gesetz ihm, wenn sie wirklich ausgespürt wurden,
nicht zu Leibe konnte.
Ging nun alles gut, d. h. segelte das Schiff ohne seine Matrosen wieder
bekommen zu haben, so bekümmerte sich die Polizei entweder gar nicht
mehr um sie, oder war besondere Ordre zu diesem Zweck vom Capitän
hinterlassen worden, so wurden sie im schlimmsten Fall auf kurze Zeit
hingesetzt und sahen sich dann wieder frei, Arbeit anzunehmen wo sie
es für gut hielten. Die besorgte ihnen aber dann ihr sogenannter
»Schlafbaas«, und sah sich wohl vor, daß er vor allen Dingen seine
Kost und sein Logis bezahlt bekam, indem er den ersten oder die beiden
ersten Monate Löhnung, die besonders Schiffe in solchem Falle stets
vorauszahlen müssen, in Empfang nahm. Bekam er das, so konnten die
Leute ihre Sachen wieder bekommen, geschah das nicht, so waren sie ihm
verfallen und er hatte immer reichlich seine Kosten gedeckt.
In den meisten Fällen verdienen diese Schlafbaasen, die in solcher
Weise gewissermaßen eine Art Seelenhandel treiben, schönes Geld.
Hundertmal ist es schon dagewesen, daß sie zuerst die Matrosen selbst
überreden ihr Schiff zu verlassen, und sie dann, so wie nur ein
richtiger Preis auf ihren Fang gesetzt wird, dem Capitän des Schiffes
oder am häufigsten den Polizeidienern selber anzeigen, mit denen sie
zwar den Raub theilen müssen, aber auch gegen die Folgen vollständig
gedeckt sind.
Man sagte, daß der Wirth im goldenen Kreuze auf solche Art und Weise
ebenfalls sein ganzes Vermögen zusammengeschlagen habe, und den armen
Matrosen ein wirkliches Kreuz gewesen sei. Er hatte auch stets eine
ganze Zahl solcher Leute, die bei ihm in Kost gingen, und in seinem
eignen Hause wohnten. Dorthin kamen sie aber erst, wenn er von dem
Gesetz nichts mehr zu fürchten brauchte -- bis dahin wußte er bessere
und sicherere Plätze für sie. An einen solchen Ort hatte er denn
auch die Leute vom Boreas geschickt, die sich jetzt noch unter keiner
Bedingung in der Stadt durften sehen lassen.
Es war am 22. August, ziemlich spät am Abend, und schon seit drei
Tagen hatte das Gerücht in der Stadt Umlauf gefunden, der Boreas habe
Mannschaft und wolle in See gehen. Nichtsdestoweniger durfte noch keiner
der Leute aus seinem Versteck, und Polly hatte es besonders Jean,
der sich bis dahin an solche Verordnungen wenig gekehrt, sehr streng
anbefohlen, sich unter keiner Bedingung in der Nähe des goldenen
Kreuzes sehen zu lassen.
Diesem Verbot gehorchte Jean auch auf das pünktlichste, keine
Seele wurde ihn in der Nähe des Platzes, der für ihn die größte
Anziehungskraft hatte, gewahr, aber =im= goldenen Kreuz selber stellte
er sich jeden Abend pünktlich ein, gab Polly das verabredete Zeichen
und schlüpfte dann zwei Treppen hinauf in das kleine Hinterstübchen,
wo er doch wenigstens manchmal, wenn sie unten für kurze Zeit abkommen
konnte, ein paar Worte mit ihr plaudern mochte. Jean hatte Polly, der
Sicherheit wegen, sein ganzes Geld zum Aufheben gegeben, und =sie= ihm
dafür, sobald der Boreas erst einmal fort sei, ihre Hand versprochen.
Jean wollte mit einem Landsmann, den er in Sydney getroffen, ein kleines
Geschäft anfangen und die Aussichten waren dazu gerade in dieser Zeit
vortrefflich.
Er wie seine Cameraden wohnten indessen gerad über der Bay drüben, am
sogenannten North Shore in einem kleinen abgelegenen Häuschen, an einer
Stelle im dichten Busch, die selten jemand betrat, und wo gewiß niemand
entflohene Matrosen gesucht hätte.
Denselben Abend um acht Uhr stand Polly mit unserem alten Bekannten
Charles von der Wasserpolizei im Hausflur -- im Schenkzimmer war es
fast ganz leer heut Abend -- Mr. Mac Carther lehnte hinter der Bar und
schlief, und Madame saß und strickte, und betrachtete nur dann und wann
mit ziemlich verdrießlichen Blicken zwei Kunden, die schon seit einer
halben Stunde hinter dem Tische saßen und an einem »nobbler brandy«
zogen. Polly wurde nicht vermißt.
»Also es bleibt bei unserer Verabredung«, sagte Charles gerade in
diesem Augenblicke und reichte Polly die Hand zum Einschlagen, die er
nachher fest in der seinen behielt -- »es bleibt dabei und -- =keine
Ausnahme=.«
»Ich weiß nicht«, sagte Polly piquirt, »was du immer mit der
Ausnahme meinst, daß du die mit einem so bedeutenden Ton erwähnst. --
Wenn ich einmal etwas sage, so kannst du dich darauf verlassen.«
»Polly«, meinte Charles lächelnd, »ich habe dir schon einmal gesagt,
daß mir von zwei Personen als ganz gewiß mitgetheilt ist, du habest
dich mit dem einen Franzosen versprochen.«