Aus dem Matrosenleben

von

Friedrich Gerstäcker.

Der Verfasser behält sich die Uebersetzung dieses Werkes vor.

Leipzig,

Arnoldische Buchhandlung.

1857.

Inhaltsverzeichniß.

Seite

Cap. 1. An Bord 1

" 2. Der Markt zu Sydney 11

" 3. Die Matrosenkneipe 20

" 4. Die Flucht von Bord 34

" 5. Die Entdeckung 53

" 6. Sydney im Dunkeln 59

" 7. Was das Geld vermag 89

" 8. Die Ausfahrt 106

" 9. Hans 116

" 10. Die unterbrochene Execution 134

" 11. Der Sturm 153

" 12. Die Riffbank 161

" 13. Das Wrack 178

" 14. Die Mannschaft trennt sich 188

" 15. Die Bootfahrt 202

" 16. Der Morgenbesuch 225

" 17. Die Landung 241

" 18. Der Australische Busch 247

" 19. Das Bivouak 270

" 20. Bills Wacht 280

" 21. Schluß 302

Erstes Capitel.

An Bord.

Captän an Bord? frug am Morgen des 2. August ein sonngebräunter,

breitschultriger -- Herr, muß ich sagen, denn er stack wenigstens in

feinen Tuchkleidern, mit einem hohen schwarzen Seidenhut und feiner

Wäsche. Seine breiten braunen Fäuste, die allen Glacéhandschuhen

ingrimmig Trotz boten und ihrem Eigenthümer in jeder anderen Kleidung

gewiß Ehre gemacht hätten, ließen aber weit sicherer auf einen

Arbeitsmann als auf ein Mitglied der »höhern Classen« schließen,

und doch schien er zu denen zu gehören, oder rechnete sich wenigstens

selbst dazu.

Der Fremde stand in einem der gewöhnlichen Bayboote von Sydney, und

hatte die Fallreeps der herunterhängenden Schiffsleiter gefaßt,

während er zu dem oben über Bord sehenden Steuermann des »Pelican«,

der schon draußen in der Bay von Sydney lag und am nächsten Morgen

unter Segel gehen wollte, hinaufrief.

»Ay, ay, Sir«, lautete die seemännische Antwort; der Fremde

sprang auf die Leiter und lief, nach einem paar mit den Bootsleuten

gewechselten Worten, die ihr kleines Fahrzeug gleich darauf festmachten

und seine Rückkehr zu erwarten schienen, an Deck.

Das Deck des »Pelican« bot nichts außergewöhnliches dar. Die

Leute waren theils beschäftigt von dem am andern Bord liegenden

»Watertank«[1] Wasser einzunehmen, theils hie und da Kleinigkeiten

am Tauwerk auszubessern, oder ausgebessertes zu theeren. Der Zimmermann

kalfaterte das Deck, und die monotonen Schläge seines hölzernen

Hammers waren fast das einzige Geräusch an Bord, so still und ruhig

ging alles zu.

So beschäftigt übrigens die ganze Mannschaft auch mit dieser oder

jener Sache schien, denn selbst der Mate oder Steuermann war dabei, die

Logleine auszumessen und neu zu »märken«, so müßig sahen sich zwei

junge Leute die Sache an, die ruhig an Deck auf- und abschlenderten,

und nur dann und wann bei einer oder der andern Gruppe stehen blieben,

einmal nach dem Boot hinunter sahen, und ihre Wanderung langsam wieder

fortsetzten. Sie trugen leichte Sommerhosen, kurze, dünne Jacken

und einen breitrandigen Strohhut von sogenanntem _cabbageleaf_ (der

Kohlpalme), um den ein breites, schwarzes Band befestigt war, mit den

gelb darauf gemalten Worten: »_water-police_.«

Der Fremde ging nach einem flüchtigen über Deck geworfenen Blick, der

zum größten Theil dem Takelwerk galt, nach hinten, und stieg, ohne

einen von den Leuten weiter zu grüßen, die Cajütstreppe hinunter.

»Kanntest du den?« frug einer der Polizeileute den anderen.

»Nein«, sagte der Gefragte, »weißt du wie er heißt?«

»Wirst schon noch seine Bekanntschaft machen«, lachte der erste --

»es ist Capitain Oilytt vom Boreas, und will nach Calcutta. -- Das

Schiff ist auf Dienstag angezeigt.«

»Noch niemand fortgelaufen von den Leuten?«

»Noch nicht, aber wie ich gestern gehört habe, wollen sie morgen fort.

-- Ich könnt's leicht hintertreiben, damit ist uns aber nicht gedient.

-- Es sind Ausländer, der größte Theil wenigstens von ihnen, und wenn

erst einmal eine tüchtige Belohnung auf sie gesetzt ist, wollen wir sie

schon wieder kriegen.«

»Wo gehen sie denn gewöhnlich Abends hin?« frug der zweite -- »hast

du sie schon im Auge gehabt?«

»O, schon seit acht Tagen -- sie sind bis jetzt meistens im »Elephant

und Castle« in Pittstreet, und ein paarmal auch in einer von den

Kneipen in Kentstreet gewesen, es scheint aber, daß sie sich jetzt

weiter hinauf in Pittstreet gezogen haben. Es sind theils Franzosen,

theils Deutsche und nur vier Engländer an Bord, und dort oben herum

wohnen einzelne von ihren Landsleuten.«

»Die werden sie dann aber auch nicht verrathen wollen«, meinte der

zweite, der noch nicht lange in seinen jetzigen Posten eingetreten war.

»Nicht verrathen?« lachte der erste, »laß nur erst einen tüchtigen

Preis darauf stehen, dann ist mir vor dem Andern auch nicht bange.

Derart Leute wollen Geld verdienen, und die Art =wie= das geschieht,

ist ihnen gewöhnlich verdammt gleichgültig, so ihnen nur die Polizei

nichts dabei anhaben kann.«

Capitän Oilytt war indessen, während dies für ihn so wichtige

Gespräch am Deck verhandelt wurde, in die Cajüte des Pelican getreten

und hatte mit dem am Tisch sitzenden Capitän die ersten Begrüßungen

gewechselt.

»Also Morgen wollen Sie fort?« sagte er. »Wie ich sehe haben Sie

Polizei an Deck? Fürchten Sie, daß Ihnen noch einige von Ihren Leuten

weglaufen sollten?«

»Ja und nein,« antwortete Capitän Howell vom Pelican. »Der Henker

traue den Schuften. -- Sie werden auf meinem Schiff so gut behandelt,

wie kaum auf einem anderen. Kein hartes Wort wird zu ihnen gesprochen,

keine unnöthige Arbeit wird von ihnen verlangt, mein Mate ist ein sehr

ruhiger ordentlicher Mann, und das Essen ist ebenfalls gut und nahrhaft;

in der Hinsicht können sie sich also über nichts beklagen. Das

verwünschte Gold steckt ihnen aber darum nicht minder im Kopf -- der

große Klumpen hat ja ganz Sydney verrückt gemacht, warum nicht auch

die Leute, und mit allen möglichen Schwindeleien werden sie überdies

noch, sobald sie nur einmal den Fuß an Land setzen von allen Seiten

bestürmt. All die sogenannten »Schlafbaasen« gehen ja darauf aus,

sie von den Schiffen abzulocken. Hat so ein Kerl sie dann in den Klauen,

dann zieht er sie aus bis auf den letzten Fetzen Kleidungsstücke oder

auf den letzten Penny an Geld, und verkauft sie dann wieder an ihr altes

Schiff oder an irgend ein anderes -- ihm gleich, wenn er nur seinen

Verdienst daraus zieht. Das wollen aber die Leute nicht einsehen, und

wenn sie auch tausend solcher Beispiele hören, so halten sie sich

selber doch immer für klüger, und denken, sie werden es schon besser

machen. Um mich deshalb vorzusehen, und nicht im letzten Augenblick

etwa noch sitzen zu bleiben, hab' ich lieber das Geld angewandt mir die

Polizei auf's Schiff zu nehmen bis ich absegle, und ich glaube das Geld

ist nicht gerade unnütz ausgegeben.«

»Wie viel zahlen Sie für die Polizeiaufsicht täglich?« frug Oilytt.

»Für jeden Mann eine Guinee«, erwiederte der Capitän des Pelican,

»es ist theuer, läßt sich aber doch nun einmal nicht ändern.«

»Eine Guinee?« rief Oilytt erstaunt -- »na, da dank ich. Dafür kann

ich meine Leute selber bewachen. Ueberdies halt ich gar nicht so viel

von dem, was sie auf See »gute Behandlung« nennen. Die Leute müssen

natürlich ihr ordentliches Essen und Trinken, ihren Brandy oder Rum

haben, nachher aber auch wissen wen sie vor sich sehen, und ich, für

meinen Theil, habe wenigstens stets mit Strenge mehr ausgerichtet als

mit Güte und Zureden. Sie wollen wahrhaftig gar nicht gut behandelt

sein und lachen Einen nur dafür hinter dem Rücken aus. Wenn ich nur

mit den Augen blinze, wissen sie schon was die Glocke geschlagen hat,

und Gnade Gott dem, der da noch mukst. -- Sie muksen aber auch nicht.«

Der Steward, der Wein und Gläser auf den Tisch gesetzt hatte, sah den

Sprecher mit einem halb verächtlichen, halb höhnischen Lächeln

von der Seite an, war aber gleich wieder ganz ernsthaft, als dieser

zufällig zu ihm aufschaute.

»Und wann gedenken Sie zu segeln?« frug Capitän Howell den anderen,

»Sie liegen am Slip, nicht wahr?«

»Ja, am Patent Slip, Montag Morgen will ich die noch übrigen Pferde

einnehmen, und Dienstag Morgen leg' ich in die Bay hinaus -- ist der

Wind gut, so geh ich noch Dienstag Abend, oder spätestens Mittwoch

Morgen in See.«

»Weggelaufen ist Ihnen noch keiner von Ihren Leuten?«

»Nicht ein einziger«, lachte Oilytt, »ja, sie haben zu viel Respect.

Sie wissen recht gut, wieder krieg' ich sie doch, und nachher ging's

ihnen erbärmlich.«

»Mit dem Wiederkriegen ist es aber doch eine mißliche Sache«, sagte

Howell kopfschüttelnd, »und ich würde mich an Ihrer Stelle nicht zu

sicher darauf verlassen. Aber wenn auch, ich setze den Fall Sie bekommen

sie, mit hoch darauf gestellten Belohnungen wirklich wieder, kostet Sie

das weniger als die paar Pfund Sterling, die sie jetzt an die Polizei

ausgeben?«

»Das kostet mich gar nichts«, lachte Oilytt, »das versteht sich

doch von selbst, daß die ausgesetzte Belohnung für das Einfangen die

eingefangenen Schufte auch selbst bezahlen müssen, und dafür hab' ich

schon gesorgt, daß sie dazu noch alle genug zu gut haben.«

»Und Ihre Zeit? das andere ist das wenigste. Rechnen Sie aber einmal

was Sie allein an Futter und Wasser für Ihre Thiere, die Sie an Bord

haben, =mehr= brauchen. Außerdem müssen Sie dann sogar noch Leute

für 6 Schilling den Tag miethen, die Ihnen nur die nöthigsten Arbeiten

besorgen. Ich will nichts davon sagen, wenn man keine Polizei an Bord

nimmt, sobald man noch acht oder vierzehn Tage im Hafen zu liegen hat;

die Kosten wären sonst zu bedeutend. Wer aber schon den größten Theil

seiner lebendigen Fracht eingenommen, und in ein oder zwei Tagen zum

Absegeln gekommen ist ohne Leute zu verlieren, der sollte auch die paar

Pfund Sterling nicht scheuen. Die Verführung ist jetzt zu groß; man

kann auf die besten Leute nicht mehr mit Bestimmtheit rechnen. Aber

wir wollten ja über unsere Passage sprechen -- Sie gedenken durch

Torresstrait[2] zu gehen?«

»Ich weiß noch nicht«, sagte Oilytt, indem er sein Glas austrank und

wieder füllte; »ich mag mich nicht gerne in die verdammten Klippen

hineinwagen. -- Am liebsten ging ich um den Süden, wenn man jetzt nur

trauen dürfte wie's mit dem Wind steht, und nachher nicht die ganze

Reise gegen den Monsun anzupeitschen hat. Sind Sie schon einmal durch

die Torresstrait gegangen?«

»Nein«, sagte Capitain Howell; »aber die jetzt darüber

ausgefertigten Karten sollen ausgezeichnet sein, und ich werde

jedenfalls die Passage von Raines Eiland versuchen.«

Die beiden Capitäne unterhielten sich jetzt noch eine Zeitlang über

die Torresstraße, wie einige andere Geschäftssachen, und Capitän

Oilytt nahm endlich Abschied und stieg wieder in sein Boot hinunter, das

ihn rasch nach dem Circular Werft hinüberruderte.

»Da fährt auch Einer,« sagte ein Matrose oben in den Marswanten,

wo er die Pardunen theerte, zu seinem Cameraden, der mit dem Fetttopf

zwischen den Zähnen eben von oben niederglitt und dicht neben ihm

Posto faßte -- »da fährt auch Einer, wo ich ebenso gern in der Hölle

wäre, als daß ich sein Biscuit kaute.«

»Das ist der Capitän vom Boreas«, sagte der andere, »nicht wahr? der

Kerl sieht auch gleich so aus, als ob er einen Monat in heißem Pfeffer

gelegen und nachher mit Essig abgerieben wäre. Es ist zum Tod zu

verwundern, daß ihm noch keiner von den Leuten weggelaufen ist.«

»Lauf du jetzt einmal weg, wenn du Lust hast«, lachte der erste, »sie

werden wohl nicht können.«

»Nicht können? dicht am Land liegt das Schiff, und keine Seele

von Polizeidiener an Bord. Da wollte ich einmal den Steuermann oder

Bootsmann oder selbst Polizeidiener sehen, der mich hindern sollte nicht

allein mich selbst, sondern auch meinen Kleidersack fortzuschaffen. Ne,

die Burschen müssen etwas anderes auf der Wippe haben, oder sie wären

nicht so lange geblieben. Vielleicht warten sie auch nur bis zum letzten

Augenblick. -- Die Geschichte ist aber faul wenn sie sich da nicht

vorsehen, kann's ihnen am Ende gerade so gehen wie uns. Hätt' ich mich

damals nicht von dir abreden lassen, so säß ich jetzt vielleicht ganz

bequem oben in den Minen, und fände Stücke Gold wie mein Kopf groß.

Das Matrosenleben soll doch der Teufel holen, sobald er nur im mindesten

Lust dazu spürt.«

»Ja und das Minenleben soll noch viel ärger sein«, meinte der andere

-- »d. h. man ist freilich sein eigener Herr dort, das ist richtig --

mit dem Verdienst ist's aber auch dafür desto unsicherer, denn an die

großen Klumpen glaub' ich nun einmal nicht.«

Der eine glitt mit seinem Fetttopf weiter nach unten, und das Gespräch

war abgebrochen.

Zweites Capitel.

Der Markt in Sydney.

Ein Sonnabend Abend in Sydney ist das lebendigste, was die sonst gewiß

nicht todte Stadt nur irgend aufzuweisen hat. Alles scheint auf den

Beinen zu sein, und wen nicht besondere Geschäfte hinaustreiben, den

läßt die Neugierde schon nicht zu Hause, und er muß wenigstens einmal

»durch den Markt gehen.«

Der englische Sonntag trägt hiervon allein die Schuld. Da er sehr

streng gehalten wird, kann man an diesem Tag natürlich gar Nichts zu

kaufen bekommen. In vielen, sehr orthodoxen Haushaltungen, wird

sogar schon am Sonnabend Alles für den Sonntag gekocht, gebraten und

vorbereitet, damit der Sabbath durch nichts Alltägliches entweiht

werde. Der äußerste Termin aber, für Fromme und Nichtfromme, was

man braucht noch zu bekommen, ist der Sonnabend Abend, und Fleischer,

Gärtner, Obst- und Blumenhändler, überhaupt Alle, die nur irgend

etwas Wirthschaftähnliches zu verkaufen haben, drängen sich an diesem

Abend herzu, es auszulegen.

Jeder wetteifert dabei mit dem Andern, seinen Stand so einladend als

möglich herzurichten, und ganz besonders schmücken die Fleischer

ihre Buden mit fetten Hammeln und feisten Ochsen. Große Brode von

ausgelassenem Talg bilden die Säulen, und hie und da bringt ein

ausgeschlachtetes und bei den langen Hinterläufen aufgehangenes

Känguruh oder Wallobi, Abwechselung in die sonst etwas monotonen

Fleischspeisen.

Der Markt von Sydney besteht aus vier langen, hohen, luftigen und

höchst praktisch eingerichteten Gebäuden, die übrigens noch auf eine

bedeutende Vergrößerung der Stadt berechnet waren, denn sie wurden

damals nur zur Hälfte benutzt. Eines stand wenigstens ganz leer, und

ein zweites hatte einen sehr geringen Theil seiner Stände erst in

Gebrauch.

Das eine von diesen ist ausschließlich für rein animalische

Erzeugnisse bestimmt, und hier fallen neben den Schlächtern am

meisten die reinlichen Butter- und Käsestände ins Auge; mit ihren

aufgehäuften Massen von Hühner- und Enteneiern, mit ihren Schmalz- und

Butterkufen, und den gelb glänzenden, hell durchschnittenen Käsen,

die den Vorübergehenden aus ihren tausend Argusaugen verlangend

nachschauen.

Neben diesem befinden sich ebenfalls die Stände mit Geflügel, mit

diesem aber gehts den Bewohnern von Sydney wie mit dem Fleisch, sie

haben keine Abwechselung darin, weil ihnen das =wilde Geflügel=, wilde

Enten ausgenommen, fehlt, und immer und ewig sind Hühner, Tauben oder

Truthühner das einzige was ihrem Gaumen geboten wird. Im Land drin gibt

es allerdings hie und da viel kleine Rebhühner, Wachteln und einige

andere Arten; wer die schießt, ißt sie aber auch gewöhnlich selber,

und sie kommen nicht auf den Markt.

Aus diesen Tausenden, der menschlichen Gier gemordeten Leben, tritt man

jedoch in ein viel freundlicheres Bild ein, sobald man den schmalen

Gang überschreitet und in das andere, rein vegetabilischen Erzeugnissen

bestimmte Gebäude kommt. Die vorragendste Stellung nehmen hier

unstreitig die in wahren Unmassen aufgestapelten und geschütteten

Orangen oder Apfelsinen ein. Die australische Orange ist dabei

vorzüglich, und im Verhältniß auch billig genug, und wird

viel consumirt. Ueber diesen hängen Ananas von Moreton-Bay, und

aufgeschichtete Wände von Blumenkohl und anderen Gemüsen bilden den

Hintergrund. Es war jetzt gerade nicht die eigentliche Fruchtzeit, sonst

hätten auch noch Pfirsiche und Feigen einen nicht unbedeutenden Platz

hier angefüllt.

Am schwächsten war der Blumenmarkt vertreten -- die Australier haben

wenig Sinn für Blumen -- auf dem ganzen Markt wäre kein schöner

geschmackvoller Strauß aufzufinden gewesen.

Blumen sind aber auch das, wonach die Menschen am wenigsten verlangten.

-- Etwas Compactes wollten sie haben, Roastbeef und Blumenkohl oder

Weißkraut -- Hammelskeulen und Zwiebeln -- was halfen ihnen die Blumen,

die waren ja doch nur zum Ansehen.

Durch dieses »Vegetabilische Marktgebäude«, wenn ich es so nennen

darf, schlenderten langsam, und mit der Miene von Leuten, die nichts auf

der Gotteswelt, am wenigsten aber Zeit zu verlieren haben, vier Matrosen

-- der erste Blick auf ihre weit zurückgesetzten Hüte und blauen

Jacken ließ sie als solche erkennen -- und sahen sich ziemlich

gleichgültig die rechts und links aufgestapelten Fruchtmassen, und

zu ihrer Schande muß ich's gestehen, ebenso gleichgültig auch

die manchmal wirklich lieben und freundlichen Gesichtchen an, die

geschäftig zwischen den einzelnen Ständen hin- und herglitten,

und ihre Einkäufe für den morgenden Tag besorgten. Sie waren eben

hierhergekommen, weil sie alle anderen Menschen hatten hierher gehen

sehen, und ihr Spaziergang schien eher den Grund zu haben, ihre Beine

wieder einmal »gegen Straßenpflaster zu reiben« als irgend etwas

anderes.

»Du, Jack«, sagte da endlich der eine von ihnen zu dem vorangehenden,

»braß einmal hier einen Augenblick back und leg ein halb Dutzend von

den Apfelsinen ein.«

»Hast du Geld?« wandte sich der also Angesprochene langsam nach ihm

um -- »mir hat der Alte heute Abend keinen Penny geben wollen. -- Er

sagte, er hätte es heute ganz vergessen Geld mitzubringen, wir sollten

aber morgen früh jeder ein Pfund haben, und dann möchten wir noch

einen Sonntag Abend, wenn wir wollten, an Land gehen -- den Dienstag

Morgen legte er in die Bay hinaus. Er war verdammt gesprächig.«

»So? dann traue ich ihm gerade am allerwenigsten«, meinte der andere,

»er hat übrigens höllische Angst daß wir ihm auskneifen, und

verdient hätt' er's zehnmal. -- Wenn man nur wegkommen könnte. Die

Straße in die Minen soll ganz besetzt mit Polizeidienern sein, und

hier versteckt Einen auch niemand. -- Die Strafe ist zu groß, wenn sie

erwischt werden.«

»Du, sprich nicht so laut«, sagte der dritte -- »ich habe da hinten

eben unseren Steward gesehen, der Grünes einkaufte. Wenn der ein Wort

aufschnappen kann, bringt er's dem Alten brühheiß wieder. Das wäre so

Wasser auf seine Mühle -- er traut uns überhaupt nicht.«

»Hat auch alle Ursache dazu«, brummte der erste, und zog sich die

Hosen etwas höher über die Hüften -- »wie ich wenigstens jetzt

gestimmt bin, trau' ich mir selber nicht, und sollte mich gar nicht

wundern, wenn ich mich morgen oder übermorgen früh einmal in irgend

einem dunklen aber sicheren Winkel weggestaut fände, und dort krumm

läge, bis der Boreas beim -- Boreas wäre -- oder sonst wo, wohin er

immer Lust hat. Es ist schon schlimm genug bei dem alten Schuft Matrose

zu sein, wie viel weniger denn Pferdejunge.«

Der eine von ihnen, der etwas Geld bei sich hatte, war bei dem nächsten

Obststand stehen geblieben und hatte seinen Hut voll Apfelsinen gekauft.

»Wo sind denn die übrigen?« frug er seinen Cameraden, als er sie

wieder eingeholt, »ich dachte, es hätte uns heute Abend irgend jemand

irgendwo sprechen wollen?«

»Die sitzen im goldenen Kreuz in Pittstreet«, lautete die Antwort,

»ein Irländer hat dort eine Schenke, und da wollten wir heute Abend

zusammenkommen.«

»Aber was machen die Deutschen und Franzosen bei dem Irländer?«

»O, er hat eine Frau, vom Rhein glaub' ich, die deutsch und

französisch spricht -- und dann ist noch ein wunderhübsches Mädchen

im Hause -- Jean hat sich schon sterblich in die verliebt.«

»Das passirt Jean sehr oft«, sagte der Engländer trocken -- »Das

könnte er billiger haben. Aber kommt; es wird Zeit -- es muß schon

acht Uhr sein.«

»Zum Donnerwetter -- da ist der Alte« -- rief plötzlich der eine von

ihnen, und als sie sich umsahen, war ihr würdiger Capitän auch schon

dicht hinter ihnen. Er sah sie aber nicht -- die breiten Schultern

suchten sich, herüber und hinüber arbeitend, Bahn durch das Gedränge

zu brechen, und jedenfalls hatte er irgend ein Ziel dem er nachstrebte,

denn er schaute weder rechts noch links, und das Gebäude entlang

konnten sie der langen riesigen Gestalt mit dem dicken rothen Gesicht,

mit den Augen folgen.

»Da schwimmt er hin«, sagte der erste lachend -- »mit einer

fliegenden Fahrt vor dem Wind. Möchte nur wissen auf was er Jagd

macht.«

»Wahrscheinlich auf das kleine Fahrzeug da vor ihm, mit dem

schwarzseidenen Jäckchen. Ob er uns wohl gesehen hat? Er guckte aber

gar nicht her.«

»O Gott bewahre«, lachte ein anderer. »Der nahm eben ganz genaue

Peilung voraus und scheert sich auch überhaupt den Teufel um uns.

Sobald wir nur immer zur rechten Zeit an Bord kommen und kein Geld von

ihm wollen, sind wir ihm gut genug. In allem anderen können wir zum

Teufel gehen. Aber kommt, wir halten hier gerade durch Georgestreet

durch und die kleine Straße hinunter. An der nächsten Ecke gehen wir

über Stag, und dann haben wir reines Fahrwasser, bis wir das goldene

Kreuz über der Thüre sehen.«

Die vier Matrosen verließen das Marktgebäude und gingen Marktstreet

hinunter nach Pittstreet zu, der sie aufwärts folgten. Am Courthaus

standen zwei Männer in dunklen Ueberröcken und Mützen. Sie sahen den

Matrosen nach, und der eine von ihnen sagte leise:

»Weißt du von welchem Schiff die sind? im Markthaus machte mir der

eine ein paar sehr verdächtige Bemerkungen; ich möchte wohl wissen wo

sie hingehen. Wenn ich nicht irre, so nannte der eine den Namen Boreas

-- sind sie von dem Schiff, so können wir nur immer die Augen offen

haben.«

»Weit marschiren werden sie nicht«, sagte der zweite, »und da

brauchen wir ja nur einmal mitzugehen.«

Die beiden Männer folgten langsam den vier Matrosen, bis diese in der

Thür des goldenen Kreuzes verschwanden -- dann blieben sie auf der

anderen Seite der Straße stehen.

»Wollen wir einmal hinein?« sagte der eine.

»Ja, aber jetzt noch nicht«, entgegnete ihm der andere -- »es ist

noch zu früh. Wir müssen ihnen ein Weilchen Zeit lassen, bis sie erst

ein halb Duzend Gläser im Kopf haben.« Und mit diesen Worten gingen

sie langsam die Straße wieder hinunter nach dem Theater zu, wo um diese

Zeit das regste Leben war.

Laß sie gehen, lieber Leser -- es sind zwei verkleidete Polizeidiener,

und die melden sich immer schon von selber wieder. Wir wollen indessen

einmal in das goldene Kreuz treten, und zusehen ob sie da drinnen guten

Portwein haben.

Drittes Capitel.

Die Matrosenkneipe.

Das goldene Kreuz zeichnete sich vielleicht in nichts, als eben seinem

frommen Aushängschild vor den übrigen tausend Schenken Sydney's aus,

wo der Wirth über der Thür die vom Staat erhaltene Erlaubniß mit den

stereotypen Worten anzeigt: »_Licensed to sell spirituous and fermented

liquors_,« was er sich selber übersetzt -- »Du darfst jeden Schund

verkaufen den man nur in eine Flasche gießen, und aus einem Glase

trinken kann.«

Im Innern sah es aber reinlich und selbst behaglich genug aus, denn es

ist kaum so sehr des Wirths Vortheil seine Gäste hereinzulocken, als

sie nachher darin zu halten. Das große mittlere Fenster, das die halbe

Wand einnahm, war inwendig mit weißer Farbe leicht überstrichen und

nur auf den Scheiben prangten oben die Worte »Wine Vaults«, und rechts

und links »London Porter« und »Baß's Ale«, zierlich mit Wein und

Hopfenreben umrankt. Im Innern aber standen oben auf den blank lackirten

Gefachen messingbeschlagene kleine Fäßchen, mit ihrem Inhalt

in sauberen goldenen Buchstaben darauf verzeichnet, und reinliche

geschliffene Caraffen mit neusilbernen gravirten Schilden.

Nur rechts und links war das schwere Geschütz, eine dunkle

Batterienmasse von Ale- und Porterflaschen mit ihren bleiernen Deckseln,

aufmarschirt, und unten lagen kleine rundbäuchige weiße Glasflaschen,

fest zugebunden, mit Sodawasser und moussirender Limonade, wie denn auch

an der Wand eine Hand mit einer daringehaltenen Sodaflasche die werthe

Adresse des Fabrikanten jedem verkündigte, der sich nur die Mühe geben

wollte sie zu lesen.

Auf dem Ladentisch waren die nach unten niedergehenden Pumpen mit

elfenbeinernen Knöpfen angebracht, _draught Ale and Porter_ gleich

frisch heraufzuziehen und rings im Zimmer aufgestellte Tische und

Stühle mit kleinen, heimlichen, hölzernen Verschlägen, in die nur

höchstens immer vier Menschen hineinpaßten. Diese hatten statt der

Thüren Gardinen.

Hinter dem Schenktisch stand auf der einen Seite der Wirth, eine

vierschrötige pockennarbige Gestalt mit rothen Haaren und kleinen aber

verschmitzten Augen, und einem besonderen humoristischen Zug um

den Mund. Es war der Irländer Mac Carther und der Eigenthümer des

goldenen, und eines anderen Kreuzes, das mit weißer Schürze und

kleiner blumenbesetzter Mütze an der anderen Seite hinter dem

Schenktisch stand, und die bestellten Gläser füllte. Das flinke

Schenkmädchen, Polly, trug sie dann an den Ort ihrer Bestimmung, und

cokettirte dabei nach besten Kräften mit den Gästen. Mac Carther zog

die Propfen aus den Flaschen und spülte die Gläser aus.

Mrs. Mac Carther kann ich mit wenigen Worten schildern -- Sie war eine

Elsässerin mit schwarzen Haaren und schwarzen Augen, etwa 30 Jahr alt,

was man ihr aber kaum ansah, und von resolutem festem Charakter, wie

denn auch Mac Carther, der sonst gewiß nicht zu den Schwächlingen

gehörte, nicht umhin konnte zu bezeugen. Daran war kein Zweifel,

sie regierte das Kreuz, und da sich dasselbe unter den zarten Händen

ungemein wohl befand, und an Gästen und Einnahmen fast wöchentlich

wuchs, fügte sich auch Mac Carther sehr gern dieser Autorität, und

begnügte sich, daneben nur noch allerlei kleine Beigeschäfte auf seine

eigene Hand zu treiben. Doch davon später.

Polly war das Muster eines Sydney-Schenkmädchens; drall und schlank

gewachsen, und mit ein paar Augen, die denen ihrer Herrin an

Schwärze und Feuer wahrlich nicht nachstanden, die sie selber aber an

jugendlicher Frische weit übertraf. Mrs. Mac Carther war aber deshalb

nicht im mindesten eifersüchtig. -- Gerade diese »jugendliche

Frische« zog ihr allabendlich so und so viel mehr Gäste in das Haus,

und deshalb hatte sie Polly eben zum Schenkmädchen angenommen.

Es war noch nicht spät am Abend; darum hatten sich auch noch nicht so

viel Gäste eingefunden. Nur an zweien der Tische saßen die Leute vom

Boreas, fünf Deutsche und drei Franzosen, und tranken, die ersteren

Ale, die anderen Claret. Polly brachte den letzeren eben eine frische

Flasche auf den Tisch, und Jean hatte die Hand gefaßt, die sie nach

der geleerten ausgestreckt. Sie sah ihn lächelnd an und versuchte sich

leise loszumachen.

»Polly«, sagte der junge hübsche Matrose, und legte ihr die linke

Hand auf die Schulter -- »du bist auch heute Abend wieder einmal recht

häßlich, und willst mich gar nicht ansehen -- hab ich dir irgend etwas

zu leid gethan?« -- Er sprach das Englische etwas gebrochen, es klang

aber doch gut und das Mädchen schüttelte lachend den Kopf.

»Nichts zu leid gethan, Mr. Jean, aber los lassen müßt ihr mich, denn

Missis sieht schon scharf nach mir herüber und ich habe viel zu thun.

-- Da kommen noch andere Gäste.«

»Polly, ich habe dir etwas zu sagen«, flüsterte ihr Jean jetzt leise

und rasch in's Ohr -- »willst du mir nachher nur auf wenige Secunden

hinausfolgen?«

»Ich weiß noch nicht«, sagte das Mädchen halblaut und machte sich

von ihm los. Die Augen wußten es aber und sagten ja, und Jean leerte

sein Glas auf einen Zug.

»Hallo, schon wieder so geschäftig?« lachte Bill, der zuerst

eintretende von den englischen Matrosen, »da ist ja die ganze

Bescheerung bei einander, und Jean hat alle Hände voll zu thun, wie ich

sehe. Guten Abend Mac Carther, guten Abend Missis -- jung und schön wie

eine Rose -- aber nicht wie die letzte -- heh Missis? -- Was trinkst du,

Jack, und du Bob -- wie? Jims Geschmack kenne ich schon, der hält's wie

ich, mit Brandy und Wasser!«

Die viere traten zum Schenktisch und tranken, und setzten sich dann an

den, an der hinteren Wand quer vorstehenden langen Tisch, wohin ihnen

die anderen bald darauf mit ihren Flaschen und Gläsern folgten, und

ein leises Gespräch mit einander begannen. Außer den Leuten vom Boreas

waren nur noch wenige andere Gäste im Zimmer, und der Wirth, der eben

erst noch zwei Porterflaschen für die Letztgekommenen geöffnet hatte,

rückte sich nach einer kleinen Weile einen Stuhl mit zu ihnen, sprach

aber noch kein Wort. Er schien etwas auf dem Herzen zu haben.

»Wer ist denn das, der uns heute hier sprechen wollte«, sagte Jean

endlich, sich zu ihm wendend, »heraus mit ihm und mit dem was er zu

sagen hat. Ich kann heute Abend nicht lange hier bleiben, und wir sind

jetzt so ziemlich alle zusammen.«

»Hm«, sagte Mac Carther, und warf einen anscheinend gleichgültigen

Blick über das Zimmer, der übrigens keinen der sonstigen Gäste, so

flüchtig er auch über ihnen hinstreifen mochte, unbeobachtet ließ.

Gleich darauf als ob ihn diese Rundschau befriedigt hätte, bog er sich

über den Tisch etwas vor und sagte mit leiser Stimme, die Umsitzenden

dabei alle mit den Augen musternd:

»Seid Ihr gesonnen an Bord zu bleiben, oder wollt Ihr hier in der Stadt

eine Beschäftigung haben? -- Das heißt -- versteht mich wohl -- ich

weiß nicht was Ihr für einen Contract an Bord habt; geht mich auch gar

nichts an. -- Hält Euch aber nichts dort, so weiß ich Euch hier eine

Stelle, wo Ihr mit Bequemlichkeit Eure sechs bis acht Schilling den Tag

verdienen könnt -- und dafür müßt Ihr eine ganze Woche an Bord wie

die Pferde arbeiten. Sind welche von Euch Segelmacher?«

»Vier von uns sind gelernte Segelmacher« -- sagte der eine Deutsche,

»und die anderen verstehen meist alle genug davon, die laufenden

Arbeiten verrichten zu können.«

»Das wäre dann noch besser, die verdienen jetzt noch mehr mit

Zeltmachen«, sagte der Wirth sinnend. »Habt Ihr noch Geld zu gut, oder

sind welche unter Euch, die vielleicht selber etwas anfangen können?«

»Ich habe 600 Franken«, sagte Jean rasch, »und Lust genug hier für

immer an Land zu bleiben, wenn nur« -- er hielt inne und sah forschend

nach Polly hinüber, diese aber warf ihm einen freundlichen Blick zu und

Jean schien dadurch plötzlich zu einem Entschluß gekommen. -- »Was

wollt Ihr mit uns thun? -- was könnt Ihr? -- heraus mit der Sprache und

haltet nicht so lange hinter dem Berge.«

»Ich?« sagte der Wirth erstaunt -- gab ihm aber doch dabei ein Zeichen

nicht so laut zu sprechen -- »ich? was ich mit Euch will? -- gar

nichts. -- Was kann ich mit Euch wollen. Ich frage Euch nur Euretwegen,

und habe Euch schon gesagt, ich weiß gar nicht und kann nicht wissen,

wie Ihr mit dem Schiff steht. So viel aber ist gewiß -- jetzt wäre die

Zeit hier in Sydney für einen jungen Mann sein Glück zu machen, und

wer das mit Füßen von sich stößt, der hat es nachher selber zu

verantworten.«

»Ja, das ist Alles recht gut, aber wie können wir vom Schiff

loskommen?« sagte der eine Engländer -- »und wenn wir los sind, denn

das wäre noch das wenigste, wo können wir bleiben? Wir müssen

erst einen Zufluchtsort hier am Ufer haben, und einen =sicheren=

Zufluchtsort, denn sonst ist die Sache nachher verdammt Essig. Vom

Schiff hat jeder von uns allerdings noch zu gut, das wißt Ihr aber

selber wohl, können wir nicht bekommen, und das einzige was wir im

Stande sind mitzunehmen, sind vielleicht unsere Kleider. Wer soll uns

nachher aufnehmen und wer wird uns so lange Credit geben?«

»O, so viel sind unsere Kleider schon werth«, sagte ein anderer. »Wo

die so lange in Versatz bleiben, können wir auch ein paar Tage essen

und trinken, bis das Schiff fort ist, und mit dem hohen Lohn hier sind

wir dann leicht im Stande, unsere Schulden wieder abzutragen.«

»Ich will Euch was sagen«, meinte da Mac Carther und bog sich zu ihnen

über den Tisch hinüber -- »wenn Ihr meinem Rathe folgen wollt, so --«

In diesem Augenblicke fiel hinter dem Schenktisch ein Glas herunter

und zerbrach klirrend am Boden. Mrs. Mac Carther hatte es fallen lassen.

Mac Carther fuhr aber, ohne sich dadurch irre machen zu lassen, ja ohne

den Kopf dorthin zurückzudrehen, ruhig und langsam fort -- »so malt

Ihr Euer Schiff mit einer hellen Farbe und nicht mit Schwarz. -- In dem

heißen Klima wohin Ihr geht zieht Schwarz die Sonne viel zu sehr an,

während eine hellere Farbe das Holz ungemein conservirt.«

»Aber was zum Donnerwetter geht uns denn in diesem Augenblick die Farbe

an, wo wir --«

»Nichts mit dem Bezahlen des Schiffes zu thun haben«, unterbrach Mac

Carther den Engländer, indem er ihm zugleich einen warnenden Blick

zuwarf -- »das weiß ich wohl, ich sage nur ich thäte das, wenn ich

Capitän von einem Schiff wäre, und in ein heißes Klima hinaufginge.«

Während er noch sprach, waren unsere beiden Bekannten vom Markthaus

in das Zimmer, und gerade als das Glas zerbrach, dicht hinter den Wirth

getreten, und ließen sich jetzt an demselben Tisch nieder, wo sie eine

Flasche Porter verlangten.

Der Wirth ging hin diese zu öffnen, und das Gespräch war für den

Augenblick abgebrochen. Die Matrosen merkten bald genug, daß Mac

Carther seine wohlbegründete Ursache haben mußte, in Gegenwart der

beiden Fremden weiter nicht über die bewußte Sache zu reden. Jean

stand auf, blinzte Polly mit den Augen zu und ging hinaus an die

Hofthür. Wenige Minuten später stand das wunderhübsche Mädchen

an seiner Seite und legte ihre Hand in die ihr dargebotene Rechte des

jungen Mannes.

»Polly«, sagte Jean, und zog die nur leise Widerstrebende fester an

sich -- »ich habe keine Zeit zu großen Umschweifen, ich will dich auch

gar nicht mit langen Redensarten plagen. Hör mir nur wenige Secunden zu

und sage dann ja oder nein.«

»Aber ich weiß ja nicht --«

»Du sollst es gleich erfahren« unterbrach sie der junge Franzose --

»ich bin des Seefahrens, ja überhaupt des Herumschweifens satt.

Zehn Jahre lang habe ich mich nun in der Welt und in allen Welttheilen

umhergetrieben, und bin nicht im Stande gewesen etwas für ein reiferes

Alter zu thun -- es liegt auch das eigentlich nicht im Blut meiner

Landsleute. Hier aber, glaub ich, ist der Zeitpunkt gekommen wo ich

etwas Besseres ergreifen kann, doch allein will ich das nicht thun. --

Willst du mir helfen, Polly? willst du -- mein Weib werden?« flüsterte

er leise, sich zu ihr niederbeugend und ihr einen heißen Kuß auf die

Stirn drückend.

»_Do'nt -- do'nt_«, bat das Mädchen flüsternd, und suchte sich von

ihm loszumachen. Es war ihr aber nicht recht Ernst damit, denn Jean

konnte sie leicht zurückhalten; doch dringender bat er jetzt.

»Antworte mir, Polly. -- Von dir hängt es ab ob ich in Sydney --

in Australien bleiben soll oder nicht. -- Sagst du ja, dann sollst du

einmal sehen wie tüchtig ich arbeiten kann, und haben wir uns etwas

verdient, dann kehren wir nach meinem schönen Frankreich zurück. -- Es

soll dir schon gefallen in der Provence. -- Aber du sagst ja kein

Wort, und ich weiß doch, daß du dich in den Verhältnissen hier nicht

glücklich fühlst, nicht glücklich fühlen kannst.«

»Glücklich?« sagte das Mädchen leise und schüttelte wehmüthig mit

dem Kopf -- »es ist ein schreckliches Leben fortwährend dem wüsten

Trinken und Treiben zuzusehen. -- Aber was soll ein armes Mädchen

anderes thun -- und es ist doch immer ein ehrlicher Unterhalt.«

»Und sagst du =ja=, Polly?« bat der junge Mann dringender, und küßte

die jetzt nicht mehr widerstrebenden rosigen Lippen -- »sagst du ja?«

»Komm nur erst an Land«, flüsterte Polly, und ehe er es sich versah,

war sie ihm unter den Händen fort und ins Haus geschlüpft. Mit

leuchtenden Augen folgte ihr aber Jean, und war auch gar nicht böse

darüber, daß sie seinen suchenden Blick im Anfang vermied und sich

mit ihrer Arbeit eifrig beschäftigte, während sie Mrs. Mac Carther

ausschalt, was sie draußen herumzustreifen habe, indessen in der Stube

alles drunter und drüber ging.

In derselben Zeit übrigens, in der Jean draußen zu einem Entschluß

gekommen war, hatte sich auch in der Stube selber manches geändert. Die

beiden Polizeidiener, welche Mrs. Mac Carther ebenso gut kannte als ihr

Mann das Vorsichtszeichen mit dem klirrenden Glas, waren, als sie sahen,

daß sie weiter nichts Besonderes hören und erfahren konnten, weiter

gegangen. Dafür aber war ein neuer Besuch gekommen, und zwar der

Steward vom =Pelican=, der früher mit einem der Engländer auf ein

und demselben Schiff gefahren, und heute Abend noch einmal in die Stadt

gemußt hatte, mehreres Vergessene an Gemüsen und Früchten für das

morgen früh in See gehende Schiff einzukaufen. Er wußte wo die Leute

vom Boreas heute zusammenkamen, und schien sie dort aufgesucht zu haben.

Als Jean hereinkam, waren sie im eifrigsten Gespräch. -- »Und ich sage

Euch«, behauptete der Steward auf einen der Gegeneinwürfe Bills, »daß

ich heute morgen mit meinen eigenen Ohren und aus dem eigenen Munde

Eures Capitäns gehört habe, wie er morgen früh um sechs Uhr mit

dem kleinen Dampfschiff The Brothers in die Bay hinauslegen will. --

Dasselbe Boot soll ihm auch dann am Montag Morgen die noch fehlenden

Pferde hinausbringen und dann geht er auch wahrscheinlich noch den

Montag Mittag in See. Euer Capitän war heut zweimal bei uns an Bord --

das erstemal that er furchtbar dick, das zweitemal schien er sich

aber doch besser besonnen zu haben, und will Euch vor allen Dingen in

Sicherheit bringen. Ihr seht also daß Ihr keine Zeit mehr zu verlieren

habt.«

»Seeschlangen und Schildkröten!« brummte der eine Engländer -- »das

wäre ein verdammter Streich. Deshalb wollte uns also der alte schlaue

Fuchs morgen erst das Geld geben. Nachher hatte er uns alle sicher an

Bord, und setzte uns am Ende gar noch ein paar von den Polizeiknechten

oben drauf.«

»Und Ihr wißt uns einen Platz, Mac Carther«, sagte der eine von den

Franzosen, »wo Ihr uns sicher unterbringen könnt? -- Wahrhaftig ich

komme heute Abend mit Sack und Pack an Land.«

Mac Carther ging fort als ob er die Frage nicht gehört hätte,

seine Frau aber, die indessen zum Tisch getreten war, sagte mit halb

unterdrückter Stimme auf französisch:

»Laßt ihn gehen -- er darf sich mit den Geschichten nicht befassen,

denn kommt so etwas vor Gericht, so muß er am Ende schwören, und wenn

er nichts davon weiß, kann er das auch mit gutem Gewissen. Ich

werde dafür aber schon sorgen. Bringt nur heute Abend spät Eure

Kleidungsstücke her -- die Hinterthüre kennt Ihr ja, wenn die vordere

Thür geschlossen sein sollte, und mit Tagesanbruch schaff ich Euch aus

der Stadt. Es ist ein Arbeiter von meinem Schwager über der Bay drüben

gerade hier, und mit dem könnt Ihr Holz schlagen oder Segel machen, zu

was Ihr Lust habt, bis das Schiff fort ist.«

»Was zum Teufel ist das für ein Gewälsch,« brummte Bill. -- »Redet

englisch, daß ein anderer auch ein Wort verstehen kann.«

»Seid ruhig, Jean wird es Euch übersetzen«, flüsterte Mrs. Mac

Carther, »es sind hier noch andere Ohren, die gerade nicht zu wissen

brauchen, über was wir gesprochen haben.« Damit wandte sie sich vom

Tisch ab, und trat hinter ihren Schenkstand zurück. Die Leute vom

Boreas flüsterten aber noch eine Weile miteinander, und verließen dann

die Schenke. Jean selbst hatte mit Polly keine weitere Abrede nehmen

können.

Viertes Capitel.

Die Flucht von Bord.

Der Boreas, ein volles Schiff, lag dicht am Patent Slip -- eine Art

Dock, wo hinauf die Schiffe durch Maschinerie gezogen werden, bis

sie vollkommen trocken zu liegen kommen, und bis zum Kiel hinunter

nachgesehen und ausgebessert werden können. Nach dem Herunterlassen

hatte der Boreas dicht daneben angeholt, seine Takelage nachgesehen,

Ballast, Wasser, Mais, Heu und Pferde eingenommen, und lag nun dort

dicht an dem abgebauten Werft vor einem Anker, der nach der Bay zu

ausgeworfen war. Zwei starke Taue hielten noch außerdem das Schiff am

Land befestigt, und man stieg an der Fallreepstreppe gleich von Bord auf

das Werft hinunter.

Die Mannschaft des Boreas kam in einzelnen Gruppen, zu zweien und

dreien, an Bord zurück. Der Zimmermann, ein Engländer, hatte die Wacht

als sie kamen, und die Leute gingen rasch in das Vorcastle hinunter,

diese Zeit zu benutzen und ihre Sachen zusammenzupacken.

Den Zimmermann und Mate durften sie natürlich nichts merken lassen; der

Mate schlief aber gewöhnlich um diese Zeit schon. Einer von ihnen blieb

bei dem Zimmermann an Deck, um, wenn irgend einer der Officiere Miene

machen sollte hinunter zu ihnen zu steigen, das verabredete Zeichen zu

geben, d. h. irgend etwas Schweres auf Deck fallen zu lassen. Es konnte

das ohne Aufsehen geschehen.

Jean war an Deck und schlenderte mit dem Zimmermann langsam den Gangweg

auf und nieder. -- Er erzählte ihm Geschichten aus der Provence, um ihn

beschäftigt zu halten, und es gelang ihm auch so weit, daß er seinen

Cameraden vollständig Zeit verschaffte sich zu rüsten. Die einzige

Schwierigkeit war jetzt ihre Sachen an Deck zu bringen und von hier

damit an Land zu kommen, ohne daß Lärm geschlagen wurde. In dem Fall

befanden sie sich nämlich in einer höchst fatalen Lage, da nur

ein ganz schmaler langer Weg von dem Werft an dem sie lagen nach

Sussexstreet hinaufführte, und eine Masse von Constablern in der Gegend

fortwährend auf und ab gingen. Der geringste Lärm konnte einen davon

an den Eingang der Straße führen und dann hatte er, wenn er wollte,

zwanzig Andere mit Blitzesschnelle zu seiner Hülfe herbeigezogen.

Am besten wäre es gegangen, wenn sie eines der an den Pfählen

befestigten Boote =geborgt= hätten, und damit an das gegenüber

liegende Ufer der Bay gefahren wären. Auf jeden Fall konnten sie

solcher Art ihre Sachen am leichtesten in Sicherheit bringen. Dort

drüben standen auch noch keine, oder nur wenige Häuser, keinenfalls

waren Polizeidiener dort. Sie selber brauchten nur bis Georgestreet

hinaufzugehen, wo sie die dort einlaufende Bay umgangen hatten, und

konnten dann ihr ganzes Gepäck leicht und ohne Verdacht zu erregen quer

über Georgestreet in das Wirthshaus zum goldenen Kreuz schaffen.

Es war noch nicht zwölf als der zweite Mate vom Land an Deck kam und

nach vorne ging. Jean stand mit dem Zimmermann gerade an der Cambuse,

und als er die dunkle Gestalt auf sich zukommen sah, stieß er mit dem

Fuß an eine dort zufällig liegende Handspake, nahm sie auf und warf

sie von sich, daß sie mit lautem Gepolter auf Deck niederschlug.

»Gott verdamme das verwünschte Holz«, fluchte er dabei, und hielt

sich den Fuß -- »stößt man sich auf dem sakermentschen Deck auch

noch die Gliedmaßen zu Schanden.«

»Was für ein Heidenlärm ist denn das da drüben?« rief der Mate

ärgerlich und kam herüber nach Backbord. -- »Wer ist da? Jean? kommt

Ihr eben erst von Land?«

»Nein, ich bin schon fast eine Stunde mit dem Zimmermann hier auf- und

abgegangen.«

»Chips«[3] sagte der Mate, und zog den Zimmermann etwas bei Seite --

»haltet Eure Augen offen. -- Im Vorcastle war eben, als ich auf Deck

kam, noch Licht -- jetzt ist's aber aus. Sind die Leute schon lange an

Bord?«

»Die letzten kamen vor etwa einer halben Stunde -- ich denke sie sind

jetzt wohl zu Coye gegangen«, sagte der Zimmermann. »Wie viel Uhr

ist's? -- es muß bald Mitternacht sein.«

»In fünf Minuten etwa ist's zwölf«, sagte der Mate -- »ich will

den Steward jetzt wecken, um zwei Uhr löst Ihr ihn wieder ab. Beim

geringsten Verdächtigen was Ihr seht, ruft Ihr mich. Ihr könnt zu Bett

gehen, Jean«, wandte er sich dann lauter an den indessen weiter nach

vorne gegangenen Matrosen. -- »Es wird gleich 12 Uhr sein.«

»Soll ich Bill rufen?« frug Jean, der stehen blieb -- »ich glaube

Bill hat die nächste Wacht.«

»Nein, ist nicht nöthig«, lautete die Antwort. -- »Ihr könnt alle

zu Coye gehen.«

»Das ist eine schöne Geschichte«, dachte Jean, als er in das Logis

hinabstieg, die übrigen mit dem neuen Befehl bekannt zu machen. Vorher

lauschte er aber noch eine Weile unter der Logiscap, zu sehen ob ihm

auch niemand folge. Als er alles sicher wußte sagte er leise:

»Hallo da -- schlaft Ihr?« es war stockfinster und man konnte keine

Hand vor Augen sehen.

»Ist das Jean?« frug vorsichtig eine einzelne Stimme.

»Ja«, lautete die ebenso leise Stimme -- »habt Ihr alles in

Ordnung?«

»Alles in Ordnung«, erwiederte Bill -- »ist die Luft rein? meine

Wacht muß gleich angehen.«

»Gebt Euch keine Müh«, sagte Jean. »Die Schufte müssen Lunte

gerochen haben; wir brauchen die Nacht nicht zu wachen. Wahrscheinlich

will der Mate mit dem Zimmermann, und vielleicht auch Steward selber

Wache gehen. Der Capitän ist auch schon an Bord, wie mir der Zimmermann

gesagt hat.«

»Verflucht noch einmal«, rief der Koch, der es in diesem Fall ganz mit

den Matrosen hielt, und sprang mit einem Satz aus der Coye, in die

sie sich alle, als sie das Zeichen hörten, hineingeflüchtet hatten.

»Jetzt sind wir geleimt.«

»Doch noch nicht«, meinte Jean, der vorher noch einen vorsichtigen

Blick nach oben geworfen. »Erst wollen wir einmal abwarten wer die

nächste Wache hat, und dann sehen was sich thun läßt -- wenn ich nur

erst meine Siebensachen in Ordnung hätte. Ein Licht darf ich mir aber

gar nicht anstecken, sonst haben wir den Satan gleich wieder auf dem

Hals.«

»Hier, nimm die kleine Laterne«, sagte Bill und reichte sie ihm aus

der Coye -- »die kannst du in deine Kiste setzen, da fällt kein Strahl

nach oben.« Jean fühlte sich zu ihm hin, ging in die vorderste

Ecke die Kerze darinnen anzuzünden und brachte dann den vollkommen

geschützten Strahl sicher in seine Kiste, die glücklicherweise an

einer Wand stand und von oben aus nicht leicht gesehen werden konnte.

Er brauchte auch nicht lange, mit seinen Sachen in Ordnung zu kommen; um

halb ein Uhr war alles gerüstet, das Licht wieder ausgelöscht und

Bob wurde jetzt zum Recognosciren an Deck geschickt. Er kam nach zehn

Minuten etwa wieder herunter. Der Steward war auf Wache, und kaum hatte

er diesen Bericht abgestattet, als der Zimmermann ins Logis kam, sich

auszog und zu Coye ging.

Es war jetzt weiter gar nichts zu thun, und Jean faßte schon den

Entschluß bis Tagesanbruch noch zu warten, dann aber, wenn sich bis

dahin kein anderer Ausweg zur Flucht zeigen sollte, seine Sachen im

Stich zu lassen und nur mit seinem Gelde an Land zu gehen, oder, wenn

auch das nicht gehen sollte, über die Bay ans andere Ufer zu schwimmen.

Bis zwei Uhr lagen die Matrosen alle in peinlichster Erwartung; keiner

schlief, keiner wagte aber auch nur ein Wort zu sprechen, denn der

Zimmermann schnarchte nicht und verrieth auch sonst durch nichts, daß

er selber eingeschlafen sei. Was da thun?

Ihrer Rechnung nach mußte es bald Tag werden, als der Steward in das

Logis herunterkam. Er blieb erst ein paar Minuten stehen und horchte --

aus allen Coyen tönte das tiefe regelmäßige Athmen fest Schlafender.

Selbstzufrieden und stillvergnügt nickte er mit dem Kopf, fühlte sich

dann leise, ja keinen der Leute zu stören, nach des Zimmermanns Coye

hin und weckte diesen.

»Wer ist da?« rief der Zimmermann aus tiefem Schlafe auffahrend --

»halt sie -- da laufen sie.«

»Halt doch das Maul«, flüsterte der Steward und schüttelte ihn aus

Leibeskräften, »du machst ja die ganze Mannschaft munter. -- Es ist

zwei Uhr, steh auf -- ich bin müde wie ein Hund.«

»Ay, ay«, sagte der Zimmermann, noch immer halb im Schlaf -- »ich

komme gleich -- wo sind denn -- O ja -- 's ist alles recht -- ich weiß

schon. -- Alles in Ordnung?«

»Alles! Steh nur auf und schlaf nicht wieder ein« -- antwortete ihm

der Steward und wandte sich nach der Treppe zurück, stieß sich aber

mit dem Schienbeine an eine dort vorgeschobene Kiste. -- »Gott verdamme

den Plunder!« rief er leise mit verbissenem Schmerz -- »da muß ein

ganzer Fetzen Haut herunter sein. -- Ich wollte daß die Kerln da --«

Er brummte das andere, als er auf der endlich erreichten Treppe langsam

an Deck kletterte, leise vor sich hin und verschwand gleich darauf oben.

Der Zimmermann lag noch etwa zehn Minuten still, wälzte sich dann

stöhnend aus seiner Coye, tappte nach seiner dicken wollenen Jacke,

die er endlich fand und anzog, nahm die Mütze von dem Nagel, an dem

sie inwendig in seiner Schlafstelle ihren Platz hatte, und folgte dem

Steward an Deck.

Er hatte kaum den letzten Fuß von der Leiter genommen, als Jean

ebenfalls aus der Coye sprang, ihm leise nachschlich und an Deck horchte

wo er blieb. Er war zurück nach dem Quarterdeck gegangen.

»Was jetzt thun?« sagte er leise, als er wieder herunterstieg -- »in

ein paar Stunden ist es Tageslicht, und das größte Glück, daß wir

den Burschen wenigstens aus dem Logis haben. Das hätt' ich aber wissen

sollen, daß er so fest wie ein Bär schlief -- wir könnten jetzt alle

in Sicherheit sein. Wer gibt nun den besten Rath?«

»Ob es der beste ist weiß ich nicht«, sagte der eine Deutsche, »aber

etwas kann ich Euch vorschlagen: ich will mich, wenn die Luft klar ist,

vorne hinunter lassen und eins von den kleinern Booten dicht unter die

Klüsen holen. -- Dann müßt Ihr sehen wie Ihr die Säcke, ohne daß

der Zimmermann etwas merkt, einen nach dem anderen hinunterbringt, und

ich schaffe sie dann ans andere Ufer hinüber, wo ich auf Euch warte bis

Ihr mich abholt.«

»Aber sollen wir es denn doch nicht lieber erst einmal versuchen die

Sachen an Land zu schaffen?« frug Bob, der eine Engländer. »Das

wären doch verdammt weniger Umstände als mit dem Wasser -- und nachher

das Herumlaufen um die Bay. Es wird ja heller lichter Tag, ehe wir nur

hinüber kommen.«

»Wir dürfen es nicht wagen unsere Sachen hier an Land zu bringen«,

sagte der Deutsche rasch -- »wenn die solche Vorsichtsmaßregeln

treffen wie mit der Wache, so werden sie auch nicht versäumt haben den

Constables in Sussexstreet aufzutragen, alle, die etwa hier heraus mit

Bündeln kommen sollten, einfach zu arretiren. -- Das ist wenigstens

das Wahrscheinlichste, und dem wollen wir uns doch nicht aussetzen.

Uebrigens muß der Zimmermann auch jeden sehen, der hier über den

langen, schmalen, und an allen Seiten offenen Platz nach den Häusern zu

geht, und würde augenblicklich Lärm schlagen!«

»Wie kommen wir selber dann aber nachher fort?« frug Jean wieder.

»O nur erst einmal die Sachen in Sicherheit, das andere findet sich

dann von selber«, sagte der Deutsche -- »alles klar an Deck, Jean?«

»Ja, jetzt noch; der Zimmermann kommt aber gerade wieder die

Quarterdeckstreppe herunter. -- Es ist die höchste Zeit.«

Ohne weiter ein Wort zu erwiedern glitt der Deutsche wie eine Schlange

die Treppe hinauf, um die Logiskappe herum und in die Gallione hinaus,

dort an der Ankerkette hinunter und ins Wasser hinein. Jean horchte

aufmerksam, konnte aber kein Plätschern hören, so vorsichtig hatte

sich jener hineingelassen.

Der Zimmermann ging ein paarmal an Deck auf und ab, und die Leute

saßen indessen des Zeichens harrend, daß das Boot am Steven liege, mit

klopfendem Herzen im »Logis.« Sie hatten all ihr Zeug an, was sie

nur auf den Leib bringen konnten, und das übrige in die gewöhnlichen

Leinwandsäcke, die den Reisesack eines Seemanns bilden, »eingestaut.«

Bill nahm seinen Sack zuerst heraus und schaffte ihn, als der Wächter

gerade nach vorne ging, auf die Gallione. Jean wollte aber keinen weiter

hinauslassen, bis das Boot darunter liege. -- Fiel es dem Zimmermann

einmal ein nur ein paar Schritt weiter nach vorn zu gehen wie

gewöhnlich, so waren sie zu sehr der Gefahr ausgesetzt entdeckt zu

werden.

Endlich kam das erwartete Zeichen -- schneller fast als sie es

eigentlich hoffen konnten. -- Leise wurde von außen vorn an das Schiff

geklopft, und Jean horchte hinaus ob er etwas vom Wächter hören

konnte.

»Wo ist der Zimmermann jetzt?« frug Bill von unten herauf -- »kannst du

ihn sehen, Jean?«

»Nein«, flüsterte dieser zurück, »weiß der Teufel wo er steckt --

ich will lieber einmal über Deck gehen.«

»Gott bewahre«, rief Bill -- »da machst du ihn nur aufmerksam. --

Er wird wahrscheinlich hinten an dem Quarterdeck bei den Wasserfässern

sein. -- Komm nur rasch und hol' deine Sachen.«

»Wir wollen uns das anders einrichten«, erwiederte ihm Jean. --

»Einer muß hinaus in die Gallione steigen, und das, was ihm gegeben

wird, hinunterreichen. Bob mag sich hier hinter die Logiskappe drücken,

und ich kann dann von hier aus ihm alles zugeben und zugleich das Deck

übersehen. -- Aber nachher auch kein Wort mehr gesprochen. -- Höll und

Teufel wer hat denn da unten Licht angesteckt?«

Er sprang rasch hinunter einer Unvorsichtigkeit zu begegnen, die so

leicht zu ihrer Entdeckung führen konnte, denn sobald der Wachthabende

Licht im Vorcastle sah, mußte er ja gleich wissen daß etwas

Außergewöhnliches vorgefallen war.

»Löscht das Licht aus«, rief er mit ärgerlicher, aber vorsichtig

gedämpfter Stimme. -- »Ihr wollt wohl die ganze Geschichte verderben?

Wer hat die Laterne angesteckt?«

»Ich« -- brummte Jim -- ein Irländer »und verdammt gute Ursache

dazu. -- Ich habe eine halbe Krone hier unter die Kiste rollen lassen,

und ich glaube jeder steckte sich ein Licht an, wenn er damit sein

ganzes verlorenes Vermögen auf einen Strich wieder kriegen kann. --

Außer der halben Krone hab' ich nur noch drei Schilling Schulden.«

Hinter Jean stieg in diesem Augenblick jemand die Treppe herunter --

der Deutsche vor dem Steven gab zu gleicher Zeit noch einmal, und jetzt

etwas lauter, das verabredete Zeichen. Jim hatte seine halbe Krone

gefunden, steckte sie in die Tasche und öffnete die Laterne diese

auszublasen.

»Hallo« -- sagte in diesem Augenblick eine Stimme mitten zwischen

ihnen, und zwar so laut, daß alle wie von einem elektrischen Schlag

zusammenzuckten -- »was ist das?«

Jim ließ unwillkürlich das volle, durch kein Horn mehr gedämpfte

Licht der Laterne auf das Gesicht des Sprechers fallen. -- Es war der

Zimmermann, der sich erstaunt in der reisefertigen Gruppe umsah.

»Das ist mir ja eine schöne Geschichte«, rief er verwundert aus --

»da soll ja gleich --«

Er sagte nichts weiter -- nur zwei Worte hatten die an der Treppe

stehenden Bill und Jean miteinander gewechselt, und in derselben Secunde

fast fühlte er sich von zwei riesenstarken Armen dermaßen umfaßt,

daß seine Hände wie von einer eisernen Zange gehalten wurden, während

ihm zu gleicher Zeit irgend ein anderer guter Freund ein festgedrücktes

Tuch wie einen Knebel in den Mund stieß. Jim ließ, bei dieser

zauberschnellen Veränderung der Scene den Strahl der noch immer

hochgehaltenen Laterne links und rechts fallen, und sah Bill und Jean

mit ihrem Opfer beschäftigt. -- Im nächsten Moment schloß er aber das

Licht, und alles war wieder in tiefste Dunkelheit gehüllt.

Draußen ertönte zum drittenmal, und jetzt laut und ungeduldig das

Zeichen.

»Der wird den Steven noch einschlagen«, lachte Jim -- doch immer noch

halblaut vor sich hin -- »sollen wir ihm den Zimmermann hinuntergeben,

daß er sich beruhigt.«

»Jetzt rasch und keine Zeit mehr verloren« -- rief aber Jean den

Anderen zu. -- »Bill, schafft die Sachen hinauf und dann fort ins

Boot.«

Der Zimmermann sträubte sich aus Leibeskräften frei zu kommen oder

wenigstens den Knebel aus den Mund zu bringen, daß er den Alarm geben

konnte; Jean lag aber mit Riesenkraft auf ihm und jeder derartige

Versuch war umsonst.

»Reich' Einer von Euch mir ein Ende« -- stöhnte dieser endlich, als

der Zimmermann einen Augenblick ruhig lag. -- »Hier Bob -- bind ihm

einmal die Hände zusammen -- so -- das ist gut. Jim zeig dein Licht

noch einmal, hast du sie fest?«

»Die kriegt er nicht wieder los«, lachte Bob zwischen den Zähnen

durch -- »die Füße auch?«

»Ja, es ist besser -- so, nun schlag das hier um den Pfosten -- so --

noch fester -- das wird's thun, und nun noch den Knebel --« und damit

nahm er sein eigenes Halstuch vom Nacken und band es dem unbeweglich

an den mitten im »Logis« stehenden Pfosten Geschlossenen, fest um den

Mund, so daß er nur die Nase zum Athmen frei behalten konnte. »Nun

rasch fort«, rief er, als er endlich auf die Füße sprang -- »sind

die Sachen oben?«

»Dies ist das letzte«, rief Bob, als er zwei Säcke nach der Treppe

hob und hinauflangte -- »nun, ade Boreas, und bleibt hübsch gesund,

Zimmermann. -- Wenn nur der Steward die Zeit nicht verschläft.«

Damit sprang er die Treppe hinauf und von den übrigen gefolgt über die

Gallion hinunter ins Boot. Jean war der letzte der das Schiff verließ

-- es regte sich aber nichts darauf. Oben in Sussexstreet hörte er wie

die Constabler ihre Stunde abriefen -- es war gerade drei Uhr. An der

Bay herum fingen hie und da schon die Hähne zu krähen an, und von

den Schmelzöfen glühten noch immer die rothen Flammen aus den

Schornsteinen heraus -- sie hatten die ganze Nacht gebrannt. Sonst

schlief ganz Sydney noch und die Bay lag so ruhig, daß die auf sie

niederfunkelnden Sterne ihr Licht so rein und ruhig wieder erhielten

als sie es gegeben. Kein Lufthauch bewegte das Wasser, und man konnte

deutlich den regelmäßigen Schritt der Wache auf einer nicht weit davon

vor Anker liegenden englischen Barke hören.

Jean glitt, als er sich überzeugt hatte daß niemand auf ihrem Schiff

auch nur das Mindeste von dem Vorgefallenen ahne, wie seine Cameraden

vor ihm, an der Ankerkette in das da vorn befestigte Boot hinunter, und

im nächsten Augenblick schossen sie, von zwei kurzen Bretern, die

als Ruder gebraucht wurden vorwärts getrieben, über die Bay schräg

hinüber an's andere Ufer. Dort banden sie das Boot fest, das sich der

Eigenthümer, wenn er es haben wollte, am nächsten Morgen selber holen

konnte, nahmen ihre Säcke auf die Schultern, und waren im nächsten

Augenblick in dem Schatten der dichtbei gelegenen Häuser, zwischen

denen sie sich nach verschiedenen Richtungen hin zerstreuten --

verschwunden.

Von der ganzen Mannschaft war nur ein einziger -- ein Deutscher -- an

Bord des Boreas zurückgeblieben. -- Er hielt sich, ohne daß ihn die

anderen vermißten -- und als sie ihn vermißten, war es zu spät --

ruhig in seiner Coye, band aber auch den Zimmermann nicht los, legte

sich, als seine Cameraden das Schiff verlassen, auf die andere Seite,

und war bald wieder wirklich fest eingeschlafen.

Fünftes Capitel.

Die Entdeckung.

Der Capitän vom Boreas lag in seiner Coye -- er hatte den vorigen Abend

bös geschwärmt, und der Kopf glühte ihm noch von all den »Brandys

hot« und »Brandys cold«, die er in sich hineingegossen. Er träumte

-- aber was kümmern uns seine Träume, wir können ihn doch nicht

länger schlafen lassen.

Der Tag brach eben im Osten an, ja der hellere Schein drängte sich

schon durch das obere Cajütfenster, das sogenannte Skylight[4], in die

Cajüte. Der Capitän murmelte etwas von »_half and half_« -- er trank

gern Porter und Ale zusammen, und mochte wahrscheinlich Durst haben --

stöhnte noch ein paarmal, und warf sich dann auf die andere Seite.

Der Steward war indessen ebenfalls munter geworden. -- Nicht daß ihn

jemand geweckt hätte, sondern mehr von einem halb unbewußten Gefühl

aufgetrieben, das uns manchmal, ohne die geringste äußere Einwirkung,

aus dem tiefsten Schlafe aufrüttelt, wenn wir uns nur Abends vorher

fest vorgenommen haben zu einer gewissen Stunde aufzuwachen.

Es ist das ein Gefühl, das mit unserem Gewissen genau verwandt sein

muß, denn es verrichtet, wenn auch nur im Kleinen, denselben Dienst; ja

vielleicht wird es von der haushälterischen Natur selber dazu verwandt,

wer kann es wissen. Wer von uns ist in die geheimen Gänge und Falten

seines eigenen Geistes schon je so weit eingedrungen, um nur mit

Bestimmtheit voraussagen zu können, was er in der nächsten Minute

selber denken, selber empfinden will? Er kann es nicht.

Mag er seinen Geist alle Kraft anwenden lassen sich nur auf einen

einzigen Punkt zu concentriren -- es ist umsonst. Irgend eine ihm

unbewußte, aber in ihm bestehende Kraft lenkt den Strahl seiner

Gedanken, ganz von ihm selber unabhängig, wohin sie eben Lust hat,

und schüttelt ihm gerade dann gewöhnlich, wenn er etwas Bestimmtes

festhalten will, den ganzen bunten Bilderkram seines Gehirns -- diese

tollste Rumpelkammer alter Geschichten und Träume -- um und um, daß

es ihm schwarz und blau vor den Augen wird, und er diese endlich in

Verzweiflung schließen muß, nur all dem krausen Wirrwarr zu entgehen.

Und selbst das hilft ihm nichts. -- Gerade durch die fest auf die Augen

gepreßten Finger sieht man das tollste Zeug, und muß zuletzt ruhig

seine Zeit abwarten, bis das alles wieder aus eigenem freien Antriebe in

seine alten Behälter und Gefache zurückgekehrt und verschwunden ist.

Und wohin bin ich jetzt selber gerathen, von eben diesem wunderlichen

Geist geneckt? Halt, ich sprach von dem Steward, der erschreckt von

seinem Lager auffuhr.

War er aber noch im halben Schlaf, so brachte ihn der Stoß, mit dem er

seine eigene Stirn beim in die Höh fahren gegen den quer durch seine

Coye laufenden »Beam« stieß, augenblicklich zur Besinnung, und er

sprang jetzt erschrocken aus der Coye, denn zu ihm herein drang das

Tageslicht, und um vier Uhr hatte er ja schon wieder auf Deck sein

sollen.

Warum mochte ihn denn der Zimmermann nicht geweckt haben? Er lief, ohne

sich erst weder die Jacke anzuziehen, noch nach der neben ihm liegenden

Mütze zu greifen, an Deck. Alles war hier stumm und still -- dem

Steward klopfte das Herz wie ein Schmiedehammer, denn er dachte an das

was ihm, im Fall wirklich etwas passirt sei, selber bevorstand.

Im »Logis« fand er denn auch nur zu bald seinen schlimmsten Argwohn

bestätigt, und den armen Teufel von Zimmermann in der wirklich

traurigsten Lage von der Welt. Als er ihm aber das Tuch vom Gesicht band

und den Knebel aus dem Mund zog, war es gerade als ob er den Stöpsel

aus einer Flasche Weißbier gezogen hätte, denn wie aus dieser der

Schaum, so sprudelten aus dem endlich befreiten Munde des Gebundenen

jetzt eine wahre Unzahl von Flüchen und Verwünschungen -- die alle

hier so lange festgestopft gesessen hatten -- in solcher Schnelle und

Kraft heraus, daß der Steward im ersten Moment wirklich vergaß seine

Hände zu lösen, und nur ganz erstaunt und verdutzt neben ihm stand und

ihn ansah.

Durch den Lärm munter gemacht, wachte auch der Deutsche auf, und sah

aus seiner Coye. Ueber diesen fielen sie nun Beide her und wollten von

ihm erfahren, was aus den anderen geworden, und wo sie sich aufhielten.

Er wußte von gar nichts -- hatte keinen Menschen weggehen hören oder

irgend etwas mitgetheilt bekommen, was die Absicht der Entlaufenen

betreffen konnte. Er war spät an Bord gekommen, sehr müde

gewesen, gleich eingeschlafen und in diesem Augenblick durch das

gotteslästerliche Fluchen des Zimmermanns zum erstenmal aufgewacht.

Aus ihm war auch nicht das mindeste herauszubekommen, und dem Steward

lag jetzt die höchst unangenehme Pflicht ob, den Capitän von dem

Vorgefallenen in Kenntniß zu setzen, damit dieser augenblicklich seine

Maaßregeln darnach nehmen könnte. Er ging in die Cajüte hinunter, zog

seine Jacke an, strich sich die Haare aus dem Gesicht und trat zu des

Capitäns Coye.

»Capitän Oilytt«, sagte er, als er ihn am Arm faßte und leise

schüttelte.

»Brandy hot«, antwortete der Capitän -- »der Teufel soll das Ale

holen, das brennt wie Feuer.«

»Capitän Oilytt«, wiederholte der Steward. -- Wär' er ein Zauberer

gewesen, er hätte den Capitän einmal vor allen Dingen einige tausend

Jahre so fortschlafen, und nachher in einer kühlen Grotte mit einer

wunderschönen verwunschenen Prinzessin wieder aufwachen lassen. So aber

konnte er das nicht, und schüttelte ihn noch einmal etwas stärker als

das erstemal.

»Sieben Schilling Sixpence« lautete diesmal die hartnäckige Antwort,

die sich wahrscheinlich auf irgend eine gestern bezahlte Zeche bezog --

»lieber Gott!« -- und ein tiefer Seufzer folgte.

»Ja jetzt ruft er den lieben Herrgott an, wenn er nicht weiß was

er spricht« -- brummte der Steward leise vor sich hin, »und wenn er

nachher aufwacht und zur Besinnung kommt, flucht er wie ein Heide.

-- Und wenn er nur blos noch fluchte. -- Ich muß ihn aber wahrhaftig

wecken.«

Diesmal wich der tiefe Schlaf dem stärkeren und entschlossenen

Schütteln des Dieners, und der Capitän fuhr, die Augen weit

aufgerissen, in seinem Bett in die Höhe.

»Was zum Donnerwetter gibts nun?« rief er ärgerlich aus -- »kann man

denn in des drei Teufels Namen nicht einmal ruhig schlafen bis es Tag

ist, daß du Einen mitten in der Nacht herausrütteln mußt? -- was ist

los? -- na? -- wird's bald?«

Der Steward, der bis dahin gar nicht hatte zu Wort kommen können, sagte

jetzt schnell:

»Capitän Oilytt, die ganze Mannschaft ist fortgelaufen -- der Koch

und der ganze andere Schwarm. -- Nur der Zimmermann und Hans -- der eine

Deutsche -- sind noch an Bord.«

Der Capitän war mit einem Satz aus seinem Bett und mit einem zweiten

in seinen Hosen, während er eine wahre Sündfluth von Flüchen

ausströmte. Damit wurde die Sache aber um kein Haarbreit geändert.

Natürlich hatten der Zimmermann und der Steward die alleinige Schuld,

und der zurückgebliebene Deutsche, als der Capitän wie ein Wüthender

nach vorn gefahren war, sollte nun gezwungen werden zu beichten. Er

wußte aber, dabei blieb er trotz allen Drohungen und Versprechungen --

von gar nichts. Er hatte die ganze Nacht, wenigstens von der Zeit an wo

er an Bord gekommen, bis zu der wo der Steward den Zimmermann losband,

geschlafen. Früher sei, wie er weiter erzählte, allerdings vom

Fortlaufen die Rede gewesen, da =er= aber stets fest erklärt habe daß

er nicht mit ginge, hätte man ihm diesmal, wie es schiene, gar nichts

davon gesagt.

Der Capitän schäumte vor Wuth. -- »Das kommt davon«, rief er, »daß

ich mich mit dem verdammten fremden Gesindel eingelassen habe. -- Hätte

ich lauter Engländer gehabt, wäre das nicht geschehen. -- Aber wartet,

wartet Canaillen, Euch will ich ein Gericht einbrocken, auf das Ihr

nicht gerechnet haben sollt, und hab ich Euch erst wieder, dann Gnade

Euch Gott. Dann geb ich Euch mein Wort drauf, Ihr sollt Euch lieber in

der Hölle als bei mir an Bord wünschen. -- Und du Steward, vor allen

andern, du verdientest überhaupt, daß ich dich an die Railing binden

und dir 25 aufzählen ließ -- du -- Holzkopf du.«

Und damit schoß er wie ein Pfeil in seine Cajüte hinunter, in seine

Kleider hinein und dann an Land, die Anzeige bei der Wasserpolizei von

den Entflohenen zu machen und eine Belohnung auf ihren Fang zu setzen.

Kaum war er aber fort, und ehe sich der Steward noch von dem ersten

Erstaunen über die entsetzliche Drohung erholen konnte, so kam der

erste Mate schon auf ihn zu, faßte ihn am Kragen und überschwemmte ihn

mit einer wahren Fluth von Schimpfreden.

»Du Lump!« -- rief er, »bist der einzige der die ganze Geschichte zu

verantworten hat. -- Warum hast du nicht aufgepaßt, -- heh? -- was zum

Donnerwetter hast du denn sonst auf der Welt zu thun? -- wozu bist du

nütz?« --

Nach diesem Ausbruch innerer Gefühle stieg er an Deck und lief eine

gute Stunde das Quarterdeck auf und ab. Der Steward fing indessen an die

Tische unten abzuwischen. Er hatte aber noch nicht einen fertig, als der

zweite Mate ebenfalls den Kopf hereinsteckte.

»Du bist doch das nichtsnutzigste miserabelste Stück Takelwerk am

ganzen Bord«, sagte er, und sah den Steward an als ob er ihn mit Haut

und Haaren, und ohne Pfeffer und Salz verschlingen wolle. -- Damit

schlug er die Thür wieder zu und ging ebenfalls an Deck. Er war die

halbe Nacht an Land gewesen, und erst um Mitternacht an Bord gekommen.

Der Steward aber setzte sich mit dem Abwischtuch in der Hand am Tische

nieder, schüttelte in einem fort mit dem Kopf und murmelte leise vor

sich hin.

»Na, nu wird's Tag -- ich habe die Schuld -- ich bin die alleinige

Ursache, daß die anderen fortgelaufen sind. -- Natürlich -- wenn ich

nicht meine zwei Stunden geschlafen hätte, wo die anderen auf Wacht

waren, hätte das alles nicht geschehen können. Na, das wird eine

schöne Reise werden -- ich glaube wahrhaftig, es wäre das Beste ich

liefe auch fort -- nachher wär ich denn doch neugierig wer die Schuld

=davon= hat -- ich wieder; natürlich. Und wieder kriegen? -- wenn sie

die wieder kriegen freß' ich sie -- alle zusammen.« Und mit diesem

kannibalischen Entschluß stand er auf und begann seine Arbeit auf's

neue.

Sechstes Capitel.

Sydney im Dunkeln.

Eine ganze Woche war verflossen, und noch immer lag der Boreas an seinem

alten Platze am Werft, ohne, trotz der darauf gesetzten Belohnung, einen

einzigen von seinen Leuten wieder bekommen zu haben. Natürlich konnte

er, mit =einem= Mann an Bord, auch nicht in See gehen, und andere

Matrosen waren ebenfalls nicht zu bekommen. Der Capitän hatte schon,

der schlechten Behandlung seiner Leute wegen, einen solchen Namen

in Sydney bekommen, daß niemand mit ihm segeln wollte und der

Goldschwindel machte überdies die Leute die extravagantesten Preise

fordern.

Natürlich mußte er unter der Zeit Arbeiter annehmen, die an Bord

nothwendigen Geschäfte zu verrichten, und an diese ebenfalls sehr

theuren Lohn bezahlen; das ging aber freilich alles aus der Tasche der

weggelaufenen Leute und zwar von dem ihnen gut stehenden Geld was sie an

Bord zurückgelassen -- vorausgesetzt, natürlich, daß man sie wieder

bekam. Wurden sie wieder eingefangen, so hatten sie die Arbeiterkosten

für fremde Hülfe, wie selbst den auf ihr Einfangen gesetzten Preis von

dem ihnen noch gut stehenden Geld, oder von ihrer nächsten Reise -- und

wenn die nicht zulangte, von der nächstfolgenden -- zu bezahlen.

Die Wasserpolizei war indessen, wie sie sagte, sehr thätig gewesen die

Leute wieder einzubringen, oder wenigstens auf ihre Spur zu kommen, doch

ohne Erfolg. Es war erst =ein= Pfund Sterling auf den Kopf gesetzt,

und man konnte nicht gut erwarten, daß sie sich den Preis muthwillig

verderben sollten, da er mit der Zeit von selber steigen mußte.

Der Capitän hoffte indessen das meiste von dem Sonnabend Abend, wo sich

die Matrosen in Sydney gewöhnlich am freisten gehen lassen und, wenn

sie erst einmal ins Trinken kommen, nicht mehr die sonst kaum vergessene

Vorsicht gebrauchen, die Straße oder alle öffentlichen Häuser zu

vermeiden. Von vielen anderen Schiffen war ebenfalls die Mannschaft

fortgelaufen, und die ganze Wasserpolizei sollte an diesem Abend auf

den Beinen sein. Die beiden Steuerleute des Boreas hatten sich ebenfalls

erboten mit den Steuerleuten noch zweier anderen Schiffe, je zwei mit

einem Polizeidiener zu gehen, um, falls sie einen der Ihrigen treffen

sollten, ihn gleich zu kennen und festhalten zu können.

Um sieben Uhr setzte sich der ganze Zug in Bewegung, zerstreute sich

aber bald nach verschiedenen Richtungen hin, um mehrere Stadttheile auf

einmal durchstreifen zu können, und man bestimmte nun einen Platz am

entferntesten Ende der Stadt, wo man sich um 12 Uhr Nachts treffen und

die gemachten Beobachtungen mittheilen wollte. Bis ein Uhr Morgens ist

es auf den Straßen stets lebendig.

Der erste Mate vom Boreas, der zweite von einer anderen englischen Barke

und ein Polizeidiener nahmen den oberen Theil der Stadt Georgestreet,

Pittstreet und was dort in der Nähe lag, obgleich in Georgestreet,

als der Hauptstraße der Stadt, wohl kaum einer der Weggelaufenen

anzutreffen sein mochte. Sie wagten sich schon nicht in diesen

Stadttheil, wo eine so zahlreiche Menschenmenge fortwährend hin- und

wiederströmte, und zwischen diesen leicht jemand sein konnte der sie

kannte und den Händen der überall postirten Constabler übergab.

Nichtsdestoweniger gingen die drei Männer Georgestreet hinauf und bogen

dann oben links ab, durch Liverpoolstreet in Pittstreet hinein, vor

allen Dingen einmal das »goldene Kreuz«, was ihnen als der frühere

Hauptaufenthaltsort der Leute des Boreas beschrieben war, zu revidiren.

Es war noch zu früh am Abend um schon viel Gäste in den Wirthshäusern

anzutreffen; die meisten wanderten noch in der Nähe des Markthauses und

durch den Markt auf und ab, und erfreuten sich des schönen mondhellen

Abends. Dennoch saßen etwa zehn oder zwölf Männer, meistens Matrosen,

an den verschiedenen Tischen, und in einem der kleinen Verschläge, wo

zwei Seeleute ihre beiden Mädchen mit hineingenommen hatten und ihnen

dort zutranken, ging es besonders lustig und auch laut zu.

Der Mate vom Boreas warf einen schnellen aber forschenden Blick

über sämmtliche Gäste hinüber, und trat auch in das kleine

»Privatzimmer«, in das er indiscret genug und, von einem »_what do

you want_« der darin Sitzenden angeschnauzt, hineinschaute, konnte aber

kein bekanntes Gesicht entdecken. Mrs. und Mr. Mac Carther warfen sich

übrigens einen Blick zu, den sie beide zu verstehen schienen, und

die »Dame« wandte sich dann mit der größten Freundlichkeit an die

Neuangekommenen, und frug was sie zu trinken wünschten. Sie ließen

sich eine Flasche Porter und drei Gläser geben, und setzten sich an

einen der Tische.

Polly ging ab und zu, und schien besonders mit dem Polizeidiener, einem

jungen, hübschen und schlanken Mann, gut bekannt zu sein. Als Mr. Mac

Carther die zweite Flasche auf den Tisch setzte, stand der junge Mann

von der Wasserpolizei auf und ging hinaus -- wenige Minuten darauf

folgte ihm Polly -- sie standen beide in der offenen Hausthür.

»Polly«, sagte der Polizeidiener, und hob ihr mit dem rechten

Zeigefinger das Kinn empor -- »wo sind die Leute vom Boreas, die Ihr

versteckt habt?«

»Die =Ihr= versteckt habt?« sagte das Mädchen schnippisch und

schnell, und schlug den Finger mit der verkehrten Hand weg -- »die Ihr

versteckt habt? -- was gehen mich die Leute vom Boreas oder irgend einem

anderen »aß« an, und was hätt' ich davon, Matrosen zu verstecken? --

Wenn Ihr mir weiter nichts zu sagen habt, Mr. Naseweis, dann seid so gut

und laßt mich ein andermal zufrieden.« Und damit wollte sie sich von

ihm losmachen und wieder ins Schenkzimmer gehen. Charles, wie der junge

Mann hieß, faßte aber ihre Hand und sagte schmeichelnd: -- »Sey nicht

närrisch, Polly -- du verstehst wie ichs meine, und daß ich recht gut

weiß wie du selber nichts damit zu thun hast -- obgleich mir Gerüchte

zu Ohren gekommen sind von einem jungen Franzosen der --«

»Charles«, sagte das Mädchen, und schien ernstlich böse zu werden,

»du hast es heut Abend ordentlich darauf angelegt mich zu ärgern, und

ich antworte dir keine Sylbe weiter.«

»Was das betrifft, mein Schatz«, lachte der andere, während er jedoch

die Hand des Mädchens noch immer fest dabei hielt -- »so =hast= du mir

auch noch gar keine Sylbe geantwortet. -- Ich weiß aber, daß du ein

vernünftiges Mädchen bist -- du hast mir davon schon zu viele Proben

gegeben, so laß uns denn auch ohne weitere Umschweife ein vernünftiges

Wort miteinander reden. Auf das Einfangen der Leute vom Boreas wird in

der nächsten Woche, wenn der Capitän erst einmal weg =muß=, ein sehr

bedeutender Preis gesetzt werden -- wenn du die Hälfte davon verdienen

kannst, wirst du doch vielleicht zusehen, ob du mir ein oder das andere

von Mr. und Mrs. Mac Carther herausbekommen kannst?«

»Du glaubst doch nicht etwa«, fiel ihm das Mädchen rasch in die Rede,

»daß Mr. und Mrs. Mac Carther weggelaufenen Matrosen in ihrem eigenen

Hause ...«

»Gott bewahre«, unterbrach sie Charles lachend »da sind sie beide

viel zu vernünftig dazu, als daß sie sich einer solchen Gefahr

aussetzen sollten -- es stehen 50 Pfund Sterling Strafe darauf. -- Nein,

aber sie -- haben doch manches -- oh hol's der Henker, du bist klug

genug, und dir brauch ich doch weiter keine Erklärung zu geben.«

Aus dem Matrosenleben · 第 1 / 8 题