Garibaldi

Dieser Tage fuhr ich in der Eisenbahn von Steckborn nach Konstanz. Durch

Obstbäume glänzte mattrot der abendliche Untersee, Bauerngärten mit

Geranien, Fuchsien und Georginen leuchteten durch braun und grüne

Lattenzäune, jenseits des Wassers lag die Reichenau und über Ried und

Rebbergen das hohe Horner Kirchlein goldig umleuchtet in der milden

Abendklarheit. Es war noch heiß und ich hatte streng rudern müssen, um

den Zug noch zu erreichen. Nun saß ich müde und gedankenlos allein in

der Wagenecke und sah durchs offene Fenster die wohlbekannten Berge,

Matten und Wasser im roten Abenddunst verglühen.

Der Wagen war fast leer. Ein paar Bänke weiter saßen zwei grauhaarige

Herren in lebhaftem Gespräch beisammen. Ich war zu müd und teilnahmlos,

um etwas davon zu verstehen; ich hörte nur die einzelnen Worte und nahm

wahr, daß der eine von den Redenden ein Thurgauer vom See, der andere

aber ein Zürcher sein müsse, der Sprache nach zu urteilen. Dann

interessierte mich auch das nicht mehr, ich lehnte mich träg in die Ecke

und begann zu gähnen.

Da hörte ich in dem benachbarten Gespräch plötzlich mehrmals den Namen

Garibaldi nennen und war verwundert, daß dieses Wort mich so merkwürdig

erregte. Was ging mich Garibaldi an?

»Ja wohl, der Garibaldi!« rief da wieder der Thurgauer laut, und die

Betonung, mit der er den Namen aussprach, weckte mich aus meiner

Stumpfheit und zwang mich, dem lang nicht mehr gehörten Klange folgend

lange Erinnerungswege zu wandern, zurück und weiter zurück bis in die

Zeiten, in denen jener Name mir vertraut und wichtig gewesen war. Aus

kühlen Brunnentiefen ferner Kinderjahre wehte mich ein fremder, starker

Heimwehzauber an. Und als ich spät am Abend von Konstanz zurück war und

dann langsam durch die bleiche Seenacht meinem Dorfe entgegen fuhr, als

der leise laue Wind im Segel sang und seltene Rufe aus entfernten

Fischerbooten übers Wasser wehten, stand ein Stück Kinderzeit und

halbvergessenes, glückliches Ehemals neu und lebendig vor mir auf.

* * * * *

Garibaldi war ein Märchen, ein Phantasiebild, eine Dichtung.

Eigentlich hieß er Schorsch Großjohann, wohnte jenseits unseres

gepflasterten Hofes und trieb das dunkle Gewerbe eines Winkelreinigers,

das ihn kümmerlich ernährte. Ich wurde aber zehn Jahre alt, ehe ich

seinen eigentlichen Namen erfuhr; bis dahin hörte ich ihn nie anders als

den Garibaldi nennen und wußte nicht, daß schon dieser Name, der mir so

wohl gefiel, eine Dichtung war. Ihn hatte meine Mutter erfunden, und da

ich ohne meine Mutter nie zum Träumespinner und Fabulierer geworden

wäre, war es billig, daß sie auch bei jenem Kindermärchen Pate stand.

Sie hatte das Bedürfnis und auch die Gabe, ihre ganze Umgebung beständig

nach ihrem eigenen, lebhaften Geist zu gestalten und zu benennen, und

ich darf von dieser ihrer Zauberkunst nicht zu reden anfangen, da ich

sonst kein Ende fände.

So hatte sie auch, schon lang vor meiner Geburt, mit dem alten

Winkelreiniger Großjohann, den man täglich mehrmals über unsern Hof

gehen sah und mit dem man doch kaum alle Jahr einmal ein Wörtlein

sprach, nichts anzufangen gewußt. Dem schmierigen Winkelreiniger half es

nichts, daß er eine mächtige, wetterfeste Figur, breite Schultern und

ein abenteuerlich kriegerisches Gesicht mit greisem, langem Doppelbart

besaß; an ihm war das nur lächerlich. Aber sobald man ihn Garibaldi

nannte, war er seines stolzen Äußeren würdig, dann umwitterte ihn statt

des Winkelgestankes eine heroische Luft und war es jedesmal ein Erlebnis

und eine Freude, ihm zu begegnen. Meine Mutter wünschte stets unter

Menschen und Sachen zu leben, deren Anblick ihr jedesmal ein Erlebnis

und eine Freude war. So nannte sie den alten Nachbar Garibaldi.

Ich kleiner Bub wußte vom wahren, historischen Garibaldi, dessen Bild

und Taten meiner Mutter wohlbekannt waren, damals noch kein Wort. Aber

der stattliche welsche Name machte mir großen Eindruck und hüllte den

Schorsch Großjohann wie eine sagenhafte Wunderwolke ein.

Soweit war Garibaldi die Schöpfung meiner Mutter. Ohne davon eine Ahnung

zu haben, dichtete ich nun an ihm weiter und machte ihn zu einem

seltsamen Helden, dessen Leben ich mitlebte und dessen Schicksale mich

wie eigene Schicksale bewegten, ohne daß ich je ein Wort mit ihm

gesprochen hätte. Fast jeden Tag sah ich ihn ein oder zweimal in seiner

Tätigkeit, außerdem abends im Hof oder hinter den niederen Fensterchen

seiner Wohnung.

Er war damals schon bald siebzig und, wenn man auf Kleidung und

Reinlichkeit nicht allzu streng achten wollte, ein schöner Greis. Das

Kriegerische, das er an sich hatte, bestand neben der großen sehnigen

Gestalt hauptsächlich in der braunen Gesichtsfarbe und in dem langen,

gelblichgrauen, stark verwilderten Haar und Bart. Wenn man das Gesicht

genauer aufschaute und mit dem äußeren Wesen und Lebenswandel des alten

Mannes zusammenhielt, kam eher ein milder Charakter heraus. Mund und

Nase zwar waren fest, scharf und schneidig geformt, aber die große

stille Stirn wies weder Narben noch tiefe Falten auf, sondern glich etwa

einer abendlichen Straße, auf welcher das Leben vollends eindämmert oder

wo Wanderer, Wagen und Rosse, das sind Gedanken, Hoffnungen und

Leidenschaften schon so lange vorübergebraust und gefahren sind, daß

ihre Spuren sich wieder zu glätten beginnen. Dies bestätigten auch die

hellgrauen Augen. Sie waren noch klar und scharf und saßen klein und

wachsam über der braunen Hakennase, aber der Blick zeigte eine etwas

müde Ruhe, als suche er in diesen späten Tagen auf Erden keine Ziele

mehr.

Schön und merkwürdig war in diesem gefestigten und stillgewordenen

Angesicht ein manchmal auftauchendes, ganz schwaches Lächeln der Ruhe

und leidlosen Resignation, wenn der alte Schorsch etwa einem Festzug,

einem Kinderauflauf, einer Prügelei oder dergleichen zuschaute. Wenn

hinter diesem Lächeln irgend ein bewußter Gedanke stand, so war es der

eines ironisch zuschauenden, überlegen Unbeteiligten, dem die

Wichtigkeit dieser kleinen menschlichen Händel schon lange lächerlich

und kindlich vorkam.

»Hauet einander nur,« sagte dieses Lächeln, »hauet nur zu! Und

meinetwegen könnt ihr ja Feste feiern, wenn's euch Spaß macht. Was

kümmert's mich?«

Mein Verstand war noch viel zu klein, um diese Züge zu lesen und sich

einen Reim darauf zu machen. Aber meine Phantasie nahm von dem stillen

Alten Besitz und ließ ihn nicht los, sie liebte ihn und schuf ihn zu

einem Wesen um, das mir viel ferner und fremder war als er selber und

das doch zu mir gehörte und zum Helden meiner Gedanken wurde, während

der Schorsch selber jahraus jahrein mir vorüberging und unbekannt blieb.

Und wenn ich nun vom alten Garibaldi erzähle, ist es mehr Geträumtes als

Gesehenes, aber lauter Erlebtes, und vielleicht ist das Erfundene so

wahr wie das Gesehene; vielleicht erlebte meine Phantasie nichts anderes

als was der Alte hätte erleben können und sollen, wenn er nur dazu

gekommen wäre.

* * * * *

Vom Hofe aus führte eine kaum fußbreite, schadhafte und überhängende

steinerne Treppe, ein richtiger Halsbrecher, an der alten, weit

ausgebauchten Bergmauer hin in ein winziges Gärtchen hinauf, das dem

Nachbar Staudenmeyer gehörte. Gärtchen ist eigentlich schon viel gesagt,

denn das zwischen zwei in den Berg hinein gebauten Hinterhäusern und

einer jähen Terrassenmauer eingeklemmte Stück abschüssigen Bodens war

nicht größer als eine tüchtige Stube. Vom Berge her schwemmte jeder

Regen eine Menge Sand herab und nahm dafür die gute schwarze Erde mit,

und auf der einen Seite stand das Dach des daraufstoßenden Hauses so

weit über, daß man dort in Wirklichkeit kaum das Gefühl haben konnte, im

Freien zu sein. Die Nachbarin hatte, noch außer der Witterung und dem

Unkraut, um den Besitz ihres Fleckchens Erde ohne Unterlaß mit einer

großen Schar von verwilderten Katzen und mit einer nicht kleineren Horde

strohblonder Kinder zu kämpfen. Beide, Kinder und Katzen, entstammten

der benachbarten, steilen und finsteren Armutgasse, wilderten üppig in

dem Winkel dort herum, waren nicht auseinander zu kennen und so wenig

mit Erfolg zu bekriegen wie ein Mückenschwarm. Allmählich wurde also

Frau Staudenmeyer des Kämpfens müde und das Gärtlein fiel ganz den

ungebetenen Gästen anheim. Es wucherten nun auf dem verwahrlosten Platze

alte Stachelbeerstauden mit einem geilen, niemals Früchte reifenden

Erdbeergeschlinge samt vielerlei Unkräutern zu einem grünen Wirrwarr

zusammen, aus welchem hier und dort ein Rest der ehemaligen

Gartenherrlichkeit, etwa ein himmelhoch aufgeschossener Salatstock oder

eine faustgroße Zwiebelblüte hervorragte.

Im Sommer und Herbst, wenn an schönen Tagen abends noch Sonne dort

hinunter kam und die feuchten Mauern erwärmte, dann erschien gegen

sieben Uhr der greise Garibaldi im Hof, stieg langsam die schmalen

Steinstaffeln zum Gärtchen hinauf und setzte sich auf den ausgetretenen

obersten Treppenstein. Dort ruhte er schweigend in der schwachen

Spätsonne, tat seltene Züge aus einer schwarzgebrannten, kurzen

Holzpfeife und gab nur, wenn etwa ein Nachbar ihn vom Fenster aus

anrief, ein kurzes Wort zurück. Sonst redete er keinen Ton, sondern saß

regungslos auf dem schmalen Stein und ruhte und rauchte, bis es dunkelte

und kühl wurde. Über und unter ihm rumorten die Kinder, rauften und

zankten miteinander, fraßen unreife Beeren und erfüllten die goldige

Abendluft mit Gelächter, Geschrei und Gewimmer. Sie hieben einander die

Köpfe blutig, stahlen einander das Vesperbrot, fielen über die Mauer

herab und schrien Mordio. Den Alten berührte es nicht, obwohl er

ungezählte Enkel und Großneffen unter der Horde hatte. Wenn einmal etwas

Besonderes los war und das Geschrei zum Gebrüll anwuchs, drehte er den

verwitterten Kopf vielleicht ein wenig danach hinüber und auf seine

schmalen Lippen trat für einen flüchtigen Augenblick das kühle,

gleichgültige Lächeln, mit welchem er den Lauf der Ereignisse zu

betrachten gewohnt war.

Er hatte an anderes zu denken als an das kleine Zeug um ihn herum.

Während sein brauner Daumen die Glut in die Holzpfeife zurück stopfte,

verweilte seine Erinnerung weit von hier, in alten Zeiten und fremden

Ländern, in wilden Feldzügen und auf weiten, abenteuerlichen Raub- und

Wanderfahrten.

Er sah Höfe und Dörfer in Brand stehen und mit langen, unwilligen

Flammen durch die Nacht gen Himmel klagen. Er sah auf verlassenen

Straßen und auf den Türschwellen verlassener Häuser Erschlagene in

schmutzigen Blutlachen liegen, krepierte Pferde und zertrümmerte Wagen,

dazwischen herrenlos umherirrendes Vieh und verlaufene, weinende Knaben

und Mädchen.

Kam dann etwa eins von seinen strohblonden, verwahrlosten Enkelkindern

hergelaufen und bettelte: »Großvater, schenk' mir was!«, dann streifte

er es mit flüchtigem Blick und setzte, ohne eine Antwort zu geben, sein

spöttisch stilles Lächeln auf, und das Kind lief wieder weg. Er aber

hörte schnell wieder auf zu lächeln, zog die Kniee ein wenig höher,

neigte den grauen Kopf ein wenig weiter vor und blickte wieder in die

Länder der Erinnerung, der Abenteuer, mit demselben unverwandten,

glühenden und auch verschleierten Blick, welchen die in Käfige

gesperrten Raubvögel haben. Über seine hohe, braune Stirne fiel in

fahlen Strängen das lange Haar und nichts an der ganzen Gestalt hatte

Leben und bewegte sich als der schmale, alte Mund, der zuweilen eine

dünne Rauchfahne hinaus blies, und als sein hagerer Schatten, der über

die Mauer hinab und langsam über den ganzen Hof wanderte, immer länger

und phantastischer und immer wesenloser werdend, bis er in die

allgemeine Dämmerung untertauchte.

So im Dunkelwerden war es mir eine grausige Lust, vom Fenster meiner

Knabenkammer aus den Garibaldi dasitzen zu sehen, von Haar und Bart

umfilzt, aufrecht und bewegungslos, mit geisterhaft undeutlichen Zügen,

bis sein Gesicht vollständig in das Dunkel versank und nur noch die

Silhouette eines sitzenden Riesen übrig blieb, hin und wieder von einer

spärlichen Rauchwolke umflogen. Die vielen Kinder waren um diese Zeit

nicht mehr da, von der überdachten Gartenseite her wuchs die Finsternis

heran, die uraltmodisch geschweiften Giebel und krummen Dächer all der

Armenhäuser standen schwarz in den noch lichten Himmel, da und dort

glühte ein Fensterlein gleich einem trüben roten Auge auf, und damitten

kauerte rastend der alte Abenteurer, bis ihn fröstelte, dann verschwand

er still in den finsteren Torweg hinein wie in eine unzugänglich fremde

Welt.

* * * * *

Der alte Garibaldi hatte zwei Söhne gehabt, junge stramme Riesen von

gewaltiger Erscheinung und vom übelsten Ruf, aber beide waren eines

Tages ohne Abschied verschwunden und man brachte sogleich alle in den

letzten Jahren am Ort begangenen und unaufgeklärt gebliebenen Verbrechen

mit ihrem Flüchtigwerden in Verbindung. Fast ein Jahr später kam Bericht

aus Brasilien, daß beide nicht mehr am Leben seien. Der eine war schon

unterwegs auf dem Schiff am Fieber gestorben, der andere nachher in Rio,

offenbar im bittersten Elend. Zusammen mit dem dazu beauftragten

Polizeidiener besuchte mein Vater den Alten, um ihm die Todesnachricht

zu bringen.

»Ihren Söhnen ist's drüben nicht gut gegangen,« fing mein Vater an.

»Wo drüben denn?« fragte der Garibaldi.

»In Brasilien, 's ist ihnen nicht gut gegangen.«

»Wieso?«

»Wieso? Tot und gestorben sind sie,« schrie der Büttel, dem es nicht

wohl war, bis er es herausgesagt hatte.

»So so?« machte der Garibaldi und schüttelte den Kopf. Und:

»Alle beide?« fragte er nach einer Weile.

»Ja wohl, alle beide,« sagte mein Vater.

»So so. -- So so.«

Und als jetzt mein Vater sich anschickte einen Anfang mit dem Trösten zu

machen, winkte er ab und lächelte verachtungsvoll. Da ging denn mein

Vater mit dem Polizeidiener wieder fort und Garibaldi machte sich wie

sonst an seine Arbeit.

Am Abend dieses Tages, da jedermann die Nachricht schon wußte, saß er

wieder auf seiner Staffel und alle Nachbarn schauten ihn an und alle

paar Minuten rief ihn einer vom Fenster oder von der Gasse herüber an:

»Mein Beileid auch, du!«

Und er sagte jedesmal »_merci_«. Da kam der Stadtpfarrer auch noch

gegangen und gab ihm die Hand und sagte freundlich: »Wir wollen in Ihre

Stube hinein gehen, kommen Sie!«

Aber Garibaldi schüttelte den Kopf. »'s ist gut,« sagte er, »und ich sag

meinen _merci_«, und blieb sitzen, und die vielen Herumsteher drückten

sich hintereinander und kicherten. Der Stadtpfarrer schien betrübt und

es sah aus, wie wenn er noch einiges zu sagen hätte, aber er zog nur den

Hut und grüßte wieder freundlich und ging langsam aus dem Hof und fort,

und der Garibaldi blies eine große Rauchwolke hinter ihm her.

Von da an, wenn ich ihn des Abends wieder rasten sah, schien mir sein

Gesicht ein wenig tiefer gefurcht und noch abwehrender und einsamer als

sonst, und ich betrachtete ihn, der zwei starke Söhne im fremden Land

verloren hatte, mit vermehrter Scheu.

Außer jenen untergegangenen Söhnen hatte Garibaldi noch drei

verheiratete Töchter, deren älteste verwitwet war. Dies war die Lene

Voßler, ein wildes und berüchtigtes Weib, groß von Wuchs und von einer

seltsam ungelenken, aber längst verwilderten Schönheit. Diese war von

allen seinen Kindern das einzige, das zu ihm paßte, und auch das

einzige, das in Verkehr und Freundschaft mit ihm stand. Sie kam den

Winter über fast jeden Abend zu ihm in seine Hinterhausstube, dort saß

sie neben dem Alten, oft bis es spät wurde, und redete kaum ein Wort mit

ihm, der seine kleine Pfeife im Munde hielt und ebenfalls schwieg. Ich

besann mich oft genug, was die zwei wohl mit einander anstellen möchten,

aber sie saßen hinter den alten großblumigen Gardinen aus Wolle und man

konnte im Schimmer der schlechten Ölfunzel nur zuweilen ihre ernsten

Köpfe sehen.

Und häufig kam zu diesen beiden merkwürdigen, geheimnisvollen Menschen

noch eine dritte Fabelgestalt. Dies war der alte Penzler, ein gewesener

und verarmter Mühlenbauer, der aus Bayern stammte und den schon seine

Herkunft und sein seltenes Handwerk zu etwas besonderem machten. Seit

Jahren lebte er einsam und vielbesprochen in der finsteren

Hengstettergasse ein ärmliches Sonderlingsleben, drehte ewig an seinem

ungeheuren Schnauzbart, redete in alttestamentlichen Wendungen und

betrank sich alle paar Wochen einmal, was meistens zu Nachtskandal und

schlimmen Szenen führte. Der einzige Mensch, dem er Achtung zeigte und

mit dem er eine Freundschaft unterhielt, war Garibaldi. Als dessen Söhne

totgesagt wurden, kam Penzler zu ihm, schlug ihm auf die Schulter und

rief mit gewaltiger Trösterstimme: »So geht's, alter Prophete! Wir sind

allesamt wie Gras und wie des Grases Blüte. Na, die Lausbuben haben

jetzt keine Sorgen mehr.«

Winterabends kam der Mühlenbauer sehr oft zum Garibaldi und saß mit ihm

und seiner Tochter, der Lene Voßler, in der niedrigen, trüb erhellten

Stube, die sich allmählich ganz mit Tabaksrauch füllte. Ich schaute

immer hinüber und lief manchesmal noch spät Nachts von meinem Bett ans

Fenster, schaute nach ob drüben noch Licht sei und stierte das einsame

rote Fenster ahnungsvoll und begierig an, bis mich fror und ich ins Bett

zurück mußte.

An einem Abend, es ging schon gegen den April und man brauchte fast

nimmer zu heizen, wurde meine Neugierde belohnt und das eigentliche

Treiben und Wesen des Alten ward mir klarer. Es fehlte nämlich diesmal

der wollene Vorhang hinter seiner Scheibe und ich sah den Garibaldi mit

der Lene und dem Penzler am Tische sitzen. Es mochte neun Uhr oder

später sein. Eine Blechlampe gab trübes Licht, die beiden grauhaarigen

Männer bliesen Rauch aus ihren Pfeifchen und saßen still und vorgebeugt

auf ihren Hockern, die Lene Voßler aber hatte über den ganzen Tisch im

Viereck ein Kartenspiel ausgebreitet, ein Blatt dicht am andern. Auf

diese Karten starrten alle drei. Bald nahm die Lene, bald ihr Vater eine

Karte in die Hand und legte sie nachdenklich und zögernd an einen

anderen Platz; der Mühlenbauer sah mit scharfem Gesichte zu, deutete mit

dem Pfeifenstiel hierhin und dorthin, schnitt ernste Grimassen,

schüttelte den Kopf oder zuckte mächtig mit den gewaltigen Augenbrauen,

die so stark wie Schnurrbärte waren. Gesprochen wurde nichts. Über den

drei gebeugten Köpfen wölkte der dichte Rauch und stieg über der

Lampenflamme in einer ununterbrochenen Säule in die Höhe.

Zwei Stunden lang schaute ich zu. Penzler schnitt immer schärfere

Grimassen, die Lene ordnete ihre Karten immer leidenschaftlicher und

legte sie hastig aus, der alte Garibaldi aber saß mir gerade gegenüber

und so oft er den Kopf erhob, floh ich in meine Stube zurück, obwohl er

mich am dunklen Fenster nicht hätte sehen können. Seine Augen waren auf

die Karten gerichtet und brannten in dem braunverwelkten Gesicht mit

leiser Glut.

Sie taten also Karten legen und wahrsagen, und es wunderte mich nicht.

Aber wer wahrsagen kann, der muß auch zaubern können. Vom Bayern, dem

Penzler, wußte man ja schon immer, daß er mit Geistern umging und viele

geheime Heilmittel kannte. Ich paßte auf wie ein Jagdhund und brannte

vor banger Begierde. Und als die Tage wärmer und die Abende lang und

mild wurden, sah ich öftere Male wie Garibaldi, sobald es zu dunkeln

begann, an seinem Staffelplatz vom Penzler abgeholt wurde und mit ihm

die Gasse hinab verschwand. Ich wußte genau, daß er nicht ins Wirtshaus

ging, dafür hatte ihn meine Mutter oft gerühmt; daß man aber in diesen

lauen, stichdunkeln Frühjahrsnächten viel Zauber treiben konnte, war

gewiß.

Ich sah in meinen Gedanken die zwei alten Hexenmeister die Stadt

verlassen, im finstern Walde Kräuter suchen, ein Feuer anfachen und

Beschwörungen ausüben. Ich sah sie unter moosigen Felsen beim Lichte

kleiner Diebslaternen Schätze aus der feuchten Erde graben. Ich sah sie

Wetter machen und Krankheiten beschwören.

Ob wohl die Lene Voßler auch mitging? Nein, sie ging nicht mit. Eines

Abends konnte ich der Neugier nicht widerstehen. Sobald ich den

Mühlenbauer im Hof erscheinen sah, verließ ich still das Haus durchs

Gartentor und schlich mich zwischen den Gärten hindurch auf die Gasse.

Garibaldi und Penzler gingen miteinander straßabwärts. Der eine hatte

etwas unter dem Arm, was wie ein aufgerollter langer Strick aussah, der

andere trug eine Art Kachel oder Kanne. Ich folgte ihnen mit großem

Herzklopfen die Gasse hinunter, über den Balkensteg und bis auf den

Brühel, wo das letzte Haus der Stadt, ein alter Gasthof steht und wo der

Weg sich teilt. Es führt von dort aus ein Sträßlein eben den Fluß

entlang, das andere stark ansteigend bergan in den Wald hinein.

Weiter wagte ich nicht hinterher zu gehen, der Gasthof war schon

geschlossen, ringsum brannte keine Laterne, von der Stadt hörte man

nichts mehr als vielleicht ein fernes Wagenrollen; vor mir lag

kirchenstill der Brühel mit seinen riesigen Linden und Kastanien und

durch die alten Kronen stöhnte der feuchte, stürmische Frühlingswind.

Und die beiden dunklen Männer, die unter den hohen Bäumen auf einmal

klein erschienen, wandelten in die schwarze Stille hinein, gleichmäßig

im Schritt und ohne miteinander zu reden, ihre Geräte tragend. Ich sah

sie schwer und stille schreiten, der Nacht entgegen, mitten in das sich

auftuende Reich der Finsternis und der schrecklichen Wunder, wo sie

heimisch waren.

Mir wurde todesangst, als der Penzler einmal hinter sich schaute; ich

blieb am Brühel stehen und sah nur noch, daß die beiden den Talweg

flußabwärts einschlugen. Dann lief ich im Galopp zurück, kam ungesehen

wieder durch die Hintertüre ins Haus und als ich dann geborgen im Bette

lag, konnte ich noch lang nicht einschlafen, weil mein Herz vom

schnellen Laufen und vor Angst nicht aufhören wollte gewaltig zu

schlagen.

* * * * *

Von da an wagte ich dem Garibaldi kaum mehr zu begegnen und wich ihm und

dem Penzler auf der Straße ängstlich aus. Und daran tat ich wohl, denn

es zeigte sich nicht allzu lange darauf, daß sie gefährliche Wege

gegangen seien.

An einem Morgen im Sommer -- ich hatte Ferien -- sprach es sich in der

Stadt herum, es sei zu Nacht ein Unglück passiert. Nach einer Stunde

erfuhr man, der Mühlenbauer Penzler sei in aller Gottesfrühe tot aus dem

Wasser gezogen worden und liege drunten im Gutleuthaus. Alles strömte in

großer Aufregung und Neugierde dorthin. Auf den steinernen Korridor des

Gutleuthauses waren ein paar Bündel leinene Säcke und darüber eine rote

Wolldecke gelegt, darauf lag halb entkleidet eine Gestalt, das war der

Mühlenbauer. Aus der Nähe betrachten durfte man ihn nicht, ein Landjäger

stand dabei, und mir war es recht, denn das Grausen hätte mich

umgebracht.

Der Garibaldi war auch da, ging aber bald wieder weg und hatte sein

gleichmütiges Gesicht aufgesetzt, so als gehe die Geschichte ihn nichts

an. Als er wegging und die vielen Leute immer noch neugierig

herumstanden und die Mäuler offen hatten, lächelte er auf seine stille,

verächtliche Art. Und der Penzler war sein einziger Freund gewesen.

Wahrscheinlich war er nachts dabei gewesen, als der andere ins Wasser

fiel. Warum hatte er dann nicht sogleich Leute geholt?

-- Oder war der Bayer vielleicht mit seinem Wissen und durch seine

Schuld ertrunken? Hatten sie Streit gehabt, vielleicht bei der Teilung

eines Schatzes?

* * * * *

Man hörte auf von dem Unglück zu reden. Garibaldi tat wie immer seine

Arbeit in der Stadt herum und rastete bei gutem Wetter jeden Abend auf

der Treppenstaffel über unserem Hof, wo die Kinder lärmten. Der dem

Zauberwesen zum Opfer gefallene Mühlenbauer fand keinen Nachfolger.

Garibaldis Gesicht wurde je älter desto undurchschaulicher und ich, der

einen Teil seiner Geheimnisse kannte, sah hinter seiner gleichmütigen

Stirn und hinter seinem ruhig überlegenen Blick eine Welt von dunklen

Schicksalen träumen.

Im folgenden Herbst geschah es, daß ihm bei der Arbeit die hohe Leiter

eines Gipsers auf die Schulter fiel und ihn beinah erschlagen hätte. Er

lag vier Wochen krank im Spittel. Als er von dort wiederkam, war in

seinem Wesen eine gewisse Veränderung wahrzunehmen. Er lebte wie sonst,

tat seine Arbeit und sprach womöglich noch weniger als früher, aber er

hatte jetzt die Gewohnheit, leise mit sich selber zu reden und zuweilen

zu lachen, wie wenn ihm alte lustige Geschichten einfielen. An stillen

Abenden, wenn die Kinder gerade anderswo tobten oder einem

Kunstreiterwagen oder Kamelführer oder Orgelmann nachliefen, hörte man

ihn im Höfchen ohne Unterlaß murmeln. Auch saß er nie mehr lange Zeit

auf seinem Steine still, sondern ging öfters unruhig auf und ab, was

zusammen mit dem Murmeln und Kichern etwas Unheimliches hatte.

Ich fühlte damals zum ersten Mal Mitleid mit dem alten Hexenmeister,

ohne ihn aber deswegen weniger zu fürchten. Sein neuerliches Gebaren

schien mir bald auf Gewissensbisse, bald auf neue schlimme

Unternehmungen zu deuten.

»Der Garibaldi will auch anfangen altwerden,« sagte einmal meine Mutter

beim Nachtessen. Ich verstand das im Augenblick nicht, denn ich hatte

ihn nie anders als grau und alt gesehen. Aber ich vergaß das Wörtlein

nicht und merkte nach und nach selber, daß Garibaldi wirklich jetzt erst

zu altern begann.

Noch einmal machte er von sich reden. Eines Abends war, nach langem

Ausbleiben, seine Tochter Lene wieder einmal zu ihm gekommen. Sie waren

in der Stube beieinander und ich glaube, die Lene wollte auswandern.

Darüber kamen sie in Streit, bis das Weib mit der Faust auf den Tisch

schlug und ihm Schimpfworte sagte. Da hub der alte Mann seine Tochter,

so groß und stark sie war, jämmerlich zu hauen an und warf sie die

Stiege hinunter, daß das Geländer krachte und das Weib nur mit Mühe und

Schmerzen davonhinken konnte.

Von da an blieb Garibaldi ganz einsam und nun brach das Alter plötzlich

vollends über ihn herein. Die Pfeife begann ihm im Munde zu wackeln und

häufig auszugehen, die Selbstgespräche nahmen kein Ende, die Arbeit

wurde ihm sauer. Schließlich gab er sie auf und war fast über Nacht zu

einem gebückten und zittrigen Kerlchen geworden.

Für mich hörte er darum nicht auf wichtig und rätselhaft zu sein. Ich

fürchtete ihn mehr als je und konnte es doch nicht lassen, ihm halbe

Stunden lang vom sicheren Fenster aus zuzuschauen. Beim Rauchen stützte

er jetzt den Ellenbogen aufs Knie und hielt die Pfeife mit der Hand

fest, aber auch die war zittrig und hatte keine Kräfte mehr.

Die Tage waren noch kühl und im Walde lag noch ein wenig Schnee, da war

eines Tages der Garibaldi gestorben.

Mein Vater bürstete seinen Schwarzen und ging zur Leiche. Ich durfte

nicht im Zug gehen (wenn man das Dutzend Nachbarn einen Zug heißen

will), aber ich stieg auf die Kirchhofmauer und hörte zu und erfuhr

dabei zum ersten Mal, daß der Tote nicht Garibaldi, sondern Schorsch

Großjohann geheißen hatte, was mich in lange Zweifel stürzte, denn

fragen mochte ich niemand.

Nachher sagte mein Vater zur Mutter: »Unser Garibaldi war doch ein

sonderbarer Mensch, fast unheimlich; weiß Gott, wie er so geworden ist.«

Darüber hätte ich nun mancherlei mitteilen können. Aber ich behielt

alles für mich -- das Wahrsagen, das Zaubern, die Nachtgänge flußabwärts

und das, was ich über den Tod des bayerischen Mühlenbauers vermutete.

Nachbarn: Erzählungen · 第 6 / 15 题