Wenn im Frühling oder Sommer oder auch noch im Frühherbst ein linder Tag
ist und eine angenehme, auch wieder nicht zu heftige Wärme den
Aufenthalt im Freien zu einem Vergnügen macht, dann ist die
ausschweifend gebogene halbrunde Straßenkehle am Allpacher Weg, vor den
letzten hochgelegenen Häusern der Stadt, ein prächtiger Winkel. Auf der
berghinan sich schlängelnden Straße sammelt sich die schöne Sonnenwärme
stetig an, die Lage ist vor jedem Winde wohl beschützt, ein paar krumme
alte Obstbäume spenden wenn auch kein Obst, so doch ein wenig Schatten,
und der Straßenrand, ein breiter, sanfter, rasiger Rain, verlockt mit
seiner wohlig sich schmiegenden Krümmung freundlich zum Sitzen oder
Liegen. Das weiße Sträßlein glänzt im Lichte und hebt sich schön langsam
bergan, schickt jedem Bauernwagen oder Landauer oder Postkarren ein
dünnes Stäublein nach, so viel es vermag, und schaut über eine schiefe,
von Baumkronen da und dort unterbrochene Flucht von schwärzlichen
Dächern hinweg gerade ins Herz der Stadt, auf den Marktplatz, der von
hier aus gesehen freilich an Stattlichkeit stark verliert und nur als
ein sonderbar verschobenes Viereck mit krummen Häusern und drollig
herausspringenden Vortreppen und Kellerhälsen erscheint.
An solchen sonnig milden Tagen ist der wohlige Rain jener hohen
Bergstraßenkrümmung unwandelbar stets von einer kleinen Schar
ausruhender Männer besetzt, deren kühne und verwitterte Gesichter nicht
recht zu ihren zahmen und trägen Gebärden passen und von denen der
Jüngste mindestens ein hoher Fünfziger ist. Sie sitzen und liegen bequem
in der Wärme, schweigen oder führen kurze, brummende und knurrende
Gespräche untereinander, rauchen kleine schwarze Pfeifenstrünke und
spucken häufig weltverächterisch in kühnem Bogen bergabwärts. Die etwa
vorübertapernden Handwerksburschen werden von ihnen scharf betrachtet
und peinlich begutachtet und je nach Befund mit einem wohlwollend
zugenickten »Servus, Kunde!« begrüßt oder schweigend verachtet.
Der Fremdling, der die alten Männlein so hocken sah und sich in der
nächsten Gasse über das seltsame Häuflein grauer Bärenhäuter erkundigte,
konnte von jedem Kinde erfahren, daß dieses die Sonnenbrüder seien, und
mancher schaute dann noch einmal zurück, sah die müde Schar träg in die
Sonne blinzeln und wunderte sich, woher ihr wohl ein so hoher,
wohllautender und dichterischer Name gekommen sei. Etwaige reisende
Enthusiasten empfanden mythische Schauer dabei und machten aus dem
Halbdutzend grauer Faulpelze die überbliebenen Reste einer aussterbenden
uralten Gemeinschaft von Verehrern des Tagesgestirns. Das Gestirn aber,
nach welchem die Sonnenbrüder genannt wurden, stand längst an keinem
Himmel mehr, sondern war nur der Schildname eines ärmlichen und schon
vor manchen Jahren eingegangenen Wirtshauses gewesen, dessen Schild und
Glanz dahin waren, denn das Haus diente neuerdings als Spittel, das
heißt als städtisches Armenasyl, und beherbergte freilich manche Gäste,
die das Abendrot der vom Schild genommenen Sonne noch erlebt und sich
hinter dem Schenktisch derselben die Anwartschaft auf ihre Bevormundung
und jetzige Unterkunft erschöppelt hatten.
Das Häuschen stand, als vorletztes der steilen Gasse und der Stadt,
zunächst jenem sonnigen Straßenrand, bot ein windschiefes und ermüdetes
Ansehen, als mache das beständige Aufrechtstehen ihm viele Beschwerde,
und ließ sich nichts mehr davon anmerken, wie viel Lust und Gläserklang,
Witz und Gelächter und flotte Freinächte es erlebt hatte, die fröhlichen
Raufereien und Messergeschichten gar nicht zu rechnen. Seit der alte
rosenrote Verputz der Vorderseite vollends erblaßt und in rissigen
Feldern abgeblättert war, entsprach die alte Lotterfalle in ihrem
Äußeren vollkommen ihrer Bestimmung, was bei städtischen Bauten unserer
Zeit immerhin eine Seltenheit ist. Ehrlich und deutlich, ja sogar fast
beredt gab sie zu erkennen, daß sie ein Unterschlupf und Notdächlein für
Schiffbrüchige und Zurückgebliebene war, das betrübliche Ende einer
geringen Sackgasse, von wo aus keine Pläne und verborgenen Kräfte mehr
ins Leben zurückstreben mögen.
Von der Melancholie solcher Betrachtungen war glücklicherweise im Kreis
der Sonnenbrüder meistens nur wenig zu finden. Vielmehr lebten sie fast
alle nach Menschenart ihre späten Tage hin als ginge es noch immer aus
dem Vollen, bliesen ihre kleinen Gezänke und Lustbarkeiten und
Spielereien, Brüderschaften und Eifersüchteleien nach Kräften zu
wichtigen Angelegenheiten und Staatsaktionen auf und nahmen zwar nicht
einander, aber doch jeder sich selber so ernst wie möglich. Ja sie
taten, als fange jetzt, da sie sich aus den geräuschvollen Gassen des
tätigen Lebens beiseite gedrückt hatten, der Hallo erst recht an, und
betrieben ihre jetzigen unbedeutenden Affären mit einer Wucht und
Zähigkeit, welche sie in ihren früheren Betätigungen leider meist hatten
vermissen lassen. Gleich manchem anderen Völklein glaubten sie, obwohl
sie vom Spittelvater absolut monarchisch und als rechtlose
Scheinexistenzen regiert wurden, eine kleine Republik zu sein, in
welcher jeder freie Bürger den andern genau um Rang und Stellung ansah
und emsig darauf bedacht war, ja nirgends um ein Haarbreit zu wenig
ästimiert zu werden.
Auch das hatten die Sonnenbrüder mit anderen Leuten gemein, daß sie die
Mehrzahl ihrer Schicksale, Befriedigungen, Freuden und Schmerzen mehr im
Gemüt oder in der Einbildung als in greifbarer Wirklichkeit erlebten.
Ein frivoler Mensch könnte ja überhaupt den Unterschied zwischen dem
Dasein dieser Ausrangierten und Steckengebliebenen und demjenigen der
tätigen Bürger als lediglich in der Einbildung begründet hinstellen,
indem diese wie jene ihre großen und kleinen Geschäfte und Taten mit
derselben emsigen Wichtigkeit verrichten und schließlich doch vor Gottes
Augen so ein armer Spittelgast möglicherweise nicht viel schlechter
dasteht als mancher große und geehrte Herr. Aber auch ohne so weit zu
gehen, kann man wohl finden, daß für den behaglichen Zuschauer das Leben
dieser Sonnenbrüder kein unwürdiger Gegenstand der Betrachtung sei, da
das Menschenleben auch auf einer geringen Bühne immer noch ein amüsantes
und nachdenkliches Schauspiel darbietet.
Je näher die Zeiten heranrücken, da das jetzt aufwachsende Geschlecht
den Namen der ehemaligen Sonne und der Sonnenbrüder vergessen und seine
Armen und Auswürflinge anders und in anderen Räumen versorgen wird,
desto wünschenswerter wäre es, eine Geschichte des alten Hauses und
seiner Gäste zu haben. Als chronistischer Beitrag zu einer solchen soll
auf diesen Blättern einiges vom Leben der ersten Sonnenbrüder berichtet
werden.
* * * * *
In den Zeiten, da die heutigen Jungbürger von Gerbersau noch kurze Hosen
oder gar noch Röckchen trugen, und da über der Haustüre des nachmaligen
Spittels noch aus der rosenroten Fassade ein schmiedeiserner Schildarm
mit der blechernen Sonne in die Gasse hinaus prangte, kehrte an einem
Tage spät im Herbste Karl Hürlin, ein Sohn des vor vielen Jahren
verstorbenen Schlossers Hürlin in der Senfgasse, in seine Heimatstadt
zurück. Er war etwas über die Vierzig hinaus, und niemand kannte ihn
mehr, da er seinerzeit als ein blutjunges Bürschlein weggewandert und
seither nie mehr in der Stadt erblickt worden war. Nun trug er einen
sehr guten und reinen Anzug, Knebelbart und kurzgeschnittenes Haar, eine
silberne Uhrkette, einen steifen Hut und hohe saubere Hemdkragen. Er
besuchte einige von den ehemaligen Bekannten seiner Familie, ein paar
alte Schulkameraden und Kollegen, und trat überall als ein fremd und
vornehm gewordener Mann auf, der seines Wertes ohne Überhebung bewußt
ist. Dann ging er aufs Rathaus, wies seine Papiere vor und erklärte,
sich hierorts niederlassen zu wollen. Als das Nötige eingeleitet worden
war, entfaltete Herr Hürlin eine emsige und geheimnisvolle Tätigkeit und
Korrespondenz, unternahm öftere kleine Reisen, kaufte ein Grundstück im
Talgrunde und begann daselbst an Stelle einer abgebrannten Ölmühle ein
neues Haus aus Backsteinen zu erbauen und neben dem Hause einen Schuppen
und Remise und zwischen Haus und Schuppen einen gewaltigen
backsteinernen Schlot. Zwischendrein sah man ihn in der Stadt
gelegentlich bei einem Abendschoppen, wobei er zwar anfangs still und
vornehm tat, nach wenigen Gläsern aber laut und mächtig redete und nicht
damit hinterm Berge hielt, wie er zwar Geld genug im Sack habe, um sich
ein schönes Herrenleben zu gönnen, doch sei der eine ein Faulpelz und
Dickkopf, ein anderer aber ein Genie und Geschäftsgeist, und was ihn
betreffe, so gehöre er zur letzteren Sorte und habe nicht im Sinn, sich
zur Ruhe zu setzen, ehe er sechs Nullen hinter die Ziffer seines
Vermögens setzen könne.
Geschäftsleute, bei denen er Kredit zu genießen wünschte, taten sich
nach seiner Vergangenheit um und brachten in Erfahrung, daß Hürlin zwar
bisher nirgends eine erhebliche Rolle gespielt hatte, sondern da und
dort in Werkstätten und Fabriken, zuletzt als Aufseher, gearbeitet, vor
kurzem hingegen eine erkleckliche Erbschaft gemacht hatte. Also ließ man
ihn gewähren und gönnte ihm ein bestimmtes Maß von Respekt, einige
unternehmende Leute steckten auch noch Geld in seine Sache, so daß bald
eine mäßig große, schmucke Fabrik samt Wohnhäuschen im Tale erstand, in
welcher Hürlin gewisse für die Wollwebeindustrie notwendige Walzen und
Maschinenteile herzustellen gedachte.
Kaum war der Betrieb eröffnet, so wurde der Unternehmer von jener selben
Fabrik, deren Aufseher er früher gewesen war, gerichtlich belangt, indem
er gewisse technische Geheimnisse, die er sich dort angeeignet,
widerrechtlich als eigene Erfindung ausgeben und ausnützen sollte. Aus
dem endlosen Prozeß zog er sich schließlich, wenn auch ohne Schande, so
doch mit erheblichen Kosten, betrieb aber nun sein Geschäft mit
doppeltem Eifer, indem er seine Preise etwas niedriger ansetzte und die
Welt mit Anpreisungen überschwemmte. Die Aufträge blieben nicht aus, der
große Schlot rauchte Tag und Nacht, und ein paar Jahre lang florierte
Hürlin und seine Fabrik auf das erfreulichste und genoß Ansehen und
ausgiebigen Kredit.
Damit war sein Ideal erreicht und sein alter Lieblingstraum in Erfüllung
gegangen. Wohl hatte er schon in jüngeren Jahren des öfteren Anläufe zum
Reichwerden gemacht, aber erst jene ihm fast unerwartet zugefallene
Erbschaft hatte ihn flott gemacht und ihm erlaubt, seine alten kühnen
Pläne auszuführen. Übrigens war der Reichtum nicht sein einziges Sehnen
gewesen, sondern seine heißesten Wünsche hatten zeitlebens dahin
gezielt, eine gebietende und große Stellung einzunehmen. Er wäre als
Indianerhäuptling oder als Regierungsrat oder auch etwa als berittener
Landjäger ganz ebenso in seinem Element gewesen, doch schien ihm nun das
Leben eines Fabrikbesitzers sowohl bequemer als selbstherrlicher. Eine
Zigarre im Mundwinkel und ein sorgenvoll gewichtiges Lächeln im Gesicht,
am Fenster stehend oder am Schreibtisch sitzend allerlei Befehle zu
erteilen, Verträge zu unterzeichnen, Vorschläge und Bitten anzuhören,
mit der faltigen Miene des Vielbeschäftigten eine gelassene
Behaglichkeit zu vereinigen, bald unnahbar streng, bald gutmütig
herablassend zu sein und bei allem stets zu fühlen, daß er ein Hauptkerl
sei und daß viel in der Welt auf ihn ankomme, das war seine leider erst
spät zu ihrem vollen Recht gekommene Gabe. Aber nun hatte er das alles
reichlich, konnte tun, was er mochte, Leute anstellen und entlassen,
wohlige Seufzer des sorgenschweren Reichtums ausstoßen und sich von
vielen beneiden lassen. Das alles genoß und übte er auch mit
Kennerschaft und Hingabe, er wiegte sich weich im Glücke und fühlte sich
endlich vom Schicksal an den ihm gebührenden Platz gestellt.
Inzwischen hatte aber jener geschädigte Konkurrent, auf dessen Kosten
Hürlin groß geworden war, eine neue Erfindung gemacht, nach deren
Einführung mehrere der früheren Artikel teils ganz entbehrlich, teils
viel wohlfeiler wurden, und da Hürlin trotz seines Glaubens und seiner
Versicherungen eben kein Genie war und nur das Äußerliche seines
Geschäftes verstand, sank er anfänglich langsam, dann aber immer
schneller von seiner Höhe und konnte am Ende nicht verbergen, daß er
abgewirtschaftet habe. Er versuchte es in der Verzweiflung noch mit ein
paar waghalsigen Finanzkünsten, durch welche er sich selber und mit ihm
eine Reihe von Kreditoren schließlich in einen gewaltigen und unsauberen
Bankrott hineinritt. Er entfloh, wurde aber eingebracht, verurteilt und
ins Loch gesteckt, und als er nach mehreren Jahren wieder in der Stadt
erschien, war er ein entwerteter und lahmer Mensch, mit dem nichts mehr
anzufangen war.
Eine Zeitlang drückte er sich in unbedeutenden Stellungen herum; doch
hatte er schon in den schwülen Zeiten, da er den Krach herankommen sah,
sich zum heimlichen Trinker entwickelt, und was damals heimlich gewesen
und wenig beachtet worden war, wurde nun öffentlich und zu einem
Ärgernis. Aus einer mageren Schreibersstelle wegen Unzuverlässigkeit
entlassen, ward er Agent einer Versicherungsgesellschaft, trieb sich als
solcher in allen Schenken der Gegend herum, wurde auch da wieder
entlassen und fiel, als auch ein Hausierhandel mit Zündhölzern und
Bleistiften nichts abwerfen wollte, am Ende der Stadt zur Last. Er war
in diesen Jahren schnell vollends alt und elend geworden, hatte aber aus
seiner fallitgegangenen Herrlichkeit einen Vorrat kleiner Künste und
Äußerlichkeiten herübergerettet, die ihm über das Gröbste hinweghalfen
und in geringeren Wirtshäusern noch immer einige Wirkung taten. Er
brachte gewisse schwungvoll großartige Gesten und nicht wenige
wohltönende Redensarten in die Kneipen mit, die ihm längst nur noch
äußerlich anhafteten, auf Grund derer er aber doch noch immer eine
Schätzung unter den Lumpen der Stadt genoß.
Damals gab es in Gerbersau noch kein Armenhaus, sondern die
Unbrauchbaren wurden gegen eine geringe Entschädigung aus dem
Stadtsäckel da und dort in Familien als Kostgänger gegeben, wo man sie
mit dem Notwendigsten versah und nach Möglichkeit zu kleinen häuslichen
Arbeiten anhielt. Da nun hieraus in letzter Zeit allerlei
Unzuträglichkeiten entstanden waren und da den verkommenen Fabrikanten,
der den Haß der Bevölkerung genoß, durchaus niemand aufnehmen wollte,
sah sich die Gemeinde genötigt, ein besonderes Haus als Asyl zu
beschaffen. Und da gerade das ärmliche alte Wirtshäuslein zur Sonne
unter den Hammer kam, erwarb es die Stadt und setzte nebst einem
Hausvater als ersten Gast den Karl Hürlin hinein, dem in Kürze mehrere
andere folgten. Diese nannte man die Sonnenbrüder.
Nun hatte Hürlin schon lange zur Sonne nahe Beziehungen gehabt, denn
seit seinem Niedergang war er nach und nach in immer kleinere und ärmere
Schenken gelaufen und schließlich am meisten in die Sonne, wo er zu den
täglichen Gästen gehörte und beim Abendschnaps mit manchen Kumpanen am
selben Tische saß, die ihm später, als auch ihre Zeit gekommen war, als
Spittelbrüder und verachtete Stadtarme in eben dasselbe Haus nachfolgen
sollten. Ihn freute es, gerade dorthin zu wohnen zu kommen, und in den
Tagen nach der Gant, als Zimmermann und Schreiner das alte Schankhaus
für seinen neuen Zweck eilig und bescheiden zurichteten, stand er von
früh bis spät dabei und hatte Maulaffen feil.
Eines Morgens, da es schön mild und sonnig war, hatte er sich wieder
daselbst eingefunden, stellte sich neben die Haustüre und sah dem
Hantieren der Arbeiter im Innern zu. Es wurde ein Dielenboden
ausgebrochen und neu gelegt, die ausgetretene Stiege geflickt und mit
einer festen Brüstung versehen, ein paar dünne Wände eingezogen, der
Stadtbaumeister schimpfte hinter den Meistern her, die Gesellen
heuchelten großen Fleiß, und die Lehrbuben drückten sich von Wand zu
Wand. Dieser Umtrieb gefiel dem alten Hürlin wohl, er guckte hingerissen
und freudig zu und überhörte gern die bösartigen Bemerkungen der
Arbeiter, hielt die Fäuste in den tiefen Taschen seines schmierigen
Rockes und warf mit seinen geschenkten, viel zu langen und zu weiten
Beinkleidern spiralförmige Falten, in denen seine Beine wie Zapfenzieher
aussahen. Daneben sog er emsig an einem defekten Tonpfeifchen, das zwar
nicht brannte, aber doch nach Tabak roch. Der bevorstehende Einzug in
die neue Bude, von dem er sich ein bequemes und schöneres Leben
versprach, erfüllte den alten Tropf mit glücklicher Neugierde und
Unruhe.
Indem er dem Legen der neuen Stiegenbretter zuschaute und
stillschweigend die dünnen tannenen Dielen auf ihre Güte und mutmaßliche
Haltbarkeit abschätzte, fühlte er sich plötzlich beiseite geschoben, und
als er sich gegen die Straße umkehrte, stand da ein Schlossergeselle mit
einer großen Bockleiter, die er mit großer Mühe und vielen untergelegten
Bretterstücken auf dem abschüssigen Straßenboden aufzustellen versuchte.
Hürlin verfügte sich auf die andere Seite der Gasse hinüber, lehnte sich
an den Prellstein und verfolgte die Tätigkeit des Schlossers mit großer
Aufmerksamkeit. Dieser hatte nun seine Leiter aufgerichtet und
gesichert, stieg hinauf und begann über der Haustüre am Mörtel
herumzukratzen um das alte Wirtsschild hinwegzunehmen. Seine Bemühungen
erfüllten den Exfabrikanten mit Spannung und auch mit Wehmut, indem er
der vergangenen Tage gedachte, der vielen unter dem jetzt fallenden
Wahrzeichen genossenen Schoppen und Schnäpse und der früheren Zeiten
überhaupt. Es bereitete ihm keine kleine Freude, daß der schmiedeeiserne
Schildarm so fest in der Wand saß, und daß der Schlossergesell sich so
damit abmühen mußte, ihn herunterzubringen. Es war doch unter dem armen
alten Schilde oft heillos munter zugegangen! Als der Schlosser zu
fluchen begann, schmunzelte der Alte, und als jener wieder daran zog und
bog und wand und zerrte, in Schweiß geriet und fast von der Leiter
stürzte, empfand der Zuschauer eine nicht geringe Genugtuung. Da ging
der Geselle fort und kam nach einer Viertelstunde mit einer Eisensäge
wieder. Hürlin sah wohl, daß es nun um den ehrwürdigen Zierrat geschehen
sei. Die Säge pfiff klingend in dem guten Eisen und nach wenig
Augenblicken bog sich der eiserne Arm klagend ein wenig abwärts und fiel
gleich darauf klingelnd und rasselnd aufs Pflaster.
Da kam Hürlin herüber. »Du, Schlosser,« bat er demütig, »gib mir das
Ding! 's hat ja keinen Wert mehr.«
»Warum auch? Wer bist du denn?« schnauzte der Bursch.
»Ich bin doch von der gleichen Religion,« flehte Hürlin, »mein Alter war
Schlosser, und ich bin auch einer gewesen. Gelt gib's her!«
Der Geselle hatte indessen das Schild aufgehoben und betrachtet.
»Der Arm ist noch gut,« entschied er, »das war zu seiner Zeit keine
schlechte Arbeit. Aber wenn du das Blechzeug willst, das hat keinen Wert
mehr.«
Er riß den grün bemalten, blechernen Blätterkranz, in welchem mit
kupferig gewordenen und verbeulten Strahlen die goldene Sonne hing,
herunter und gab ihn her. Der Alte bedankte sich und machte sich eilig
mit seiner Beute davon, um sie weiter oben im dicken Holdergebüsche vor
fremder Habgier und Schaulust zu verbergen. So verbirgt nach verlorener
Schlacht ein Paladin die Insignien der Herrschaft, um sie für bessere
Tage und neue Glorien zu retten. Als er wiederkam, um von neuem die
Arbeiten der Zimmerleute zu inspizieren, kam ihm das Haus so sonderbar
anders und verödet vor, lediglich, weil die Sonne fehlte und statt ihrer
ob der Tür nur noch ein brüchiges Loch im Verputz zu sehen war.
Wenige Tage darauf fand ohne viel Sang und Klang die Einweihung des
dürftig hergerichteten neuen Armenhauses statt. Es waren ein paar Betten
beschafft worden, der übrige Haushalt stammte noch aus der Wirtsgant
her, außerdem hatte ein Gönner in jedes der drei Schlafstüblein einen
von gemalten Blumengewinden umgebenen Bibelspruch auf Pappdeckel
gestiftet. Zu der ausgeschriebenen Hausvaterstelle hatten sich nicht
eben sehr viele Bewerber gemeldet, und die Wahl war sogleich auf Herrn
Andreas Sauberle gefallen, einen verwitweten Wollenstricker von gutem
Leumund, der seinen Strickstuhl mitbrachte und sein Gewerbe weiter
betrieb, denn die Stelle reichte knapp zum Leben aus und er hatte keine
Lust, auf seine alten Tage einmal selber ein Sonnenbruder zu werden.
Als der alte Hürlin seine Stube angewiesen bekam, unterzog er sie
sogleich einer genauen Besichtigung. Er fand ein gegen das Höflein
gehendes Fenster, zwei Türen, ein Bett, eine Truhe, zwei Stühle, einen
Nachttopf, einen Kehrbesen und einen Staubwischlappen vor, ferner ein
mit Wachstuch bezogenes Eckbrett, auf welchem ein Wasserglas, ein
blechernes Waschbecken, eine Kleiderbürste und ein Neues Testament lagen
und standen. Er befühlte das solide Bettzeug, probierte die Bürste an
seinem Hut, hielt Glas und Becken prüfend gegen das Tageslicht, setzte
sich versuchsweise auf beide Stühle und fand, es sei alles befriedigend
und in Ordnung. Nur der stattliche Wandspruch mit den Blumen wurde von
ihm mißbilligt. Er sah ihn eine Weile höhnisch an, las die Worte:
»Kindlein liebet euch untereinander!« und schüttelte unzufrieden den
struppigen Kopf. Dann riß er das Ding herunter und hängte mit vieler
Sorgfalt an dessen Stelle das alte Sonnenschild auf, das er als einziges
Wertstück in die neue Wohnung mitgebracht hatte. Aber da kam gerade der
Hausvater wieder herein und gebot ihm scheltend, den Spruch wieder an
seinen Platz zu hängen. Die Sonne wollte er mitnehmen und wegwerfen,
aber Karl Hürlin klammerte sich ingrimmig daran, trotzte zeternd auf
sein Eigentumsrecht und verbarg nachher die Trophäe schimpfend unter der
Bettstatt.
Das Leben, das mit dem folgenden Tage seinen Anfang nahm, entsprach
nicht ganz seinen Erwartungen und gefiel ihm zunächst keineswegs. Er
mußte des Morgens um sieben Uhr aufstehen und zum Kaffee in die Stube
des Strickers kommen, dann sollte das Bett gemacht, das Waschbecken
gereinigt, die Stiefel geputzt und die Stube sauber aufgeräumt werden.
Um zehn Uhr gab es ein Stück Schwarzbrot und dann sollte die gefürchtete
Spittelarbeit losgehen. Es war im Hof eine große Beuge buchenes Holz
angefahren und das sollte gesägt und gespalten werden.
Da es noch weit hin bis zum Winter war, hatte es Hürlin mit dem Holz
nicht eben eilig. Langsam und vorsichtig legte er ein Buchenscheit auf
den Bock, rückte es sorgfältig und umständlich zurecht und besann sich
eine Weile, wo er es zuerst ansägen solle, rechts oder links oder in der
Mitte. Dann setzte er behutsam die Säge an, stellte sie noch einmal weg,
spuckte in die Hände und nahm dann die Säge wieder vor. Nun tat er drei,
vier Striche, etwa eine Fingerbreite tief ins Holz, zog aber sogleich
die Säge wieder weg und prüfte sie aufs peinlichste, drehte am Strick,
befühlte das Sägeblatt, stellte es etwas schiefer, hielt es lange
blinzelnd vors Auge, seufzte alsdann tief auf und rastete ein wenig.
Hierauf begann er von neuem und sägte einen halben Zoll tief, aber da
wurde es ihm unerträglich warm und er mußte seinen Rock ausziehen. Das
vollführte er langsam und mit Bedacht, suchte auch eine gute Weile nach
einem sauberen und sicheren Ort, um den Rock dahin zu legen. Als dies
doch endlich geschehen war, fing er wieder an zu sägen, jedoch nicht
lange, denn nun war die Sonne übers Dach gestiegen und schien ihm gerade
ins Gesicht. Also mußte er den Bock und das Scheit und die Säge, jedes
Stück einzeln, an einen anderen Platz tragen, wo noch Schatten war; dies
brachte ihn in Schweiß und nun brauchte er sein Sacktuch, um sich die
Stirne abzuwischen. Das Tuch war aber in keiner Tasche, und da fiel ihm
ein, er habe es ja im Rock gehabt, und so ging er denn dort hinüber, wo
der Rock lag, breitete ihn säuberlich auseinander, suchte und fand das
farbige Nastuch, wischte den Schweiß ab und schneuzte auch gleich,
brachte das Tuch wieder unter, legte den Rock mit Aufmerksamkeit
zusammen und kehrte erfrischt zum Sägebock zurück. Hier fand er nun
bald, er habe vorher das Sägeblatt vielleicht doch allzuschräg gestellt,
daher operierte er von neuem lange daran herum und sägte schließlich
unter großem Stöhnen das Scheit vollends durch. Aber nun war es Mittag
geworden und läutete vom Turm, und eilig zog er den Rock an, stellte die
Säge beiseite und verfügte sich ins Haus zum Essen.
»Pünktlich seid Ihr, das muß man Euch lassen,« sagte der Stricker. Die
Lauffrau trug die Suppe herein, danach gab es noch Wirsing und eine
Scheibe Speck und Hürlin langte fleißig zu. Nach Tisch sollte das Sägen
wieder losgehen, aber da weigerte er sich entschieden.
»Das bin ich nicht gewöhnt,« sagte er entrüstet und blieb dabei. »Ich
bin jetzt todesmüd und muß nun auch eine Ruhe haben.«
Der Stricker zuckte die Achseln und meinte: »Tut was Ihr möget, aber wer
nichts arbeitet, bekommt auch kein Vesper. Um vier Uhr gibt's Most und
Brot, wenn Ihr gesägt habet, im anderen Fall nichts mehr bis zur
Abendsuppe.«
Most und Brot, dachte Hürlin und besann sich in schweren Zweifeln. Er
ging auch hinunter und holte die Säge wieder hervor, aber da graute ihm
doch vor der heißen mittäglichen Arbeit und er ließ das Holz liegen,
ging auf die Gasse hinaus, fand gleich einen Zigarrenstumpen auf dem
Pflaster, steckte ihn zu sich und stieg langsam die fünfzig Schritte bis
zur Wegebiegung hinan. Dort hielt er veratmend an, setzte sich abseits
der Straße an den schön erwärmten Rain, sah auf die vielen Dächer und
auf den Marktplatz hinunter, konnte im Talgrund auch seine ehemalige
Fabrik liegen sehen und weihte also diesen Platz als erster Sonnenbruder
ein, an welchem seither bis auf heute so viele von seinen Kameraden und
Nachfolgern ihre Sommernachmittage, und oft auch die Vormittage und
Abende, versessen und verduselt haben.
Die wohltuend sanfte Beschaulichkeit eines von Sorgen und Plagen
befreiten Alters, die er sich vom Aufenthalt im Spittel versprochen
hatte, und die ihm am Morgen bei der sauren Arbeit wie ein schönes
Trugbild zerronnen war, fand sich nun allmählich ein. Die Gefühle eines
für Lebzeiten vor Sorge, Hunger und Obdachlosigkeit gesicherten
Pensionärs im Busen, beharrte er mollig faul im Rasen, fühlte auf seiner
welken Haut die schöne Sonnenwärme, überschaute weithin den Schauplatz
seiner früheren Umtriebe, Arbeit und Leiden und wartete ohne Ungeduld
bis jemand käme, den er um Feuer für seinen Zigarrenstumpen bitten
könnte. Das schrille Blechgehämmer einer Spenglerwerkstatt, das ferne
Amboßgeläut einer Schmiede, das leise Knarren entfernter Lastwagen
stieg, mit einigem Straßenstaub und dünnem Rauch aus großen und kleinen
Schornsteinen vermischt, zur Höhe herauf und zeigte an, daß drunten in
der Stadt brav gehämmert, gefeilt, gearbeitet und geschwitzt würde,
während Karl Hürlin still und ungeplagt in vornehmer Entrücktheit
darüber thronte.
Um vier Uhr trat er leise in die Stube des Hausvaters, der den Hebel
seiner kleinen Strickmaschine taktmäßig hin und her bewegte. Er wartete
eine Weile, ob es nicht doch am Ende Most und Brot gäbe, aber der
Stricker lachte ihn aus und schickte ihn weg. Da ging er enttäuscht an
seinen Ruheplatz zurück, brummte vor sich hin, verbrachte eine Stunde
oder mehr im Halbschlaf und schaute dann dem Abendwerden im engen Tale
zu. Es war droben noch so warm und behaglich wie zuvor, aber seine gute
Stimmung ließ mehr und mehr nach, denn trotz seiner Trägheit überfiel
ihn eine gewaltige Langweile, auch kehrten seine Gedanken unaufhörlich
zu dem entgangenen Vesper zurück. Er sah ein hohes Schoppenglas voll
Most vor sich stehen, gelb und glänzend und mit süßer Herbe duftend. Er
stellte sich vor, wie er es in die Hand nähme, das kühle runde Glas, und
wie er es ansetzte, und wie er zuerst einen vollen starken Schluck
nehmen, dann aber langsam sparend schlürfen würde. Wütend seufzte er
auf, so oft er aus dem schönen Traum erwachte, und sein ganzer Zorn
richtete sich gegen den unbarmherzigen Hausvater, den Stricker, den
elenden Knauser, Knorzer, Schinder, Seelenverkäufer und Giftjuden.
Nachdem er genug getobt hatte, fing er an sich selber leid zu tun und
wurde weinerlich, schließlich aber beschloß er, morgen zu arbeiten.
Er sah nicht, wie das Tal bleicher und von zarten Schatten erfüllt und
wie die Wolken rosig wurden, noch die abendmilde, süße Färbung des
Himmels und das heimliche Blauwerden der entfernteren Berge; er sah nur
das ihm entgangene Glas Most, die morgen unabwendbar seiner harrende
Arbeit und die Härte seines Schicksals. Denn in derartige Betrachtungen
verfiel er jedesmal, wenn er einen Tag lang nichts zu trinken bekommen
hatte. Wie es wäre, jetzt einen Schnaps zu haben, daran durfte er gar
nicht denken.
Gebeugt und verdrossen stieg er zur Abendessenszeit ins Haus hinunter
und setzte sich mürrisch an den Tisch. Es gab Suppe, Brot und Zwiebeln,
und er aß grimmig, so lange etwas in der Schüssel war, aber zu trinken
gab es nichts. Und nach dem Essen saß er verlassen da und wußte nicht
was anfangen. Nichts zu trinken, nichts zu rauchen, nichts zu schwätzen!
Der Stricker nämlich arbeitete bei Lampenlicht geschäftig weiter, um
Hürlin unbekümmert.
Dieser saß eine halbe Stunde lang am leeren Tische, horchte auf
Sauberles klappende Maschine, starrte in die gelbe Flamme der Hängelampe
und versank in Abgründe von Unzufriedenheit, Selbstbedauern, Neid, Zorn
und Bosheit, aus denen er keinen Ausweg fand noch suchte. Endlich
überwältigte ihn die stille Wut und Hoffnungslosigkeit. Hoch ausholend
hieb er mit der Faust auf die Tischplatte, daß es knallte, und rief:
»Himmelsternkreuzteufelsludernoch'nmal!«
»Holla,« rief der Stricker und kam herüber, »was ist denn wieder los?
Geflucht wird bei mir fein nicht!«
»Ja, was ins heiligs Teufels Namen soll man denn anfangen?«
»Ja so, Langweile? Ihr dürfet ins Bett.«
»So, auch noch? Um die Zeit schickt man kleine Buben ins Bett, nicht
mich.«
»Dann will ich Euch eine kleine Arbeit holen.«
»Arbeit? Danke für die Schinderei, Ihr Sklavenhändler, Ihr!«
»Oha, nur kalt Blut! Aber da, leset was!«
Er legte ihm ein paar Bände aus dem dürftig besetzten Wandregal hin und
ging wieder an sein Geschäft. Hürlin hatte durchaus keine Lust zum
Lesen, nahm aber doch eins von den Büchern in die Hand und machte es
auf. Es war ein Kalender, und er begann die Bilder darin anzusehen. Auf
dem ersten Blatte war irgend eine phantastisch gekleidete ideale Frauen-
oder Mädchengestalt als Titelfigur abgebildet, mit bloßen Füßen und
offenen Locken. Hürlin erinnerte sich sogleich an ein Restlein
Bleistift, das er besaß. Er zog es aus der Tasche, machte es naß und
malte dem Frauenzimmer zwei große runde Brüste aufs Mieder, die er so
lange mit immer wieder benetztem Bleistift nachfuhr und ausmalte, bis
das Papier mürb war und zu reißen drohte. Er wendete das Blatt um und
sah mit Befriedigung, daß der Abdruck seiner Zeichnung durch viele
Seiten sichtbar war. Das nächste Bild, auf das er stieß, gehörte zu
einem Märchen und stellte einen Kobold oder Wüterich mit bösen Augen,
gefährlich kriegerischem Schnauzbart und aufgesperrtem Riesenmaul vor.
Begierig netzte der Alte seinen Bleistift an der Lippe und schrieb mit
großen deutlichen Buchstaben neben den Unhold die Worte: »Das ist der
Stricker Sauberle, Hausvater.«
Er beschloß, womöglich das ganze Buch so zu vermalen und
verschweinigeln. Aber die folgende Abbildung fesselte ihn stark, und er
vergaß sich darüber. Sie zeigte die Explosion einer Fabrik und bestand
fast nur aus einem mächtigen Dampf- und Feuerkegel, um welchen und über
welchem halbe und ganze Menschenleiber, Mauerstücke, Ziegel, Stühle,
Balken und Latten durch die Lüfte sausten. Das zog ihn an und zwang ihn,
sich die ganze Geschichte dazu auszudenken und sich namentlich
vorzustellen, wie es den Emporgeschleuderten wohl im Augenblick des
Ausbruches zu Mut gewesen sein möchte. Darin lag ein Reiz und eine
Befriedigung, die ihn lange in Atem hielten, denn bei aller Selbstsucht
gehörte er zu den vielen Menschen, denen anderer Leute Schicksale,
namentlich wenn sie gehörig illustriert erscheinen, viel mehr
nachzudenken und innerlich zu erleben geben als ihre eigenen.
Als er seine Einbildungskraft an diesem aufregenden Bilde erschöpft und
gesättigt hatte, fuhr er fort zu blättern und stieß bald auf ein
Bildlein, das ihn wieder festhielt, aber auf eine ganz andere Art. Es
war ein lichter, freundlicher Holzschnitt: eine schöne Laube, an deren
äußerstem Zweige ein Schenkenstern aushing, und über dem Sterne saß mit
geschwelltem Hals und offenem Schnäblein und sang ein kleiner Vogel. In
der Laube aber erblickte man um einen rohen Gartentisch eine kleine
Gesellschaft junger Männer, Studenten oder Wanderburschen, die
plauderten und tranken aus heiteren Glasflaschen einen guten Wein.
Seitwärts sah man am Rande des Bildchens eine zerfallene Feste mit Tor
und Türmen in den Himmel stehen, und in den Hintergrund hinein verlor
sich eine schöne Landschaft, etwa das Rheintal, mit Strom und Schiffen
und fernhin entschwindenden Höhenzügen. Die Zecher waren lauter junge,
hübsche Leute, glatt oder mit jugendlichen Bärten, liebenswürdige und
heitere Burschen, welche offenbar bei ihrem Wein die Freundschaft und
die Liebe, den alten Rhein und Gottes blauen Sommerhimmel priesen.
Zunächst erinnerte dieser Holzschnitt den einsamen und mürrischen
Betrachter an seine besseren Zeiten, da er sich noch Wein hatte leisten
können und an die zahlreichen Gläser und Becher guten Getränkes, die er
damals genossen hatte. Dann aber wollte es ihm vorkommen, so vergnügt
und herzlich heiter wie diese jungen Zecher sei er doch niemals gewesen,
selbst nicht vor Zeiten in den leichtblütigen Wanderjahren, da er noch
als junger Schlossergeselle unterwegs gewesen war. Diese sommerliche
Fröhlichkeit in der Laube, diese hellen, guten und freudigen
Jünglingsgesichter machten ihn traurig und zornig; er zweifelte, ob
alles nur die Erfindung eines Malers sei, verschönert und verlogen, oder
ob es auch in Wirklichkeit etwa irgendwo solche Lauben und so hübsche,
frohe und sorgenlose junge Leute gebe. Ihr heiterer Anblick erfüllte ihn
mit Neid und Sehnsucht und je länger er sie anschaute, desto mehr hatte
er die Empfindung, er blicke durch ein schmales Fensterlein für
Augenblicke in eine andere Welt, in ein schöneres Land und zu freieren
und gütigeren Menschen hinüber als ihm jemals im Leben begegnet waren.
Er wußte nicht, in was für ein fremdes Reich er hineinschaue, und daß er
dieselbe Art von Gefühlen habe wie Leute, die in Dichtungen lesen, indem
ihre Freude an der Schönheit des Dargestellten durch die Überlegung, wie
viel geringer die alltägliche Wirklichkeit sei, zu einer leichten, süßen
Trauer und Sehnsucht wird. Diese Art Trauer und Heimweh als etwas Süßes
auszukosten, verstand er vollends nicht, also klappte er das Büchlein
zu, schmiß es zornig auf den Tisch, brummte unwillig Gutnacht und begab
sich in seine Stube hinüber, wo über Bett und Diele und Truhe das
Mondzwielicht hingebreitet lag und in dem gefüllten Waschbecken leise
leuchtete. Die große Stille zu der noch frühen Stunde, das ruhige
Mondlicht und das leere, für eine bloße Schlafstelle fast zu große
Zimmer riefen in dem alten Rauhbein ein Gefühl von unerträglicher
Vereinsamung hervor, dem er leise murmelnd und fluchend erst spät in das
stille Land des Schlummers entrann.
Es kamen nun Tage, an denen er Holz sägte und Most und Brot bekam,
wechselnd mit Tagen, an denen er faulenzte und ohne Vesper blieb. Oft
saß er oben am Straßenrain, giftig und ganz mit Bosheit geladen, spuckte
auf die Stadt hinab und trug Groll und Verbitterung in seinem zuchtlosen
Herzen. Das ersehnte Gefühl, bequem in einem sicheren Hafen zu liegen,
blieb aus und statt dessen kam er sich verkauft und verraten vor, führte
Gewaltszenen mit dem Stricker auf oder fraß das Gefühl der Zurücksetzung
und Unlust und Langeweile still in sich hinein.
Mittlerweile lief der Pensionstermin eines der in Privathäusern
versorgten Stadtarmen ab, und eines Tages rückte in der Sonne als
zweiter Gast der frühere Seilermeister Lukas Heller ein.
Wenn die schlechten Geschäfte aus Hürlin einen Trinker gemacht hatten,
war es mit diesem Heller umgekehrt gegangen. Auch war er nicht wie jener
plötzlich aus Pracht und Reichtum herabgestürzt, sondern hatte sich
langsam und stetig, mit den nötigen Pausen und Zwischenstufen, vom
bescheidenen Handwerksmann zum unbescheidenen Lumpen heruntergesüffelt,
wovor ihn auch sein tüchtiges und energisches Weib nicht hatte retten
können. Vielmehr war sie, die ihm an Kräften weit überlegen schien, dem
nutzlosen Kampf erlegen und längst gestorben, während ihr nichtsnutziger
Mann sich einer zähen Gesundheit erfreute, noch einige Jahre
weiterlumpte und dann, nachdem er ruiniert und bevormundet war, träg und
ungeschwächt einem höheren Alter entgegenbummelte. Natürlich war er
überzeugt, daß er mit dem Weib so gut wie mit der Seilerei ein
unbegreifliches Pech gehabt und nach seinen Gaben und Leistungen ein
ganz anderes Schicksal verdient habe.
Hürlin hatte die Ankunft dieses Mannes mit der sehnlichsten Spannung
erwartet, denn er war nachgerade des Alleinseins unsäglich müd geworden.
Als Heller aber anrückte, tat der Fabrikant vornehm und machte sich kaum
mit ihm zu schaffen. Er schimpfte sogar darüber, daß Hellers Bett in
seine Stube gestellt wurde, obwohl er heimlich froh daran war.
Nach der Abendsuppe griff der Seiler, da sein Kamerad so störrisch
schweigsam war, zu einem Buch und fing zu lesen an. Hürlin saß ihm
gegenüber und warf ihm mißtrauisch beobachtende Blicke zu. Einmal, als
der Lesende über irgend etwas Witziges lachen mußte, hatte der andere
große Lust, ihn danach zu fragen. Als aber Heller im gleichen Augenblick
vom Buch aufschaute, offenbar bereit, den Witz zu erzählen, schnitt
Hürlin sofort ein finsteres Gesicht und tat, als sei er ganz in die
Betrachtung einer über den Tisch hinwegkriechenden Mücke versunken.
So blieben sie hocken, den ganzen langen Abend. Der eine las und blickte
zuweilen plaudersüchtig auf, der andere beobachtete ihn ohne Pause,
wandte aber den Blick stolz zur Seite, so oft jener herüberschaute. Der
Hausvater strickte unverdrossen in die Nacht hinein. Hürlins Mienenspiel
wurde immer verbissener und feindseliger, obwohl er eigentlich
seelenfroh war, nun nicht mehr allein in der Schlafstube liegen zu
müssen. Als es zehn Uhr schlug, sagte der Hausvater: »Jetzt könntet ihr
auch ins Bett gehen, ihr zwei.« Beide standen auf und gingen hinüber.
Während die beiden Männlein in der halbdunkeln Stube sich langsam und
steif entkleideten, schien Hürlin die rechte Zeit gekommen, um ein
prüfendes Gespräch anzubinden und über den lang ersehnten Haus- und
Leidensgenossen ins klare zu kommen.
»Also jetzt sind wir zu zweit,« fing er an und warf seine Weste auf den
Stuhl.
»Ja,« sagte Heller.
»Eine Saubude ist's,« fuhr der andere fort.
»So? Weißt's gewiß?«
»Ob ich's weiß! -- Aber jetzt muß ein Leben reinkommen, sag' ich, jetzt!
Jawohl.«
»Du,« fragte Heller, »ziehst du 's Hemd aus in der Nacht oder behältst's
an?«
»Im Sommer zieh ich's aus.«
Auch Heller zog sein Hemd aus und legte sich nackt ins krachende Bett.
Er begann laut zu schnaufen. Aber Hürlin wollte noch mehr erfahren.
»Schlafst schon, Heller?«
»Nein.«
»Pressiert auch nicht so. -- Gelt, du bist 'n Seiler?«
»Gewesen, ja. Meister bin ich gewesen.«
»Und jetzt?«
»Und jetzt -- kannst du mich gern haben, wenn du dumme Fragen tust.«
»Jerum, so spritzig! Narr, du bist wohl Meister gewesen, aber das ist
noch lange nichts. Ich bin Fabrikant gewesen. Fabrikant, verstanden?«
»Mußt nicht so schreien, ich weiß schon lang. Und nachher, was hast denn
nachher fabriziert?«
»Wieso nachher?«
»Frag auch noch! Im Zuchthaus mein' ich.«
Hürlin meckerte belustigt.
»Du bist wohl 'n Frommer, was. So ein Hallelujazapfen?«
»Ich? Das fehlt gerad noch! Fromm bin ich nicht, aber im Zuchthaus bin
ich auch noch nicht gewesen.«
»Hättest auch nicht hineingepaßt. Da sind meistens ganz feine Herren.«
»O jegerle, so feine Herren wie du einer bist? Freilich, da hätt' ich
mich geniert.«
»'s redet ein jeder, wie er's versteht oder nicht versteht.«
»Ja, das mein' ich auch.«
»Also sei gescheit, du! Warum hast du die Seilerei aufgesteckt?«
»Ach, laß mich in Ruh! Die Seilerei war schon recht, der Teufel ist aber
ganz wo anderst gesessen. Das Weib war schuld.«
»Das Weib? -- Hat sie gesoffen?«
»Das hätte noch gefehlt! Nein, gesoffen hab ich, wie's der Brauch ist,
und nicht das Weib. Aber sie ist schuld gewesen.«
»So? Was hat sie denn angestellt?«
»Frag nicht so viel!«
»Hast auch Kinder?«
»Ein Bub. In Amerika.«
»Der hat recht. Dem geht's besser als uns.«
»Ja, wenn's nur wahr wär. Um Geld schreibt er, der Dackel! Hat auch
geheiratet. Wie er fortgegangen ist, sag ich zu ihm: Frieder, sag ich,
mach's gut und bleib gesund; hantier, was du magst, aber wenn du
heiratest, geht's Elend los. -- Jetzt hockt er drin. Gelt, du hast kein
Weib gehabt?«
»Nein. Siehst, man kann auch ohne Weib ins Pech kommen. Was meinst?«
»Danach man einer ist. Ich wäre heut noch Meister, wenn die Dundersfrau
nicht gewesen wär.«
»Na ja!«
»Hast du was gesagt?«
Hürlin schwieg still und tat so, als wäre er eingeschlafen. Eine
warnende Ahnung sagte ihm, daß der Seiler, wenn er erst einmal recht
angefangen habe, über sein Weib loszuziehen, kein Ende finden würde.
»Schlaf nur, Dickkopf!« rief Heller herüber. Er ließ sich aber nimmer
reizen, sondern stieß noch eine Weile künstliche große Atemzüge aus, bis
er wirklich schlief.
Der Seiler, der mit seinen sechzig Jahren schon einen kürzeren Schlummer
hatte, wachte am folgenden Morgen zuerst auf. Eine halbe Stunde blieb er
liegen und starrte die weiße Stubendecke an. Dann stieg er, der sonst
schwerfällig und steif von Gliedern erschien, leicht und leise wie ein
Morgenlüftchen aus seinem Bette, lief barfuß und unhörbar zu Hürlins
Lagerstatt hinüber und machte sich an dessen über den Stuhl gebreiteten
Kleidern zu schaffen. Er durchsuchte sie mit Vorsicht, fand aber nichts
darin als das Bleistiftstümpchen in der Westentasche, das er herausnahm
und für sich behielt. Ein Loch im linken Strumpf seines Schlafkameraden
vergrößerte er mit Hilfe beider Daumen um ein beträchtliches. Sodann
kehrte er sachte in sein warmes Bett zurück und regte sich erst wieder,
als Hürlin schon erwacht und aufgestanden war und ihm ein paar
Wassertropfen ins Gesicht spritzte, da sprang er hurtig auf, kroch in
die Hosen und sagte guten Morgen. Mit dem Ankleiden hatte er es gar
nicht eilig, und als der Fabrikant ihn antrieb, vorwärts zu machen, rief
er behaglich: »Ja, geh nur einstweilen hinüber, ich komm schon auch
bald.« Der andere ging und Heller atmete erleichtert auf. Er griff
behende zum Waschbecken und leerte das klare Wasser zum Fenster in den
Hof hinaus, denn vor dem Waschen hatte er ein tiefes Grauen. Als er sich
dieser ihm widerstrebenden Handlung entzogen hatte, war er im Umsehen
mit dem Ankleiden fertig und hatte es eilig zum Kaffee zu kommen.
Bettmachen, Zimmeraufräumen und Stiefelputzen ward besorgt, natürlich
ohne Hast und mit reichlichen Plauderpausen. Dem Fabrikanten schien das
alles zu zweien doch viel freundlicher und bequemer zu gehen als früher
allein, und er fing an, dem Kameraden die freundschaftlichsten Gefühle
entgegenzubringen und sich auf ein ersprießliches und fröhliches
Zusammenleben zu freuen. Sogar die unentrinnbar bevorstehende Arbeit
flößte ihm heute etwas weniger Schrecken ein als sonst, und er ging,
wenn auch zögernd, mit fast heiterer Miene auf die Mahnung des
Hausvaters mit dem Seiler ins Höflein hinunter.
Trotz heftiger Entrüstungsausbrüche des Strickers und trotz seines zähen
Kampfes mit der Unlust des Pfleglings war in den vergangenen paar Wochen
an dem Holzvorrat kaum eine wahrnehmbare Veränderung vor sich gegangen.
Die Beuge schien noch so groß und so hoch wie je, als hätte sie die
gesegnete Haltbarkeit jenes Ölkrugs und Kades der Witwe, und das in
einer Ecke liegende Häuflein zersägter Rollen, kaum zwei Dutzend,
erinnerte etwa an die in einer Laune begonnene und in einer neuen Laune
liegengelassene spielerische Arbeit eines Kindes.
Nun sollten also die beiden Grauköpfe zu zweien daran arbeiten; es galt,
sich ineinander zu finden und einander in die Hände zu schaffen, denn es
war nur ein einziger Sägbock und auch nur eine Säge vorhanden. Nach
einigen vorbereitenden Gebärden, Seufzern und Redensarten überwanden die
Leutlein denn auch ihr inneres Sträuben und schickten sich an, das
Geschäft in die Hand zu nehmen. Und nun zeigte sich leider, daß Karl
Hürlins frohe Hoffnungen eitel Träume gewesen waren, denn sogleich trat
in der Arbeitsweise der zwei Tröpfe ein tiefer Wesensunterschied zutage.
Jeder von ihnen hatte seine besondere Art, tätig zu sein. In beider
Seelen mahnte nämlich, neben der eingebornen übermächtigen Trägheit, ein
Rest von Gewissen schüchtern zum Fleißigsein; wenigstens wollten beide
zwar nicht wirklich arbeiten, aber doch vor sich selber den Anschein
gewinnen, als seien sie etwas nütze. Dies erstrebten sie nun auf
durchaus verschiedene Weise und es trat hier in diesen abgenützten,
verwischten und scheinbar vom Schicksal zu Brüdern gemachten Männern ein
unerwarteter Zwiespalt der Anlagen und Neigungen hervor.
Hürlin hatte die Methode, zwar so gut wie nichts zu leisten, aber doch
fortwährend sehr beschäftigt zu sein oder zu scheinen. Ein einfacher
Handgriff wurde bei ihm zu einem höchst verwickelten Manöver, indem mit
jeder noch so kleinen Bewegung ein sparsam zähes Ritardando
verschwistert war; überdies erfand und übte er zwischen zwei einfachen
Bewegungen, beispielsweise zwischen dem Ergreifen und dem Ansetzen der
Säge, beständig ganze Reihen von wertlosen und mühelosen
Zwischentätigkeiten und war immer vollauf beschäftigt, sich durch solche
unnütze Plempereien die eigentliche Arbeit möglichst noch ein wenig vom
Leibe zu halten. Darin glich er einem Verurteilten, der dies und das und
immer noch etwas ausheckt, was noch geschehen und stattfinden und getan
und besorgt werden muß, ehe es ans Erleiden des Unvermeidlichen geht.
Und so gelang es ihm wirklich, die vorgeschriebenen Stunden mit einer
ununterbrochenen Geschäftigkeit auszufüllen und es zu einem Schimmer von
ehrlichem Schweiß zu bringen, ohne sich doch anzugreifen und eine
nennenswerte Arbeit zu tun.
In diesem eigentümlichen, jedoch praktischen System hatte er gehofft von
Heller verstanden und unterstützt zu werden, und fand sich nun völlig
enttäuscht. Der Seiler nämlich befolgte, seinem inneren Wesen
entsprechend, eine entgegengesetzte Methode. Er steigerte sich durch
krampfhaften Entschluß in einen schäumenden Furor hinein, stürzte sich
mit Todesverachtung in die Arbeit und wütete, daß der Schweiß rann und
die Späne flogen. Aber das hielt nur Minuten an, dann war er erschöpft,
hatte sein Gewissen befriedigt und rastete tatenlos zusammengesunken,
bis nach geraumer Zeit der Raptus wieder kam und wieder wütete und
verrauchte. Die Resultate dieser Arbeitsart übertrafen die des
Fabrikanten nicht erheblich.
Unter solchen Umständen mußte von den beiden jeder dem andern zum
schweren Hindernis und Ärgernis werden. Die gewaltsame und hastige,
ruckweise einsetzende Art des Heller war dem Fabrikanten im Innersten
zuwider, während dessen stetig träges Schäffeln wieder jenem ein Greuel
war. Wenn der Seiler einen seiner wütenden Anfälle von Fleiß bekam, zog
sich der erschreckte Hürlin einige Schritte weit zurück und schaute
verächtlich zu, indessen jener keuchend und schwitzend sich abmühte und
doch noch einen Rest von Atem übrig behielt, um Hürlin seine Faulenzerei
vorzuwerfen.
»Guck nur,« schrie er ihn an, »guck nur, faules Luder, Tagdieb du! Gelt,
das gefällt dir, wenn sich andere Leut für dich abschinden? Natürlich,
der Herr ist ja Fabrikant! Ich glaub, du wärst imstand und tätest vier
Wochen am gleichen Scheit herumsägen.«
Weder die Ehrenrührigkeit noch die Wahrheit dieser Vorwürfe regte Hürlin
stark auf, dennoch blieb er dem Seiler nichts schuldig. Sobald Heller
ermattet beiseite hockte, gab er ihm sein Schimpfen heim. Er nannte ihn
Dickkopf, Ladstock, Hauderer, Seilersdackel, Turmspitzenvergolder,
Kartoffelkönig, Allerweltsdreckler, Schoote, Schlangenfanger,
Mohrenhäuptling, alte Schnapsbouteille, und erbot sich mit
herausfordernden Gesten ihm so lang auf seinen Wasserkopf zu hauen, bis
er die Welt für ein Erdäpfelgemüs und die zwölf Apostel für eine
Räuberbande ansähe. Zur Ausführung solcher Drohungen kam es natürlich
nie, sie waren rein oratorische Leistungen und wurden auch vom Gegner
als nichts anderes betrachtet. Ein paar Mal verklagten sie einander beim
Hausvater, aber Sauberle war gescheit genug, sich das gründlich zu
verbitten.
»Kerle,« sagte er ärgerlich, »ihr seid doch bigost keine Schulbuben
mehr. Auf so Stänkereien laß ich mich nicht ein; fertig, basta!«
Trotzdem kamen beide wieder, jeder für sich, um einander zu verklagen.
Da bekam beim Mittagessen der Fabrikant kein Fleisch und als er trotzig
aufbegehrte, meinte der Stricker: »Reget Euch nicht so auf, Hürlin,
Strafe muß sein. Der Heller hat mir erzählt, was Ihr heut wieder für
Reden verführt habt.« Der Seiler triumphierte über diesen unerwarteten
Erfolg nicht wenig. Aber abends ging es umgekehrt, Heller bekam keine
Suppe und die zwei Schlaumeier merkten, daß sie überlistet waren. Von da
an hatte die Angeberei ein Ende.
Untereinander aber ließen sie sich keine Ruhe. Nur selten einmal, wenn
sie nebeneinander am Rain droben kauerten und den Vorübergehenden ihre
faltigen Hälse nachstreckten, spann sich vielleicht für eine Stunde eine
flüchtige Seelengemeinschaft zwischen ihnen an, indem sie miteinander
über den Lauf der Welt, über den Stricker, über die Armenpflege und über
den dünnen Kaffee im Spittel räsonierten oder ihre kleinen idealen Güter
austauschten, welche bei dem Seiler in einer bündigen Psychologie der
Weiber, bei Hürlin hingegen aus Wandererinnerungen und phantastischen
Plänen zu Finanzspekulationen großen Stils bestanden.
»Siehst du, wenn halt einer heiratet --« fing es bei Heller allemal an.
Und Hürlin, wenn an ihm die Reihe war, begann stets: »Tausend Mark wenn
mir einer lehnte --« oder: »Wie ich dazumal in Solingen drunten war.«
Drei Monate hatte er vor Jahren einmal dort gearbeitet, aber es war
erstaunlich, was ihm alles gerade in Solingen passiert und zu Gesicht
gekommen war.
Wenn sie sich müdgesprochen hatten, nagten sie schweigend an ihren
meistens kalten Pfeifen, legten die Arme auf die spitzen Kniee, spuckten
in ungleichen Zwischenräumen auf die Straße und stierten an den krummen
alten Apfelbaumstämmen vorüber in die Stadt hinunter, deren Auswürflinge
sie waren und der sie in ihrer Torheit schuld an ihrem Unglück gaben. Da
wurden sie wehmütig, seufzten, machten mutlose Handbewegungen und
fühlten, daß sie alt und erloschen seien. Dieses dauerte stets solange,
bis die Wehmut wieder in Bosheit umschlug, wozu meistens eine halbe
Stunde hinreichte. Dann war es gewöhnlich Lukas Heller, der den Reigen
eröffnete, zuerst mit irgendeiner Neckerei.
»Sieh einmal da drunten!« rief er und deutete talwärts.
»Was denn?« brummte der andere.
»Mußt auch noch fragen! Ich weiß was ich sehe.«
»Also was, zum Deihenker?«
»Ich sehe die sogenannte Walzenfabrik von weiland Hürlin und
Schwindelmeier, jetzt Dallas und Kompagnie. Reiche Leute das, reiche
Leute!«
»Kannst mich im Adler treffen!« murrte Hürlin.
»So? Danke schön.«
»Willst mich falsch machen?«
»Tut gar nicht not, bist's schon.«
»Dreckiger Seilersknorze, du!«
»Zuchthäusler!«
»Schnapslump!«
»Selber einer! Du hast's grad nötig, daß du ordentliche Leute
schimpfst.«
»Ich schlag dir sieben Zähne ein.«
»Und ich hau dich lahm, du Bankröttler, du naseweiser!«
Damit war das Gefecht eröffnet. Nach Erschöpfung der ortsüblichen
Schimpfnamen und Schandwörter erging sich die Phantasie der beiden
Hanswürste in üppigen Neubildungen von verwegenem Klange, bis auch dies
Kapital aufgebraucht war und die zwei Kampfhähne erschöpft und erbittert
hintereinander her ins Haus zurückzottelten.
Jeder hatte keinen anderen Wunsch, als den Kameraden möglichst
unterzukriegen und sich ihm überlegen zu fühlen, aber wenn Hürlin der
Gescheitere war, so war Heller der Schlauere, und da der Stricker keine
Partei nahm, wollte keinem ein rechter Trumpf gelingen. Die geachtetere
und angenehmere Stellung im Spittel einzunehmen, war beider sehnliches
Verlangen; sie verwandten darauf so viel Energie, Mißtrauen, Nachdenken
und geheime Zähigkeit, daß mit der Hälfte davon ein jeder, wenn er sie
seinerzeit nicht gespart hätte, sein Schifflein hätte flott erhalten
können, anstatt ein Sonnenbruder zu werden.
* * * * *
Unterdessen war die große Holzladung im Hof langsam kleiner geworden.
Den Rest hatte man für später liegen lassen und einstweilen andere
Geschäfte vorgenommen. Heller arbeitete tagweise in des
Stadtschultheißen Garten, und Hürlin war unter hausväterlicher Aufsicht
mit friedlichen Tätigkeiten wie Salatputzen, Linsenlesen,
Bohnenschnitzeln und dergleichen beschäftigt, wobei er sich nicht zu
übernehmen brauchte und doch etwas nütze sein konnte. Darüber schien die
Feindschaft der Spittelbrüder langsam heilen zu wollen, denn da sie
nimmer den ganzen Tag beisammen waren, hatte jeder in den Mußestunden
genug zu klagen und zu berichten. Auch bildete jeder sich ein, man habe
ihm gerade diese Arbeit seiner besonderen Vorzüge wegen zugeteilt und
ihm damit über den andern einen Vorrang zugestanden. So zog sich der
Sommer hin, bis schon das Laub braun anzulaufen begann und die Abende,
an denen man bis neun Uhr ohne Licht sein konnte, ein Ende nahmen.
Da begegnete es dem Fabrikanten, als er eines Nachmittags allein im
Torgang saß und sich schläfrig die Welt betrachtete, daß ein fremder
junger Mensch den Berg herunterkam, vor der Sonne stehen blieb und ihn
fragte, wo es denn zum Rathaus gehe. Hürlin war aus Langeweile höflich,
lief zwei Gassen weit mit, stand dem Fremden Rede und bekam für seine
Mühe zwei Zigarren geschenkt. Er bat den nächsten Fuhrmann um Feuer,
steckte eine an und kehrte an seinen Schattenplatz bei der Haustüre
zurück, wo er mit überschwenglichen Lustgefühlen sich dem lang
entbehrten Genusse der guten Zigarre hingab, deren letzten Rest er
schließlich noch im Pfeiflein aufrauchte, bis nur noch Asche und ein
paar braune Tropfen übrig waren. Am Abend, da der Seiler vom
Schulzengarten kam und wie gewöhnlich viel davon zu erzählen wußte, was
für feinen Birnenmost und Weißbrot und Rettiche er zum Vesper gekriegt
und wie nobel man ihn behandelt hatte, da berichtete Hürlin auch sein
Abenteuer mit ausführlicher Beredsamkeit, zu Hellers großem Neide.
»Und wo hast denn jetzt die Zigarren?« fragte dieser alsbald mit
Interesse.
»Geraucht hab' ich sie,« lachte Hürlin protzig.
»Alle beide?«
»Jawohl, alter Schwed, alle beide.«
»Auf einmal?«
»Nein, du Narr, sondern auf zweimal, eine hinter der anderen.«
»Ist's wahr?«
»Was soll's nicht wahr sein?«
»So,« meinte der Seiler, der es nicht glaubte, listig; »dann will ich
dir was sagen. Dann bist du nämlich ein Rindvieh und das kein kleines.«
»So? Warum denn?«
»Hättest eine aufgehebt, dann hättest morgen auch was gehabt. Was hast
jetzt davon?«
Das hielt der Fabrikant nicht aus. Grinsend zog er die noch übrige
Zigarre aus der Brusttasche und hielt sie dem neidischen Seiler vors
Auge, um ihn vollends recht zu ärgern.
»Siehst was? Ja gelt, so gottverlassen dumm bin ich auch nicht, wie du
meinst.«
»So so. Also da ist noch eine. Zeig einmal!«
»Halt da, wenn ich nur müßte!«
»Ach was, bloß ansehen! Ich versteh' mich darauf, ob's eine feine ist.
Du kriegst sie gleich wieder.«
Da gab ihm Hürlin die Zigarre hin, er drehte sie in den Fingern herum,
hielt sie an die Nase, roch ein wenig daran und sagte, indem er sie
ungern zurückgab, mitleidig: »Da, nimm sie nur wieder. Das ist vom
allergeringsten Kraut, von der Sorte bekommt man zwei für den Kreuzer.«
Es entspann sich nun ein Streiten um die Güte und den Preis der Zigarre,
das bis zum Bettgehen dauerte. Beim Auskleiden legte Hürlin den Schatz
auf sein Kopfkissen und bewachte ihn ängstlich. Heller höhnte: »Ja, nimm
sie nur mit ins Bett! Vielleicht kriegt sie Junge.« Der Fabrikant gab
keine Antwort, und als jener im Bett lag, legte er die Zigarre behutsam
auf den Fenstersimsen und stieg dann gleichfalls zu Nest. Wohlig
streckte er sich aus und durchkostete vor dem Einschlafen noch einmal in
der Erinnerung den Genuß vom Nachmittag, wo er den feinen Rauch so stolz
und prahlend in die Sonne geblasen hatte und wo mit dem guten Dufte ein
Rest seiner früheren Herrlichkeit und Großmannsgefühle in ihm aufgewacht
war. So hatte er früher zwischen Bureau und Fabriksaal am feinen Stengel
gesogen und sorglose, herrschaftliche, großkaufmännische Wolken
hinausgeblasen! Und dann schlief er ein und während der Traum ihm das
Bild jener versunkenen Glanzzeit vollends in aller Glorie
zurückbeschwor, streckte er schlafend seine gerötete und aus dem
Richtmaß geratene Nase mit der ganzen vornehm stolzen Weltverachtung
seiner besten Zeiten in die Lüfte.
Allein mitten in der Nacht wachte er ganz wider alle Gewohnheit
plötzlich auf, und da sah er im halben Licht den Seilersmann zu Häupten
seines Bettes stehen und die magere Hand nach der auf dem Simsen
liegenden Zigarre ausstrecken.
Mit einem Wutschrei warf er sich aus dem Bette und versperrte dem
Missetäter den Rückweg. Eine Weile wurde kein Wort gesprochen, sondern
die beiden Feinde standen einander regungslos und faselnackend
gegenüber, musterten sich mit durchbohrenden Zornblicken und wußten
selber nicht, war es Angst oder Übermaß der Überraschung, daß sie
einander nicht schon an den Haaren hatten.
»Leg die Zigarre weg!« rief endlich Hürlin keuchend.
Der Seiler rührte sich nicht.
»Weg legst sie!« schrie der andere noch einmal, und als Heller wieder
nicht folgte, holte er aus und hätte ihm ohne Zweifel eine saftige
Ohrfeige gegeben, wenn der Seiler sich nicht beizeiten gebückt hätte.
Dabei entfiel demselben aber die Zigarre, Hürlin wollte eiligst nach ihr
langen, da trat Heller mit der Ferse drauf, daß sie mit leisem Knistern
in Stücke ging. Jetzt bekam er vom Fabrikanten einen Puff in die Rippen,
und es begann eine gelinde Balgerei. Es war zum ersten Mal, daß die
beiden handgemein wurden, aber die Feigheit wog den Zorn so ziemlich
auf, und es kam nichts Erkleckliches dabei heraus. Bald trat der eine
einen Schritt vor und bald der andere, so schoben die nackten Alten ohne
viel Geräusch in der Stube herum, als übten sie einen antiken Tanz, und
jeder war ein Held und keiner bekam Hiebe. Das ging so lange, bis in
einem günstigen Augenblick dem Fabrikanten seine leere Waschschüssel in
die Hand geriet; er schwang sie wild über sich durch die Luft und ließ
sie machtvoll auf den Schädel seines unbewaffneten Feindes herabsausen.
Sonderlich weh tat es gewiß nicht, aber dieser Hauptschlag mit der
Blechschüssel gab einen so kriegerisch schmetternden Klang durchs ganze
Haus, daß sogleich die Türe ging, der Hausvater im Hemde hereintrat und
mit Schimpfen und Lachen vor den Zweikämpfern stehen blieb.
»Ihr seid doch die reinen Lausbuben,« rief er scharf, »boxet euch da
splitternackt in der Bude herum, so zwei alte Geißböcke! Packet euch ins
Bett, und wenn ich noch einen Ton hör', könnt ihr euch gratulieren.«
»Gestohlen hat er« -- schrie Hürlin, vor Zorn und Beleidigung fast
heulend. Er ward aber sofort unterbrochen und zur Ruhe verwiesen. Die
Geißböcke zogen sich murrend in ihre Betten zurück, der Stricker horchte
noch eine kleine Weile vor der Türe und auch als er fort war, blieb in
der Stube alles still. Neben dem Waschbecken lagen die Trümmer der
Zigarre am Boden, durchs Fenster sah die blasse Spätsommernacht herein
und über den beiden tödlich ergrimmten Taugenichtsen hing an der Wand
von Blumen umrankt der Spruch: »Kindlein, liebet euch untereinander!«
Wenigstens einen kleinen Triumph trug Hürlin am andern Tage aus dieser
Affäre davon. Er weigerte sich standhaft, fernerhin mit dem Seiler
nachts die Stube zu teilen, und nach hartnäckigem Widerstand mußte der
Stricker sich dazu verstehen, jenem das andere Stübchen anzuweisen. So
war der Fabrikant wieder zum Einsiedler geworden, und so gerne er die
Gesellschaft des Seilermeisters los war, machte es ihn doch schwermütig,
so daß er zum ersten Mal deutlich spürte, in was für eine hoffnungslose
Sackgasse ihn das Schicksal auf seine alten Tage gestoßen hatte.
Das waren keine fröhlichen Vorstellungen für den armen Alten. Früher war
er, ging es wie es mochte, doch wenigstens frei gewesen, hatte auch in
den elendsten Zeiten je und je noch ein paar Batzen fürs Wirtshaus
gehabt und konnte, wenn er nur wollte, jeden Tag wieder auf die
Wanderschaft gehen. Jetzt aber saß er da, rechtlos und bevogtet, bekam
niemals einen blutigen Batzen zu sehen und hatte in der Welt nichts mehr
vor sich als vollends alt und mürb zu werden und zu seiner Zeit sich
hinzulegen.
Er begann, was er sonst nie getan hatte, von einer hohen Warte am
Allpacher Straßenrain über die Stadt hinweg das Tal hinab- und
hinaufzuäugen, die weißen Landstraßen mit dem Blick zu messen und den
fliegenden Vögeln und Wolken, den vorbeifahrenden Wagen und den ab- und
zugehenden Fußwanderern mit Sehnsucht nachzublicken, als ein trauernder
Ausgeschlossener und Liegengebliebener, der nimmer mitkann. Für die
Abende gewöhnte er sich nun sogar das Lesen an, aber aus den erbaulichen
Geschichten der Kalender und frommen Zeitschriften heraus hob er oft
fremd und bedrückt den Blick, empfand, daß er mit diesen Leuten und
Begebenheiten nichts gemein und nichts zu tun habe, erinnerte sich an
seine jungen Jahre, an Solingen, an seine Fabrik, ans Zuchthaus, an die
Abende in der ehemaligen Sonne und dachte immer wieder daran, daß er nun
allein sei, hoffnungslos allein.
Der Seiler Heller musterte ihn mit bösartigen Seitenblicken, versuchte
aber nach einiger Zeit doch den Verkehr wieder ins Geleise zu bringen.
So daß er etwa gelegentlich, wenn er den Fabrikanten draußen am
Ruheplatz antraf, ein freundliches Gesicht schnitt und ihm zurief:
»Schönes Wetter, Hürlin! Das gibt einen guten Herbst, was meinst?« Aber
Hürlin sah ihn nur an, nickte träg und gab keinen Ton von sich.
Vermutlich hätte sich allmählich trotzdem wieder irgendein Fädlein
zwischen den Trutzköpfen angesponnen, denn aus seinem verstockten
Tiefsinn und Gram heraus hätte Hürlin doch ums Leben gern nach dem
nächsten besten Menschenwesen gegriffen, um nur das elende Gefühl der
Vereinsamung und Leere zeitweise loszuwerden. Der Hausvater, dem des
Fabrikanten stilles Schwermüteln gar nicht gefiel, tat auch, was er
konnte, um seine beiden Pfleglinge wieder aneinander zu bringen. Da kam
endlich allen dreien eine Erlösung, wenn schon eine zweifelhafte.
Es rückten kurz hintereinander im Laufe des September zwei neue
Ankömmlinge ein und zwar zwei sehr verschiedene.
Der eine hieß Louis Kellerhals, doch kannte kein Mensch in der Stadt
diesen Namen, da Louis schon seit Jahrzehnten den Beinamen Holdria trug,
dessen Ursprung unerfindlich ist. Er war, da er schon viele Jahre her
der Stadt zur Last fiel, bei einem freundlichen Handwerker untergebracht
gewesen, wo er es gut hatte und mit zur Familie zählte. Dieser
Handwerker war nun aber unvermutet schnell gestorben, und da der
Pflegling nicht zur Erbschaft mitgerechnet werden konnte, mußte ihn
jetzt der Spittel übernehmen. Er hielt seinen Einzug mit einem
wohlgefüllten Leinwandsäcklein, einem ungeheuren blauen Regenschirm und
einem grünbemalten Holzkäfig, darin saß ein sehr feister gewöhnlicher
Sperling und ließ sich durch den Umzug wenig aufregen. Der Holdria kam
lächelnd, herzlich und strahlend, schüttelte jedermann innig die Hand,
sprach kein Wort und fragte nach nichts, glänzte vor Wonne und
Herzensgüte, so oft jemand ihn anredete oder ansah und hätte, auch wenn
er nicht schon längst eine überall bekannte Figur gewesen wäre, es keine
Viertelstunde lang verbergen können, daß er ein gutwilliger und
ungefährlicher Schwachsinniger war.
Der zweite, der etwa eine Woche später seinen Einzug hielt, kam nicht
minder lebensfroh und wohlwollend daher, war aber keineswegs schwach im
Kopfe, sondern ein zwar harmloser, aber durchtriebener Pfiffikus. Er
hieß Stefan Finkenbein und stammte aus der in der ganzen Stadt und
Gegend von alters her wohlbekannten Landstreicher- und Bettlerdynastie
der Finkenbeine, deren komplizierte Familie in vielerlei Zweigen in
Gerbersau ansässig und anhängig war und viele Dutzende von Mitgliedern
zählte. Die Finkenbeine waren alle fast ohne Ausnahme helle und lebhafte
Köpfe, dennoch hatte es von jeher niemals einer von ihnen irgend zu
etwas Nennenswertem gebracht, denn von ihrem ganzen Wesen und Dasein war
die Vogelfreiheit und der Humor des Nichtshabens ganz unzertrennlich.
Besagter Stefan war noch keine sechzig alt und erfreute sich einer
fehlerlosen Gesundheit. Zwar war er etwas mager und fast zart von
Gliedern, aber zäh und stets wohlauf und rüstig, und auf welche schlaue
Weise es ihm gelungen war, sich bei der Gemeinde als Anwärter auf einen
Spittelsitz einzuschmuggeln und durchzusetzen, war rätselhaft. Es gab
Ältere, Elendere und sogar Ärmere genug in der Stadt. Allein seit der
Gründung dieser Anstalt hatte es ihm keine Ruhe gelassen, er fühlte sich
zum Sonnenbruder geboren und wollte und mußte einer werden. Und nun war
er da, ebenso lächelnd und liebenswürdig wie der treffliche Holdria,
aber mit wesentlich leichterem Gepäck, denn außer dem, was er am Leibe
trug, brachte er einzig einen zwar nicht in der Farbe, aber doch in der
Form wohlerhaltenen steifen Sonntagshut von altväterisch biederer
Eleganz mit. Wenn er ihn aufsetzte und ein wenig nach hinten rückte, war
Stefan Finkenbein ein klassischer Vertreter des Typus Bruder
Straubinger.
Er führte sich als einen weltgewandten, spaßhaften Gesellschafter ein
und wurde, da der Holdria schon in Hürlins Stube gesteckt worden war,
beim Seiler Heller untergebracht. Alles schien ihm gut und lobenswert zu
sein, nur die Schweigsamkeit seiner Kameraden gefiel ihm nicht. Eine
Stunde vor dem Abendessen, als alle viere beisammen draußen im Freien
saßen, fing der Finkenbein plötzlich an: »Hör' du, Herr Fabrikant, ist
das bei euch denn alleweil so trübselig? Ihr seid ja lauter
Trauerwedel.«
»Ach laß mich.«
»Na, wo fehlt's denn bei dir? Überhaupt, warum hocken wir alle so fad da
herum? Man könnte doch wenigstens einen Schnaps trinken, oder nicht?«
Hürlin horchte einen Augenblick entzückt auf und ließ seine müden
Äuglein glänzen, aber dann schüttelte er verzweifelt den Kopf, drehte
seine leeren Hosentaschen um und machte ein leidendes Gesicht.
»Ach so, hast kein Moos?« rief Finkenbein lachend. »Lieber Gott, ich
hab' immer gedacht, so ein Fabrikant, der hat's alleweil so im Sack
herumklimpern. Aber heut ist doch mein Antrittsfest, das darf nicht so
trocken vorbeigehen. Kommt nur ihr Leute, der Finkenbein hat zur Not
schon noch ein paar Kapitalien im Ziehamlederle.«
Da sprangen die beiden Trauerwedel behend auf die Füße. Den
Schwachsinnigen ließen sie sitzen, die drei anderen stolperten im
Eilmarsch nach dem Sternen und saßen bald auf der Wandbank jeder vor
einem Glas Korn. Hürlin, der seit Wochen und Monaten keine Wirtsstube
mehr von innen gesehen hatte, kam in die freudigste Aufregung. Er atmete
in tiefen Zügen den lang entbehrten Dunst des Ortes ein und genoß den
Kornschnaps in kleinen, sparsamen, scheuen Schlücken. Wie einer, der aus
schweren Träumen erwacht ist, fühlte er sich dem Leben wiedergeschenkt
und von der wohlbekannten Umgebung heimatlich angezogen. Er holte die
vergessenen kühnen Gesten seiner ehemaligen Kneipenzeit eine um die
andere wieder hervor, schlug mordsmäßig auf den Tisch, schnippte mit den
Fingern, spuckte vor sich hin auf die Diele und scharrte tönend mit der
Sohle darüber. Auch seine Redeweise nahm einen plötzlichen Aufschwung
und die volltönenden Kraftausdrücke aus den Jahren seiner Herrlichkeit
klangen noch einmal fast mit der alten brutalen Sicherheit von seinen
blauen Lippen.
Während der Fabrikant sich diesermaßen verjüngte und im Nachglanze
seines einstigen Virtuosentums und Glück sonnte, blinzelte Lukas Heller
nachdenklich in sein Gläschen und hielt die Zeit für gekommen, wo er dem
Stolzen seine Beleidigungen und den entehrenden Blechhieb aus jener
Nacht heimzahlen könnte. Er hielt sich still und wartete aufmerksam, bis
der rechte Augenblick da wäre.
Inzwischen hatte Hürlin, wie es früher seine Art gewesen war, beim
zweiten Glase angefangen ein Ohr auf die Gespräche der Leute am
Nebentisch zu haben, mit Kopfnicken, Räuspern und Mienenspiel daran
teilzunehmen und schließlich auch zwischenein ein freundschaftliches
Jaja oder Soso dareinzugeben. Er fühlte sich ganz in das schöne Ehemals
zurückversetzt und als nun das Gespräch nebenan lebhafter wurde, drehte
er sich mehr und mehr dort hinüber und nach seiner alten Leidenschaft
stürzte er sich bald mit Feuer in das Wogen und Aneinanderbranden der
Meinungen. Die Redenden achteten im Anfang nicht darauf, bis einer von
ihnen, ein Fuhrknecht, plötzlich rief: »Jeses, der Fabrikant! Ja, was
willst denn du da, alter Lump? Sei so gut und halt du deinen Schnabel,
sonst schwätz ich deutsch mit dir.«
Betrübt wendete der Angeschnauzte sich ab, aber da gab ihm der Seiler
einen Ellbogenstoß und flüsterte eifrig: »Laß dir doch von dem Jockel
das Maul nicht verbieten! Sag's ihm, dem Drallewatsch!«
Diese ehrenvolle Ermunterung entflammte sogleich das Ehrgefühl des
Fabrikanten zu neuem Bewußtsein. Trotzig hieb er auf den Tisch, rückte
noch mehr gegen die Sprecher hinüber, warf kühne Blicke um sich und rief
mit tiefem Brustton: »Nur etwas manierlicher, du, bitt ich mir aus! Du
weißt scheint's nicht, was der Brauch ist.«
Einige lachten. Der Fuhrknecht drohte noch einmal gutmütig: »Paß
Achtung, Fabrikantle! Dein Maul wenn du nicht hältst, kannst was
erleben.«
»Ich brauch nichts zu erleben,« sagte Hürlin, von Heller wieder durch
einen Stoß angefeuert, mit Würde und Nachdruck, »ich bin so gut da und
kann mitreden wie ein anderer. So, jetzt weißt du's.«
Der Knecht, der seinem Tisch eine Runde bezahlt hatte und dort den Herrn
spielte, stand auf und kam herüber. Er war der Kläfferei müde. »Geh heim
ins Spittel, wo du hingehörst!« schrie er Hürlin an, nahm den
Erschrockenen am Kragen, schleppte ihn zur Stubentüre und half ihm mit
einem Tritt hinaus. Die Leute lachten, sahen belustigt zu und fanden, es
geschehe dem Spektakler recht. Damit war der kleine Zwischenfall abgetan
und sie fuhren mit Schwören und Schreien in ihren wichtigen Gesprächen
fort.
Der Seilermeister war selig. Er veranlaßte Finkenbein, noch ein letztes
Gläschen zu spenden. Und da er den Wert dieses neuen Genossen erkannt
hatte, bemühte er sich nach Kräften, sich mit ihm anzufreunden, was
Finkenbein sich ruhig und lächelnd gefallen ließ. Dieser war vorzeiten
einmal im Hürlinschen Anwesen betteln gegangen und von dem Herrn
Fabrikanten streng hinausgewiesen worden. Trotzdem hatte er nichts gegen
ihn und stimmte den Beschimpfungen, die Heller dem Abwesenden jetzt
antat, mit keinem Worte bei. Er war besser als diese aus glücklicheren
Umständen Herabgesunkenen daran gewöhnt, der Welt ihren Lauf zu lassen
und an den Besonderheiten der Leute seinen Spaß zu haben.
»Laß nur, Seiler,« sagte er abwehrend. »Der Hürlin ist freilich ein
Narr, aber noch lang keiner von den übelsten. Da dank ich doch schön
dafür, daß wir da droben auch noch dumme Händel miteinander haben
sollen.«
Heller merkte sich das und ging gefügig auf diesen versöhnlichen Ton
ein. Es war nun auch Zeit zum Aufbrechen, so gingen sie denn und kamen
gerade recht zum Nachtessen heim. Der Tisch, an dem nunmehr fünf Leute
saßen, bot einen ganz stattlichen Anblick. Obenan saß der Stricker, dann
kam auf der einen Seite der rotwangige Holdria neben dem hageren,
verfallen und grämlich aussehenden Hürlin, ihnen gegenüber der dünn
behaarte, pfiffige Seiler neben dem fidelen, helläugigen Finkenbein.
Dieser unterhielt den Hausvater vortrefflich und brachte ihn in gute
Laune, zwischenein machte er ein paar Späße mit dem Blöden, der
geschmeichelt grinste, und als der Tisch abgeräumt und abgewaschen war,
zog er Spielkarten heraus und schlug eine Partie vor. Der Stricker
wollte es verbieten, gab es aber am Ende unter der Bedingung zu, daß »um
nichts« gespielt werde. Finkenbein lachte laut.
»Natürlich um nichts, Herr Sauberle. Um was denn sonst? Ich bin ja
freilich von Haus aus Millionär, aber das ist alles in Hürlinischen
Aktien draufgegangen -- nichts für ungut, Herr Fabrikant!«
Sie begannen denn und das Spiel ging auch eine Weile ganz fröhlich
seinen Gang, durch zahlreiche Kartenwitze des Finkenbein und durch einen
von demselben Finkenbein entdeckten und vereitelten Mogelversuch des
Seilermeisters anregend unterbrochen. Aber da stach den Seiler der
Haber, daß er mit geheimnisvollen Andeutungen immer wieder des
Abenteuers im Sternen gedenken mußte. Hürlin überhörte es zuerst, dann
winkte er ärgerlich ab. Da lachte der Seiler auf eine schadenfrohe Art
dem Finkenbein zu. Hürlin blickte auf, sah das unangenehme Lachen und
Blinzeln, und plötzlich wurde ihm klar, daß dieser an der Hinauswerferei
schuld war und sich auf seine Kosten lustig mache. Das ging ihm durch
und durch. Er verzog den Mund, warf mitten im Spiel seine Karten auf den
Tisch und war nicht zum Weiterspielen zu bewegen. Heller merkte sofort,
was los war, er hielt sich vorsichtig still und gab sich nun doppelt
Mühe, auf einem recht brüderlichen Fuß mit Finkenbein zu bleiben.
Es war nun also zwischen den beiden alten Gegnern wieder alles
verschüttet, und desto schlimmer, weil Hürlin überzeugt war, Finkenbein
habe um den Streich gewußt und ihn anstiften helfen. Dieser benahm sich
unverändert lustig und kameradschaftlich, da aber Hürlin ihn nun einmal
beargwöhnte und seine Späße und Titulaturen wie Kommerzienrat, Herr von
Hürlin usw. ruppig aufnahm, zerfiel in Bälde die Sonnenbrüderschaft in
zwei Parteien. Denn der Fabrikant hatte sich als Schlafkamerad schnell
an den blöden Holdria gewöhnt und ihn zu seinem Freund gemacht.
Von Zeit zu Zeit brachte Finkenbein, der aus irgend welchen verborgenen
Quellen her immer wieder ein bißchen kleines Geld im Sack hatte, wieder
einen gemeinsamen Kneipengang in Vorschlag. Aber Hürlin, so gewaltig die
Verlockung für ihn war, hielt sich stramm und ging niemals mehr mit,
obwohl es ihn empörte zu denken, daß Heller desto besser dabei wegkomme.
Statt dessen hockte er beim Holdria, der ihm mit verklärtem Lächeln oder
mit ängstlich großen Augen zuhörte, wenn er klagte und schimpfte oder
darüber phantasierte, was er tun würde, wenn ihm jemand tausend Mark
liehe.
Lukas Heller dagegen hielt es klüglich mit dem Finkenbein. Freilich
hatte er gleich im Anfang die neue Freundschaft in Gefahr gebracht. Er
war des Nachts einmal nach seiner Gewohnheit über den Kleidern seines
Schlafkameraden gewesen und hatte dreißig Pfennige darin gefunden und an
sich gebracht. Der Beraubte aber, der nicht schlief, sah ruhig durch
halbgeschlossene Lider zu. Am Morgen gratulierte er dem Seiler zu seiner
Fingerfertigkeit, die er höchlich lobte, forderte ihm das Geld wieder ab
und tat, als wäre es nur ein guter Scherz gewesen. Damit hatte er
vollends Macht über Heller gewonnen, und wenn dieser an ihm einen guten
und lustigen Kameraden hatte, konnte er ihm doch nicht so unverwehrt
seine Klagelieder vorsingen wie Hürlin dem seinigen. Namentlich seine
Reden über die Weiber wurden dem Finkenbein bald langweilig.
»'s ist gut, sag ich, Seilersmann, 's ist gut. Du bist auch so eine
Drehorgel mit einer ewigen Leier, hast keine Reservewalze. Was die
Weiber angeht, hast du meinetwegen recht. Aber was zuviel ist, ist
zuviel. Mußt dir eine Reservewalze anschaffen -- mal was anderes, weißt
du, sonst kannst du mir gestohlen werden.«
Vor solchen Erklärungen war der Fabrikant sicher. Und das war zwar
bequem, aber es tat ihm nicht gut. Je geduldiger sein Zuhörer war, desto
tiefer wühlte er in seinem Elend. Noch ein paarmal steckte ihn die
souveräne Lustigkeit des Taugenichts Finkenbein für eine halbe Stunde
an, daß er nochmals die großartigen Handbewegungen und Kernworte seiner
goldenen Zeit hervorlangte und übte, aber seine Hände waren doch
allmählich ziemlich steif geworden, und es kam ihm nimmer von innen
heraus. In den letzten sonnigen Herbsttagen saß er zuweilen noch unter
den welkenden Apfelbäumen, aber er schaute auf Stadt und Tal nimmer mit
Neid oder mit Verlangen, sondern fremd, wie wenn all dieses ihn nichts
mehr anginge und ihm fernläge. Es ging ihn auch nichts mehr an, denn er
war sichtlich am Abrüsten und hatte hinter sich nichts mehr zu suchen.
Das war merkwürdig schnell über ihn gekommen. Zwar war er schon bald
nach seinem Sturze, in den dürftigen Zeiten, da die »Sonne« ihm vertraut
zu werden begann, grau geworden und hatte angefangen, die Beweglichkeit
zu verlieren. Aber er hätte sich noch jahrelang herumschlagen und
manchen Schoppen trinken und manchesmal das große Wort am Wirtstisch
oder auf der Gasse führen können. Es war nur der Spittel, der ihm in die
Knie geschlagen hatte. Als er damals froh gewesen war, ins Asyl zu
kommen, hatte er nicht bedacht, daß er sich damit selber seinen besten
Faden abschneide. Denn ohne Projekte und ohne Aussicht auf allerlei
Umtrieb und Spektakel zu leben, dazu hatte er keine Gabe, und daß er
damals der Müdigkeit und dem Hunger nachgegeben und sich zur Ruhe
gesetzt hatte, das war erst sein eigentlicher Bankrott gewesen. Nun
blieb ihm nichts mehr als sein Zeitlein vollends abzuleben.
Es kam dazu, daß Hürlin allzulange eine Wirtshausexistenz geführt hatte.
Alte Gewohnheiten, auch wenn sie Laster sind, legt ein Grauhaariger
nicht ohne Schaden ab. Die Einsamkeit und die Händel mit Heller halfen
mit, ihn vollends still zu machen, und wenn ein alter Blagueur und
Schreier einmal still wird, so ist das schon der halbe Weg zum Kirchhof.
Es ist unerquicklich anzusehen, wie ein in Nichtigkeiten, Prahlerei und
Selbstsucht alt gewordener Lebenskünstler geringer Art, statt in dem ihm
zukommenden Stil etwa bei einer Schlägerei oder bei einem nächtlichen
Heimwandel von der Kneipe hinzufallen und zu verschwinden, aufs letzte
noch trübsinnig wird und als Pfuscher auf dem ihm zeitlebens fremd
gewesenen Gebiet des Sentimentalen endigt. Allein da das tägliche Leben
doch unbestreitbar ein gewaltiger Dichter ist und also keine sinnlose
Willkür üben kann, bleibt einem nichts übrig als zuzuschauen, sich zu
verwundern und sich das beste dabei zu denken. Und schließlich hat das
ja auch seine Tragik und Schönheit, wenn solch ein lebenslang
verwahrlostes und roh gebliebenes und vergewaltigtes Gemüt ganz am Ende
noch rebelliert und sein Recht haben will, mit ungelenken Flügelschlägen
taumelt und sich, da ihm nichts anderes bleibt, wenigstens noch an
Schwermut und Klage ersättigen will.
Es war vielerlei, was jetzt an dieser rüden und übel erzogenen Seele zu
rütteln und zu nagen kam, und es zeigte sich, daß sie ungeachtet ihrer
früheren Starrheit und Selbstherrlichkeit recht wenig befestigt war. Der
Hausvater war der erste, der seinen Zustand erkannte. Zum Stadtpfarrer,
als dieser einmal seinen Besuch machte, sagte er achselzuckend: »Der
Hürlin kann einem schier leid tun. Seit er so drunten ist, zwing ich ihn
ja zu keiner Arbeit mehr, aber was hilft's, das sitzt bei ihm
anderwärts. Er sinniert und studiert zu viel, und wenn ich diese Sorte
nicht kennen täte, würd ich sagen, 's ist das schlechte Gewissen und
geschieht ihm recht. Aber weit gefehlt! Es frißt ihn von innen, das
ist's, und das hält einer in dem Alter nicht lang aus, wir werden's
sehen.« Auf das hin saß der Stadtpfarrer ein paarmal beim Fabrikanten
auf seiner Stube neben dem grünen Spatzenkäfig des Holdria und sprach
mit ihm vom Leben und Sterben und versuchte irgend ein Licht in seine
Finsternis zu bringen, aber vergebens. Hürlin hörte zu oder hörte nicht
zu, nickte oder brummte, sprach aber nichts und wurde immer fahriger und
wunderlicher. Von den Witzen des Finkenbein tat ihm zuzeiten einer gut,
dann lachte er leis und trocken, schlug auf den Tisch und nickte
billigend, um gleich darauf wieder in sich hinein auf die verworrenen
Stimmen zu horchen, die ihn beschäftigten und quälten, und die er nicht
verstand.
Nach außen zeigte er nur ein stilleres und weinerlich gewordenes Wesen
und jedermann ging mit ihm um wie sonst. Nur dem Schwachsinnigen, wenn
er eben nicht ohne Verstand gewesen wäre, hätte ein Licht über Hürlins
Zustand und Verfall aufgehen können und zugleich ein Grauen. Denn dieser
ewig freundliche und friedfertige Holdria war des Fabrikanten
Gesellschafter und Freund geworden. Sie hockten zusammen vor dem
Holzkäfig, streckten dem fetten Spatzen die Finger hinein und ließen
sich picken, lehnten morgens bei dem jetzt langsam herankommenden
Winterwetter am leicht geheizten Ofen und sahen einander so
verständnisvoll in die Augen, als wären sie zwei Weise und nicht zwei
arme hoffnungslose Narren gewesen. Man sieht manchmal, daß zwei
gemeinsam eingesperrte Waldestiere einander so anblicken -- je nachdem
man will und gestimmt ist, kann man ihren Blick stumpfsinnig, drollig
oder erschreckend seelenvoll finden.
Was am heftigsten an Hürlin zehrte, das war die auf Hellers Anstiften im
Sternen erfahrene Demütigung und Schande. An dem Wirtstisch, wo er lange
Zeiten fast täglich gesessen war, wo er seine letzten Heller hatte
liegen lassen, wo er ein guter Gast, Hausfreund und Wortführer gewesen
war, da hatten Wirt und Gäste ruhig und mit Gelächter zugesehen, wie er
hinausgeworfen wurde. Er hatte es an den eigenen Knochen erfahren und
spüren müssen, daß er nimmer dorthin gehöre, nimmer mitzähle, daß er
vergessen und ausgestrichen war und keinen Schatten von Recht mehr
besaß.
Für jeden anderen bösen Streich hätte er gewiß an Heller bei der ersten
Gelegenheit Rache genommen. Aber diesmal brachte er nicht einmal die
gewohnten Schimpfworte, die ihm so locker in der Gurgel saßen, heraus.
Was sollte er ihm sagen? Der Seiler war ja ganz im Recht. Wenn er noch
der alte Kerl und noch irgend etwas wert wäre, hätte man nicht gewagt
ihn im Sternen an die Luft zu setzen. Er war fertig und konnte
einpacken.
Und nun schaute er vorwärts, die ihm bestimmte schmale und gerade
Straße, an ungezählten Reihen von leeren, dunklen, toten Tagen vorbei
dem Sterben entgegen, an das er bald fast mit Sehnsucht, bald mit
zornigem Grausen dachte. Da war alles festgesetzt, angenagelt und
vorgeschrieben, selbstverständlich und unerbittlich. Da war nicht die
Möglichkeit, eine Bilanz und ein Papierchen zu fälschen, sich in eine
Aktiengesellschaft zu verwandeln oder in Gottes Namen sich durch
Bankrott und Zuchthaus auf Umwegen wieder ins Leben hineinzuschleichen.
Denn er war jetzt keine Firma und kein Name mehr, sondern lediglich ein
mürber alter Mensch, vor dem der Abgrund des Unendlichen sich grauenhaft
geöffnet hatte und dem der dürre Rippenmann still und grinsend den
Rückzug versperrte. Und wenn der Fabrikant auf vielerlei Umstände und
Lebenslagen eingerichtet war und sich in sie zu finden wußte, so war er
doch auf diese nicht eingerichtet und wußte sich nicht in sie zu finden,
sondern bald schlug er ungebärdig abwehrend mit schwachen Greisenarmen
um sich, bald steckte er den Kopf in die Hände, machte die Augen zu und
zitterte in Angst vor der unentrinnbaren Faust, die er beständig seinem
Nacken nahe fühlte.
Der gute Finkenbein, da er allmählich ahnte, daß es bei dem Fabrikanten
erheblich spuke, gab ihm nicht selten ein ermunterndes Wort oder klopfte
ihm mit gutmütig tröstendem Lachen auf die Schulter.
»Du, Oberkommerzienrat, studier nicht so viel, du bist allweg gescheit
genug, hast so viel reiche und gescheite Leut seinerzeit eingeseift,
oder nicht? -- Nicht brummen, Herr Millionär, 's ist nicht bös gemeint.
Ist das ein Spritzigtun -- Mann Gottes, denk' doch an den heiligen Vers
über deiner Bettlade.«
Und er breitete mit pastoraler Würde die Arme aus wie zum Segnen und
sprach mit Salbung: »Kindlein, liebet euch untereinander!«
»Oder paß auf, wir fangen jetzt eine Sparkasse an und wenn sie voll ist,
kaufen wir der Stadt ihren schäbigen Spittel ab und tun das Schild raus
und machen die alte Sonne wieder auf, daß Öl in die kranke Maschine
kommt. Was meinst?«
»Fünftausend Mark wenn wir hätten --« fing Hürlin zu rechnen an, aber da
lachten die anderen; er brach ab, seufzte und fiel in sein Brüten und
Stieren zurück.
Während es vollends Winter wurde, sah man ihn stiller und ruheloser
werden. Er hatte die Gewohnheit angenommen, tagaus tagein in der Stube
hin und wieder zu traben, einmal grimmig, einmal angstvoll, ein andermal
lauernd und tückisch. Sonst aber störte er niemand. Der Holdria leistete
ihm häufig Gesellschaft, schloß sich in gleichem Tritt seinen
Dauerläufen durchs Zimmer an und beantwortete nach Kräften die Blicke,
Gestikulationen und Seufzer des unruhigen Wanderers, der beständig vor
dem bösen Geiste auf der Flucht war, den er doch in sich trug. Wenn er
sein Leben lang schwindelhafte Rollen geliebt und mit wechselndem Glücke
gespielt hatte, so war er nun dazu verurteilt, ein verzweifelt trauriges
Ende mit seinen hanswurstmäßigen Manieren durchspielen zu müssen. Er
spielte denn auch miserabel und lächerlich genug, aber wenigstens war
die Rolle echt und der frühere Poseur trat nun zum ersten Mal und nicht
zu seinem Vorteil ohne Maske auf. Die Ahnung des Ewigen und der Durst
nach dem Unaussprechlichen, der auch dieser Seele eingeboren und ein
ganzes Leben lang vergessen und vernachlässigt worden war, fand nun, da
er überquoll, nach keiner Seite hin seinen Ausdruck und gebärdete sich
in Grimassen, Bewegungen und Tönen seltsamster Art absurd und lächerlich
genug. Aber er war doch eine echte Kraft, und dieses sich selber nicht
verstehende Sterbenwollen war gewiß seit Jahrzehnten die erste
großartige und im höheren Sinn vernünftige Regung dieser geringen Seele.
Zu den Sprüngen und Kapriolen des aus dem Geleise Gekommenen gehörte es,
daß er neuerdings mehrmals am Tage unter seine Bettstatt kroch, das alte
Sonnenschild hervorholte und einen sehnsüchtig närrischen Kultus damit
trieb, indem er es bald feierlich vor sich hertrug wie ein heiliges
Schaustück, bald vor sich aufpflanzte und mit verzückten Augen
betrachtete, bald wütend mit Fäusten schlug, um es dann sogleich wieder
sorglich zu wiegen, zu liebkosen und endlich an seinen verborgenen Ort
zurück zu bringen. Als er diese symbolischen Possen anfing, verlor er
seinen Rest von Kredit bei den Sonnenbrüdern und wurde gleich seinem
Freunde Holdria als völliger Narr behandelt und besprochen. Namentlich
der Seiler sah ihn mit unverhohlener Verachtung an, hänselte und
demütigte ihn wo er konnte und ärgerte sich, daß Hürlin das kaum zu
merken schien.
Einmal nahm er ihm sein Sonnenschild und versteckte es in einer anderen
Stube. Als Hürlin es holen wollte und nicht fand, irrte er eine Zeit im
Haus umher, dann suchte er wiederholt am alten Orte danach, dann
bedrohte er der Reihe nach alle Hausgenossen, den Stricker nicht
ausgenommen, mit machtlos wütenden Reden und Lufthieben, und als alles
das nichts half, setzte er sich an den Tisch, legte den Kopf in die
Hände und brach in ein jammervolles Heulen aus, das eine halbe Stunde
dauerte. Das war dem mitleidigen Finkenbein zu viel. Er gab dem zu Tod
erschreckenden Seiler einen mächtigen Fausthieb und zwang ihn, das
versteckte Kleinod sogleich herbeizubringen.
Der zähe Fabrikant hätte trotz seiner fast weiß gewordenen Haare noch
manche Jahre leben können. Aber der Wille zum Sterben, der wenn auch
unverstanden in ihm arbeitete, fand bald einen Ausweg und machte der
unschönen tragischen Komödie ein erwünschtes Ende. In einer
Dezembernacht konnte der alte Mann zufällig nicht schlafen. Im Bett
aufsitzend gab er sich seinen öden Gedanken hin, stierte über die
dunklen Wände hin und kam sich verlassener vor als je. In Langeweile,
Angst und Trostlosigkeit stand er schließlich auf, ohne recht zu wissen
was er tue, nestelte seinen hanfenen Hosenträger los und hängte sich
damit geräuschlos an der Türangel auf. So fand ihn am Morgen der Holdria
und der auf des Narren ängstliches Geschrei herübergekommene Hausvater.
Das Gesicht war ein wenig bläulicher geworden, sonst war wenig daran zu
entstellen gewesen.
Schrecken und Überraschung waren nicht klein, aber von sehr kurzer
Dauer. Nur der Schwachsinnige flennte leise in seinen Kaffeetopf hinein,
alle anderen wußten oder fühlten, daß dieses Ende des Fabrikanten nicht
zur unrechten Zeit gekommen war, und daß es weder zur Klage noch zur
Entrüstung hinreichende Veranlassung biete. Auch hatte ihn ja niemand
lieb gehabt.
Natürlich stürzten sich auch ein paar Winkelredakteure auf den
interessanten Fall und teilten in ihren Schundblättlein den Lesern nebst
den nötigen moralischen Posthaltern die Tatsache mit, daß der einst
nicht unbekannte Bankrotteur Karl Hürlin nunmehr verdientermaßen im
Armenhaus als Selbstmörder geendet habe.
* * * * *
Wie seinerzeit der Finkenbein als vierter Gast in den Spittel gekommen
war, hatte man in der Stadt einige Klagen darüber vernommen, daß das
kaum gegründete Asyl sich so ungehörig rasch bevölkere. Nun war schon
einer von den Überzähligen verschwunden. Und wenn es wahr ist, daß die
Armenhäusler meistens merkwürdig gedeihen und zu hohen Jahren kommen, so
ist es doch ebenso wahr, daß selten ein Loch bleibt wie es ist, sondern
um sich fressen muß. So ging es auch hier; in der kaum erblühten
Lumpenkolonie war nun einmal der Schwund ausgebrochen und wirkte weiter.
Zunächst schien freilich der Fabrikant vergessen und sonst alles beim
alten zu sein. Lukas Heller führte, soweit Finkenbein es zuließ, das
große Wort, machte dem Stricker das Leben sauer und wußte von seinem
bißchen Arbeit noch die Hälfte dem willigen Holdria aufzuhalsen. So
fühlte er sich sehr wohl und heiter, begann sich im Neste warm zu sitzen
und beschloß, unter so behaglichen Umständen sich keine Sorgen zu machen
und jedenfalls noch reichliche Jahre in diesem Wohlleben zu verweilen,
der Gemeinde zum Ärger und sich zum Pläsier. Er war nun, nach Hürlins
Tode, der älteste von den Sonnenbrüdern, fühlte sich ganz heimisch und
hatte nie in seinem Leben sich so im Einklang mit seiner Umgebung und
Lebensstellung befunden, deren ob auch ärmliche, doch sturmsichere Ruhe
und Trägheit ihm Zeit ließ, sich zu dehnen und zu fühlen und sich als
ein achtungswerter und nicht unwesentlicher Teil der Gesellschaft, der
Stadt und des Weltganzen vorzukommen. Ihm war es seelenwohl dabei, den
Umtrieb hinter sich und vor sich die Aussicht in träge, sorgenlose Jahre
zu haben.
Anders erging es dem Finkenbein. Das ideale Bild, das seine lebhafte
Phantasie sich einst vom Leben eines Sonnenbruders erdacht und herrlich
ausgemalt hatte, war ganz anders gewesen als was er in Wirklichkeit hier
gefunden und gesehen hatte. Zwar blieb er dem Ansehen nach ganz der alte
Leichtfuß und Spaßmacher, genoß freudig das gute Bett, den warmen Ofen
und die solide, reichliche Kost und schien keinen Mangel zu empfinden.
Er brachte auch immer wieder von geheimnisvollen Ausflügen in die Stadt
ein paar Nickel für Schnaps und Tabak mit, an welchen Gütern er den
Seiler ohne Geiz teilhaben ließ. Auch fehlte es ihm selten an einem
Zeitvertreib, da er gaßauf gaßab jedes Gesicht kannte und wohlgelitten
war, so daß er in jedem Torgang und vor jeder Ladentüre, auf Brücke und
Steg, neben Lastfuhren und Schiebkarren her, sowie im Sternen, im Leuen
und im scharfen Eck jederzeit mit jedermann sich des Plauderns erfreuen
konnte.
Trotzdem aber war ihm nicht recht wohl in seiner Haut. Denn einmal waren
Heller und Holdria als tägliche Kameraden von geringem Wert für ihn, der
mit flotteren und ergiebigeren Leuten umgehen konnte, und dann drückte
ihn je länger je mehr die Regelmäßigkeit dieses Lebens, das für
Aufstehen, Essen, Arbeiten und Zubettgehen feste Stunden vorschrieb.
Schließlich, und das war die Hauptsache, war dies Leben zu gut und zu
bequem für ihn. Er war gewohnt, Hungertage mit Schlemmertagen zu
wechseln, bald auf Linnen und bald auf Stroh zu schlafen, bald bewundert
und bald angeschnauzt zu werden. Er war gewohnt, nach Belieben
umherzustreifen, die Polizei zu fürchten, kleine Geschäfte und Streiche
an der Kunkel zu haben und von jedem lieben Tag etwas Neues zu erwarten.
Diese Freiheit, Armut, Beweglichkeit und beständige Spannung fehlte ihm
hier vollkommen und bald sah er ein, daß der mit vielen Listen und
Schikanen ermöglichte Eintritt in den Spittel nicht, wie er gemeint
hatte, sein Meisterstück, sondern ein dummer Streich mit betrüblichen
und lebenslangen Folgen gewesen war.
Freilich, wenn es in dieser Hinsicht dem Finkenbein wenig anders erging
als vorher dem Fabrikanten, so war er in allem übrigen dessen fertiges
Gegenteil. Vor allem ließ er den Kopf nicht hängen wie jener und ließ
die Gedanken nicht ewig auf demselben leeren Felde der Trauer und
Ungenüge grasen, sondern hielt sich munter, ließ die Zukunft möglichst
außer Augen und tändelte sich leichtfüßig von einem Tag in den andern.
Er gewann dem Stricker, dem Simpel, dem Seiler Heller, dem fetten
Sperling und der ganzen Sachlage nach Möglichkeit die fidele Seite ab
und hatte aus seinem früheren Leben die bequeme Virtuosengewohnheit
herübergebracht, niemals über die gegenwärtige Lage hinaus Pläne zu
machen und Wünsche und Hoffnungen zu verankern. Damit gelang es ihm auch
jetzt noch, da er doch für allezeit versorgt und versichert war, das
Leben der Vöglein und Fliegen zu führen, und das tat nicht ihm allein,
sondern dem ganzen Hause gut, dessen tägliches Leben durch ihn einen
Hauch von Freisinn und zierlicher Heiterkeit bekam. Den konnte es
freilich nötig brauchen, denn zur Erheiterung und Verschönerung der
gleichförmigen Tage hatten Sauberle und Heller aus eigenen Mitteln
ungefähr so wenig wie der gute Wasserkopf Holdria beizusteuern.
Es liefen also die Tage und Wochen so leidlich hin, und wenn es nicht
immer fröhlich herging, gab es doch auch keine Händel und Ärgernisse.
Der Hausvater schaffte und sorgte sich müd und mager, der Seiler genoß
eifersüchtig sein billiges Wohlsein, der Finkenbein drückte ein Auge zu
und hielt sich an der Oberfläche, der Holdria blühte in ewigem
Seelenfrieden und nahm an Liebenswürdigkeit, gutem Appetit und
Beleibtheit täglich zu. Das Idyll wäre fertig gewesen. Allein es ging
inmitten dieses nahrhaften Friedens der hagere Geist des toten
Fabrikanten um. Das Loch mußte um sich fressen.
Und so geschah es an einem Mittwoch im Februar, daß Lukas Heller morgens
eine Arbeit im Holzstall zu tun hatte, und da er noch immer nicht anders
als ruckweise und mit langen Pausen fleißig sein konnte, kam er in
Schweiß, ruhte unter der Türe aus und bekam Husten und Kopfweh. Zu
Mittag aß er kaum die Hälfte wie sonst, nachmittags blieb er beim Ofen
und zankte, hustete und fluchte gewaltig, und abends legte er sich schon
um acht ins Bett. Am andern Morgen holte man den Doktor. Diesmal aß
Heller um Mittag gar nichts, etwas später ging das Fieber los, in der
Nacht mußten der Finkenbein und der Hausvater abwechselnd bei ihm
wachen. Tags darauf starb der Seiler, widerwillig, neidisch und
keineswegs geduldig und lärmlos, und die Stadt war wieder einen
Kostgänger los geworden, was niemand zu Verdruß gereichte.
Sie sollte es aber bald noch besser bekommen. Es brach nämlich im März
ein ungewöhnlich frühes Sommerwetter und Wachstum an. Die großen Berge
und die kleinen Straßengräben wurden grün und jung, die Straße war von
plötzlich aufgetauchten Hühnern, Enten und Handwerksburschen fröhlich
bevölkert und durch die Lüfte stürzten sich mit freudigem Schwunge große
und kleine Vögel.
Dem Finkenbein war es in der zunehmenden Vereinsamung und Stille des
Hauses immer enger und bänglicher ums Herz geworden. Die beiden
Sterbefälle schienen ihm bedenklich und er kam sich immer mehr wie einer
vor, der auf einem untersinkenden Schiffe als Letzter am Leben blieb.
Nun roch und lugte er stündlich zum Fenster hinaus in die Wärme und
milde Frühjahrsbläue hinein. Es gärte ihm in allen Gliedern und sein
jung gebliebenes Herz, da es den lieben Frühling witterte, gedachte
alter Zeiten und begann zu überlegen, ob nicht auch ihm bei diesem
allgemeinen Quellen, Sprossen und Wohlergehen vielleicht ein Lenz
beschieden sei.
Eines Tages brachte er aus der Stadt nicht nur ein Päcklein Tabak und
einige neueste Neuigkeiten, sondern auch in einem schäbig alten
Wachstüchlein zwei neue Papiere mit, welche zwar schöne Schnörkel und
feierliche blaue Amtsstempel trugen, aber nicht vom Rathaus geholt
waren. Wie sollte auch ein so alter und kühner Landfahrer und
Türklinkenputzer die zarte und geheimnisvolle Kunst nicht verstehen, auf
sauber geschriebene Papiere beliebige alte oder neue Stempel zu
übertragen. Nicht jeder kann und weiß es, und es gehören feine Finger
und eine gute Übung dazu, von einem frischen Ei die dünne innere Haut zu
lösen und makellos auszubreiten, die Stempel eines alten Heimatscheins
und Wanderpasses darauf abzudrücken und reinlich von der feuchten Haut
aufs neue Papier zu übertragen.
Und wieder eines Tages war Stefan Finkenbein ohne Sang und Klang aus
Stadt und Gegend verschwunden. Er hatte auf die Reise seinen hohen,
steifen Straubingerhut mitgenommen und seine in völliger Auflösung
begriffene alte Wollenkappe als einziges Andenken zurückgelassen. Die
Behörde stellte eine kleine vorsichtige Untersuchung an. Da man aber
bald gerüchtweise vernahm, er sei in einem benachbarten Oberamt lebendig
und vergnügt in einer beliebten Kundenherberge erblickt worden, und da
man kein Interesse daran hatte, ihn ohne Not zurückzuholen, seinem
etwaigen Glücke im Weg zu stehen und ihn auf Stadtkosten weiter zu
füttern, wurde auf fernere Nachforschungen klug verzichtet und man ließ
den losen Vogel mit den besten Wünschen fliegen wohin er mochte. Es kam
auch nach sechs Wochen eine Postkarte von ihm aus dem Bayrischen, worin
er dem Stricker schrieb: »Geehrter Herr Sauberle, ich bin in Bayern. Es
ist hier ziemlich kälter. Wissen Sie was? Nehmen Sie den Holdria und
seinen Spatz und lassen sie für Geld sehen. Wir können dann mitnander
drauf reisen. Wir hängen dann dem Hürlin selig sein Schild raus. Ihr
getreuer Stefan Finkenbein, Turmspitzenvergolder.«
Vielleicht hätte in dem fast geleerten Neste das Verhängnis noch weiter
gewütet, aber der dermalige letzte Sonnenbruder Holdria war allzu
schuldlos und allzu seßhaft. Es sind seit Hellers Tode und Finkenbeins
Auszug fünfzehn Jahre vergangen und der Blöde haust noch immer feist und
rotbackig in der ehemaligen Sonne. Er ist zuerst eine Zeitlang allein
geblieben. Die zahlreichen Aspiranten hielten sich eine gute Weile
bescheiden und ängstlich zurück, denn der schauervolle Tod des
Fabrikanten, das schnelle Wegsterben des zähen Seilers und die Flucht
Finkenbeins hatten sich zur allbekannten Moritat gestaltet und umgaben
etwa ein halbes Jahr lang den Wohnsitz des Blödsinnigen mit
blutrünstigen Sagen und Schreckensgeschichten. Allein nach dieser Zeit
trieb die Not und die Trägheit wieder manche Gäste in die alte Sonne
hinauf und der Holdria ist von da an nie mehr allein dort gesessen.
Kuriose und langweilige Brüder hat er kommen, mitessen und sterben sehen
und ist zurzeit der Senior einer Hausgenossenschaft von sieben Kumpanen,
den Hausvater nicht mitgerechnet. An warmen, angenehmen Tagen sieht man
sie häufig vollzählig am Rain des Bergsträßleins hocken, kleine
Stummelpfeifen rauchen und mit verwitterten Gesichtern und
verschiedenartigen Gefühlen auf die inzwischen talauf und talabwärts
etwas größer gewordene Stadt hinunterblicken.