Der Amokläufer

Im März des Jahres 1912 ereignete sich im Hafen von Neapel bei dem

Ausladen eines großen Überseedampfers ein merkwürdiger Unfall, über den

die Zeitungen umfangreiche, aber sehr phantastisch ausgeschmückte

Berichte brachten. Obzwar Passagier der »Oceania«, war es mir

ebensowenig wie den andern möglich, Zeuge jenes seltsamen Vorfalles zu

sein, weil er sich zur Nachtzeit während des Kohlenladens und der

Löschung der Fracht abspielte, wir aber, um dem Lärm zu entgehen, alle

an Land gegangen waren und dort in Kaffeehäusern oder Theatern die Zeit

verbrachten. Immerhin meine ich persönlich, daß manche Vermutungen, die

ich damals nicht öffentlich äußerte, die wirkliche Aufklärung jener

erregenden Szene in sich tragen, und die Ferne der Jahre erlaubt mir

wohl das Vertrauen eines Gespräches zu nutzen, das jener seltsamen

Episode unmittelbar vorausging.

* * * * *

Als ich in der Schiffsagentur von Kalkutta einen Platz für die Rückreise

nach Europa auf der »Oceania« bestellen wollte, zuckte der Clerk

bedauernd die Schultern. Er wisse noch nicht, ob es möglich sei, mir

eine Kabine zu sichern, das Schiff wäre jetzt knapp vor dem Einbruch der

Regenzeit immer schon von Australien her ausverkauft, er müsse erst das

Telegramm von Singapore abwarten. Am nächsten Tage teilte er mir

erfreulicherweise mit, er könne mir noch einen Platz vormerken, freilich

sei es nur eine wenig komfortable Kabine unter Deck und in der Mitte des

Schiffes. Ich war schon ungeduldig heimzukehren: so zögerte ich nicht

lange und ließ mir den Platz zuschreiben.

Der Clerk hatte mich richtig informiert. Das Schiff war überfüllt und

die Kabine schlecht, ein kleiner, gepreßter, rechteckiger Winkel in der

Nähe der Dampfmaschine, einzig vom trüben Blick der kreisrunden

Glasscheibe erhellt. Die stockende, verdickte Luft roch nach Öl und

Moder: nicht für einen Augenblick konnte man dem elektrischen Ventilator

entgehen, der wie eine toll gewordene stählerne Fledermaus einem surrend

über der Stirne kreiste. Von unten her ratterte und stöhnte wie ein

Kohlenträger, der unablässig dieselbe Treppe hinaufkeucht, die Maschine,

von oben hörte man unaufhörlich das schlurfende Hin und Her der Schritte

vom Promenadendeck. So flüchtete ich, kaum daß ich den Koffer in das

muffige Grab aus grauen Traversen verstaut hatte, wieder zurück auf

Deck, und wie Ambra trank ich, aufsteigend aus der Tiefe, den süßlichen

weichen Wind, der vom Lande her über die Wellen wehte.

Aber auch das Promenadendeck war voll Enge und Unruhe: es flatterte und

flirrte von Menschen, die mit der flackernden Nervosität eingesperrter

Untätigkeit unausgesetzt plaudernd auf und nieder gingen. Das

zwitschernde Geschäker der Frauen, das rastlos kreisende Wandern auf dem

Engpaß des Decks, wo vor den Stühlen der Schwarm in schwatzhafter Unruhe

vorbeiwogte, um sich unablässig zu begegnen, tat mir irgendwie weh. Ich

hatte eine neue Welt gesehen, rasch ineinanderstürzende Bilder in

rasender Jagd in mich eingetrunken. Nun wollte ich mirs übersinnen,

zerteilen, ordnen, nachbildend das heiß in den Blick Gedrängte

gestalten, aber hier auf dem gedrängten Boulevard gab es nicht eine

Minute Ruhe und Rast. Die Zeilen in einem Buch zerrannen vor den

flüchtigen Schatten der Vorüberplaudernden. Es war unmöglich, mit sich

selbst auf dieser schattenlosen wandernden Schiffsgasse allein zu sein.

Drei Tage lang versuchte ichs, sah resigniert auf die Menschen, auf das

Meer, aber das Meer blieb immer dasselbe, blau und leer, nur im

Sonnenuntergang plötzlich mit allen Farben jäh übergossen. Und die

Menschen, sie kannte ich auswendig nach dreimal vierundzwanzig Stunden.

Jedes Gesicht war mir vertraut bis zum Überdruß, das scharfe Lachen der

Frauen reizte, das polternde Streiten zweier nachbarlicher holländischer

Offiziere ärgerte nicht mehr. So blieb nur Flucht: aber die Kabine war

heiß und dunstig, im Salon produzierten unablässig englische Mädchen ihr

schlechtes Klavierspiel bei abgehackten Walzern. Schließlich drehte ich

entschlossen die Zeitordnung um, tauchte in die Kabine schon nachmittags

hinab, nachdem ich mich zuvor mit ein paar Gläsern Bier betäubt, um das

Souper und den Tanzabend zu überschlafen.

Als ich aufwachte, war es ganz dunkel und dumpf in dem kleinen Sarg der

Kabine. Den Ventilator hatte ich abgestellt, so schwälte die Luft fettig

und feucht an die Schläfen. Meine Sinne waren irgendwie betäubt: ich

brauchte Minuten, um mich an Zeit und Ort zurückzufinden. Mitternacht

mußte jedenfalls schon vorbei sein, denn ich hörte weder Musik noch den

rastlosen Schlurf der Schritte: nur die Maschine, das atmende Herz des

Leviathans, stieß keuchend den knisternden Leib des Schiffes fort ins

Unsichtbare.

Ich tastete empor auf Deck. Es war leer. Und wie ich den Blick aufhob

über den dünstenden Turm des Schornsteins und die geisterhaft glänzenden

Spieren, drang mit einmal magische Helle mir in die Augen. Der Himmel

strahlte. Er war dunkel gegen die Sterne, die ihn weiß durchwirbelten,

aber doch: er strahlte; es war, als verhüllte dort ein samtener Vorhang

ungeheures Licht, als wären die sprühenden Sterne nur Luken und Ritzen,

durch die jenes unbeschreiblich Helle vorglänzte. Nie hatte ich den

Himmel gesehen wie in jener Nacht, so strahlend, so stahlblau hart und

doch funkelnd, triefend, rauschend, quellend von Licht, das vom Mond

verhangen niederschwoll und von den Sternen und das irgendwie aus einem

geheimnisvollen Innen zu brennen schien. Weißer Lack, flimmerten im

Monde alle Randlinien des Schiffes grell gegen das samtdunkle Meer, die

Taue, die Rahen, alles Schmale, alle Konturen waren aufgelöst in diesem

flutenden Glanz: gleichsam im Leeren schienen die Lichter auf den Masten

und darüber das runde Auge des Ausgucks zu hängen, irdische gelbe Sterne

zwischen den strahlenden des Himmels.

Gerade aber zu Häupten stand mir das magische Sternbild, das Südkreuz,

mit flimmernden diamantenen Nägeln ins Unsichtbare gehämmert, schwebend

scheinbar, indes nur das Schiff Bewegung schuf, das leise bebend sich

mit atmender Brust nieder und auf, nieder und auf, ein gigantischer

Schwimmer, durch die dunklen Wogen stieß. Ich stand und sah empor: mir

war wie in einem Bade, wo Wasser warm von oben fällt, nur daß dies Licht

war, das mir weiß und auch lau die Hände überspülte, die Schultern, das

Haupt mild umgoß und irgendwie nach innen zu dringen schien, denn alles

Dumpfe in mir war plötzlich aufgehellt. Ich atmete befreit, rein, und

jäh beseligt spürte ich auf den Lippen wie ein klares Getränk die Luft,

die weiche, gegorene, leicht trunken machende Luft, in der Atem von

Früchten, Duft von fernen Inseln war. Nun, nun zum ersten Male, seit ich

die Planken betreten, überkam mich die heilige Lust des Träumens, und

jene andere sinnlichere, meinen Körper weibisch hinzugeben an dieses

Weiche, das mich umdrängte. Ich wollte mich hinlegen, den Blick hinauf

zu den weißen Hieroglyphen. Aber die Ruhesessel, die Deckchairs waren

verräumt, nirgends fand sich auf dem leeren Promenadendeck ein Platz zu

träumerischer Rast.

So tastete ich weiter, allmählich dem Vorderteil des Schiffes zu, ganz

geblendet vom Licht, das immer heftiger aus den Gegenständen auf mich zu

dringen schien. Fast tat es schon weh, dies kalkweiße, grell brennende

Sternenlicht, ich aber hatte Verlangen, mich irgendwo im Schatten zu

vergraben, hingestreckt auf eine Matte, den Glanz nicht an mir zu

fühlen, sondern nur über mir, an den Dingen gespiegelt, so wie man eine

Landschaft sieht aus verdunkeltem Zimmer. Endlich kam ich, über Taue

stolpernd und vorbei an den eisernen Gewinden bis an den Kiel und sah

hinab, wie der Bug in das Schwarze stieß und geschmolzenes Mondlicht

schäumend zu beiden Seiten der Schneide aufsprühte. Immer wieder hob,

immer wieder senkte sich der Pflug in die schwarzflutende Scholle, und

ich fühlte alle Qual des besiegten Elements, fühlte alle Lust der

irdischen Kraft in diesem funkelnden Spiel. Und im Schauen verlor ich

die Zeit. War es eine Stunde, daß ich so stand, oder waren es nur

Minuten: im Auf und Nieder schaukelte mich die ungeheure Wiege des

Schiffes über die Zeit hinaus. Ich fühlte nur, daß in mich Müdigkeit

kam, die wie eine Wollust war. Ich wollte schlafen, träumen und doch

nicht weg aus dieser Magie, nicht hinab in meinen Sarg. Unwillkürlich

ertastete ich mit meinem Fuß unter mir ein Bündel Taue. Ich setzte mich

hin, die Augen geschlossen und doch nicht Dunkels voll, denn über sie,

über mich strömte der silberne Glanz. Unten fühlte ich die Wasser leise

rauschen, über mir mit unhörbarem Klang den weißen Strom dieser Welt.

Und allmählich schwoll dies Rauschen mir ins Blut: ich fühlte mich

selbst nicht mehr, wußte nicht, ob dies Atmen mein eigenes war oder des

Schiffes fernpochendes Herz, ich strömte, verströmte in diesem ruhelosen

Rauschen der mitternächtigen Welt.

* * * * *

Ein leises, trockenes Husten hart neben mir ließ mich auffahren. Ich

schrak aus meiner fast schon trunkenen Träumerei. Meine Augen, geblendet

vom weißen Geleucht über den bislang geschlossenen Lidern, tasteten auf:

mir knapp gegenüber im Schatten der Bordwand glänzte etwas wie der

Reflex einer Brille, und jetzt glühte ein dicker, runder Funke auf, die

Glut einer Pfeife. Ich hatte, als ich mich hinsetzte, einzig

niederblickend in die schaumige Bugschneide und empor zum Südkreuz,

offenbar diesen Nachbarn nicht bemerkt, der regungslos hier die ganze

Zeit gesessen haben mußte. Unwillkürlich, noch dumpf in den Sinnen,

sagte ich auf deutsch: »Verzeihung!« »Oh, bitte ...« antwortete die

Stimme deutsch aus dem Dunkel.

Ich kann nicht sagen, wie seltsam und schaurig das war, dies stumme

Nebeneinandersitzen im Dunkeln knapp neben einem, den man nicht sah.

Unwillkürlich hatte ich das Gefühl, als starre dieser Mensch auf mich

genau wie ich auf ihn starrte: aber so stark war das Licht über uns, das

weißflimmernd flutende, daß keiner von keinem mehr sehen konnte als den

Umriß im Schatten. Nur den Atem meinte ich zu hören und das fauchende

Saugen an der Pfeife.

Das Schweigen war unerträglich. Ich wäre am liebsten weggegangen, aber

das schien doch zu brüsk, zu plötzlich. Aus Verlegenheit nahm ich mir

eine Zigarette heraus. Das Zündholz zischte auf, eine Sekunde lang

zuckte Licht über den engen Raum. Ich sah hinter Brillengläsern ein

fremdes Gesicht, das ich nie an Bord gesehen, bei keiner Mahlzeit, bei

keinem Gang, und sei es, daß die plötzliche Flamme den Augen wehtat oder

war es eine Halluzination: es schien grauenhaft verzerrt, finster und

koboldhaft. Aber ehe ich Einzelheiten deutlich wahrnahm, schluckte das

Dunkel wieder die flüchtig erhellten Linien fort, nur den Umriß sah ich

einer Gestalt, dunkel ins Dunkel gedrückt und manchmal den kreisrunden

roten Feuerring der Pfeife im Leeren. Keiner sprach, und dies Schweigen

war schwül und drückend wie die tropische Luft.

Endlich ertrug ichs nicht mehr. Ich stand auf und sagte höflich »Gute

Nacht«.

»Gute Nacht,« antwortete es aus dem Dunkel, eine heisere, harte,

eingerostete Stimme.

Ich stolperte mich mühsam vorwärts durch das Takelwerk an den Pfosten

vorbei. Da klang ein Schritt hinter mir her, hastig und unsicher. Es war

der Nachbar von vordem. Unwillkürlich blieb ich stehen. Er kam nicht

ganz nah heran, durch das Dunkel fühlte ich ein Irgendetwas von Angst

und Bedrücktheit in der Art seines Schrittes.

»Verzeihen Sie,« sagte er dann hastig, »wenn ich eine Bitte an Sie

richte. Ich ... ich ...« -- er stotterte und konnte nicht gleich

weitersprechen vor Verlegenheit -- »ich ... ich habe private ... ganz

private Gründe, mich hier zurückzuziehen ... ein Trauerfall ... ich

meide die Gesellschaft an Bord ... Ich meine nicht Sie ... nein, nein

... Ich möchte nur bitten ... Sie würden mich sehr verpflichten, wenn

Sie zu niemandem an Bord davon sprechen würden, daß Sie mich hier

gesehen haben ... Es sind ... sozusagen private Gründe, die mich jetzt

hindern unter die Leute zu gehen ... ja ... nun ... es wäre mir

peinlich, wenn Sie davon Erwähnung täten, daß jemand hier nachts ... daß

ich ...« Das Wort blieb ihm wieder stecken. Ich beseitigte rasch seine

Verwirrung, indem ich ihm eiligst zusicherte, seinen Wunsch zu erfüllen.

Wir reichten einander die Hände. Dann ging ich in meine Kabine zurück

und schlief einen dumpfen, merkwürdig verwühlten und von Bildern

verwirrten Schlaf.

* * * * *

Ich hielt mein Versprechen und erzählte niemandem an Bord von der

seltsamen Begegnung, obzwar die Versuchung keine geringe war. Denn auf

einer Seereise wird das Kleinste zum Geschehnis, ein Segel am Horizont,

ein Delphin, der aufspringt, ein neuentdeckter Flirt, ein flüchtiger

Scherz. Dabei quälte mich die Neugier, mehr von diesem ungewöhnlichen

Passagier zu wissen: ich durchforschte die Schiffsliste nach einem

Namen, der ihm zugehören konnte, ich musterte die Leute, ob sie zu ihm

in Beziehung stehen könnten: den ganzen Tag bemächtigte sich meiner eine

nervöse Ungeduld, und ich wartete eigentlich nur auf den Abend, ob ich

ihm wieder begegnen würde. Rätselhafte psychologische Dinge haben über

mich eine geradezu beunruhigende Macht, es reizt mich bis ins Blut,

Zusammenhänge aufzuspüren, und sonderbare Menschen können mich durch

ihre bloße Gegenwart zu einer Leidenschaft des Erkennenwollens

entzünden, die nicht viel geringer ist als jene des Besitzenwollens bei

einer Frau. Der Tag wurde mir lang und zerbröckelte leer zwischen den

Fingern. Ich legte mich früh ins Bett: ich wußte, ich würde um

Mitternacht aufwachen, es würde mich erwecken.

Und wirklich: ich erwachte um die gleiche Stunde wie gestern. Auf dem

Radiumzifferblatt der Uhr deckten sich die beiden Zeiger in einem

leuchtenden Strich. Hastig stieg ich aus der schwülen Kabine in die noch

schwülere Nacht.

Die Sterne strahlten wie gestern und schütteten ein diffuses Licht über

das zitternde Schiff, hoch oben flammte das Kreuz des Südens. Alles war

wie gestern -- in den Tropen sind die Tage, die Nächte zwillingshafter

als in unseren Sphären -- nur in mir war nicht dies weiche, flutende,

träumerische Gewiegtsein wie gestern. Irgend etwas zog mich, verwirrte

mich, und ich wußte, wohin es mich zog: hin zu dem schwarzen Gewind am

Kiel, ob er wieder dort starr sitze, der Geheimnisvolle. Von oben her

schlug die Schiffsglocke. Dies riß mich fort. Schritt für Schritt,

widerwillig und doch gezogen, gab ich mir nach. Noch war ich nicht am

Steven, da zuckte plötzlich dort etwas auf wie ein rotes Auge: die

Pfeife. Er saß also dort.

Unwillkürlich schreckte ich zurück und blieb stehen. Im nächsten

Augenblick wäre ich gegangen. Da regte es sich drüben im Dunkel, etwas

stand auf, tat zwei Schritte, und plötzlich hörte ich knapp vor mir

seine Stimme, höflich und gedrückt.

»Verzeihen Sie,« sagte er, »Sie wollen offenbar wieder an Ihren Platz,

und ich habe das Gefühl, Sie flüchteten zurück, als Sie mich sahen.

Bitte, setzen Sie sich nur hin, ich gehe schon wieder.«

Ich eilte, ihm meinerseits zu sagen, daß er nur bleiben solle, ich sei

bloß zurückgetreten, um ihn nicht zu stören. »Mich stören Sie nicht,«

sagte er mit einer gewissen Bitterkeit, »im Gegenteil, ich bin froh,

einmal nicht allein zu sein. Seit zehn Tagen habe ich kein Wort

gesprochen ... eigentlich seit Jahren nicht ... und da geht es so

schwer, eben vielleicht weil man schon erstickt daran, alles in sich

hineinzuwürgen ... Ich kann nicht mehr in der Kabine sitzen, in diesem

... diesem Sarg ... ich kann nicht mehr ... und die Menschen ertrage ich

wieder nicht, weil sie den ganzen Tag lachen ... Das kann ich nicht

ertragen jetzt ... ich höre es hinein bis in die Kabine und stopfe mir

die Ohren zu ... freilich, sie wissen ja nicht, daß ... nun sie wissens

eben nicht, und dann, was geht das die Fremden an ...«

Er stockte wieder. Und sagte dann ganz plötzlich und hastig: »Aber ich

will Sie nicht belästigen ... verzeihen Sie meine Geschwätzigkeit.«

Er verbeugte sich und wollte fort. Aber ich widersprach ihm dringlich.

»Sie belästigen mich durchaus nicht. Auch ich bin froh, hier ein paar

stille Worte zu haben ... Nehmen Sie eine Zigarette?«

Er nahm eine. Ich zündete an. Wieder riß sich das Gesicht flackernd vom

schwarzen Bordrand los, aber jetzt voll mir zugewandt: die Augen hinter

der Brille forschten in mein Gesicht, gierig und mit einer irren Gewalt.

Ein Grauen überlief mich. Ich spürte, daß dieser Mensch sprechen wollte,

sprechen mußte. Und ich wußte, daß ich schweigen müsse, um ihm zu

helfen.

Wir setzten uns wieder. Er hatte einen zweiten Deckchair dort, den er

mir anbot. Unsere Zigaretten funkelten, und an der Art, wie der

Lichtring der seinen unruhig im Dunkel zitterte, sah ich, daß seine Hand

bebte. Aber ich schwieg, und er schwieg. Dann fragte plötzlich seine

Stimme leise:

»Sind Sie sehr müde?«

»Nein, durchaus nicht.«

Die Stimme aus dem Dunkel zögerte wieder. »Ich möchte Sie gerne um etwas

fragen ... das heißt, ich möchte Ihnen etwas erzählen. Ich weiß, ich

weiß genau, wie absurd das ist, mich an den ersten zu wenden, der mir

begegnet, aber ... ich bin ... ich bin in einer furchtbaren psychischen

Verfassung ... ich bin an einem Punkt, wo ich unbedingt mit jemandem

sprechen muß ... ich gehe sonst zugrunde ... Sie werden das schon

verstehen, wenn ich ... ja, wenn ich Ihnen eben erzähle ... Ich weiß,

daß Sie mir nicht werden helfen können ... aber ich bin irgendwie krank

von diesem Schweigen ... und ein Kranker ist immer lächerlich für die

andern ...«

Ich unterbrach ihn und bat ihn, sich doch nicht zu quälen. Er möge mir

nur erzählen ... ich könne ihm natürlich nichts versprechen, aber man

habe doch die Pflicht, seine Bereitwilligkeit anzubieten. Wenn man

jemanden in einer Bedrängnis sehe, da ergebe sich doch natürlich die

Pflicht zu helfen ...

»Die Pflicht ... seine Bereitwilligkeit anzubieten ... die Pflicht, den

Versuch zu machen ... Sie meinen also auch, Sie auch, man habe die

Pflicht ... die Pflicht, seine Bereitwilligkeit anzubieten.«

Dreimal wiederholte er den Satz. Mir graute vor dieser stumpfen,

verbissenen Art des Wiederholens. War dieser Mensch wahnsinnig? War er

betrunken?

Aber als ob ich die Vermutung laut mit den Lippen ausgesprochen hätte,

sagte er plötzlich mit einer ganz andern Stimme: »Sie werden mich

vielleicht für irr halten oder für betrunken. Nein, das bin ich nicht --

noch nicht. Nur das Wort, das Sie sagten, hat mich so merkwürdig berührt

... so merkwürdig, weil es gerade das ist, was mich jetzt quält, nämlich

ob man die Pflicht hat ... die Pflicht ...«

Er begann wieder zu stottern. Dann brach er kurz ab und begann mit einem

neuen Ruck.

»Ich bin nämlich Arzt. Und da gibt es oft solche Fälle, solche

verhängnisvolle ... ja, sagen wir Grenzfälle, wo man nicht weiß, ob man

die Pflicht hat ... nämlich, es gibt ja nicht nur eine Pflicht, die

gegen den andern, sondern eine für sich selbst und eine für den Staat

und eine für die Wissenschaft ... Man soll helfen, natürlich, dazu ist

man doch da ... aber solche Maximen sind immer nur theoretisch ... Wie

weit soll man denn helfen? ... Da sind Sie, ein fremder Mensch, und ich

bin Ihnen fremd, und ich bitte Sie, zu schweigen darüber, daß Sie mich

gesehen haben ... gut, Sie schweigen, Sie erfüllen diese Pflicht ... Ich

bitte Sie, mit mir zu sprechen, weil ich krepiere an meinem Schweigen

... Sie sind bereit, mir zuzuhören ... gut ... Aber das ist ja leicht

... Wenn ich Sie aber bitten würde, mich zu packen und über Bord zu

werfen ... da hört sich doch die Gefälligkeit, die Hilfsbereitschaft

auf. Irgendwo endets doch ... dort, wo man anfängt mit seinem eigenen

Leben, seiner eigenen Verantwortung ... irgendwo muß es doch enden ...

irgendwo muß diese Pflicht doch aufhören ... Oder vielleicht soll sie

gerade beim Arzt nicht aufhören dürfen? Muß der ein Heiland, ein

Allerweltshelfer sein, bloß weil er ein Diplom mit lateinischen Worten

hat, muß der wirklich sein Leben hinwerfen und sich Wasser ins Blut

schütten, wenn irgendeine ... irgendeiner kommt und will, daß er edel

sei, hilfreich und gut? Ja, irgendwo hört die Pflicht auf ... dort, wo

man nicht mehr kann, gerade dort ...«

Er hielt wieder inne und riß sich auf.

»Verzeihen Sie ... ich rede gleich so erregt ... aber ich bin nicht

betrunken ... noch nicht betrunken ... auch das kommt jetzt oft bei mir

vor, ich gestehe es Ihnen ruhig ein, in dieser höllischen Einsamkeit ...

Bedenken Sie, ich habe sieben Jahre nur fast zwischen Eingeborenen und

Tieren gelebt ... da verlernt man das ruhige Reden. Wenn man sich dann

auftut, flutets gleich über ... Aber warten Sie ... ja, ich weiß schon

... ich wollte Sie fragen, wollte Ihnen so einen Fall vorlegen, ob man

die Pflicht habe zu helfen ... so ganz engelhaft rein zu helfen, ob man

... Übrigens ich fürchte, es wird lang werden. Sind Sie wirklich nicht

müde?«

»Nein, durchaus nicht.«

»Ich ... ich danke Ihnen ... Nehmen Sie nicht?«

Er hatte irgendwo hinter sich ins Dunkel getappt. Etwas klirrte

gegeneinander, zwei, drei, jedenfalls mehrere Flaschen, die er neben

sich gestellt. Er bot mir ein Glas Whisky, an dem ich flüchtig nippte,

während er mit einem Ruck das seine hinabgoß. Einen Augenblick stand

Schweigen zwischen uns. Da schlug die Glocke: halb eins.

* * * * *

»Also ... ich möchte Ihnen einen Fall erzählen. Nehmen Sie an, ein Arzt

in einer ... einer kleineren Stadt ... oder eigentlich am Lande ... ein

Arzt, der ... ein Arzt, der ...«

Er stockte wieder. Dann riß er sich plötzlich den Sessel heran zu mir.

»So geht es nicht. Ich muß Ihnen alles direkt erzählen, von Anfang an,

sonst verstehen Sie es nicht ... Das, das läßt sich nicht als Exempel,

als Theorie entwickeln ... ich muß Ihnen meinen Fall erzählen. Da gibt

es keine Scham, kein Verstecken ... vor mir ziehen sich auch die Leute

nackt aus und zeigen mir ihren Grind, ihren Harn und ihre Exkremente ...

wenn man geholfen haben will, darf man nicht herumreden und nichts

verschweigen ... Also ich werde Ihnen keinen Fall erzählen von einem

sagenhaften Arzt ... ich ziehe mich nackt aus und sage: ich ... das

Schämen habe ich verlernt in dieser dreckigen Einsamkeit, in diesem

verfluchten Land, das einem die Seele ausfrißt und das Mark aus den

Lenden saugt.«

Ich mußte irgendeine Bewegung gemacht haben, denn er unterbrach sich.

»Ach, Sie protestieren ... ich verstehe, Sie sind begeistert von Indien,

von den Tempeln und den Palmenbäumen, von der ganzen Romantik einer

Zweimonatsreise. Ja, so sind sie zauberhaft, die Tropen, wenn man sie in

der Eisenbahn, im Auto, in der Rikscha durchstreift: ich habe das auch

nicht anders gefühlt, als ich zum erstenmal herüber kam vor sieben

Jahren. Was träumte ich da nicht alles, die Sprachen wollte ich lernen

und die heiligen Bücher im Urtext lesen, die Krankheiten studieren,

wissenschaftlich arbeiten, die Psyche der Eingeborenen ergründen -- so

sagt man ja im europäischen Jargon -- ein Missionar der Menschlichkeit,

der Zivilisation werden. Alle, die kommen, träumen denselben Traum. Aber

in diesem unsichtbaren Glashaus dort geht einem die Kraft aus, das

Fieber -- man kriegts ja doch, mag man noch so viel Chinin in sich

fressen -- greift einem ans Mark, man wird schlapp und faul, wird weich,

eine Qualle. Irgendwie ist man als Europäer von seinem wahren Wesen

abgeschnitten, wenn man aus den großen Städten weg in so eine verfluchte

Sumpfstation kommt: auf kurz oder lang hat jeder seinen Knax weg, die

einen saufen, die andern rauchen Opium, die dritten prügeln und werden

Bestien -- irgendeinen Schuß Narrheit kriegt jeder ab. Man sehnt sich

nach Europa, träumt davon, wieder einen Tag auf einer Straße zu gehen,

in einem hellen steinernen Zimmer unter weißen Menschen zu sitzen, Jahr

um Jahr träumt man davon, und kommt dann die Zeit, wo man Urlaub hätte,

so ist man schon zu träge, um zu gehen. Man weiß, drüben ist man

vergessen, fremd, eine Muschel in diesem Meer, auf die jeder tritt. So

bleibt man und versumpft und verkommt in diesen heißen, nassen Wäldern.

Es war ein verfluchter Tag, an dem ich mich in dieses Drecknest verkauft

habe ...

Übrigens: ganz so freiwillig war das ja auch nicht. Ich hatte in

Deutschland studiert, war recte Mediziner geworden, ein guter Arzt sogar

mit einer Anstellung an der Leipziger Klinik; irgendwo in einem

verschollenen Jahrgang der Medizinischen Blätter haben sie damals viel

Aufhebens gemacht von einer neuen Injektion, die ich als erster

praktiziert hatte. Da kam eine Weibergeschichte, eine Person, die ich im

Krankenhaus kennen lernte: sie hatte ihren Geliebten so toll gemacht,

daß er sie mit dem Revolver anschoß, und bald war ich ebenso toll wie

er. Sie hatte eine Art, hochmütig und kalt zu sein, die mich rasend

machte -- mich hatten immer schon Frauen in der Faust, die herrisch und

frech waren, aber diese bog mich zusammen, daß mir die Knochen brachen.

Ich tat, was sie wollte, ich -- nun, warum soll ichs nicht sagen, es

sind acht Jahre her -- ich tat für sie einen Griff in die Spitalskasse,

und als die Sache aufflog, war der Teufel los. Ein Onkel deckte noch den

Abgang, aber mit der Karriere war es vorbei. Damals hörte ich gerade,

die holländische Regierung werbe Ärzte an für die Kolonien und biete ein

Handgeld. Nun, ich dachte gleich, es müßte ein sauberes Ding sein, für

das man Handgeld biete, ich wußte, daß die Grabkreuze auf diesen

Fieberplantagen dreimal so schnell wachsen als bei uns, aber wenn man

jung ist, glaubt man, das Fieber und der Tod springt immer nur auf die

andern. Nun, ich hatte da nicht viel Wahl, ich fuhr nach Rotterdam,

verschrieb mich auf zehn Jahre, bekam ein ganz nettes Bündel Banknoten,

die Hälfte schickte ich nach Hause an den Onkel, die andere Hälfte jagte

mir eine Person dort im Hafenviertel ab, die alles von mir

herauskriegte, nur weil sie jener verfluchten Katze so ähnlich war. Ohne

Geld, ohne Uhr, ohne Illusionen bin ich dann abgesegelt von Europa und

war nicht sonderlich traurig, als wir aus dem Hafen steuerten. Und dann

saß ich so auf Deck wie Sie, wie alle saßen und sah das Südkreuz und die

Palmen, das Herz ging mir auf -- ah, Wälder, Einsamkeit, Stille, träumte

ich! Nun -- an Einsamkeit bekam ich gerade genug. Man setzte mich nicht

nach Batavia oder Surabaya, in eine Stadt, wo es Menschen gibt und Klubs

und Golf und Bücher und Zeitungen, sondern -- nun der Name tut ja nichts

zur Sache -- in irgendeine der Distriktstationen, zwei Tagereisen von

der nächsten Stadt. Ein paar langweilige, verdorrte Beamte, ein paar

Halfcast, das war meine ganze Gesellschaft, sonst weit und breit nur

Wald, Plantagen, Dickicht und Sumpf.

Im Anfang wars noch erträglich. Ich trieb allerhand Studien; einmal, als

der Vizeresident auf der Inspektionsreise mit dem Automobil umgeworfen

und sich ein Bein zerschmettert hatte, machte ich ohne Gehilfen eine

Operation, über die viel geredet wurde, ich sammelte Gifte und Waffen

der Eingeborenen, ich beschäftigte mich mit hundert kleinen Dingen, um

mich wach zu halten. Aber all dies ging nur, solang die Kraft von Europa

her in mir noch funktionierte: dann trocknete ich ein. Die paar Europäer

langweilten mich, ich brach den Verkehr ab, trank und träumte in mich

hinein. Ich hatte ja nur noch zwei Jahre, dann war ich frei mit Pension,

konnte nach Europa zurückkehren, noch einmal ein Leben anfangen.

Eigentlich tat ich nichts mehr als warten, stilliegen und warten. Und so

säße ich heute noch, wenn nicht sie ... wenn das nicht gekommen wäre.«

* * * * *

Die Stimme im Dunkeln hielt inne. Auch die Pfeife glimmte nicht mehr. So

still war es, daß ich mit einem Male wieder das Wasser hörte, das sich

schäumend am Kiel brach, und den fernen, dumpfen Herzstoß der Maschine.

Ich hätte mir gern eine Zigarette angezündet, aber ich hatte Furcht vor

dem grellen Aufschlag des Zündholzes und dem Reflex in seinem Gesicht.

Er schwieg und schwieg. Ich wußte nicht, ob er zu Ende sei, ob er

duselte, ob er schlief, so tot war sein Schweigen.

Da schlug die Schiffsglocke einen geraden, kräftigen Schlag: ein Uhr. Er

fuhr auf: ich hörte wieder das Glas klingen. Offenbar tastete die Hand

suchend zum Whisky hinab. Ein Schluck gluckste leise -- dann plötzlich

begann die Stimme wieder, aber jetzt gleichsam gespannter,

leidenschaftlicher.

»Ja also ... warten Sie ... ja also, das war so. Ich sitze da droben in

meinem verfluchten Nest, sitze wie die Spinne im Netz regungslos seit

Monaten schon. Es war gerade nach der Regenzeit, Wochen und Wochen hatte

es auf das Dach geplätschert, kein Mensch war gekommen, kein Europäer,

täglich, täglich hatte ich dagesessen mit meinen gelben Weibern im Haus

und meinem guten Whisky. Ich war damals gerade ganz »_down_«, ganz

europakrank: wenn ich irgendeinen Roman las von hellen Straßen und

weißen Frauen, begannen mir die Finger zu zittern. Ich kann Ihnen den

Zustand nicht ganz schildern, es ist eine Art Tropenkrankheit, eine

wütige, fiebrige und doch kraftlose Nostalgie, die einen manchmal packt.

So saß ich damals, ich glaube über einem Atlas, und träumte mir Reisen

aus. Da klopft es aufgeregt an die Tür, der Boy steht draußen und eines

von den Weibern, beide haben die Augen ganz aufgerissen vor Erstaunen.

Sie machen große Gebärden: eine Dame sei hier, eine Lady, eine weiße

Frau.

Ich fahre auf. Ich habe keinen Wagen kommen gehört, kein Automobil. Eine

weiße Frau hier in dieser Wildnis?

Ich will die Treppe hinab, reiße mich aber noch zurück. Ein Blick in den

Spiegel, hastig richte ich mich ein wenig zurecht. Ich bin nervös,

unruhig, irgendwie gequält von unangenehmem Vorgefühl, denn ich weiß

niemanden auf der Welt, der aus Freundschaft zu mir käme. Endlich gehe

ich hinunter.

Im Vorraum wartet die Dame und kommt mir hastig entgegen. Ein dicker

Automobilschleier verhüllt ihr Gesicht. Ich will sie begrüßen, aber sie

fängt mir rasch das Wort ab. »Guten Tag, Doktor,« sagte sie auf englisch

in einer fließenden (etwas zu leicht fließenden und wie im voraus

eingelernten) Art. »Verzeihen Sie, daß ich Sie überfalle. Aber wir waren

gerade in der Station, unser Auto hält drüben« -- warum fährt sie nicht

bis vors Haus, schießt es mir blitzschnell durch den Kopf -- »da

erinnerte ich mich, daß Sie hier wohnen. Ich habe schon so viel von

Ihnen gehört, Sie haben ja eine wirkliche Zauberei mit dem

Vizeresidenten gemacht, sein Bein ist wieder tadellos _allright_, er

spielt Golf wie früher. Ah, ja, alles spricht noch davon drunten bei

uns, und wir wollten alle unseren brummigen Surgeon und noch die zwei

andern hergeben, wenn Sie zu uns kämen. Überhaupt, warum sieht man Sie

nie drunten, Sie leben ja wie ein Joghi ...«

Und so plappert sie weiter, hastig und immer hastiger, ohne mich zu

Worte kommen zu lassen. Etwas Nervöses und Fahriges ist in diesem

talkigen Geschwätz, und ich werde selbst unruhig davon. Warum spricht

sie soviel, frage ich mich innerlich, warum stellt sie sich nicht vor,

warum nimmt sie den Schleier nicht ab? Hat sie Fieber? Ist sie krank?

Ist sie toll? Ich werde immer nervöser, weil ich die Lächerlichkeit

empfinde, so stumm vor ihr zu stehen, übergossen von ihrer prasselnden

Geschwätzigkeit. Endlich stoppt sie ein wenig, und ich kann sie

hinaufbitten. Sie macht dem Boy eine Bewegung, zurückzubleiben, und geht

vor mir die Treppe empor.

»Nett haben Sie es hier,« sagt sie, in meinem Zimmer sich umsehend. »Ah,

die schönen Bücher! die möchte ich alle lesen!« Sie tritt an das Regal

und mustert die Büchertitel. Zum erstenmal, seit ich ihr

entgegengetreten, schweigt sie für eine Minute.

»Darf ich Ihnen einen Tee anbieten?« fragte ich.

Sie wendet sich nicht um und sieht nur auf die Büchertitel. »Nein,

danke, Doktor ... wir müssen gleich wieder weiter ...: ich habe nicht

viel Zeit ... war ja nur ein kleiner Ausflug ... Ach, da haben Sie auch

den Flaubert, den liebe ich so sehr ... wundervoll, ganz wundervoll, die

>_Education sentimentale_< ... ich sehe, Sie lesen auch französisch ...

Was Sie alles können! ... ja, die Deutschen, die lernen alles auf der

Schule ... Wirklich großartig, so viel Sprachen zu können! ... Der

Vizeresident schwört auf Sie, sagt immer, Sie seien der einzige, dem er

unter das Messer ginge ... unser guter Surgeon drüben taugt gerade zum

Bridgespiel ... Übrigens wissen Sie -- (sie wendete sich noch immer

nicht um) heute kams mir selbst in den Sinn, ich sollte Sie einmal

konsultieren ... und weil wir eben vorüberfuhren, dachte ich ... nun,

Sie haben jetzt wohl zu tun ... ich komme lieber ein andermal.«

»Deckst du endlich die Karten auf!« dachte ich mir sofort. Aber ich ließ

nichts merken, sondern versicherte ihr, es würde mir nur eine Ehre sein,

jetzt und wann immer sie wolle, ihr zu dienen.

»Es ist nichts Ernstes,« sagte sie, sich halb umwendend und gleichzeitig

in einem Buch blätternd, das sie vom Regal genommen hatte, »nichts

Ernstes ... Kleinigkeiten ... Weibersachen ... Schwindel, Ohnmachten.

Heute früh schlug ich, als wir eine Kurve machten, plötzlich hin, _raide

morte_ ... der Boy mußte mich aufrichten im Auto und Wasser holen ...

nun, vielleicht ist der Chauffeur zu rasch gefahren ... meinen Sie

nicht, Doktor?«

»Ich kann das so nicht beurteilen. Haben Sie öfter derlei Ohnmachten?«

»Nein ..., das heißt ja ... in der letzten Zeit ... gerade in der

allerletzten Zeit ... ja ... solche Ohnmachten und Übelkeiten.«

Sie steht schon wieder vor dem Bücherschrank, tut das Buch hinein, nimmt

ein anderes heraus und blättert darin. Merkwürdig, warum blättert sie

immer so ... so nervös, warum schaut sie unter dem Schleier nicht auf?

Ich sage mit Absicht nichts. Es reizt mich, sie warten zu lassen.

Endlich fängt sie wieder an in ihrer nonchalanten, plapperigen Art.

»Nicht wahr, Doktor, nichts Bedenkliches das? Keine Tropensache ...

nichts Gefährliches ...«

»Ich müßte erst sehen, ob Sie Fieber haben. Darf ich um Ihren Puls

bitten ...«

Ich gehe auf sie zu. Sie weicht leicht zur Seite.

»Nein, nein, ich habe kein Fieber ... gewiß, ganz gewiß nicht ... ich

habe mich selbst gemessen jeden Tag, seit ... seit diese Ohnmachten

kamen. Nie Fieber, immer tadellos 36.4 auf den Strich. Auch mein Magen

ist gesund.«

Ich zögere einen Augenblick. Die ganze Zeit schon prickelt in mir ein

Argwohn: ich spüre, diese Frau will etwas von mir, man kommt nicht in

eine Wildnis, um über Flaubert zu sprechen. Eine, zwei Minuten lasse ich

sie warten. »Verzeihen Sie,« sage ich dann geradewegs, »darf ich einige

Fragen ganz frei stellen?«

»Gewiß, Doktor! Sie sind doch Arzt,« antwortet sie, aber schon wendet

sie mir wieder den Rücken und spielt mit den Büchern.

»Haben Sie Kinder gehabt?«

»Ja, einen Sohn.«

»Und haben Sie ... haben Sie vorher ... ich meine damals ... haben Sie

da ähnliche Zustände gehabt?«

»Ja.«

Ihre Stimme ist jetzt ganz anders. Ganz klar, ganz bestimmt, gar nicht

mehr plapprig, gar nicht mehr nervös.

»Und wäre es möglich, daß Sie ... verzeihen Sie die Frage ... daß Sie

jetzt in einem ähnlichen Zustande sind?«

»Ja.«

Wie ein Messer scharf und schneidend läßt sie das Wort fallen. In ihrem

abgewandten Kopf zuckt nicht eine Linie.

»Vielleicht wäre es da am besten, gnädige Frau, ich nehme eine

allgemeine Untersuchung vor ... darf ich Sie vielleicht bitten, sich ...

sich in das andere Zimmer hinüber zu bemühen?«

Da wendet sie sich plötzlich um. Durch den Schleier fühle ich einen

kalten, entschlossenen Blick mir gerade entgegen.

»Nein ... das ist nicht nötig ... ich habe volle Gewißheit über meinen

Zustand.««

* * * * *

Die Stimme zögert einen Augenblick. Wieder blinkert im Dunkel das

gefüllte Glas.

»Also hören Sie ... aber versuchen Sie zuerst einen Augenblick sich das

zu überdenken. Da drängt sich zu einem, der in seiner Einsamkeit

vergeht, eine Frau herein, die erste weiße Frau betritt seit Jahren das

Zimmer ... und plötzlich spüre ichs, es ist etwas Böses im Zimmer, eine

Gefahr. Irgendwie überliefs mich: mir graute vor der stählernen

Entschlossenheit dieses Weibes, die da mit plapprigen Reden

hereingekommen war und dann mit einemmal ihre Forderung zückt, wie ein

Messer. Denn was sie von mir wollte, wußte ich ja, wußte ich sofort --

es war nicht das erstemal, daß Frauen so etwas von mir verlangten, aber

sie kamen anders, kamen verschämt oder flehend, kamen mit Tränen und

Beschwörungen. Hier aber war eine ... ja, eine stählerne, eine männliche

Entschlossenheit ... von der ersten Sekunde spürte ichs, daß diese Frau

stärker war als ich ... daß sie mich in ihren Willen zwingen konnte, wie

sie wollte ... Aber ... aber ... es war auch etwas Böses in mir ... der

Mann, der sich wehrte, irgendeine Erbitterung, denn ... ich sagte es ja

schon ... von der ersten Sekunde, ja, noch ehe ich sie gesehen, empfand

ich diese Frau als Feind.

Ich schwieg zunächst. Schwieg hartnäckig und erbittert. Ich spürte, daß

sie mich unter dem Schleier ansah -- gerade und fordernd ansah, daß sie

mich zwingen wollte zu sprechen. Aber ich gab nicht so leicht nach. Ich

begann zu sprechen, aber ... ausweichend ... ja unbewußt ahmte ich ihre

plapprige, gleichgültige Art nach. Ich tat, als ob ich sie nicht

verstünde, denn -- ich weiß nicht, ob Sie das nachfühlen können -- ich

wollte sie zwingen, deutlich zu werden, ich wollte nicht anbieten,

sondern ... gebeten sein ... gerade von ihr, weil sie so herrisch kam

... und weil ich wußte, daß ich bei Frauen nichts so unterliege als

dieser hochmütigen kalten Art.

Ich redete also herum, dies sei ganz unbedenklich, solche Ohnmachten

gehörten zum regulären Lauf der Dinge, im Gegenteil, sie verbürgten

beinahe eine gute Entwicklung. Ich zitierte Fälle aus den klinischen

Zeitungen ... ich sprach, ich sprach, lässig und leicht, immer die

Angelegenheit ganz wie eine Banalität betrachtend und ... und wartete

immer, daß sie mich unterbrechen würde. Denn ich wußte, sie würde es

nicht ertragen.

Da fuhr sie schon scharf dazwischen, mit einer Handbewegung gleichsam

das ganze beruhigende Gerede wegstreifend.

»Das ist es nicht, Doktor, was mich unsicher macht. Damals, als ich

meinen Buben bekam, war ich in besserer Verfassung ... aber jetzt bin

ich nicht mehr allright ... ich habe Herzzustände ...«

»Ach, Herzzustände,« wiederholte ich, scheinbar beunruhigt, »da will ich

doch gleich nachsehen.« Und ich machte eine Bewegung, als ob ich

aufstehen und das Hörrohr holen wollte.

Aber schon fuhr sie dazwischen. Die Stimme war jetzt ganz scharf und

bestimmt -- wie am Kommandoplatz.

»Ich _habe_ Herzzustände, Doktor, und ich muß Sie bitten, zu glauben,

was ich Ihnen sage. Ich möchte nicht viel Zeit mit Untersuchungen

verlieren -- Sie könnten mir, meine ich, etwas mehr Vertrauen

entgegenbringen. Ich wenigstens habe mein Vertrauen zu Ihnen genug

bezeugt.«

Jetzt war es schon Kampf, offene Herausforderung. Und ich nahm sie an.

»Zum Vertrauen gehört Offenheit, rückhaltlose Offenheit. Reden Sie klar,

ich bin Arzt. Und vor allem nehmen Sie den Schleier ab, setzen Sie sich

her, lassen Sie die Bücher und die Umwege. Man kommt nicht zum Arzt im

Schleier.«

Sie sah mich an, aufrecht und stolz. Einen Augenblick zögerte sie. Dann

setzte sie sich nieder, zog den Schleier hoch. Ich sah ein Gesicht, ganz

so wie ich es -- gefürchtet hatte, ein undurchdringliches Gesicht, hart,

beherrscht, von einer alterslosen Schönheit, ein Gesicht mit grauen

englischen Augen, in denen alles Ruhe schien und hinter die man doch

alles Leidenschaftliche träumen konnte. Dieser schmale, verpreßte Mund

gab kein Geheimnis her, wenn er nicht wollte. Eine Minute lang sahen wir

einander an -- sie befehlend und fragend zugleich, mit einer so kalten,

stählernen Grausamkeit, daß ich es nicht ertrug und unwillkürlich zur

Seite blickte.

Sie klopfte leicht mit dem Knöchel auf den Tisch. Also auch in ihr war

Nervosität. Dann sagte sie plötzlich rasch:

»Wissen Sie, Doktor, was ich von Ihnen will, oder wissen Sie es nicht?«

»Ich glaube es zu wissen. Aber seien wir lieber ganz deutlich. Sie

wollen Ihrem Zustand ein Ende bereiten ... Sie wollen, daß ich Sie von

Ihrer Ohnmacht, Ihren Übelkeiten befreie, indem ich ... indem ich die

Ursache beseitige. Ist es das?«

»Ja.«

Wie ein Fallbeil zuckte das Wort.

»Wissen Sie auch, daß solche Versuche gefährlich sind ... für beide

Teile ...?«

»Ja.«

»Daß es gesetzlich mir untersagt ist?«

»Es gibt Möglichkeiten, wo es nicht untersagt, sondern sogar geboten

ist.«

»Aber diese erfordern eine ärztliche Indikation.«

»So werden Sie diese Indikation finden. Sie sind Arzt.«

Klar, starr, ohne zu zucken, blickten mich ihre Augen dabei an. Es war

ein Befehl, und ich Schwächling bebte in Bewunderung vor der dämonischen

Herrischkeit ihres Willens. Aber ich krümmte mich noch, ich wollte nicht

zeigen, daß ich schon zertreten war. -- »Nur nicht zu rasch! Umstände

machen! Sie zur Bitte zwingen,« funkelte in mir irgendein Gelüst.

»Das liegt nicht immer im Willen des Arztes. Aber ich bin bereit, mit

einem Kollegen im Krankenhaus ...«

»Ich will Ihren Kollegen nicht ... ich bin zu Ihnen gekommen.«

»Darf ich fragen, warum gerade zu mir?«

Sie sah mich kalt an.

»Ich habe kein Bedenken, es Ihnen zu sagen. Weil Sie abseits wohnen,

weil Sie mich nicht kennen -- weil Sie ein guter Arzt sind, und weil Sie

...« jetzt zögerte sie zum ersten Male -- »wohl nicht mehr lange in

dieser Gegend bleiben werden, besonders wenn Sie ... wenn Sie eine

größere Summe nach Hause bringen können.«

Mich überliefs kalt. Diese eherne, diese Merchant-, diese

Kaufmannsklarheit der Berechnung betäubte mich. Bisher hatte sie ihre

Lippen noch nicht zur Bitte aufgetan -- aber alles längst auskalkuliert,

mich erst umlauert und dann aufgespürt. Ich spürte, wie das Dämonische

ihres Willens in mich eindrang, aber ich wehrte mich mit all meiner

Erbitterung. Noch einmal zwang ich mich sachlich -- ja fast ironisch zu

sein.

»Und diese größere Summe würden Sie ... würden Sie mir zur Verfügung

stellen?«

»Für Ihre Hilfe und sofortige Abreise.«

»Wissen Sie, daß ich dadurch meine Pension verliere?«

»Ich werde sie Ihnen entschädigen.«

»Sie sind sehr deutlich ... Aber ich will noch mehr Deutlichkeit. Welche

Summe haben Sie als Honorar in Aussicht genommen?«

»Zwölftausend Gulden, zahlbar auf Scheck in Amsterdam.«

Ich ... zitterte ... ich zitterte vor Zorn und ... ja auch vor

Bewunderung. Alles hatte sie berechnet, die Summe und die Art der

Zahlung, durch die ich zur Abreise genötigt war, sie hatte mich

eingeschätzt und gekauft, ohne mich zu kennen, hatte über mich verfügt

im Vorgefühl ihres Willens. Am liebsten hätte ich ihr ins Gesicht

geschlagen ... Aber wie ich zitternd aufstand -- auch sie war

aufgestanden -- und ihr gerade Auge in Auge starrte, da überkam mich

plötzlich bei dem Blick auf diesen verschlossenen Mund, der nicht

bitten, auf ihre hochmütige Stirn, die sich nicht beugen wollte ... eine

... eine Art gewalttätiger Gier. Sie mußte irgend etwas davon fühlen,

denn sie spannte ihre Augenbrauen hoch, wie wenn man jemand Lästigen

wegweisen will: der Haß zwischen uns war plötzlich nackt. Ich wußte, sie

haßte mich, weil sie mich brauchte, und ich haßte sie, weil ... weil sie

nicht bitten wollte. Diese eine, diese eine Sekunde Schweigen sprachen

wir zum erstenmal ganz aufrichtig zueinander. Dann biß sich plötzlich

wie ein Reptil mir ein Gedanke ein, und ich sagte ihr ... ich sagte ihr

...

Aber warten Sie, so würden Sie es falsch verstehen, was ich tat ... was

ich sagte ... ich muß Ihnen erst erklären, wie ... wieso dieser

wahnsinnige Gedanke in mich kam ...«

* * * * *

Wieder klirrte leise im Dunkel das Glas. Und die Stimme wurde erregter.

»Nicht daß ich mich entschuldigen will, mich rechtfertigen, mich

reinwaschen ... Aber Sie verstehen es sonst nicht ... Ich weiß nicht, ob

ich je so etwas wie ein guter Mensch gewesen bin, aber ... ich glaube,

hilfreich war ich immer ... In dem dreckigen Leben da drüben war das ja

die einzige Freude, die man hatte, mit der Handvoll Wissenschaft, die

man sich ins Hirn gepreßt, irgendeinem Stück Leben den Atem erhalten zu

können ... so eine Art Herrgottsfreude ... Wirklich, es waren meine

schönsten Augenblicke, wenn so ein gelber Bursch kam, blauweiß vor

Schrecken, einen Schlangenbiß im hochgeschwollenen Fuß, und schon

heulte, man solle ihm das Bein nicht abschneiden, und ich kriegte es

noch fertig, ihn zu retten. Stundenweit bin ich gefahren, wenn irgendein

Weib im Fieber lag -- auch so wie diese es wollte, habe ich geholfen,

schon in Europa drüben an der Klinik. Aber da spürte mans wenigstens,

daß dieser Mensch einen _brauchte_, da wußte mans, daß man jemand vom

Tode rettete oder vor der Verzweiflung -- und das braucht man eben

selbst zum Helfen, dies Gefühl, daß der andere einen braucht.

Aber diese Frau -- ich weiß nicht, ob ich es Ihnen schildern kann -- sie

regte mich auf, reizte mich von dem Augenblick, da sie scheinbar

promenierend hereinkam, durch ihren Hochmut zu einem Widerstand, sie

reizte alles -- wie soll ichs sagen ... sie reizte alles Gedrückte,

alles Versteckte, alles Böse in mir zur Gegenwehr. Daß sie Lady spielte,

unnahbar kühl ein Geschäft entrierte, wo es um Tod und Leben ging, das

machte mich toll ... Und dann ... dann ... schließlich wird man doch

nicht schwanger vom Golfspielen ... ich wußte ... das heißt, ich mußte

plötzlich mit einer -- und das war jener Gedanke -- mit einer

entsetzlichen Deutlichkeit mich daran erinnern, daß diese Kühle, diese

Hochmütige, diese Kalte, die steil die Augenbrauen über ihre stählernen

Augen hochzog, als ich sie nur abwehrend ... ja fast wegstoßend

anblickte, daß die sich zwei oder drei Monate vorher heiß im Bett mit

einem Mann gewälzt hatte, nackt wie ein Tier und vielleicht stöhnend vor

Lust, die Körper ineinander verbissen wie zwei Lippen ... Das, das war

der brennende Gedanke, der mich überfiel, als sie mich so hochmütig, so

unnahbar kühl, ganz wie ein englischer Offizier anblickte ... und da, da

spannte sich alles in mir ... ich war besessen von der Idee, sie zu

erniedrigen ... von dieser Sekunde sah ich durch das Kleid ihren Körper

nackt ... von dieser Sekunde an lebte ich nur im Gedanken, sie zu

besitzen, ein Stöhnen aus ihren harten Lippen zu pressen, diese Kalte,

diese Hochmütige in Wollust zu fühlen so wie jener, jener andere, den

ich nicht kannte. Das ... das wollte ich Ihnen erklären ... Ich habe

nie, so verkommen ich war, sonst als Arzt die Situation zu nutzen

gesucht ... Aber diesmal war es ja nicht Geilheit, nicht Brunst, nichts

Sexuelles, wahrhaftig nicht ... ich würde es ja eingestehen ... nur die

Gier, eines Hochmuts Herr zu werden ... Herr als Mann ... Ich sagte es

Ihnen, glaube ich, schon, daß hochmütige, scheinbar kühle Frauen von je

über mich Macht hatten ... aber jetzt, jetzt kam noch dies dazu, daß ich

sieben Jahre hier lebte, ohne eine weiße Frau gehabt zu haben, daß ich

Widerstand nicht kannte ... Denn diese Mädchen hier, diese zwitschernden

kleinen zierlichen Tierchen, die zittern ja vor Ehrfurcht, wenn ein

Weißer, ein »Herr«, sie nimmt ... sie löschen aus in Demut, immer sind

sie einem offen, immer bereit, mit ihrem leisen, glucksenden Lachen

einem zu dienen ... aber gerade diese Unterwürfigkeit, dieses Sklavische

verschweint einem den Genuß ... Verstehen Sie jetzt, verstehen Sie es,

wie das dann auf mich hinschmetternd wirkte, wenn da plötzlich eine Frau

kam, voll von Hochmut und Haß, verschlossen bis an die Fingerspitzen,

zugleich funkelnd von Geheimnis und beladen mit früherer Leidenschaft

... wenn eine solche Frau in den Käfig eines solchen Mannes, einer so

vereinsamten, verhungerten, abgesperrten Menschenbestie frech eintritt

... Das ... das wollte ich nur sagen, damit Sie das andere verstehen ...

das, was jetzt kam. Also ... voll von irgendeiner bösen Gier, vergiftet

von dem Gedanken an sie, nackt, sinnlich, hingegeben, ballte ich mich

gleichsam zusammen und täuschte Gleichgültigkeit vor. Ich sagte kühl:

»Zwölftausend Gulden? ... Nein, dafür werde ich es nicht tun.«

Sie sah mich an, ein wenig blaß. Sie spürte wohl schon, daß in diesem

Widerstand nicht Geldgier war. Aber doch sagte sie:

»Was verlangen Sie also?«

Ich ging auf den kühlen Ton nicht mehr ein. »Spielen wir mit offenen

Karten. Ich bin kein Geschäftsmann ... ich bin nicht der arme Apotheker

aus Romeo und Julia, der für >_corrupted gold_< sein Gift verkauft ...

ich bin vielleicht das Gegenteil eines Geschäftsmannes ... auf diesem

Wege werden Sie Ihren Wunsch nicht erfüllt sehen.«

»Sie wollen es also nicht tun?«

»Nicht für Geld.«

Es wurde ganz still für eine Sekunde zwischen uns. So still, daß ich sie

zum erstenmal atmen hörte.

»Was können Sie denn sonst wünschen?«

Jetzt hielt ich mich nicht mehr.

»Ich wünsche zuerst, daß Sie ... daß Sie zu mir nicht wie zu einem

Krämer reden, sondern wie zu einem Menschen. Daß Sie, wenn Sie Hilfe

brauchen, nicht ... nicht gleich mit Ihrem schändlichen Geld kommen ...

sondern bitten ... mich, den Menschen, bitten, Ihnen, dem Menschen, zu

helfen ... Ich bin nicht nur Arzt, ich habe nicht nur Sprechstunden ...

ich habe auch andere Stunden ... vielleicht sind Sie in eine solche

Stunde gekommen ...«

Sie schweigt einen Augenblick. Dann krümmt sich ihr Mund ganz leicht,

zittert und sagt rasch:

»Also wenn ich Sie bitten würde ... dann würden Sie es tun?«

»Sie wollen schon wieder ein Geschäft machen -- Sie wollen nur bitten,

wenn ich erst verspreche. Erst müssen Sie mich bitten -- dann werde ich

Ihnen antworten.«

Sie wirft den Kopf hoch wie ein trotziges Pferd. Zornig sieht sie mich

an.

»Nein, -- ich werde Sie nicht bitten. Lieber zugrunde gehen!«

Da packt mich der Zorn, der rote, sinnlose Zorn.

»Dann werde ich fordern, wenn Sie nicht bitten wollen. Ich glaube, ich

muß nicht erst deutlich sein -- Sie wissen, was ich von Ihnen begehre.

Dann -- dann werde ich Ihnen helfen.«

Einen Augenblick starrte sie mich an. Dann -- o ich kann, ich kann nicht

sagen, wie entsetzlich das war -- dann spannten sich ihre Züge, und dann

... dann _lachte_ sie mit einem Male ... lachte sie mir mit einer

unsagbaren Verächtlichkeit ins Gesicht ... mit einer Verächtlichkeit,

die mich zerstäubte ... und die mich berauschte zugleich ... Es war wie

eine Explosion, so plötzlich, so aufspringend, so mächtig losgesprengt

von einer ungeheuren Kraft dieses Lachen der Verächtlichkeit, daß ich

... ja daß ich hätte zu Boden sinken können und ihr die Füße küssen.

Eine Sekunde dauerte es nur ... es war wie ein Blitz, und ich hatte das

Feuer im ganzen Körper ... da wandte sie sich schon und ging hastig auf

die Tür zu.

Unwillkürlich wollte ich ihr nach ... mich entschuldigen ... sie

anflehen ... meine Kraft war ja ganz zerbrochen ... da kehrte sie sich

noch einmal um und sagte ... nein, sie _befahl_:

»Unterstehen Sie sich nicht mir zu folgen oder nachzuspüren ... Sie

würden es bereuen.«

Amok: Novellen einer Leidenschaft · 第 6 / 16 题