Wenn man die gegebene Fläche längs einer gegebenen Richtung durch

eine lotrechte Ebene schneidet und diese samt der Schnittfigur in

die Zeichenebene umklappt, so erhält man ein _Querprofil_ der Fläche

längs der gegebenen Richtung (Fig. 48). Oft ist es zweckmäßig, um die

Zeichnung nicht zu verwirren, oder bei Benutzung einer Karte, das

Querprofil auf eine besondere Zeichnung zu übertragen: das geschieht

längs der gegebenen Richtung mittels des Zirkels oder einfacher

mittels eines angelegten geraden Papierstreifens (Fig. 48 a).

§ 55. =Anwendung.= Die Konstruktion von Ausschnittlinien und

Querprofilen kommt sehr oft bei Aufgaben des Tiefbaues, bei

geologischen oder bergmännischen Fragen vor. Zum Beispiel, wenn man

an irgendeiner Stelle des Geländes das Streichen und Fallen einer (in

erster Annäherung als eben angenommen) geologischen Schicht beobachtet

hat, so ist es von Wichtigkeit, die (mutmaßliche) Ausbißlinie dieser

Schicht zu kennen, um dadurch zu wissen, an welchen Stellen des

Geländes man mit einiger Aussicht auf Erfolg durch Schürfarbeit die

Schicht bloßlegen und vielleicht abbauen kann; oder wie tief ein

Schacht, der an einer gegebenen, dem Verkehr zugänglichen Stelle

anzulegen ist, niedergebracht werden muß, bis er die Schicht erreicht.

[Illustration: Fig. 49.]

Man hat dann zunächst aus dem beobachteten Einfallen und Streichen

die Schichtlinien der Ebene und damit ihren Gefällemaßstab nach § 11

zu konstruieren, alsdann, wie im vorigen Paragraphen angegeben, ihre

Ausbißlinie (in der Figur gestrichelt) mit der Fläche herzustellen,

schließlich durch den Schacht in der durch die Fallinie der Ebene

gegebenen Richtung ein Querprofil durch das ganze Gelände zu legen.

Daraus ist dann die Teufe des Schachtes zu entnehmen. Dies ist in der

Fig. 49 ausgeführt.

§ 56. =Einschalten von Höhenlinien.= Für manche konstruktiven Zwecke

reichen oft die vorhandenen Höhenlinien nicht an allen Stellen der

Karte aus, um die verlangten Konstruktionen mit genügender Genauigkeit

auszuführen. Dann wird es erforderlich, zwischen die vorhandenen

noch andere Höhenlinien einzuschalten. Zweckmäßig kann das mit Hilfe

von Querprofilen geschehen, die man an den betreffenden Stellen der

Karte in genügender Anzahl legt, und aus denen man die erforderlichen

Punkte für die zu konstruierenden Zwischenschichtlinien entnimmt (vgl.

Fig. 50).

[Illustration: Fig. 50.]

[Illustration: Fig. 51.]

Wenn die Höhenlinien nur schwach gekrümmt sind, kann man mittels

eines einfach anzulegenden Maßstabes Punkte der einzuschaltenden

Schichtlinien mit genügender Annäherung auffinden, wie das aus der

Fig. 51 hervorgeht; bei geradlinigen Schichtlinien wäre dieses

Verfahren streng richtig.

Am genauesten und in jedem Falle anzuwenden sind die Längenprofile quer

zu den Schichtlinien (längs der Fallinien, vgl. § 58), und zwar so, wie

es im § 48 gezeigt worden ist.

§ 57. =Berührungsebene und Normale einer Fläche.= Um in einem gegebenen

Punkte der Fläche die Berührungsebene zu konstruieren, bedenke man, daß

diese von einer durch den Punkt gehenden wagerechten Ebene in einer

wagerechten Geraden geschnitten wird; diese Gerade ist eine Tangente

der Fläche in dem gegebenen Punkte, also auch eine Tangente an die

durch den Punkt gehende Höhenlinie der Fläche. Da den Berührungen auf

der Fläche auch Berührungen in der Karte entsprechen (§ 44), so ist

demnach auf dem Plane die Normale der Höhenlinie in dem gegebenen

Punkte (mit dem Spiegellineal zu zeichnen) die Projektion einer

Fallinie der gesuchten Berührungsebene. Konstruiert man das durch

die Richtung dieser Fallinie bestimmte Querprofil der Fläche nach

§ 54, so ist die Fallinie an ihm in dem gegebenen Punkte Tangente.

Ihr Böschungsmaßstab ist also auch der Gefällemaßstab der gesuchten

Berührungsebene (vgl. Fig. 52 u. 52 a).

[Illustration: Fig. 52.]

[Illustration: Fig. 52 a.]

Die Flächennormale ist das Lot auf der Berührungsebene im

Berührungspunkte. Da es in der eben erwähnten Profilebene liegt, fällt

seine Projektion mit der der Fallinie der Berührungsebene zusammen.

Sein Gefällemaßstab hat nach § 6 das reziproke Intervall desjenigen der

Berührungsebene, ist ihm entgegengesetzt gerichtet und daher wie dort

angegeben zu bestimmen.

§ 58. =Normalebene, Fallinien einer Fläche.= Irgendeine die

Flächennormale enthaltende Ebene heißt _Normalebene_ der Fläche; sie

schneidet die Fläche in einem _Normalschnitt_, die Berührungsebene in

einer Tangente der Fläche. Durch jeden Flächenpunkt gehen also unzählig

viele Tangenten, von denen im allgemeinen nur eine, die zugleich

Tangente der durch den Berührungspunkt gehenden Schichtlinie der Fläche

ist, horizontal läuft. Die anderen verlaufen paarweise mit demselben

Anstieg, bis auf eine, deren Gefälle mit dem der Ebene übereinstimmt.

Es ist zugleich das größte unter allen betrachteten und wird _Gefälle

der Fläche_ in dem betreffenden Punkte genannt. Geht man von einem

Punkte der Fläche in Richtung des eben erwähnten größten Gefälles, der

Fallrichtung, also senkrecht zur Schichtlinie, weiter zu einem Punkte

der nächsten Schichtlinie, von da in derselben Weise weiter und so

fort, so durchläuft man eine _Fallinie_ der Fläche.

Die Fallinien stehen auf den Schichtlinien senkrecht. Um sie zu

konstruieren (Fig. 53 u. 54), bedient man sich zweckmäßig des

Spiegellineals: man errichtet, von einem Punkte einer Schichtlinie

ausgehend, auf ihr mittels des Spiegellineals die Normale, setzt

an sie in einem Punkte, der etwa mitten bis zur nächstfolgenden

Schichtlinie gelegen ist, die Normale zu dieser an, usw. Diese

Normalen hüllen die gesuchte Fallinie ein, deren Tangenten sie sind

(§ 41). Dabei ist es erforderlich, daß genügend viele Schichtlinien zu

Verfügung stehen; nötigenfalls werden zuvor einige einzuschalten sein

(§ 56).

[Illustration: Fig. 53.]

[Illustration: Fig. 54.]

§ 59. =Schraffur einer Karte.= Die Fallinien einer Geländefläche geben

die Richtung des langsam herabfließenden Wassers an. Im allgemeinen

geht durch jeden Punkt der Fläche genau eine Fallinie; über die

besonders zu erwähnenden Ausnahmen s. weiter unten § 61.

Der Anstieg längs der Fallinien einer Fläche ist im allgemeinen

veränderlich; man pflegt in der Kartenkunde das stärkere oder

schwächere Gefälle des Geländes durch stärkeres oder schwächeres

Ausziehen der Fallinien kenntlich zu machen, um dadurch einen

erhabenen Eindruck der Karte hervorzurufen. Dazu benutzt man meistens

eine dem Gefälle entsprechend abgetönte Schraffur. Die Richtung der

Schraffenstriche stimmt mit der Richtung der Fallinien überein.

§ 60. =Krümmung einer Fläche.= Hinsichtlich der Punkte, die eine

Fläche außer dem Berührungspunkte in seiner Nachbarschaft mit der

Berührungsebene gemeinschaftlich haben kann, sind drei verschiedene

Fälle möglich, wenn man von besonderen Ausnahmen absieht.

Entweder hat die Oberfläche mit ihrer Berührungsebene in der

Umgebung des Berührungspunktes weiter gar keinen Punkt gemeinsam;

die Berührungsebene verläuft dort dann also ganz auf einer Seite der

Fläche. Dann heißt die Fläche in dem betrachteten Berührungspunkte

_bauchig_ (positiv oder elliptisch gekrümmt). Vgl. 55 und 55 a. Das

Ellipsoid gibt dafür ein Beispiel in jedem seiner Punkte.

[Illustration: Fig. 55.]

[Illustration: Fig. 55 a.]

Oder zweitens die Berührungsebene durchdringt in der Nähe des

Berührungspunktes die Fläche so, daß die Schnittkurve beider im

Berührungspunkte einen Doppelpunkt besitzt. Dann heißt die Fläche

daselbst _sattelförmig_ (negativ oder hyperbolisch gekrümmt). Vgl.

Fig. 56 und 56 a. Das einschalige Hyperboloid oder das hyperbolische

Paraboloid ist in jedem seiner Punkte sattelförmig; die Schnittkurve

besteht hier aus den beiden, sich im Berührungspunkte schneidenden

erzeugenden Geraden.

[Illustration: Fig. 56.]

[Illustration: Fig. 56 a.]

Oder drittens: die Berührungsebene dringt zwar ebenfalls in der Nähe

des Berührungspunktes in die Fläche ein, aber so, daß die Schnittkurve

beider nur einmal durch den Berührungspunkt geht. Dann heißt die

Fläche in dem betreffenden Punkte _parabolisch_ gekrümmt. Vgl. Fig. 57

und 57 a. Ein Kegel mit beliebiger Basis ist in jedem seiner Punkte

parabolisch gekrümmt. Flächenstücke, deren sämtliche Punkte parabolisch

gekrümmt sind, lassen sich ohne Dehnung und Faltung derartig verbiegen,

daß sie Teile einer Ebene werden, oder, was dasselbe besagt, man kann

sie auf eine Ebene abwickeln; daher heißen solche Flächen abwickelbar.

[Illustration: Fig. 57.]

[Illustration: Fig. 57 a.]

Es kann vorkommen, daß auf einer und derselben Fläche sowohl

bauchige wie sattelförmige Teile vorhanden sind. Sie werden dann

getrennt durch eine Kurve, die _Krümmungsgrenze_ (Demarkationslinie,

parabolische Kurve), in deren Punkten die Fläche parabolisch gekrümmt

ist. Ein Beispiel dafür ist die in der Fig. 27 auf S. 18 abgebildete

glockenförmige Umdrehungsfläche: _DD_ bezeichnet die Krümmungsgrenze,

der obere Teil ist bauchig, der untere sattelförmig.

§ 61. Der =Verlauf der Schicht- und Fallinien= längs einer

Geländefläche ist äußerst mannigfaltig und scheinbar sehr regellos.

Jedoch kann man oft aus dem bloßen Anblick dieser Linien in der Karte

geometrische Eigenschaften der Fläche an der betrachteten Stelle

herauslesen; und es ist für die Beschäftigung mit der Kartenkunde sehr

wichtig, sich darin eine gewisse Übung zu verschaffen.

Da die Schichtlinien als Linien gleichen Wasserstandes aufgefaßt werden

können, müssen sie auf einer nicht willkürlich begrenzten Geländefläche

stets geschlossen sein. Keine zwei Schichtlinien verschiedener Höhen

können sich schneiden. Bei Ausschluß überhängender Teile des Geländes

gilt dies auch von den Projektionen der Schichtlinien in der Karte. Im

allgemeinen geht durch jeden Punkt des Planes genau eine Schichtlinie;

es gibt jedoch gewisse Ausnahmepunkte.

§ 62. =Gipfel-, Mulden- und Jochpunkt.= Zunächst gibt es solche

Punkte, durch die keine Schichtlinie geht oder, genauer gesagt, deren

zugehörige Höhenlinie auf den Punkt selbst zusammengeschrumpft ist. Es

sind die Punkte, die höher oder tiefer liegen als sämtliche Punkte

ihrer Umgebung. Sie heißen _Gipfel-_ oder _Muldenpunkte_, je nachdem

die benachbarten Schichtlinien, von ellipsenähnlicher Gestalt, kleinere

oder größere Höhenzahlen haben (Fig. 58).

[Illustration: Fig. 58.]

[Illustration: Fig. 59.]

Sodann gibt es solche Punkte, durch die zwei, vielleicht auch mehrere

Schichtlinien (derselben Höhenzahl) hindurchgehen. Der gewöhnlichste

dieser Punkte ist der _Jochpunkt_, die tiefste Stelle zwischen zwei

Erhebungen und Ausgangsstelle zweier durch einen Bergrücken getrennter

Täler, oder auch, was dasselbe bedeutet, die höchste Stelle zwischen

zwei Tälern und Ausgangsstelle zweier durch ein Tal getrennter

Bergrücken (Fig. 59). Besondere Fälle treten ein, wenn mehrere Täler

und mehrere Bergrücken von einem gemeinsamen Punkte entspringen, wovon

die Fig. 60 ein Beispiel gibt.

[Illustration: Fig. 60.]

Die Berührungsebene in einem Gipfel- oder Mulden- oder Jochpunkte ist

wagerecht, wie sich auch aus einer Betrachtung der Querprofile sogleich

ergibt. Da sie in der Umgebung eines Gipfelpunktes ganz oberhalb der

Fläche, in der Umgebung eines Muldenpunktes ganz unterhalb liegt, so

ist die Fläche in diesen Punkten bauchig (§ 60). In einem Jochpunkt ist

sie dagegen sattelförmig.

§ 63. =Wasserscheide und Talweg.= Im allgemeinen geht durch jeden

Punkt einer Geländefläche genau eine Fallinie; aber auch hiervon

gibt es Ausnahmen. Durch jeden Gipfel- und jeden Muldenpunkt gehen

unzählig viele Fallinien, ebendie, welche die benachbarten elliptischen

Schichtlinien der Umgebung senkrecht durchschneiden. Die Fig. 61 zeigt

den Verlauf dieser Fallinien, wie ihn eine genauere Betrachtung,

die hier zu weit führen wurde, erkennen ließe: die Fallinien

berühren nämlich sämtlich die gemeinsame große Achse der Ellipsen

im Mittelpunkt, dem in Rede stehenden Gipfel- oder Muldenpunkt,

bis auf eine, die in Richtung der kleinen Achse verläuft. Wenn die

Schichtlinien in der Umgebung eines Gipfel- oder Muldenpunktes

angenähert konzentrische Kreise sind, wie es z. B. bei einer

Umdrehungsfläche mit senkrechter Drehachse (vgl. Fig. 27 Seite 18)

eintreten kann, dann verlaufen natürlich die Fallinien radial, und

keine von ihnen ist bevorzugt (Kreispunkt oder Nabelpunkt).

[Illustration: Fig. 61.]

In der Nähe eines Jochpunktes verlaufen die Schichtlinien der Fläche

angenähert wie Hyperbeln mit gemeinsamen Hauptachsenrichtungen und

gemeinsamem Mittelpunkt. Den Verlauf der Fallinien zeigt die Fig. 62:

durch den Jochpunkt selbst gehen zwei Fallinien in Richtung der

Hauptachsen.

[Illustration: Fig. 62.]

Auf manchen Flächen treten Fallinien auf, in deren Umgebung sich

die benachbarten um so enger zusammendrängen, je näher sie an jenen

liegen. Solche Fallinien sollen _ausgezeichnete Fallinien_ heißen.

Es kann ferner vorkommen, daß auf einer solchen ausgezeichneten

Fallinie ein oder mehrere Punkte liegen, in denen benachbarte Fallinien

wirklich einmünden oder aus denen sie entspringen, oder daß sich

ihr die benachbarten Fallinien asymptotisch nähern (in einem sehr

fernen Punkte einmünden). Eine derartige ausgezeichnete Fallinie mit

Mündungspunkten (einschließlich asymptotischen Einmündens) heißt

_Talweg_, falls die benachbarten Fallinien im Sinne abnehmender Höhen

einmünden oder sich ihr im absteigenden Sinne asymptotisch nähern.

Dagegen heißt sie _Kammweg_ (Rückenlinie, Wasserscheide), falls die

Fallinien im Sinne aufsteigender Höhen einmünden, d. h. aus ihnen

entspringen. Eine ausgezeichnete Fallinie kann in ihrem Verlauf teils

Talweg, teils Wasserscheide, teils keins von beiden sein. Der Name

Talweg, der übrigens als deutsches Fremdwort in die französische

Sprache eingedrungen ist (le thalweg), rührt von dem deutschen

Wasserbaumeister _Wiebeking_ († 1842) her. Die Begriffe des Talwegs und

der Wasserscheide spielen bei der Festsetzung politischer Grenzen eine

Rolle.

§ 64. _Fortsetzung._ Für jeden Gipfelpunkt, der kein Kreispunkt ist,

bildet die in der Längsrichtung des Gipfels hindurchgehende Fallinie

einen Kammweg; denn die benachbarten Fallinien entspringen, sie

berührend, aus ihr im Gipfelpunkte (vgl. Fig. 61). Und für jeden

Muldenpunkt, der nicht zugleich Kreispunkt ist, bildet die in der

Längsrichtung die Mulde durchziehende Fallinie einen Talweg. Die

Fig. 63 gibt den Verlauf eines Kammwegs _K_ und eines Talwegs _T_ mit

sehr fernen Ursprungs- und Mündungspunkten wieder. Einem solchen Talweg

entspricht in der Natur der Weg eines genügend langsam fließenden

und schmalen Baches, der durch allmähliche Vereinigung kleinerer

Wasseradern entsteht. Ein Kammweg bildet die Grenze zwischen zwei

Abflußgebieten des Geländes.

[Illustration: Fig. 63.]

Von einem Jochpunkte (Fig. 62) gehen zwei ausgezeichnete Fallinien

aus; der einen nähern sich benachbarte Fallinien im aufsteigenden, der

anderen im absteigenden Sinne. Man darf aber im allgemeinen weder die

erste als Kammweg noch die zweite als Talweg bezeichnen. Wenn die von

einem Jochpunkte nach einer Mulde herabführende ausgezeichnete Fallinie

die Mulde nicht in der Längsrichtung, sondern in der Querrichtung

durchläuft, ist sie gewiß in diesem Stücke des Geländes kein Talweg.

Die Fig. 64 gibt dies an; und die Fig. 65 das Gegenstück dazu, wo

wirklich die Joch und Mulde verbindende Fallinie ein Talweg ist.

[Illustration: Fig. 64.]

Auch wenn das von einem Joch herabziehende Tal sich so verflacht,

daß die Fallinien sich zwar der durch den Jochpunkt gehenden

ausgezeichneten Fallinie nähern, aber doch nicht in asymptotischer

Weise, kann diese nicht Talweg sein. In der Natur würde dem etwa ein

Tal entsprechen, das nicht zur Entstehung eines Wasserlaufes, sondern

zu einer Art Sumpfbildung Anlaß gibt. Umgekehrt können aus einem

Hochmoore Wasseradern abgehen, ohne daß dort von einer eigentlichen

Wasserscheide gesprochen werden kann (Fig. 66).

[Illustration: Fig. 65.]

Bemerkenswert ist noch der Fall, wenn auf einer ausgezeichneten

Fallinie ein parabolischer Punkt der Geländefläche gelegen ist (§ 60).

Die Fig. 67 gibt davon ein Beispiel. In dem parabolischen Punkte hat

hier die Schichtlinie, auf der er liegt, eine Spitze, und in ihr

endigen alle Fallinien, die – wie in der Figur angegeben – aus größeren

Höhen kommen. Die ausgezeichnete, durch den parabolischen Punkt gehende

Fallinie ist also in ihrem oberen Teile gewiß ein Talweg. Ob sie es

dagegen auch in ihrem unteren Teile ist, hängt davon ab, ob sich dort

ebenfalls ein Mündungspunkt befindet (in der Figur ist das nicht der

Fall).

[Illustration: Fig. 66.]

Da durch eine Karte immer nur ein beschränkter Teil des Geländes

gegeben sein kann, so wird es praktisch unmöglich sein, bei

Geländeflächen ein asymptotisches Einmünden genau festzustellen, und

man wird daher auch in dem Falle von einem Talweg und einem Kammweg

reden, wenn genügend viele benachbarte Fallinien der Zeichnung

innerhalb der Zeichengenauigkeit in die ausgezeichnete Fallinie

übergehen.

[Illustration: Fig. 67.]

[Illustration: Fig. 68.]

Um in einer Geländekarte alle Talwege und Wasserscheiden zu finden,

wird man unter den Fallinien zunächst die ausgezeichneten aufsuchen,

d. h. diejenigen, in deren Nähe sich die übrigen mehr und mehr

zusammendrängen. Unter ihnen hat man aber nur diejenigen beizubehalten,

auf denen Mündungspunkte der übrigen gelegen sind, oder in die

genügend viele benachbarte Fallinien innerhalb der Zeichengenauigkeit

übergehen. Talweg und Kammweg sind durch die Art der Annäherung, ob bei

fallender oder steigender Höhe, leicht zu unterscheiden.

Die Schichtlinien sowohl wie die Fallinien verlaufen immer stetig,

können aber Ecken, Doppelpunkte und dergleichen Ausnahmestellen haben.

Ecken treten ein, wenn das Gelände Grate oder scharf ausgeschnittene

Rinnen besitzt. Da in jedem Punkte eines einfachen Grates zwei

verschiedene Berührungsebenen an die Geländefläche möglich sind,

gehen durch diesen Punkt auch zwei verschiedene Fallinien; ein Grat

enthält daher die Ursprungspunkte von Fallinien und wird demnach zu

den Wasserscheiden zu rechnen sein, obwohl er im allgemeinen selbst

keine Fallinie ist. Dasselbe gilt entsprechend von einer Rinne

(vgl. Fig. 68). Die allgemeine Untersuchung solcher Stellen einer

Geländefläche ist schwierig, erfordert weitergehende Hilfsmittel und

würde daher hier zu weit führen.

[Illustration: Fig. 69.]

§ 65. =Böschungsfläche.= Eine Fläche, auf der sämtliche Fallinien

Geraden sind, heißt Böschungsfläche. Es genügt dazu offenbar nicht, daß

die Projektionen der Fallinien sämtlich gerade Linien sind, sondern

es ist weiter notwendig, daß die Schichtlinien auf jeder einzelnen

von ihnen jedesmal gleiche Stücke ausschneiden. Daraus folgt, daß die

Schichtlinien äquidistante Kurven sind (Fig. 69).

Alle Punkte derselben geradlinigen Fallinie haben dieselbe

Berührungsebene. Eine Böschungsfläche ist daher in jedem ihrer Punkte

parabolisch gekrümmt (§ 60). Sie ist demnach eine abwickelbare Fläche,

d. h. man kann eine bewegliche Ebene so auf ihr ohne Gleiten abrollen,

daß sie sie immer längs einer Geraden berührt; umgekehrt kann man daher

auch die Fläche auf einer Ebene so abwickeln, daß immer Berührung längs

einer Geraden besteht.

Von den Böschungsflächen macht man sehr häufig bei der Aufführung von

Erdarbeiten, bei der Aufschüttung von Dämmen, Halden u. dgl. Gebrauch.

Davon wird in den Aufgaben noch wiederholt die Rede sein.

§ 66. =Böschungsstreifen.= Bei der zeichnerischen Darstellung einer

Geländefläche durch ihre Schichtlinien ist es oft zweckmäßig, diese

nötigenfalls durch Einschalten nach § 56 so dicht nebeneinander

verlaufen zu lassen, daß jeder zwischen zwei aufeinanderfolgenden

Schichtlinien enthaltene Teil einer Fallinie innerhalb der

Zeichengenauigkeit als geradlinig zu betrachten ist. Das bedeutet

dann also, daß jeder zwischen zwei aufeinanderfolgenden Schichtlinien

enthaltene Streifen einer Geländefläche als Teil einer Böschungsfläche

anzusehen ist: Böschungsstreifen. Man kann demnach sagen, daß eine

Geländefläche durch ihre Schichtlinien »mit genügender Genauigkeit«

gegeben ist, wenn ein jeder innerhalb zweier aufeinanderfolgenden

Schichtlinien gelegene Streifen durch den zugehörigen Böschungsstreifen

ohne merklichen Fehler ersetzt werden kann.

§ 67. =Gratlinie.= Eine Böschungsfläche ist vollständig bestimmt,

wenn der Böschungswinkel und eine ihrer Höhenlinien gegeben ist;

denn die Fallinien sind die Normalen der gegebenen Höhenlinie, der

Böschungswinkel bestimmt ihre Stufung, und die Schichtlinien lassen

sich sodann als Parallelkurven zu der gegebenen Höhenlinie konstruieren

(§ 65). Alle ebenen Parallelkurven haben eine gemeinsame Evolute

(§ 43), die Hüllkurve ihrer gemeinsamen Normalen; faßt man also die

Parallelkurven und ihre Normalen als die Projektionen der Schicht- und

Fallinien einer Böschungsfläche auf, so entspricht der Evolute eine auf

der Fläche gelegene Raumkurve, längs der sich benachbarte Fallinien

schneiden. Sie bildet also einen scharfen Grat der Fläche und heißt

daher ihre _Gratlinie_. Eine aufgewehte Schneewächte gibt oft ein Bild

einer Böschungsfläche und ihrer Gratlinie (Fig. 69 bei _g_).

[Illustration: Fig. 70.]

§ 68. =Ebene Raumkurven.= Wenn eine Raumkurve und eine Fläche gegeben

sind, so ist leicht festzustellen, ob die Kurve auf der Fläche gelegen

ist. Denn dies ist nur der Fall, wenn die Punkte der Kurve auf den

gleichkotierten Schichtlinien der Fläche liegen.

Raumkurven, deren sämtliche Punkte derselben Ebene angehören,

heißen eben. Um von einer gegebenen Raumkurve festzustellen, ob sie

eben ist, hat man durch drei ihrer Punkte nach § 9 eine Ebene zu

legen und nachzusehen, ob ihre Streichgeraden die Kurve in Punkten

schneiden, deren Höhenzahlen mit denen der zugehörigen Schichtlinien

übereinstimmen (Fig. 70). Die Schmiegungsebene (§ 52) einer ebenen

Raumkurve fällt mit der Ebene der Kurve zusammen. Wenn die Ebene der

Kurve lotrecht steht, wird die Projektion der Kurve durch eine Gerade

mit im allgemeinen ungleichmäßiger Stufung dargestellt.

§ 69. =Böschungsfläche einer Raumkurve.= Zu jedem Punkte einer

gegebenen Raumkurve läßt sich ein Kegel gegebener Böschung

konstruieren, der den Punkt als Spitze hat. Sämtliche so konstruierten

Böschungskegel derselben Böschung hüllen eine Fläche ein, eine

_Böschungsfläche_ der Raumkurve; sie besteht aus zwei Teilen, die sich

längs der Raumkurve durchschneiden. Jede ihrer Schichtlinien ergibt

sich als Hüllkurve gleichkotierter Kreise, nämlich der Schichtkreise

jener Böschungskegel. In der Karte der Fläche liegen die Mittelpunkte

dieser Kreise auf der Projektion der Raumkurve, und ihre Radien

erhält man aus dem Höhenunterschiede zwischen Mittelpunkt und zu

konstruierender Schichtlinie durch Multiplikation mit dem gegebenen

Böschungsverhältnis (Fig. 71).

[Illustration: Fig. 71.]

Von jedem Punkte der Raumkurve geht nach beiden Seiten eine Fallinie

der Böschungsfläche aus; die beiden zugehörigen Berührungsebenen (vgl.

§ 65) schneiden sich in der zugehörigen Tangente der Raumkurve, und

die Projektion dieser Tangente halbiert den Winkel der Projektionen

der beiden Fallinien. Man beachte übrigens, daß im allgemeinen ein

die Projektion der Raumkurve normal durchsetzendes Querprofil der

Böschungsfläche nicht ein Dreieck ergibt, sondern eine krummlinige

Schnittfigur. Die Figur bringt das zum Ausdruck.

[Illustration: Fig. 72.]

Darstellende Geometrie des Geländes und verwandte Anwendungen der Methode der kotierten Projektionen · 第 3 / 7 段