Die Leute von Gerbersau, die da auf den Straßen laufen, unter ihren
Ladentüren stehen, ihr Handwerk und Geschäft besorgen und fast alle so
zufrieden sind, obwohl sie beständig über die schlechten Zeiten zu
klagen haben, alle diese Leute haben den Walter Kömpff noch gut gekannt.
Sie sind mit ihm in die Schule gegangen, sie sind mit ihm Soldat
gewesen, sie haben Geschäfte mit ihm gehabt und früher oft abends ein
Bier mit ihm getrunken. Und dann machte er plötzlich so viel von sich
reden, eine Zeitlang!
Aber alle diese Leute sprechen nimmer von ihm und haben ihn vergessen.
Es gab eine Zeit, da hätte man meinen sollen, sie würden von Walter
Kömpff noch als weißhaarige Großväter zu reden haben und mit keinem
auswärtigen Geschäftsfreund über den Marktplatz gehen können, ohne ihm
das vormals Kömpffsche Haus zu zeigen und ihm nachher im Adler oder
Hirschen die Geschichte dazu zu erzählen, der Länge und Breite nach.
Und wenn auch gar nichts zu verwundern und zu erzählen gewesen wäre, wie
war es möglich, diesen Mann so ganz zu vergessen? Hätte noch vor zehn
Jahren irgend ein Gerbersauer sich den Marktplatz vorstellen können ohne
den Kömpffschen Laden und das Schild darüber und den mit seinem Namen
bemalten grauen Pritschenwagen und ohne ihn selber, wie er unter der Tür
stand oder über den Platz schritt oder auf dem grünen Feierabendbänklein
saß? Oder hätte jemand sich einen Jahrmarkt denken können, ohne daß er
in seiner Ladentüre stand und die vielen Dutzende von auswärtigen
Bekannten begrüßte?
Beispielsweise gesprochen, stelle man sich jetzt einmal den jüngeren
Giebenrath vor, den Tuchhändler! Nicht wahr, da läuft er gaßauf, gaßab,
ruft hier »Guten Morgen!« und dort »Grüß Gott!«, langt da an den Hut und
macht dort ein Kompliment, und dann geht er in sein Haus, und man weiß,
da ist er jetzt drin und verkauft Tuch, und überm Laden steht mit Gold
auf Schwarz sein Name. Es ist niemand in der Stadt, der ihn nicht kennt
und der nicht weiß, wie er spricht und wie er lacht und was er im Winter
für einen Mantel hat und mit wem er verwandt ist und was er für
Geschäfte macht und daß er zu den Demokraten gehört. Also, wieder
beispielsweise, der jüngere Giebenrath stirbt jetzt -- oder, um niemand
weh zu tun, sagen wir, er geht weg, vielleicht nach Stuttgart oder nach
Pforzheim.
Ja, wenn ich das nur sage, da lachen sie alle und winken mir mit dem
ganzen Arm ab: »Wo denkst hin! Der bleibt, wo er ist! Der und
wegziehen!«
Also gut, aber vielleicht zieht er doch weg, und niemand begreift's, und
man schüttelt den Kopf, und sein Firmenschild wird heruntergenommen und
die Kinder sehen zu. Am Morgen vermißt ihn der Friseur und am Abend der
Ankerwirt und untertags vermißt ihn da einer und dort einer in der
Stadt, und seine Nachbarn mögen gar nimmer ans Fenster, weil er doch
nimmer vorbeikommt und hereingrüßt und einen kleinen Spaß macht, oder
wenn er's eilig hatte, konnte man ihm nachsehen und sich besinnen,
wohin's ihm denn so eilig pressierte. Und ich würde dann sagen: Ihr
Leute, sei's um eine kleine Weile, so redet kein Mensch mehr vom
jüngeren Giebenrath, außer er hätte Schulden. -- Ja, da würde man wieder
abwinken und lachen und den Kopf schütteln und mich heimschicken!
Und doch ist es mit dem Kömpff um kein Haar anders gewesen. Kaum daß man
jetzt seinen Namen noch etwa einmal hört. Nun, ich erzähle, wie es mir
damit gegangen ist.
Wie es die jungen Leute im Brauch haben, war ich auf der Wanderschaft,
und wohin ich kam, schien mir's kein schlechtes Leben in der Fremde; ich
kam mir extra gescheit vor und wollte gar nicht begreifen, wieso man
eigentlich gerade immer in Gerbersau leben müsse. Da war zum Beispiel
Cannstatt, ein wohlhabender Ort, und dann Tübingen, auch nicht übel, und
dann Basel und Zürich, und wiederum München, alles angenehme Plätze, wo
auch Leute wohnen und wo man so gut seine Batzen verdienen und wieder
verjucken kann wie irgendwo in der Welt. Also kam mir, aus der Ferne
gesehen, die Stadt Gerbersau immer kleiner und unnötiger und sogar
ziemlich lächerlich vor, und ich bin länger draußen geblieben, als es
der Brauch ist. Zwischenein höre ich, der Kömpff am Marktplatz fange an,
sonderbare Geschichten zu machen, das und jenes. Dann hör' ich, er sei
übergeschnappt, und nicht lang darauf von einem andern, er sei
vortrefflich bei Verstand und überhaupt viel zu gut und edel für seinen
Ort, und er werde auch wahrscheinlich fortgehen. Und so durcheinander,
wenig Gutes und viel Böses, bis ich gar nichts mehr glaubte. Ich dachte:
wenn ich zufällig einmal wieder besuchsweise heimkomme, will ich den und
jenen darum fragen und etwas Sicheres zu erfahren suchen.
Die Zeit verging und ich war nachgerade nimmer ganz jung. Daheim dachten
sie kaum mehr daran, daß ich am Ende auch wieder einmal heimkommen
könnte, und ich selber dachte es am wenigsten.
Wie es gegangen ist, daß ich jetzt doch wieder in Gerbersau sitze,
anfangs nicht ohne Unbehagen und Beschämung, und daß ich jetzt wieder
hier so zu Hause bin wie nur je in den Bubenzeiten, das wäre eine lange
Geschichte. Aber davon ist diesmal nicht die Rede. -- Also ich komme
wieder heim, lasse mich begrüßen und begutachten, anschielen und
auslachen, finde die alten Gassen und Winkel und einige neue dazu, und
kaum habe ich nach ein paar Tagen mir die alte Mundart wieder recht
angewöhnt, so frage ich rechts und links nach dem Herrn Walter Kömpff.
Ich meine, jeder müsse gleich vor lauter Geschichten und Erklärungen
überlaufen und herzensfroh sein, daß er einen Neuen findet, der's ihm
abhört.
Aber wie ich den ersten frage: »Du, wie war's denn eigentlich damit?«,
da besinnt er sich ein bißchen, klopft die Zigarre ab, zieht, bläst eine
Verlegenheitswolke hinaus, und schließlich meint er: »Ja, das sind
Sachen, da schwätzt jetzt kein Mensch mehr davon. Frag einmal den
Köberle.« Also abends, wie ich ihn bei der Metzelsuppe im Rößle treffe,
frage ich den Köberle. Er behält den Wein ein Weilchen im Mund, macht
Telleraugen, schluckt dann und runzelt, so gut er kann, die glatte Stirn
und sagt: »Ja, weißt du, das ist eigentlich schon recht lang her. Liebe
Zeit, der Kömpff! Ja ja, ich kann mir's noch gut denken. Na, wir sehen
uns ja bald einmal wieder, da reden wir dann. Am Donnerstag schenkt der
Kronenwirt den ersten Neuen aus, du kommst doch auch?«
So allmählich ist das Nötigste ja auch zusammengetröpfelt. Ich wollte
nun einmal alles wissen, da redete und fragte und horchte ich's so
zusammen, das eine bei einem Voressen im Waldhorn, das andere bei einer
Kindsleiche unterwegs zum Kirchhof, da etwas in einer Schusterwerkstatt
und dort etwas im Kaufladen. Was eigentlich damals Merkwürdiges passiert
sei, bekam ich denn auch allmählich heraus, aber keinerlei Schlüssel
dazu, denn darum hatte sich niemand gekümmert.
Bis mir die Holderlies einfiel. Die war ja in alten Zeiten im
Kömpffschen Haus Magd gewesen. Richtig lebte sie auch noch und wohnte
droben in der allerobersten Vorstadt, wohin es ein schweißtreibendes
Klettern ist und wo trotzdem fast lauter alte, gebrechliche Leute
hausen. Wenn ich an meine Bubenzeit dachte, konnte ich mir die Lies
wieder vorstellen, die schon damals nimmer auffallend jung war. Ich
stieg denn in die Vorstadt hinauf, und so oft ich meinte, jetzt sei es
erreicht, ging es noch ein Gäßlein und einen schmalen Gartensteig und
eine böse Mauerstiege hinauf, bis ich ganz bei den letzten Häuschen war;
da lag die Stadt senkrecht mit ineinander verwirrten Dächern so
verschoben und seltsam unter mir, als sei sie betrunken oder ich. Dann
ging es noch eine steinerne Gartentreppe, für die ich fast zu breit war,
und zwei hölzerne stichdunkle Stiegen hinauf. Und dann klopfte ich und
es tat eine Türe sich auf, und ich stand in einem lichten, stillen
Altenstübchen und hätte nie geglaubt, daß es in unserm engen Bergtal so
viel Luftraum gebe, wie ich hier über die Geranien weg vor den kleinen
klaren Fenstern liegen sah.
Die Holderlies kannte mich natürlich nimmer, denn ich war in den zwanzig
Jahren groß und breit geworden, und ich kannte auch sie nicht mehr, die
unglaublich eingegangen und klein geworden war. Aber es gab sich schon,
und wie ich nach dem langen Steigen erst wieder Atem hatte, fingen wir
mit dem besten Humor von den alten Zeiten an, die für sie freilich noch
lange nicht die wirklich alten waren.
Später kam ich wieder, fünfmal, zehnmal, und ich erfuhr alles, was die
Alte von meinem Kömpff wußte und vermutete. Bald darauf starb sie, und
ich ging bei dem sonderbaren Leichenzug durch die steilen Gärtchen und
über alle die Steige und Treppchen mit. -- Und nun will ich die
Geschichte des Walter Kömpff erzählen, soweit sie mir klar geworden ist.
* * * * *
Über den alten Hugo Kömpff ist wenig zu sagen, als daß er in allem ein
echter Gerbersauer von der guten Sorte war. Das alte, feste und große
Haus am Marktplatz mit dem niedrigen und finsteren Kaufladen, der aber
für eine Goldgrube galt, hatte er von Vater und Großvater überkommen und
führte es im alten Sinne fort. Nur darin war er einen eignen Weg
gegangen, daß er seine Braut von auswärts geholt hatte. Sie hieß
Kornelie und war eine Pfarrerstochter vom oberen Schwarzwald, eine
hübsche und ernste Dame ohne das geringste bare Vermögen. Das Erstaunen
und Reden darüber dauerte seine Weile, und wenn man die Frau auch später
noch ein wenig seltsam fand, gewöhnte man sich doch zur Not an sie oder
ließ wenigstens den Mann darum ungeschoren. Der lebte auch in einer sehr
stillen Ehe und bei guten Geschäftszeiten unauffällig nach der
väterlichen Art dahin, war gutmütig und wohlangesehen, dabei ein
vortrefflicher Kaufmann, so daß es ihm an nichts fehlte, was hierorts
zum Glück und Wohlsein gehört. Zur rechten Zeit stellte sich ein
Söhnlein ein und wurde Walter getauft; er hatte das Gesicht und den
Gliederbau der Kömpffe, aber keine graublauen, sondern von der Mutter
her braune Augen. Nun war ein Kömpff mit braunen Augen freilich noch nie
gesehen worden, aber genau betrachtet schien das dem Vater kein großes
Unglück, und der Bub ließ sich auch nicht an wie ein aus der Art
Geschlagener. Es lief alles seinen leisen, gesunden Gang, das Geschäft
ging vortrefflich, die Frau war zwar immer noch ein wenig anders, als
man gewohnt war, aber das war kein Schade, und der Kleine wuchs und
gedieh und kam in die Schule, wo er zu den Besten gehörte. Nun fehlte
dem Kaufmann noch, daß er in den Gemeinderat kam, aber auch das konnte
nimmer lang auf sich warten lassen, und dann wäre seine Höhe erreicht
und alles wie beim Vater und Großvater gewesen.
Es kam aber nicht dazu. Ganz wider die Kömpffsche Tradition legte sich
der Hausherr schon mit vierundvierzig Jahren zum Sterben nieder. Es nahm
ihn ohne zu viel Schmerzen und doch langsam genug hinweg, daß er alles
Notwendige noch in Ruhe bestimmen und ordnen konnte. Und so saß denn
eines Tages die hübsche dunkle Frau an seinem Bette, und sie besprachen
dies und jenes, was zu geschehen habe und was die Zukunft etwa bringen
könnte. Vor allem war natürlich von dem Buben Walter die Rede, und in
diesem Punkte waren sie, was sie beide nicht überraschte, keineswegs
derselben Gesinnung und gerieten darüber in einen stillen, doch zähen
Kampf. Freilich, wenn jemand an der Stubentüre gehorcht hätte, der hätte
nichts von einem Streit gemerkt.
Die Frau hatte nämlich vom ersten Tag der Ehe an darauf gehalten, daß
auch an unguten Tagen Höflichkeit und sanfte Rede herrsche. Mehr als
einmal war der Mann, wenn er bei irgend welchem Vorschlag oder
Entschlusse ihren stillen, aber festen Widerstand spürte, in Zorn
geraten. Aber dann verstand sie ihn beim ersten scharfen Wort auf eine
Art anzusehen, daß er schnell einzog und seinen Groll wenn nicht abtat,
so doch in den Laden oder auf die Gasse trug und die Frau damit
verschonte, deren Wille dann meistens ohne weitere Worte bestehen blieb
und erfüllt wurde. So ging auch jetzt, da er schon nah am Tode war und
seinem letzten und stärksten Wunsch ihr ruhiges Andersmeinen
gegenüberstand, das Gespräch in Maß und Zucht seine Bahn. Doch sah das
Gesicht des Kranken so aus, als wäre es mühsam gebändigt und könne von
Augenblick zu Augenblick die Haltung verlieren und Zorn oder
Verzweiflung zeigen.
»Ich bin an mancherlei gewöhnt, Kornelie,« sagte er, »und du hast ja
gewiß auch manchmal gegen mich recht gehabt, aber du siehst doch, daß es
sich diesmal um eine andre Sache handelt. Was ich dir sage, ist mein
fester Wunsch und Wille, der mir seit Jahren feststeht, und ich muß ihn
jetzt deutlich und bestimmt aussprechen und darauf bestehen. Du weißt,
daß es sich hier nicht um eine Laune handelt und daß ich den Tod vor
Augen habe. Wovon ich sprach, das ist ein Stück von meinem Testament,
und es wäre besser, du würdest es in Güte hinnehmen.«
»Es hilft nichts,« erwiderte sie, »soviel drüber zu reden. Du hast mich
um etwas gebeten, was ich nicht gewähren kann. Das tut mir leid, aber zu
ändern ist nichts daran.«
»Kornelie, es ist die letzte Bitte eines Sterbenden. Denkst du daran
nicht auch?«
»Ja, ich denke schon. Aber ich denke noch mehr daran, daß ich über das
ganze Leben des Buben entscheiden soll, und das darf ich so wenig, wie
du es darfst.«
»Warum nicht? Es ist etwas, was jeden Tag vorkommt. Wenn ich gesund
geblieben wäre, hätte ich aus Walter doch auch gemacht, was mir recht
geschienen hätte. Jetzt will ich wenigstens dafür sorgen, daß er auch
ohne mich Weg und Ziel vor sich hat und zu seinem Besten kommt.«
»Du vergißt nur, daß er uns beiden gehört. Wenn du gesund geblieben
wärest, hätten wir beide ihn angeleitet, und wir hätten es abgewartet,
was sich als das Beste für ihn gezeigt hätte.«
Der kranke Herr verzog den Mund und schwieg. Er schloß die Augen und
besann sich auf Wege, doch noch in Güte zum Ziel zu kommen. Allein er
fand keine, und da er Schmerzen hatte und nicht sicher sein konnte, ob
er morgen noch das Bewußtsein haben werde, entschloß er sich zum
letzten.
»Sei so gut und bring ihn her,« sagte er ruhig.
»Den Walter?«
»Ja, aber sogleich.«
Frau Kornelie ging langsam bis an die Tür. Dann kehrte sie um.
»Tu es lieber nicht!« sagte sie bittend.
»Was denn?«
»Das, was du tun willst, Hugo. Es ist gewiß nicht das Rechte.«
Er hatte die Augen wieder zugemacht und sagte nur noch müde: »Bring ihn
her!«
Da ging sie hinaus und in die große, helle Vorderstube hinüber, wo
Walter über seinen Schulaufgaben saß. Er war zwischen zwölf und
dreizehn, nicht sehr groß, aber gesund, ein ruhiger und gutwilliger
Knabe. Im Augenblick war er freilich verscheucht und aus dem
Gleichgewicht, denn man hatte für besser gehalten, ihm nicht zu
verheimlichen, daß es mit dem Vater zu Ende gehe. So folgte er der
Mutter verstört und mit einem inneren Widerstreben kämpfend in die
Krankenstube, wo der Vater ihn einlud, neben ihm auf dem Bettrand zu
sitzen.
Der kranke Mann streichelte die warme, kleine Hand des Knaben und sah
ihn gütig an.
»Ich muß etwas Wichtiges mit dir sprechen, Walter. Du bist ja schon groß
genug, also hör gut zu und versteh mich recht. In der Stube da ist mein
Vater und mein Großvater gestorben, im gleichen Bett, aber sie sind viel
älter geworden als ich, und jeder hat schon einen erwachsenen Sohn
gehabt, dem er das Haus und den Laden und alles hat ruhig übergeben
können. Das ist nämlich eine wichtige Sache, mußt du wissen. Stell dir
vor, daß dein Urgroßvater und dann der Großvater und dann dein Vater
jeder viele Jahre lang hier geschafft hat und Sorgen gehabt hat, damit
das Geschäft auch in gutem Stand an den Sohn komme. Und jetzt soll ich
sterben und weiß nicht einmal, was aus allem werden und wer nach mir der
Herr im Hause sein soll. Überleg dir das einmal. Was meinst du dazu?«
Der Junge blickte verwirrt und traurig vor sich nieder; er konnte nichts
sagen und konnte auch nicht nachdenken, der ganze Ernst und die
feierliche Befangenheit dieser sonderbaren Stunde in dem dämmernden
Zimmer umgab ihn wie eine schwere, dicke Luft. Er schluckte, weil ihm
das Weinen nahe war, und blieb in Trauer und Verlegenheit still.
»Du verstehst mich schon,« fuhr nun der Vater fort und streichelte
wieder seine Hand. »Mir wär' es sehr lieb, wenn ich nun ganz gewiß
wissen könnte, daß du, wenn du einmal groß genug bist, unser altes
Geschäft weiterführst. Wenn du mir also versprechen würdest, daß du
Kaufmann werden und später da drunten alles übernehmen willst, dann wäre
mir eine große Sorge abgenommen und ich könnte viel leichter und froher
sterben. Die Mutter meint --«
»Ja, Walter,« fiel die Frau Kornelie ein, »du hast gehört, was der Vater
gesagt hat, nicht wahr? Es kommt jetzt ganz auf dich an, was du sagen
willst. Du mußt es dir nur gut überlegen. Wenn du denkst, es wäre
vielleicht besser, daß du kein Kaufmann wirst, so sag es nur ruhig; es
will dich niemand zwingen.«
Eine kleine Weile schwiegen alle drei.
»Wenn du willst, kannst du hinübergehen und es noch bedenken, dann ruf'
ich dich nachher,« sagte die Mutter. Der Vater heftete die Blicke fest
und fragend auf Walter, der Knabe war aufgestanden und wußte nichts zu
sagen. Er fühlte, daß die Mutter nicht dasselbe wolle wie der Vater,
dessen Bitte ihm nicht gar so groß und wichtig schien. Eben wollte er
sich abwenden, um hinauszugehen, da griff der Leidende noch einmal nach
seiner Hand, konnte sie aber nicht erreichen. Walter sah es und wandte
sich ihm zu, da sah er in des Kranken Blick die Frage und die Bitte und
fast eine Angst, und er fühlte plötzlich mit Mitleid und Schrecken, daß
er es in der Hand habe, seinem sterbenden Vater weh oder wohl zu tun.
Dies Gefühl von ungewohnter Verantwortung drückte ihn wie ein
Schuldbewußtsein, er zögerte, und in einer plötzlichen Regung gab er dem
Vater die Hand und sagte leise unter hervorbrechenden Tränen: »Ja, ich
verspreche es ganz gewiß.«
Dann führte ihn die Mutter still ins große Zimmer zurück, wo es nun auch
zu dunkeln begann; sie zündete die Lampe an, gab dem Knaben einen Kuß
auf die Stirn und suchte ihn zu beruhigen. Darauf ging sie zu dem
Kranken zurück, der nun erschöpft tief in den Kissen lag und in einen
leichten Schlummer sank. Die großgewachsene, schöne Frau setzte sich in
einen Armstuhl am Fenster und suchte mit müden Augen in die Dämmerung
hinaus, über den Hof und die unregelmäßigen, spitzigen Dächer der
Hinterhäuser hinweg an den bleichen Himmel blickend. Sie war noch in
guten Jahren und war noch eine Schönheit, nur daß an den Schläfen die
blasse Haut gleichsam ermüdet war. Und nun, da sie den Kopf mit
halbgeschlossenen Augen senkte und ruhend saß, erschien sie älter, als
sie war.
Sie hätte wohl auch einen Schlummer nötig gehabt, doch schlief sie nicht
ein, obwohl alles an ihr ruhte. Sie dachte nach. Es war ihr eigen, daß
sie entscheidende, wichtige Zeiten ungeteilt bis auf die Neige
durchleben mußte, sie mochte wollen oder nicht. So hielt es sie auch
jetzt, der Ermattung zum Trotz, mitten in dem unheimlich stillerregten,
überreizten Lebendigsein dieser Stunden fest, in denen alles wichtig und
ernst und unabsehbar war. Sie mußte an den Knaben denken und ihn in
Gedanken trösten, und sie mußte auf das Atmen ihres Mannes horchen, der
dort lag und schlummerte und noch da war und doch eigentlich schon nicht
mehr hierher gehörte. Am meisten aber mußte sie an diese vergangene
Stunde denken.
Das war nun ihr letzter Kampf mit dem Mann gewesen, und sie hatte ihn
wieder verloren, obwohl sie im Recht war und es besser wußte. Alle diese
Jahre hatte sie den Gatten überschaut und ihm ins Herz gesehen in Liebe
und in Streit, und hatte es durchgeführt, daß es ein stilles und
reinliches Miteinanderleben war. Sie hatte ihn lieb, heute noch wie
immer, und doch war sie immer allein geblieben. Sie hatte es verstanden,
in seiner Seele zu lesen, aber er hatte die ihre nicht verstehen können,
auch in Liebe nicht, und war seine gewohnten Wege hingegangen, bald
dankbar und bald grollend und schnell wieder versöhnt. Er war immer an
der Oberfläche geblieben mit dem Verstand wie mit der Seele, und wenn es
Dinge gab, in denen es ihr nicht erlaubt und möglich war, sich ihm zu
fügen, hatte er nachgegeben und gelächelt, aber ohne sie zu verstehen.
Und nun war das Schlimmste doch geschehen. Sie hatte über das Kind mit
ihm nie ernstlich reden können, und was hätte sie ihm auch sagen sollen?
Er sah ja nicht ins Wesen hinein. Er war überzeugt, der Kleine habe von
der Mutter die braunen Augen und alles andere von ihm. Und sie wußte
seit Jahren jeden Tag, daß das Kind die Seele von ihr habe, und daß in
dieser Seele etwas lebe, was dem väterlichen Geist und Wesen
widersprach, unbewußt und mit unverstandenem Schmerze widersprach.
Gewiß, er hatte viel vom Vater, er war ihm fast in allem ähnlich. Aber
den innersten Nerv, dasjenige, was eines Menschen wahres Wesen ausmacht
und geheimnisvoll seine Geschicke schafft, diesen feinen, schönen
Lebensfunken hatte das Kind von ihr, und wer in den innersten Spiegel
seines Herzens hätte sehen können, in die leise wogende, zarte Quelle
des Persönlichsten und Eigensten, hätte dort die Seele der Mutter
gespiegelt gefunden.
* * * * *
Behutsam stand Frau Kömpff auf und trat ans Bett, sie bückte sich zu dem
Schlafenden und sah ihn an mit halbem Bewußtsein, daß sein Gesicht zum
letzten Mal unentstellt das alte sei, das sie so lang gekannt hatte. Sie
hatte es lieb, wenn es auch nicht schön war. Sie wünschte sich noch
einen Tag, noch ein paar gute Stunden für ihn, um ihn noch einmal recht
zu sehen. Er hatte sie nie ganz verstanden, aber ohne seine Schuld, und
eben die Beschränktheit seiner kräftigen und klaren Natur, die auch ohne
inneres Verstehen sich ihr so oft gefügt hatte, erschien ihr liebenswert
und ritterlich. Überschaut hatte sie ihn schon in der Brautzeit, damals
nicht ohne einen feinen Schmerz. Aber er war ihr in herzlicher und
mannhafter Liebe entgegengekommen, und so fein und überlegen sie war,
hatte sie nicht gezögert, mit ihm zu gehen. Es hatte ihr besser
geschienen, sich einem echten und treuen Liebhaber anzuvertrauen, als
auf den Auserlesenen, Unwahrscheinlichen zu warten, dem sie auch ihr
Innerstes hätte zeigen und hingeben können; und sie hatte recht gehabt.
Später war der Mann in seinen Geschäften und unter seinen Kameraden
freilich um ein weniges derber, gewöhnlicher und spießbürgerlich
beschränkter geworden, als ihr lieb war, aber der Grund seiner ehrenhaft
festen Natur war doch geblieben, und sie hatten ein gutes und tüchtiges
Leben miteinander geführt, an dem nichts zu bereuen war. Nur hatte sie
gedacht, den Knaben unmerklich seine Wege gehen zu lassen und es so zu
leiten, daß er frei bleibe und seiner eingeborenen Art unbehindert
folgen könne. Und jetzt ging ihr vielleicht mit dem Vater auch das Kind
verloren.
Der Kranke konnte bis spät in die Nacht hinein schlafen. Dann erwachte
er mit Schmerzen, und gegen den Morgen hin war es deutlich zu sehen, daß
er abnahm und die letzten Kräfte rasch verlor. Doch gab es dazwischen
noch einen Augenblick, wo er ruhig und klar zu reden vermochte. Die
Nachtlampe brannte schwach und rot hinter der Bettstatt, vor den
Fenstern war es noch nächtig und im Hause alles still. Die Frau ruhte
angekleidet im niederen Liegesessel und war durch ihren leisen Schlummer
hindurch beständig gegenwärtig und aufmerksam. Dann begann er zu reden.
»Du,« sagte er. »Du hast doch gehört, daß er es mir versprochen hat?«
»Ja, freilich. Er hat es versprochen.«
»Dann kann ich darüber ganz ruhig sein?«
»Ja, das kannst du.«
»Das ist gut. -- Du, Kornelie, bist du mir böse?«
»Warum?«
»Wegen Walter.«
»Nein, du, gar nicht.«
»Wirklich?«
»Ganz gewiß. Und du mir auch nicht, nicht wahr?«
»Nein, nein. O du! Ich dank' dir auch.«
Sie war aufgestanden und hielt seine Hand. Die Schmerzen kamen und er
stöhnte leise, eine Stunde um die andere, bis er am Morgen erschöpft und
still mit halb offenen Augen lag.
Er starb erst zwanzig Stunden später.
* * * * *
Die schöne Frau trug nun schwarze Kleider und der Knabe ein schwarzes
Florband um den Arm. Sie blieben im Hause wohnen, der Laden aber wurde
verpachtet. Der Pächter hieß Herr Leipolt und war ein kleines,
geschmeidiges Männlein von einer etwas aufdringlichen Höflichkeit. Zu
Walters Vormund war ein gutmütiger Kamerad seines Vaters bestimmt, der
sich selten im Hause zeigte und vor der strengen und scharfblickenden
Witwe einige Angst hatte, die er unter unsicher vorgebrachten Witzen zu
verbergen bestrebt war. Übrigens galt er für einen vorzüglichen
Geschäftsmann. So war fürs erste alles nach Möglichkeit wohlbestellt,
und das Leben im Hause Kömpff ging ohne Störungen weiter, nur etwas
stiller als zu Lebzeiten des Herrn.
Nur mit den Mägden, mit denen schon zuvor eine ewige Not gewesen war,
haperte es wieder mehr als je, und die feine schöne Witwe mußte
zwischenhinein sogar einmal drei Wochen lang selber kochen und das Haus
besorgen. Zwar gab sie nicht weniger Lohn als andere Leute, sparte auch
am Essen der Dienstboten und an Geschenken zu Neujahr keineswegs,
dennoch hatte sie selten eine Magd lang im Hause. Denn während sie in
vielem fast zu freundlich war und namentlich nie ein grobes Wort hören
ließ, zeigte sie in manchen Kleinigkeiten eine kaum begreifliche
Strenge. Vor kurzem hatte sie ein fleißiges, anstelliges Mädchen, an der
sie sehr froh gewesen war, wegen einer winzigen Notlüge entlassen. Das
Mädchen bat und weinte, doch war alles umsonst. Der Frau Kömpff war die
allergeringste Ausrede oder Unoffenheit unerträglicher als zwanzig
zerbrochene Teller oder verbrannte Suppen.
Da fügte es sich, daß die Holderlies nach Gerbersau heimkehrte. Die war
längere Jahre auswärts in Diensten gewesen, brachte ein ansehnliches
Erspartes mit und war hauptsächlich gekommen, um sich nach einem
stattlichen Vorarbeiter aus der Deckenfabrik umzusehen, mit dem sie
vorzeiten ein ehrenhaftes Verhältnis gehabt und der seit langem nicht
mehr geschrieben hatte. Leider kam sie zu spät und fand den Ungetreuen
frisch verheiratet, was ihr so nahe ging, daß sie sogleich wieder
abreisen wollte. Da fiel sie durch Zufall der Frau Kömpff in die Hände,
ließ sich trösten und zum Dableiben überreden und ist von da an volle
dreißig Jahre im Hause geblieben.
Ihr Verhältnis zu Frau Kornelie war etwas Merkwürdiges. Einige Monate
war sie als fleißige und stille Magd in Stube und Küche tätig. Ihr
Gehorsam ließ nichts zu wünschen übrig, doch scheute sie sich auch
gelegentlich nicht, einen Rat unbefolgt zu lassen oder einen erhaltenen
Auftrag sanft zu tadeln. Da sie es in verständiger und gebührlicher
Weise und immer mit voller Offenheit tat, ließ die Frau sich darauf ein,
rechtfertigte sich und ließ sich belehren, und so kam es allmählich, daß
unter Wahrung der herrschaftlichen Autorität die Magd zu einer
Mitsorgerin und Mitarbeiterin herangedieh. Dabei blieb es jedoch nicht.
Sondern eines Abends, nach einer besonders lebhaften und versöhnlich
abgeschlossenen Aussprache über Küchenangelegenheiten, kam es wie von
selber, daß die Lies ihrer Herrin am Tisch bei der Lampe und
feierabendlichen Handarbeit ihre ganze sehr ehrbare, aber nicht sehr
fröhliche Vergangenheit erzählte, worauf Frau Kömpff eine solche Achtung
und Teilnahme für das ältliche Mädchen faßte, daß sie ihre
Offenherzigkeit erwiderte und ihr selber manche von ihren streng
behüteten Erinnerungen mitteilte. Und bald war es beiden zur Gewohnheit
geworden, miteinander über ihre Gedanken und Ansichten zu reden, und die
einsame Frau sprach schließlich mit der Holderlies ohne Scheu sogar über
manche Dinge, auf die einst zwischen ihr und ihrem Manne nie die Rede
gekommen war.
Dabei geschah es, daß unvermerkt vieles von der Denkart der Frau auf die
Magd überging. Namentlich in religiösen Dingen nahm sie viele Ansichten
von ihr an, nicht durch Bekehrung, sondern unbewußt, aus Gewohnheit und
Freundschaft. Frau Kömpff war zwar eine Pfarrerstochter, aber keine ganz
orthodoxe, wenigstens galt ihr die Bibel und ihr angeborenes Gefühl weit
mehr als die Norm der Kirche. Sie wäre möglicherweise längst eine
eifrige Pietistin geworden, wäre sie nicht so ungesellig und scheu
gewesen. Auch waren ihr Bibelauslegung und Gebet kein sehr starkes
Bedürfnis. Desto peinlicher achtete sie darauf, ihr tägliches Tun und
Leben stets im Einklang mit ihrer Ehrfurcht vor Gott und den ihr
gefühlsmäßig innewohnenden Gesetzen zu halten. Dabei sparte sie aber das
Grübeln und auch das Reden und entzog sich den natürlichen Ergebnissen
und Forderungen des Tages nicht, nur bewahrte sie sich ein stilles
Gebiet im Innern, wohin Begebnisse und Worte nicht reichen durften und
wo sie in sich selbst ausruhen oder in unsicheren Lagen Festigung und
Gleichgewicht suchen konnte.
Es konnte nicht ausbleiben, daß von den beiden Frauen und der Art ihres
Zusammenhausens auch der kleine Walter hier und dort beeinflußt wurde.
Doch nahm ihn fürs erste die Schule zu sehr in Anspruch, als daß er viel
für sonstige Gespräche und Belehrungen übrig gehabt hätte. Auch ließ ihn
die Mutter gern in Ruhe, und je sicherer sie seines innersten Wesens
war, desto unbefangener und froher beobachtete sie, wie viele
Eigenschaften und Eigentümlichkeiten des Vaters nach und nach in dem
Kinde zum Vorschein kamen. Namentlich in der äußeren Gestalt wurde er
ihm immer ähnlicher.
Aber wenn auch keine Mißstände zutage traten und niemand etwas
Besonderes an ihm fand, war der Knabe doch von ungewöhnlicher und
vielleicht allzu zwiespältiger Natur. So wenig die braunen Augen in sein
Kömpffsches Familiengesicht paßten, so unverschmelzbar schienen in
seinem Gemüt väterliches und mütterliches Erbteil nebeneinander zu
liegen, so daß es schien, er werde Mühe haben, es zu einem gefestigten
eignen Wesen zu bringen.
Einstweilen spürte selbst die Mutter nur selten etwas davon. Doch war
Walter nun schon in die späteren Knabenjahre getreten, in welchen
allerlei Gärungen und seltsame Rösselsprünge vorkommen und wo die jungen
Leute sich beständig zwischen empfindlicher Schamhaftigkeit und derberem
Wildtun possierlich hin und wieder bewegen. Da war es immerhin
gelegentlich auffallend, wie schnell oft seine Erregungen wechselten und
wie leicht seine Gemütsart umschlagen konnte. Ganz wie sein Vater fühlte
er nämlich das Bedürfnis, sich dem Durchschnitt und herrschenden Ton
anzupassen, war also ein guter Klassenkamerad und Mitschüler, dabei auch
von den Lehrern gern gesehen. Herzensfreunde hatte er nicht, stand aber
fast mit allen vertraulich. Und doch schienen daneben andre Bedürfnisse
in ihm mächtig zu sein. Wenigstens war es manchmal, als besänne er sich
auf sich selbst und lege eine Maske ab, wenn er sich von einem tobenden
Spiel beiseite schlich und sich entweder einsam in seine Dachbodenkammer
setzte oder mit ungewohnter, stummer Zärtlichkeit zur Mutter kam. Gab
sie ihm dann gütig nach und erwiderte sein Liebkosen, so war er
unknabenhaft gerührt und weinte sogar zuweilen. Auch hatte er einst an
einer kleinen Rachehandlung der Klasse gegen den Lehrer teilgenommen und
fühlte sich, nachdem er sich zuvor laut des Streiches gerühmt hatte,
nachher plötzlich so zerknirscht, daß er aus eignem Antrieb hinging und
um Verzeihung bat.
Das alles war erklärlich und sah recht harmlos aus. Es zeigte sich dabei
zwar eine gewisse Schwäche, aber auch das gute Herz Walters, und niemand
hatte Schaden davon. So verlief die Zeit bis zu seinem fünfzehnten Jahr
in Stille und Zufriedenheit für Mutter, Magd und Sohn. Auch Herr Leipolt
gab sich um Walter Mühe, suchte wenigstens seine Freundschaft durch
öfteres Überreichen von kleinen, für Knaben erfreulichen Ladenartikeln
zu erwerben. Dennoch und obwohl Walter die Sachen annahm, liebte er den
allzu höflichen Ladenmann gar nicht und wich ihm nach Kräften aus.
Am Ende des letzten Schuljahrs hatte die Mutter eine Unterredung mit dem
Söhnlein, wobei sie zu erkunden suchte, ob er auch wirklich entschlossen
und ohne Widerstreben damit einverstanden sei, nun Kaufmann zu werden.
Sie traute ihm eher Neigung zu weiteren Schul- und Studienjahren zu.
Aber der Jüngling hatte gar nichts einzuwenden und nahm es für recht und
selbstverständlich hin, daß er jetzt ein Ladenlehrling werde. So sehr
sie im Grunde darüber erfreut sein mußte und auch war, kam es ihr doch
fast wie eine Art von Enttäuschung vor. Doch überwog das Gefühl der
Beruhigung in ihr und sie sah Walters weiterer Zukunft ohne große Sorgen
entgegen. Zwar gab es noch einen ganz unerwarteten Widerstand und
ziemlich herben Streit, indem der Junge sich hartnäckig weigerte, seine
Lehrzeit im eignen Hause unter Herrn Leipolt abzudienen, was das
einfachste und für ihn auch weitaus das leichteste gewesen wäre und bei
Mutter und Vormund längst für selbstverständlich gegolten hatte. Doch
war das nur eine leichte Trübung. Die Mutter fühlte nicht ungern in
diesem festen Widerstand etwas von ihrer eignen Art, sie gab am Ende
nach und es wurde in einem andern Kaufhaus eine Lehrstelle für den
Knaben gefunden.
Walter begann seine neue Tätigkeit mit dem üblichen Stolz und Eifer,
wußte täglich viel davon zu erzählen und gewöhnte sich schon in der
ersten Zeit einige bei den Gerbersauer Geschäftsleuten übliche
Redensarten und Gesten an, die ihm vom Vater her im Blut lagen und zu
denen die Mutter freundlich lächelte. Allein dieser fröhliche Anfang
dauerte nicht sehr lange.
Schon nach kurzer Zeit wurde der Lehrling, der anfangs nur geringe
Handlangerdienste tun oder zusehen durfte, zum Bedienen und Verkaufen am
Ladentisch herangezogen, was ihn zunächst sehr froh und stolz machte,
bald aber in einen schweren Konflikt führte. Kaum hatte er nämlich ein
paarmal selbständig einige Kunden bedient, so deutete sein Lehrherr ihm
an, er möge vorsichtiger mit der Wage umgehen. Walter war sich keines
Versäumnisses bewußt und bat um eine genauere Anweisung.
»Ja, weißt du denn das nicht schon von deinem Vater her?« fragte der
Kaufmann.
»Was denn? Nein, ich weiß nichts,« sagte Walter verwundert.
Nun zeigte ihm der Prinzipal, wie man beim Zuwägen von Salz, Kaffee,
Zucker und dergleichen durch ein nachdrückliches letztes Zuschütten die
Wage scheinbar zugunsten des Käufers niederdrücken müsse, indessen
tatsächlich noch etwas am Gewicht fehle. Das sei schon deshalb
notwendig, da man zum Beispiel am Zucker ohnehin fast nichts verdiene.
Auch merke es ja niemand.
Walter war ganz bestürzt.
»Aber das ist ja unrecht,« sagte er schüchtern.
Der Kaufmann belehrte ihn eindringlich, aber er hörte kaum zu, so
überwältigend war ihm die Sache gekommen. Und plötzlich fiel ihm die
vorige Frage des Prinzipals wieder ein. Mit rotem Kopf unterbrach er
zornig dessen Rede und rief: »Und mein Vater hat das nie getan, ganz
gewiß nicht.«
Der Herr war unangenehm erstaunt, unterdrückte aber klüglich eine
heftige Zurechtweisung und sagte mit Achselzucken: »Das weiß ich besser,
du Naseweis. Es gibt keinen vernünftigen Laden, wo man das nicht tut.«
Der Junge war aber schon an der Tür und hörte nicht mehr auf den Mann,
der ihn scheltend und drohend zurückrief, sondern ging im hellen Zorn
und Schmerz nach Hause, wo er durch sein Erlebnis und seine Klagen die
Mutter in nicht geringe Bestürzung und Verlegenheit brachte. Sie wußte,
mit welcher gewissenhaften Ehrerbietung er seinen Lehrherrn betrachtet
hatte und wie sehr es seiner Art widerstrebte, Auffallendes zu tun und
Szenen zu machen. Aber sie verstand Walter diesmal sehr gut und freute
sich trotz aller augenblicklichen Sorge, daß sein empfindliches Gewissen
stärker als Gewohnheit und Rücksicht gewesen war. Sie suchte nun
zunächst selbst den Kaufmann auf und sprach beruhigend mit ihm, obwohl
es ihr sauer wurde; dann mußte der Vormund zu Rate gezogen werden, dem
nun wieder Walters Auflehnung und Entrüstung unbegreiflich war und der
durchaus nicht verstand, daß ihm die Mutter auch noch recht gebe. Auch
er ging zum Prinzipal und sprach mit ihm. Dann schlug er der Mutter vor,
den Jungen ein paar Tage in Ruhe zu lassen, was auch geschah. Doch war
dieser auch nach drei und nach vier und nach acht Tagen nicht zu
bewegen, wieder in jenen Laden zu gehen. Und wenn wirklich jeder
Kaufmann es nötig habe, zu betrügen, sagte er, so wolle er auch keiner
werden.
Nun hatte der Vormund in einem etwas weiter talaufwärts gelegenen
Städtchen einen Bekannten, der ein kleines Ladengeschäft betrieb und für
einen Frömmler und Stundenbruder galt, als welchen auch er ihn gering
geschätzt hatte. Diesem schrieb er in seiner Ratlosigkeit, und der Mann
antwortete in Bälde, er halte zwar sonst keinen Lehrling, sei aber
bereit, Walter einmal versuchsweise bei sich aufzunehmen. So ungern die
Mutter den Jungen jetzt schon von Hause weggab, konnte sie doch nichts
Ernstliches einwenden, und so wurde Walter nach Deltingen gebracht und
jenem Kaufmann übergeben.
Der hieß Leckle und wurde in der Stadt »der Schlotzer« geheißen, weil er
in nachdenklichen Augenblicken seine Gedanken und Entschlüsse aus dem
linken Daumen zu saugen pflegte. Davon abgesehen, war er zwar wirklich
sehr fromm und Mitglied einer kleinen Sekte, aber darum kein
schlechterer Kaufmann. Er machte sogar in seinem Lädchen vorzügliche
Geschäfte und stand trotz seinem stets schäbigen Äußeren im Geruch eines
sehr wohlhabenden Mannes. Er nahm Walter ganz zu sich ins Haus, und
dieser fuhr dabei nicht übel; denn war der Schlotzer etwas knapp und
krittlig, so war Frau Leckle eine sanfte Seele voll unnötigen Mitleids
und suchte, soweit es in der Stille geschehen konnte, den Lehrling durch
Trostworte und Tätscheln und gute Bissen nach Kräften zu verwöhnen.
Vielleicht hätte er das lieber abgewiesen, aber dazu war er zu jung,
auch machte ihn in der ersten Zeit das Heimweh schmiegsam und dankbar
für ihre Zärtlichkeiten.
Im Leckleschen Laden ging es zwar genau und sparsam zu, aber nicht auf
Kosten der Kunden, denen Zucker und Kaffee gut und vollwichtig zugewogen
wurden. Walter Kömpff begann daran zu glauben, daß man auch als Kaufmann
ehrlich sein und bleiben könne, und da es ihm an Geschick zu seinem
Beruf nicht fehlte, kam er rasch vorwärts und war selten einem Verweis
seines strengen Lehrpatrons ausgesetzt. Doch war die Kaufmannschaft
nicht das einzige, was er in Deltingen zu lernen bekam. Der Schlotzer
nahm ihn fleißig in die »Stunden« mit, die manchmal sogar in seinem
Hause stattfanden. Da saßen Bauern, Schneider, Bäcker, Schuster
beisammen, bald mit, bald ohne Weiber, und suchten den Hunger ihres
Geistes und ihrer Gemüter an Gebet, Laienpredigt und gemeinschaftlicher
Bibelauslegung zu stillen. Zu diesem Treiben steckt im
schwarzwälderischen Volk ein starker Zug, und es sind meistens die
besseren und höher angelegten Naturen, die sich ihm anschließen. Außer
gelegentlichen harmlosen Unfreundlichkeiten gegen Kirche und Pfarrer ist
dabei auch noch selten etwas Schlimmes herausgekommen, und das mit den
Fabriken um sich greifende moderne Übel der Verflachung und
Seelenlosigkeit hat am Pietismus einen kräftigen und ehrenwerten Feind.
Gerade in den Fabriken gibt es manche solche Fromme, die unter Spott und
Mißachtung fest bleiben und täglich zu Helden und Märtyrern werden,
wovor die aufgeklärten Großmäuler und Schwindelidealisten billig Respekt
haben dürften.
Daß es unter diesen wacker strebenden Hungrigen des Geistes nicht an
seltsamen und auch närrischen Brüdern fehlt, ist natürlich und schadet
der Sache nichts. Immerhin gewann der junge Walter an einigen solchen
Käuzen einen zweifelhaften Eindruck. Im ganzen war er, ob ihm auch das
Bibelerklären manchmal zu viel wurde, diesem Wesen von Natur nicht
abgeneigt und brachte es öfters zu wirklicher Andacht. Aber er war nicht
nur sehr jung, sondern auch ein Gerbersauer Kömpff; als ihm daher nach
und nach auch einiges Lächerliche an der Sache aufstieß und als er immer
öfter Gelegenheit hatte, andre junge Leute sich über sie lustig machen
zu hören, da wurde er mißtrauisch und hielt sich möglichst zurück. Wenn
es auffällig und gar lächerlich war, zu den Stundenbrüdern zu gehören,
so war das nichts für ihn, dem trotz allen widerstrebenden Regungen das
Verharren im Üblichen und bürgerlich Hergebrachten ein unbewußtes, aber
desto tieferes Bedürfnis war. Immerhin blieb von dem Stundenwesen und
vom Geist des Leckleschen Hauses genug an ihm hängen.
Er hatte sich schließlich sogar so eingewöhnt, daß er nach Abschluß
seiner Lehrzeit sich scheute, fortzugehen und trotz allen Mahnungen des
Vormundes noch zwei volle Jahre bei dem Schlotzer blieb. Viel trug es
auch zu seinem dortigen Wohlsein bei, daß er von Deltingen aus
mindestens einmal im Monat für einen Sonntag heimfahren und bei der
Mutter sein konnte.
Endlich nach zwei Jahren gelang es dem Vormund, ihn zu überzeugen, daß
er notwendig noch ein Stück Welt und Handelschaft kennen lernen müsse,
um später einmal sein eigenes Geschäft führen zu können. So ging denn
Walter am Ende in die Fremde, ungern und zweifelnd, nachdem er zuvor
seine Militärzeit abgedient hatte. Ohne diese rauhe Vorschule hätte er
es vermutlich nicht lange im fremden Leben draußen ausgehalten. Auch so
ging es ihm noch kunterbunt genug und fiel es ihm nicht leicht, sich
durchzubringen. An sogenannten guten Stellen fehlte es ihm freilich
nicht, da er überall mit guten Empfehlungen ankam. Aber innerlich hatte
er viel zu schlucken und zu flicken, um sich oben zu halten und nicht
davonzulaufen. Zwar mutete ihm niemand mehr zu, beim Wägen zu mogeln,
denn er war nun meist in den Kontors großer Geschäfte tätig, aber wenn
auch keine beweisbaren Unredlichkeiten geschahen, kam ihm doch der ganze
Umtrieb und Wettbewerb ums Geld oft unleidlich roh und grausam und
nüchtern vor, besonders da er nun keinen Umgang mehr mit Leuten von des
Schlotzers Art hatte und nicht wußte, wo er die unklaren Bedürfnisse
seiner Phantasie befriedigen sollte.
Trotzdem biß er sich durch, arbeitete treulich und lernte viel, und fand
sich allmählich mit müde gewordener Ergebung darein, daß es nun einmal
so sein müsse, daß auch sein Vater es nicht besser gehabt habe und daß
alles mit Gottes Willen geschehe. Die geheime, sich selber nicht
verstehende Sehnsucht nach der Freiheit eines klaren, in sich
begründeten und befriedigten Lebens starb allerdings niemals ganz in ihm
ab, nur wurde sie stiller und glich ganz jenem seinen, stetigen
Schmerze, mit dem jeder tiefer veranlagte Mensch am Ende der
Jünglingsjahre sich in die Ungenüge des Lebens findet und in dem die
reifende Manneswürde oft ihre tiefsten Wurzeln stecken hat.
Seltsam war es nun, daß es wieder die größte Mühe kostete, ihn nach
Gerbersau zurückzubringen. Anfänglich hatte ihn zwar in Köln, wo er
damals lebte, eine Verliebtheit festgehalten. Allein das Mädchen, um das
er sich Mühe gab, wollte nichts von ihm wissen und hätte wohl auch
schlecht zu ihm gepaßt. Sie verlobte sich mit einem Einheimischen, und
Kömpff hätte allen Grund gehabt, sich jetzt zur Mutter und in die Heimat
zu flüchten, da es um seine innere Festigkeit und Lebensfreude übel
bestellt war. Dennoch und obwohl er einsah, daß es sein Schade sei, das
heimische Geschäft länger als nötig in fremder Pacht zu lassen, wollte
er durchaus nicht heimkommen. Es war nämlich, je näher diese
Notwendigkeit ihm rückte, eine wachsende und zuletzt fast verzweifelte
Angst in ihn gefahren. Wenn er erst einmal im eignen Haus und Laden saß,
sagte er sich, dann gab es vollends kein Entrinnen mehr. Es graute ihm
davor, nun auf eigne Rechnung Geschäfte zu treiben, da er zu wissen
glaubte, daß das die Leute schlecht mache. Wohl kannte er manche große
und kleine Handelsleute, die durch Rechtlichkeit und edle Gesinnung
ihrem Stand Ehre machten und ihm verehrte Vorbilder waren; aber das
waren sämtlich kräftige, scharfe Persönlichkeiten, denen Achtung und
Erfolg von selbst entgegenzukommen schienen, und soweit kannte sich
Kömpff, daß er wußte, diese Kraft und Einheitlichkeit gehe ihm völlig
ab.
Fast ein Jahr lang zog er die Sache hin. Dann mußte er wohl oder übel
kommen, denn Leipolts schon einmal verlängerte Pachtzeit war nächstens
wieder abgelaufen, und dieser Termin konnte ohne erheblichen Verlust
nicht versäumt werden.
Er gehörte schon nicht mehr ganz zu den Jungen, als er gegen
Wintersanfang mit seinem Koffer in der Heimat anlangte und das Haus
seiner Väter in Besitz nahm. Äußerlich glich er nun fast ganz seinem
Vater, wie derselbe zur Zeit seiner Verheiratung ausgesehen hatte. In
Gerbersau wußte auch außer seiner Mutter niemand, wie es nun bei ihm
aussah, und so nahm man ihn überall mit der ihm zukommenden freundlichen
Achtung als den heimkehrenden Erben und Herrn eines respektabeln Hauses
und Vermögens auf, und Kömpff fand sich leichter, als er gedacht hatte,
in die Rolle eines wohlgeschätzten und ehrenwerten Jungbürgers. Die
Freunde seines Vaters gönnten ihm wohlwollende Grüße und hielten darauf,
daß er sich ihren Söhnen anschließe. Die ehemaligen Schulkameraden
schüttelten ihm die Hand, wünschten ihm Glück und führten ihn an die
Stammtische im Hirschen und im Anker ein. Überall fand er durch das
Vorbild und Gedächtnis seines Vaters nicht nur einen Platz offen,
sondern auch einen unausweichlichen Weg vorgezeichnet und wunderte sich
nur zuweilen, daß ihm ganz dieselbe Wertschätzung wie einst dem Vater
zufiel, während er fest überzeugt war, daß jener ein ganz andrer Kerl
gewesen sei und sich seiner vielleicht jetzt schämen würde.
Da Herrn Leipolts Pachtzeit schon in sechs Wochen abgelaufen war, hatte
Kömpff in dieser ersten Zeit vollauf zu tun, sich mit den Büchern und
dem Inventar bekannt zu machen, mit Leipolt abzurechnen und sich bei
Lieferanten und Kunden einzuführen. Er konnte nachrechnen, daß der
Pächter sich in all den Jahren ein kleines Vermögen erworben habe, das
er ihm aber gönnte denn er fand das Geschäft in guter Ordnung und
leidlicher Blüte. Er saß oft nachts noch über den Büchern und war im
stillen froh, gleich so viel Arbeit angetroffen zu haben, denn er vergaß
darüber zunächst die tiefersitzenden Sorgen und konnte sich, ohne daß es
auffiel, noch eine Zeitlang den Fragen der Mutter entziehen. Er fühlte
wohl, daß für ihn wie für sie ein gründliches Aussprechen notwendig sei,
und das schob er gern noch hinaus. Im übrigen begegnete er ihr mit einer
ehrlichen, etwas verlegenen Zärtlichkeit, denn es war ihm plötzlich
wieder klar geworden, daß sie doch der einzige Mensch in der Welt sei,
der zu ihm passe und ihn verstehe und in der rechten Weise liebhabe.
Als endlich alles im Gange und der Pächter abgezogen war, als Walter die
meisten Abende und auch den Tag über manche halbe Stunde bei der Mutter
saß, erzählte und sich erzählen ließ, da kam ganz ungesucht und
ungerufen auch die Stunde, in der Frau Kornelie sich das Herz ihres
Sohnes erschloß und wieder wie zu seinen Knabenzeiten seine etwas scheue
und unstete Seele offen vor sich sah. Mit wunderlichen Empfindungen fand
sie ihre alte Ahnung bestätigt: ihr Sohn war, allem Anschein zum Trotz,
im Herzen kein Kömpff und kein Kaufmann geworden, er stak nur, innerlich
ein Kind geblieben, in der aufgenötigten Rolle und ließ sich verwundert
treiben, ohne daß er lebendig mit dabei war. Er konnte rechnen,
buchführen, einkaufen und verkaufen wie ein andrer, aber es war eine
erlernte, unwesentliche Fertigkeit. Und nun hatte er die doppelte Angst,
entweder seine Rolle schlecht zu spielen und dem väterlichen Namen
Unehre zu machen, oder am Ende in ihr zu versinken und schlecht zu
werden und seine Seele ans Geld zu verlieren.
* * * * *
Es kam nun eine lange Reihe von stillen Jahren. Herr Kömpff merkte
allmählich, daß die ehrenvolle Aufnahme, die er in der Heimatstadt
gefunden hatte, zu einem Teil auch seinem ledigen Stande galt. Daß er
trotz vielen Verlockungen älter und älter wurde, ohne zu heiraten, war
-- wie er selbst mit schlechtem Gewissen fühlte -- ein entschiedener
Abfall von den hergebrachten Regeln der Stadt und des Hauses. Doch
vermochte er nichts dawider zu tun. Auch nachdem der Schmerz um jene
frühere Liebe still geworden und eingeschlafen war, ging es nicht
besser. Denn nun ergriff ihn mehr und mehr eine peinliche Scheu vor
allen wichtigen Entschlüssen. Er mußte fast lachen, wenn er bedachte,
daß er eigentlich nun heiraten sollte. Er hatte zu sorgen genug, wie
sollte er auch noch ein Familienherr und Vater werden mögen! Wie hätte
er seine Frau und gar die Kinder behandeln sollen, er, der sich selber
oft wie ein Knabe vorkam mit seiner Herzensunruhe und seinem mangelnden
Zutrauen zu sich selber? Manchmal, wenn er am Stammtisch in der
Honoratiorenstube seine Altersgenossen sah, wie sie auftraten und sich
selber und einer den andern ernst nahmen, wollte es ihn wundern, ob
diese wirklich alle in ihrem Innern sich so sicher und männlich
gefestigt vorkamen, wie es den Anschein hatte. Und wenn das war, warum
nahmen sie ihn dann ernst und warum merkten sie nicht, daß es mit ihm
ganz anders stand?
Solche Fragen kamen ihm zuweilen. Aber es dachte kein Mensch daran, ihn
etwa nicht für voll zu nehmen und seinem bürgerlich biederen Aussehen
und Auftreten irgend zu mißtrauen. Und doch war er in vielem geradezu
ein Kind. Obwohl vielleicht in sechs, acht Jahren man ihn gewiß in den
Gemeinderat wählen würde, schien ihm das doch unmöglich und lächerlich
und kam ihm diese Ehre immer ebenso seltsam, großartig und entlegen vor
wie damals, als er noch in die Schule ging und mit Ehrerbietung und
Erstaunen davon reden hörte, sein Vater käme vielleicht das nächste Jahr
in den Gemeinderat -- lieber Gott! Sie hätten ihn ebensogut zum Papst
machen können. Es schien ihm, als spielten alle Leute Komödie.
So hätte er das seltsame Schauspiel eines geachteten, wohlhabenden
Bürgers gewährt, dem auf der Welt nichts mangelt als die Hauptsache,
nämlich das Zutrauen zu sich selber. Doch sah das niemand, kein Kunde im
Laden und kein Kollege und Kamerad auf dem Markt oder beim Schoppen,
außer der Mutter. Diese mußte ihn freilich genau kennen, denn bei ihr
saß das große Kind immer wieder, klagend, Rat haltend und fragend, und
sie beruhigte ihn und beherrschte ihn, ohne es zu wollen. Die Holderlies
aber nahm bescheiden daran teil. Die drei merkwürdigen Leute, wenn sie
abends beisammen waren, sprachen ungewöhnliche Dinge miteinander. Sein
immerfort unruhiges Gewissen trieb den Kaufmann auf neue und wieder neue
Fragen und Gedanken, über die man zu Rate saß und aus der Erfahrung und
aus der Bibel Aufschlüsse suchte und Anmerkungen machte. Der Mittelpunkt
aller Fragen war der Übelstand, daß Herr Kömpff nicht glücklich war und
es gern gewesen wäre.
Ja, wenn er eben geheiratet hätte, meinte die Lies seufzend. O nein,
bewies aber der Herr, wenn er geheiratet hätte, wäre es eher noch
schlimmer; er wußte viele Gründe dafür. Aber wenn er etwa studiert
hätte, oder er wäre Schreiber oder ein Handwerker geworden. Da wäre es
so und so gegangen. Und der Herr bewies, daß er dann wahrscheinlich erst
recht im Pech wäre. Man probierte es mit dem Schreiner, Schullehrer,
Pfarrer, Arzt, aber es kam auch nichts dabei heraus.
»Und wenn es auch vielleicht ganz gut gewesen wäre,« schloß er traurig,
»es ist ja doch alles anders und ich bin Kaufmann wie der Vater.«
Zuweilen erzählte Frau Kornelie vom Vater. Davon hörte er immer gern.
>Ja, wenn ich ein Mann wäre, wie der einer gewesen ist!< dachte er dabei
und sagte es auch bisweilen. Darauf lasen sie ein Bibelkapitel oder auch
irgend eine Geschichte, die man aus der Bürgervereinsbibliothek da
hatte. Und die Mutter zog Schlüsse aus dem Gelesenen und sagte: »Man
sieht, die wenigsten Leute treffen es im Leben gerade so, wie es gut für
sie wäre. Es muß jeder genug durchmachen und leiden, auch wenn man's ihm
nicht ansieht. Der liebe Gott wird es schon wissen, zu was es gut ist,
und einstweilen muß man es eben auf sich nehmen und Geduld haben.«
Dazwischen trieb Walter Kömpff seinen Handel, rechnete und schrieb
Briefe, erschien als ruhiger Gast an den regelmäßigen Wochenabenden,
machte da und dort einen Besuch und ging in die Kirche, alles pünktlich
und ordentlich, wie es das Herkommen erforderte. Im Lauf der Jahre
schläferte ihn das auch ein wenig ein, doch niemals ganz; in seinem
Gesicht stand immer etwas, das einem verwunderten und bekümmerten
Sichbesinnen ähnlich sah.
Seiner Mutter war anfangs dies Wesen ein wenig beängstigend. Sie hatte
gedacht, er würde vielleicht noch weniger zufrieden, aber mannhafter und
entschiedener werden. Dafür rührte sie wieder die gläubige Zuversicht,
mit der er an ihr hing und nicht müde wurde, alles mit ihr zu teilen und
gemeinsam zu haben. Und wie die Zeiten dahinliefen und alles im Gleichen
blieb, gewöhnte sie sich völlig daran und fand nicht viel Besonderes und
Beunruhigendes mehr an seinem bekümmerten und ziellosen Wesen.
* * * * *
So stand es und so blieb es. Walter Kömpff war nun nahe an vierzig und
hatte nicht geheiratet und sich wenig verändert. In der Stadt ließ man
sein etwas zurückgezogenes Leben als eine Junggesellenschrulle hingehen
und wußte glücklicherweise nicht, wie eigentümlich es in der großen
Vorderstube seines Hauses an den stillen Abenden aussah, an denen er mit
den beiden alten Frauen seine ernsten Beratungen hielt und auf die
Mutter hörte wie ein Zehnjähriger. Daß in dies resignierte Leben noch
eine Änderung kommen könnte, hatte er nie gedacht.
Sie kam aber plötzlich, indem Frau Kornelie, deren langsames Altern man
kaum bemerkt hatte, auf einem kurzen Krankenlager vollends ganz weiß
wurde, sich wieder aufraffte und wieder erkrankte, um nun schnell und
still zu sterben. Am Totenbette, von dem der Herr Stadtpfarrer eben
weggegangen war, standen der Sohn und die alte Magd.
»Lies, geh hinaus,« sagte Herr Kömpff.
»Ach, aber lieber Herr --!«
»Geh hinaus, sei so gut!«
Sie ging hinaus und saß ratlos in der Küche. Nach einer Stunde klopfte
sie, bekam keine Antwort und ging wieder. Und wieder kam sie nach einer
Stunde und klopfte vergebens. Sie klopfte noch einmal.
»Herr Kömpff! O Herr!«
»Sei still, Lies!« rief es von drinnen.
»Und mit dem Nachtessen?«
»Sei still, Lies. Iß du nur!«
»Und Sie nicht?«
»Ich nicht. Laß jetzt gut sein! Gute Nacht!«
»Ja, darf ich denn gar nimmer hinein?«
»Morgen dann, Lies.«
Sie mußte davon abstehen. Aber nach einer schlaflosen Kummernacht stand
sie morgens schon um fünf Uhr wieder da.
»Herr Kömpff!«
»Ja, was ist?«
»Soll ich gleich Kaffee machen?«
»Wie du meinst.«
»Und dann, darf ich dann hinein?«
»Ja, Lies.«
Sie kochte ihr Wasser und nahm die zwei Löffel gemahlenen Kaffee und
Zichorie, ließ das Wasser durchlaufen, trug Tassen auf und schenkte ein.
Dann kam sie wieder.
Er schloß auf und ließ sie hereinkommen. Sie kniete ans Bett und sah die
Tote an und rückte ihr die Tücher zurecht. Dann stand sie auf und sah
nach dem Herrn und besann sich, wie sie ihn anreden solle. Aber wie sie
ihn ansah, kannte sie ihn kaum wieder. Er war blaß und hatte ein
schmales Gesicht und machte große merkwürdige Augen, als wollte er einen
durch und durch schauen, was sonst gar nicht in seiner Art war.
»Sie sind gewiß nicht wohl, Herr --«
»Ich bin ganz wohl. Wir können ja jetzt Kaffee trinken.«
Das taten sie, ohne daß ein Wort gesprochen wurde. Aber der Lies schien
es durchaus nötig, daß das große Unglück auch beredet werde, schon weil
es ihr mißfiel und gefährlich vorkam, daß ihr Herr seinen ganzen Schmerz
und Schrecken in sich verschloß. Also fing sie nach einigem Warten
wieder an:
»Unsere liebe, arme Frau! Ja, Herr Kömpff, das ist ein schwerer Schlag
für uns.«
Sie sagte erst seit gestern »Herr Kömpff« zu ihm, bisher hatte er für
sie »Herr Walter« geheißen.
Er gab keine Antwort.
»Lieber Gott,« fing sie nochmals an, »und so schnell ist es gegangen,
kein Mensch hat daran gedacht. Es ist ja gut für sie. Wenn sie auch noch
lang hätte leiden müssen! Aber für uns ist es doch schrecklich traurig.«
»Ja, Lies.«
»Nicht wahr? Und sie war auch noch gar nicht so besonders alt. Du liebe
Zeit, vierundsechzig! Das ist doch noch lang kein hohes Alter, Herr
Kömpff.«
Er blickte sie mit seinen großen, veränderten Augen an.
»Jesus, was fehlt Ihnen?« rief sie bestürzt.
»Nichts, Lies. Aber du gehst jetzt hinaus und läßt mich in Ruhe.«
Den ganzen Tag, während die Leichenfrau da war und die Tote besorgte,
saß er allein in der Stube. Es kamen ein paar Trauerbesuche, die er sehr
ruhig empfing und sehr bald und kühl wieder verabschiedete, ohne daß er
jemand die Tote sehen ließ. Nachts wollte er wieder bei ihr wachen,
schlief aber auf dem Stuhle ein und wachte erst gegen Morgen auf. Erst
jetzt fiel es ihm ein, daß er sich schwarz anziehen müsse. Er holte
selber den Gehrock aus dem Kasten. Abends war die Beerdigung, wobei er
nicht weinte und sich sehr ruhig benahm. Desto aufgeregter war die
Holderlies, die in ihrem weiten Staatskleid und mit rotgeweintem Gesicht
den Zug der Weiber anführte. Über das nasse Sacktuch weg äugte sie
fortwährend, vor Tränen blinzelnd, nach ihrem Herrlein hinüber, um das
sie Angst hatte. Sie fühlte gut, daß dieses kalte und ruhige Gebaren
nicht aus seinem inneren Wesen kam und daß die trotzige Verschlossenheit
und Einsiedlerei ihn verzehren müsse.
Doch gab sie sich vergebens Mühe, ihn seiner Erstarrung zu entreißen. Er
saß daheim am Fenster oder lief ruhelos durch die Zimmer. An der
Ladentür verkündete ein Zettel, daß das Geschäft für drei Tage
geschlossen sei. Es blieb aber auch am vierten und fünften Tag zu, bis
einige Bekannte ihn dringend mahnten.
Kömpff stand nun wieder hinter dem Ladentisch, wog, rechnete und nahm
Geld ein, aber er tat es, ohne dabei zu sein. An den Abenden der
Bürgergesellschaft und der Hirschengäste erschien er nicht mehr und man
ließ ihn gewähren, da er ja in Trauer war. In seiner Seele war es leer
und still. In der ersten Verzweiflung nach dem Tod der Mutter hatte es
ihn stark gelüstet, sich in einer dunkeln Bodenkammer aufzuhängen. Denn
wie sollte er nun leben? Eine tödliche Ratlosigkeit hielt ihn wie ein
Krampf bestrickt, er konnte nicht stehen noch fallen, sondern fühlte
sich ohne Boden im Leeren schweben. Daß er die Kammer mied und den
Strick unberührt ließ, geschah ohne Überlegung aus einer verborgen
fortwirkenden Gewissenhaftigkeit, über die er nicht Herr war.
Nach einiger Zeit begann es ihn unruhig zu treiben; er fühlte, daß
irgend etwas geschehen müsse, nicht von außen her, sondern aus ihm
selbst heraus, um ihn zu befreien. Damals fingen nun auch die Leute an,
etwas zu merken, und die Zeit begann, in der Walter Kömpff zum
bekanntesten und meistbesprochenen Mann in Gerbersau wurde.
* * * * *
Wie es scheint, hatte der sonderbare Kaufmann in diesen Zeiten, da er
sein Leben erobern wollte und sein Schicksal der Reife nahe fühlte, ein
starkes Bedürfnis nach Einsamkeit und ein Mißtrauen gegen sich selbst,
das ihm gebot, sich von gewohnten Einflüssen zu befreien und sich
gewissermaßen eine eigne, abschließende Atmosphäre zu schaffen.
Wenigstens fing er nun an, die beiden Wirtshausabende zu meiden;
anfänglich entschuldigte er sich noch bei seinen Herren Freunden, dann
hörte auch dieses auf, und man begann ihn für einen unfeinen Bruder zu
halten. Schlimmer war, daß er um dieselbe Zeit die treue Holderlies zu
entfernen suchte.
»Vielleicht kann ich dann die selige Mutter eher vergessen,« sagte er
und bot der Lies ein beträchtliches Geschenk an, daß sie in Frieden
abgehe. Die alte Dienerin lachte jedoch nur und erklärte, sie gehöre nun
einmal ins Haus und werde auch bleiben. Sie wußte gut, daß ihm nicht
daran gelegen war, seine Mutter zu vergessen, daß er vielmehr ihrem
Andenken stündlich nachhing und keinen geringsten Gegenstand vermissen
mochte, der ihn an sie erinnerte. Und vielleicht verstand die Holderlies
ihres Herrn Gemütszustände ahnungsweise schon damals; jedenfalls verließ
sie ihn nicht, sondern sorgte mütterlich für sein verwaistes Hauswesen
und half ihm auch das Gedächtnis der Hingegangenen redlich pflegen.
Es muß nicht leicht für sie gewesen sein, in jenen Tagen bei dem
Sonderling auszuharren. Walter Kömpff begann damals zu fühlen, daß er zu
lange das Kind seiner Mutter geblieben war. Stürme, die ihn nun
bedrängten, waren schon jahrelang in ihm gewesen, und er hatte sie
dankbar von der Mutterhand beschwören und besänftigen lassen. Jetzt
schien ihm aber, es wäre besser gewesen, beizeiten zu scheitern und neu
zu beginnen, statt erst jetzt, da er nicht mehr bei Jugendkräften und
durch jahrelange Gewohnheit hundertfach gefesselt und gelähmt war. Seine
Seele verlangte so leidenschaftlich wie jemals nach Freiheit und
Gleichgewicht, aber sein Kopf war der eines Kaufmanns und sein ganzes
Leben lief eine feste, glatte Bahn abwärts und er wußte keinen Weg, aus
diesem sicheren Gleiten sich auf neue, bergan führende Pfade zu retten.
Und während er mit zärtlicher Trauer jede Erinnerung an die gestorbene
Mutter wach erhielt und innig am Herzen hegte, schämte er sich dieser
Treue und hielt sich täglich vor, wie notwendig es ihm sei, von heute an
ein eignes Leben zu führen und keine Stimme mehr zu lieben und zu hören
als das Schreien seines vereinsamten Herzens nach Rast und Erlösung.
In seiner Not besuchte er mehrmals die abendlichen Versammlungen der
Pietisten. Eine Ahnung des Trostes und der Erbauung wachte dort zwar in
ihm auf, doch mißtraute er heimlich der inneren Wahrhaftigkeit dieser
Männer, die oft ganze Abende mit unendlich kleinlichen Versuchen einer
untheologischen Bibelauslegung verbrachten, viel verbissenen
Autodidaktenstolz an den Tag legten und selten recht einig untereinander
waren. Es mußte eine Quelle des Vertrauens und der Gottesfreude geben,
eine Möglichkeit der Heimkehr zur Kindeseinfalt und in Gottes Arme; aber
hier, meinte er, war sie nicht. Die Redner und Gäste dieser
Versammlungen waren alle ehrenwerte, redliche Menschen, aber sie hatten
doch alle, schien ihm, irgend einmal einen Kompromiß geschlossen und
hielten in ihrem Leben eine irgend einmal angenommene Grenze zwischen
Geistlichem und Weltlichem inne. Eben das hatte Kömpff selber sein Leben
lang getan, und eben das hatte ihn müde und traurig gemacht und ohne
Trost gelassen.
Das Leben, das er sich dachte, müßte in allen kleinsten Regungen Gott
hingegeben und von herzlichem Vertrauen erleuchtet sein. Er wollte keine
noch so geringe Tätigkeit mehr verrichten, ohne dabei mit sich und mit
Gott einig zu sein. Und er wußte genau, daß dies süße und heilige Gefühl
ihm bei Rechnungsbuch und Ladenkasse niemals zuteil werden könne. In
seinem Sonntagsblättlein las er zuweilen von großen Laienpredigern und
gewaltigen Erweckungen in Amerika, in Schweden oder Schottland, von
Versammlungen, in denen Dutzende und Hunderte, vom Blitz der Erkenntnis
getroffen, sich gelobten, fortan ein neues Leben im Geist und in der
Wahrheit zu führen. Bei solchen Berichten, die er mit Sehnsucht
verschlang, hatte Kömpff ein Gefühl, als steige Gott selber zuzeiten auf
die Erde herab und wandle unter den Menschen, da oder dort, in manchen
Ländern, aber niemals hier, aber niemals in seiner Nähe.
Die Holderlies erzählte, er habe damals jämmerlich ausgesehen. Sein
gutes, ein wenig kindliches Gesicht wurde mager und scharf, die Falten
tiefer und härter. Auch ließ er, der bisher das Gesicht glatt getragen
hatte, jetzt den Bart ohne Pflege stehen, einen dünnen, farblos blonden
Bart, um den ihn die Buben auslachten. Nicht weniger vernachlässigte er
seine Kleidung, und ohne die zähe Fürsorge der bekümmerten Magd wäre er
schnell vollends zum Kindergespött geworden. Den ölfleckigen alten
Ladenrock trug er meistens auch bei Tisch und auch abends, wenn er auf
seine langen Spaziergänge ausging, von denen er oft erst gegen
Mitternacht heimkam.
Nur den Laden ließ er nicht verkommen. Das war das letzte, was ihn mit
der früheren Zeit und mit dem Althergebrachten verband, und er führte
seine Bücher peinlich weiter, stand selber den ganzen Tag im Geschäft
und bediente. Freude hatte er nicht daran, obwohl die Geschäfte
erfreulich gingen. Aber er mußte eine Arbeit haben, er mußte sein
Gewissen und seine Kraft an eine feste, immerwährende Pflicht binden,
sonst hätte ihn das planlose Suchen und Sehnsuchtleiden verzehrt. Auch
wußte er genau, daß mit dem Aufgeben seiner gewohnten Tätigkeit ihm die
letzte Stütze entgleiten und er rettungslos den Mächten verfallen würde,
die er nicht weniger fürchtete als verehrte.
* * * * *
In kleinen Städtlein gibt es immer irgendeinen armen, entgleisten
Bettler und Tunichtgut, einen alten Säufer oder entlassenen
Zuchthäusler, der jedermann zum Spott und Ärgernis dient und als Entgelt
für die spärliche Wohltätigkeit der Stadt den Kinderschreck und
verachteten Auswürfling abgeben muß. Als solcher diente zu jenen Zeiten
ein Alois Beckeler, genannt Göckeler, ein schnurriger, alter Taugenichts
und weltkundiger Herumtreiber, der nach langen Landstreicherjahren hier
hängen geblieben war. Sobald er etwas zu beißen und zu trinken
hatte, tat er großartig und gab in den Kneipen eine drollige
Faulpelzphilosophie zum besten, nannte sich Fürst von Ohnegeld und
Erbprinz von Schlaraffia, bemitleidete jedermann, der von seiner Hände
Arbeit lebte, und fand immer ein paar Zuhörer, die ihn halb heimlich
bewunderten, halb verachtend protegierten und ihm manchen Schoppen
zahlten.
Eines Abends, als Herr Walter Kömpff einen seiner langen, einsamen und
hoffnungslosen Spaziergänge unternahm, stieß er auf diesen Göckeler,
welcher der Quere nach in der Straße lag und einen kleinen
Nachmittagsrausch soeben ausgeschlafen hatte.
Kömpff erschrak zuerst, als er unvermutet den Daliegenden zu Gesicht
bekam, auf den er im Halbdunkel beinahe getreten wäre. Doch erkannte er
rasch den Vagabunden und rief ihn vorwurfsvoll an:
»He, Beckeler, was machet Ihr da?«
Der Alte richtete sich halb auf, blinzelte vergnügt und meinte: »Ja, und
Ihr, Kömpff, was machet denn Ihr da, he?«
Dem so Angeredeten wollte es mißfallen, daß der Lump ihn weder mit Herr
noch mit Sie titulierte.
»Könnet Ihr nicht höflicher sein, Beckeler?« fragte er gekränkt.
»Nein, Kömpff,« grinste der Alte, »das kann ich nicht, so leid mir's
tut.«
»Und warum denn nicht?«
»Weil mir niemand was dafür gibt, und umsonst ist der Tod. Hat mir
vielleicht der hochgeehrte Herr von Kömpff irgend einmal was geschenkt
oder zugewendet? O nein, der reiche Herr von Kömpff hat das noch nie
getan, der ist viel zu fein und zu stolz, als daß er ein Aug' auf einen
armen Teufel könnte haben. Ist's so oder ist's nicht so?«
»Ihr wisset gut, warum. Was fanget Ihr an mit einem Almosen? Vertrinken,
weiter nichts, und zum Vertrinken hab' ich kein Geld und geb' auch
keins.«
»So, so. Na, denn gute Nacht und angenehme Ruhe, Bruderherz.«
»Wieso Bruderherz?«
»Sind nicht alle Menschen Brüder, Kömpff? He? Ist vielleicht der Heiland
für dich gestorben und für mich nicht?«
»Redet nicht so, mit diesen Sachen treibt man keinen Spaß.«
»Hab' ich Spaß getrieben?«
Kömpff besann sich. Die Worte des Lumpen trafen mit seinen grüblerischen
Gedanken zusammen und regten ihn wunderlich auf.
»Gut denn,« sagte er freundlich, »stehet einmal auf. Ich will Euch gern
etwas geben.«
»Ei, schau!«
»Ja, aber Ihr müsset mir versprechen, daß Ihr's nicht vertrinket. Ja?«
Beckeler zuckte die Achseln. Er war heute in seiner freimütigen Laune.
»Versprechen kann ich's schon, aber Halten steht auf einem andern Blatt.
Geld, wenn ich's nicht verbrauchen darf, wie ich will, ist so gut wie
kein Geld.«
»Es ist zu Eurem Besten, was ich sage, Ihr dürft mir glauben!«
Der Trinker lachte.
»Ich bin jetzt vierundsechzig Jahre alt. Glaubt Ihr wirklich, daß Ihr
besser wißt, was mir gut ist, als ich selber? Glaubt Ihr?«
Mit dem schon hervorgezogenen Geldbeutel in der Hand stand Kömpff
verlegen da. Er war im Reden und Antwortenkönnen nie stark gewesen und
fühlte sich diesem vogelfreien Menschen gegenüber, der ihn Bruderherz
nannte und sein Wohlwollen verschmähte, hilflos und unterlegen. Schnell
und fast ängstlich nahm er einen Taler heraus und streckte ihn dem
Beckeler hin.
»Nehmet also ...«
Erstaunt nahm Alois Beckeler das große Geldstück hin, hielt es vors Auge
und schüttelte den struppigen Kopf. Dann begann er, sich demütig,
umständlich und beredt zu bedanken. Kömpff war über die Höflichkeit und
Selbsterniedrigung, zu der ein Stück Geld den Philosophen vermocht
hatte, beschämt und traurig und lief schnell davon.
Dennoch empfand er eine heimliche Erleichterung und kam sich vor, als
hätte er eine Tat vollbracht. Daß er dem Beckeler einen Taler zum
Vertrinken geschenkt hatte, war für ihn eine abenteuerliche Extravaganz,
mindestens so kühn und unerhört, als wenn er selber das Geld verlüdert
hätte. Er kehrte an diesem Abend so zeitig und zufrieden heim wie seit
Wochen nicht mehr.
Für den Göckeler brach jetzt eine gesegnete Zeit an. Alle paar Tage gab
ihm Walter Kömpff ein Stück Geld, bald eine Mark, bald einen Fünfziger,
so daß das Wohlleben kein Ende nahm. Einmal, als er am Kömpffschen Laden
vorüberkam, rief ihn der Herr herein und schenkte ihm ein Dutzend gute
Zigarren. Die Holderlies war zufällig dabei und trat dazwischen.
»Aber Sie werden doch dem Lump nicht von den teuren Zigarren geben!«
»Sei ruhig,« sagte der Herr, »warum soll er's nicht auch einmal gut
haben?«
Und der alte Taugenichts blieb nicht der einzige Beschenkte. Den
einsamen Grübler befiel eine zunehmende Lust am Weggeben und
Freudemachen. Armen Weibern gab er im Laden das doppelte Gewicht oder
nahm kein Geld von ihnen, den Fuhrleuten gab er am Markttag überreiche
Trinkgelder und den Bauernfrauen legte er gern bei ihren Einkäufen ein
Extrapäckchen Zichorie oder eine gute Handvoll Korinthen in den Korb.
Das konnte nicht lange dauern, ohne aufzufallen. Zuerst bemerkte es die
Holderlies, und sie machte dem Herrn schwere, unablässige Vorwürfe, die
zwar erfolglos blieben, ihn aber nicht wenig beschämten und quälten, so
daß er allmählich seine Verschwendungslust vor ihr verstecken lernte.
Darüber wurde die treue Seele mißtrauisch und begann sich aufs
Spionieren zu legen, und das alles brachte in Bälde den Hausfrieden
bedenklich ins Wanken.
Nächst der Lies und dem Göckeler waren es die Kinder, denen des
Kaufmanns sonderbare Freigebigkeit auffiel. Sie kamen immer öfter mit
einem Pfennig daher, verlangten Zucker, Süßholz oder Johannisbrot und
bekamen davon soviel sie wollten. Und wenn die Lies aus Scham und der
Beckeler aus Klugheit schwiegen, die Kinder taten es nicht, sondern
verbreiteten die Kunde von Kömpffs großartiger Laune bald in der ganzen
Stadt.
Merkwürdig war es, daß er selber wider diese Freigebigkeit kämpfte und
sich vor ihr fürchtete. Nachdem er tagsüber Pfunde verschenkt und
verschwendet hatte, befiel ihn abends beim Geldzählen und beim
Buchführen Entsetzen über diese liederliche, unkaufmännische Wirtschaft.
Angstvoll rechnete er nach und versuchte seinen Schaden zu berechnen,
sparte beim Bestellen und Einkaufen, forschte nach wohlfeilen Quellen,
und alles nur, um andern Tages von neuem zu geuden und seine Freude am
Geben zu haben. Die Kinder jagte er bald scheltend fort, bald belud er
sie mit guten Sachen. Nur sich selber gönnte er nichts, er sparte am
Haushalte und an der Kleidung, gewöhnte sich den Nachmittagskaffee ab
und ließ das Weinfäßchen im Keller, als es leer war, nimmer füllen.
Die mißlichen Folgen ließen nicht lange auf sich warten. Kaufleute
beschwerten sich mündlich und in groben Briefen bei ihm, daß er ihnen
mit seinem sinnlosen Dreingeben und Schenken die Kunden weglocke. Manche
solide Bürger und auch schon mehrere seiner Kunden vom Lande, die an
seinem veränderten Wesen Anstoß nahmen, mieden seinen Laden und
begegneten ihm, wo sie ihm nicht ausweichen konnten, mit unverhohlenem
Mißtrauen. Auch stellten ihn die Eltern einiger Kinder, denen er
Leckereien und Feuerwerk gegeben hatte, ärgerlich zur Rede. Sein Ansehen
unter den Honoratioren, mit dem es schon einige Zeit her nicht glänzend
mehr ausgesehen hatte, schwand dahin und ward ihm durch eine
zweifelhafte Beliebtheit bei den Geringen und Armen doch nicht ersetzt.
Ohne diese Veränderungen im einzelnen allzu schwer zu nehmen, hatte
Kömpff doch das Gefühl eines unaufhaltsamen Gleitens ins Ungewisse. Es
kam immer häufiger vor, daß er von Bekannten mit spöttischer oder
mitleidiger Gebärde begrüßt wurde, daß auf der Straße hinter ihm
gesprochen und gelacht ward, daß Spaßvögel ihm mit umständlicher
Herzlichkeit die Hand drückten und ernste Leute ihm mit Unbehagen
auswichen. Die paar alten Herren, die zur Freundschaft seines Vaters
gehört hatten und einigemal mit Vorwürfen, Rat und Zuspruch zu ihm
gekommen waren, blieben bald aus und wandten sich ärgerlich von ihm ab.
Und immer mehr verbreitete sich in der Stadt die Ansicht, Walter Kömpff
sei im Kopf nimmer recht und gehöre bald ins Narrenhaus.
* * * * *
Mit der Kaufmannschaft war es jetzt zu Ende, das sah der gequälte Mann
selber am besten ein. Aber ehe er die Bude endgültig zumachte, beging er
noch eine Tat unkluger Großmut, die ihm viele Feinde machte.
Eines Montags verkündigte er durch eine Anzeige im Wochenblatt, von
heute an gebe er jede Ware zu dem Preis, den sie ihn selber koste.
Einen Tag lang war sein Laden voll wie noch nie. Die feinen Leute
blieben aus, sonst aber kam jedermann, um von dem offenbar
übergeschnappten Händler seinen Vorteil zu ziehen. Die Wage kam den
ganzen Tag nicht zum Stillstehen und das Ladenglöcklein schellte sich
heiser. Körbe und Säcke voll spottbillig erworbener Sachen wurden
fortgetragen. Die Holderlies war außer sich. Da ihr Herr nicht auf sie
hörte und sie aus dem Laden verwies, stellte sie sich in der Haustür auf
und sagte jedem Käufer, der aus dem Laden kam, ihre Meinung. Es gab
einen Skandal über den andern, aber die verbitterte Alte hielt aus und
suchte jedem, der nicht ganz dickfellig war, seinen wohlfeilen Einkauf
ordentlich zu versalzen.
»Willst nicht auch noch zwei Pfennig geschenkt haben?« fragte sie den
einen, und zum andern sagte sie: »Das ist nett, daß Ihr wenigstens den
Ladentisch habt stehen lassen.«
Aber zwei Stunden vor Feierabend erschien der Bürgermeister in
Begleitung des Amtsdieners und befahl, daß der Laden geschlossen werde.
Kömpff weigerte sich nicht und machte sogleich die Fensterläden zu. Tags
darauf mußte er aufs Rathaus und wurde nur auf seine schriftliche
Erklärung, daß er sein Geschäft aufzugeben entschlossen sei, mit
Kopfschütteln wieder laufen gelassen.
Den Laden war er nun los. Er ließ seine Firma aus dem Handelsregister
streichen, da er sein Geschäft weder verpachten noch verkaufen wollte.
Die noch vorhandenen Vorräte, soweit sie dazu paßten, verschenkte er
wahllos an arme Leute. Die Lies wehrte sich um jedes Stück und brachte
Kaffeesäcke und Zuckerhüte und alles, wofür sie irgend Raum fand, für
den Haushalt beiseite.
Ein entfernter Verwandter stellte den Antrag, Walter Kömpff zu
entmündigen, doch sah man nach längeren Verhandlungen davon ab, teils
weil nahverwandte, namentlich minderjährige Erbberechtigte nicht
vorhanden waren, teils weil Kömpff nach der Aufgabe seines Geschäfts
unschädlich und der Bevogtung nicht bedürftig erschien.
Es sah aus, als kümmere sich keine Seele um den entgleisten Mann. Zwar
redete man in der ganzen Gegend von ihm, meistens mit Hohn und
Mißfallen, manchmal auch mit Bedauern; in sein Haus aber kam niemand,
etwa nach ihm zu sehen, einen Rat zu geben, oder ein wenig Gesellschaft
zu leisten. Es kamen nur mit großer Schnelligkeit alle Rechnungen, die
noch offen standen, denn man fürchtete, hinter der ganzen Geschichte
stecke am Ende ein ungeschickt eingeleiteter Bankrott. Doch brachte
Kömpff seine Bücher richtig und notariell zum Abschluß, zahlte alle
baren Schulden ohne Abzüge und wurde, als alles erledigt war, amtlich
entlastet. Freilich nahm dieses übereilte Abschließen nicht nur seine
Börse, sondern noch mehr seine Kräfte unmäßig in Anspruch, und als er
fertig war, fühlte er sich elend und dem Zusammenbrechen nahe.
In diesen bösen Tagen, als er nach einer überhitzten Arbeitszeit
plötzlich vereinsamt und unbeschäftigt sich selber überlassen blieb, kam
wenigstens einer, um ihm zuzusprechen, das war der Schlotzer, Kömpffs
ehemaliger Lehrherr aus Deltingen. Der fromme Handelsmann, den Walter
früher noch einigemal besucht, nun aber seit Jahren nicht mehr gesehen
hatte, war alt und weiß geworden und es war eine Heldentat von ihm, daß
er noch die Reise nach Gerbersau gemacht hatte.
Er trug einen langschößigen braunen Gehrock und führte ein ungeheures,
blau und gelb gemustertes Schnupftuch bei sich, auf dessen breitem Saum
Landschaften, Häuser und Tiere abgebildet waren.
»Darf man einmal reinsehen?« fragte er beim Eintritt in die Wohnstube,
wo der Einsame gerade müd und ratlos in der großen Bibel blätterte. Dann
nahm er Platz, legte den Hut und das Schnupftuch auf den Tisch, zog die
Rockschöße über den Knieen zusammen und schaute seinem alten Lehrling
prüfend in das blasse, unsichere Gesicht.
»Also Sie sind jetzt Privatier, hört man sagen?«
»Ich habe das Geschäft aufgegeben, ja.«
»So, so. Und darf man fragen, was Sie jetzt vorhaben? Sie sind ja,
vergleichsweise gesprochen, noch ein junger Mann.«
»Ich wär' froh, wenn ich's wüßte. Ich weiß nur, daß ich nie ein rechter
Kaufmann gewesen bin, drum hab' ich aufgehört. Ich will jetzt sehen, was
sich noch gut machen läßt an mir.«
»Wenn ich sagen darf, was ich meine, so scheint mir, das sei zu spät.«
»Kann es zum Guten auch zu spät sein?«
»Wenn man das Gute kennt, nicht. Aber so ins Ungewisse den Beruf
aufgeben, den man gelernt hat, ohne daß man weiß, was nun anfangen, das
ist unrecht. Ja, wenn Sie das als junger Bursch getan hätten!«
»Es hat eben lang gebraucht, bis ich zum Entschluß gekommen bin.«
»Es scheint so. Aber ich meine, für so langsame Entschlüsse ist das
Leben zu kurz. Sehen Sie, ich kenne Sie doch ein wenig und ich weiß gut,
daß Sie es schwer gehabt haben und nicht ganz ins Leben hinein passen.
Es gibt mehr solche Naturen. Sie sind Kaufmann geworden Ihrem Vater
zulieb, nicht wahr? Jetzt haben Sie Ihr Leben verpfuscht und haben das,
was Ihr Vater wollte, doch nicht getan.«
»Was wollte ich machen?«
»Was? Auf die Zähne beißen und aufrecht bleiben. Ihr Leben schien Ihnen
verfehlt und war es vielleicht, aber ist es jetzt im Gleis? Sie haben
ein Schicksal, das Sie auf sich genommen hatten, von sich geworfen, und
das war feig und unklug. Sie sind unglücklich gewesen, aber Ihr Unglück
war anständig und hat Ihnen Ehre gemacht. Auf das haben Sie verzichtet,
nicht etwas Besserem zulieb, sondern bloß, weil Sie es müde waren. Ist
es nicht so?«
»Vielleicht wohl.«
»Also. Und darum bin ich hergereist und sage Ihnen: Sie sind untreu
geworden. Aber bloß zum Schelten hätte ich mit meinen alten Beinen den
Weg hierher doch nicht gemacht. Drum sage ich, machen Sie's wieder gut
so bald wie möglich.«
»Wie soll ich das?«
»Hier in Gerbersau können Sie nicht wieder anfangen, das sehe ich ein.
Aber anderswo, warum nicht? Übernehmen Sie wieder ein Geschäft, es
braucht ja kein großes zu sein, und machen Sie Ihres Vaters Namen wieder
Ehre. Von heut auf morgen geht's ja nicht, aber wenn Sie wollen, helfe
ich suchen. Soll ich?«
»Danke vielmal, Herr Leckle. Ich will mir's bedenken.«
»Aber bald, nicht? Und dann kommen Sie oder schreiben mir gleich?«
»Ja, gern. Und schönen Dank! Sie sind so gut gewesen.«
Der Schlotzer nahm weder Trank noch Essen an und fuhr mit dem nächsten
Zug wieder heim.
Kömpff war ihm dankbar, aber er konnte seinen Rat nicht annehmen.
* * * * *
In einer Muße, an die er nicht gewöhnt war und die er nur schwer ertrug,
machte der Exkaufmann zuweilen melancholische Gänge durch die Stadt.
Dabei war es ihm jedesmal wunderlich und bedrückend zu sehen, wie
Handwerker und Kaufleute, Arbeiter und Dienstboten ihren Geschäften
nachgingen, wie jeder seinen Platz und seine Geltung und jeder sein Ziel
hatte, während er allein ziellos und unberechtigt umherging.
Der Arzt, den er wegen Schlafmangels um Rat fragte, fand seine
Untätigkeit verhängnisvoll. Er riet ihm, sich ein Stückchen Land vor der
Stadt draußen zu kaufen und dort Gartenarbeit zu tun. Der Vorschlag
gefiel ihm und er erwarb an der Leimengrube ein kleines Gut, schaffte
sich Geräte an und begann eifrig zu graben und zu hacken. Treulich stach
er seinen Spaten in die Erde und fühlte, während er sich in Schweiß und
Ermüdung arbeitete, seinen verwirrten Kopf leichter werden. Aber bei
schlechtem Wetter und an den langen Abenden saß er wieder grübelnd
daheim, las in der Bibel und gab sich erfolglosen Gedanken über die
unbegreiflich eingerichtete Welt und über sein elendes Leben hin. Daß er
mit der Aufgabe seiner Geschäfte Gott nicht näher gekommen sei, spürte
er wohl, und in verzweifelten Stunden kam es ihm vor, als sei Gott
unerreichbar fern und sehe auf sein törichtes Gebaren mit Strenge und
Spott herab.
Bei seiner Gartenarbeit fand er meistens einen zuschauenden
Gesellschafter. Das war Alois Beckeler. Der alte Taugenichts hatte seine
Freude daran, wie ein so reicher Mann sich plagte und abschaffte,
während er, der Bettler, zuschaute und nichts tat. Zwischenein, wenn
Kömpff ausruhte, hatten sie Diskurs über alle möglichen Dinge
miteinander. Dabei spielte Beckeler je nach Umständen bald den
Großartigen und Alleswisser, bald war er kriechend höflich.
»Wollt Ihr nicht mithelfen?« fragte Kömpff etwa.
»Nein, Herr, lieber nicht. Sehen Sie, ich vertrage das nicht gut. Es
macht einen dummen Kopf.«
»Mir nicht, Beckeler.«
»Freilich, Ihnen nicht. Und warum? Weil Sie zu Ihrem Vergnügen arbeiten.
Das ist Herrengeschäft und tut nicht weh. Außerdem sind Sie noch in
guten Jahren und ich bin ein Siebziger. Da hat man seine Ruhe wohl
verdient.«
»Aber neulich habt Ihr gesagt, Ihr wäret vierundsechzig, nicht siebzig.«
»Hab' ich vierundsechzig gesagt? Ja, das war im Dusel gesprochen. Wenn
ich ordentlich getrunken hab', komm' ich mir immer viel jünger vor.«
»Also seid Ihr wirklich siebzig?«
»Wenn ich's nicht bin, so kann wenig daran fehlen. Nachgezählt hab' ich
nicht.«
»Daß Ihr auch das Trinken nicht lassen könnt! Liegt's Euch denn nicht
auf dem Gewissen?«
»Nein. Was das Gewissen anlangt, das ist bei mir gesund und mag was
aushalten. Wenn mir sonst nichts fehlte, möcht' ich leicht nochmal so
alt werden.«
Kömpff hatte einen Widerwillen gegen diesen leichtfertigen Ton,
bewunderte und beneidete aber im geheimen den Strolch um seine
ungebeugte Lebensfreude. Auch war Beckeler jetzt sein einziger Umgang,
und wenn er einmal zwei Tage ausblieb, konnte er sicher auf ein kleines
Geschenk rechnen. Und er rechnete auch darauf.
Es gab auch Tage, an denen Kömpff finster, elend und ungesprächig war.
Der Göckeler hatte dafür eine feine Witterung und merkte schon beim
Herankommen, wie es mit dem närrischen Lustgärtner stehe. Dann blieb er,
ohne hereinzutreten, am Zaune stehen und wartete etwa eine halbe Stunde,
eine Art schweigender Anstandsvisite. Er lehnte stillvergnügt am
Gartenzaun, sprach keinen Ton und betrachtete sich seinen sonderbaren
Gönner, der seufzend hackte, grub, Wasser schleppte oder junge Bäume
pflanzte. Und schweigend ging er wieder, spuckte aus, steckte die Hände
in die Hosensäcke und grinste und zwinkerte lustig vor sich hin.
Schwere Zeiten hatte jetzt die Holderlies. Sie war allein in dem
unbehaglich gewordenen Hause geblieben, besorgte die Stuben, wusch und
kochte. Anfangs hatte sie dem neuen Wesen ihres Herrn böse Gesichter und
grobe Worte entgegengesetzt. Dann war sie davon abgekommen und hatte
beschlossen, den übel Beratenen eine Weile machen und laufen zu lassen,
bis er müde wäre und wieder auf sie hören würde. So war es ein paar
Wochen gegangen.
Am meisten ärgerte sie sein kameradschaftlicher Umgang mit dem Göckeler,
dem sie die feinen Zigarren von damals nicht vergessen hatte. Aber gegen
den Herbst hin, als wochenlang Regenwetter war und Kömpff nicht in den
Garten konnte, kam ihre Stunde. Ihr Herr war trübsinniger als je.
Da kam sie eines Abends in die Stube, hatte ihren Flickkorb mit und
setzte sich unten an den Tisch, an dem der Hausherr beim Lampenlicht
seine Monatsrechnung studierte.
»Was willst, Lies?« fragte er erstaunt.
»Dasitzen will ich und flicken, jetzt wo man wieder die Lampe braucht.
Oder darf ich nicht?«
»Du darfst schon.«
»So, ich darf? Früher, wie die Frau selig noch da war, hab' ich immer
meinen Platz hier gehabt, ungefragt.«
»Ja, ja.«
»Freilich, es ist ja seither manches anders worden. Mit den Fingern
zeigen die Leute auf einen.«
»Wieso, Lies?«
»Soll ich Ihnen was erzählen?«
»Ja, also.«
»Gut. Der Göckeler, wissen Sie, was der tut? Am Abend sitzt er in den
Wirtshäusern herum und verschwätzt Sie.«
»Mich? Wie denn?«
»Er macht Sie nach, wie Sie im Garten schaffen, und macht sich lustig
darüber und erzählt, was Sie allemal mit ihm für Gespräche führen.«
»Ist das auch wahr, Lies?«
»Ob's wahr ist! Mit Lügen geb' ich mich nicht ab, ich nicht. So macht's
der Göckeler also, und dann gibt es Leute, die sitzen dabei und lachen
und stacheln ihn an und zahlen ihm Bier dafür, daß er so von Ihnen
redet.«
Kömpff hatte aufmerksam und traurig zugehört. Dann hatte er die Lampe
von sich weggeschoben, so weit sein Arm reichte, und als die Lies nun
aufschaute und auf eine Antwort wartete, sah sie mit wunderlichem
Schrecken, daß er die Augen voll Tränen hatte.
Sie wußte, daß ihr Herr krank war, aber diese widerstandslose Schwäche
hätte sie ihm nicht zugetraut. Sie sah nun auch plötzlich, wie gealtert
und elend er aussah. Schweigend machte sie an ihrer Flickarbeit weiter
und wagte, gerührt und bestürzt, nicht mehr aufzublicken, und er saß da
und die Tränen liefen ihm über die Wangen und durch den dünnen Bart. Die
Magd mußte selber schlucken, um Herr über ihre Bewegung zu bleiben.
Bisher hatte sie den Herrn für ein wenig überarbeitet, für launisch und
kurios gehalten. Jetzt sah sie, daß er hilflos, seelenkrank und im
Herzen wund war.
Die beiden sprachen an diesem Abend nicht weiter. Kömpff nahm nach einer
Weile seine Rechnung wieder vor, die Holderlies strickte und stopfte,
schraubte ein paar Mal am Lampendocht und ging zeitig mit leisem Gruß
hinaus.
Seit sie wußte, daß er so elend und hilflos war, verschwand der ganze
eifersüchtige Groll aus ihrem guten Herzen. Sie war froh, ihn pflegen
und sanft anfassen zu dürfen, sie sah ihn auf einmal wieder wie ein Kind
an, sorgte für ihn und nahm ihm nichts mehr übel.
Als Walter bei schönem Wetter wieder einmal in seinem Garten
herumbosselte, erschien mit freudigem Gruß Alois Beckeler. Er kam durch
die Einfahrt herein, grüßte nochmals und stellte sich am Rand der Beete
auf.
»Grüß Gott,« sagte Kömpff, »was wollet Ihr?«
»Nichts, nur einen Besuch machen. Man hat Sie lang nimmer draußen
gesehen.«
»Wollet Ihr sonst etwas von mir?«
»Nein. Ja, wie meinen Sie das? Ich bin doch sonst auch schon dagewesen.«
»Es ist aber nicht nötig, daß Ihr wiederkommt.«
»Ja, Herr Kömpff, warum denn aber?«
»Es ist besser, wir reden darüber nicht. Gehet nur, Beckeler, und laßt
mir meine Ruhe.«
Der Göckeler nahm eine beleidigte Miene an.
»So, dann kann ich ja gehen, wenn ich nimmer gut genug bin. Das wird
wohl auch in der Bibel stehen, daß man so mit alten Freunden umgehen
soll.«
Kömpff war betrübt.
»Nicht so, Beckeler!« sagte er freundlich. »Wir wollen im Guten
voneinander, 's ist immer besser. Nehmt das noch mit, gelt.«
Er gab ihm einen Taler, den jener verwundert nahm und einsteckte.
»Also meinen Dank, und nichts für ungut! Ich bedank mich schön. Adieu
denn, Herr Kömpff, adieu denn!«
Damit ging er fort, vergnügter als je. Als er jedoch nach wenigen Tagen
wiederkam und diesmal entschieden verabschiedet wurde, ohne ein Geschenk
zu bekommen, ging er zornig weg und schimpfte draußen noch über den Zaun
herein: »Sie großer Herr, Sie, wissen Sie, wo Sie hingehören? Nach
Tübingen gehören Sie, dort steht das Narrenhaus, damit Sie's wissen.«
* * * * *
Leider hatte der Göckeler nicht unrecht. Kömpff, der schon jahrelang in
ungesundem Grüblertum lebte, war in den Monaten seiner Vereinsamung
immer weiter in die Sackgasse seiner selbstquälerischen religiösen
Spekulationen hineingeraten und hatte sich in seiner Verlassenheit in
fruchtlosem Nachdenken aufgerieben. Als nun mit dem Einbrechen des
Winters seine einzige gesunde Arbeit und Ablenkung, das Gartengeschäft,
ein Ende hatte, kam er vollends nicht mehr aus dem engen, trostlosen
Kreislauf seiner kränkelnden Gedanken heraus. Von jetzt an ging es
schnell mit ihm bergab, wenn auch seine Krankheit noch Sprünge machte
und mit ihm spielte.
Zunächst brachte das Müßigsein und Alleinleben ihn darauf, daß er immer
wieder sein vergangenes Leben durchstöberte. Er verzehrte sich in Reue
über vermeintliche Sünden früherer Jahre. Dann wieder klagte er sich
verzweifelnd an, seinem Vater nicht Wort gehalten zu haben. Oft stieß er
in der Bibel auf Stellen, von denen er sich wie ein Verbrecher getroffen
fühlte.
In dieser qualvollen Zeit war er gegen die Holderlies weich und fügsam
wie ein schuldbewußtes Kind. Er gewöhnte sich an, sie wegen
Kleinigkeiten flehentlich um Verzeihung zu bitten, und brachte sie damit
nicht wenig in Angst. Sie fühlte, daß sein Verstand am Erlöschen sei,
und doch wagte sie es nicht, jemand davon zu sagen.
Eine Weile hielt sich Kömpff ganz zu Hause. Gegen Weihnachten hin wurde
er unruhig, erzählte viel aus alten Zeiten und von seiner Mutter, und da
die innere Ruhelosigkeit ihn wieder oft aus dem Hause trieb, fingen
jetzt manche Unzuträglichkeiten an. Denn inzwischen hatte der arme Mann
seine Unbefangenheit den Menschen gegenüber verloren. Er merkte, daß er
auffiel, daß man von ihm sprach und auf ihn zeigte, daß Kinder ihm
nachliefen und ernste Leute ihm auswichen.
Nun fing er an, sich unsicher zu fühlen. Manchmal zog er vor Leuten,
denen er begegnete, den Hut übertrieben tief. Auf andre trat er zu, bot
ihnen die Hand und bat herzlich um Entschuldigung, ohne zu sagen wofür.
Und einem Knaben, der ihn durch Nachahmung seines Ganges verhöhnte,
schenkte er seinen schönen Spazierstock mit elfenbeinernem Griff.
Einem seiner früheren Bekannten und Kunden, der damals auf seine ersten
kaufmännischen Torheiten hin sich von ihm entfernt hatte, machte er
einen Besuch und sagte, es tue ihm leid, bitter leid, er möge ihm doch
vergeben und ihn wieder freundlich ansehen.
Eines Abends, kurz vor Neujahr, ging er -- seit mehr als einem Jahr zum
ersten Mal -- in den Hirschen und setzte sich an den Honoratiorentisch.
Er war früh gekommen und der erste Abendgast. Allmählich trafen die
andern ein, und jeder sah ihn mit Erstaunen an und nickte verlegen, und
einer um den andern kam und mehrere Tische wurden besetzt. Nur der
Tisch, an dem Kömpff saß, blieb leer, obwohl es der Stammtisch war. Da
bezahlte er den Wein, den er nicht getrunken hatte, grüßte traurig und
ging heim.
Ein tiefes Schuldbewußtsein machte ihn gegen jedermann unterwürfig. Er
nahm jetzt sogar vor Alois Beckeler den Hut ab, und wenn Kinder ihn aus
Mutwillen anstießen, sagte er Pardon. Viele hatten jetzt Mitleid mit
ihm, aber er war der Narr und das Kindergespött der Stadt.
* * * * *
Man hatte Kömpff vom Arzt untersuchen lassen. Der hatte seinen Zustand
als primäre Verrücktheit bezeichnet, ihn übrigens für harmlos erklärt
und befürwortet, daß man den Kranken daheim und bei seinem gewohnten
Leben lasse.
Seit dieser Untersuchung war der arme Kerl mißtrauisch geworden. Auch
hatte er sich gegen die Entmündigung, die nun doch über ihn verfügt
werden mußte, verzweifelt gesträubt. Von da an nahm seine Krankheit eine
andre Form an.
»Lies,« sagte er eines Tages zur Haushälterin, »Lies, ich bin doch ein
Esel gewesen. Aber jetzt weiß ich, wo ich dran bin.«
»Ja, und wie denn auf einmal?« fragte sie ängstlich, denn sein Ton
gefiel ihr nicht.
»Paß auf, Lies, du kannst was lernen. Also nicht wahr, ein Esel hab' ich
gesagt. Da bin ich mein Leben lang gelaufen und hab' mich abgehetzt und
mein Glück versäumt um etwas, was es gar nicht gibt!«
»Das versteh' ich nun wieder nicht.«
»Stell dir vor, einer hat von einer schönen, prächtigen Stadt in der
Ferne gehört. Er hat ein großes Verlangen, dorthin zu kommen, wenn es
auch noch so weit und teuer ist. Schließlich läßt er alles liegen, gibt
weg, was er hat, sagt allen guten Freunden Adieu und geht fort, immer
fort und fort, tagelang und monatelang, durch dick und dünn, so lang er
noch Kräfte hat. Und dann, wie er so weit ist, daß er nimmer zurück
kann, da fängt er an zu merken, daß das von der prächtigen Stadt in der
Ferne ein Lug und Märchen war. Die Stadt ist gar nicht da und ist
niemals da gewesen.«
»Das ist traurig. Aber das tut ja niemand, so was.«
»Ich, Lies, ich doch! Ich bin so einer gewesen, das kannst du sagen, wem
du willst. Mein Leben lang, Lies.«
»Ist nicht möglich, Herr! Was ist denn das für eine Stadt?«
»Keine Stadt, das war nur so ein Vergleich, weißt du. Ich bin ja immer
hier geblieben. Aber ich habe auch ein Verlangen gehabt und darüber
alles versäumt und verloren. Ich habe ein Verlangen nach Gott gehabt --
nach dem Herrgott, Lies. Den hab' ich finden wollen, dem bin ich
nachgelaufen, und jetzt bin ich so weit, daß ich nimmer zurück kann --
verstehst du? Nimmer zurück. Und alles ist ein Lug gewesen.«
»Was denn? Was ist ein Lug gewesen?«
»Der liebe Gott, du. Er ist nirgends, es gibt keinen.«
»Herr, Herr, sagen Sie keine solchen Sachen! Das darf man nicht, wissen
Sie. Das ist Todsünde.«
»Laß mich reden. -- Nein, still! Oder bist du dein Leben lang ihm
nachgelaufen? Hast du hundert und hundert Nächte in der Bibel gelesen?
Hast du Gott tausendmal auf den Knieen gebeten, daß er dich höre, daß er
deine Opfer annehme und dir ein klein wenig Licht und Frieden dafür
gebe? Hast du das? Und hast du deine Freunde verloren -- um Gott näher
zu kommen, und deinen Beruf und deine Ehre hingeworfen, um Gott zu
sehen? -- Ich habe das getan, alles das und viel mehr, und wenn Gott
lebendig wäre und hätte auch nur so viel Herz und Gerechtigkeit wie der
alte Beckeler, so hätte er mich angeblickt.«
»Er hat Sie prüfen wollen.«
»Das hat er getan, das hat er. Und dann hätte er sehen müssen, daß ich
nichts wollte als ihn. Aber er hat nichts gesehen. Nicht er hat mich
geprüft, sondern ich ihn, und ich habe gefunden, daß er ein Märlein ist.
Eine Kinderfabel, weißt du.«
Von diesem Thema kam Walter Kömpff nicht mehr los. Er fand beinahe einen
Trost darin, daß er nun eine Erklärung für sein verunglücktes Leben
hatte. Und doch war er seiner neuen Erkenntnis keineswegs sicher. So oft
er Gott leugnete, empfand er ebensoviel Hoffnung wie Furcht bei dem
Gedanken, der Geleugnete könnte gerade jetzt ins Zimmer treten und seine
Allgegenwart beweisen. Und manchmal lästerte er sogar, nur um vielleicht
Gott antworten zu hören, wie ein Kind vor dem Hoftor Wauwau ruft, um zu
erfahren, ob drinnen ein Hund ist oder nicht.
Das war die letzte Entwicklung in seinem Leben. Sein Gott war ihm zum
Götzen geworden, den er reizte und dem er fluchte, um ihn zum Reden zu
zwingen. Damit war der Sinn seines Daseins verloren und in seiner
kranken Seele trieben zwar noch schillernde Blasen und Traumgebilde,
aber keine lebendigen Keime mehr. Sein Licht war ausgebrannt und es
erlosch schnell und traurig.
Eines Nachts hörte ihn die Holderlies noch spät reden und hin und wieder
gehen, ehe es in seiner Schlafstube ruhig wurde. Am Morgen blieb er viel
länger als sonst liegen und gab auf kein Klopfen Antwort. Und als die
Magd endlich leis die Tür aufmachte und auf den Zehen in sein Zimmer
schlich, schrie sie plötzlich auf und rannte verstört davon, denn sie
hatte ihren Herrn an einem Kofferriemen erhängt gefunden.
* * * * *
Eine Zeitlang machte sein Ende die Leute noch viel reden. Daß es
verbrecherisch war, verzieh man seinem Irrsinn. Aber wenige empfanden
etwas von dem, was sein Schicksal gewesen war. Und wenige dachten daran,
wie nahe wir alle bei dem Dunkel wohnen, in dessen Schatten der arme
Walter Kömpff sich verirrt hatte.