Wie war das möglich? Ich wehrte mich, jetzt wirklich vor mir selbst

erschreckend, gegen diese unerwartete Erkenntnis, aber zu schwellend, zu

ungestüm wogte das Gefühl aus mir auf. Nein, das war nicht Scham, nicht

Empörung, nicht Selbstekel, was so warm mir im Blut gärte -- das war

Freude, trunkene Freude, die in mir aufloderte, ja funkelte mit hellen

spitzen Flammen von Übermut, denn ich spürte, daß ich in jenen Minuten

zum erstenmal seit Jahren und Jahren wirklich lebendig, daß mein Gefühl

nur gelähmt gewesen und noch nicht abgestorben war, daß irgendwo unter

der versandeten Fläche meiner Gleichgültigkeit also doch noch jene

heißen Quellen von Leidenschaft geheimnisvoll gingen und nun, von der

Wünschelrute des Zufalls berührt, hoch bis in mein Herz hinaufgepeitscht

waren. Auch in mir, auch in mir, in diesem Stück atmenden Weltalls,

glühte also noch jener geheimnisvolle vulkanische Kern alles Irdischen,

der manchmal vorbricht in den wirbelnden Stößen von Begier, auch ich

lebte, war lebendig, war ein Mensch mit bösem und warmem Gelüst. Eine

Tür war aufgerissen vom Sturm dieser Leidenschaft, eine Tiefe aufgetan

in mich hinein, und ich starrte in wollüstigem Schwindel hinab in dies

Unbekannte in mir, das mich erschreckte und beseligte zugleich. Und

langsam -- während der Wagen lässig meinen träumenden Körper durch die

bürgerlich-gesellschaftliche Welt hinrollte -- stieg ich, Stufe um

Stufe, hinab in die Tiefe des Menschlichen in mir, unsäglich allein in

diesem schweigenden Gang, nur überhöht von der aufgehobenen grellen

Fackel meines jäh entzündeten Bewußtseins. Und indes tausend Menschen um

mich lachend und schwatzend wogten, suchte ich mich, den verlorenen

Menschen, in mir, tastete ich Jahre ab in dem magischen Gang des

Besinnens. Ganz verschollene Dinge tauchten plötzlich aus den

verstaubten und erblindeten Spiegeln meines Lebens auf, ich erinnerte

mich, schon einmal als Schulknabe einem Kameraden ein Taschenmesser

gestohlen und mit der gleichen teuflischen Freude ihm zugesehen zu

haben, wie er es überall suchte, alle fragte und sich mühte; ich

verstand mit einemmal das geheimnisvoll Gewitternde mancher sexuellen

Stunden, verstand, daß meine Leidenschaft nur verkrümmt, nur zertreten

gewesen war von dem gesellschaftlichen Wahn, von dem herrischen Ideal

der Gentlemen -- daß aber auch in mir, nur tief, ganz tief unten in

verschütteten Brunnen und Röhren die heißen Ströme des Lebens gingen wie

in allen andern. Oh, ich hatte ja immer gelebt, nur nicht gewagt zu

leben, ich hatte mich verschnürt und verborgen vor mir selbst: nun aber

war die gepreßte Kraft aufgebrochen, das Leben, das reiche, das

unsäglich gewaltsame hatte mich überwältigt. Und nun wußte ich, daß ich

ihm noch anhing; mit der seligen Betroffenheit der Frau, die zum

erstenmal in sich das Kind sich regen spürt, empfand ich das Wirkliche

-- wie soll ich es anders nennen -- das Wahre, das Unverstellte des

Lebens in mir keimen, ich fühlte -- fast schäme ich mich, solch ein Wort

hinzuschreiben -- wie ich, der abgestorbene Mensch, mit einemmal wieder

_blühte_, wie durch meine Adern Blut rot und unruhig rollte, Gefühl sich

im Warmen leise entfaltete und ich aufwuchs zu unbekannter Frucht von

Süße oder Bitternis. Das Tannhäuserwunder war mir geschehen mitten im

klaren Licht eines Rennplatzes, zwischen dem Geschwirr von Tausenden

müßiger Menschen: ich hatte wieder zu fühlen begonnen, er grünte und

trieb seine Knospen, der abgedorrte Stab.

Von einem vorüberfahrenden Wagen grüßte ein Herr und rief -- offenbar

hatte ich seinen ersten Gruß übersehen -- meinen Namen. Unwirsch fuhr

ich auf, zornig, gestört zu sein in diesem süßrieselnden Zustand des

sich in mich selbst Ergießens, dieses tiefsten Traumes, den ich jemals

erlebt. Aber der Blick auf den Grüßenden riß mich ganz von mir weg: es

war mein Freund Alfons, ein lieber Schulkamerad und jetzt Staatsanwalt.

Mit einemmal durchzuckte es mich: dieser Mensch, der dich brüderlich

grüßt, hat jetzt zum erstenmal Macht über dich, du bist ihm verfallen,

sobald er dein Vergehen kennt. Wüßte er um dich und deine Tat, er müßte

dich aus diesem Wagen ziehen, weg aus der ganzen warmen bürgerlichen

Existenz, und hinabstoßen auf drei oder fünf Jahre in die dumpfe Welt

hinter vergitterten Fenstern, zum Abhub des Lebens, zu den andern

Dieben, die nur die Peitsche der Not in ihre schmierigen Zellen

getrieben. Aber nur einen Augenblick lang faßte mich kalt die Angst am

Gelenk meiner zitternden Hand, nur einen Augenblick lang hielt sie den

Herzschlag an -- dann verwandelte auch dieser Gedanke sich wieder in

heißes Gefühl, in einen phantastischen, frechen Stolz, der jetzt

selbstbewußt und beinahe höhnisch die andern Menschen ringsum musterte.

Wie würde, dachte ich, euer süßes kameradschaftliches Lächeln, mit dem

ihr mich als euresgleichen grüßt, anfrieren um die Mundwinkel, wenn ihr

mich ahntet! Wie einen Kotspritzer würdet ihr meinen Gruß wegstäuben mit

verächtlich geärgerter Hand. Aber ehe ihr mich ausstoßt, habe ich euch

schon ausgestoßen: heute nachmittags habe ich mich herausgestürzt aus

eurer kalten knöchernen Welt, wo ich ein Rad war, ein lautlos

funktionierendes, in der großen Maschine, die kalt in ihren Kolben

abrollt und eitel um sich selber kreist -- ich bin in eine Tiefe

gestürzt, die ich nicht kenne, doch ich bin lebendiger gewesen in dieser

einen Stunde als in den gläsernen Jahren in eurem Kreis. Nicht mehr euch

gehöre ich, nicht mehr zu euch, ich bin jetzt außen irgendwo in einer

Höhe oder Tiefe, nie mehr aber, nie mehr am flachen Strand eures

bürgerlichen Wohlseins. Ich habe zum erstenmal alles gefühlt, was in den

Menschen an Lust im Guten und Bösen getan ist, aber nie werdet ihr

wissen, wo ich war, nie mich erkennen: Menschen, was wißt ihr von meinem

Geheimnis!

Wie vermöchte ich es auszudrücken, was ich in jener Stunde fühlte, indes

ich, ein elegant angezogener Gentleman, mit kühlem Gesicht grüßend und

dankend zwischen den Wagenreihen durchfuhr! Denn während meine Larve,

der äußere, der frühere Mensch, noch Gesichter fühlte und erkannte,

rauschte innen in mir eine so taumelnde Musik, daß ich mich

niederdrücken mußte, um nicht etwas herauszuschreien von diesem tosenden

Tumult. Ich war so voll von Gefühl, daß mich dieser innere Schwall

physisch quälte, daß ich wie ein Erstickender die Hand gewaltsam an die

Brust pressen mußte, unter der das Herz schmerzhaft gärte. Aber Schmerz,

Lust, Erschrecken, Entsetzen oder Bedauern, nichts fühlte ich einzeln

und abgerissen, alles schmolz zusammen, ich spürte nur, daß ich lebte,

daß ich atmete und fühlte. Und dieses Einfachste, dieses urhafte Gefühl,

das ich seit Jahren nicht empfunden, machte mich trunken. Nie hatte ich

mich selbst auch nur eine Sekunde meiner sechsunddreißig Jahre so

ekstatisch als lebendig empfunden als in der Schwebe dieser Stunde.

Mit einem leichten Ruck hielt der Wagen an: der Kutscher hatte die

Pferde angezügelt, wandte sich vom Bock und fragte, ob er nach Hause

fahren solle. Ich taumelte aus mir heraus, hob die Blicke über die Allee

hin: mit Betroffenheit merkte ich, wie lange ich geträumt, wie weit die

Trunkenheit über die Stunden sich ausgegossen hatte. Es war dunkel

geworden, ein Weiches wogte in den Kronen der Bäume, die Kastanien

begannen ihren abendlichen Duft durch die Kühle zu atmen. Und hinter den

Wipfeln silberte schon ein verschleierter Blick von Mond. Es war genug,

es mußte genug sein. Aber nur nicht jetzt nach Hause, nur nicht in meine

gewohnte Welt! Ich bezahlte den Kutscher. Als ich die Brieftasche zog

und die Banknoten zählend zwischen die Finger nahm, liefs wie ein leiser

elektrischer Schlag mir vom Gelenk in die Fingerspitzen: irgend etwas in

mir mußte noch wach sein also vom alten Menschen, der sich schämte. Noch

zuckte das absterbende Gentlemansgewissen, doch ganz heiter blätterte

schon wieder meine Hand im gestohlenen Gelde, und ich war freigebig aus

meiner Freude. Der Kutscher bedankte sich so überschwenglich, daß ich

lächeln mußte: wenn du wüßtest! Die Pferde zogen an, der Wagen fuhr

fort. Ich sah ihm nach, wie man vom Schiff noch einmal auf einen Strand

zurückblickt, an dem man glücklich gewesen.

Einen Augenblick stand ich so träumerisch und ratlos mitten in der

murmelnden, lachenden, musiküberwogten Menge: es mochte etwa sieben Uhr

sein, und unwillkürlich bog ich hinüber zum Sachergarten, wo ich sonst

immer nach der Praterfahrt in Gesellschaft zu speisen pflegte und in

dessen Nähe der Fiaker mich wohl bewußt abgesetzt hatte. Aber kaum daß

ich die Gitterklinke des vornehmen Gartenrestaurantes berührte, überfiel

mich eine Hemmung: nein, ich wollte noch nicht in meine Welt zurück,

nicht mir in lässigem Gespräch diese wunderbare Gärung, die mich

geheimnisvoll erfüllte, wegschwemmen lassen, nicht mich loslösen von der

funkelnden Magie des Abenteuers, der ich mich seit Stunden verkettet

fühlte.

Von irgendwoher dröhnte dumpfe verworrene Musik, und unwillkürlich ging

ich ihr nach, denn alles lockte mich heute, ich empfand es als Wollust,

dem Zufall ganz nachzugeben, und dies dumpfe Hingetriebensein inmitten

einer weich wogenden Menschenmenge hatte einen phantastischen Reiz. Mein

Blut gärte auf in diesem dicken quirlenden Brei heißer menschlicher

Masse: aufgespannt war ich mit einemmal, angereizt und gesteigert wach

in allen Sinnen von diesem beizend qualmigen Duft von Menschenatem,

Staub, Schweiß und Tabak. Denn all dies, was mich vordem, ja selbst

gestern noch, als ordinär, gemein und plebejisch abgestoßen, was der

soignierte Gentleman in mir ein Leben lang hochmütig gemieden hatte, das

zog meinen neuen Instinkt magisch an, als empfände ich zum erstenmal im

Animalischen, im Triebhaften, im Gemeinen eine Verwandtschaft mit mir

selbst. Hier im Abhub der Stadt, zwischen Soldaten, Dienstmädchen,

Strolchen, fühlte ich mich in einer Weise wohl, die mir ganz

unverständlich war: ich sog die Beize dieser Luft irgendwie gierig ein,

das Schieben und Pressen in eine geknäulte Masse war mir angenehm, und

mit einer wollüstigen Neugier wartete ich, wohin diese Stunde mich

Willenlosen schwemmte. Immer näher gellten und schmetterten vom

Wurstelprater her die Tschinellen und die weiße Blechmusik, in einer

fanatisch monotonen Art stampften die Orchestrions harte Polkas und

rumpelnde Walzer, dazwischen knatterten dumpfe Schläge aus den Buden,

zischte Gelächter, grölten trunkene Schreie, und jetzt sah ich schon mit

irrsinnigen Lichtern die Karusselle meiner Kindheit zwischen den Bäumen

kreisen. Ich blieb mitten auf dem Platze stehen und ließ den ganzen

Tumult in mich einbranden, mir Augen und Ohren vollschwemmen: diese

Kaskaden von Lärm, das Infernalische dieses Durcheinander tat mir wohl,

denn in diesem Wirbel war etwas, das mir den innern Schwall betäubte.

Ich sah zu, wie mit geblähten Kleidern die Dienstmädchen sich auf den

Hutschen mit kollernden Lustschreien, die gleichsam aus ihrem Geschlecht

gellten, in den Himmel schleudern ließen, wie Metzgergesellen lachend

schwere Hämmer auf die Kraftmesser hinkrachten, Ausrufer mit heisern

Stimmen und affenhaften Gebärden über den Lärm der Orchestrions

schreiend hinwegruderten, und wie alles dies sich quirlend mengte mit

dem tausendgeräuschigen, unablässig bewegten Dasein der Menge, die

trunken war vom Fusel der Blechmusik, dem Flirren des Lichts und von der

eigenen warmen Lust ihres Beisammenseins. Seit ich selber wach geworden

war, spürte ich auf einmal das Leben der andern, ich spürte die Brunst

der Millionenstadt, wie sie sich heiß und aufgestaut in die paar Stunden

des Sonntags ergoß, wie sie sich aufreizte an der eigenen Fülle zu einem

dumpfen, tierischen, aber irgendwie gesunden und triebhaften Genuß. Und

allmählich spürte ich vom Angeriebensein, von der unausgesetzten

Berührung mit ihren heißen leidenschaftlich drängenden Körpern ihre

warme Brunst selbst in mich übergehen: meine Nerven strafften sich,

aufgebeizt von dem scharfen Geruch, aus mir heraus, meine Sinne spielten

taumelig mit dem Getöse und empfanden jene verwirrte Betäubung, die mit

jeder starken Wollust unweigerlich gemengt ist. Zum erstenmal seit

Jahren, vielleicht überhaupt in meinem Leben, spürte ich die Masse,

spürte ich Menschen als eine Macht, von der Lust in mein eigenes,

abgeschiedenes Wesen überging: irgendein Damm war zerrissen, und von

meinen Adern gings hinüber in diese Welt, strömte es rhythmisch zurück,

und eine ganz neue Gier überkam mich, noch jene letzte Kruste zwischen

mir und ihnen abzuschmelzen, ein leidenschaftliches Verlangen nach

Paarung mit dieser heißen, fremden, drängenden Menschheit. Mit der Lust

des Mannes sehnte ich mich in den quellenden Schoß dieses heißen

Riesenkörpers hinein, mit der Lust des Weibes war ich aufgetan jeder

Berührung, jedem Ruf, jeder Lockung, jeder Umfassung -- und nun wußte

ichs, Liebe war in mir und Bedürfnis nach Liebe wie nur in den

zwielichthaften Knabentagen. Oh, nur hinein, hinein ins Lebendige,

irgendwie verbunden sein mit dieser zuckenden, lachenden, aufatmenden

Leidenschaft der andern, nur einströmen, sich ergießen in ihren

Adergang; ganz klein, ganz namenlos werden im Getümmel, eine Infusorie

bloß sein im Schmutz der Welt, ein lustzitterndes, funkelndes Wesen im

Tümpel mit den Myriaden -- aber nur hinein in die Fülle, hinab in den

Kreisel, mich abschießen wie einen Pfeil von der eigenen Gespanntheit

ins Unbekannte, in irgendeinen Himmel der Gemeinsamkeit.

Ich weiß es jetzt: ich war damals trunken. In meinem Blute brauste alles

zusammen, das Hämmern der Glocken von den Karussells, das feine

Lustlachen der Frauen, das unter dem Zugriff der Männer aufsprühte, die

chaotische Musik, die flirrenden Kleider. Spitz fiel jeder einzelne Laut

in mich und flimmerte dann noch einmal rot und zuckend an den Schläfen

vorbei, ich spürte jede Berührung, jeden Blick mit einer phantastischen

Aufgereiztheit der Nerven (so wie bei der Seekrankheit), aber doch alles

gemeinsam in einem taumeligen Verbundensein. Ich kann meinen

komplizierten Zustand unmöglich mit Worten ausdrücken, am ehesten

gelingt es noch vielleicht mit einem Vergleiche: wenn ich sage, ich war

überfüllt mit Geräusch, Lärm, Gefühl, überheizt wie eine Maschine, die

mit allen Rädern rasend rennt, um dem ungeheuren Druck zu entlaufen, der

ihr im nächsten Augenblicke schon den Brustkessel sprengen muß. In den

Fingerspitzen zuckte, in den Schläfen pochte, in der Kehle preßte, an

den Schläfen würgte das angehitzte Blut -- von einer jahrelangen Lauheit

des Gefühls war ich mit einemmal in ein Fieber gestürzt, das mich

verbrannte. Ich fühlte, daß ich mich jetzt auftun müßte, aus mir heraus

mit einem Wort, mit einem Blick, mich mitteilen, mich ausströmen, mich

weggeben, mich hingeben, mich gemein machen, mich lösen, -- irgendwie

retten aus dieser harten Kruste von Schweigen, die mich absonderte von

dem warmen, flutenden, lebendigen Element. Seit Stunden hatte ich nicht

gesprochen, niemandes Hand gedrückt, niemandes Blick fragend und

teilnehmend gegen den meinen gespürt, und nun staute, unter dem Sturz

der Geschehnisse, sich diese Erregung gegen das Schweigen. Niemals,

niemals hatte ich so sehr das Bedürfnis nach Mitteilsamkeit, nach einem

Menschen gehabt, als jetzt, da ich inmitten von Tausenden und

Zehntausenden wogte, rings angespült war von Wärme und Worten, und doch

abgeschnürt von dem kreisenden Adergang dieser Fülle. Ich war wie einer,

der auf dem Meere verdurstet. Und dabei sah ich, diese Qual mit jedem

Blick mehrend, wie rechts und links in jeder Sekunde Fremdes sich

anstreifend band, die Quecksilberkügelchen gleichsam spielend

zusammenliefen. Ein Neid kam mich an, wenn ich sah, wie junge Burschen

im Vorübergehen fremde Mädchen ansprachen und sie nach dem ersten Wort

schon unterfaßten, wie alles sich fand und zusammentat: ein Gruß beim

Karussell, ein Blick im Anstreifen genügte schon, und Fremdes schmolz in

ein Gespräch, vielleicht um sich wieder zu lösen nach ein paar Minuten,

aber doch es war Bindung, Vereinigung, Mitteilung, war das, wonach alle

meine Nerven jetzt brannten. Ich aber, gewandt im gesellschaftlichen

Gespräch, beliebter Causeur und sicher in den Formen, ich verging vor

Angst, ich schämte mich, irgendeines dieser breithüftigen Dienstmädchen

anzureden, aus Furcht, sie möchte mich verlachen, ja ich schlug die

Augen nieder, wenn jemand mich zufällig anschaute, und verging doch

innen vor Begierde nach dem Wort. Was ich wollte von den Menschen, war

mir ja selbst nicht klar, ich ertrug es nur nicht länger, allein zu sein

und an meinem Fieber zu verbrennen. Aber alle sahen an mir vorbei, jeder

Blick strich mich weg, niemand wollte mich spüren. Einmal trat ein

Bursch in meine Nähe, zwölfjährig, mit zerlumpten Kleidern: sein Blick

war grell erhellt vom Widerschein der Lichter, so sehnsüchtig starrte er

auf die schwingenden Holzpferde. Sein schmaler Mund stand offen wie

lechzend: offenbar hatte er kein Geld mehr, um mitzufahren, und sog nur

Lust aus dem Schreien und Lachen der andern. Ich stieß mich gewaltsam

heran an ihn und fragte -- aber warum zitterte meine Stimme so dabei und

war ganz grell überschlagen? --: »Möchten Sie nicht auch einmal

mitfahren?« Er starrte auf, erschrak -- warum? warum? -- wurde blutrot

und lief fort, ohne ein Wort zu sagen. Nicht einmal ein barfüßiges Kind

wollte eine Freude von mir: es mußte, so fühlte ich, etwas furchtbar

Fremdes an mir sein, daß ich nirgends mich einmengen konnte, sondern

abgelöst in der dicken Masse schwamm wie ein Tropfen Öl auf dem bewegten

Wasser.

Aber ich ließ nicht nach: ich konnte nicht länger allein bleiben. Die

Füße brannten mir in den bestaubten Lackschuhen, die Kehle war verrostet

vom aufgewühlten Qualm. Ich sah mich um: rechts und links zwischen den

strömenden Menschengassen standen kleine Inseln von Grün,

Gastwirtschaften mit roten Tischtüchern und nackten Holzbänken, auf

denen die kleinen Bürger saßen mit ihrem Glas Bier und der sonntäglichen

Virginia. Der Anblick lockte mich: hier saßen Fremde beisammen,

verknüpften sich im Gespräch, hier war ein wenig Ruhe im wüsten Fieber.

Ich trat ein, musterte die Tische, bis ich einen fand, wo eine

Bürgerfamilie, ein dicker, vierschrötiger Handwerker mit seiner Frau,

zwei heitern Mädchen und einem kleinen Jungen saß. Sie wiegten die Köpfe

im Takt, scherzten einander zu, und ihre zufriedenen, leichtlebigen

Blicke taten mir wohl. Ich grüßte höflich, rührte an einen Sessel und

fragte, ob ich Platz nehmen dürfe. Sofort stockte ihr Lachen, einen

Augenblick schwiegen sie (als wartete jeder, daß der andere seine

Zustimmung gebe), dann sagte die Frau, gleichsam betroffen: »Bitte!

Bitte!« Ich setzte mich hin und hatte gleich das Gefühl, daß ich mit

meinem Hinsetzen ihre ungenierte Laune zerdrückte, denn sofort lag um

den Tisch herum ein ungemütliches Schweigen. Ohne daß ich es wagte, die

Augen von dem rotkarierten Tischtuch, auf dem Salz und Pfeffer schmierig

verstreut zu sehen war, zu heben, spürte ich, daß sie mich alle

befremdet beobachteten, und sofort fiel mir -- zu spät! -- ein, daß ich

zu elegant war für dieses Dienstbotengasthaus mit meinem Derbydreß, dem

Pariser Zylinder und der Perle in meiner taubengrauen Krawatte, daß

meine Eleganz, das Parfüm von Luxus auch hier sofort eine Luftschicht

von Feindlichkeit und Verwirrung um mich legte. Und dieses Schweigen der

fünf Leute drosselte mich immer tiefer nieder auf den Tisch, dessen rote

Karrees ich mit einer verbissenen Verzweiflung immer wieder abzählte,

festgenagelt durch die Scham, plötzlich wieder aufzustehn, und doch

wieder zu feige, den gepeinigten Blick aufzuheben. Es war eine Erlösung,

als endlich der Kellner kam und das schwere Bierglas vor mich

hinstellte. Da konnte ich endlich eine Hand regen und beim Trinken scheu

über den Rand schielen: wirklich, alle fünf beobachteten mich, zwar ohne

Haß, aber doch mit einer wortlosen Befremdung. Sie erkannten den

Eindringling in ihre dumpfe Welt, sie fühlten mit dem naiven Instinkt

ihrer Klasse, daß ich etwas hier wollte, hier suchte, was nicht zu

meiner Welt gehörte, daß nicht Liebe, nicht Neigung, nicht die

einfältige Freude am Walzer, am Bier, am geruhsamen Sonntagsitzen mich

hertrieb, sondern irgendein Gelüst, das sie nicht verstanden und dem sie

mißtrauten, so wie der Junge vor dem Karussell meinem Geschenk mißtraut

hatte, wie die tausend Namenlosen da draußen im Gewühl meiner Eleganz,

meiner Weltmännischkeit in unbewußter Feindlichkeit ausbogen. Und doch

fühlte ich: fände ich jetzt ein argloses, einfaches, herzliches, ein

wahrhaft menschliches Wort der Anrede zu ihnen, so würde der Vater oder

die Mutter mir antworten, die Töchter geschmeichelt zulächeln, ich

könnte mit dem Jungen hinüber in eine Bude schießen gehen und kindlichen

Spaß mit ihm treiben. In fünf, in zehn Minuten würde ich erlöst sein von

mir, eingehüllt in die arglose Atmosphäre bürgerlichen Gesprächs, gern

gewährter und sogar geschmeichelter Vertraulichkeit -- aber dies

einfache Wort, diesen ersten Ansatz im Gespräch, ich fand ihn nicht,

eine falsche, törichte, aber übermächtige Scham würgte mir die Kehle,

und ich saß mit gesenktem Blick wie ein Verbrecher an dem Tisch dieser

einfachen Menschen, gehüllt in die Qual, ihnen mit meiner verbissenen

Gegenwart noch die letzte Stunde des Sonntags verstört zu haben. Und in

diesem hingebohrten Hinsitzen büßte ich all die Jahre gleichgültigen

Hochmuts, an denen ich an abertausend solchen Tischen, an Millionen und

Millionen brüderlicher Menschen ohne Blick vorübergegangen war, einzig

beschäftigt mit Gunst oder Erfolg in jenem engen Kreise der Eleganz; und

ich spürte, daß mir der gerade Weg, die unbefangene Sprache zu ihnen,

jetzt, da ich ihrer in der Stunde meines Ausgestoßenseins bedurfte, von

innen vermauert war.

So saß ich, ein freier Mensch bisher, qualvoll in mich geduckt, immer

wieder die roten Karrees am Tischtuch abzählend, bis endlich der Kellner

vorbeikam. Ich rief ihn an, zahlte, stand von dem kaum angetrunkenen

Bierglase auf, grüßte höflich. Man dankte mir freundlich und erstaunt:

ich wußte, ohne mich umzuwenden, daß jetzt, kaum daß ich ihnen den

Rücken zeigte, das Lebendig-Heitere sie wieder überkommen, der warme

Kreis des Gesprächs sich schließen würde, sobald ich, der Fremdkörper,

ausgestoßen war.

Wieder warf ich mich, aber nun noch gieriger, heißer und verzweifelter,

in den Wirbel der Menschen zurück. Das Gedränge war inzwischen lockerer

geworden unter den Bäumen, die schwarz in den Himmel überfluteten, es

drängte und quirlte nicht mehr so dicht und strömend in den Lichtkreis

der Karussells, sondern schwirrte nur schattenhaft mehr am äußersten

Rand des Platzes. Auch der brausende, tiefe, gleichsam lustatmende Ton

der Menge zerstückte sich in viele kleine Geräusche, die immer gleich

hingeschmettert wurden, wenn jetzt die Musik irgendwo gewaltig und

rabiat einsetzte, als wollte sie die Fliehenden noch einmal heranreißen.

Eine andere Art Gesichter tauchte jetzt auf: die Kinder mit ihren

Ballons und Papierkoriandolis waren schon nach Hause gegangen, auch die

breithinrollenden sonntäglichen Familien hatten sich verzogen. Nun sah

man schon Betrunkene johlen, verlotterte Burschen mit lungerndem und

doch suchendem Gang sich aus den Seitenalleen vorschieben: es war in der

einen Stunde, in der ich festgenagelt vor dem fremden Tische gesessen,

diese seltsame Welt mehr ins Gemeine hinabgeglitten. Aber gerade jene

phosphoreszierende Atmosphäre von Frechheit und Gefährlichkeit gefiel

mir irgendwie besser als die bürgerlich-sonntägliche von vordem. Der in

mir aufgereizte Instinkt witterte hier ähnliche Gespanntheit der Begier;

in dem vortreibenden Schlendern dieser fragwürdigen Gestalten, dieser

Ausgestoßenen der Gesellschaft, empfand ich mich irgendwie gespiegelt:

auch sie wilderten doch mit einer unruhigen Erwartung hier nach einem

flackernden Abenteuer, einer raschen Erregung, und selbst sie, diese

zerlumpten Burschen, beneidete ich um die offene, freie Art ihres

Streifens; denn ich stand an die Säule eines Karussells atmend gepreßt,

ungeduldig, den Druck des Schweigens, die Qual meiner Einsamkeit aus mir

zu stoßen und doch unfähig einer Bewegung, eines Anrufs, eines Worts.

Ich stand nur und starrte hinaus auf den Platz, der vom Reflex der

kreisenden Lichter zuckend erhellt war, stand und starrte von meiner

Lichtinsel ins Dunkel hinein, töricht erwartungsvoll jeden Menschen

anblickend, der vom grellen Schein angezogen für einen Augenblick sich

herwandte. Aber jedes Auge glitt kalt an mir ab. Niemand wollte mich,

niemand erlöste mich.

Ich weiß, es wäre wahnwitzig, jemandem schildern oder gar erklären zu

wollen, daß ich, ein kultivierter eleganter Mann der Gesellschaft,

reich, unabhängig, mit den Besten einer Millionenstadt befreundet, eine

ganze Stunde in jener Nacht am Pfosten eines verstimmt quiekenden,

rastlos sich schwingenden Praterkarussells stand, zwanzig, vierzig,

hundertmal dieselbe stolpernde Polka, denselben schleifenden Walzer mit

denselben idiotischen Pferdeköpfen aus bemaltem Holz an mir

vorüberkreisen ließ und aus verbissenem Trotz, aus einem magischen

Gefühl, das Schicksal in meinen Willen zu zwingen, nicht mich von der

Stelle rührte. Ich weiß, daß ich sinnlos handelte in jener Stunde, aber

in dieser sinnlosen Beharrung war eine Spannung des Gefühls, eine so

stählerne Ankrampfung aller Muskeln, wie sie Menschen sonst vielleicht

nur bei einem Absturz fühlen, knapp vor dem Tod; mein ganzes, leer

vorbeigelaufenes Leben war plötzlich zurückgeflutet und staute sich bis

hinauf zur Kehle. Und so sehr ich gequält war von meinem sinnlosen Wahn,

zu bleiben, zu verharren, bis irgendein Wort, ein Blick eines Menschen

mich erlöse, so sehr genoß ich diese Qual. Ich büßte etwas in diesem

Stehen an dem Pfahl, nicht jenen Diebstahl so sehr, als das Dumpfe, das

Laue, das Leere meines früheren Lebens: und ich hatte mir geschworen,

nicht früher zu gehen, bis mir ein Zeichen gegeben war, das Schicksal

mich freigegeben.

Und je mehr jene Stunde fortschritt, um so mehr drängte die Nacht sich

heran. Eines nach dem andern losch in den Buden das Licht und immer

stürzte dann wie eine steigende Flut das Dunkel vor, schluckte den

lichten Fleck auf dem Rasen ein: immer einsamer war die helle Insel, auf

der ich stand, und schon sah ich zitternd auf die Uhr. Eine

Viertelstunde noch, dann würden die scheckigen Holzpferde stillestehn,

die roten und grünen Glühlampen auf ihren einfältigen Stirnen abknipsen,

das geblähte Orchestrion aufhören zu stampfen. Dann würde ich ganz im

Dunkel sein, ganz allein hier in der leise rauschenden Nacht, ganz

ausgestoßen, ganz verlassen. Immer unruhiger blickte ich über den

dämmernden Platz, über den nur ganz selten mehr ein heimkehrendes

Pärchen eilig strich oder ein paar Burschen betrunken hintaumelten: quer

drüben aber in den Schatten zitterte noch verstecktes Leben, unruhig und

aufreizend. Manchmal pfiff oder schnalzte es leise, wenn ein paar Männer

vorüberkamen. Und bogen sie dann, gelockt von dem Anruf, hin zum Dunkel,

so zischelten in den Schatten Frauenstimmen, und manchmal warf der Wind

abgerissene Fetzen grellen Lachens herüber. Und allmählich schob sichs

um den Rand des Dunkels frecher hervor, gegen den Lichtkegel des

erhellten Platzes, um sofort wieder in die Schwärze zurückzutauchen,

sobald im Vorübergehen die Pickelhaube eines Schutzmannes im Reflex der

Laterne schimmerte. Aber kaum daß er weiterging auf seiner Runde, waren

die gespenstigen Schatten wieder da, und jetzt konnte ich sie schon

deutlich im Umriß sehen, so nahe wagten sie sich ans Licht, der letzte

Abhub jener nächtigen Welt, der Schlamm, der zurückblieb, nun da sich

der flüssige Menschenstrom verlaufen: ein paar Dirnen, jene ärmsten und

ausgestoßensten, die keine eigene Bettstatt haben, tags auf einer

Matratze schlafen und nachts ruhlos streifen, die ihren abgebrauchten,

geschändeten, magern Körper jedem für ein kleines Silberstück hier

irgendwo im Dunkel auftaten, umspürt von der Polizei, getrieben von

Hunger oder irgendeinem Strolch, immer im Dunkel streifend, jagend und

gejagt zugleich. Wie hungrige Hunde schnupperten sie allmählich vor zu

dem erhellten Platz nach irgend etwas Männlichem, nach einem vergessenen

Nachzügler, dem sie seine Lust ablocken könnten für eine Krone oder

zwei, um sich dann einen Glühwein zu kaufen in einem Volkskaffee und den

trüb flackernden Stumpf Leben sich zu erhalten, der ja ohnehin bald

auslöscht in einem Spital oder einem Gefängnis. Der Abhub war dies, die

letzte Jauche von der hochgequollenen Sinnlichkeit der sonntäglichen

Masse -- mit einem grenzenlosen Grauen sah ich nun aus dem Dunkel diese

hungrigen Gestalten geistern. Aber auch in diesem Grauen war noch eine

magische Lust, denn selbst in diesem schmutzigsten Spiegel erkannte ich

Vergessenes und dumpf Gefühltes wieder: hier war eine tiefe, sumpfige

Welt, die ich vor Jahren längst durchschritten und die nun

phosphoreszierend mir wieder in die Sinne funkelte. Seltsam, was diese

phantastische Nacht mir plötzlich entgegenhielt, wie sie mich

Verschlossenen plötzlich auffaltete, daß das Dunkelste meiner

Vergangenheit, das Geheimste meines Triebes in mir nun offen lag!

Dumpfes Gefühl stieg auf verschütteter Knabenjahre, wo scheuer Blick

neugierig angezogen und doch feig verstört an solchen Gestalten

gehaftet, Erinnerung an die Stunde, wo man zum erstenmal auf knarrender,

feuchter Treppe einer hinaufgefolgt war in ihr Bett -- und plötzlich,

als ob Blitz einen Nachthimmel zerteilt hätte, sah ich scharf jede

Einzelheit jener vergessenen Stunde, den flachen Öldruck über dem Bett,

das Amulett, das sie auf dem Halse trug, ich spürte jede Fiber von

damals, die ungewisse Schwüle, den Ekel und den ersten Knabenstolz. All

das wogte mir mit einem Male durch den Körper. Eine Hellsichtigkeit ohne

Maß strömte plötzlich in mich ein, und -- wie soll ich das sagen können,

dies Unendliche! -- ich verstand mit einemmal alles, was mich mit so

brennendem Mitleid jenen verband, gerade weil sie der letzte Abschaum

des Lebens waren, und mein von dem Verbrechen einmal angereizter

Instinkt spürte von innen heraus dieses hungrige Lungern, das dem meinen

in dieser phantastischen Nacht so ähnlich war, dies verbrecherische

Offenstehn jeder Berührung, jeder fremden zufällig anstreifenden Lust.

Magnetisch zog es mich hin, die Brieftasche mit dem gestohlenen Geld

brannte plötzlich heiß über der Brust, wie ich da drüben endlich Wesen,

Menschen, Weiches, Atmendes, Sprechendes spürte, das von andern Wesen,

vielleicht auch von mir, etwas wollte, von mir, der nur wartete, sich

wegzugeben, der verbrannte in seiner rasenden Willigkeit nach Menschen.

Und mit einmal verstand ich, was Männer zu solchen Wesen treibt,

verstand, daß es selten nur Hitze des Blutes ist, ein schwellender

Kitzel ist, sondern meist bloß die Angst vor der Einsamkeit, vor der

entsetzlichen Fremdheit, die sonst zwischen uns sich auftürmt und die

mein entzündetes Gefühl heute zum erstenmal fühlte. Ich erinnerte mich,

wann ich zum letztenmal dies dumpf empfunden: in England war es gewesen,

in Manchester, einer jener stählernen Städte, die in einem lichtlosen

Himmel von Lärm brausen wie eine Untergrundbahn und die doch

gleichzeitig einen Frost von Einsamkeit haben, der durch die Poren bis

ins Blut dringt. Drei Wochen hatte ich dort bei Verwandten gelebt,

abends immer allein irrend durch Bars und Klubs und immer wieder in die

glitzernde Musikhall, nur um etwas menschliche Wärme zu spüren. Und da

eines Abends hatte ich so eine Person gefunden, deren Gassenenglisch ich

kaum verstand, aber plötzlich war man in einem Zimmer, trank Lachen von

einem fremden Mund, ein warmer Körper war da, irdisch nahe und weich.

Plötzlich schmolz sie weg, die kalte schwarze Stadt, der finstere

lärmende Raum von Einsamkeit, irgendein Wesen, das man nicht kannte, das

nur dastand und wartete auf jeden, der kam, löste einen auf, ließ allen

Trost wegtauen: man atmete wieder frei, spürte Leben in leichter

Helligkeit inmitten des stählernen Kerkers. Wie wunderbar war das für

die Einsamen, die Abgesperrten in sich selbst, dies zu wissen, dies zu

ahnen, daß ihrer Angst immer doch irgendein Halt ist, sich

festzuklammern an ihn, mag er auch überschmutzt sein von vielen Griffen,

starrend von Alter, zerfressen von giftigem Rost. Und dies, gerade dies

hatte ich vergessen in der Stunde der untersten Einsamkeit, aus der ich

taumelnd aufstieg in dieser Nacht, daß irgendwo an einer letzten Ecke

immer diese Letzten noch warten, jede Hingabe in sich aufzufangen, jede

Verlassenheit an ihrem Atem ausruhen zu lassen, jede Hitze zu kühlen für

ein kleines Stück Geld, das immer zu gering ist für das Ungeheure, das

sie geben mit ihrem ewigen Bereitsein, mit dem großen Geschenk ihrer

menschlichen Gegenwart.

Neben mir setzte dröhnend das Orchestrion des Karussells wieder ein. Es

war die letzte Runde, die letzte Fanfare des kreisenden Lichts in das

Dunkel hinaus, ehe der Sonntag in die dumpfe Woche verging. Aber niemand

kam mehr, leer rannten die Pferde in ihrem irrsinnigen Kreis, schon

scharrte und zählte an der Kasse die übermüdete Frau die Lösung des

Tages zusammen, und der Laufbursche kam mit den Haken, bereit, nach

dieser letzten Runde knatternd die Rolläden über die Bude herabzulassen.

Nur ich, ich allein, stand noch immer da, an den Pfosten gelehnt, und

sah hinaus auf den leeren Platz, wo nur diese fledermausflatternden

Gestalten strichen, suchend wie ich, wartend wie ich, und doch den

undurchdringlichen Raum von Fremdheit zwischeneinander. Aber jetzt mußte

eine von ihnen mich bemerkt haben, denn sie schob sich langsam her, ganz

nah sah ich sie unter dem gesenkten Blick: ein kleines, verkrüppeltes,

rachitisches Wesen ohne Hut, mit einem geschmacklos aufgeputzten

Fähnchen von Kleid, unter dem abgetragene Ballschuhe vorlugten, das

Ganze wohl allmählich bei Hökerinnen oder einem Trödler zusammengekauft

und seitdem verscheuert, zerdrückt vom Regen oder irgendwo bei einem

schmutzigen Abenteuer im Gras. Sie schmeichelte sich heran, blieb neben

mir stehen, den Blick wie eine Angel spitz herwerfend und ein

einladendes Lächeln über den schlechten Zähnen. Mir blieb der Atem

stocken. Ich konnte mich nicht rühren, nicht sie ansehen und doch mich

nicht fortreißen: wie in einer Hypnose spürte ich, daß da ein Mensch um

mich begehrlich herumstrich, jemand um mich warb, daß ich endlich diese

gräßliche Einsamkeit, dies quälende Ausgestoßensein mit einem Wort,

einer Geste bloß wegschleudern könnte. Aber ich vermochte mich nicht zu

rühren, hölzern wie der Balken, an dem ich lehnte, und in einer Art

wollüstiger Ohnmacht empfand ich nur immer -- während die Melodie des

Karussells schon müde wegtaumelte -- die nahe Gegenwart, diesen Willen,

der um mich warb, und schloß die Augen für einen Augenblick, um ganz

dieses magnetische Angezogensein irgendeines Menschlichen aus dem Dunkel

der Welt mich überfluten zu fühlen.

Das Karussell hielt inne, die walzernde Melodie erstickte mit einem

letzten stöhnenden Laut. Ich schlug die Augen auf und sah gerade noch,

wie die Gestalt neben mir sich wegwandte. Offenbar war es ihr zu

langweilig, hier neben einem hölzern Dastehenden zu warten. Ich

erschrak. Mir wurde plötzlich ganz kalt. Warum hatte ich sie fortgehen

lassen, den einzigen Menschen dieser phantastischen Nacht, der mir

entgegengekommen, der mir aufgetan war? Hinter mir löschten die Lichter,

prasselnd knatterten die Rollbalken herab. Es war zu Ende.

Und plötzlich -- ach, wie mir selbst diesen heißen, diesen jäh

aufspringenden Gischt schildern? -- plötzlich -- es kam so jäh, so heiß,

so rot, als ob mir eine Ader in der Brust geplatzt wäre -- plötzlich

brach aus mir, dem stolzen, dem hochmütigen, ganz in kühler,

gesellschaftlicher Würde verschanzten Menschen wie ein stummes Gebet,

wie ein Krampf, wie ein Schrei, der kindische und mir doch so ungeheure

Wunsch, diese kleine, schmutzige, rachitische Hure möchte nur noch

einmal den Kopf wenden, damit ich zu ihr sprechen könnte. Denn ihr

nachzugehen war ich nicht zu stolz -- mein Stolz war zerstampft,

zertreten, weggeschwemmt von ganz neuen Gefühlen --, aber zu schwach, zu

ratlos. Und so stand ich da, zitternd und durchwühlt, hier allein an dem

Marterpfosten der Dunkelheit, wartend wie ich nie gewartet hatte seit

meinen Knabenjahren, wie ich nur einmal an einem abendlichen Fenster

gestanden, als eine fremde Frau langsam sich auszukleiden begann und

immer zögerte und verweilte in ihrer ahnungslosen Entblößung -- ich

stand, zu Gott aufschreiend mit irgendeiner mir selbst unbekannten

Stimme um das Wunder, dieses krüppelige Ding, dieser letzte Abhub

Menschheit möge es noch einmal mit mir versuchen, noch einmal den Blick

rückwenden zu mir.

Und -- sie wandte sich. Einmal noch, ganz mechanisch blickte sie zurück.

Aber so stark mußte mein Aufzucken, das Vorspringen meines gespannten

Gefühls in dem Blick gewesen sein, daß sie beobachtend stehen blieb. Sie

wippte noch einmal halb herum, sah mich durch das Dunkel an, lächelte

und winkte mit dem Kopf einladend hinüber gegen die verschattete Seite

des Platzes. Und endlich fühlte ich den entsetzlichen Bann der Starre in

mir weichen. Ich konnte mich wieder regen und nickte ihr bejahend zu.

Der unsichtbare Pakt war geschlossen. Nun ging sie voraus über den

dämmerigen Platz, von Zeit zu Zeit sich umwendend, ob ich ihr nachkäme.

Und ich folgte: das Blei war von meinen Knien gefallen, ich konnte

wieder die Füße regen. Magnetisch stieß es mich nach, ich ging nicht

bewußt, sondern strömte gleichsam, von geheimnisvoller Macht gezogen,

hinter ihr her. Im Dunkel der Gasse zwischen den Buden verlangsamte sie

den Schritt. Nun stand ich neben ihr.

Sie sah mich einige Sekunden an, prüfend und mißtrauisch: etwas machte

sie unsicher. Offenbar war ihr mein seltsam scheues Dastehen, der

Kontrast des Ortes und meiner Eleganz, irgendwie verdächtig. Sie blickte

sich mehrmals um, zögerte. Dann sagte sie in die Verlängerung der Gasse

deutend, die schwarz wie eine Bergwerksschlucht war: »Gehn wir dort

hinüber. Hinter dem Zirkus ist es ganz dunkel.«

Ich konnte nicht antworten. Das entsetzlich Gemeine dieser Begegnung

betäubte mich. Am liebsten hätte ich mich irgendwie losgerissen, mit

einem Stück Geld, mit einer Ausrede freigekauft, aber mein Wille hatte

keine Macht mehr über mich. Wie auf einer Rodel war mir, wenn man an

einer Kurve schleudernd, mit rasender Geschwindigkeit einen steilen

Schneehang hinabsaust und das Gefühl der Todesangst sich irgendwie

wollüstig mit dem Rausch der Geschwindigkeit mengt und man, statt zu

bremsen, sich mit einer taumelnden und doch bewußten Schwäche willenlos

an den Sturz hingibt. Ich konnte nicht mehr zurück und wollte vielleicht

gar nicht mehr, und jetzt, wie sie vertraulich sich an mich drückte,

faßte ich unwillkürlich ihren Arm. Es war ein ganz magerer Arm, nicht

der Arm einer Frau, sondern wie der eines zurückgebliebenen skrofulösen

Kindes, und kaum daß ich ihn durch das dünne Mäntelchen fühlte, überkam

mich mitten in dem gespannten Empfinden ein ganz weiches, flutendes

Mitleid mit diesem erbärmlichen, zertretenen Stück Leben, das diese

Nacht gegen mich gespült. Und unwillkürlich liebkosten meine Finger

diese schwachen, kränklichen Gelenke so rein, so ehrfürchtig, wie ich

noch nie eine Frau berührt.

Wir überquerten eine matt erleuchtete Straße und traten in ein kleines

Gehölz, wo wuchtige Baumkronen ein dumpfes, übelriechendes Dunkel fest

zusammenhielten. In diesem Augenblick merkte ich, obwohl man kaum mehr

einen Umriß bemerken konnte, daß sie ganz vorsichtig an meinem Arm sich

umwandte und einige Schritte später noch ein zweitesmal. Und seltsam:

während ich gleichsam in einer Betäubung in das schmutzige Abenteuer

hinabglitt, waren doch meine Sinne furchtbar wach und funkelnd. Mit

einer Hellsichtigkeit, der nichts entging, die jede Regung wissend bis

in sich hineinriß, merkte ich, daß rückwärts am Saum des überquerten

Pfades schattenhaft uns etwas nachglitt, und mir war es, als hörte ich

einen schleichenden Schritt. Und plötzlich -- wie ein Blitz eine

Landschaft prasselnd weiß überspringt -- ahnte, wußte ich alles: daß ich

hier in eine Falle gelockt werden sollte, daß die Zuhälter dieser Hure

hinter uns lauerten und sie mich im Dunkel an eine verabredete Stelle

zog, wo ich ihre Beute werden sollte. Mit einer überirdischen Klarheit,

wie sie nur die zusammengepreßten Sekunden zwischen Tod und Leben haben,

sah ich alles, überlegte ich jede Möglichkeit. Noch war es Zeit zu

entkommen, die Hauptstraße mußte nahe sein, denn ich hörte die

elektrische Tramway dort auf den Schienen rattern, ein Schrei, ein Pfiff

konnte Leute herbeirufen: in scharf umrissenen Bildern zuckten alle

Möglichkeiten der Flucht, der Rettung in mir auf.

Aber seltsam -- diese aufschreckende Erkenntnis kühlte nicht, sondern

hitzte nur. Ich kann mir heute in einem wachen Augenblick, im klaren

Licht eines herbstlichen Tages das Absurde meines Tuns selbst nicht ganz

erklären: ich wußte, wußte sofort mit jeder Fiber meines Wesens, daß ich

unnötig in eine Gefahr ging, aber wie ein feiner Wahnsinn rieselte mir

das Vorgefühl durch die Nerven. Ich wußte ein Widerliches, vielleicht

Tödliches voraus, ich zitterte vor Ekel, hier irgendwie in ein

Verbrechen, in ein gemeines, schmutziges Erleben gedrängt zu sein, aber

gerade für die nie gekannte, nie geahnte Lebenstrunkenheit, die mich

betäubend überströmte, war selbst der Tod noch eine finstere Neugier.

Etwas -- war es Scham, die Furcht zu zeigen, oder eine Schwäche? --

stieß mich vorwärts. Es reizte mich, in die letzte Kloake des Lebens

hinabzusteigen, in einem einzigen Tage meine ganze Vergangenheit zu

verspielen und zu verprassen, eine verwegene Wollust des Geistes mengte

sich der gemeinen dieses Abenteuers. Und obwohl ich mit allen meinen

Nerven die Gefahr witterte, sie mit meinen Sinnen, meinem Verstand

klarsichtig begriff, ging ich trotzdem weiter hinein in das Gehölz am

Arm dieser schmutzigen Praterdirne, die mich körperlich mehr abstieß als

lockte und von der ich wußte, daß sie mich nur für ihre Spießgesellen

herzog. Aber ich konnte nicht zurück. Die Schwerkraft des

Verbrecherischen, die sich nachmittags im Abenteuer auf dem Rennplatze

an mich gehangen, riß mich weiter und weiter hinab. Und ich spürte nur

mehr die Betäubung, den wirbeligen Taumel des Sturzes in neue Tiefen

hinab und vielleicht in die letzte: in den Tod.

Nach ein paar Schritten blieb sie stehen. Wieder flog ihr Blick unsicher

herum. Dann sah sie mich wartend an: »Na -- und was schenkst du mir?«

Ach so. Das hatte ich vergessen. Aber die Frage ernüchterte mich nicht.

Im Gegenteil. Ich war ja so froh, schenken, geben, mich verschwenden zu

dürfen. Hastig griff ich in die Tasche, schüttete alles Silber und ein

paar zerknüllte Banknoten ihr in die aufgetane Hand. Und nun geschah

etwas so Wunderbares, daß mir heute noch das Blut warm wird, wenn ich

daran denke: entweder war diese arme Person überrascht von der Höhe der

Summe -- sie war sonst nur kleine Münze gewohnt für ihren schmutzigen

Dienst --, oder in der Art meines Gebens, des freudigen, raschen, fast

beglückten Gebens mußte etwas ihr Ungewohntes, etwas Neues sein, denn

sie trat zurück, und durch das dicke, übelriechende Dunkel spürte ich,

wie ihr Blick mit einem großen Erstaunen mich suchte. Und ich empfand

endlich das lang Entbehrte dieses Abends: jemand fragte nach mir, jemand

suchte mich, zum erstenmal _lebte_ ich für irgend jemanden dieser Welt.

Und daß gerade diese Ausgestoßenste, dieses Wesen, das ihren armen

verbrauchten Körper durch die Dunkelheit wie eine Ware trug und die,

ohne den Käufer auch nur anzusehen, sich an mich gedrängt, nun die Augen

aufschlug zu den meinen, daß sie nach dem Menschen in mir fragte, das

steigerte nur meine merkwürdige Trunkenheit, die hellsichtig war und

taumelnd zugleich, wissend und aufgelöst in eine magische Dumpfheit. Und

schon drängte dieses fremde Wesen sich näher an mich, aber nicht in

geschäftsmäßiger Erfüllung bezahlter Pflicht, sondern ich meinte, irgend

etwas unbewußt Dankbares, einen weibhaften Willen zur Annäherung darin

zu spüren. Ich faßte leise ihren Arm an, den magern rachitischen

Kinderarm, empfand ihren kleinen verkrüppelten Körper und sah plötzlich

über all das hinaus ihr ganzes Leben: die geliehene schmierige

Bettstelle in einem Vorstadthof, wo sie von morgens bis mittags schlief

zwischen einem Gewürm fremder Kinder, ich sah ihren Zuhälter, der sie

würgte, die Trunkenen, die sich im Dunkel rülpsend über sie warfen, die

gewisse Abteilung im Krankenhaus, in die man sie brachte, den Hörsaal,

wo man ihren abgeschundenen Leib nackt und krank jungen frechen

Studenten als Lehrobjekt hinhielt, und dann das Ende irgendwo in einer

Heimatsgemeinde, in die man sie per Schub abgeladen und wo man sie

verrecken ließ wie ein Tier. Unendliches Mitleid mit ihr, mit allen

überkam mich, irgend etwas Warmes, das Zärtlichkeit war und doch keine

Sinnlichkeit. Immer wieder strich ich ihr über den kleinen magern Arm.

Und dann beugte ich mich nieder und küßte die Erstaunte.

In diesem Augenblick raschelte es hinter mir. Ein Ast knackte. Ich

sprang zurück. Und schon lachte eine breite, ordinäre Männerstimme. »Da

haben mirs. Ich hab mirs ja gleich gedacht.«

Noch ehe ich sie sah, wußte ich, wer sie waren. Nicht eine Sekunde hatte

ich inmitten all meiner dumpfen Betäubung daran vergessen, daß ich

umlauert war, ja meine geheimnisvolle wache Neugier hatte sie erwartet.

Eine Gestalt schob sich jetzt vor aus dem Gebüsch und hinter ihr eine

zweite: verwilderte Burschen, frech aufgepflanzt. Wieder kam das

ordinäre Lachen. »So eine Gemeinheit, da Schweinereien zu treiben.

Natürlich ein feiner Herr! Den werden wir aber jetzt Hopp nehmen.« Ich

stand reglos. Das Blut tickte mir an die Schläfen. Ich empfand keine

Angst. Ich wartete nur, was geschehen sollte. Jetzt war ich endlich in

der Tiefe, im letzten Abgrund des Gemeinen. Jetzt mußte der

Aufschlag kommen, das Zerschellen, das Ende, dem ich halbwissend

entgegengetrieben.

Das Mädel war von mir weggesprungen, aber doch nicht zu ihnen hinüber.

Sie stand irgendwie in der Mitte: anscheinend war ihr der vorbereitete

Überfall doch nicht ganz angenehm. Die Burschen wiederum waren

ärgerlich, daß ich mich nicht rührte. Sie sahen einander an, offenbar

erwarteten sie von mir einen Widerspruch, eine Bitte, irgendeine Angst.

»Aha, er sagt nix,« rief schließlich drohend der eine. Und der andere

trat auf mich zu und sagte befehlend: »Sie müssen mit aufs

Kommissariat.«

Ich antwortete noch immer nichts. Da legte mir der eine den Arm auf die

Schulter und stieß mich leicht vor. »Vorwärts,« sagte er.

Ich ging. Ich wehrte mich nicht, weil ich mich nicht wehren wollte: das

Unerhörte, das Gemeine, das Gefährliche der Situation betäubte mich.

Mein Gehirn blieb ganz wach; ich wußte, daß die Burschen die Polizei

mehr fürchten mußten als ich, daß ich mich loskaufen konnte mit ein paar

Kronen, -- aber ich wollte ganz die Tiefe des Gräßlichen auskosten, ich

genoß die grausige Erniedrigung der Situation in einer Art wissender

Ohnmacht. Ohne Hast, ganz mechanisch ging ich in die Richtung, in die

sie mich gestoßen hatten.

Aber gerade das, daß ich so wortlos, so geduldig dem Licht zuging,

schien die Burschen zu verwirren. Sie zischelten leise. Dann fingen sie

wieder an, absichtlich laut miteinander zu reden. »Laß ihn laufen,«

sagte der eine (ein pockennarbiger kleiner Kerl); aber der andere

erwiderte, scheinbar streng: »Nein, das geht nicht. Wenn das ein armer

Teufel tut wie wir, der nix zum Fressen hat, dann wird er eingelocht.

Aber so ein feiner Herr -- da muß a Straf sein.« Und ich hörte jedes

Wort und hörte darin ihre ungeschickte Bitte, ich möchte beginnen, mit

ihnen zu verhandeln; der Verbrecher in mir verstand den Verbrecher in

ihnen, verstand, daß sie mich quälen wollten mit Angst und ich sie

quälte mit meiner Nachgiebigkeit. Es war ein stummer Kampf zwischen uns

beiden, und -- o wie reich war diese Nacht! -- ich fühlte inmitten

tödlicher Gefahr, hier mitten im stinkenden Dickicht der Praterwiese,

zwischen Strolchen und einer Dirne, zum zweitenmal seit zwölf Stunden

den rasenden Zauber des Spiels, nun aber um den höchsten Einsatz, um

meine ganze bürgerliche Existenz, ja um mein Leben. Und ich gab mich

diesem ungeheuren Spiel, der funkelnden Magie des Zufalls mit der ganzen

gespannten, bis zum Zerreißen gespannten Kraft meiner zitternden Nerven

hin.

»Aha, dort ist schon der Wachmann,« sagte hinter mir die eine Stimme,

»da wird er sich nicht zu freuen haben, der feine Herr, eine Wochen wird

er schon sitzen.« Es sollte böse klingen und drohend, aber ich hörte die

stockende Unsicherheit. Ruhig ging ich dem Lichtschein zu, wo

tatsächlich die Pickelhaube eines Schutzmannes glänzte. Zwanzig Schritte

noch, dann mußte ich vor ihm stehen. Hinter mir hatten die Burschen

aufgehört zu reden; ich merkte, wie sie langsamer gingen; im nächsten

Augenblick mußten sie, ich wußte es, feig zurücktauchen in das Dunkel,

in ihre Welt, erbittert über den mißlungenen Streich, und ihren Zorn

vielleicht an der Armseligen auslassen. Das Spiel war zu Ende: wiederum,

zum zweitenmal, hatte ich heute gewonnen, wiederum einen andern fremden,

unbekannten Menschen um seine böse Lust geprellt. Schon flackerte von

drüben der bleiche Kreis der Laternen, und als ich mich jetzt umwandte,

sah ich zum erstenmal in die Gesichter der beiden Burschen: Erbitterung

war und eine geduckte Beschämung in ihren unsichern Augen. Sie blieben

stehen in einer gedrückten, enttäuschten Art, bereit, ins Dunkel

zurückzuspringen. Denn ihre Macht war vorüber: nun war _ich_ es, den sie

fürchteten.

In diesem Augenblick überkam mich plötzlich -- und es war, als ob die

innere Gärung alle Dauben in meiner Brust plötzlich sprengte und heiß

das Gefühl in mein Blut überliefe -- ein so unendliches, ein

_brüderliches_ Mitleid mit diesen beiden Menschen. Was hatten sie denn

begehrt von mir, sie, die armen hungernden, zerfetzten Burschen, von

mir, dem Übersatten, dem Parasiten: ein paar Kronen, ein paar elende

Kronen. Sie hätten mich würgen können dort im Dunkel, mich berauben,

mich töten, und hatten es nicht getan, hatten nur in einer ungeübten,

ungeschickten Art versucht, mich zu schrecken um dieser kleinen

Silbermünzen willen, die mir lose in der Tasche lagen. Wie konnte ich es

da wagen, ich, der Dieb aus Laune, aus Frechheit, der Verbrecher aus

Nervenlust, sie, diese armen Teufel, noch zu quälen? Und in mein

unendliches Mitleid strömte unendliche Scham, daß ich mit ihrer Angst,

mit ihrer Ungeduld um meiner Wollust willen noch gespielt. Ich raffte

mich zusammen: jetzt, gerade jetzt, da ich gesichert war, da schon das

Licht der nahen Straße mich schützte, jetzt mußte ich ihnen zuwillen

sein, die Enttäuschung auslöschen in diesen bittern, hungrigen Blicken.

Mit einer plötzlichen Wendung trat ich auf den einen zu. »Warum wollen

Sie mich anzeigen?« sagte ich und mühte mich, in meine Stimme einen

gepreßten Atem von Angst zu quälen. »Was haben Sie davon? Vielleicht

werde ich eingesperrt, vielleicht auch nicht. Aber Ihnen bringt es doch

keinen Nutzen. Warum wollen Sie mir mein Leben verderben?«

Die beiden starrten verlegen. Sie hatten alles erwartet jetzt, einen

Anschrei, eine Drohung, unter der sie wie knurrende Hunde sich

weggedrückt hätten, nur nicht diese Nachgiebigkeit. Endlich sagte der

eine, aber gar nicht drohend, sondern gleichsam entschuldigend:

»Gerechtigkeit muß sein. Wir tun nur unsere Pflicht.«

Es war offenbar eingelernt für solche Fälle. Und doch klang es irgendwie

falsch. Keiner von beiden wagte mich anzusehen. Sie warteten. Und ich

wußte, worauf sie warteten. Daß ich betteln würde um Gnade. Und daß ich

ihnen Geld bieten würde.

Ich weiß noch alles aus jenen Sekunden. Ich weiß jeden Nerv, der sich in

mir regte, jeden Gedanken, der hinter der Schläfe zuckte. Und ich weiß,

was mein böses Gefühl damals zuerst wollte: sie warten lassen, sie noch

länger quälen, die Wollust des Wartenlassens auskosten. Aber ich zwang

mich rasch, ich bettelte, weil ich wußte, daß ich die Angst dieser

beiden endlich erlösen mußte. Ich begann eine Komödie der Furcht zu

spielen, bat sie um Mitleid, sie möchten schweigen, mich nicht

unglücklich machen. Ich merkte, wie sie verlegen wurden, diese armen

Dilettanten der Erpressung, und wie das Schweigen gleichsam weicher

zwischen uns stand.

Und da sagte ich endlich, endlich das Wort, nachdem sie so lange

lechzten. »Ich ... ich gebe Ihnen ... hundert Kronen.«

Alle drei fuhren auf und sahen sich an. So viel hatten sie nicht mehr

erwartet, jetzt, da doch alles für sie verloren war. Endlich faßte sich

der eine, der Pockennarbige mit dem unruhigen Blick. Zweimal setzte er

an. Es ging ihm nicht aus der Kehle. Dann sagte er -- und ich spürte,

wie er sich schämte dabei: »Zweihundert Kronen.«

»Aber hörts auf,« mengte sich jetzt plötzlich das Mädchen ein. »Ihr

könnts froh sein, wenn er euch überhaupt etwas gibt. Er hat ja gar nix

getan, kaum daß er mich angerührt hat. Das ist wirklich zu stark.«

Wirklich erbittert schrie sie's ihnen entgegen. Und mir klang das Herz.

Jemand hatte Mitleid mit mir, jemand sprach für mich, aus dem Gemeinen

stieg Güte, irgendein dunkles Begehren nach Gerechtigkeit aus einer

Erpressung. Wie das wohl tat, wie das Antwort gab auf den Aufschwall in

mir! Nein, nur jetzt nicht länger spielen mit den Menschen, nicht sie

quälen in ihrer Angst, in ihrer Scham: genug! genug!

»Gut, also zweihundert Kronen.«

Sie schwiegen alle drei. Ich nahm die Brieftasche heraus. Ganz langsam,

ganz offen bog ich sie auf in der Hand. Mit einem Griff hätten sie mir

sie wegreißen können und in das Dunkel hinein flüchten. Aber sie sahen

scheu weg. Es war zwischen ihnen und mir irgendein geheimes

Gebundensein, nicht mehr Kampf und Spiel, sondern ein Zustand des

Rechts, des Vertrauens, eine menschliche Beziehung. Ich blätterte die

beiden Noten aus dem gestohlenen Pack und reichte sie dem einen hin.

»Danke schön,« sagte er unwillkürlich und wandte sich schon weg.

Offenbar spürte er selbst das Lächerliche, zu danken für ein erpreßtes

Geld. Er schämte sich, und diese seine Scham -- oh, alles fühlte ich ja

in dieser Nacht, jede Geste schloß sich mir auf! -- bedrückte mich. Ich

wollte nicht, daß sich ein Mensch vor mir schäme, vor mir, der ich

seinesgleichen war, Dieb wie er, schwach, feige und willenlos wie er.

Seine Demütigung quälte mich, und ich wollte sie ihm wegnehmen. So

wehrte ich seinem Dank.

»Ich habe Ihnen zu danken,« sagte ich und wunderte mich selbst, wieviel

wahrhaftige Herzlichkeit aus meiner Stimme sprang. »Wenn Sie mich

angezeigt hätten, wäre ich verloren gewesen. Ich hätte mich erschießen

müssen, und Sie hätten nichts davon gehabt. Es ist besser so. Ich gehe

jetzt da rechts hinüber und Sie vielleicht dort auf die andere Seite.

Gute Nacht.«

Sie schwiegen wieder einen Augenblick. Dann sagte der eine »Gute Nacht,«

dann der andere, zuletzt die Hure, die ganz im Dunkel geblieben. Ganz

warm klang es, ganz herzlich wie ein wirklicher Wunsch. An ihren Stimmen

fühlte ich, sie hatten mich irgendwo tief im Dunkel ihres Wesens lieb,

sie würden diese sonderbare Sekunde nie vergessen. Im Zuchthaus oder im

Spital würde sie ihnen vielleicht wieder einmal einfallen: etwas von mir

lebte fort in ihnen, ich hatte ihnen etwas gegeben. Und dieses Gebens

Lust erfüllte mich wie noch nie ein Gefühl.

Ich ging allein durch die Nacht dem Ausgang des Praters zu. Alles

Gepreßte war von mir gefallen, ich fühlte, wie ich ausströmte in nie

gekannter Fülle, ich, der Verschollene, in die ganze unendliche Welt

hinein. Alles empfand ich, als lebte es nur für mich allein und mich

wieder mit allem strömend verbunden. Schwarz umstanden mich die Bäume,

sie rauschten mir zu, und ich liebte sie. Sterne glänzten von oben

nieder, und ich atmete ihren weißen Gruß. Stimmen kamen singend von

irgendwoher, und mir war, sie sängen für mich. Alles gehörte mir mit

einem Male, seit ich die Rinde um meine Brust zerstoßen, und Freude des

Hingebens, des Verschwendens schwellte mich allem zu. O wie leicht ist

es, fühlte ich, Freude zu machen und selbst froh zu werden aus der

Freude: man braucht sich nur aufzutun, und schon fließt von Mensch zu

Menschen der lebendige Strom, stürzt vom Hohen zum Niedern, schäumt von

der Tiefe wieder ins Unendliche empor.

Am Ausgang des Praters neben einem Wagenstandplatz sah ich eine Hökerin,

müde, gebückt über ihren kleinen Kram. Bäckereien hatte sie,

überschimmelt von Staub, und ein paar Früchte, seit Morgen saß sie wohl

so da, gebückt über die paar Heller, und die Müdigkeit knickte sie ein.

Warum sollst du dich nicht auch freuen, dachte ich, wenn ich mich freue?

Ich nahm ein kleines Stück Zuckerbrot und legte ihr einen Schein hin.

Sie wollte eilfertig wechseln, aber schon ging ich weiter und sah nur,

wie sie erschrak vor Glück, wie die zerknitterte Gestalt sich plötzlich

straffte und nur der im Staunen erstarrte Mund mir tausend Wünsche

nachsprudelte. Das Brot zwischen den Fingern trat ich zu dem Pferde, das

müde an der Deichsel hing, aber nun wandte es sich her und schnaubte mir

freundlich zu. Auch in seinem dumpfen Blick war Dank, daß ich seine rosa

Nüster streichelte und ihm das Brot hinreichte. Und kaum daß ichs getan,

begehrte ich nach mehr: noch mehr Freude zu machen, noch mehr zu spüren,

wie man mit ein paar Silberstücken, mit ein paar farbigen Zetteln Angst

auslöschen, Sorge töten, Heiterkeit aufzünden konnte. Warum waren keine

Bettler da? Warum keine Kinder, die von den Ballons haben wollten, die

dort ein mürrischer, weißhaariger Hinkfuß in dicken Bündeln an vielen

Fäden nach Hause stelzte, enttäuscht über das schlechte Geschäft des

langen heißen Tages. Ich ging auf ihn zu. »Geben Sie mir die Ballons.«

»Zehn Heller das Stück,« sagte er mißtrauisch, denn was wollte dieser

elegante Müßiggänger jetzt mitternachts mit den farbigen Ballons? »Geben

Sie mir alle,« sagte ich und gab ihm einen Zehnkronenschein. Er torkelte

auf, sah mich wie geblendet an, dann gab er mir zitternd die Schnur, die

das ganze Bündel hielt. Straff fühlte ich es an dem Finger ziehn: sie

wollten weg, wollten frei sein, wollten hinauf in den Himmel hinein. So

geht, fliegt, wohin ihr begehrt, seid frei! Ich ließ die Schnüre los,

und wie viele bunte Monde stiegen sie plötzlich auf. Von allen Seiten

liefen die Leute her und lachten, aus dem Dunkel kamen die Verliebten,

die Kutscher knallten mit den Peitschen und zeigten sich gegenseitig

rufend mit den Fingern, wie jetzt die freien Kugeln über die Bäume hin

zu den Häusern und Dächern trieben. Alles sah sich fröhlich an und hatte

seinen Spaß mit meiner seligen Torheit.

Warum hatte ich das nie und nie gewußt, wie leicht es ist und wie gut,

Freude zu geben! Mit einem Male brannten die Banknoten wieder in der

Brieftasche, sie zuckten mir in den Fingern so wie vordem die Schnüre

der Ballons: auch sie wollten wegfliegen von mir ins Unbekannte hinein.

Und ich nahm sie, die gestohlenen des Lajos und die eigenen -- denn

nichts empfand ich mehr davon als Unterschied oder Schuld -- zwischen

die Finger, bereit, sie jedem hinzustreuen, der eine wollte. Ich ging

hinüber zu einem Straßenkehrer, der verdrossen die verlassene

Praterstraße fegte. Er meinte, ich wolle ihn nach irgendeiner Gasse

fragen und sah mürrisch auf: ich lachte ihn an und hielt ihm einen

Zwanzigkronenschein hin. Er starrte, ohne zu begreifen, dann nahm er ihn

endlich und wartete, was ich von ihm fordern würde. Ich aber lachte ihm

nur zu, sagte: »Kauf dir was Gutes dafür,« und ging weiter. Immer sah

ich nach allen Seiten, ob nicht jemand etwas von mir begehrte, und da

niemand kam, bot ich an: einer Hure, die mich ansprach, schenkte ich

einen Schein, zwei einem Laternenanzünder, einen warf ich in die offene

Luke einer Backstube im Untergeschoß, und ging so, ein Kielwasser von

Staunen, Dank, Freude hinter mir, weiter und weiter. Schließlich warf

ich sie einzeln und zerknüllt ins Leere auf die Straße, auf die Stufen

einer Kirche und freute mich an dem Gedanken, wie das Hutzelweibchen bei

der Morgenandacht die hundert Kronen finden und Gott segnen, ein armer

Student, ein Mädel, ein Arbeiter das Geld staunend und doch beglückt auf

ihrem Weg entdecken würden, sowie ich selbst staunend und beglückt in

dieser Nacht mich selber entdeckt.

Ich könnte nicht mehr sagen, wo und wie ich sie alle verstreute, die

Banknoten und schließlich auch mein Silbergeld. Es war irgendein Taumel

in mir, ein sich Ergießen wie in eine Frau, und als die letzten Blätter

weggeflattert waren, fühlte ich Leichtigkeit, als ob ich hätte fliegen

können, eine Freiheit, die ich nie gekannt. Die Straße, der Himmel, die

Häuser, alles flutete mir ineinander in einem ganz neuen Gefühl des

Besitzes, des Zusammengehörens: nie und auch in den heißesten Sekunden

meiner Existenz hatte ich so stark empfunden, daß alle diese Dinge

wirklich vorhanden waren, daß sie lebten und daß ich lebte und daß ihr

Leben und das meine ganz das gleiche waren, eben das große, das

gewaltige, das nie genug beglückt gefühlte Leben, das nur die Liebe

begreift, nur der Hingegebene umfaßt.

Dann kam noch ein letzter dunkler Augenblick, und das war, als ich,

selig heimgewandert, den Schlüssel in meine Türe drückte und der Gang zu

meinen Zimmern schwarz sich auftat. Da stürzte plötzlich Angst über

mich, ich ginge jetzt in mein altes früheres Leben zurück, wenn ich die

Wohnung dessen betrete, der ich bis zu dieser Stunde gewesen, mich in

sein Bett legte, wenn ich die Verknüpfung mit all dem wieder aufnahm,

was diese Nacht so schön gelöst. Nein, nur nicht mehr dieser Mensch

werden, der ich war, nicht mehr der korrekte, fühllose, weltabgelöste

Gentleman von gestern und einst, lieber hinabstürzen in alle Tiefen des

Verbrechens und des Grauens, aber doch in die Wirklichkeit des Lebens!

Ich war müde, unsagbar müde, und doch fürchtete ich mich, der Schlaf

möchte über mir zusammenschlagen und all das Heiße, das Glühende, das

Lebendige, das diese Nacht in mir entzündet, wieder wegschwemmen mit

seinem schwarzen Schlamm, und dies ganze Erlebnis möge so flüchtig und

unverhaftet gewesen sein wie ein phantastischer Traum.

Aber ich ward heiter wach in einen neuen Morgen am nächsten Tage, und

nichts war verronnen von dem dankbar strömenden Gefühl. Seitdem sind nun

vier Monate vergangen, und die Starre von einst ist nicht wiedergekehrt,

ich blühe noch immer warm in den Tag hinein. Jene magische Trunkenheit

von damals, da ich plötzlich den Boden meiner Welt unter den Füßen

verlor, ins Unbekannte stürzte und bei diesem Sturz in den eigenen

Abgrund den Taumel der Geschwindigkeit gleichzeitig mit der Tiefe des

ganzen Lebens berauscht gemengt empfand, -- diese fliegende Hitze, sie

freilich ist dahin, aber ich spüre seit jener Stunde mein eigenes warmes

Blut mit jedem Atemzuge und spüre es mit täglich erneuter Wollust des

Lebens. Ich weiß, daß ich ein anderer Mensch geworden bin mit anderen

Sinnen, anderer Reizbarkeit und stärkerer Bewußtheit. Selbstverständlich

wage ich nicht zu behaupten, ich sei ein besserer Mensch geworden: ich

weiß nur, daß ich ein glücklicherer bin, weil ich irgendeinen Sinn für

mein ganz ausgekühltes Leben gefunden habe, einen Sinn, für den ich kein

Wort finde als eben das Wort Leben selbst. Seitdem verbiete ich mir

nichts mehr, weil ich die Normen und Formen meiner Gesellschaft als

wesenlos empfinde, ich schäme mich weder vor andern noch vor mir selbst.

Worte wie Ehre, Verbrechen, Laster haben plötzlich einen kalten,

blechernen Klangton bekommen, ich vermag sie ohne Grauen gar nicht

auszusprechen. Ich lebe, indem ich mich leben lasse von der Macht, die

ich damals zum erstenmal so magisch gespürt. Wohin sie mich treibt,

frage ich nicht: vielleicht einem neuen Abgrund entgegen, in das hinein,

was die andern Laster nennen, oder einem ganz Erhabenen zu. Ich weiß es

nicht und will es nicht wissen. _Denn ich glaube, daß nur der wahrhaft

lebt, der sein Schicksal als ein Geheimnis lebt._

Nie aber habe ich -- dessen bin ich gewiß -- das Leben inbrünstiger

geliebt, und ich weiß jetzt, daß jeder ein Verbrechen tut (das einzige,

das es gibt!), der gleichgültig ist gegen irgendeine seiner Formen und

Gestalten. Seitdem ich mich selbst zu verstehen begann, verstehe ich

unendlich viel anderes auch: der Blick eines gierigen Menschen vor einer

Auslage kann mich erschüttern, die Kapriole eines Hundes mich

begeistern. Ich achte mit einemmal auf alles, nichts ist mir

gleichgültig. Ich lese in der Zeitung (die ich sonst nur auf

Vergnügungen und Auktionen durchblätterte) täglich hundert Dinge, die

mich erregen, Bücher, die mich langweilten, tun sich mir plötzlich auf.

Und das merkwürdigste ist: ich kann auf einmal mit Menschen auch

außerhalb dessen, was man Konversation nennt, sprechen. Mein Diener, den

ich seit sieben Jahren habe, interessiert mich, ich unterhalte mich oft

mit ihm, der Hausmeister, an dem ich sonst wie an einem beweglichen

Pfeiler achtlos vorüberging, hat mir jüngst vom Tod seines Töchterchens

erzählt, und es hat mich mehr ergriffen als die Tragödien Shakespeares.

Und diese Verwandlung scheint -- obzwar ich, um mich nicht zu verraten,

mein Leben innerhalb der Kreise gesitteter Langweile äußerlich fortsetze

-- allmählich transparent zu werden. Manche Menschen sind mit einemmal

herzlich mit mir, zum drittenmal in dieser Woche liefen mir fremde Hunde

auf der Straße zu. Und Freunde sagen mir wie zu einem, der eine

Krankheit überstanden hat, mit einer gewissen Freudigkeit, sie fänden

mich verjüngt.

Verjüngt? Ich allein weiß ja, daß ich erst jetzt wirklich zu leben

beginne. Nun ist dies wohl ein allgemeiner Wahn, daß jeder vermeint,

alles Vergangene sei immer nur Irrtum und Vorbereitung gewesen, und ich

verstehe wohl die eigene Anmaßung, eine kalte Feder in die warme

lebendige Hand zu nehmen und auf einem trockenen Papier sich

hinzuschreiben, man lebe wirklich. Aber sei es auch ein Wahn -- er ist

der erste, der mich beglückt, der erste, der mir das Blut gewärmt und

mir die Sinne aufgetan. Und wenn ich mir das Wunder meiner Erweckung

hier aufzeichne, so tue ich es doch nur für mich allein, der all dies

tiefer weiß, als die eigenen Worte es ihm zu sagen vermögen. Gesprochen

habe ich zu keinem Freunde davon; sie ahnten nie, wie abgestorben ich

schon gewesen, sie werden nie ahnen, wie blühend ich nun bin. Und sollte

mitten in dies mein lebendiges Leben der Tod fahren und diese Zeilen je

in eines andern Hände fallen, so schreckt und quält mich diese

Möglichkeit durchaus nicht. Denn wem die Magie einer solchen Stunde nie

bewußt geworden, wird ebensowenig verstehen, als ich es selbst vor einem

halben Jahre hätte verstehen können, daß ein paar dermaßen flüchtige und

scheinbar kaum verbundene Episoden eines einzigen Abends ein schon

verloschenes Schicksal so magisch entzünden konnten. Vor ihm schäme ich

mich nicht, denn er versteht mich nicht. Wer aber um das Verbundene

weiß, der richtet nicht und hat keinen Stolz. Vor ihm schäme ich mich

nicht, denn er versteht mich. Wer einmal sich selbst gefunden, kann

nichts auf dieser Welt mehr verlieren. Und wer einmal den Menschen in

sich begriffen, der begreift alle Menschen.

Amok: Novellen einer Leidenschaft · 第 10 / 16 题