Es war in jenem heißen Sommer, der durch Regennot und Dürre
verhängnisvolle Mißernte im ganzen Lande verschuldete und noch für lange
Jahre im Andenken der Bevölkerung gefürchtet blieb. Schon in den Monaten
Juni und Juli waren nur vereinzelte flüchtige Schauer über die
dürstenden Felder hingestreift, aber seit der Kalender zum August
übergeschlagen, fiel überhaupt kein Tropfen mehr, und selbst hier oben,
in dem Hochtale Tirols, wo ich, wie viele andere, Kühlung zu finden
gewähnt hatte, glühte die Luft safranfarben von Feuer und Staub.
Frühmorgens schon starrte die Sonne gelb und stumpf wie das Auge eines
Fiebernden vom leeren Himmel auf die erloschene Landschaft, und mit den
steigenden Stunden quoll dann mählich ein weißlicher drückender Dampf
aus dem messingenen Kessel des Mittags und überschwülte das Tal.
Irgendwo freilich in der Ferne hoben sich die Dolomiten mächtig auf, und
Schnee glänzte von ihnen, rein und klar, aber nur das Auge fühlte
erinnernd diesen Schimmer der Kühle, und es tat weh, sie schmachtend
anzusehen und an den Wind zu denken, der sie vielleicht zur gleichen
Stunde rauschend umflog, indes hier im Talkessel eine gierige Wärme
nachts und tags sich zudrängte und mit tausend Lippen einem die Feuchte
entsog. Allmählich erstarb in dieser sinkenden Welt welkender Pflanzen,
hinschmachtenden Laubes und versiegender Bäche auch innen alle lebendige
Bewegung, müßig und träge wurden die Stunden. Ich, wie die andern,
verbrachte diese endlosen Tage fast nur mehr im Zimmer, halb entkleidet,
bei verdunkelten Fenstern, in einem willenlosen Warten auf Veränderung,
auf Kühlung, in einem stumpfen, machtlosen Träumen von Regen und
Gewitter. Und bald wurde auch dieser Wunsch welk, ein Brüten, dumpf und
willenlos wie das der lechzenden Gräser und der schwüle Traum des
reglosen, dunstumwölkten Waldes.
Aber es wurde nur noch heißer von Tag zu Tag, und der Regen wollte noch
immer nicht kommen. Von früh bis abends brannte die Sonne nieder, und
ihr gelber, quälender Blick bekam allmählich etwas von der stumpfen
Beharrlichkeit eines Wahnsinnigen. Es war, als ob das ganze Leben
aufhören wollte, alles stand stille, die Tiere lärmten nicht mehr, von
weißen Feldern kam keine andere Stimme als der leise singende Ton der
schwingenden Hitze, das surrende Brodeln der siedenden Welt. Ich hatte
hinausgehen wollen in den Wald, wo Schatten blau zwischen den Bäumen
zitterten, um dort zu liegen, um nur diesem gelben, beharrlichen Blick
der Sonne zu entgehen; aber auch diese wenigen Schritte schon wurden mir
zu viel. So blieb ich sitzen auf einem Rohrsessel vor dem Eingang des
Hotels, eine Stunde oder zwei, eingepreßt in den schmalen Schatten, den
der schirmende Dachrand in den Kies zog. Einmal rückte ich weiter, als
das dünne Viereck Schatten sich verkürzte und die Sonne schon heran an
meine Hände kroch, dann blieb ich wieder hingelehnt, stumpf brütend ins
stumpfe Licht, ohne Gefühl von Zeit, ohne Wunsch, ohne Willen. Die Zeit
war zerschmolzen in dieser furchtbaren Schwüle, die Stunden zerkocht,
zergangen in heißer, sinnloser Träumerei. Ich fühlte nichts als den
brennenden Andrang der Luft außen an meinen Poren und innen den hastigen
Hammerschlag des fiebrig pochenden Blutes.
Da auf einmal war mir, als ob durch die Natur ein Atem ginge, leise,
ganz leise, als ob ein heißer, sehnsüchtiger Seufzer sich aufhübe von
irgendwo. Ich raffte mich empor. War das nicht Wind? Ich hatte schon
vergessen, wie das war, zu lange hatten die verdorrenden Lungen dies
Kühle nicht getrunken, und noch fühlte ich ihn nicht bis an mich
heranziehen, eingepreßt in meinen Winkel Dachschatten; aber die Bäume
dort drüben am Hang mußten eine fremde Gegenwart geahnt haben, denn mit
einem Male begannen sie ganz leise zu schwanken, als neigten sie sich
flüsternd einander zu. Die Schatten zwischen ihnen wurden unruhig. Wie
ein Lebendiges und Erregtes huschten sie hin und her, und plötzlich hob
es sich auf, irgendwo fern, ein tiefer, schwingender Ton. Wirklich: Wind
kam über die Welt, ein Flüstern, ein Wehen und Weben, ein tiefes,
orgelndes Brausen und jetzt ein stärkerer, mächtiger Stoß. Wie von einer
jähen Angst getrieben, liefen plötzlich qualmige Wolken von Staub über
die Straße, alle in gleicher Richtung, die Vögel, die irgendwo im Dunkel
gelagert hatten, zischten auf einmal schwarz durch die Luft, die Pferde
schnupperten sich den Schaum von den Nüstern, und fern im Tale blökte
das Vieh. Irgend etwas Gewaltiges war aufgewacht und mußte nahe sein,
die Erde wußte es schon, der Wald und die Tiere, und auch über den
Himmel schob sich jetzt ein leichter Flor von Grau.
Ich zitterte vor Erregung. Mein Blut war von den feinen Stacheln der
Hitze aufgereizt, meine Nerven knisterten und spannten sich, nie hatte
ich so wie jetzt die Wollust des Windes geahnt, die selige Lust des
Gewitters. Und es kam, es zog heran, es schwoll und kündete sich.
Langsam schob der Wind weiche Knäuel von Wolken herüber, es keuchte und
schnaubte hinter den Bergen, als rollte jemand eine ungeheure Last.
Manchmal hielten diese schnaubenden, keuchenden Stöße wie ermüdet wieder
inne. Dann zitterten sich die Tannen langsam still, als ob sie horchen
wollten, und mein Herz zitterte mit. Wo überall ich hinblickte, war die
gleiche Erwartung wie in mir, die Erde hatte ihre Sprünge gedehnt: wie
kleine, durstige Mäuler waren sie aufgerissen, und so fühlte ich es auch
am eigenen Leibe, daß Pore an Pore sich auftat und spannte, Kühle zu
suchen und die kalte, schauernde Lust des Regens. Unwillkürlich
krampften sich meine Finger, als könnten sie die Wolken fassen und sie
rascher herreißen in die schmachtende Welt.
Aber schon kamen sie, von unsichtbarer Hand geschoben, träge
herangedunkelt, runde, wulstige Säcke, und man sah: sie waren schwer und
schwarz von Regen, denn sie polterten murrend wie feste, wuchtige Dinge,
wenn sie aneinander stießen, und manchmal fuhr ein leiser Blitz über
ihre schwarze Fläche wie ein knisterndes Streichholz. Blau flammten sie
dann auf und gefährlich, und immer dichter drängte es sich heran, immer
schwärzer wurden sie an ihrer eigenen Fülle. Wie der eiserne Vorhang
eines Theaters senkte sich allmählich bleierner Himmel nieder und
nieder. Jetzt war schon der ganze Raum schwarz überspannt,
zusammengepreßt die warme, verhaltene Luft, und nun setzte noch ein
letztes Innehalten der Erwartung ein, stumm und grauenhaft. Erwürgt war
alles von dem schwarzen Gewicht, das sich über die Tiefe senkte, die
Vögel zirpten nicht mehr, atemlos standen die Bäume, und selbst die
kleinen Gräser wagten nicht mehr zu zittern; ein metallener Sarg,
umschloß der Himmel die heiße Welt, in der alles erstarrt war vor
Erwartung nach dem ersten Blitz. Atemlos stand ich da, die Hände
ineinandergeklammt, und spannte mich zusammen in einer wundervollen
süßen Angst, die mich reglos machte. Ich hörte hinter mir die Menschen
herumeilen, aus dem Walde kamen sie, aus der Tür des Hotels, von allen
Seiten flüchteten sie, die Dienstmädchen ließen die Rolläden herunter
und schlossen krachend die Fenster. Alles war plötzlich tätig und
aufgeregt, rührte sich, bereitete sich, drängte sich. Nur ich stand
reglos, fiebernd, stumm, denn in mir war alles zusammengepreßt zu dem
Schrei, den ich schon in der Kehle fühlte, den Schrei der Lust bei dem
ersten Blitz.
Da hörte ich auf einmal knapp hinter mir einen Seufzer, stark
aufbrechend aus gequälter Brust und noch mit ihm flehentlich
verschmolzen das sehnsüchtige Wort: »Wenn es doch nur schon regnen
wollte!« So wild, so elementar war diese Stimme, war dieser Stoß aus
einem bedrückten Gefühl, als hätte es die dürstende Erde selbst gesagt
mit ihren aufgesprungenen Lippen, die gequälte, erdrosselte Landschaft
unter dem Bleidruck des Himmels. Ich wendete mich um. Hinter mir stand
ein Mädchen, das offenbar die Worte gesagt, denn ihre Lippen, die
blassen und fein geschwungenen, waren noch im Lechzen aufgetan, und ihr
Arm, der sich an der Tür hielt, zitterte leise. Nicht zu mir hatte sie
gesprochen und zu niemandem. Wie über einen Abgrund bog sie sich in die
Landschaft hinein, und ihr Blick starrte spiegellos hinaus in das
Dunkel, das über den Tannen hing. Er war schwarz und leer, dieser Blick,
starr als eine grundlose Tiefe gegen den tiefen Himmel gewandt. Nur nach
oben griff seine Gier, griff tief in die geballten Wolken, in das
überhängende Gewitter, und an mich rührte er nicht. So konnte ich
ungestört die Fremde betrachten und sah, wie ihre Brust sich hob, wie
etwas würgend nach oben schütterte, wie jetzt um die Kehle, die
zartknochig aus dem offenen Kleide sich löste, ein Zittern ging, bis
endlich auch die Lippen bebten, dürstend sich auftaten und wieder
sagten: »Wenn es doch nur schon regnen wollte.« Und wieder war es mir
Seufzer der ganzen verschwülten Welt. Etwas Nachtwandlerisches und
Traumhaftes war in ihrer statuenhaften Gestalt, in ihrem gelösten Blick.
Und wie sie so dastand, weiß in ihrem lichten Kleide gegen den
bleifarbnen Himmel, schien sie mir der Durst, die Erwartung der ganzen
schmachtenden Natur.
Etwas zischte leise neben mir ins Gras. Etwas pickte hart auf dem
Gesims. Etwas knirschte leise im heißen Kies. Überall war plötzlich
dieser leise surrende Ton. Und plötzlich begriff ichs, fühlte ichs, daß
dies Tropfen waren, die schwer niederfielen, die ersten verdampfenden
Tropfen, die seligen Boten des großen, rauschenden, kühlenden Regens.
Oh, es begann! Es hatte begonnen. Eine Vergessenheit, eine selige
Trunkenheit kam über mich. Ich war wach wie nie. Ich sprang vor und fing
einen Tropfen in der Hand. Schwer und kalt klatschte er mir an die
Finger. Ich riß die Mütze ab, stärker die nasse Lust auf Haar und Stirn
zu fühlen, ich zitterte schon vor Ungeduld, mich ganz umrauschen zu
lassen vom Regen, ihn an mir zu fühlen, an der warmen knisternden Haut,
in den offenen Poren, bis tief hinein in das aufgeregte Blut. Noch waren
sie spärlich, die platschenden Tropfen, aber ich fühlte ihre sinkende
Fülle schon voraus, ich hörte sie schon strömen und rauschen, die
aufgetanen Schleusen, ich spürte schon das selige Niederbrechen des
Himmels über dem Walde, über das Schwüle der verbrennenden Welt.
Aber seltsam: die Tropfen fielen nicht schneller. Man konnte sie zählen.
Einer, einer, einer, einer, fielen sie nieder, es knisterte, es zischte,
es sauste leise rechts und links, aber es wollte nicht zusammenklingen
zur großen rauschenden Musik des Regens. Zaghaft tropfte es herab, und
statt schneller zu werden, ward der Takt langsam und immer langsamer und
stand dann plötzlich still. Es war, wie wenn das Ticken eines
Minutenzeigers in einer Uhr plötzlich aufhört und die Zeit erstarrt.
Mein Herz, das schon glühte vor Ungeduld, wurde plötzlich kalt. Ich
wartete, wartete, aber es geschah nichts. Der Himmel blickte schwarz und
starr nieder mit umdüsterter Stirn, totenstill blieb es minutenlang,
dann aber schien es, als ob ein leises, höhnisches Leuchten über sein
Antlitz ginge. Von Westen her hellte sich die Höhe auf, die Wand der
Wolken löste sich mählich, leise polternd rollten sie weiter. Seichter
und seichter ward ihre schwarze Unergründlichkeit, und in ohnmächtiger,
unbefriedigter Enttäuschung lag unter dem erglänzenden Horizont die
lauschende Landschaft. Wie von Wut lief noch ein leises, letztes Zittern
durch die Bäume, sie beugten und krümmten sich, dann aber fielen die
Laubhände, die schon gierig aufgereckt waren, schlaff zurück, wie tot.
Immer durchsichtiger ward der Wolkenflor, eine böse, gefährliche Helle
stand über der wehrlosen Welt. Es war nichts geschehen. Das Gewitter
hatte sich verzogen.
Ich zitterte am ganzen Körper. Wut war es, was ich fühlte, eine sinnlose
Empörung der Ohnmacht, der Enttäuschung, des Verrats. Ich hätte schreien
können oder rasen, eine Lust kam mich an, etwas zu zerschlagen, eine
Lust am Bösen und Gefährlichen, ein sinnloses Bedürfnis nach Rache. Ich
fühlte in mir die Qual der ganzen verratenen Natur, das Lechzen der
kleinen Gräser war in mir, die Hitze der Straßen, der Qualm des Waldes,
die spitze Glut des Kalksteines, der Durst der ganzen betrogenen Welt.
Meine Nerven brannten wie Drähte: ich fühlte sie zucken von elektrischer
Spannung weithinaus in die geladene Luft, wie viele feine Flammen
glühten sie mir unter der gespannten Haut. Alles tat mir weh, alle
Geräusche hatten Spitzen, alles war wie umzüngelt von kleinen Flammen,
und der Blick, was immer er faßte, verbrannte sich. Das tiefste Wesen in
mir war aufgereizt, ich spürte, wie viele Sinne, die sonst stumm und tot
im dumpfen Hirne schliefen, sich auftaten wie viele kleine Nüstern, und
mit jeder spürte ich Glut. Ich wußte nicht mehr, was davon meine
Erregung war, und was die der Welt; die dünne Membran des Fühlens
zwischen ihr und mir war zerrissen, alles einzig erregte Gemeinschaft
der Enttäuschung, und wie ich fiebernd hinabstarrte in das Tal, das sich
allmählich mit Lichtern füllte, spürte ich, daß jedes einzelne kleine
Licht in mich hineinflimmerte, jeder Stern brannte bis in mein Blut. Es
war die gleiche maßlose, fiebernde Erregung außen und innen, und in
einer schmerzhaften Magie empfand ich alles, was um mich schwoll,
gleichsam in mich gepreßt und dort wachsend und glühend. Mir war, als
brenne der geheimnisvolle, lebendige Kern, der in alle Vielfalt einzeln
eingetan ist, aus meinem innersten Wesen, alles spürte ich, in magischer
Wachheit der Sinne den Zorn jedes einzelnen Blattes, den stumpfen Blick
des Hundes, der mit gesenktem Schweife jetzt um die Türen schlich, alles
fühlte ich, und alles, was ich spürte, tat mir weh. Fast körperlich
begann dieser Brand in mir zu werden, und als ich jetzt mit den Fingern
nach dem Holz der Tür griff, knisterte es leise unter ihnen wie Zunder,
brenzlig und trocken.
Der Gong lärmte zur Abendmahlzeit. Tief in mich schlug der kupferne
Klang hinein, schmerzhaft auch er. Ich wendete mich um. Wo waren die
Menschen hin, die früher hier in Angst und Erregung vorbeigeeilt? Wo war
sie, die hier gestanden als lechzende Welt und der ich ganz vergessen in
den wirren Minuten der Enttäuschung? Alles war verschwunden. Ich stand
allein in der schweigenden Natur. Noch einmal umgriff ich Höhe und Ferne
mit dem Blick. Der Himmel war jetzt ganz leer, aber nicht rein. Über den
Sternen lag ein Schleier, ein grünlich gespannter, und aus dem
aufsteigenden Mond glitzerte der böse Glanz eines Katzenauges. Fahl war
alles da oben, höhnisch und gefährlich, tief drunten aber unter dieser
unsicheren Sphäre dämmerte dunkel die Nacht, phosphoreszierend wie ein
tropisches Meer und mit dem gequälten wollüstigen Atem einer
enttäuschten Frau. Oben stand noch hell und höhnisch eine letzte Helle,
unten müde und lastend eine schwüle Dunkelheit, feindlich war eines dem
andern, unheimlich stummer Kampf zwischen Himmel und Erde. Ich atmete
tief und trank nur Erregung. Ich griff ins Gras. Es war trocken wie Holz
und knisterte blau in meinen Fingern.
Wieder rief der Gong. Widerlich war mir der tote Klang. Ich hatte keinen
Hunger, kein Verlangen nach Menschen, aber diese einsame Schwüle hier
draußen war zu fürchterlich. Der ganze schwere Himmel lastete stumm auf
meiner Brust, und ich fühlte, ich könnte seinen bleiernen Druck nicht
länger mehr tragen. Ich ging hinein in den Speisesaal. Die Leute saßen
schon an ihren kleinen Tischen. Sie sprachen leise, aber doch, mir war
es zu laut. Denn mir ward alles zur Qual, was an meine aufgereizten
Nerven rührte: das leise Lispeln der Lippen, das Klirren der Bestecke,
das Rasseln der Teller, jede einzelne Geste, jeder Atem, jeder Blick.
Alles zuckte in mich hinein und tat mir weh. Ich mußte mich bemeistern,
um nicht etwas Sinnloses zu tun, denn ich fühlte es an meinem Pulse:
alle meine Sinne hatten Fieber. Jeden einzelnen dieser Menschen mußte
ich ansehen, und gegen jeden fühlte ich Haß, als ich sie so friedlich
dasitzen sah, gefräßig und gemächlich, indessen ich glühte. Irgendein
Neid überkam mich, daß sie so satt und sicher in sich ruhten, anteillos
an der Qual einer Welt, fühllos für die stille Raserei, die in der Brust
der verdurstenden Erde sich regte. Alle griff ich an mit dem Blick, ob
nicht einer wäre, der sie mitfühlte, aber alle schienen stumpf und
unbesorgt. Nur Ruhende und Atmende, Gemächliche waren hier, Wache,
Fühllose, Gesunde, und ich der einzige Kranke, der Einzige im Fieber der
Welt. Der Kellner brachte mir das Essen. Ich versuchte einen Bissen,
vermochte aber nicht, ihn hinabzuwürgen. Alles widerstrebte mir, was
Berührung war. Zu voll war ich von der Schwüle, dem Dunst, dem Brodem
der leidenden, kranken, zerquälten Natur.
Neben mir rückte ein Sessel. Ich fuhr auf. Jeder Laut streifte jetzt an
mich wie heißes Eisen. Ich sah hin. Fremde Menschen saßen dort, neue
Nachbarn, die ich noch nicht kannte. Ein älterer Herr und seine Frau,
bürgerliche ruhige Leute mit runden gelassenen Augen und kauenden
Wangen. Aber ihnen gegenüber, halb mit dem Rücken zu mir, ein junges
Mädchen, ihre Tochter offenbar. Nur den Nacken sah ich, weiß und schmal
und darüber wie einen Stahlhelm schwarz und fast blau das volle Haar.
Sie saß reglos da, und an ihrer Starre erkannte ich sie als dieselbe,
die früher auf der Terrasse lechzend und aufgetan vor dem Regen
gestanden wie eine weiße, durstende Blume. Ihre kleinen, kränklich
schmalen Finger spielten unruhig mit dem Besteck, aber doch, ohne daß es
klirrte; und diese Stille um sie tat mir wohl. Auch sie rührte keinen
Bissen an, nur einmal griff ihre Hand hastig und gierig nach dem Glas.
Oh, sie fühlt es auch, das Fieber der Welt, spürte ich beglückt an
diesem durstigen Griff, und eine freundliche Teilnahme legte meinen
Blick weich auf ihren Nacken. Einen Menschen, einen einzigen empfand ich
jetzt, der nicht ganz abgeschieden war von der Natur, der auch mitglühte
im Brande einer Welt, und ich wollte, daß sie wisse von unserer
Bruderschaft. Ich hätte ihr zuschreien mögen: »Fühle mich doch! Fühle
mich doch! Auch ich bin wach wie du, auch ich leide! Fühle mich! Fühle
mich!« Mit der glühenden Magnetik des Wunsches umfing ich sie. Ich
starrte in ihren Rücken, umschmeichelte von ferne ihr Haar, bohrte mich
ein mit dem Blick, ich rief sie mit den Lippen, ich preßte sie an, ich
starrte und starrte, warf mein ganzes Fieber aus, damit sie es
schwesterlich fühle. Aber sie wendete sich nicht um. Starr blieb sie,
eine Statue, sitzen, kühl und fremd. Niemand half mir. Auch sie fühlte
mich nicht. Auch in ihr war nicht die Welt. Ich brannte allein.
Oh, diese Schwüle außen und innen, ich konnte sie nicht mehr ertragen.
Der Dunst der warmen Speisen, fett und süßlich, quälte mich, jedes
Geräusch bohrte sich den Nerven ein. Ich spürte mein Blut wallen und
wußte mich einer purpurnen Ohnmacht nahe. Alles lechzte in mir nach
Kühle und Ferne, und dieses Nahsein, das dumpfe, der Menschen erdrückte
mich. Neben mir war ein Fenster. Ich stieß es auf, weit auf. Und
wunderbar: dort war es ganz geheimnisvoll wieder, dieses unruhige
Flackern in meinem Blute, nur aufgelöst in das Unbegrenzte eines
nächtigen Himmels. Weißgelb flimmerte oben der Mond wie ein entzündetes
Auge in einem roten Ring von Dunst, und über die Felder schlich
geisterhaft ein blasser Brodem hin. Fieberhaft zirpten die Grillen; mit
metallenen Saiten, die schrillten und gellten, schien die Luft
durchspannt. Dazwischen quäkte manchmal leise und sinnlos ein Unkenruf,
Hunde schlugen an, heulend und laut; irgendwo in der Ferne brüllten die
Tiere, und ich entsann mich, daß das Fieber in solchen Nächten den Kühen
die Milch vergifte. Krank war die Natur, auch dort diese stille Raserei
der Erbitterung, und ich starrte aus dem Fenster wie in einen Spiegel
des Gefühls. Mein ganzes Sein bog sich hinaus, meine Schwüle und die der
Landschaft flossen ineinander in eine stumme, feuchte Umarmung.
Wieder rückten neben mir die Sessel, und wieder schrak ich zusammen. Das
Diner war zu Ende, die Leute standen lärmend auf: auch meine Nachbarn
erhoben sich und gingen an mir vorbei. Der Vater zuerst, gemächlich und
satt, mit freundlichem, lächelndem Blick, dann die Mutter und zuletzt
die Tochter. Jetzt erst sah ich ihr Gesicht. Es war gelblich bleich, von
derselben matten, kranken Farbe wie draußen der Mond, die Lippen waren
noch immer, wie früher, halb geöffnet. Sie ging lautlos und doch nicht
leicht. Irgend etwas Schlaffes und Mattes war an ihr, das mich seltsam
gemahnte an das eigene Gefühl. Ich spürte sie näher kommen und war
gereizt. Etwas in mir wünschte eine Vertraulichkeit mit ihr, sie möchte
mich anstreifen mit ihrem weißen Kleide, oder daß ich den Duft ihres
Haares spüren könnte im Vorübergehen. In diesem Augenblick sah sie mich
an. Starr und schwarz stieß ihr Blick in mich hinein und blieb in mir
festgehakt, tief und saugend, daß ich nur ihn spürte, ihr helles Gesicht
darüber entschwand und ich einzig dieses düsternde Dunkel vor mir
fühlte, in das ich stürzte wie in einen Abgrund. Sie machte noch einen
Schritt vor, aber der Blick ließ mich nicht los, blieb in mich gebohrt
wie eine schwarze Lanze, und ich spürte sein Eindringen tiefer und
tiefer. Nun rührte seine Spitze bis an mein Herz, und es stand still.
Ein, zwei Augenblicke hielt sie so den Blick an und ich den Atem,
Sekunden, während derer ich mich machtlos weggerissen fühlte von dem
schwarzen Magneten dieser Pupille. Dann war sie an mir vorbei. Und
sofort fühlte ich mein Blut vorstürzen wie aus einer Wunde und erregt
durch den ganzen Körper gehen.
Was -- was war das? Wie aus einem Tode wachte ich auf. War das mein
Fieber, das mich so wirr machte, daß ich im flüchtigen Blick einer
Vorübergehenden gleich ganz mich verlor? Aber mir war gewesen, als hätte
ich in diesem Anschauen die gleiche stille Raserei gespürt, die
schmachtende, sinnlose, verdurstende Gier, die sich mir jetzt in allem
auftat, im Blick des roten Mondes, in den lechzenden Lippen der Erde, in
der schreienden Qual der Tiere, dieselbe, die in mir funkelte und bebte.
Oh, wie wirr alles durcheinander ging in dieser phantastischen schwülen
Nacht, wie alles zergangen war in dies eine Gefühl von Erwartung und
Ungeduld! War es mein Wahnsinn, war es der der Welt? Ich war erregt und
wollte Antwort wissen, und so ging ich ihr nach in die Halle. Sie hatte
sich dort niedergesetzt neben ihre Eltern und lehnte still in einem
Fauteuil. Unsichtbar war der gefährliche Blick unter den verhangenen
Lidern. Sie las ein Buch, aber ich glaubte ihr nicht, daß sie lese. Ich
war gewiß, daß, wenn sie fühlte wie ich, wenn sie litt mit der sinnlosen
Qual der verschwülten Welt, daß sie nicht rasten könnte im stillen
Betrachten, daß dies ein Verstecken war, ein Verbergen vor fremder
Neugier. Ich setzte mich gegenüber und starrte sie an, ich wartete
fiebernd auf den Blick, der mich bezaubert hatte, ob er nicht
wiederkommen wolle und mir sein Geheimnis lösen. Aber sie rührte sich
nicht. Die Hand schlug gleichgültig Blatt um Blatt im Buche, der Blick
blieb verhangen. Und ich wartete gegenüber, wartete heißer und heißer,
irgendeine rätselhafte Macht des Willens spannte sich, muskelhaft stark,
ganz körperlich, diese Verstellung zu zerbrechen. Zwischen all den
Menschen, die dort gemächlich sprachen, rauchten und Karten spielten,
hub nun ein stummes Ringen an. Ich spürte, daß sie sich weigerte, daß
sie es sich versagte, aufzuschauen, aber je mehr sie widerstrebte, desto
stärker wollte es mein Trotz, und ich war stark, denn in mir war die
Erwartung der ganzen lechzenden Erde und die dürstende Glut der
enttäuschten Welt. Und so wie an meine Poren noch immer die feuchte
Schwüle der Nacht, so drängte sich mein Wille gegen den ihren, und ich
wußte, sie müßte mir nun bald einen Blick hergeben, sie müßte es.
Rückwärts im Saale begann jemand Klavier zu spielen. Die Töne perlten
leise herüber, auf und ab in flüchtigen Skalen, drüben lachte jetzt eine
Gesellschaft lärmend über irgendeinen albernen Scherz, ich hörte alles,
fühlte alles, was geschah, ohne aber für eine Minute nachzulassen. Ich
zählte jetzt laut vor mich hin die Sekunden, während ich an ihren Lidern
zog und sog, während ich von ferne durch die Hypnose des Willens ihren
störrisch niedergebeugten Kopf aufheben wollte. Minute auf Minute rollte
vorüber -- immer perlten die Töne von drüben dazwischen -- und schon
spürte ich, daß meine Kraft nachließ -- da plötzlich hob sie mit einem
Ruck sich auf und sah mich an, gerade hin auf mich. Wieder war es der
gleiche Blick, der nicht endete, ein schwarzes, furchtbares, saugendes
Nichts, ein Durst, der mich einsog, ohne Widerstand. Ich starrte in
diese Pupillen hinein wie in die schwarze Höhlung eines photographischen
Apparates und spürte, daß er zuerst mein Gesicht nach innen zog in das
fremde Blut hinein und ich wegstürzte von mir; der Boden schwand unter
meinen Füßen, und ich empfand die ganze Süße des schwindelnden Sturzes.
Hoch oben über mir hörte ich noch die klingenden Skalen auf und nieder
rollen, aber schon wußte ich nicht mehr, wo mir dies geschah. Mein Blut
war weggeströmt, mein Atem stockte. Schon spürte ich, wie es mich
würgte, diese Minute oder Stunde oder Ewigkeit -- da schlugen ihre Lider
wieder zu. Ich tauchte auf wie ein Ertrinkender aus dem Wasser,
frierend, geschüttelt von Fieber und Gefahr.
Ich sah um mich. Mir gegenüber saß unter den Menschen, still über ein
Buch gebeugt, bloß mehr ein schlankes junges Mädchen, regungslos,
bildhaft, nur leise unter dem dünnen Gewand wippte das Knie. Auch meine
Hände zitterten. Ich wußte, daß jetzt dieses wollüstige Spiel von
Erwartung und Widerstand wieder beginnen sollte, daß ich Minuten
angespannt fordern mußte, um dann plötzlich wieder so in schwarze
Flammen getaucht zu werden von einem Blick. Meine Schläfen waren feucht,
in mir siedete das Blut. Ich konnte es nicht mehr ertragen. Ich stand
auf, ohne mich umzuwenden, und ging hinaus.
Weit war die Nacht vor dem glänzenden Haus. Das Tal schien versunken,
und der Himmel glänzte feucht und schwarz wie nasses Moos. Auch hier war
keine Kühlung, noch immer nicht, überall auch hier das gleiche,
gefährliche Sichgatten von Dürsten und Trunkenheit, das ich im Blute
spürte. Etwas Ungesundes, Feuchtes, wie die Ausdünstung eines
Fiebernden, lag über den Feldern, die milchweißen Dunst brauten, ferne
Feuer zuckten und geisterten durch die schwere Luft, und um den Mond lag
ein gelber Ring und machte seinen Blick bös. Ich fühlte mich müde wie
nie. Ein geflochtener Stuhl, noch vom Tag her vergessen, stand da: ich
warf mich hinein. Die Glieder fielen von mir ab, regungslos streckte ich
mich hin. Und da, nur nachgebend angeschmiegt an das weiche Rohr,
empfand ich mit einemmal die Schwüle als wunderbar. Sie quälte nicht
mehr, sie drängte sich nur an, zärtlich und wollüstig, und ich wehrte
ihr nicht. Nur die Augen hielt ich geschlossen, um nichts zu sehen, um
stärker die Natur zu fühlen, das Lebendige, das mich umfing. Wie ein
Polyp, ein weiches, glattes, saugendes Wesen umdrängte mich jetzt,
berührte mich mit tausend Lippen die Nacht. Ich lag und fühlte mich
nachgeben, hingeben an irgend etwas, das mich umfaßte, umschmiegte,
umringte, das mein Blut trank, und zum erstenmal empfand ich in dieser
schwülen Umfassung sinnlich wie eine Frau, die sich auflöst in der
sanften Ekstase der Hingebung. Ein süßes Grauen wars mir, mit einem Male
widerstandslos zu sein und ganz meinen Leib nur der Welt hinzugeben,
wunderbar war es, wie dies Unsichtbare meine Haut zärtlich anrührte und
allmählich unter sie drang, mir die Gelenke lockerer löste, und ich
wehrte mich nicht gegen dieses Laßwerden der Sinne. Ich ließ mich
hingleiten in das neue Gefühl, und dunkel, traumhaft empfand ich nur,
daß dies: die Nacht und jener Blick von früher, die Frau und die
Landschaft, daß dies eins war, in dem es süß war, verloren zu sein.
Manchmal war mir, als wäre diese Dunkelheit nur sie, und jene Wärme, die
meine Glieder rührte, ihr eigener Leib, gelöst in Nacht wie der meine,
und noch im Traume sie empfindend, schwand ich hin in dieser schwarzen,
warmen Welle von wollüstiger Verlorenheit.
Irgend etwas schreckte mich auf. Mit allen Sinnen griff ich um mich,
ohne mich zu finden. Und dann sah ichs, erkannte ichs, daß ich da
gelehnt hatte mit geschlossenen Augen und in Schlaf gesunken war. Ich
mußte geschlummert haben, eine Stunde oder Stunden vielleicht, denn das
Licht in der Halle des Hotels war schon erloschen und alles längst zur
Ruhe gegangen. Das Haar klebte mir feucht an den Schläfen, wie ein
heißer Tau schien dieser traumhaft traumlose Schlummer über mich
gesunken zu sein. Ganz wirr stand ich auf, mich ins Haus zurückzufinden.
Dumpf war mir zumute, aber diese Wirrnis war auch um mich. Etwas grölte
in der Ferne, und manchmal funkelte ein Wetterleuchten gefährlich über
den Himmel hin. Die Luft schmeckte nach Feuer und Funken, es glänzten
verräterische Blitze hinter den Bergen, und in mir phosphoreszierte
Erinnerung und Vorgefühl. Ich wäre gern geblieben, mich zu besinnen, den
geheimnisvollen Zustand genießend aufzulösen: aber die Stunde war spät,
und ich ging hinein.
Die Halle war schon leer, die Sessel standen noch zufällig durcheinander
gerückt im fahlen Schein eines einzelnen Lichtes. Gespenstisch war ihre
unbelebte Leere, und unwillkürlich formte ich in den einen die zarte
Gestalt des sonderbaren Wesens hinein, das mich mit seinen Blicken so
verwirrt gemacht. Ihr Blick in der Tiefe meines Wesens war noch
lebendig. Er rührte sich, und ich spürte, wie er mich aus dem Dunkel
anglänzte, eine geheimnisvolle Ahnung witterte ihn noch irgendwo wach in
diesen Wänden, und seine Verheißung irrlichterte mir im Blut. Und so
schwül war es noch immer! Kaum daß ich die Augen schloß, fühlte ich
purpurne Funken hinter den Lidern. Noch glänzte in mir der weiße,
glühende Tag, noch fieberte in mir diese flirrende, feuchte, funkelnde,
phantastische Nacht!
Aber ich konnte hier im Flur nicht bleiben, es war alles dunkel und
verlassen. So ging ich die Treppe hinauf und wollte doch nicht.
Irgendein Widerstand war in mir, den ich nicht zu zähmen wußte. Ich war
müde, und doch fühlte ich mich zu früh für den Schlaf. Irgendeine
geheimnisvolle, hellsichtige Witterung verhieß mir noch Abenteuerliches,
und meine Sinne streckten sich vor, Lebendiges, Warmes zu erspähen. Wie
mit feinen, gelenkigen Fühlern drang es aus mir in den Treppengang,
rührte an alle Gemächer, und wie früher hinaus in die Natur, so warf ich
jetzt mein ganzes Fühlen in das Haus, und ich spürte den Schlaf, das
gemächliche Atemgehen vieler Menschen darin, das schwere, traumlose
Wogen ihres dicken schwarzen Blutes, ihre einfältige Ruhe und Stille,
aber doch auch das magnetische Ziehen irgendeiner Kraft. Ich ahnte
irgend etwas, das wach war wie ich. War es jener Blick, war es die
Landschaft, die diesen feinen purpurnen Wahnsinn in mich getan? Ich
glaubte irgend etwas Weiches durch Wall und Wand zu spüren, eine kleine
Flamme von Unruhe in mir zitterte und lockte im Blut und brannte nicht
aus. Widerwillig ging ich die Treppe hinauf und blieb doch immer stehen
auf jeder Stufe und horchte aus mir heraus; nicht mit dem Ohr nur,
sondern mit allen Sinnen. Nichts wäre mir wunderlich gewesen, alles in
mir lauerte noch auf ein Unerhörtes, Seltsames, denn ich wußte, die
Nacht konnte nicht enden ohne ein Wunderbares, diese Schwüle nicht enden
ohne den Blitz. Noch einmal war ich, wie ich da horchend auf dem
Treppengeländer stand, die ganze Welt draußen, die sich reckte in ihrer
Ohnmacht und nach dem Gewitter schrie. Aber nichts rührte sich. Nur
leiser Atem zog durch das windstille Haus. Müde und enttäuscht ging ich
die letzten Stufen hinauf, und mir graute vor meinem einsamen Zimmer wie
vor einem Sarg.
Die Klinke schimmerte unsicher aus dem Dunkel, feucht und warm zu
fassen. Ich öffnete die Tür. Rückwärts stand das Fenster offen und tat
ein schwarzes Viereck von Nacht auf, gedrängte Tannenwipfel drüben vom
Wald und dazwischen ein Stück des verwölkten Himmels. Dunkel war alles
außen und innen, die Welt und das Zimmer, nur -- seltsam und
unerklärlich -- am Fensterrahmen glänzte etwas Schmales, Aufrechtes wie
ein verlorener Streifen Mondschein. Ich trat verwundert näher, zu sehen,
was da so hell schimmerte in mondverhangener Nacht. Ich trat näher, und
da regte sichs. Ich erstaunte: aber doch, ich erschrak nicht, denn etwas
war in dieser Nacht in mir wunderlich dem Phantastischesten bereit,
alles schon vorher gedacht und traumbewußt. Keine Begegnung wäre mir
sonderbar gewesen und diese am wenigsten, denn wirklich: sie war es, die
dort stand, sie, an die ich unbewußt gedacht, bei jeder Stufe, bei jedem
Schritt in dem schlafenden Haus, und deren Wachheit meine aufgefunkelten
Sinne durch Diele und Tür gespürt. Nur als einen Schimmer sah ich ihr
Gesicht, und wie ein Dunst lag um sie das weiße Nachtgewand. Sie lehnte
am Fenster, und wie sie dastand, ihr Wesen hinausgewandt in die
Landschaft, von dem schimmernden Spiegel der Tiefe geheimnisvoll
angezogen in ihr Schicksal, schien sie märchenhaft, Ophelia über dem
Teiche.
Ich trat näher, scheu und erregt zugleich. Das Geräusch mußte sie
erreicht haben, sie wendete sich um. Ihr Gesicht war im Schatten. Ich
wußte nicht, ob sie mich wirklich erblickte, ob sie mich hörte, denn
nichts Jähes war in ihrer Bewegung, kein Erschrecken, kein Widerstand.
Alles war ganz still um uns. An der Wand tickte eine kleine Uhr. Ganz
still blieb es, und dann sagte sie plötzlich leise und unvermutet: »Ich
fürchte mich so.«
Zu wem sprach sie? Hatte sie mich erkannt? Meinte sie mich? Redete sie
aus dem Schlaf? Es war die gleiche Stimme, der gleiche zitternde Ton,
der heute nachmittag draußen vor den nahen Wolken geschauert, da mich
ihr Blick noch gar nicht bemerkt. Seltsam war dies, und doch war ich
nicht verwundert, nicht verwirrt. Ich trat auf sie zu, sie zu beruhigen
und faßte ihre Hand. Wie Zunder fühlte sie sich an, heiß und trocken,
und der Griff der Finger zerbröckelte weich in meiner Umfassung. Lautlos
ließ sie mir die Hand. Alles an ihr war schlaff, wehrlos, abgestorben.
Und nur von den Lippen flüsterte es nochmals wie aus einer Ferne: »Ich
fürchte mich so! Ich fürchte mich so.« Und dann in einem Seufzer
hinsterbend wie aus einem Ersticken: »Ach, wie schwül es ist!« Das klang
von ferne und war doch leise geflüstert wie ein Geheimnis zwischen uns
beiden. Aber ich fühlte dennoch: sie sprach nicht zu mir.
Ich faßte ihren Arm. Sie zitterte nur leise wie die Bäume nachmittags
vor dem Gewitter, aber sie wehrte sich nicht. Ich faßte sie fester: sie
gab nach. Schwach, ohne Widerstand, eine warme, stürzende Welle fielen
ihre Schultern gegen mich. Nun hatte ich sie ganz nahe an mir, daß ich
die Schwüle ihrer Haut atmen konnte und den feuchten Duft ihres Haares.
Ich bewegte mich nicht, und sie blieb stumm. Seltsam war all dies, und
meine Neugier begann zu funkeln. Allmählich wuchs meine Ungeduld. Ich
rührte mit meinen Lippen an ihr Haar -- sie wehrte ihnen nicht. Dann
nahm ich ihre Lippen. Sie waren trocken und heiß, und als ich sie küßte,
taten sie sich plötzlich auf, um von den meinen zu trinken, aber nicht
dürstend und leidenschaftlich, sondern mit dem stillen, schlaffen,
begehrlichen Saugen eines Kindes. Eine Verschmachtende, so fühlte ich
sie, und so wie ihre Lippen sog sich ihr schlanker, durch das dünne
Gewand warm wogender Körper mir ganz so an, wie früher draußen die
Nacht, ohne Kraft, aber voll einer stillen, trunkenen Gier. Und da, wie
ich sie hielt -- meine Sinne funkelten noch grell durcheinander --
spürte ich die warme feuchte Erde an mir, wie sie heute dalag, dürstend
nach dem Schauer der Entspannung, die heiße, machtlose, glühende
Landschaft. Ich küßte und küßte sie und empfand, als genieße ich die
große, schwüle, harrende Welt in ihr, als wäre diese Wärme, die von
ihren Wangen glühte, der Brodem der Felder, als atmete von ihren
weichen, warmen Brüsten das schauernde Land.
Doch da, wie meine wandernden Lippen zu ihren Lidern emporwollten, zu
den Augen, deren schwarze Flammen ich so schauernd gefühlt, da ich mich
hob, ihr Gesicht zu schauen und im Anschauen stärker zu genießen, sah
ich überrascht, daß ihre Lider fest geschlossen waren. Eine griechische
Maske aus Stein, augenlos, ohnmächtig, lag sie da, Ophelia nun, die
tote, auf den Wassern treibend, bleich das fühllose Antlitz gehoben aus
der dunklen Flut. Ich erschrak. Zum erstenmal fühlte ich Wirklichkeit in
dem phantastischen Begeben. Schaudernd überfiel mich die Erkenntnis, daß
ich da eine Unbewußte nahm, eine Trunkene, eine Kranke, eine
Schlafwandlerin ihrer Sinne in den Armen hielt, die mir nur die Schwüle
der Nacht hergetrieben wie ein roter, gefährlicher Mond, ein Wesen, das
nicht wußte, was es tat, das mich vielleicht nicht wollte. Ich erschrak,
und sie ward mir im Arme schwer. Leise wollte ich die Willenlose
hingleiten lassen auf den Sessel, auf das Bett, um nicht aus einem
Taumel Lust zu stehlen, nicht etwas zu nehmen, was sie vielleicht selbst
nicht wollte, sondern nur jener Dämon in ihr, der Herr ihres Blutes war.
Aber kaum fühlte sie, daß ich nachließ, begann sie leise zu stöhnen:
»Laß mich nicht! Laß mich nicht!« flehte sie, und heißer sogen ihre
Lippen, drängte ihr Körper sich an. Schmerzhaft war ihr Gesicht mit den
verschlossenen Augen gespannt, und schauernd spürte ich, daß sie wach
werden wollte und nicht konnte, daß ihre trunkenen Sinne aus dem
Gefängnis dieser Umnachtung schrieen und wissend werden wollten. Aber
gerade dies, daß unter dieser bleiernen Maske von Schlaf etwas rang, das
aus seiner Bezauberung wollte, war gefährliche Lockung für mich, sie zu
erwecken. Meine Nerven brannten vor Ungeduld, sie wach, sie sprechend,
sie als wirkliches Wesen zu sehen, nicht bloß als Traumwandlerin, und um
jeden Preis wollte ich aus ihrem dumpf genießenden Körper diese Wachheit
zwingen. Ich riß sie an mich, ich schüttelte sie, ich klemmte die Zähne
in ihre Lippen und meine Finger in ihre Arme, damit sie endlich die
Augen aufschlüge und nun besonnen täte, was hier nur dumpf ein Trieb in
ihr genoß. Aber sie bog sich nur und stöhnte unter der schmerzhaften
Umklammerung. »Mehr! Mehr!« stammelte sie mit einer Inbrunst, mit einer
sinnlosen Inbrunst, die mich erregte und selbst sinnlos machte. Ich
spürte, daß das Wache bereits nahe in ihr war, daß es aufbrechen wollte
unter den geschlossenen Lidern, denn sie zuckten schon unruhig. Näher
faßte ich sie, tiefer grub ich mich in sie ein, und plötzlich fühlte
ich, wie eine Träne die Wange hinabrollte, die ich salzig trank.
Furchtbar wogte es, je mehr ich sie preßte, in ihrer Brust, sie stöhnte,
ihre Glieder krampften sich, als wollten sie etwas Ungeheures sprengen,
einen Reif, der sie mit Schlaf umschloß, und plötzlich -- wie ein Blitz
war es durch die gewitternde Welt -- brach es in ihr entzwei. Mit
einemmal ward sie wieder schweres, lastendes Gewicht in meinen Armen,
ihre Lippen ließen mich, die Hände sanken, und wie ich sie zurücklehnte
auf das Bett, blieb sie liegen gleich einer Toten. Ich erschrak.
Unwillkürlich fühlte ich sie an und tastete ihre Arme und ihre Wangen.
Sie waren ganz kalt, erfroren, steinern. Nur an den Schläfen oben tickte
leise in zitternden Schlägen das Blut. Marmor, eine Statue, lag sie da,
feucht die Wangen von Tränen, den Atem leise spielend um die gespannten
Nüstern. Manchmal überrann sie noch leise ein Zucken, eine verebbende
Welle des erregten Blutes, doch die Brust wogte immer leiser und leiser.
Immer mehr schien sie Bild zu werden. Immer menschlicher und kindlicher,
immer heller, entspannter wurden ihre Züge. Der Krampf war entflogen.
Sie schlummerte. Sie schlief.
Ich blieb sitzen am Bettrand, zitternd über sie gebeugt. Ein friedliches
Kind lag sie da, die Augen geschlossen und den Mund leise lächelnd,
belebt von innerem Traum. Ganz nahe beugte ich mich herab, daß ich jede
Linie ihres Antlitzes einzeln sah und den Hauch ihres Atems an der Wange
fühlte, und von je näher ich auf sie blickte, desto ferner ward sie mir
und geheimnisvoller. Denn wo war sie jetzt mit ihren Sinnen, die da
steinern lag, hergetrieben von der heißen Strömung einer schwülen Nacht,
zu mir, dem Fremden, und nun wie tot gespült an den Strand? Wer war es,
die hier an meinen Händen lag, wo kam sie her, wem gehörte sie zu? Ich
wußte nichts von ihr und fühlte nur immer, daß nichts mich ihr verband.
Ich blickte sie an, einsame Minuten, während nur die Uhr eilfertig von
oben tickte, und suchte in ihrem sprachlosen Antlitz zu lesen, und doch
ward nichts von ihr vertraut. Ich hatte Lust, sie aufzuwecken aus diesem
fremden Schlaf hier in meiner Nähe, in meinem Zimmer, hart an meinem
Leben, und hatte doch gleichzeitig Furcht vor dem Erwachen, vor dem
ersten Blick ihrer wachen Sinne. So saß ich da, stumm, eine Stunde
vielleicht oder zwei über den Schlaf dieses fremden Wesens gebeugt, und
allmählich ward mirs, als sei es keine Frau mehr, kein Mensch, der hier
abenteuerlich sich mir genaht, sondern die Nacht selbst, das Geheimnis
der lechzenden, gequälten Natur, das sich mir aufgetan. Mir war, als
läge hier unter meinen Händen die ganze heiße Welt mit ihren
entschwülten Sinnen, als hätte sich die Erde aufgebäumt in ihrer Qual
und sie als Boten gesandt aus dieser seltsamen, phantastischen Nacht.
Etwas klirrte hinter mir. Ich fuhr auf wie ein Verbrecher. Nochmals
klirrte das Fenster, als rüttelte eine riesige Faust daran. Ich sprang
auf. Vor dem Fenster stand ein Fremdes: eine verwandelte Nacht, neu und
gefährlich, schwarzfunkelnd und voll wilder Regsamkeit. Ein Sausen war
dort, ein furchtbares Rauschen, und schon baute sichs auf zum schwarzen
Turm des Himmels, schon warf sichs mir entgegen aus der Nacht, kalt,
feucht und mit wildem Stoß: der Wind. Aus dem Dunkel sprang er, gewaltig
und stark, seine Fäuste rissen an den Fenstern, hämmerten gegen das
Haus. Wie ein furchtbarer Schlund war das Finstere aufgetan, Wolken
fuhren heran und bauten schwarze Wände in rasender Eile empor, und etwas
sauste gewalttätig zwischen Himmel und Welt. Weggerissen war die
beharrliche Schwüle von dieser wilden Strömung, alles flutete, dehnte,
regte sich, eine rasende Flucht war von einem Ende zum andern des
Himmels, und die Bäume, die festgewurzelten in der Erde, stöhnten unter
der unsichtbaren, sausenden, pfeifenden Peitsche des Sturmes. Und
plötzlich riß dies weiß entzwei: ein Blitz, den Himmel spaltend bis zur
Erde hinab. Und hinter ihm knatterte der Donner, als krachte das ganze
Gewölk in die Tiefe. Hinter mir rührte sichs. Sie war aufgefahren. Der
Blitz hatte den Schlaf von ihren Augen gerissen. Verwirrt starrte sie um
sich. »Was ists,« sagte sie, »wo bin ich?« Und ganz anders war die
Stimme als vordem. Angst bebte noch darin, aber der Ton klang jetzt
klar, war scharf und rein wie die neugegorene Luft. Wieder riß ein Blitz
den Rahmen der Landschaft auf: im Flug sah ich den erhellten Umriß der
Tannen, geschüttelt vom Sturm, die Wolken, die wie rasende Tiere über
den Himmel liefen, das Zimmer kalkweiß erhellt und weißer als alles ihr
blasses Gesicht. Sie sprang empor. Ihre Bewegungen waren mit einemmal
frei, wie ich sie nie an ihr gesehen. Sie starrte mich an in der
Dunkelheit. Ich spürte ihren Blick schwärzer als die Nacht. »Wer sind
Sie ... Wo bin ich?« stammelte sie und raffte erschreckt das
aufgesprengte Gewand über der Brust zusammen. Ich trat näher, sie zu
beruhigen, aber sie wich aus. »Was wollen Sie von mir?« schrie sie mit
voller Kraft, da ich ihr nahe kam. Ich wollte ein Wort suchen, um sie zu
beruhigen, sie anzusprechen, aber da merkte ich erst, daß ich ihren
Namen nicht kannte. Wieder warf ein Blitz Licht über das Zimmer. Wie mit
Phosphor bestrichen, blendeten kalkweiß die Wände, weiß stand sie vor
mir, die Arme im Schrecken gegen mich gestemmt, und in ihrem nun wachen
Blick war grenzenloser Haß. Vergebens wollte ich im Dunkel, das mit dem
Donner auf uns niederfiel, sie fassen, beruhigen, ihr etwas erklären,
aber sie riß sich los, stieß die Türe auf, die ein neuer Blitz ihr wies,
und stürzte hinaus. Und mit der Tür, die zufiel, krachte der Donner
nieder, als seien alle Himmel auf die Erde gefallen.
Und dann rauschte es, Bäche stürzten von unendlicher Höhe wie
Wasserfälle, und der Sturm schwenkte sie als nasse Taue prasselnd hin
und her. Manchmal schnellte er Büschel eiskalten Wassers und süßer,
gewürzter Luft zum Fensterrahmen herein, wo ich schauend stand, bis das
Haar mir naß war und ich troff von den kalten Schauern. Aber ich war
selig, das reine Element zu fühlen, mir war, als löste nun auch meine
Schwüle sich in den Blitzen los, und ich hätte schreien mögen vor Lust.
Alles vergaß ich in dem ekstatischen Gefühl, wieder atmen zu können und
frisch zu sein, und ich sog diese Kühle in mich wie die Erde, wie das
Land: ich fühlte den seligen Schauer des Durchrütteltseins wie die
Bäume, die sich zischend schwangen unter der nassen Rute des Regens.
Dämonisch schön war der wollüstige Kampf des Himmels mit der Erde, eine
gigantische Brautnacht, deren Lust ich mitfühlend genoß. Mit Blitzen
griff der Himmel herab, mit Donner stürzte er auf die Erbebende nieder,
und es war in diesem stöhnenden Dunkel ein rasendes Ineinandersinken von
Höhe und Tiefe, wie von Geschlecht zu Geschlecht. Die Bäume stöhnten vor
Wollust, und mit immer glühenderen Blitzen flocht sich die Ferne
zusammen, man sah die heißen Adern des Himmels offen stehen, sie
sprühten sich aus und mengten sich mit den nassen Rinnsalen der Wege.
Alles brach auseinander und stürzte zusammen, Nacht und Welt -- ein
wunderbarer neuer Atem, in den sich der Duft der Felder vermengte mit
dem feurigen Odem des Himmels, drang kühl in mich ein. Drei Wochen
zurückgehaltener Glut rasten sich in diesem Kampf aus, und auch in mir
fühlte ich die Entspannung. Es war mir, als rauschte der Regen in meine
Poren hinein, als durchsause reinigend der Wind meine Brust, und ich
fühlte mich und mein Erleben nicht mehr einzeln und beseelt, ich war nur
Welt, Orkan, Schauer, Wesen und Nacht im Überschwang der Natur. Und
dann, als alles mählich stiller war, die Blitze bloß blau und
ungefährlich den Horizont umschweiften, der Donner nur mehr väterlich
mahnend grollte und das Rauschen des Regens rhythmisch ward im
ermattenden Wind, da kam auch mich ein Leiserwerden und Müdigkeit an.
Wie Musik fühlte ich meine schwingenden Nerven erklingen, und sanfte
Gelöstheit sank in meine Glieder. Oh, schlafen jetzt mit der Natur und
dann aufwachen mit ihr! Ich warf die Kleider ab und mich ins Bett. Noch
waren weiche, fremde Formen darin. Ich spürte sie dumpf, das seltsame
Abenteuer wollte sich noch einmal besinnen, aber ich verstand es nicht
mehr. Der Regen draußen rauschte und rauschte und wusch mir meine
Gedanken weg. Ich fühlte alles nur mehr als Traum. Immer wollte ich noch
etwas zurückdenken von dem, was mir geschehen war, aber der Regen
rauschte und rauschte, eine wunderbare Wiege war die sanfte, klingende
Nacht, und ich sank in sie hinein, einschlummernd in ihrem Schlummer.
Am nächsten Morgen, als ich ans Fenster trat, sah ich eine verwandelte
Welt. Klar, mit festen Umrissen, heiter lag das Land in sicherem,
sonnigem Glanz, und hoch über ihm, ein leuchtender Spiegel dieser
Stille, wölbte der Horizont sich blau und fern. Klar waren die Grenzen
gezogen, unendlich fern stand der Himmel, der gestern sich tief hinab in
die Felder gewühlt und sie fruchtbar gemacht. Jetzt aber war er fern,
weltenweit und ohne Zusammenhang, nirgends rührte er sie mehr an, die
duftende, atmende, gestillte Erde, sein Weib. Ein blauer Abgrund
schimmerte kühl zwischen ihm und der Tiefe, wunschlos blickten sie
einander an und fremd, der Himmel und die Landschaft.
Ich ging hinab in den Saal. Die Menschen waren schon beisammen. Anders
war auch ihr Wesen als in diesen entsetzlichen Wochen der Schwüle. Alles
regte und bewegte sich. Ihr Lachen klang hell, ihre Stimmen melodisch,
metallen, die Dumpfheit war entflogen, die sie behinderte, das schwüle
Band gesunken, das sie umflocht. Ich setzte mich zwischen sie, ganz ohne
Feindlichkeit, und irgendeine Neugier suchte nun auch die Andere, deren
Bild mir der Schlaf fast entwunden. Und wirklich, zwischen Vater und
Mutter am Nebentisch saß sie dort, die ich suchte. Sie war heiter, ihre
Schultern leicht, und ich hörte sie lachen, klingend und unbesorgt.
Neugierig umfaßte ich sie mit dem Blick. Sie bemerkte mich nicht. Sie
erzählte irgend etwas, das sie froh machte, und zwischen die Worte
perlte ein kindliches Lachen hinein. Endlich sah sie gelegentlich auch
zu mir hinüber, und bei dem flüchtigen Anstreifen stockte unwillkürlich
ihr Lachen. Sie sah mich schärfer an. Etwas schien sie zu befremden, die
Brauen schoben sich hoch, streng und gespannt umfragte mich ihr Auge,
und allmählich bekam ihr Gesicht einen angestrengten, gequälten Zug, als
ob sie sich durchaus auf etwas besinnen wollte und es nicht vermöchte.
Ich blieb erwartungsvoll mit ihr Blick in Blick, ob nicht ein Zeichen
der Erregung oder der Beschämung mich grüßen würde, aber schon sah sie
wieder weg. Nach einer Minute kam ihr Blick noch einmal, um sich zu
vergewissern, zurück. Noch einmal prüfte er mein Gesicht. Eine Sekunde
nur, eine lange gespannte Sekunde, fühlte ich seine harte, stechende,
metallene Sonde tief in mich dringen, doch dann ließ ihr Auge mich
beruhigt los, und an der unbefangenen Helle ihres Blickes, der leichten,
fast frohen Wendung ihres Kopfes spürte ich, daß sie wach nichts mehr
von mir wußte, daß unsere Gemeinschaft versunken war mit der magischen
Dunkelheit. Fremd und weit waren wir wieder einander wie Himmel und
Erde. Sie sprach zu ihren Eltern, wiegte unbesorgt die schlanken,
jungfräulichen Schultern, und heiter glänzten im Lächeln die Zähne unter
den schmalen Lippen, von denen ich doch noch vor Stunden den Durst und
die Schwüle einer ganzen Welt getrunken.