Die nachfolgenden Aufzeichnungen fanden sich als versiegeltes Paket im
Schreibtisch des Barons Friedrich Michael von R..., nachdem er im Herbst
1914 als österreichischer Reserveoberleutnant bei einem Dragonerregiment
in der Schlacht bei Rawaruska gefallen war. Da die Familie nach der
Titelüberschrift und bloß flüchtigem Einblick in diesen Blättern nur
eine literarische Arbeit ihres Verwandten vermutete, übergaben sie mir
die Aufzeichnungen zur Prüfung und stellten mir ihre Veröffentlichung
anheim. Ich persönlich halte diese Blätter nun durchaus nicht für eine
erfundene Erzählung, sondern für ein wirkliches, in allen Einzelheiten
tatsächliches Erlebnis des Gefallenen und veröffentliche unter
Unterdrückung des Namens seine seelische Selbstenthüllung ohne jede
Änderung und Beifügung.
* * * * *
Heute morgens überkam mich plötzlich der Gedanke, ich sollte das
Erlebnis jener phantastischen Nacht für mich niederschreiben, um die
ganze Begebenheit in ihrer natürlichen Reihenfolge einmal geordnet zu
überblicken. Und seit dieser jähen Sekunde fühle ich einen
unerklärlichen Zwang, mir im geschriebenen Wort jenes Abenteuer
darzustellen, obzwar ich bezweifle, auch nur annähernd die Sonderbarkeit
der Vorgänge schildern zu können. Mir fehlt jede sogenannte
künstlerische Begabung, ich habe keinerlei Übung in literarischen
Dingen, und abgesehen von einigen mehr scherzhaften Produkten im
Theresianum habe ich mich nie im Schriftstellerischen versucht. Ich weiß
zum Beispiel nicht einmal, ob es eine besonders erlernbare Technik gibt,
um die Aufeinanderfolge von äußern Dingen und ihre gleichzeitige innere
Spiegelung zu ordnen, frage mich auch, ob ich es vermag, dem Sinn immer
das rechte Wort, dem Wort den rechten Sinn zu geben und so jene Balance
zu gewinnen, die ich von je bei jedem rechten Erzähler im Lesen unbewußt
spürte. Aber ich schreibe diese Zeilen ja nur für mich, und sie sind
keineswegs bestimmt, etwas, was ich kaum mir selber zu erklären vermag,
andern verständlich zu machen. Sie sind nur ein Versuch, mit irgendeinem
Geschehnis, das mich ununterbrochen beschäftigt und in schmerzhaft
quellender Gärung bewegt, in einem gewissen Sinne endlich einmal fertig
zu werden, es festzulegen, vor mich hinzustellen und von allen Seiten zu
umfassen.
Ich habe von dieser Begebenheit keinem meiner Freunde erzählt, eben aus
jenem Gefühl, ich könnte ihnen das Wesentliche daran nicht verständlich
machen, und dann auch aus einer gewissen Scham, von einer so zufälligen
Angelegenheit dermaßen erschüttert und umgewühlt worden zu sein. Denn
das Ganze ist eigentlich nur ein kleines Erlebnis. Aber wie ich dies
Wort jetzt hinschreibe, beginne ich schon zu bemerken, wie schwer es für
einen Ungeübten wird, beim Schreiben die Worte in ihrem rechten Gewicht
zu wählen, und welche Zweideutigkeit, welche Mißverständnismöglichkeit
sich an das einfachste Vokabel knüpft. Denn wenn ich mein Erlebnis ein
»kleines« nenne, so meine ich dies natürlich nur im relativen Sinn, im
Gegensatz zu den gewaltigen dramatischen Geschehnissen, von denen ganze
Völker und Schicksale mitgerissen werden, und meine es andererseits im
zeitlichen Sinne, weil der ganze Vorgang keinen größeren Raum umspannt
als knappe sechs Stunden. Für mich aber war dies -- im allgemeinen Sinn
also kleine, unbedeutsame und unwichtige -- Erlebnis so ungeheuer viel,
daß ich heute -- vier Monate nach jener phantastischen Nacht -- noch
davon glühe und alle meine geistigen Kräfte anspannen muß, um es in
meiner Brust zu bewahren. Täglich, stündlich wiederhole ich mir alle
seine Einzelheiten, denn es ist gewissermaßen der Drehpunkt meiner
ganzen Existenz geworden, alles, was ich tue und rede, ist unbewußt von
ihm bestimmt, meine Gedanken beschäftigen sich einzig damit, sein
plötzliches Geschehen immer und immer wieder zu wiederholen und durch
dieses Wiederholen mir als Besitz zu bestätigen. Und jetzt weiß ich auch
mit einemmal, was ich vor zehn Minuten, da ich die Feder ansetzte,
bewußt noch nicht ahnte: daß ich mir dies Erlebnis nur deshalb jetzt
hinschreibe, um es ganz sicher und gleichsam sachlich fixiert vor mir zu
haben, es noch einmal nachzugenießen im Gefühl und gleichzeitig geistig
zu erfassen. Es ist ganz falsch, ganz unwahr, wenn ich vorhin sagte, ich
wollte damit fertig werden, indem ich es niederschreibe, im Gegenteil,
ich will das zu rasch Gelebte nur noch lebendiger haben, es neben mich
warm und atmend stellen, um es immer und immer umfangen zu können. Oh,
ich habe keine Angst, auch nur eine Sekunde jenes schwülen Nachmittags,
jener phantastischen Nacht zu vergessen, ich brauche kein Merkzeichen,
keine Meilensteine, um in der Erinnerung den Weg jener Stunden Schritt
für Schritt zurückzugehen: wie ein Traumwandler finde ich jederzeit
mitten im Tage, mitten in der Nacht in seine Sphäre zurück, und jede
Einzelheit sehe ich darin mit jener Hellsichtigkeit, die nur das Herz
kennt und nicht das weiche Gedächtnis. Ich könnte hier ebensogut auf das
Papier die Umrisse jedes einzelnen Blattes in der frühlingshaft
ergrünten Landschaft hinzeichnen, ich spüre jetzt im Herbst noch ganz
lind das weiche staubige Qualmen der Kastanienblüten; wenn ich also noch
einmal diese Stunden beschreibe, so geschieht es nicht aus Furcht, sie
zu verlieren, sondern aus Freude, sie wiederzufinden. Und wenn ich jetzt
in der genauen Aufeinanderfolge mir die Wandlungen jener Nacht
darstelle, so werde ich um der Ordnung willen an mich halten müssen,
denn immer schwillt, kaum daß ich an die Einzelheiten denke, eine
Ekstase aus meinem Gefühl empor, eine Art Trunkenheit faßt mich, und ich
muß die Bilder der Erinnerung stauen, daß sie nicht, ein farbiger
Rausch, ineinanderstürzen. Noch immer erlebe ich mit leidenschaftlicher
Feurigkeit das Erlebte, jenen Tag, jenen 7. Juni 1913, da ich mir
mittags einen Fiaker nahm ...
Aber noch einmal, spüre ich, muß ich innehalten, denn schon wieder werde
ich erschreckt der Zweischneidigkeit, der Vieldeutigkeit eines einzelnen
Wortes gewahr. Jetzt, da ich zum ersten Male im Zusammenhange etwas
erzählen soll, merke ich erst, wie schwer es ist, jenes Gleitende, das
doch alles Lebendige bedeutet, in einer geballten Form zu fassen. Eben
habe ich »ich« hingeschrieben, habe gesagt, daß ich am 7. Juni 1913 mir
mittags einen Fiaker nahm. Aber dies Wort wäre schon eine
Undeutlichkeit, denn jenes »Ich« von damals, von jenem 7. Juni, bin ich
längst nicht mehr, obwohl erst vier Monate seitdem vergangen sind,
obwohl ich in der Wohnung dieses damaligen »Ich« wohne und an seinem
Schreibtisch mit seiner Feder und seiner eigenen Hand schreibe. Von
diesem damaligen Menschen bin ich, und gerade durch jenes Erlebnis ganz
abgelöst, ich sehe ihn jetzt von außen, ganz fremd und kühl, und kann
ihn schildern wie einen Spielgenossen, einen Kameraden, einen Freund,
von dem ich vieles und Wesentliches weiß, der ich aber doch selbst
durchaus nicht mehr bin. Ich könnte über ihn sprechen, ihn tadeln oder
verurteilen, ohne überhaupt zu empfinden, daß er mir einst zugehört hat.
Der Mensch, der ich damals war, unterschied sich in Wenigem äußerlich
und innerlich von den meisten seiner Gesellschaftsklasse, die man
besonders bei uns in Wien die »gute Gesellschaft« ohne besonderen Stolz,
sondern ganz als selbstverständlich zu bezeichnen pflegt. Ich ging in
das sechsunddreißigste Jahr, meine Eltern waren früh gestorben und
hatten mir knapp vor meiner Mündigkeit ein Vermögen hinterlassen, das
sich als reichlich genug erwies, um von nun ab den Gedanken an Erwerb
und Karriere gänzlich mir zu erübrigen. So wurde mir unvermutet eine
Entscheidung abgenommen, die mich damals sehr beunruhigte. Ich hatte
nämlich gerade meine Universitätsstudien vollendet und stand vor der
Wahl meines zukünftigen Berufes, der wahrscheinlich dank unserer
Familienbeziehungen und meiner schon früh vortretenden Neigung zu einer
ruhig ansteigenden und kontemplativen Existenz auf den Staatsdienst
gefallen wäre, als dies elterliche Vermögen an mich als einzigen Erben
fiel und mir eine plötzliche arbeitslose Unabhängigkeit zusicherte,
selbst im Rahmen weitgespannter und sogar luxuriöser Wünsche. Ehrgeiz
hatte mich nie bedrängt, so beschloß ich, einmal dem Leben erst ein paar
Jahre zuzusehen und zu warten, bis es mich schließlich verlocken würde,
mir selbst einen Wirkungskreis zu finden. Es blieb aber bei diesem
Zuschauen und Warten, denn da ich nichts Sonderliches begehrte,
erreichte ich alles im engen Kreis meiner Wünsche; die weiche und
wollüstige Stadt Wien, die wie keine andere das Spazierengehen, das
nichtstuerische Betrachten, das Elegantsein zu einer geradezu
künstlerischen Vollendung, zu einem Lebenszweck heranbildet, ließ mich
die Absicht einer wirklichen Betätigung ganz vergessen. Ich hatte alle
Befriedigung eines eleganten, adeligen, vermögenden, hübschen und dazu
noch ehrgeizlosen jungen Mannes, die ungefährlichen Spannungen des
Spiels, der Jagd, die regelmäßigen Auffrischungen der Reisen und
Ausflüge, und bald begann ich diese beschauliche Existenz immer mehr mit
wissender Sorgfalt und künstlerischer Neigung auszubauen. Ich sammelte
seltene Gläser, weniger aus einer inneren Leidenschaft als aus der
Freude, innerhalb einer anstrengungslosen Betätigung Geschlossenheit und
Kenntnis zu erreichen, ich schmückte meine Wohnung mit einer besonderen
Art italienischer Barockstiche und mit Landschaftsbildern in der Art des
Canaletto, die bei Trödlern zusammenzufinden oder bei Auktionen zu
erstehen voll einer jagdmäßigen und doch nicht gefährlichen Spannung
war, ich trieb mancherlei mit Neigung und immer mit Geschmack, fehlte
selten bei guter Musik und in den Ateliers unserer Maler. Bei Frauen
mangelte es mir nicht an Erfolg, auch hier hatte ich mit dem geheimen
sammlerischen Trieb, der irgendwie auf innere Unbeschäftigtkeit deutet,
mir vielerlei erinnerungswerte und kostbare Stunden des Erlebens
aufgehäuft, und hier allmählich vom bloßen Genießer mich zum wissenden
Kenner steigernd. Im ganzen hatte ich viel erlebt, was mir angenehm den
Tag füllte und meine Existenz mich als eine reiche empfinden ließ, und
immer mehr begann ich diese laue, wohlige Atmosphäre einer gleichzeitig
belebten und doch nie erschütterten Jugend zu lieben, fast ohne neue
Wünsche schon, denn ganz geringe Dinge vermochten sich schon in der
windstillen Luft meiner Tage zu einer Freude zu entfalten. Eine
gutgewählte Krawatte konnte mich fast schon froh machen, ein schönes
Buch, ein Automobilausflug oder eine Stunde mit einer Frau mich restlos
beglücken. Ganz besonders wohl tat mir in dieser meiner Daseinsform, daß
sie in keiner Weise, ganz wie ein tadellos korrekter englischer Anzug,
in keiner Weise der Gesellschaft auffiel. Ich glaube, man empfand mich
als eine angenehme Erscheinung, ich war beliebt und gerne gesehen, und
die meisten, die mich kannten, nannten mich einen glücklichen Menschen.
Ich weiß jetzt nicht mehr zu sagen, ob jener Mensch von damals, den ich
mir zu vergegenwärtigen bemühe, sich selbst so wie jene anderen als
einen Glücklichen empfand; denn nun, wo ich aus jenem Erlebnis für jedes
Gefühl einen viel volleren und erfüllteren Sinn fordere, scheint mir
jede rückerinnernde Wertung fast unmöglich. Doch vermag ich mit
Gewißheit zu sagen, daß ich mich zu jener Zeit keineswegs als
unglücklich empfand, blieben doch fast nie meine Wünsche unerfüllt und
meine Anforderungen an das Leben unerwidert. Aber gerade dies, daß ich
mich daran gewöhnt hatte, alles Geforderte vom Schicksal zu empfangen
und darüber hinaus nichts mehr ihm abzufordern, gerade dies zeitigte
allmählich einen gewissen Mangel an Spannung, eine Unlebendigkeit im
Leben selbst. Was sich damals unbewußt in manchen Augenblicken der
Halberkenntnis in mir sehnsüchtig regte: es waren nicht eigentlich
Wünsche, sondern nur der Wunsch nach Wünschen, das Verlangen, stärker,
unbändiger, ehrgeiziger, unbefriedigter zu begehren, mehr zu leben und
vielleicht auch zu leiden. Ich hatte aus meiner Existenz durch eine
allzu vernünftige Technik alle Widerstände ausgeschaltet, und an diesem
Fehlen der Widerstände erschlaffte meine Vitalität. Ich merkte, daß ich
immer weniger, immer schwächer begehrte, daß eine Art Erstarrung in mein
Gefühl gekommen war, daß ich -- vielleicht ist es am besten so
ausgedrückt -- an einer seelischen Impotenz, einer Unfähigkeit zur
leidenschaftlichen Besitznahme des Lebens litt. An kleinen Zeichen
erkannte ich dieses Manko zuerst. Es fiel mir auf, daß ich im Theater
und in der Gesellschaft bei gewissen sensationellen Veranstaltungen
öfter und öfter fehlte, daß ich Bücher bestellte, die mir gerühmt worden
waren und sie dann unaufgeschnitten wochenlang auf dem Schreibtisch
liegen ließ, daß ich zwar mechanisch weiter meine Liebhabereien
sammelte, Gläser und Antiken kaufte, ohne sie aber dann einzuordnen und
mich eines seltenen und langgesuchten Stückes bei unvermutetem Erwerb
sonderlich zu freuen.
Wirklich bewußt aber wurde mir diese übergangshafte und leise
Verminderung meiner seelischen Spannkraft erst bei einer bestimmten
Gelegenheit, der ich mich noch deutlich entsinne. Ich war im Sommer --
auch schon aus jener merkwürdigen Trägheit heraus, die von nichts Neuem
sich lebhaft angelockt fühlte -- in Wien geblieben, als ich plötzlich
aus einem Kurorte den Brief einer Frau erhielt, mit der mich seit drei
Jahren eine intime Beziehung verband und von der ich sogar aufrichtig
meinte, daß ich sie liebe. Sie schrieb mir in vierzehn aufgeregten
Seiten, sie habe in diesen Wochen dort einen Mann kennengelernt, der ihr
viel, ja alles geworden sei, sie werde ihn im Herbst heiraten, und
zwischen uns müsse jene Beziehung zu Ende sein. Sie denke ohne Reue, ja
mit Glück an die mit mir gemeinsam verlebte Zeit zurück, der Gedanke an
mich begleite sie in ihre neue Ehe als das Liebste ihres vergangenen
Lebens, und sie hoffe, ich werde ihr den plötzlichen Entschluß
verzeihen. Nach dieser sachlichen Mitteilung überbot sich der aufgeregte
Brief dann in wirklich ergreifenden Beschwörungen, ich möge ihr nicht
zürnen und nicht zuviel an dieser plötzlichen Absage leiden, ich solle
keinen Versuch machen, sie gewaltsam zurückzuhalten oder eine Torheit
gegen mich begehen. Immer hitziger jagten die Zeilen hin: ich solle doch
bei einer Besseren Trost finden, ich solle ihr sofort schreiben, denn
sie sei in Angst, wie ich diese Mitteilung aufnehmen würde. Und als
Nachsatz, mit Bleistift, war dann noch eilig hingeschrieben: »Tue nichts
Unvernünftiges, verstehe mich, verzeihe mir!« Ich las diesen Brief,
zuerst überrascht von der Nachricht und dann, als ich ihn durchblättert,
noch ein zweites Mal und nun mit einer gewissen Beschämung, die sich
bewußt werdend rasch zu einem inneren Erschrecken steigerte. Denn nichts
von allen den starken und doch natürlichen Empfindungen, die meine
Geliebte als selbstverständlich voraussetzte, hatte sich auch nur
andeutungshaft in mir geregt. Ich hatte nicht gelitten bei ihrer
Mitteilung, hatte ihr nicht gezürnt und schon gar nicht eine Sekunde an
eine Gewalttätigkeit gegen sie oder gegen mich gedacht, und diese Kälte
des Gefühls in mir war nun doch zu sonderbar, als daß sie mich nicht
selbst erschreckt hätte. Da fiel eine Frau von mir ab, die Jahre meines
Lebens begleitet hatte, deren warmer Leib sich elastisch dem meinen
aufgetan, deren Atem in langen Nächten in meinen vergangen war, und
nichts rührte sich in mir, wehrte sich dagegen, nichts suchte sie
zurückzuerobern, nichts von all dem geschah in meinem Gefühl von dem,
was der reine Instinkt dieser Frau als selbstverständlich bei einem
wirklichen Menschen voraussetzen mußte. In diesem Augenblicke war mir
zum ersten Male ganz bewußt, wie weit der Erstarrungsprozeß in mir
fortgeschritten war -- ich glitt eben durch wie auf fließendem,
spiegelndem Wasser, ohne irgend verhaftet, verwurzelt zu sein, und ich
wußte ganz genau, daß diese Kälte etwas Totes, Leichenhaftes war, noch
nicht umwittert zwar vom faulen Hauch der Verwesung, aber doch schon
rettungslose Starre, grausam-kalte Fühllosigkeit, die Minute also, die
dem wahren, dem körperlichen Sterben, dem auch äußerlich sichtbaren
Verfall vorangeht. Seit jener Episode begann ich mich und diese
merkwürdige Gefühlsstarre in mir aufmerksam zu beobachten wie ein
Kranker seine Krankheit. Als kurz darauf ein Freund von mir starb und
ich hinter seinem Sarge ging, horchte ich in mich hinein, ob sich nicht
eine Trauer in mir rühre, irgendein Gefühl sich in dem Bewußtsein
spanne, dieser mir seit Kindheitstagen nahe Mensch sei nun für immer
verloren. Aber es regte sich nichts, ich kam mir selbst wie etwas
Gläsernes vor, durch das die Dinge hindurchleuchteten, ohne jemals innen
zu sein, und so sehr ich mich bei diesem Anlaß und manchen ähnlichen
auch anstrengte, etwas zu fühlen, ja mich mit Verstandesgründen zu
Gefühlen überreden wollte, es kam keine Antwort aus jener inneren Starre
zurück. Menschen verließen mich, Frauen gingen und kamen, ich spürte es
kaum anders wie einer, der im Zimmer sitzt, den Regen an den Scheiben,
zwischen mir und dem Unmittelbaren war irgendeine gläserne Wand, die ich
mit dem Willen zu zerstoßen nicht die Kraft hatte.
Obzwar ich dies nun klar empfand, so schuf mir diese Erkenntnis doch
keine rechte Beunruhigung, denn ich sagte es ja schon, daß ich auch
Dinge, die mich selbst betrafen, mit Gleichgültigkeit hinnahm. Auch zum
Leiden hatte ich nicht mehr genug Gefühl. Es genügte mir, daß dieser
seelische Defekt außen so wenig wahrnehmbar war, wie etwa die
körperliche Impotenz eines Mannes nicht anders als in der intimen
Sekunde offenbar wird, und ich setzte oft in Gesellschaft durch eine
künstliche Leidenschaftlichkeit im Bewundern, durch spontane
Übertreibungen von Ergriffenheit eine gewisse Ostentation daran, zu
verbergen, wie sehr ich mich innerlich anteilslos und abgestorben wußte.
Äußerlich lebte ich mein altes behagliches, hemmungsloses Leben weiter,
ohne seine Richtung zu ändern; Wochen, Monate glitten leicht vorüber und
füllten sich langsam dunkel zu Jahren. Eines Morgens sah ich im Spiegel
einen grauen Streif an meiner Schläfe und spürte, daß meine Jugend
langsam hinüber wollte in eine andere Welt. Aber was andere Jugend
nannten, war in mir längst vorbei. So tat das Abschiednehmen nicht
sonderlich weh, denn ich liebte auch meine eigene Jugend nicht genug.
Auch zu mir selbst schwieg mein trotziges Gefühl.
Durch diese innere Unbewegtheit wurden meine Tage immer mehr
gleichförmig trotz aller Verschiedenheit der Beschäftigungen und
Begebenheiten, sie reihten sich unbetont einer an den anderen, wuchsen
und gilbten hin wie die Blätter eines Baumes. Und ganz gewöhnlich, ohne
jede Absonderlichkeit, ohne jedes innere Vorzeichen, begann auch jener
einzige Tag, den ich mir wieder selbst schildern will. Ich war damals am
7. Juni 1913 später aufgestanden, aus dem noch von der Kindheit, von den
Schuljahren her unbewußt nachklingenden Sonntagsgefühl, hatte mein Bad
genommen, die Zeitung gelesen und in Büchern geblättert, war dann,
verlockt von dem warmen sommerlichen Tag, der teilnehmend in mein Zimmer
drang, spazierengegangen, hatte in gewohnter Weise den Grabenkorso
überquert, zwischen Gruß und Gruß bekannter und befreundeter Menschen
mit irgendeinem von ihnen ein flüchtiges Gespräch geführt und dann bei
Freunden zu Mittag gespeist. Für den Nachmittag war ich jeder
Vereinbarung ausgewichen, denn ich liebte es insbesondere, am Sonntag
ein paar unaufgeteilte freie Stunden zu haben, die dann ganz dem Zufall
meiner Laune, meiner Bequemlichkeit oder irgendeiner spontanen
Entschließung gehörten. Als ich dann, von meinen Freunden kommend, die
Ringstraße querte, empfand ich wohltuend die Schönheit der besonnten
Stadt und ward froh an ihrer frühsommerlichen Geschmücktheit. Die
Menschen schienen alle heiter und irgendwie verliebt in die
Sonntäglichkeit der bunten Straße, vieles einzelne fiel mir auf und vor
allem, wie breitumbuscht mit ihrem neuen Grün die Bäume mitten aus dem
Asphalt sich aufhoben. Obwohl ich doch fast täglich hier vorüberging,
wurde ich dieses sonntäglichen Menschengewühls plötzlich wie eines
Wunders gewahr, und unwillkürlich bekam ich Sehnsucht nach viel Grün,
nach Helligkeit und Buntheit. Ich erinnerte mich mit ein wenig Neugier
des Praters, wo jetzt zu Frühlingsende, zu Sommersanfang, die schweren
Bäume wie riesige grüne Lakaien rechts und links der von Wagen
durchflitzten Hauptallee stehen und reglos den vielen geputzten
eleganten Menschen ihre weißen Blütenherzen hinhalten. Gewohnt, auch dem
flüchtigsten meiner Wünsche sofort nachzugeben, rief ich den ersten
Fiaker an, der mir in den Weg kam, und bedeutete ihm auf seine Frage den
Prater als Ziel. »Zum Rennen, Herr Baron, nicht wahr?« antwortete er mit
devoter Selbstverständlichkeit. Da erinnerte ich mich erst, daß heute
ein sehr fashionabler Renntag war, eine Derbyvorschau, wo die ganze gute
Wiener Gesellschaft sich Rendezvous gab. Seltsam, dachte ich mir,
während ich in den Wagen stieg, wie wäre es noch vor ein paar Jahren
möglich gewesen, daß ich einen solchen Tag versäumt oder vergessen
hätte! Wieder spürte ich, so wie ein Kranker bei einer Bewegung seine
Wunde, an dieser Vergeßlichkeit die ganze Starre der Gleichgültigkeit,
der ich verfallen war.
Die Hauptallee war schon ziemlich leer, als wir hinkamen, das Rennen
mußte längst begonnen haben, denn die sonst so prunkvolle Auffahrt der
Wagen fehlte, nur ein paar vereinzelte Fiaker hetzten mit knatternden
Hufen wie hinter einem unsichtbaren Versäumnis her. Der Kutscher wandte
sich am Bock und fragte, ob er scharf traben solle; aber ich hieß ihn,
die Pferde ruhig gehen zu lassen, denn mir lag nichts an einem
Zuspätkommen. Ich hatte zu viel Rennen gesehen und zu oft die Menschen
bei ihnen, als daß mir ein Zurechtkommen noch wichtig gewesen wäre, und
es entsprach besser meinem lässigen Gefühl, im weichen Schaukeln des
Wagens die blaue Luft wie Meer vom Bord eines Schiffes lindrauschend zu
fühlen und ruhiger die schönen, breitgebuschten Kastanienbäume
anzusehen, die manchmal dem schmeichlerisch warmen Wind ein paar
Blütenflocken zum Spiele hingaben, die er dann leicht aufhob und
wirbelte, ehe er sie auf die Allee weiß hinflocken ließ. Es war wohlig,
sich so wiegen zu lassen, Frühling zu ahnen mit geschlossenen Augen,
ohne jede Anstrengung beschwingt und fortgetragen sich zu empfinden:
eigentlich tat es mir leid, als in der Freudenau der Wagen vor der
Einfahrt hielt. Am liebsten wäre ich noch umgekehrt, mich weiter wiegen
zu lassen von dem weichen, frühsommerlichen Tag. Aber es war schon zu
spät, der Wagen hielt vor dem Rennplatz. Ein dumpfes Brausen schlug mir
entgegen. Wie ein Meer scholl es dumpf und hohl hinter den aufgestuften
Tribünen, ohne daß ich die bewegte Menge sah, von der dieses geballte
Geräusch ausging, und unwillkürlich erinnerte ich mich an Ostende, wenn
man von der niederen Stadt die kleinen Seitengassen zur Strandpromenade
emporsteigt, schon den Wind salzig und scharf über sich sausen fühlt und
ein dumpfes Dröhnen hört, ehe dann der Blick hingreift über die weite
grauschäumige Fläche mit ihren donnernden Wellen. Ein Rennen mußte
gerade in Gang sein, aber zwischen mir und dem Rasen, auf dem jetzt wohl
die Pferde hinflitzten, stand ein farbiger dröhnender, wie von einem
inneren Sturm hin und her geschüttelter Qualm, die Menge der Zuschauer
und Spieler. Ich konnte die Bahn nicht sehen, spürte aber im Reflex der
gesteigerten Erregung jede sportliche Phase. Die Reiter mußten längst
gestartet, der Knäuel sich geteilt haben und ein paar gemeinsam um die
Führung streiten, denn schon lösten sich hier aus den Menschen, die
geheimnisvoll die für mich unsichtbaren Bewegungen des Laufes mitlebten,
Schreie los und aufgeregte Zurufe. An der Richtung ihrer Köpfe spürte
ich die Biegung, an der die Reiter und Pferde jetzt auf dem länglichen
Rasenoval angelangt sein mußten, denn immer einheitlicher, immer
zusammengefaßter drängte sich, wie ein einziger aufgereckter Hals, das
ganze Menschenchaos einem mir unsichtbaren Blickpunkt entgegen, und aus
diesem einen ausgespannten Hals grölte und gurgelte mit tausenden
zerriebenen Einzellauten eine immer höher gischtende Brandung. Und diese
Brandung stieg und schwoll, schon füllte sie den ganzen Raum bis zum
gleichgültig blauen Himmel. Ich sah in ein paar Gesichter hinein. Sie
waren verzerrt wie von einem inneren Krampf, die Augen starr und
funkelnd, die Lippen verbissen, das Kinn gierig vorgestoßen, die Nüstern
pferdhaft gebläht. Spaßig und grauenhaft war mirs, nüchtern diese
unbeherrschten Trunkenen zu betrachten. Neben mir stand auf einem Sessel
ein Mann, elegant gekleidet, mit einem sonst wohl guten Gesicht, jetzt
aber tobte er, von einem unsichtbaren Dämon beteufelt, er fuchtelte mit
dem Stock in die leere Luft hinein, als peitschte er etwas vorwärts,
sein ganzer Körper machte -- unsagbar lächerlich für einen Zuschauer --
die Bewegung des Raschreitens leidenschaftlich mit. Wie auf Steigbügeln
wippte er mit den Fersen unablässig auf und nieder über dem Sessel, die
rechte Hand jagte den Stock immer wieder als Gerte ins Leere, die linke
knüllte krampfig einen weißen Zettel. Und immer mehr dieser weißen
Zettel flatterten herum, wie Schaumspritzer gischteten sie über dieser
graudurchstürmten Flut, die lärmend schwoll. Jetzt mußten an der Kurve
ein paar Pferde ganz knapp beieinander sein, denn mit einem Male ballte
sich das Gedröhn in zwei, drei, vier einzelne Namen, die immer wieder
einzelne Gruppen wie Schlachtrufe schrien und tobten, und diese Schreie
schienen wie ein Ventil für ihre delirierende Besessenheit.
Ich stand inmitten dieser dröhnenden Tobsucht kalt wie ein Felsen im
donnernden Meer und weiß noch heute genau zu sagen, was ich in jener
Minute empfand.
Das Lächerliche vorerst all dieser fratzenhaften Gebärden, eine
ironische Verachtung für das Pöbelhafte des Ausbruches, aber doch noch
etwas anderes, das ich mir ungern eingestand -- irgendeinen leisen Neid
nach solcher Erregung, solcher Brunst der Leidenschaft, nach dem Leben,
das in diesem Fanatismus war. Was müßte, dachte ich, geschehen, um mich
dermaßen zu erregen, mich dermaßen ins Fieber zu spannen, daß mein
Körper so brennend, meine Stimme mir wider Willen aus dem Munde brechen
würde? Keine Summe konnte ich mir denken, deren Besitz mich so anfeuern
könnte, keine Frau, die mich dermaßen reizte, nichts, nichts gab es, was
aus der Starre meines Gefühls mich zu solcher Feurigkeit entfachen
könnte! Vor einer plötzlich gespannten Pistole würde mein Herz, eine
Sekunde vor dem Erstarren, nicht so wild hämmern, wie das in den
tausend, zehntausend Menschen rings um mich für eine Handvoll Geld. Aber
jetzt mußte ein Pferd dem Start ganz nahe sein, denn zu einem einzigen,
immer schriller werdenden Schrei von tausenden Stimmen gellte jetzt wie
eine hochgespannte Saite ein bestimmter Name empor aus dem Tumult, um
dann schrill mit einem Male zu zerreißen. Die Musik begann zu spielen,
plötzlich zerbrach die Menge. Eine Runde war zu Ende, ein Kampf
entschieden, die Spannung löste sich in eine quirlende, nur noch schlaff
nachschwingende Bewegtheit. Die Masse, eben noch ein brennendes Bündel
Leidenschaft, fiel auseinander in viele einzelne laufende, lachende,
sprechende Menschen, ruhige Gesichter tauchten wieder auf hinter der
mänadischen Maske der Erregung; aus dem Chaos des Spiels, das für
Sekunden diese Tausende in einen einzigen glühenden Klumpen geschmolzen
hatte, schichteten sich wieder gesellschaftliche Gruppen, die
zusammentraten, sich lösten, Menschen, die ich kannte und die mich
grüßten, fremde, die sich gegenseitig kühl-höflich musterten und
betrachteten. Die Frauen prüften sich gegenseitig in ihren neuen
Toiletten, die Männer warfen begehrliche Blicke, jene mondäne Neugier,
die der Teilnahmslosen eigentliche Beschäftigung ist, begann sich zu
entfalten, man suchte, zählte, kontrollierte sich auf Anwesenheit und
Eleganz. Schon wußten, kaum aus dem Taumel erwacht, all diese Menschen
nicht mehr, ob dies promenierende Zwischenspiel oder das Spiel selbst
der Zweck ihrer gesellschaftlichen Vereinigung war.
Ich ging mitten durch dies laue Gewühl, grüßte und dankte, atmete wohlig
-- war es doch die Atmosphäre meiner Existenz -- den Duft von Parfüm und
Eleganz, der dies kaleidoskopische Durcheinander umschwebte, und noch
freudiger die leise Brise, die von drüben aus den Praterauen, aus dem
sommerlich durchwärmten Walde manchmal ihre Welle zwischen die Menschen
warf und den weißen Musselin der Frauen wie wollüstig-spielend
betastete. Ein paar Bekannte wollten mich ansprechen, Diane, die schöne
Schauspielerin, nickte einladend aus einer Loge herüber, aber ich ging
keinem zu. Es interessierte mich nicht, mit einem dieser mondänen
Menschen heute zu sprechen, es langweilte mich, in ihrem Spiegel mich
selbst zu sehen, nur das Schauspiel wollte ich umfassen, die
knisternd-sinnliche Erregung, die durch die aufgesteigerte Stunde ging
(denn der anderen Erregtheit ist gerade dem Teilnahmslosen das
angenehmste Schauspiel). Ein paar schöne Frauen gingen vorbei, ich sah
ihnen frech, aber ohne innerliches Begehren auf die Brüste, die unter
der dünnen Gaze bei jedem Schritt bebten und lächelte innerlich über
ihre halb peinliche, halb wohlige Verlegenheit, wenn sie sich so
sinnlich abgeschätzt und frech entkleidet fühlten. In Wirklichkeit
reizte mich keine, es machte mir nur ein gewisses Vergnügen, vor ihnen
so zu tun, das Spiel mit dem Gedanken, mit ihren Gedanken machte mir
Freude, die Lust, sie körperlich zu berühren, das magnetische Zucken im
Auge zu fühlen; denn wie jedem innerlich kühlen Menschen war es mein
eigentlichster erotischer Genuß, in anderen Wärme und Unruhe zu erregen,
statt mich selbst zu erhitzen. Nur den Flaum von Wärme, den die
Gegenwart von Frauen um die Sinnlichkeit legt, liebte ich zu fühlen,
nicht eine wirkliche Erhitzung, Anregung bloß und nicht Erregung. So
ging ich auch diesmal durch die Promenade, nahm Blicke, gab sie leicht
wie Federball zurück, genoß ohne zu greifen, befühlte Frauen ohne zu
fühlen, nur leicht angewärmt von der lauen Wollust des Spiels.
Aber auch das langweilte mich bald. Immer dieselben Menschen kamen
vorüber, ich kannte ihre Gesichter schon auswendig und ihre Gesten. Ein
Sessel stand in der Nähe. Ich setzte mich hin. Ringsum begann in den
Gruppen eine neue wirblige Bewegung, unruhiger schüttelten und stießen
sich die Vorübergehenden durcheinander; offenbar sollte ein neues Rennen
wieder anheben. Ich kümmerte mich nicht darum, saß weich und irgendwie
versunken unter dem Kringel meiner Zigarette, der sich weißgekräuselt
gegen den Himmel hob, wo er heller und heller wie eine kleine Wolke im
Frühlingsblau verging. In dieser Sekunde begann das Unerhörte, jenes
einzige Erlebnis, das noch heute mein Leben bestimmt. Ich kann ganz
genau den Augenblick feststellen, denn zufällig hatte ich gerade auf die
Uhr gesehen: die Zeiger kreuzten sich, und ich sah ihnen mit jener
unbeschäftigten Neugier zu, wie sie sich eine Sekunde lang überdeckten.
Es war drei Minuten nach drei Uhr an jenem Nachmittag des 7. Juni 1913.
Ich blickte also, die Zigarette in der Hand, auf das weiße Zifferblatt,
ganz beschäftigt mit dieser kindischen und lächerlichen Betrachtung, als
ich knapp hinter meinem Rücken eine Frau laut lachen hörte, mit jenem
scharfen, erregten Lachen, wie ich es bei Frauen liebe, jenem Lachen,
das ganz warm und aufgeschreckt aus dem heißen Gebüsch der Sinnlichkeit
vorspringt. Unwillkürlich bog es mir den Kopf zurück, schon wollte ich
die Frau anschauen, deren laute Sinnlichkeit so frech in meine sorglose
Träumerei schlug wie ein funkelnder weißer Stein in einen dumpfen,
schlammigen Teich -- da bezwang ich mich. Eine merkwürdige Lust am
geistigen Spiel, am kleinen ungefährlichen psychologischen Experiment,
wie sie mich oft befiel, ließ mich innehalten. Ich wollte die Lachende
noch nicht ansehen, es reizte mich, zuerst in einer Art Vorlust, meine
Phantasie mit dieser Frau zu beschäftigen, mir sie vorzustellen, mir ein
Gesicht, einen Mund, eine Kehle, einen Nacken, eine Brust, eine ganze
lebendige atmende Frau um dieses Lachen zu legen.
Sie stand jetzt offenbar knapp hinter mir. Aus dem Lachen war wieder
Gespräch geworden. Ich hörte gespannt zu. Sie sprach mit leichtem
ungarischen Akzent, sehr rasch und beweglich, die Vokale breit
ausschwingend wie im Gesang. Es machte mir nun Spaß, dieser Rede nun die
Gestalt zuzudichten und dies Phantasiebild möglichst üppig
auszugestalten. Ich gab ihr dunkle Haare, dunkle Augen, einen breiten,
sinnlich gewölbten Mund mit ganz weißen starken Zähnen, eine ganz
schmale kleine Nase, aber mit steil aufspringenden zitternden Nüstern.
Auf die linke Wange legte ich ihr ein Schönheitspflästerchen, in die
Hand gab ich ihr einen Reitstock, mit dem sie sich beim Lachen leicht an
den Schenkel schlug. Sie sprach weiter und weiter. Und jedes ihrer Worte
fügte meiner blitzschnell gebildeten Phantasievorstellung ein neues
Detail hinzu: eine schmale mädchenhafte Brust, ein dunkelgrünes Kleid
mit einer schief gesteckten Brillantspange, einen hellen Hut mit einem
weißen Reiher. Immer deutlicher ward das Bild, und schon spürte ich
diese fremde Frau, die unsichtbar hinter meinem Rücken stand, wie auf
einer belichteten Platte in meiner Pupille. Aber ich wollte mich nicht
umwenden, dieses Spiel der Phantasie noch weiter steigern, irgendein
leises Rieseln von Wollust mengte sich in die verwegene Träumerei, ich
schloß beide Augen, gewiß, daß, wenn ich die Lider auftäte und mich ihr
zuwendete, das innere Bild ganz mit dem äußeren sich decken würde.
In diesem Augenblick trat sie vor. Unwillkürlich tat ich die Augen auf
-- und ärgerte mich. Ich hatte vollkommen daneben geraten, alles war
anders, ja in boshaftester Weise gegensätzlich zu meinem Phantasiebild.
Sie trug kein grünes, sondern ein weißes Kleid, war nicht schlank,
sondern üppig und breitgehüftet, nirgends aus der vollen Wange tupfte
sich das erträumte Schönheitspflästerchen, die Haare leuchteten
rötlichblond statt schwarz unter dem helmförmigen Hut. Keines meiner
Merkmale stimmte zu ihrem Bilde; aber diese Frau war schön,
herausfordernd schön, obwohl ich mich, gekränkt im törichten Ehrgeiz
meiner psychologischen Eitelkeit, diese Schönheit anzuerkennen wehrte.
Fast feindlich sah ich zu ihr empor; aber auch der Widerstand in mir
spürte den starken sinnlichen Reiz, der von dieser Frau ausging, das
Begehrliche, Animalische, das in ihrer festen und gleichzeitig weichen
Fülle fordernd lockte. Jetzt lachte sie wieder laut, ihre festen weißen
Zähne wurden sichtbar, und ich mußte mir sagen, daß dieses heiße
sinnliche Lachen zu dem Üppigen ihres Wesens wohl im Einklang stand;
alles an ihr war so vehement und herausfordernd, der gewölbte Busen, das
im Lachen vorgestoßene Kinn, der scharfe Blick, die geschwungene Nase,
die Hand, die den Schirm fest gegen den Boden stemmt. Hier war das
weibliche Element, Urkraft, bewußte, penetrante Lockung, ein
fleischgewordenes Wollustfanal. Neben ihr stand ein eleganter, etwas
fanierter Offizier und sprach eindringlich auf sie ein. Sie hörte ihm
zu, lächelte, lachte, widersprach, aber all das nur nebenbei, denn
gleichzeitig glitt ihr Blick, zitterten ihre Nüstern überall hin,
gleichsam allen zu: sie sog Aufmerksamkeit, Lächeln, Anblick von jedem,
der vorüberging und gleichsam von der ganzen Masse des Männlichen
ringsum ein. Ihr Blick war ununterbrochen wanderhaft, bald suchte er die
Tribünen entlang, um dann plötzlich, freudigen Erkennens, einen Gruß zu
erwidern, bald streifte er -- während sie dem Offizier immer lächelnd
und eitel zuhörte -- nach rechts, bald nach links. Nur mich, der ich,
von ihrem Begleiter gedeckt, unter ihrem Blickfeld lag, hatte er noch
nicht angerührt. Das ärgerte mich. Ich stand auf -- sie sah mich nicht.
Ich drängte mich näher -- nun blickte sie wieder zu den Tribünen hinauf.
Da trat ich entschlossen zu ihr hin, lüftete den Hut gegen ihren
Begleiter und bot ihr meinen Sessel an. Sie blickte mir erstaunt
entgegen, ein lächelnder Glanz überflog ihre Augen, schmeichlerisch bog
sie die Lippe zu einem Lächeln. Aber dann dankte sie nur kurz und nahm
den Sessel, ohne sich zu setzen. Bloß den üppigen, bis zum Ellbogen
entblößten Arm stützte sie weich an die Lehne und nützte die leichte
Biegung ihres Körpers, um seine Formen sichtbarer zu zeigen.
Der Ärger über meine falsche Psychologie war längst vergessen, mich
reizte nur das Spiel mit dieser Frau. Ich trat etwas zurück an die Wand
der Tribüne, wo ich sie frei und doch unauffällig fixieren konnte,
stemmte mich auf meinen Stock und suchte mit den Augen die ihren. Sie
merkte es, drehte sich ein wenig meinem Beobachtungsplatze zu, aber doch
so, daß diese Bewegung eine ganz zufällige schien, wehrte mir nicht,
antwortete mir gelegentlich und doch unverpflichtend. Unablässig gingen
ihre Augen im Kreise, alles rührten sie an, nichts hielten sie fest --
war ich es allein, dem sie begegnend ein schwarzes Lächeln zustrahlten
oder gab sie es an jeden? Das war nicht zu unterscheiden, und eben diese
Ungewißheit irritierte mich. In den Intervallen, wo wie ein Blinkfeuer
ihr Blick mich anstrahlte, schien er voll Verheißung, aber mit der
gleichen stahlglänzenden Pupille parierte sie auch ohne jede Wahl jeden
anderen Blick, der ihr zuflog, ganz nur aus koketter Freude am Spiel,
vor allem aber, ohne dabei für eine Sekunde scheinbar interessiert das
Gespräch ihres Begleiters zu verabsäumen. Etwas blendend Freches war in
diesen leidenschaftlichen Paraden, eine Virtuosität der Koketterie oder
ein ausbrechender Überschuß an Sinnlichkeit. Unwillkürlich trat ich
einen Schritt näher: ihre kalte Frechheit war in mich übergegangen. Ich
sah ihr nicht mehr in die Augen, sondern griff sie fachmännisch von oben
bis unten ab, riß ihr mit dem Blick die Kleider auf und spürte sie
nackt. Sie folgte meinem Blick, ohne irgendwie beleidigt zu sein,
lächelte mit den Mundwinkeln zu dem plaudernden Offizier, aber ich
merkte, daß dies wissende Lächeln meine Absicht quittierte. Und wie ich
jetzt auf ihren Fuß sah, der klein und zart unter dem weißen Kleide
vorlugte, streifte sie mit dem Blick lässig nachprüfend ihr Kleid hinab.
Dann, im nächsten Augenblick hob sie wie zufällig den Fuß und stellte
ihn auf die erste Sprosse des dargebotenen Sessels, so daß ich durch das
durchbrochene Kleid die Strümpfe bis zum Knieansatz sah, gleichzeitig
schien aber ihr Lächeln zu dem Begleiter hin irgendwie ironisch oder
maliziös zu werden. Offenbar spielte sie mit mir ebenso anteillos wie
ich mit ihr, und ich mußte die raffinierte Technik ihrer Verwegenheit
haßvoll bewundern; denn während sie mir mit falscher Heimlichkeit das
Sinnliche ihres Körpers darbot, drückte sie sich gleichzeitig in das
Flüstern ihres Begleiters geschmeichelt hinein, gab und nahm in einem
und beides nur im Spiel. Eigentlich war ich erbittert, denn ich haßte
gerade an anderen diese Art kalter und boshaft berechnender
Sinnlichkeit, weil ich sie meiner eigenen wissenden Fühllosigkeit so
blutschänderisch nahe verschwistert fühlte. Aber doch, ich war erregt,
vielleicht mehr im Haß wie in Begehrlichkeit. Frech trat ich näher und
griff sie brutal an mit den Blicken. »Ich will dich, du schönes Tier,«
sagte ihr meine unverhohlene Geste, und unwillkürlich mußten meine
Lippen sich bewegt haben, denn sie lächelte mit leiser Verächtlichkeit,
den Kopf von mir wegwendend, und schlug die Robe über den entblößten
Fuß. Aber im nächsten Augenblick wanderte die schwarze Pupille wieder
funkelnd her und wieder hinüber. Es war ganz deutlich, daß sie ebenso
kalt wie ich selbst und mir gewachsen war, daß wir beide kühl mit einer
fremden Hitze spielten, die selber wieder nur gemaltes Feuer war, aber
doch schön anzusehen und heiter zu spielen inmitten eines dumpfen Tags.
Plötzlich erlosch die Gespanntheit in ihrem Gesicht, der funkelnde Glanz
glomm aus, eine kleine ärgerliche Falte krümmte sich um den eben noch
lächelnden Mund. Ich folgte der Richtung ihres Blicks: ein kleiner,
dicker Herr, den die Kleider faltig umplusterten, steuerte eilig auf sie
zu, das Gesicht und die Stirn, die er nervös mit dem Taschentuch
abtrocknete, von Erregung feucht. Der Hut, in der Eile schief auf den
Kopf gedrückt, ließ seitlich eine tief heruntergezogene Glatze sehen
(unwillkürlich empfand ich, es müßten, wenn er den Hut abnehme, dicke
Schweißperlen auf ihr brüten, und der Mensch war mir widerlich). In der
beringten Hand hielt er ein ganzes Bündel Ticketts. Er prustete förmlich
vor Aufregung und sprach gleich, ohne seine Frau zu beachten, in lautem
Ungarisch auf den Offizier ein. Ich erkannte sofort einen Fanatiker des
Rennsportes, irgendeinen Pferdehändler besserer Kategorie, für den das
Spiel die einzige Ekstase war, das erlauchte Surrogat des Sublimen.
Seine Frau mußte ihm offenbar jetzt etwas Ermahnendes gesagt haben (sie
war sichtlich geniert von seiner Gegenwart und gestört in ihrer
elementaren Sicherheit), denn er richtete sich, anscheinend auf ihr
Geheiß, den Hut zurecht, lachte sie dann jovial an und klopfte ihr mit
gutmütiger Zärtlichkeit auf die Schulter. Wütend zog sie die Brauen
hoch, abgestoßen von der ehelichen Vertraulichkeit, die ihr in Gegenwart
des Offiziers und vielleicht mehr noch der meinen peinlich wurde. Er
schien sich zu entschuldigen, sagte auf ungarisch wieder ein paar Worte
zu dem Offizier, die jener mit einem gefälligen Lächeln erwiderte, nahm
aber dann zärtlich und ein wenig unterwürfig ihren Arm. Ich spürte, daß
sie sich seiner Intimität vor uns schämte und genoß ihre Erniedrigung
mit einem gemischten Gefühl von Spott und Ekel. Aber schon hatte sie
sich wieder gefaßt, und während sie sich weich an seinen Arm drückte,
glitt ein Blick ironisch zu mir hinüber, als sagte er: »Siehst du, der
hat mich, und nicht du.« Ich war wütend und degoutiert zugleich.
Eigentlich wollte ich ihr den Rücken kehren und weitergehen, um ihr zu
zeigen, daß die Gattin eines solchen ordinären Dicklings mich nicht mehr
interessiere. Aber der Reiz war doch zu stark. Ich blieb.
Schrill gellte in dieser Sekunde das Signal des Starts, und mit einemmal
war die ganze plaudernde, trübe, stockende Masse wie umgeschüttelt, floß
wieder von allen Seiten in jähem Durcheinander nach vorn zur Barriere.
Ich hatte eine gewisse Gewaltsamkeit nötig, nicht mitgerissen zu werden,
denn ich wollte gerade im Tumult in ihrer Nähe bleiben, vielleicht bot
sich da Gelegenheit zu einem entscheidenden Blick, einem Griff,
irgendeiner spontanen Frechheit, die ich jetzt noch nicht wußte, und so
stieß ich mich zwischen den eilenden Leuten beharrlich zu ihr vor. In
diesem Augenblick drängte der dicke Gatte gerade herüber, offenbar um
einen guten Platz an der Tribüne zu ergattern, und so stießen wir beide,
jeder von einem andern Ungestüm geschleudert, mit so viel Heftigkeit
gegeneinander, daß sein lockerer Hut zu Boden flog und die Ticketts, die
daran lose befestigt waren, in weitem Bogen wegspritzten und wie rote,
blaue, gelbe und weiße Schmetterlinge auf den Boden staubten. Einen
Augenblick starrte er mich an. Mechanisch wollte ich mich entschuldigen,
aber irgendein böser Wille verschloß mir die Lippen, im Gegenteil: ich
sah ihn kühl mit einer leisen, frechen und beleidigenden Provokation an.
Sein Blick flackerte eine Sekunde lang unsicher auf von rot
aufsteigender, aber ängstlich sich drückender Wut hochgeschnellt, brach
aber feige zusammen vor dem meinen. Mit einer unvergeßlichen, fast
rührenden Ängstlichkeit sah er mir eine Sekunde in die Augen, dann bog
er sich weg, schien sich plötzlich seiner Ticketts zu besinnen und
bückte sich, um sie und den Hut vom Boden aufzulesen. Mit unverhohlenem
Zorn, rot im Gesicht vor Erregung, blitzte die Frau, die seinen Arm
gelassen hatte, mich an: ich sah mit einer Art Wollust, daß sie mich am
liebsten geschlagen hätte. Aber ich blieb ganz kühl und nonchalant
stehen, sah lächelnd ohne zu helfen zu, wie der überdicke Gemahl sich
keuchend bückte und vor meinen Füßen herumkroch, um seine Ticketts
aufzulesen. Der Kragen stand ihm beim Bücken weit ab wie die Federn
einer aufgeplusterten Henne, eine breite Speckfalte schob sich den roten
Nacken hinauf, asthmatisch keuchte er bei jeder Beugung. Unwillkürlich
kam mir, wie ich ihn so keuchen sah, ein unanständiger und
unappetitlicher Gedanke, ich stellte ihn mir in ehelichem Alleinsein mit
seiner Gattin vor, und übermütig geworden an dieser Vorstellung,
lächelte ich geradeaus in ihrem kaum mehr beherrschten Zorn. Sie stand
da, jetzt wieder blaß und ungeduldig und kaum mehr sich beherrschen
könnend, -- endlich hatte ich doch ein wahres, ein wirkliches Gefühl ihr
entrissen: Haß, unbändigen Zorn! Ich hätte mir diese boshafte Szene am
liebsten ins Unendliche verlängert; mit kalter Wollust sah ich zu, wie
er sich quälte, um Stück für Stück seiner Ticketts zusammenzuklauben.
Mir saß irgendein schnurriger Teufel in der Kehle, der immer kicherte
und ein Lachen herauskollern wollte -- am liebsten hätte ich ihn
herausgelacht oder diese weiche krabbelnde Fleischmasse ein wenig mit
dem Stock gekitzelt: ich konnte mich eigentlich nicht erinnern, jemals
so von Bosheit besessen gewesen zu sein, wie in diesem funkelnden
Triumph der Erniedrigung über diese frechspielende Frau.
Aber jetzt schien der Unglückselige endlich alle seine Ticketts
zusammengerafft zu haben, nur eines, ein blaues, war weiter fortgeflogen
und lag knapp vor mir auf dem Boden. Er drehte sich keuchend herum,
suchte mit seinen kurzsichtigen Augen -- der Zwicker saß ihm ganz vorne
auf der schweißbenetzten Nase --, und diese Sekunde benützte meine
spitzbübisch aufgeregte Bosheit zur Verlängerung seiner lächerlichen
Anstrengung: ich schob, einem schuljungenhaften Übermut willenlos
gehorchend, den Fuß rasch vor und setzte die Sohle auf das Tickett, so
daß er es bei bester Bemühung nicht finden konnte, so lange mirs
beliebte, ihn suchen zu lassen. Und er suchte und suchte unentwegt,
überzählte dazwischen verschnaufend immer wieder die farbigen
Pappendeckelzettel: es war sichtlich, daß einer -- meiner! -- ihm noch
fehlte, und schon wollte er inmitten des anbrausenden Getümmels wieder
mit der Suche anheben, als seine Frau, die mit einem verbissenen
Ausdruck meinen höhnischen Seitenblick krampfhaft vermied, ihre zornige
Ungeduld nicht mehr zügeln konnte. »Lajos!« rief sie ihm plötzlich
herrisch zu, und er fuhr auf wie ein Pferd, das die Trompete hört,
blickte noch einmal suchend auf die Erde -- mir war es, als kitzelte
mich das verborgene Tickett unter der Sohle, und ich konnte einen
Lachreiz kaum verbergen -- dann wandte er sich seiner Frau gehorsam zu,
die ihn mit einer gewissen ostentativen Eile von mir weg in das immer
stärker aufschäumende Getümmel zog.
Ich blieb zurück ohne jedwedes Verlangen, den beiden zu folgen. Die
Episode war für mich beendet, das Gefühl jener erotischen Spannung hatte
sich wohltuend ins Heitere gelöst, alle Erregung war von mir geglitten
und nichts zurückgeblieben als die gesunde Sattheit der plötzlich
vorgebrochenen Bosheit, eine freche, fast übermütige Selbstzufriedenheit
über den gelungenen Streich. Vorne drängten sich die Menschen dicht
zusammen, schon begann Erregung zu wogen und, eine einzige, schmutzige,
schwarze Welle, gegen die Barriere zu drängen, aber ich sah gar nicht
hin, es langweilte mich schon. Und ich dachte daran, hinüber in die
Kriau zu gehen oder heimzufahren. Aber kaum daß ich jetzt unwillkürlich
den Fuß zum Schritt vorwärts tat, bemerkte ich das blaue Tickett, das
vergessen am Boden lag. Ich nahm es auf und hielt es spielend zwischen
den Fingern, ungewiß, was ich damit anfangen sollte. Vage kam mir der
Gedanke, es »Lajos« zurückzugeben, was als vortrefflicher Anlaß dienen
könnte, mit seiner Frau bekannt zu werden; aber ich merkte, daß sie mich
gar nicht mehr interessierte, daß die flüchtige Hitze, die mir von
diesem Abenteuer angeflogen kam, längst in meiner alten Gleichgültigkeit
ausgekühlt war. Mehr als dies kämpfende, verlangende Hin und Her der
Blicke verlangte ich von Lajos Gattin nicht -- der Dickling war mir doch
zu unappetitlich, um Körperliches mit ihm zu teilen -- den Frisson der
Nerven hatte ich gehabt, nun fühlte ich bloß mehr lässige Neugier,
wohlige Entspannung.
Der Sessel stand da, verlassen und allein. Ich setzte mich gemächlich
nieder, zündete mir eine Zigarette an. Vor mir brandete die Leidenschaft
wieder auf, ich horchte nicht einmal hin: Wiederholungen reizten mich
nicht. Ich sah laß den Rauch aufsteigen und dachte an die Meraner
Gilfpromenade, wo ich vor zwei Monaten gesessen und in den sprühenden
Wasserfall hinabgesehen hatte. Ganz so war dies wie hier: auch dort ein
mächtig aufschwellendes Rauschen, das nicht wärmte und nicht kühlte,
auch dort ein sinnloses Tönen in eine schweigend-blaue Landschaft
hinein. Aber jetzt war die Leidenschaft des Spiels beim Crescendo
angelangt, wieder flog der Schaum von Schirmen, Hüten, Schreien,
Taschentüchern über die schwarze Brandung der Menschen hin, wieder
quirlten die Stimmen zusammen, wieder zuckte ein Schrei -- nun aber
andersfarbig -- aus dem Riesenmaul der Menge. Ich hörte einen Namen,
tausendfach, zehntausendfach, jauchzend, gell, ekstatisch, verzweifelt
geschrien: »Cressy! Cressy! Cressy!« Und wieder brach er, eine gespannte
Saite, plötzlich ab (wie doch Wiederholung selbst die Leidenschaft
eintönig macht!). Die Musik begann zu spielen, die Menge löste sich.
Tafeln wurden emporgezogen mit den Nummern der Sieger. Unbewußt blickte
ich hin. An erster Stelle leuchtete eine Sieben. Mechanisch sah ich auf
das blaue Tickett, das ich zwischen meinen Fingern vergessen hatte. Auch
hier die Sieben.
Unwillkürlich mußte ich lachen. Das Tickett hatte gewonnen, der gute
Lajos richtig gesetzt. So hatte ich mit meiner Bosheit den dicken Gatten
sogar noch um Geld gebracht: mit einem Male war meine übermütige Laune
wieder da, nun interessierte es mich zu wissen, um wieviel ihn meine
eifersüchtige Intervention geprellt. Ich sah mir den blauen Pappendeckel
zum erstenmal genauer an: es war ein Zwanzigkronen-Tickett, und Lajos
hatte auf »Sieg« gesetzt. Das konnte wohl schon ein stattlicher Betrag
sein. Ohne weiter nachzudenken, nur dem Kitzel der Neugierde folgend,
ließ ich mich von der eilenden Menge in die Richtung zu den Kassen
hindrängen. Ich wurde in irgendeinen Queue hineingepreßt, legte das
Tickett vor, und schon streiften zwei knochige, eilfertige Hände, zu
denen ich das Gesicht hinter dem Schalter gar nicht sah, mir neun
Zwanzigkronenscheine auf die Marmorplatte.
In dieser Sekunde, wo mir das Geld, wirkliches Geld, blaue Scheine
hingelegt wurden, stockte mir das Lachen in der Kehle. Ich hatte sofort
ein unangenehmes Gefühl. Unwillkürlich zog ich die Hände zurück, um das
fremde Geld nicht zu berühren. Am liebsten hätte ich die blauen Scheine
auf der Platte liegen lassen; aber hinter mir drängten schon die Leute,
ungeduldig, ihren Gewinn ausbezahlt zu bekommen. So blieb mir nichts
übrig, als, peinlich berührt, mit angewiderten Fingerspitzen die Scheine
zu nehmen: wie blaue Flammen brannten sie mir in der Hand, die ich
unbewußt von mir wegspreizte, als gehörte auch die Hand, die sie
genommen, nicht zu mir selbst. Sofort übersah ich das Fatale der
Situation. Wider meinen Willen war aus dem Scherz etwas geworden, was
einem anständigen Menschen, einem Gentleman, einem Reserveoffizier nicht
hätte unterlaufen dürfen, und ich zögerte vor mir selbst, den wahren
Namen dafür auszusprechen. Denn dies war nicht verheimlichtes, sondern
listig weggelocktes, war gestohlenes Geld.
Um mich surrten und schwirrten die Stimmen, Leute drängten und stießen
von und zu den Kassen. Ich stand noch immer reglos mit der
weggespreizten Hand. Was sollte ich tun? An das Natürlichste dachte ich
zuerst: den wirklichen Gewinner aufsuchen, mich entschuldigen und ihm
das Geld zurückerstatten. Aber das ging nicht an, und am wenigsten vor
den Blicken jenes Offiziers. Ich war doch Reserveleutnant, und ein
solches Eingeständnis hätte mich sofort meine Charge gekostet; denn
selbst wenn ich das Tickett gefunden hätte, war schon das Einkassieren
des Geldes eine unfaire Handlungsweise. Ich dachte auch daran, meinem in
den Fingern zuckenden Instinkt nachzugeben, die Noten zu zerknüllen und
fortzuwerfen, aber auch dies war inmitten des Menschengewühls zu leicht
kontrollierbar und dann verdächtig. Keinesfalls wollte ich aber auch nur
einen Augenblick das fremde Geld bei mir behalten oder gar in die
Brieftasche stecken, um es später irgend jemandem zu schenken: das mir
seit Kindheit so wie reine Wäsche anerzogene Sauberkeitsempfinden ekelte
sich vor jeder auch nur flüchtigen Berührung mit diesen Zetteln. Weg,
nur weg mit diesem Gelde, fieberte es ganz heiß in mir, weg, nur
irgendwohin, weg! Unwillkürlich sah ich mich um, und wie ich ratlos im
Kreise blickte, ob irgendwo ein Versteck sei, eine unbewachte
Möglichkeit, fiel mir auf, daß die Menschen von neuem zu den Kassen zu
drängen begannen, nun aber mit Geldscheinen in den Händen. Und der
Gedanke war mir Erlösung. Zurückwerfen das Geld an den boshaften Zufall,
der es mir gegeben, wiederum hinein in den gefräßigen Schlund, der jetzt
die neuen Einsätze, Silber und Scheine, gleich gierig hinunterschluckte
-- ja, das war das Richtige, die wahre Befreiung.
Ungestüm eilte, ja lief ich hin, keilte mich mitten zwischen die
Drängenden. Nur zwei Vordermänner waren noch vor mir, schon stand der
erste beim Totalisator, als mir einfiel, daß ich gar kein Pferd zu
nennen wußte, auf das ich setzen könnte. Gierig hörte ich in das Reden
rings um mich. »Setzen Sie Ravachol?« fragte einer. »Natürlich
Ravachol,« antwortete ihm sein Begleiter. »Glauben Sie, daß Teddy nicht
auch Chancen hat?« »Teddy? keine Spur. Er hat im Maidenrennen total
versagt. Er war ein Bluff.«
Wie ein Verdurstender schluckte ich die Worte ein. Also Teddy war
schlecht, Teddy würde bestimmt nicht gewinnen. Sofort beschloß ich, ihn
zu setzen. Ich schob das Geld hin, nannte den eben erst gehörten Namen
Teddy auf Sieg, eine Hand warf mir die Ticketts zurück. Mit einem Male
hatte ich jetzt neun rotweiße Pappendeckelstücke zwischen den Fingern
statt des einen. Es war noch immer ein peinliches Gefühl; aber immerhin,
es brannte nicht mehr so aufreizend, so erniedrigend wie das knitterige
bare Geld.
Ich empfand mich wieder leicht, beinahe sorglos: jetzt war das Geld
weggetan, das Unangenehme des Abenteuers erledigt, die Angelegenheit
wieder zum Scherz geworden, als der sie begonnen. Ich setzte mich lässig
in meinen Sessel zurück, zündete eine Zigarette an und blies den Rauch
gemächlich vor mich hin. Aber es hielt mich nicht lange, ich stand auf,
ging herum, setzte mich wieder hin. Merkwürdig: es war vorbei mit der
wohligen Träumerei. Irgendeine Nervosität stak mir knisternd in den
Gliedern. Zuerst meinte ich, es sei das Unbehagen, unter den vielen
vorbeistreifenden Leuten Lajos und seiner Frau begegnen zu können; aber
wie konnten sie ahnen, daß jene neuen Ticketts die ihren waren? Auch die
Unruhe der Menschen störte mich nicht, im Gegenteil, ich beobachtete sie
genau, ob sie nicht schon wieder nach vorne zu drängen begannen, ja ich
ertappte mich, wie ich immer wieder aufstand, um zur Fahne zu blicken,
die bei Beginn des Rennens hochgezogen wurde. Das also war es --
Ungeduld, ein springendes, inneres Fieber der Erwartung, der Start möge
schon beginnen, die leidige Angelegenheit für immer erledigt sein.
Ein Bursche lief vorbei mit einer Rennzeitung. Ich hielt ihn an, kaufte
mir das Programm und begann unter den unverständlichen, in einem fremden
Jargon geschriebenen Worten und Tips herumzusuchen, bis ich endlich
Teddy herausfand, den Namen seines Jockeis, den Besitzer des Stalles und
die Farben rotweiß. Aber warum interessierte mich das so? Ärgerlich
zerknüllte ich das Blatt und warf es weg, stand auf, setzte mich wieder
hin. Mir war ganz plötzlich heiß geworden, ich mußte mir mit dem
Taschentuch über die feuchte Stirn fahren, und der Kragen drückte mich.
Noch immer wollte der Start nicht beginnen.
Endlich klingelte die Glocke, die Menschen stürmten hin, und in dieser
Sekunde spürte ich entsetzt, wie auch mich dieses Klingeln gleich einem
Wecker erschreckt von irgendeinem Schlaf aufriß. Ich sprang vom Sessel
so heftig weg, daß er umfiel, und eilte -- nein, ich lief -- gierig nach
vorne, die Ticketts fest zwischen die Finger gepreßt, mitten in die
Menge hinein und wie von einer rasenden Angst verzehrt, zu spät zu
kommen, irgend etwas ganz Wichtiges zu versäumen. Ich erreichte noch,
indem ich Leute brutal beiseite stieß, die vordere Barriere, riß
rücksichtslos einen Sessel, den eben eine Dame nehmen wollte, an mich.
Meine ganze Taktlosigkeit und Tollwütigkeit erkannte ich sofort an ihrem
erstaunten Blick -- es war eine gute Bekannte, die Gräfin R., deren
hochgezogen zornigen Brauen ich begegnete --, aber aus Scham und Trotz
sah ich an ihr kalt vorbei, sprang auf den Sessel, um das Feld zu sehen.
Irgendwo weit drüben stand im Grünen an den Start gepreßt ein kleines
Rudel unruhiger Pferde, mühsam in der Linie gehalten von den kleinen
Jockeis, die wie bunte Polichinelle aussahen. Sofort suchte ich den
meinen darunter zu erkennen, aber mein Auge war ungeübt, und mir
flimmerte es so heiß und seltsam vor dem Blick, daß ich unter den
Farbenflecken den rotweißen nicht zu unterscheiden vermochte. In diesem
Augenblick klang die Glocke zum zweiten Male, und wie sieben bunte
Pfeile von einem Bogen flitzten die Pferde in den grünen Gang hinein. Es
mußte wunderbar sein, dies ruhig und nur ästhetisch zu betrachten, wie
die schmalen Tiere galoppierend ausholten und, kaum den Boden
anstreifend, über den Rasen hinfederten; aber ich spürte von all dem
nichts, ich machte nur verzweifelte Versuche, mein Pferd, meinen Jockei
zu erkennen, und fluchte mir selbst, keinen Feldstecher mitgenommen zu
haben. So sehr ich mich bog und streckte, ich sah nichts als vier, fünf
bunte Insekten, in einen fliegenden Knäuel verwischt; nur die Form sah
ich allmählich jetzt sich verändern, wie das leichte Rudel sich jetzt an
der Biegung keilförmig verlängerte, eine Spitze vortrieb, indes
rückwärts einige des Schwarms bereits abzubröckeln begannen. Das Rennen
wurde scharf: drei oder vier der im Galopp ganz auseinandergestreckten
Pferde klebten wie farbige Papierstreifen flach zusammen, bald schob
sich das eine, bald das andere um einen Ruck vor. Und unwillkürlich
streckte ich meinen ganzen Körper aus, als könnte ich durch diese
nachahmende, federnde, leidenschaftlich gespannte Bewegung ihre
Geschwindigkeit steigern und mitreißen.
Rings um mich wuchs die Erregung. Einzelne Geübtere mußten schon an der
Kurve die Farben erkannt haben, denn Namen fuhren jetzt wie grelle
Raketen aus dem trüben Tumult. Neben mir stand einer, die Hände
frenetisch gereckt, und wie jetzt ein Pferdekopf vordrängte, schrie er
fußstampfend mit einer widerlich gellen und triumphierenden Stimme:
»Ravachol! Ravachol!« Ich sah, daß wirklich der Jockei dieses Pferdes
blau schimmerte, und eine Wut überfiel mich, daß es nicht mein Pferd
war, das siegte. Immer unerträglicher wurde mir das gelle Gebrüll
»Ravachol! Ravachol!« von dem Widerling neben mir; ich tobte vor kalter
Wut, am liebsten hätte ich ihm die Faust in das aufgerissene schwarze
Loch seines schreienden Mundes geschlagen. Ich zitterte vor Zorn, ich
fieberte, jeden Augenblick, fühlte ich, konnte ich etwas Sinnloses
begehen. Aber da hing noch ein anderes Pferd knapp an dem ersten.
Vielleicht war das Teddy, vielleicht, vielleicht -- und diese Hoffnung
befeuerte mich von neuem. Wirklich war mir, als schimmerte der Arm, der
sich jetzt über den Sattel hob und etwas niedersausen ließ auf die
Kruppe des Pferdes, rotfarben, er konnte es sein, er mußte es sein, er
mußte, er mußte! Aber warum trieb er ihn nicht vor, der Schurke? Noch
einmal die Peitsche! Noch einmal! Jetzt, jetzt war er ihm ganz nahe!
Jetzt, nur eine Spanne noch. Warum Ravachol? Ravachol? Nein, nicht
Ravachol! Nicht Ravachol! Teddy! Teddy! Vorwärts Teddy! Teddy!
Plötzlich riß ich mich gewaltsam zurück. Was -- was war das? Wer schrie
da so? Wer tobte da »Teddy! Teddy!«? Ich selbst schrie ja das. Und
mitten in der Leidenschaft erschrak ich vor mir. Ich wollte mich halten,
mich beherrschen, inmitten meines Fiebers quälte mich eine plötzliche
Scham. Aber ich konnte die Blicke nicht wegreißen, denn dort klebten die
beiden Pferde knapp aneinander, und es mußte wirklich Teddy sein, der an
Ravachol, dem verfluchten, aus brennender Inbrunst von mir gehaßten
Ravachol hing, denn rings um mich gellten jetzt andere lauter und
vielstimmiger in grellem Diskant: »Teddy! Teddy!«, und der Schrei riß
mich, den für eine wache Sekunde Aufgetauchten, wieder in die
Leidenschaft. Er sollte, er mußte gewinnen, und wirklich, jetzt, jetzt
schob sich hinter dem fliegenden Pferde des andern ein Kopf vor, eine
Spanne nur, und jetzt schon zwei, jetzt, jetzt sah man schon den Hals --
in diesem Augenblick schnarrte grell die Glocke, und ein einziger Schrei
des Jubels, der Verzweiflung, des Zornes explodierte. Für eine Sekunde
füllte der ersehnte Name den blauen Himmel ganz bis zur Wölbung. Dann
stürzte er ein, und irgendwo rauschte Musik.
Heiß, ganz feucht, klopfenden Herzens stieg ich vom Sessel herab. Ich
mußte mich für einen Augenblick niedersetzen, so wirr war ich vor
begeisterter Erregung. Eine Ekstase, wie ich sie nie gekannt,
durchflutete mich, eine sinnlose Freude, daß der Zufall so sklavisch
meiner Herausforderung gehorcht; vergebens versuchte ich mir
vorzutäuschen, es sei wider meinen Willen gewesen, daß dieses Pferd
jetzt gewonnen habe, und ich hätte gewünscht, das Geld verloren zu
sehen. Aber ich glaubte es mir selbst nicht, und schon spürte ich ein
grausames Ziehen in meinen Gliedern, es riß mich magisch irgendwohin,
und ich wußte, wohin es mich trieb: ich wollte den Sieg sehen, ihn
spüren, ihn fassen, Geld, viel Geld, blaue knisternde Scheine in den
Fingern spüren und dies Rieseln die Nerven hinauf. Eine ganz fremde böse
Lust hatte sich meiner bemächtigt, und keine Scham wehrte mehr, ihr
nachzugeben. Und kaum daß ich mich erhob, so eilte, so lief ich schon
bis hin zur Kasse, ganz brüsk, mit gespreizten Ellenbogen stieß ich mich
zwischen die Wartenden am Schalter, schob ungeduldig Leute beiseite, nur
um das Geld, das Geld leibhaftig zu sehn. »Flegel!« murrte hinter mir
einer der Weggedrängten; ich hörte es, aber ich dachte nicht daran, ihn
zu fordern, ich bebte ja vor unbegreiflicher, krankhafter Ungeduld.
Endlich war die Reihe an mir, meine Hände faßten gierig ein blaues
Bündel Banknoten. Ich zählte zitternd und begeistert zugleich. Es waren
sechshundertundvierzig Kronen.
Heiß riß ich sie an mich. Mein nächster Gedanke war: jetzt weiter
spielen, mehr gewinnen, viel mehr. Wo hatte ich nur meine Rennzeitung?
Ach, weggeworfen in der Erregung! Ich sah um mich, eine neue zu
erstehen. Da bemerkte ich zu meinem namenlosen Erschrecken, wie
plötzlich alles rings auseinanderflutete, dem Ausgang zu, daß die Kassen
sich schlossen, die flatternde Fahne sank. Das Spiel war zu Ende. Es war
das letzte Rennen gewesen. Eine Sekunde lang stand ich starr. Dann
sprang ein Zorn in mir auf, als sei mir ein Unrecht geschehen. Ich
konnte mich nicht damit abfinden, daß jetzt, da alle meine Nerven sich
spannten und bebten, das Blut so heiß wie seit Jahren nicht mehr in mir
rollte, alles zu Ende sein sollte. Aber es half nichts, mit trügerischem
Wunsch die Hoffnung künstlich zu nähren, dies sei nur ein Irrtum
gewesen, denn immer rascher entflutete das bunte Gedränge, schon glänzte
grün der zertretene Rasen zwischen den vereinzelt Gebliebenen.
Allmählich empfand ich das Lächerliche meines gespannten Verweilens, so
nahm ich den Hut -- den Stock hatte ich offenbar am Tourniquet in der
Erregung stehengelassen -- und ging dem Ausgang zu. Ein Diener mit
servil gelüfteter Kappe sprang mir entgegen, ich nannte ihm die Nummer
meines Wagens, er schrie sie mit gehöhlter Hand über den Platz, und
schon klapperten scharf die Pferde heran. Ich bedeutete dem Kutscher,
langsam die Hauptallee hinabzufahren. Denn gerade jetzt, wo die Erregung
wohlig abzuklingen begann, fühlte ich eine lüsterne Neigung, mir noch
einmal die ganze Szene in Gedanken zu erneuern.
In diesem Augenblick fuhr ein anderer Wagen vor; unwillkürlich blickte
ich hin, um sofort wieder ganz bewußt wegzusehen. Es war die Frau mit
ihrem behäbigen Gatten. Sie hatten mich nicht bemerkt. Aber sofort
überkam mich ein widerlich würgendes Gefühl, als sei ich ertappt. Und am
liebsten hätte ich dem Kutscher zugerufen, auf die Pferde einzuschlagen,
nur um rasch aus ihrer Nähe zu kommen.
Weich glitt auf den Gummirädern der Fiaker dahin zwischen den vielen
andern, die wie Blumenboote mit ihrer bunten Fracht von Frauen an den
grünen Ufern der Kastanienallee vorbeischaukelten. Die Luft war weich
und süß, schon wehte von erster Abendkühle manchmal ein leiser Duft
durch den Staub herüber. Aber das frühere wohlig-träumerische Gefühl kam
nicht wieder: die Begegnung mit dem Geprellten hatte mich peinlich
aufgerissen. Wie ein kalter Luftzug durch eine Fuge drang es mit einmal
in meine überhitzte Leidenschaft. Ich dachte jetzt noch einmal nüchtern
die ganze Szene durch und begriff mich selbst nicht mehr: ich, ein
Gentleman, ein Mitglied der besten Gesellschaft, Reserveoffizier,
hochgeachtet, hatte ohne Not gefundenes Geld an mich genommen, in die
Brieftasche gesteckt, ja dies sogar mit einer gierigen Freude, einer
Lust getan, die jede Entschuldigung hinfällig machte. Ich, der ich vor
einer Stunde noch ein korrekter, makelloser Mensch gewesen war, hatte
gestohlen. Ich war ein Dieb. Und gleichsam, um mich selbst zu
erschrecken, sagte ich mir mein Urteil halblaut hin, während der Wagen
leise trabte, unbewußt im Rhythmus des Hufschlags sprechend: »Dieb!
Dieb! Dieb! Dieb!« Aber seltsam, wie soll ich beschreiben, was jetzt
geschah, es ist ja so unerklärlich, so ganz absonderlich, und doch weiß
ich, daß ich mir nichts nachträglich vortäusche. Jede Sekunde meines
Gefühls, jede Oszillation meines Denkens in jenen Augenblicken ist mir
ja mit einer so übernatürlichen Deutlichkeit bewußt, wie kaum irgendein
Erlebnis meiner sechsunddreißig Jahre, und doch wage ich kaum, diese
absurde Reihenfolge, diese verblüffende Schwankung meines Empfindens
bewußt zu machen, ja ich weiß nicht, ob irgendein Dichter, ein
Psychologe das logisch zu schildern vermöchte. Ich kann nur die
Reihenfolge aufzeichnen, ganz getreu ihrem unvermuteten Aufleuchten
nach. Also: ich sagte zu mir »Dieb, Dieb, Dieb«. Dann kam ein ganz
merkwürdiger, ein gleichsam leerer Augenblick, ein Augenblick, wo nichts
geschah, wo ich nur -- ach, wie schwer ist es, dies auszudrücken -- wo
ich nur horchte, in mich hineinhorchte. Ich hatte mich angerufen, hatte
mich angeklagt, nun sollte dem Richter der Angeschuldigte antworten. Ich
horchte also, und es geschah -- nichts. Der Peitschenschlag dieses
Wortes »Dieb«, von dem ich erwartet hatte, es werde mich aufschrecken
und dann hinstürzen lassen in eine namenlose, eine zerknirschte Scham,
weckte nichts auf. Ich wartete geduldig einige Minuten, ich beugte mich
dann gewissermaßen noch näher über mich selbst -- denn ich spürte zu
wohl, daß unter diesem trotzigen Schweigen etwas sich regte -- und
horchte mit einer fieberhaften Erwartung auf das ausbleibende Echo, auf
den Schrei des Ekels, der Entrüstung, der Verzweiflung, der dieser
Selbstanschuldigung folgen mußte. Und es geschah wiederum nichts. Nichts
antwortete. Nochmals sagte ich mir das Wort »Dieb«, »Dieb«, nun schon
ganz laut, um endlich in mir das schwerhörige, das gelähmte Gewissen
aufzuwecken. Wieder kam keine Antwort. Und plötzlich -- in einem grellen
Blitzlicht des Bewußtseins, wie wenn plötzlich ein Streichholz
angezündet und über die dämmernde Tiefe gehalten wäre -- erkannte ich,
daß ich mich nur schämen _wollte_, aber nicht schämte, ja, daß ich in
jener Tiefe irgendwie geheimnisvoll stolz, sogar beglückt war von dieser
törichten Tat.