Und schon krachte hinter ihr die Türe zu.«

* * * * *

Wieder ein Zögern. Wieder ein Schweigen ... Wieder nur dies Rauschen,

als ob das Mondlicht strömte. Und dann endlich wieder die Stimme.

»Die Tür schlug zu ... aber ich stand unbeweglich an der Stelle ... ich

war gleichsam hypnotisiert von dem Befehl ... ich hörte sie die Treppe

hinabsteigen, die Haustür zumachen ... ich hörte alles, und mein ganzer

Wille drängte ihr nach ... sie ... ich weiß nicht was ... sie

zurückzurufen, oder zu schlagen oder zu erdrosseln ... aber ihr nach ...

ihr nach ... Und doch konnte ich nicht. Meine Glieder waren gleichsam

gelähmt wie von einem elektrischen Schlag ... ich war eben getroffen,

getroffen bis ins Mark hinein von dem herrischen Blitz dieses Blickes

... Ich weiß, das ist nicht zu erklären, nicht zu erzählen ... es mag

lächerlich klingen, aber ich stand und stand ... ich brauchte Minuten,

vielleicht fünf, vielleicht zehn Minuten, ehe ich einen Fuß wegreißen

konnte von der Erde ...

Aber kaum daß ich einen Fuß gerührt, war ich schon heiß, war ich schon

rasch ... im Nu eilte ich die Treppe hinab ... Sie konnte ja nur die

Straße hinabgegangen sein zur Zivilstation ... ich stürze in den

Schuppen, das Rad zu holen, sehe, daß ich den Schlüssel vergessen habe,

reiße den Verschlag auf, daß der Bambus splittert und kracht ... und

schon schwinge ich mich auf das Rad und sause ihr nach ... ich muß sie

... ich muß sie erreichen, ehe sie zu ihrem Automobil gelangt ... ich

muß sie sprechen ...

Die Straße staubt an mir vorbei ... jetzt merke ich erst, wie lange ich

oben starr gestanden haben mußte ... da ... auf der Kurve im Wald knapp

vor der Station sehe ich sie, wie sie hastig mit steifem geradem Schritt

hineilt, begleitet von dem Boy ... Aber auch sie muß mich gesehen haben,

denn sie spricht jetzt mit dem Boy, der zurückbleibt, und geht allein

weiter ... Was will sie tun? Warum will sie allein sein? ... Will sie

mit mir sprechen, ohne daß er es hört? ... Blindwütig trete ich in die

Pedale hinein ... Da springt mir plötzlich quer von der Seite etwas über

den Weg ... der Boy ... ich kann gerade noch das Rad zur Seite reißen

und krache hin ...

Ich stehe fluchend auf ... unwillkürlich hebe ich die Faust, um dem

Tölpel eins hinzuknallen, aber er springt zur Seite ... Ich rüttle mein

Fahrrad hoch, um wieder aufzusteigen ... Aber da springt der Halunke

vor, faßt das Rad und sagt in seinem erbärmlichen Englisch: »_You remain

here._«

Sie haben nicht in den Tropen gelebt ... Sie wissen nicht, was das für

eine Frechheit ist, wenn ein solcher gelber Halunke einem weißen >Herrn<

das Rad faßt und ihm, dem >Herrn<, befiehlt, dazubleiben. Statt aller

Antwort schlage ich ihm die Faust ins Gesicht ... er taumelt, aber er

hält das Rad fest ... seine Augen, seine engen, feigen Augen sind weit

aufgerissen in sklavischer Angst ... aber er hält die Stange, hält sie

teuflisch fest ... »_You remain here_,« stammelt er noch einmal. Zum

Glück hatte ich keinen Revolver bei mir. Ich hätte ihn sonst

niedergeknallt. »Weg, Kanaille!« sage ich nur. Er starrt mich geduckt

an, läßt aber die Stange nicht los. Ich schlage ihm noch einmal auf den

Schädel, er läßt noch immer nicht. Da faßt mich die Wut ... ich sehe,

daß sie schon fort, vielleicht schon entkommen ist ... und versetzte ihm

einen regelrechten Boxerschlag unters Kinn, daß er hinwirbelt. Jetzt

habe ich wieder mein Rad ... aber wie ich aufspringe, stockt der Lauf

... bei dem gewaltsamen Zerren hat sich die Speiche verbogen ... Ich

versuche mit fiebernden Händen sie geradezudrehen ... Es geht nicht ...

so schmeiße ich das Rad quer auf den Weg neben den Halunken hin, der

blutend aufsteht und zur Seite weicht ... Und dann -- nein, Sie können

nicht fühlen, wie lächerlich das dort vor allen Menschen ist, wenn ein

Europäer ... nun, ich wußte nicht mehr, was ich tat ... ich hatte nur

den einen Gedanken: ihr nach, sie erreichen ... und so _lief_ ich, lief

wie ein Rasender die Landstraße entlang vorbei an den Hütten, wo das

gelbe Gesindel staunend sich vordrängte, einen weißen Mann, den Doktor,

_laufen_ zu sehen.

Schweißtriefend kam ich in der Station an ... Meine erste Frage: Wo ist

das Auto? ... Eben weggefahren ... Verwundert sehen mich die Leute an:

als Rasender muß ich ihnen erscheinen, wie ich da naß und schmierig

ankam, die Frage voranschreiend, ehe ich noch stand ... Unten an der

Straße sehe ich weiß den Qualm des Autos wirbeln ... es ist ihr gelungen

... gelungen wie alles ihrer harten, grausam harten Berechnung gelingen

muß.

Aber die Flucht hilft ihr nichts ... In den Tropen gibt es kein

Geheimnis unter den Europäern ... einer kennt den andern, alles wird zum

Ereignis ... Nicht umsonst ist ihr Chauffeur eine Stunde im Bungalow der

Regierung gestanden ... in einigen Minuten weiß ich alles ... Weiß, wer

sie ist ... daß sie unten in -- nun in der Regierungsstadt wohnt, acht

Eisenbahnstunden von hier ... daß sie -- nun sagen wir, die Frau eines

Großkaufmannes ist, rasend reich, vornehm, eine Engländerin ... ich

weiß, daß ihr Mann jetzt fünf Monate in Amerika war und nächster Tage

eintreffen soll, um sie mit nach Europa zu nehmen ...

Sie aber -- und wie Gift brennt sich mir der Gedanke in die Adern hinein

-- sie kann höchstens zwei oder drei Monate in andern Umständen sein

...«

* * * * *

»Bisher konnte ich Ihnen noch alles begreiflich machen ... vielleicht

nur deshalb, weil ich bis zu diesem Augenblicke mich noch selbst

verstand ... mir als Arzt immer die Diagnose meines Zustands selbst

stellte. Aber von da an begann es wie ein Fieber in mir ... ich verlor

die Kontrolle über mich ... das heißt, ich wußte genau, wie sinnlos

alles war, was ich tat; aber ich hatte keine Macht mehr über mich ...

ich verstand mich selbst nicht mehr ... ich lief nur in der Besessenheit

meines Ziels vorwärts ... Übrigens warten Sie ... vielleicht kann ich es

Ihnen doch begreiflich machen ... Wissen Sie, was Amok ist?«

»Amok? ... ich glaube mich zu erinnern ... Eine Art Trunkenheit bei den

Malaien ...«

»Es ist mehr als Trunkenheit ... es ist Tollheit, eine Art menschlicher

Hundswut ... ein Anfall mörderischer, sinnloser Monomanie, der sich mit

keiner andern alkoholischen Vergiftung vergleichen läßt ... ich habe

selbst während meines Aufenthaltes einige Fälle studiert -- für andere

ist man ja immer sehr klug und sehr sachlich -- ohne aber je das

furchtbare Geheimnis ihres Ursprungs freilegen zu können ... Irgendwie

hängt es mit dem Klima zusammen, mit dieser schwülen, geballten

Atmosphäre, die auf die Nerven wie ein Gewitter drückt, bis sie einmal

losspringen ... Also Amok ... ja, Amok, das ist so: Ein Malaie,

irgendein ganz einfacher, ganz gutmütiger Mensch, trinkt sein Gebräu in

sich hinein ... er sitzt da, stumpf, gleichgültig, matt ... so wie ich

in meinem Zimmer saß ... und plötzlich springt er auf, faßt den Dolch

und rennt auf die Straße ... rennt geradeaus, immer nur geradeaus ...

ohne zu wissen wohin ... Was ihm in den Weg tritt, Mensch oder Tier, das

stößt er nieder mit seinem Kris, und der Blutrausch macht ihn nur noch

hitziger ... Schaum tritt dem Laufenden vor die Lippen, er heult wie ein

Rasender ... aber er rennt, rennt, rennt, sieht nicht mehr nach rechts,

sieht nicht nach links, rennt nur mit seinem gellen Schrei, seinem

blutigen Kris in dieses entsetzliche Geradeaus ... Die Leute in den

Dörfern wissen, daß keine Macht einen Amokläufer aufhalten kann ... so

brüllen sie warnend voraus, wenn er kommt: »Amok! Amok!«, und alles

flüchtet ... er aber rennt, ohne zu hören, rennt, ohne zu sehen, stößt

nieder, was ihm begegnet ... bis man ihn totschießt wie einen tollen

Hund oder er selbst schäumend zusammenbricht ...

Einmal habe ich das gesehen, vom Fenster meines Bungalow aus ... es war

grauenhaft ... aber nur dadurch, daß ichs gesehen habe, begreife ich

mich selbst in jenen Tagen ... denn so, genau so, mit diesem furchtbaren

Blick geradeaus, ohne nach rechts oder links zu sehen, mit dieser

Besessenheit stürmte ich los ... dieser Frau nach ... Ich weiß nicht

mehr, wie ich alles tat, in so rasendem Lauf, in so unsinniger

Geschwindigkeit flog es vorbei ... Zehn Minuten, nein, fünf, nein zwei

... nachdem ich alles von dieser Frau wußte, ihren Namen, ihr Haus, ihr

Schicksal, jagte ich schon auf einem rasch geborgten Rad in mein Haus

zurück, warf einen Anzug in den Koffer, steckte Geld zu mir und fuhr zur

Station der Eisenbahn mit einem Wagen ... fuhr, ohne mich abzumelden

beim Distriktsbeamten ... ohne einen Vertreter zu ernennen, ließ das

Haus offen stehen und liegen wie es war ... Um mich standen Diener, die

Weiber staunten und fragten, ich antwortete nicht, wandte mich nicht um

... fuhr zur Eisenbahn und mit dem nächsten Zug hinab in die Stadt ...

Eine Stunde im ganzen, nachdem diese Frau in mein Zimmer getreten, hatte

ich meine Existenz hinter mich geworfen und rannte Amok ins Leere hinein

...

Geradeaus rannte ich, mit dem Kopf gegen die Wand ... um sechs Uhr

abends war ich angekommen ... um sechs Uhr zehn war ich in ihrem Haus

und ließ mich melden ... Es war ... Sie werden es verstehen ... das

Sinnloseste, das Stupideste, was ich tun konnte ... aber der Amokläufer

rennt ja mit leeren Augen, er sieht nicht, wohin er rennt ... Nach

einigen Minuten kam der Diener zurück ... höflich und kühl ... die

gnädige Frau sei nicht wohl und könne nicht empfangen ...

Ich taumelte die Türe hinaus ... Eine Stunde schlich ich noch um das

Haus herum, besessen von der wahnwitzigen Hoffnung, sie würde vielleicht

nach mir suchen ... dann nahm ich mir erst ein Zimmer im Strandhotel und

zwei Flaschen Whisky auf das Zimmer ... die und eine doppelte Dosis

Veronal halfen mir ... ich schlief endlich ein ... und dieser dumpfe,

schlammige Schlaf war die einzige Pause in diesem Rennen zwischen Leben

und Tod.«

* * * * *

Die Schiffsglocke klang. Zwei harte, volle Schläge, die noch im weichen

Teich der fast reglosen Luft zitternd weiterschwangen und dann verebbten

in das leise, unaufhörliche Rauschen, das unter dem Kiele und zwischen

der leidenschaftlichen Rede beharrlich mitlief. Der Mensch im Dunkeln

mir gegenüber mußte erschreckt aufgefahren sein, seine Rede stockte.

Wieder hörte ich die Hand hinab zur Flasche fingern, wieder das leise

Glucksen. Dann begann er, gleichsam beruhigt, mit einer festeren Stimme.

»Die Stunden von diesem Augenblick an kann ich Ihnen kaum erzählen. Ich

glaube heute, daß ich damals Fieber hatte, jedenfalls war ich in einer

Art Überreiztheit, die an Tollheit grenzte -- ein Amokläufer, wie ich

Ihnen sagte. Aber vergessen Sie nicht, es war Dienstag nachts, als ich

ankam, Samstag aber sollte -- dies hatte ich inzwischen erfahren -- ihr

Gatte mit dem P. & O.-Dampfer von Yokohama eintreffen, es blieben also

nur drei Tage, drei knappe Tage für den Entschluß und für die Hilfe.

Verstehen Sie das: ich wußte, daß ich ihr sofort helfen mußte, und

konnte doch kein Wort zu ihr sprechen. Und gerade dieses Bedürfnis, mein

lächerliches, mein tollwütiges Benehmen zu entschuldigen, das hetzte

mich weiter. Ich wußte um die Kostbarkeit jedes Augenblickes, ich wußte,

daß es für sie um Leben und Tod ginge, und hatte doch keine Möglichkeit,

mich nur mit einem Flüstern, mit einem Zeichen ihr zu nähern, denn

gerade das Stürmische, das Tölpische meines Nachrennens hatte sie

erschreckt. Es war ... ja, warten Sie ... es war, wie wenn einer einem

nachrennt, um ihn zu warnen vor einem Mörder, und der andere hält ihn

selbst für den Mörder, und so rennt er weiter in sein Verderben ... sie

sah nur den Amokläufer in mir, der sie verfolgte, um sie zu demütigen,

aber ich ... das war ja der entsetzliche Widersinn ... ich dachte gar

nicht mehr an das ... ich war ja schon ganz vernichtet, ich wollte ihr

nur helfen, ihr nur dienen ... einen Mord hätte ich getan, ein

Verbrechen, um ihr zu helfen ... Aber sie, sie verstand es nicht. Als

ich morgens aufwachte und gleich wieder hinlief zu ihrem Haus, stand der

Boy vor der Tür, derselbe Boy, den ich ins Gesicht geschlagen, und wie

er mich von ferne sah -- er mußte auf mich gewartet haben --, huschte er

hinein in die Tür. Vielleicht tat er es nur, um mich im geheimen

anzumelden ... vielleicht ... ah, diese Ungewißheit, wie peinigt sie

mich jetzt ... vielleicht war schon alles bereit, mich zu empfangen ...

aber da, wie ich ihn sah, mich erinnerte an meine Schmach, da war ich es

wieder, der nicht wagte, noch einmal den Besuch zu wiederholen ... Die

Knie zitterten mir. Knapp vor der Schwelle drehte ich mich um und ging

wieder fort ... ging fort, während sie vielleicht in ähnlicher Qual auf

mich wartete.

Ich wußte jetzt nicht mehr, was tun in der fremden Stadt, die an meinen

Fersen wie Feuer glühte ... Plötzlich fiel mir etwas ein, schon rief ich

einen Wagen und fuhr zum Vizeresidenten, zu demselben, dem ich damals in

meiner Station geholfen, und ließ mich melden ... Irgend etwas muß schon

in meinem äußern Wesen befremdend gewesen sein, denn er sah mich mit

einem gleichsam erschreckten Blick an, und seine Höflichkeit hatte etwas

Beunruhigtes ... vielleicht erkannte er schon den Amokläufer in mir ...

Ich sagte ihm kurz entschlossen, ich erbäte meine Versetzung in die

Stadt, ich könne auf meinem Posten nicht mehr länger existieren ... ich

müsse sofort übersiedeln ... Er sah mich ... ich kann Ihnen nicht sagen,

wie er mich ansah ... so wie eben ein Arzt einen Kranken ansieht ...

»Ein Nervenzusammenbruch, lieber Doktor,« sagte er dann, »ich verstehe

das nur zu gut. Nun, es wird sich schon richten lassen; aber warten Sie

... sagen wir vier Wochen ... ich muß erst einen Ersatz finden.« »Ich

kann nicht warten, nicht einen Tag,« antwortete ich. Wieder kam dieser

merkwürdige Blick. »Es muß gehen, Doktor,« sagte er ernst, »wir dürfen

die Station nicht ohne Arzt lassen. Aber ich verspreche Ihnen, daß ich

noch heute alles einleite.« Ich blieb stehen, mit verbissenen Zähnen:

zum erstenmal spürte ich deutlich, daß ich ein verkaufter Mensch, ein

Sklave sei. Schon ballte sich alles zu einem Trotz zusammen, aber er,

der Geschmeidige, kam mir zuvor: »Sie sind menschenentwöhnt, Doktor, und

das wird schließlich eine Krankheit. Wir haben uns alle gewundert, daß

Sie nie herkamen, nie Urlaub nahmen. Sie brauchen mehr Geselligkeit,

mehr Anregung. Kommen Sie doch wenigstens diesen Abend, wir haben heute

Empfang bei der Regierung, Sie finden die ganze Kolonie, und manche

mochten Sie längst kennen lernen, haben oft nach Ihnen gefragt und Sie

hierhergewünscht.«

Das letzte Wort riß mich auf. Nach mir gefragt? Sollte sie es gewesen

sein? Ich war plötzlich ein anderer: sofort dankte ich ihm höflichst für

seine Einladung und sicherte mein Kommen pünktlich zu. Und ich war auch

pünktlich, viel zu pünktlich. Muß ich Ihnen erst sagen, daß ich, von

meiner Ungeduld gejagt, der erste in dem großen Saale des

Regierungsgebäudes war, schweigend umgeben von den gelben Dienern, die

mit ihren nackten Sohlen wippend hin und her eilten und mich -- wie mir

in meinem verwirrten Bewußtsein dünkte -- hinterrücks belächelten. Eine

Viertelstunde war ich der einzige Europäer inmitten all der

geräuschlosen Vorbereitungen und so allein mit mir, daß ich das Ticken

der Uhr in meiner Westentasche hörte. Dann kamen endlich ein paar

Regierungsbeamte mit ihren Familien, schließlich auch der Gouverneur,

der mich in ein längeres Gespräch zog, in dem ich beflissen und, wie ich

glaube, geschickt antwortete, bis ... bis ich plötzlich, von einer

geheimnisvollen Nervosität befallen, alle Geschmeidigkeit verlor und zu

stammeln begann. Obzwar mit dem Rücken gegen die Saaltür gelehnt, spürte

ich mit einem Male, daß sie eingetreten, daß sie anwesend sein müßte:

ich könnte Ihnen nicht sagen, wieso mich diese plötzliche Gewißheit

verwirrend faßte, aber noch während ich mit dem Gouverneur sprach, den

Klang seiner Worte im Ohr, spürte ich im Rücken irgendwo ihre Gegenwart.

Glücklicherweise endete der Gouverneur bald das Gespräch -- ich glaube,

ich hätte mich sonst plötzlich brüsk umgewandt, so stark war dieses

geheimnisvolle Ziehen in meinen Nerven, so brennend gereizt meine

Begier. Und wirklich, kaum daß ich mich umwandte, sah ich sie schon ganz

genau an jener Stelle, wo sie unbewußt mein Gefühl geahnt. Sie stand in

einem gelben Ballkleid, das ihre schmalen, reinen Schultern wie mattes

Elfenbein vorleuchten ließ, plaudernd inmitten einer Gruppe. Sie

lächelte, aber doch, mir war, als hätte ihr Gesicht einen gespannten

Zug. Ich trat näher -- sie konnte mich nicht sehen oder wollte mich

nicht sehen -- und blickte in dieses Lächeln, das gefällig und höflich

um die schmalen Lippen zitterte. Und dieses Lächeln berauschte mich von

neuem, weil es ... nun weil ich wußte, daß es Lüge war, Kunst oder

Technik, Meisterschaft der Verstellung. Mittwoch ist heute, fuhr mir

durch den Kopf, Samstag kommt das Schiff mit dem Gatten ... wie kann sie

so lächeln, so ... so sicher, so sorglos lächeln und den Fächer lässig

in der Hand spielen lassen, statt ihn zu zerkrampfen in Angst? Ich ...

ich, der Fremde ... ich zitterte seit zwei Tagen vor jener Stunde ...

ich, der Fremde, lebte ihre Angst, ihr Entsetzen mit allen Exzessen des

Gefühls mit ... und sie ging auf den Ball und lächelte, lächelte,

lächelte ...

Rückwärts setzte die Musik ein. Der Tanz begann. Ein älterer Offizier

hatte sie aufgefordert, sie ließ mit einer Entschuldigung den

plaudernden Kreis und schritt an seinem Arm gegen den andern Saal zu, an

mir vorbei. Wie sie mich erblickte, spannte sich plötzlich ihr Gesicht

gewaltsam zusammen -- aber nur eine Sekunde lang, dann nickte sie mir

mit einem höflichen Erkennen (ehe ich mich noch zu grüßen oder

nichtgrüßen entschlossen hatte) wie einem zufälligen Bekannten zu:

»Guten Abend, Doktor« und war schon vorbei. Niemand hätte ahnen können,

was in diesem graugrünen Blick verborgen war, und ich, ich selbst wußte

es nicht. Warum grüßte sie ... warum erkannte sie mich nun mit einmal

an? ... War das Abwehr, war es Annäherung, war es nur die Verlegenheit

der Überraschung? Ich kann Ihnen nicht schildern, in welcher Erregtheit

ich zurückblieb, alles war aufgewühlt, war explosiv in mir

zusammengepreßt, und wie ich sie so sah, lässig walzend am Arme des

Offiziers, auf der Stirne den kühlen Glanz der Sorglosigkeit, indes ich

doch wußte, daß sie ... daß sie so wie ich nur _daran_ ... daran dachte

... daß wir zwei hier allein ein furchtbares Geheimnis gemeinsam hatten

... und sie walzte ... in diesen Sekunden wurde meine Angst, meine Gier

und meine Bewunderung noch mehr Leidenschaft als jemals. Ich weiß nicht,

ob mich jemand beobachtet hat, aber gewiß verriet ich mich in meinem

Verhalten noch viel mehr, als sie sich verbarg -- ich konnte eben nicht

in eine andere Richtung schauen, ich mußte ... ja, ich mußte sie

ansehen, ich sog, ja ich zerrte von ferne an ihrem verschlossenen

Gesicht, ob die Maske nicht für eine Sekunde fallen wollte. Und sie

mußte diesen starren Blick unangenehm empfunden haben. Als sie am Arme

ihres Tänzers zurückschritt, sah sie mich im Blitzlicht einer Sekunde

an, scharf befehlend, wie wegweisend: wieder spannte sich jene kleine

Falte des hochmütigen Zornes, die ich schon von damals kannte, böse über

ihrer Stirn.

Aber ... aber ... ich sagte es Ihnen ja ... ich lief Amok, ich sah nicht

nach rechts und nicht nach links. Ich verstand sie sofort -- dieser

Blick hieß: sei nicht auffällig! bezähme dich! -- ich wußte, daß sie ...

wie soll ich es sagen? ... daß sie Diskretion des Benehmens hier im

offenen Saal von mir wollte ... ich verstand, daß, wenn ich jetzt

heimginge, ich morgen gewiß sein könne, von ihr empfangen zu werden ...

daß sie es nur jetzt, nur jetzt vermeiden wollte, meiner auffälligen

Vertraulichkeit ausgesetzt zu sein, daß sie -- und wie sehr mit Recht --

von meinem Ungeschick eine Szene fürchtete ... Sie sehen ... ich wußte

alles, ich verstand diesen befehlenden grauen Blick, aber ... aber es

war zu stark in mir, ich mußte sie sprechen. Und so schwankte ich hin zu

der Gruppe, in der sie plaudernd stand, schob mich -- obwohl ich nur

einige der Anwesenden kannte -- ganz an den lockeren Kreis heran nur aus

Begier, sie sprechen zu hören, und doch immer scheu mich duckend wie ein

geprügelter Hund vor ihrem Blick, wenn er kalt an mir vorbeistreifte,

als sei ich eine der Leinenportieren, an der ich lehnte, oder die Luft,

die sie leicht bewegte. Aber ich stand, durstig nach einem Wort, das sie

zu mir sprechen sollte, nach einem Zeichen des Einverständnisses, stand

und stand starren Blickes inmitten des Geplauders wie ein Block.

Unbedingt mußte es schon auffällig geworden sein, unbedingt, denn keiner

richtete ein Wort an mich, und sie mußte leiden unter meiner

lächerlichen Gegenwart.

Wie lange ich so gestanden hätte, ich weiß es nicht ... eine Ewigkeit

vielleicht ... ich _konnte_ ja nicht fort aus dieser Bezauberung des

Willens. Gerade die Hartnäckigkeit meiner Wut lähmte mich ... Aber sie

ertrug es nicht länger ... plötzlich wandte sie sich mit der

prachtvollen Leichtigkeit ihres Wesens gegen die Herren und sagte: »Ich

bin ein wenig müde ... ich will heute einmal früher zu Bett gehen ...

Gute Nacht!« ... und schon streifte sie mit einem gesellschaftlich

fremden Kopfnicken an mir vorbei ... ich sah noch die hochgezogene Falte

auf der Stirn und dann nur mehr den Rücken, den weißen, kühlen, nackten

Rücken. Eine Sekunde lang dauerte es, bevor ich begriff, daß sie

fortging ... daß ich sie nicht mehr sehen, nicht mehr sprechen könnte

diesen Abend, diesen letzten Abend der Rettung ... einen Augenblick lang

also stand ich noch starr, bis ichs begriff ... dann ... dann ...

Aber warten Sie ... warten Sie ... Sie werden sonst das Sinnlose, das

Stupide meiner Tat nicht verstehen ... ich muß Ihnen erst den ganzen

Raum schildern ... Es war der große Saal des Regierungsgebäudes, ganz

von Lichtern erhellt und fast leer, der ungeheure Saal ... die Paare

waren zum Tanz gegangen, die Herren zum Spiel ... nur an den Ecken

plauderten einige Gruppen ... der Saal war also leer, jede Bewegung

auffällig und im grellen Licht sichtbar ... und diesen großen weiten

Saal schritt sie langsam und leicht mit ihren hohen Schultern durch, ab

und zu einen Gruß mit ihrer unbeschreiblichen Haltung erwidernd ... mit

dieser herrlichen erfrorenen hoheitlichen Ruhe, die mich an ihr so

entzückte ... Ich ... ich war zurückgeblieben, ich sagte es Ihnen ja,

ich war gleichsam gelähmt, bevor ich es begriff, daß sie fortging ...

und da, als ich es begriff, war sie schon am andern Ende des Saales

knapp vor der Türe ... Da ... oh, ich schäme mich jetzt noch, es zu

denken ... da packte es mich plötzlich an und ich _lief_, -- hören Sie:

ich lief ... ich ging nicht, ich _lief_ mit polternden Schuhen, die laut

widerhallten, quer durch den Saal ihr nach ... Ich hörte meine Schritte,

ich sah alle Blicke erstaunt auf mich gerichtet ... ich hätte vergehen

können vor Scham ... noch während ich lief, war mir schon der Wahnsinn

bewußt ... aber ich konnte ... ich konnte nicht mehr zurück ... Bei der

Tür holte ich sie ein ... Sie wandte sich um ... ihre Augen stießen wie

ein grauer Stahl in mich hinein, ihre Nasenflügel zitterten vor Zorn ...

ich wollte eben zu stammeln anfangen ... da ... da ... _lachte_ sie

plötzlich hellauf ... ein helles, unbesorgtes, herzliches Lachen, und

sagte laut ... so laut, daß es alle hören konnten ... »Ach, Doktor,

jetzt fällt Ihnen erst das Rezept für meinen Buben ein ... ja, die

Herren der Wissenschaft ...« Ein paar, die in der Nähe standen, lachten

gutmütig mit ... ich begriff, ich taumelte unter der Meisterschaft, mit

der sie die Situation gerettet hatte ... griff in die Brieftasche und

riß ein leeres Blatt vom Block, das sie lässig nahm, ehe sie ... noch

einmal mit einem kalten, dankenden Lächeln ... ging ... Mir war leicht

in der ersten Sekunde ... ich sah, daß mein Irrsinn durch ihre

Meisterschaft gutgemacht, die Situation gewonnen ... aber ich wußte auch

sofort, daß alles für mich verloren sei, daß diese Frau mich um meiner

hitzigen Narrheit haßte ... haßte mehr als den Tod ... daß ich nun

hundertmal und hundertmal vor ihre Tür kommen könnte und sie mich

wegweisen würde wie einen Hund.

Ich taumelte durch den Saal ... ich merkte, daß die Leute auf mich

blickten ... ich muß irgendwie sonderbar ausgesehen haben ... Ich ging

zum Büfett, trank zwei, drei, vier Gläser Kognak hintereinander ... das

rettete mich vor dem Umsinken ... meine Nerven konnten schon nicht mehr,

sie waren wie durchgerissen ... Dann schlich ich bei einer Nebentür

hinaus, heimlich wie ein Verbrecher ... Um kein Fürstentum der Welt

hätte ich jenen Saal nochmals durchschreiten können, wo ihr Lachen noch

gell an allen Wänden klebte ... ich ging ... genau weiß ichs nicht mehr

zu sagen, wohin ich ging ... in ein paar Kneipen und soff mich an ...

soff mich an wie einer, der sich alles Wache wegsaufen will ... aber ...

es ward mir nicht dumpf in den Sinnen ... das Lachen stak in mir,

schrill und böse ... das Lachen, dieses verfluchte Lachen konnte ich

nicht betäuben ... Ich irrte dann noch am Hafen herum ... meinen

Revolver hatte ich zu Hause gelassen, sonst hätte ich mich erschossen.

Ich dachte an nichts anderes, und mit diesem Gedanken ging ich auch heim

... nur mit diesem Gedanken an das Schubfach links im Kasten, wo mein

Revolver lag ... nur mit diesem einen Gedanken.

Daß ich mich dann nicht erschoß ... ich schwöre Ihnen, das war nicht

Feigheit ... es wäre für mich eine Erlösung gewesen, den schon

gespannten kalten Hahn abzudrücken ... aber wie soll ich es Ihnen

erklären ... ich fühlte noch eine Pflicht in mir ... ja, jene Pflicht zu

helfen, jene verfluchte Pflicht ... mich machte der Gedanke wahnsinnig,

daß sie mich noch brauchen könnte, daß sie mich brauchte ... es war ja

schon Donnerstag morgens, als ich heimkam, und Samstag ... ich sagte es

Ihnen ja ... Samstag kam das Schiff, und daß _diese_ Frau, diese

hochmütige, stolze Frau die Schande vor ihrem Gatten, vor der Welt nicht

überleben würde, das wußte ich ... Ah, wie mich solche Gedanken

gemartert haben an die sinnlos vertane kostbare Zeit, an meine

irrwitzige Übereilung, die jede rechtzeitige Hilfe vereitelt hatte ...

stundenlang, ja stundenlang, ich schwöre es Ihnen, bin ich im Zimmer

niedergegangen, auf und ab, und habe mir das Hirn zermartert, wie ich

mich ihr nähern, wie ich alles gutmachen, wie ich ihr helfen könnte ...

denn daß sie mich nicht mehr vorlassen würde in ihrem Haus, das war mir

gewiß ... ich hatte das Lachen noch in allen Nerven und das Zucken des

Zornes um ihre Nasenflügel ... stundenlang, wirklich stundenlang bin ich

so die drei Meter des schmalen Zimmers auf und ab gerannt ... es war

schon Tag, es war schon Vormittag ...

Und plötzlich schmiß es mich hin zu dem Tisch ... ich riß ein Bündel

Briefblätter heraus und begann ihr zu schreiben ... alles zu schreiben

... einen hündisch winselnden Brief, in dem ich sie um Vergebung bat, in

dem ich mich einen Wahnsinnigen, einen Verbrecher nannte ... in dem ich

sie beschwor, sich mir anzuvertrauen ... Ich schwor in der nächsten

Stunde zu verschwinden, aus der Stadt, aus der Kolonie, wenn sie wollte:

aus der Welt ... nur verzeihen sollte sie mir und mir vertrauen, sich

helfen lassen in der letzten, der allerletzten Stunde ... Zwanzig Seiten

fieberte ich so hinunter ... es muß ein toller, ein unbeschreiblicher

Brief wie aus einem Delirium gewesen sein, denn als ich aufstand vom

Tisch, war ich in Schweiß gebadet ... das Zimmer schwankte, ich mußte

ein Glas Wasser trinken ... Dann erst versuchte ich den Brief noch

einmal zu überlesen, aber mir graute nach den ersten Worten ... zitternd

faltete ich ihn zusammen, faßte schon ein Kuvert ... Da plötzlich fuhrs

mich durch. Mit einem Male wußte ich das wahre, das entscheidende Wort.

Und ich riß noch einmal die Feder zwischen die Finger und schrieb auf

das letzte Blatt: »Ich warte hier im Strandhotel auf ein Wort der

Verzeihung. Wenn ich bis sieben Uhr keine Antwort habe, erschieße ich

mich.«

Dann nahm ich den Brief, schellte einem Boy und hieß ihn das Schreiben

sofort überbringen. Endlich war alles gesagt -- alles!«

* * * * *

Etwas klirrte und kollerte neben uns. Mit einer heftigen Bewegung hatte

er die Whiskyflasche umgestoßen: ich hörte, wie seine Hand ihr suchend

am Boden nachtastete und sie dann mit einem plötzlichen Schwung faßte:

in weitem Bogen warf er die geleerte Flasche über Bord. Einige Minuten

schwieg die Stimme, dann fieberte er wieder fort, noch erregter und

hastiger als zuvor.

»Ich bin kein gläubiger Christ mehr ... für mich gibt es keinen Himmel

und keine Hölle ... und wenn es eine gibt, so fürchte ich sie nicht,

denn sie kann nicht ärger sein als jene Stunden, die ich von vormittag

bis abends erlebte ... Denken Sie sich ein kleines Zimmer, heiß in der

Sonne, immer glühender im Mittagsbrand ... ein kleines Zimmer, nur Tisch

und Stuhl und Bett ... Und auf diesem Tisch nichts als eine Uhr und

einen Revolver und vor dem Tisch einen Menschen ... einen Menschen, der

nichts tut als immer auf diesen Tisch, auf den Sekundenzeiger der Uhr

starren ... einen Menschen, der nicht ißt und nicht trinkt und nicht

raucht und sich nicht regt ... der immer nur ... hören Sie: immer nur,

drei Stunden lang ... auf den weißen Kreis des Zifferblattes starrt und

auf den kleinen Zeiger, der tickend den Kreis umläuft ... So ... so ...

habe ich diesen Tag verbracht, nur gewartet, gewartet, gewartet ... aber

gewartet wie ... wie eben ein Amokläufer etwas tut, sinnlos, tierisch,

mit dieser rasenden, geradlinigen Beharrlichkeit.

Nun ... ich werde Ihnen diese Stunden nicht schildern ... das läßt sich

nicht schildern ... ich verstehe ja selbst nicht mehr, wie man das

erleben kann ohne ... ohne wahnsinnig zu werden ... Also ... um drei Uhr

zweiundzwanzig Minuten ... ich weiß es genau, ich starrte ja auf die Uhr

... klopft es plötzlich an die Tür ... Ich springe auf ... springe, wie

ein Tiger auf seine Beute springt, mit einem Ruck durch das ganze Zimmer

zur Tür, reiße sie auf ... ein ängstlicher kleiner Chinesenjunge steht

draußen, einen zusammengefalteten Zettel in der Hand, und während ich

gierig darnach greife, huscht er schon weg und ist verschwunden.

Ich reiße den Zettel auf, will ihn lesen ... und kann ihn nicht lesen

... Mir schwankt es rot vor den Augen ... denken Sie die Qual, ich habe

endlich, habe endlich das Wort von ihr ... und nun zittert und tanzt es

mir vor den Pupillen ... Ich tauche den Kopf ins Wasser ... nun wirds

mir klarer ... Nochmals nehme ich den Zettel und lese:

»Zu spät! Aber warten Sie zu Hause. Vielleicht rufe ich Sie noch.«

Keine Unterschrift auf dem zerknüllten Papier, das von irgendeinem alten

Prospekt abgefetzt war ... hastige, verworrene Bleistiftzüge einer sonst

sicheren Schrift ... ich weiß nicht, warum mich das Blatt so

erschütterte ... Irgend etwas von Grauen, von Geheimnis haftete ihm an,

es war wie auf einer Flucht geschrieben, stehend an einer Fensternische

oder in einem fahrenden Wagen ... Etwas Unbeschreibliches von Angst, von

Hast, von Entsetzen schlug kalt von diesem heimlichen Zettel mir in die

Seele ... und doch ... und doch, ich war glücklich: sie hatte mir

geschrieben, ich mußte noch nicht sterben, ich durfte ihr helfen ...

vielleicht ... ich durfte ... oh, ich verlor mich ganz in den

wahnwitzigsten Konjekturen und Hoffnungen ... Hundertemal, tausendemal

habe ich den kleinen Zettel gelesen, ihn geküßt ... ihn durchforscht

nach irgendeinem vergessenen, übersehenen Wort ... immer tiefer, immer

verworrener wurde meine Träumerei, ein phantastischer Zustand von Schlaf

mit offenen Augen ... eine Art Lähmung, irgend etwas ganz Dumpfes und

doch Bewegtes zwischen Schlaf und Wachsein, das vielleicht

Viertelstunden dauerte, vielleicht Stunden ...

Plötzlich schreckte ich auf ... Hatte es nicht geklopft? ... Ich hielt

den Atem an ... eine Minute, zwei Minuten reglose Stille ... Und dann

wieder ganz leise, so wie eine Maus knabbert, ein leises aber heftiges

Pochen ... Ich sprang auf, noch ganz taumelig, riß die Tür auf --

draußen stand der Boy, ihr Boy, derselbe, dem ich den Mund damals mit

der Faust zerschlagen ... sein braunes Gesicht war aschfahl, sein

verwirrter Blick sagte Unglück ... Sofort spürte ich Grauen ... »Was ...

was ist geschehen?« konnte ich noch stammeln. »_Come quickly_«, sagte er

... sonst nichts ... sofort raste ich die Treppe herunter, er mir nach

... Ein Sado, so ein kleiner Wagen, stand bereit, wir stiegen ein ...

»Was ist geschehen?« fragte ich ihn ... Er sah mich zitternd an und

schwieg mit verbissenen Lippen ... Ich fragte nochmals -- er schwieg und

schwieg ... Ich hätte ihm am liebsten wieder ins Gesicht geschlagen mit

der Faust, aber ... gerade seine hündische Treue zu ihr rührte mich ...

so fragte ich nicht mehr ... Das Wägelchen trabte so hastig durch das

Gewirr, daß die Menschen fluchend auseinanderstoben, lief aus dem

Europäerviertel am Strand in die niedere Stadt und weiter, weiter ins

schreiende Gewirr der Chinesenstadt ... Endlich kamen wir in eine enge

Gasse, ganz abseits lag sie ... vor einem niedern Hause hielt er an ...

Es war schmutzig und wie in sich zusammengekrochen, vorne ein kleiner

Laden mit einem Talglicht ... irgendeine dieser Buden, in die sich die

Opiumhäuser oder Bordelle verstecken, ein Diebsnest oder ein

Hehlerkeller ... Hastig klopfte der Boy an ... Hinter dem Türspalt

zischelte eine Stimme, fragte und fragte ... Ich konnte es nicht mehr

ertragen, sprang vom Sitz, stieß die angelehnte Tür auf ... ein altes

chinesisches Weib flüchtete mit einem kleinen Schrei zurück ... hinter

mir kam der Boy, führte mich durch den Gang ... klinkte eine andere Tür

auf ... eine andere Türe in einen dunklen Raum, der übel roch von

Branntwein und gestocktem Blut ... Irgend etwas stöhnte darin ... ich

tappte hin ...«

* * * * *

Wieder stockte die Stimme. Und was dann ausbrach, war mehr ein

Schluchzen als ein Sprechen.

»Ich ... ich tappte hin ... und dort ... dort lag auf einer schmutzigen

Matte ... verkrümmt vor Schmerz ... ein stöhnendes Stück Mensch ... dort

lag sie ...

Ich konnte ihr Gesicht nicht sehen im Dunkel ... Meine Augen waren noch

nicht gewöhnt ... so tastete ich nur hin ... ihre Hand ... heiß ...

brennend heiß ... Fieber, hohes Fieber ... und ich schauerte ... ich

wußte sofort alles ... sie war hierher geflüchtet vor mir ... hatte sich

verstümmeln lassen von irgendeiner schmutzigen Chinesin, nur weil sie

hier mehr Schweigsamkeit erhoffte ... hatte sich morden lassen von

irgendeiner teuflischen Hexe, lieber als mir zu vertrauen ... nur weil

ich Wahnsinniger ... weil ich ihren Stolz nicht geschont, ihr nicht

gleich geholfen hatte ... weil sie den Tod weniger fürchtete als mich

...

Ich schrie nach Licht. Der Boy sprang: die abscheuliche Chinesin brachte

mit zitternden Händen eine rußende Petroleumlampe ... ich mußte mich

halten, um der gelben Kanaille nicht an die Gurgel zu springen ... sie

stellten die Lampe auf den Tisch ... der Lichtschein fiel gelb und hell

über den gemarterten Leib ... Und plötzlich ... plötzlich war alles weg

von mir, alle Dumpfheit, aller Zorn, all diese unreine Jauche von

aufgehäufter Leidenschaft ... ich war nur mehr Arzt, helfender,

spürender, wissender Mensch ... ich hatte mich vergessen ... ich kämpfte

mit wachen, klaren Sinnen gegen das Entsetzliche ... Ich fühlte den

nackten Leib, den ich in meinen Träumen begehrt, nur mehr als ... wie

soll ich es sagen ... als Materie, als Organismus ... ich spürte nicht

mehr sie, sondern nur das Leben, das sich gegen den Tod wehrte, den

Menschen, der sich krümmte in mörderischer Qual ... Ihr Blut, ihr

heißes, heiliges Blut überströmte meine Hände, aber ich spürte es nicht

in Lust und nicht in Grauen ... ich war nur Arzt ... ich sah nur das

Leiden ... und sah ...

Und sah sofort, daß alles verloren war, wenn nicht ein Wunder geschehe

... sie war verletzt und halb verblutet unter der verbrecherisch

ungeschickten Hand ... und ich hatte nichts, um das Blut zu stillen in

dieser stinkenden Höhle, nicht einmal reines Wasser ... alles, was ich

anrührte, starrte von Schmutz ...

»Wir müssen sofort ins Spital,« sagte ich. Aber kaum daß ichs gesagt,

bäumte sich krampfig der gemarterte Leib auf. »Nein ... nein ... lieber

sterben ... niemand es erfahren ... niemand es erfahren ... nach Hause

... nach Hause ...«

Ich verstand ... nur mehr um das Geheimnis, um ihre Ehre rang sie ...

nicht um ihr Leben ... Und -- ich gehorchte ... Der Boy brachte eine

Sänfte ... wir betteten sie hinein ... und so ... wie eine Leiche schon,

matt und fiebernd ... trugen wir sie durch die Nacht ... nach Hause ...

die fragende, erschreckte Dienerschaft abwehrend ... wie Diebe trugen

wir sie hinein in ihr Zimmer und sperrten die Türen ... Und dann ...

dann begann der Kampf, der lange Kampf gegen den Tod ...«

* * * * *

Plötzlich krampfte sich eine Hand in meinen Arm, daß ich fast aufschrie

vor Schreck und Schmerz. Im Dunkeln war mir das Gesicht mit einemmal

fratzenhaft nah, ich sah die weißen Zähne, wie sie sich bleckten in

plötzlichem Ausbruch, sah die Augengläser im fahlen Reflex des

Mondlichts wie zwei riesige Katzenaugen glimmen. Und jetzt sprach er

nicht mehr -- er schrie, geschüttelt von einem heulenden Zorn:

»Wissen Sie denn, Sie fremder Mensch, der Sie hier lässig auf einem

Deckstuhl sitzen, ein Spazierenfahrer durch die Welt, wissen Sie, wie

das ist, wenn ein Mensch stirbt? Sind Sie schon einmal dabeigewesen,

haben Sie es gesehen, wie der Leib sich aufkrümmt, die blauen Nägel ins

Leere krallen, wie die Kehle röchelt, jedes Glied sich wehrt, jeder

Finger sich stemmt gegen das Entsetzliche, und wie das Auge aufspringt

in einem Grauen, für das es keine Worte gibt? Haben Sie das schon einmal

erlebt, Sie Müßiggänger, Sie Weltfahrer, Sie, der Sie vom Helfen reden

als von einer Pflicht? Ich habe es oft gesehen als Arzt, habe es gesehen

als ... als klinischen Fall, als Tatsache ... habe es sozusagen studiert

-- aber _erlebt_ habe ichs nur einmal, miterlebt, mitgestorben bin ich

nur damals in jener Nacht ... in jener entsetzlichen Nacht, wo ich saß

und mir das Hirn zerpreßte, um etwas zu wissen, etwas zu finden, zu

erfinden gegen das Blut, das rann und rann und rann, gegen das Fieber,

das sie vor meinen Augen verbrannte ... gegen den Tod, der immer näher

kam und den ich nicht wegdrängen konnte vom Bett. Verstehen Sie, was das

heißt, Arzt zu sein, alles wissen gegen alle Krankheiten -- die Pflicht

haben, zu helfen, wie Sie so weise sagen -- und doch ohnmächtig bei

einer Sterbenden zu sitzen, wissend und doch ohne Macht ... nur dies

eine, dies Entsetzliche wissend, daß man nicht helfen kann, ob man sich

auch jede Ader in seinem Körper aufreißen möchte ... einen geliebten

Körper zu sehen, wie er elend verblutet, gemartert von Schmerzen, einen

Puls zu fühlen, der fliegt und zugleich verlischt ... der einem

wegfließt unter den Fingern ... Arzt zu sein und nichts zu wissen,

nichts, nichts, nichts ... nur dazusitzen und irgendein Gebet stammeln

wie ein Hutzelweib in der Kirche, und dann wieder die Fäuste ballen

gegen einen erbärmlichen Gott, von dem man weiß, daß es ihn nicht gibt

... Verstehen Sie das? Verstehen Sie das? ... Ich ... ich verstehe nur

eines nicht, wie ... wie man es macht, daß man nicht mitstirbt in

solchen Sekunden ... daß man dann noch am nächsten Morgen von einem

Schlaf aufsteht und sich die Zähne putzt und eine Kravatte umbindet ...

daß man noch leben kann, wenn man das miterlebte, was ich fühlte, wie

dieser Atem, dieser erste Mensch, um den ich rang und kämpfte, den ich

halten wollte mit allen Kräften meiner Seele ... wie der wegglitt unter

mir ... irgendwohin, immer rascher wegglitt, Minute um Minute und ich

nichts wußte in meinem fiebernden Gehirn, um diesen, diesen einen

Menschen festzuhalten ...

Und dazu, um teuflisch noch meine Qual zu verdoppeln, dazu noch dies ...

Während ich an ihrem Bett saß -- ich hatte ihr Morphium eingegeben, um

die Schmerzen zu lindern, und sah sie liegen, mit heißen Wangen, heiß

und fahl -- ja ... während ich so saß, spürte ich vom Rücken her immer

zwei Augen auf mich gerichtet mit einem fürchterlichen Ausdruck der

Spannung ... Der Boy saß dort auf den Boden gekauert und murmelte leise

irgendwelche Gebete ... Wenn mein Blick den seinen traf, so ... nein,

ich kann es nicht schildern ... so kam etwas so Flehendes, so ... so

Dankbares in seinen hündischen Blick, und gleichzeitig hob er die Hände

zu mir, als wollte er mich beschwören, sie zu retten ... verstehen Sie:

zu mir, zu mir hob er die Hände wie zu einem Gott ... zu mir ... dem

ohnmächtigen Schwächling, der wußte, daß alles verloren ... daß ich hier

so unnötig sei wie eine Ameise, die am Boden raschelt ... Ah, dieser

Blick, wie er mich quälte, diese fanatische, diese tierische Hoffnung

auf meine Kunst ... ich hätte ihn anschreien können und mit dem Fuß

treten, so weh tat er mir ... und doch, ich spürte, wie wir beide

zusammenhingen durch unsere Liebe zu ihr ... durch das Geheimnis ... Ein

lauerndes Tier, ein dumpfes Knäuel saß er zusammengeballt knapp hinter

mir ... kaum daß ich etwas verlangte, sprang er auf mit seinen nackten

lautlosen Sohlen und reichte es zitternd ... erwartungsvoll her, als sei

das die Hilfe ... die Rettung ... Ich weiß, er hätte sich die Adern

aufgeschnitten, um ihr zu helfen ... so war diese Frau, solche Macht

hatte sie über Menschen ... und ich ... ich hatte nicht Macht, ein

Quentchen Blut zu retten ... O diese Nacht, diese entsetzliche Nacht,

diese unendliche Nacht zwischen Leben und Tod!

Gegen Morgen ward sie noch einmal wach ... sie schlug die Augen auf ...

jetzt waren sie nicht mehr hochmütig und kalt ... ein Fieber glitzerte

feucht darin, als sie, gleichsam fremd, das Zimmer abtasteten ... Dann

sah sie mich an: sie schien nachzudenken, sich erinnern zu wollen an

mein Gesicht ... und plötzlich ... ich sah es ... erinnerte sie sich ...

denn irgendein Schreck, eine Abwehr ... etwas ... etwas Feindliches,

Entsetztes spannte ihr Gesicht ... sie arbeitete mit den Armen, als

wollte sie flüchten ... weg, weg, weg von mir ... ich sah, sie dachte an

_das_ ... an die Stunde von damals ... Aber dann kam ein Besinnen ...

sie sah mich ruhiger an, atmete schwer ... ich fühlte, sie wollte

sprechen, etwas sagen ... Wieder begannen die Hände sich zu spannen ...

sie wollte sich aufheben, aber sie war zu schwach ... Ich beruhigte sie,

beugte mich nieder ... da sah sie mich an mit einem langen, gequälten

Blick ... ihre Lippen regten sich leise ... es war nur ein letzter

erlöschender Laut, wie sie sagte ...

»Wird es niemand erfahren? ... Niemand?«

»Niemand,« sagte ich mit aller Kraft der Überzeugung, »ich verspreche es

Ihnen.«

Aber ihr Auge war noch unruhig ... Mit fiebriger Lippe ganz undeutlich

arbeitete sie's heraus.

»Schwören Sie mir ... niemand erfahren ... schwören.«

Ich hob die Finger wie zum Eid. Sie sah mich an ... mit einem ... einem

unbeschreiblichen Blick ... weich war er, warm, dankbar ... ja,

wirklich, wirklich dankbar ... Sie wollte noch etwas sprechen, aber es

ward ihr zu schwer. Lang lag sie, ganz matt von der Anstrengung, mit

geschlossenen Augen. Dann begann das Entsetzliche ... das Entsetzliche

... eine ganze schwere Stunde kämpfte sie noch: erst morgens war es zu

Ende ...«

* * * * *

Er schwieg lange. Ich merkte es nicht eher, als vom Mitteldeck die

Glocke in die Stille schlug, ein, zwei, drei harte Schläge -- drei Uhr.

Das Mondlicht war matter geworden, aber irgendeine andere gelbe Helle

zitterte schon unsicher in der Luft, und Wind flog manchmal leicht wie

eine Brise her. Eine halbe, eine Stunde mehr, und dann war es Tag, war

dies Grauen ausgelöscht im klaren Licht. Ich sah seine Züge jetzt

deutlicher, da die Schatten nicht mehr so dicht und schwarz in unsern

Winkel fielen -- er hatte die Kappe abgenommen, und unter dem blanken

Schädel schien sein verquältes Gesicht noch schreckhafter. Aber schon

wandten sich die glitzernden Brillengläser wieder mir zu, er straffte

sich zusammen, und seine Stimme hatte einen höhnischen, scharfen Ton.

»Mit ihr wars nun zu Ende -- aber nicht mit mir. Ich war allein mit der

Leiche -- aber allein in einem fremden Haus, allein in einer Stadt, die

kein Geheimnis duldete, und ich ... ich hatte das Geheimnis zu hüten ...

Ja, denken Sie sich das nur aus, die ganze Situation: eine Frau aus der

besten Gesellschaft der Kolonie, vollkommen gesund, die noch abends

zuvor auf dem Regierungsball getanzt hat, liegt plötzlich tot in ihrem

Bett ... ein fremder Arzt ist bei ihr, den angeblich ihr Diener gerufen

... niemand im Haus hat gesehen, wann und woher er kam ... man hat sie

nachts auf einer Sänfte hereingetragen und dann die Türen geschlossen

... und morgens ist sie tot ... dann erst hat man die Diener gerufen,

und plötzlich gellt das Haus von Geschrei ... im Nu wissen es die

Nachbarn, die ganze Stadt ... und nur einer ist da, der das alles

erklären soll ... ich, der fremde Mensch, der Arzt aus einer entlegenen

Station ... Eine erfreuliche Situation, nicht wahr? ...

Ich wußte, was mir bevorstand. Glücklicherweise war der Boy bei mir, der

brave Bursche, der mir jeden Wink von den Augen las -- auch dieses gelbe

dumpfe Tier verstand, daß hier noch ein Kampf ausgetragen werden müsse.

Ich hatte ihm nur gesagt: »Die Frau will, daß niemand erfährt, was

geschehen ist.« Er sah mir in die Augen mit seinem hündisch feuchten und

doch entschlossenen Blick: »_Yes, Sir_,« mehr sagte er nicht. Aber er

wusch die Blutspuren vom Boden, richtete alles in beste Ordnung -- und

gerade seine Entschlossenheit gab mir die meine wieder.

Nie im Leben, das weiß ich, habe ich eine ähnlich zusammengeballte

Energie gehabt, nie werde ich sie wieder haben. Wenn man alles verloren

hat, dann kämpft man um das Letzte wie ein Verzweifelter -- und das

Letzte war ihr Vermächtnis, das Geheimnis. Ich empfing voll Ruhe die

Leute, erzählte ihnen allen die gleiche erdichtete Geschichte, wie der

Boy, den sie um den Arzt gesandt hatte, mich zufällig auf dem Wege traf.

Aber während ich scheinbar ruhig redete, wartete ... wartete ich immer

auf das Entscheidende ... auf den Totenbeschauer, der erst kommen mußte,

ehe wir sie in den Sarg verschließen konnten und das Geheimnis mit ihr

... Es war, vergessen Sie nicht, Donnerstag, und Samstag kam ihr Gatte

...

Um neun Uhr hörte ich endlich, wie man den Amtsarzt anmeldete. Ich hatte

ihn rufen lassen -- er war mein Vorgesetzter im Rang und gleichzeitig

mein Konkurrent, derselbe Arzt, von dem sie seinerzeit so verächtlich

gesprochen und der offenbar meinen Wunsch nach Versetzung bereits

erfahren hatte. Bei seinem ersten Blick spürte ichs schon: er war mir

Feind. Aber gerade das straffte meine Kraft.

Im Vorzimmer fragte er schon: »Wann ist Frau ... -- er nannte ihren

Namen -- gestorben?«

»Um sechs Uhr morgens.«

»Wann sandte sie zu Ihnen?«

»Um elf Uhr abends.«

»Wußten Sie, daß ich ihr Arzt war?«

»Ja, aber es tat Eile not ... und dann ... die Verstorbene hatte

ausdrücklich mich verlangt. Sie hatte verboten, einen andern Arzt rufen

zu lassen.«

Er starrte mich an: in seinem bleichen, etwas verfetteten Gesicht flog

eine Röte hoch, ich spürte, daß er erbittert war. Aber gerade das

brauchte ich -- alle meine Energien drängten sich zu rascher

Entscheidung, denn ich spürte, lange hielten es meine Nerven nicht mehr

aus. Er wollte etwas Feindliches erwidern, dann sagte er lässig: »Wenn

Sie schon meinen, mich entbehren zu können, so ist es doch meine

amtliche Pflicht, den Tod zu konstatieren und ... wie er eingetreten

ist.«

Ich antwortete nicht und ließ ihn vorangehen. Dann trat ich zurück,

schloß die Tür und legte den Schlüssel auf den Tisch. Überrascht zog er

die Augenbrauen hoch:

»Was bedeutet das?«

Ich stellte mich ruhig ihm gegenüber:

»Es handelt sich hier nicht darum, die Todesursache festzustellen,

sondern -- eine andere zu finden. Diese Frau hat mich gerufen, um sie

nach ... nach den Folgen eines verunglückten Eingriffes zu behandeln ...

ich konnte sie nicht mehr retten, aber ich habe ihr versprochen, ihre

Ehre zu retten, und das werde ich tun. Und ich bitte Sie darum, mir zu

helfen!«

Seine Augen waren ganz weit geworden vor Erstaunen. »Sie wollen doch

nicht etwa sagen,« stammelte er dann, »daß ich, der Amtsarzt, hier ein

Verbrechen decken soll?«

»Ja, das will ich, das muß ich wollen.«

»Für Ihr Verbrechen soll ich ...«

»Ich habe Ihnen gesagt, daß ich diese Frau nicht berührt habe, sonst ...

sonst stünde ich nicht vor Ihnen, sonst hätte ich längst mit mir Schluß

gemacht. Sie hat ihr Vergehen -- wenn Sie es so nennen wollen -- gebüßt,

die Welt braucht davon nichts zu wissen. Und ich werde es nicht dulden,

daß die Ehre dieser Frau jetzt noch unnötig beschmutzt wird.«

Mein entschlossener Ton reizte ihn nur noch mehr auf. »Sie werden nicht

dulden ... so ... nun, Sie sind ja mein Vorgesetzter ... oder glauben es

wenigstens schon zu sein ... Versuchen Sie nur, mir zu befehlen ... ich

habe mirs gleich gedacht, da ist Schmutziges im Spiel, wenn man Sie aus

Ihrem Winkel herruft ... eine saubere Praxis, die Sie da anfangen, ein

sauberes Probestück ... Aber jetzt werde _ich_ untersuchen, _ich_, und

Sie können sich darauf verlassen, daß ein Protokoll, unter dem mein Name

steht, richtig sein wird. Ich werde keine Lüge unterschreiben.«

Ich war ganz ruhig.

»Ja -- das müssen Sie diesmal doch. Denn früher werden Sie das Zimmer

nicht verlassen.«

Ich griff dabei in die Tasche -- meinen Revolver hatte ich nicht bei

mir. Aber er zuckte zusammen. Ich trat einen Schritt auf ihn zu und sah

ihn an.

»Hören Sie, ich werde Ihnen etwas sagen ... damit es nicht zum Äußersten

kommt. Mir liegt an meinem Leben nichts ... nichts an dem eines andern

-- ich bin nun schon einmal soweit ... mir liegt einzig daran, mein

Versprechen einzulösen, daß die Art dieses Todes geheim bleibt ... Hören

Sie: ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß, wenn Sie das Zertifikat

unterfertigen, diese Frau sei an ... nun an einer Zufälligkeit

gestorben, daß ich dann noch im Laufe dieser Woche die Stadt und Indien

verlasse ... daß ich, wenn Sie es verlangen, meinen Revolver nehme und

mich niederschieße, sobald der Sarg in der Erde ist und ich sicher sein

kann, daß niemand ... Sie verstehen: _niemand_ -- mehr nachforschen

kann. Das wird Ihnen wohl genügen -- das _muß_ Ihnen genügen.«

Es muß etwas Drohendes, etwas Gefährliches in meiner Stimme gewesen

sein, denn wie ich unwillkürlich nähertrat, wich er zurück mit jenem

aufgerissenen Entsetzen, wie ... wie eben Menschen vor dem Amokläufer

flüchten, wenn er rasend hinrennt mit geschwungenem Kris ... Und mit

einemmal war er anders ... irgendwie geduckt und gelähmt ... seine harte

Haltung brach ein. Er murmelte mit einem letzten ganz weichen

Widerstand: »Es wäre das erstemal in meinem Leben, daß ich ein falsches

Zertifikat unterzeichnete ... immerhin, es wird sich schon eine Form

finden lassen ... man weiß ja auch, was vorkommt ... Aber ich durfte

doch nicht so ohne weiteres ...«

»Gewiß durften Sie nicht,« half ich ihm, um ihn zu bestärken -- (>Nur

rasch! nur rasch!< tickte es mir in den Schläfen) -- »aber jetzt, da Sie

wissen, daß Sie nur einen Lebenden kränken und einer Toten ein

Entsetzliches täten, werden Sie doch gewiß nicht zögern.«

Er nickte. Wir traten zum Tisch. Nach einigen Minuten war das Attest

fertig (das dann auch in der Zeitung veröffentlicht wurde und glaubhaft

eine Herzlähmung schilderte). Dann stand er auf, sah mich an:

»Sie reisen noch diese Woche, nicht wahr?«

»Mein Ehrenwort.«

Er sah mich wieder an. Ich merkte, er wollte streng, wollte sachlich

erscheinen. »Ich besorge sofort einen Sarg,« sagte er, um seine

Verlegenheit zu decken. Aber was war das in mir, das mich so ... so

furchtbar ... so gequält machte -- plötzlich streckte er mir die Hand

hin und schüttelte sie mit einer aufspringenden Herzlichkeit.

»Überstehen Sie's gut,« sagte er -- ich wußte nicht, was er meinte. War

ich krank? War ich ... wahnsinnig? Ich begleitete ihn zur Tür, schloß

auf -- aber das war meine letzte Kraft, die hinter ihm die Tür schloß.

Dann kam dies Ticken wieder in die Schläfen, alles schwankte und

kreiste: und gerade vor ihrem Bett fiel ich zusammen ... so ... so wie

der Amokläufer am Ende seines Laufs sinnlos niederfällt mit zersprengten

Nerven.«

* * * * *

Wieder hielt er inne. Irgendwie fröstelte michs: war das erster Schauer

des Morgenwinds, der jetzt leise sausend über das Schiff lief? Aber das

gequälte Gesicht -- nun schon halb erhellt vom Widerschein der Frühe --

spannte sich wieder zusammen:

»Wie lang ich so auf der Matte gelegen hatte, weiß ich nicht. Da rührte

michs an. Ich fuhr auf. Es war der Boy, der zaghaft mit seiner devoten

Geste vor mir stand und mir unruhig in den Blick sah.

»Es will jemand herein ... will sie sehen ...«

»Niemand darf herein.«

»Ja ... aber ...«

Seine Augen waren erschreckt. Er wollte etwas sagen und wagte es doch

nicht. Das treue Tier litt irgendwie eine Qual.

»Wer ist es?«

Er sah mich zitternd an wie in Furcht vor einem Schlag. Und dann sagte

er -- er nannte keinen Namen ... woher ist in solch einem niedern Wesen

mit einmal so viel Wissen, wie kommt es, daß in manchen Sekunden ein

unbeschreibliches Zartgefühl derlei ganz dumpfe Menschen beseelt? ...

dann sagte er ... ganz, ganz ängstlich ... »_Er_ ist es.«

Ich fuhr auf, verstand sofort und war sofort ganz Gier, ganz Ungeduld

nach diesem Unbekannten. Denn sehen Sie, wie sonderbar ... inmitten all

dieser Qual, in diesem Fieber von Verlangen, von Angst und Hast hatte

ich ganz an >ihn< vergessen ... vergessen, daß da noch ein Mann im

Spiele war ... der Mann, den diese Frau geliebt, dem sie

leidenschaftlich das gegeben, was sie mir verweigert ... Vor zwölf, vor

vierundzwanzig Stunden hätte ich diesen Mann noch gehaßt, ihn noch

zerfleischen können ... Jetzt ... ich kann, ich kann Ihnen nicht

schildern, wie es mich jagte, ihn zu sehen ... ihn ... zu lieben, weil

sie ihn geliebt.

Mit einem Ruck war ich bei der Tür. Ein junger, ganz junger blonder

Offizier stand dort, sehr linkisch, sehr schmal, sehr blaß. Wie ein Kind

sah er aus, so ... so rührend jung ... und unsäglich erschütterte michs

gleich, wie er sich mühte, Mann zu sein, Haltung zu zeigen ... seine

Erregung zu verbergen ... Ich sah sofort, daß seine Hände zitterten, als

er zur Mütze fuhr ... Am liebsten hätte ich ihn umarmt ... weil er ganz

so war, wie ich mirs wünschte, daß der Mann sein sollte, der diese Frau

besessen ... kein Verführer, kein Hochmütiger ... nein, ein halbes Kind,

ein reines, zärtliches Wesen, dem sie sich geschenkt.

Ganz befangen stand der junge Mensch vor mir. Mein gieriger Blick, mein

leidenschaftlicher Aufsprung machten ihn noch mehr verwirrt. Das kleine

Schnurrbärtchen über der Lippe zuckte verräterisch ... dieser junge

Offizier, dies Kind mußte sich bezwingen, um nicht herauszuschluchzen.

»Verzeihen Sie,« sagte er dann endlich, »ich hätte gerne Frau ... gerne

noch ... gesehen.«

Unbewußt, ganz ohne es zu wollen, legte ich ihm, dem Fremden, meinen Arm

um die Schulter, führte ihn, wie man einen Kranken führt. Er sah mich

erstaunt an mit einem unendlich warmen und dankbaren Blick ... irgendein

Verstehen unserer Gemeinschaft war schon in dieser Sekunde zwischen uns

beiden ... Wir gingen zu der Toten ... Sie lag da, weiß, in den weißen

Linnen -- ich spürte, daß meine Nähe ihn noch bedrückte ... so trat ich

zurück, um ihn allein zu lassen mit ihr. Er ging langsam näher mit ...

mit so zuckenden, ziehenden Schritten ... an seinen Schultern sah ichs,

wie es in ihm wühlte und riß ... er ging so wie ... wie einer, der gegen

einen ungeheuren Sturm geht ... Und plötzlich brach er vor dem Bett in

die Knie ... genau so, wie ich hingebrochen war.

Ich sprang sofort vor, hob ihn empor und führte ihn zu einem Sessel. Er

schämte sich nicht mehr, sondern schluchzte seine Qual heraus. Ich

vermochte nichts zu sagen -- nur mit der Hand strich ich ihm unbewußt

über sein blondes, kindlich weiches Haar. Er griff nach meiner Hand ...

ganz lind und doch ängstlich ... und mit einemmal fühlte ich seinen

Blick an mir hängen ...

»Sagen Sie mir die Wahrheit, Doktor,« stammelte er, »hat sie selbst Hand

an sich gelegt?«

»Nein,« sagte ich.

»Und ist ... ich meine ... ist irgend ... irgend jemand schuld an ihrem

Tode?«

»Nein,« sagte ich wieder, obwohl mirs aufquoll in der Kehle, ihm

entgegenzuschreien: »Ich! Ich! Ich! ... Und du! ... Wir beide! Und ihr

Trotz, ihr unseliger Trotz!« Aber ich hielt mich zurück. Ich wiederholte

noch einmal: »Nein ... niemand hat schuld daran ... es war ein

Verhängnis!«

»Ich kann es nicht glauben,« stöhnte er, »ich kann es nicht glauben. Sie

war noch vorgestern auf dem Balle, sie lächelte, sie winkte mir zu. Wie

ist das möglich, wie konnte das geschehen?«

Ich erzählte eine lange Lüge. Auch ihm verriet ich ihr Geheimnis nicht.

Wie zwei Brüder sprachen wir zusammen alle diese Tage, gleichsam

überstrahlt von dem Gefühl, das uns verband ... und das wir einander

nicht anvertrauten, aber wir spürten einer vom andern, daß unser ganzes

Leben an dieser Frau hing ... Manchmal drängte sichs mir würgend an die

Lippen, aber dann biß ich die Zähne zusammen -- nie hat er erfahren, daß

sie ein Kind von ihm trug ... daß ich das Kind, sein Kind, hätte töten

sollen, und daß sie es mit sich selbst in den Abgrund gerissen. Und doch

sprachen wir nur von ihr in diesen Tagen, während derer ich mich bei ihm

verbarg ... denn -- das hatte ich vergessen, Ihnen zu sagen -- man

suchte nach mir ... Ihr Mann war gekommen, als der Sarg schon

geschlossen war ... er wollte den Befund nicht glauben ... die Leute

munkelten allerlei ... und er suchte mich ... Aber ich konnte es nicht

ertragen, ihn zu sehen, ihn, von dem ich wußte, daß sie unter ihm

gelitten ... ich verbarg mich ... vier Tage ging ich nicht aus dem

Hause, gingen wir beide nicht aus der Wohnung ... ihr Geliebter hatte

mir unter einem falschen Namen einen Schiffsplatz genommen, damit ich

flüchten könne, ... wie ein Dieb bin ich nachts auf das Deck

geschlichen, daß niemand mich erkennt ... Alles habe ich zurückgelassen,

was ich besitze ... mein Haus mit der ganzen Arbeit dieser sieben Jahre,

mein Hab und Gut, alles steht offen für jeden, der es haben will ... und

die Herren von der Regierung haben mich wohl schon gestrichen, weil ich

ohne Urlaub meinen Posten verließ ... Aber ich konnte nicht leben mehr

in diesem Haus, in dieser Stadt ... in dieser Welt, wo alles mich an sie

erinnert ... wie ein Dieb bin ich geflohen in der Nacht ... nur ihr zu

entrinnen ... nur zu vergessen ...

Aber ... wie ich an Bord kam ... nachts ... mitternachts ... mein Freund

war mit mir ... da ... da ... zogen sie gerade am Kran etwas herauf ...

rechteckig, schwarz ... ihren Sarg ... hören Sie: ihren Sarg ... sie hat

mich hierher verfolgt, wie ich sie verfolgte ... und ich mußte

dabeistehen, mich fremd stellen, denn er, ihr Mann, war mit ... er

begleitet ihn nach England ... vielleicht will er dort eine Autopsie

machen lassen ... er hat sie an sich gerissen ... jetzt gehört sie

wieder ihm ... nicht uns mehr, uns ... uns beiden ... Aber ich bin noch

da ... ich gehe mit bis zur letzten Stunde ... er wird, er darf es nie

erfahren ... ich werde ihr Geheimnis zu verteidigen wissen gegen jeden

Versuch ... gegen diesen Schurken, vor dem sie in den Tod gegangen ist

... Nichts, nichts wird er erfahren ... ihr Geheimnis gehört mir, nur

mir allein ...

Verstehen Sie jetzt ... verstehen Sie jetzt ... warum ich die Menschen

nicht sehen kann ... ihr Gelächter nicht hören ... wenn sie flirten und

sich paaren ... denn da drunten ... drunten im Lagerraum zwischen

Teeballen und Paranüssen steht der Sarg verstaut ... Ich kann nicht hin,

der Raum ist versperrt ... aber ich weiß es mit allen meinen Sinnen,

weiß es in jeder Sekunde ... auch wenn sie hier Walzer spielen und Tango

... es ist ja dumm, das Meer da schwemmt über Millionen Tote, auf jedem

Fußbreit Erde, den man tritt, fault eine Leiche ... aber doch, ich kann

es nicht ertragen, ich kann es nicht ertragen, wenn sie Maskenbälle

geben und so geil lachen ... diese Tote, ich spüre sie, und ich weiß,

was sie von mir will ... ich weiß es, ich habe noch eine Pflicht ... ich

bin noch nicht zu Ende ... noch ist ihr Geheimnis nicht gerettet ... sie

gibt mich noch nicht frei ...«

* * * * *

Vom Mittelschiff kamen schlurfende Schritte, klatschende Laute: Matrosen

begannen das Deck zu scheuern. Er fuhr auf wie ertappt: sein zerspanntes

Gesicht bekam einen ängstlichen Zug. Er stand auf und murmelte: »Ich

gehe schon ... ich gehe schon.«

Es war eine Qual, ihn anzuschauen: seinen verwüsteten Blick, die

gedunsenen Augen, rot von Trinken oder Tränen. Er wich meiner

Anteilnahme aus: ich spürte aus seinem geduckten Wesen Scham, unendliche

Scham, sich verraten zu haben an mich, an diese Nacht. Unwillkürlich

sagte ich:

»Darf ich vielleicht nachmittags zu Ihnen in die Kabine kommen ...«

Er sah mich an -- ein höhnischer, harter, zynischer Zug zerrte an seinen

Lippen, etwas Böses stieß und verkrümmte jedes Wort.

»Aha ... Ihre famose Pflicht, zu helfen ... aha ... Mit der Maxime haben

Sie mich ja glücklich zum Schwatzen gebracht. Aber nein, mein Herr, ich

danke. Glauben Sie ja nicht, daß mir jetzt leichter sei, seit ich mir

die Eingeweide vor Ihnen aufgerissen habe bis zum Kot in meinen Därmen.

Mein verpfuschtes Leben kann mir keiner mehr zusammenflicken ... ich

habe eben umsonst der verehrlichen holländischen Regierung gedient ...

die Pension ist futsch, ich komme als armer Hund nach Europa zurück ...

ein Hund, der hinter einem Sarg herwinselt ... man läuft nicht lange

ungestraft Amok, am Ende schlägts einen doch nieder, und ich hoffe, ich

bin bald am Ende ... Nein, danke, mein Herr, für Ihren gütigen Besuch

... ich habe schon in der Kabine meine Gefährten ... ein paar gute alte

Flaschen Whisky, die trösten mich manchmal, und dann meinen Freund von

damals, an den ich mich leider nicht rechtzeitig gewandt habe, meinen

braven Browning ... der hilft schließlich besser als alles Geschwätz ...

Bitte, bemühen Sie sich nicht ... das einzige Menschenrecht, das einem

bleibt, ist doch: zu krepieren wie man will ... und dabei ungeschoren zu

bleiben von fremder Hilfe.«

Er sah mich noch einmal höhnisch ... ja herausfordernd an, aber ich

spürte: es war nur Scham, grenzenlose Scham. Dann duckte er die

Schultern, wandte sich um, ohne zu grüßen, und ging merkwürdig schief

und schlurfend über das schon helle Verdeck den Kabinen zu. Ich habe ihn

nicht mehr gesehen. Vergebens suchte ich ihn nachts und die nächste

Nacht an der gewohnten Stelle. Er blieb verschwunden, und ich hätte an

einen Traum geglaubt oder an eine phantastische Erscheinung, wäre mir

nicht inzwischen unter den Passagieren ein anderer aufgefallen mit einem

Trauerflor um den Arm, ein holländischer Großkaufmann, der, wie man mir

bestätigte, eben seine Frau an einer Tropenkrankheit verloren hatte. Ich

sah ihn ernst und gequält abseits von den andern auf und ab gehen, und

der Gedanke, daß ich um seine geheimste Sorge wußte, gab mir eine

geheimnisvolle Scheu: ich bog immer zur Seite, wenn er vorüberkam, um

nicht mit einem Blick zu verraten, daß ich mehr von seinem Schicksal

wußte als er selbst.

* * * * *

Im Hafen von Neapel ereignete sich dann jener merkwürdige Unfall, dessen

Deutung ich in der Erzählung des Fremden zu finden glaube. Die meisten

Passagiere waren abends von Bord gegangen, ich selbst in die Oper und

dann noch in eines der hellen Cafés an der Via Roma. Als wir mit einem

Ruderboot zu dem Dampfer zurückkehrten, fiel mir schon auf, daß einige

Boote mit Fackeln und Azetylenlampen das Schiff suchend umkreisten, und

oben am dunklen Bord war ein geheimnisvolles Gehen und Kommen von

Karabinieris und Gendarmerie. Ich fragte einen Matrosen, was geschehen

sei. Er wich in einer Weise aus, die sofort zeigte, daß Auftrag zum

Schweigen gegeben sei, und auch am nächsten Tage, als das Schiff wieder

friedfertig und ohne Spur eines Zwischenfalles nach Genua weiterfuhr,

war nichts an Bord zu erfahren. Erst in den italienischen Zeitungen las

ich dann, romantisch ausgeschmückt, von jenem angeblichen Unfall im

Hafen von Neapel. In jener Nacht sollte, so schrieben sie, in unbelebter

Stunde, um die Passagiere nicht durch den Anblick zu beunruhigen, der

Sarg einer vornehmen Dame aus den holländischen Kolonien von Bord des

Schiffes auf ein Boot gebracht werden, und man ließ ihn eben in

Gegenwart des Gatten die Strickleiter herab, als irgend etwas Schweres

vom hohen Bord niederstürzte und den Sarg mit den Trägern und dem

Gatten, die ihn gemeinsam niederhißten, mit sich in die Tiefe riß. Eine

Zeitung behauptete, es sei ein Irrsinniger gewesen, der sich die Treppe

hinab auf die Strickleiter gestürzt habe, eine andere beschönigte, die

Leiter sei von selbst unter dem übergroßen Gewicht gerissen: jedenfalls

schien die Schiffahrtsgesellschaft alles getan zu haben, um den genauen

Sachverhalt zu verschleiern. Man rettete nicht ohne Mühe die Träger und

den Gatten der Verstorbenen mit Booten aus dem Wasser, der Bleisarg aber

ging sofort in die Tiefe und konnte nicht mehr geborgen werden. Daß

gleichzeitig in einer andern Notiz kurz erwähnt wurde, es sei die Leiche

eines etwa vierzigjährigen Mannes im Hafen angeschwemmt worden, schien

für die Öffentlichkeit in keinem Zusammenhang mit dem romantisch

reportierten Unfall zu stehen; mir aber war, kaum daß ich die flüchtige

Zeile gelesen, als starre plötzlich hinter dem papierenen Blatt das

mondweiße Antlitz mit den glitzernden Brillengläsern mir noch einmal

gespenstisch entgegen.

Amok: Novellen einer Leidenschaft · 第 7 / 16 题