An seine Leonore

Bist du denn noch Leonore,

Der so manch verliebter Schwur

(Sinne nach, bei welchem Tore!)

Unter Kuß und Schmerz entfuhr,

Ach, so nimm die stummen Lieder

Eben noch mit dieser Hand,

Die mir ehmals Herz und Glieder

Mit der stärksten Reizung band.

Durch dein sehnliches Entbehren

Werd' ich vor den Jahren grau,

Und der Zufluß meiner Zähren

Mehrt schon lange Reif und Tau;

Meine Schwachheit, mein Verbleichen

Und die Brust, so stündlich lechzt,

Wird des Kummers Siegeszeichen,

Der aus unsrer Trennung wächst.

Lust und Mut und Geist zum Dichten,

Feuer, Tugend, Ruhm und Fleiß

Suchen mit Gewalt zu flüchten

Und verlieren ihren Preis,

Weil der Zunder deiner Küsse

Meinen Trieb nicht mehr erweckt,

Und die Führung harter Schlüsse

Ein betrübtes Ziel gesteckt.

Aller Bilder meiner Sinnen

Sind mir Ekel und Verdruß,

Da sie nichts als Gram gewinnen,

Weil ich dich noch suchen muß;

Nichts ergötzt mich mehr auf Erden

Als das Weinen in der Nacht,

Wenn es unter viel Beschwerden

Dein Gedächtnis munter macht.

Jedes Blatt von deinen Händen

Ist ein Blatt voll Klag' und Weh',

Und ich kann es niemals wenden,

Daß kein Stich ans Herze geh';

Die Versichrung leerer Zeilen

Gibt den Leibern wenig Kraft,

Welche Luft und Ort zerteilen.

O bedrängte Leidenschaft!

Er gibt Leonoren ihr Wort zurück

Mein Kummer weint allein um dich,

Mit mir ist's so verloren,

Die Umständ' überweisen mich,

Ich sei zur Not geboren.

Ach, spare Seufzer, Wunsch und Flehn,

Du wirst mich wohl nicht wiedersehn

Als etwan in den Auen,

Die Glaub' und Hoffnung schauen.

Vor diesem, da mir Fleiß und Kunst

Auf künftig Glücke blühte,

Und mancher sich um Günthers Gunst

Schon zum voraus bemühte,

Da dacht' ich, wider Feind und Neid

Die Palmen der Beständigkeit

Mit selbst erworbnem Segen

Dir noch in Schoß zu legen.

Der gute Vorsatz geht in Wind;

Ich soll im Staube liegen

Und als das ärmste Findelkind

Mich unter Leuten schmiegen;

Man läßt mich nicht, man stößt mich gar

Noch stündlich tiefer in Gefahr

Und sucht mein schönstes Leben

Der Marter preiszugeben.

So wird auch wohl mein Alter sein!

Ich bin des Klagens müde

Und mag nichts mehr gen Himmel schrein

Als: Herr, nun laß im Friede!

Kraft, Mut und Jugend sind fast hin,

Daher ich nicht mehr fähig bin,

Durch auserles'ne Sachen

Mir Gut und Ruhm zu machen.

Nimm also, liebstes Kind, dein Herz,

O schweres Wort, zurücke

Und kehre dich an keinen Schmerz,

Womit ich's wiederschicke;

Es ist zu edel und zu treu,

Als daß es mein Gefährte sei

Und wegen fremder Plage

Sein eignes Heil verschlage.

Du kannst dir durch dies teure Pfand

Was Köstlichers erwerben,

Mir mehrt es nur den Jammerstand

Und läßt mich schwerer sterben;

Denn weil du mich so zärtlich liebst,

Und alles vor mein Wohlsein gibst,

So fühl' ich halbe Leiche

Auch zweifach scharfe Streiche.

Ich schwur vor diesem: nur der Tod,

Sonst soll uns wohl nichts trennen,

Verzeih' es jetzo meiner Not,

Die kann ich dir nicht gönnen;

Ich liebe dich zu rein und scharf,

Als daß ich noch begehren darf,

Daß Lorchen auf der Erde

Durch mich zur Witwen werde.

So brich nur Bild und Ring entzwei

Und laß die Briefe lodern,

Ich gebe dich dem ersten frei

Und habe nichts zu fodern;

Es küsse dich ein andrer Mann,

Der zwar nicht treuer küssen kann,

Jedoch mit größerm Glücke

Dein würdig Brautkleid schmücke.

Vergiß mich stets und schlag mein Bild

Von nun an aus dem Sinne,

Mein letztes Wünschen ist erfüllt,

Wofern ich dies gewinne,

Daß mit der Zeit noch jemand spricht:

Wenn Philimen die Ketten bricht,

So sind's nicht Falschheitstriebe,

Er haßt sie nur aus Liebe.

Leonorens Antwort

Ach, liebster Schatz, verdient mein Herz

So hart versucht zu werden?

Es leidet ja wohl anderwärts

Vorhin genug Beschwerden,

Und dennoch fehlt ihm niemals Lust,

Erlaub' ihm nur in deiner Brust

Auf kurz genoss'ne Freuden

Die Ehre, mit zu leiden.

Ich hab' es ja nur dir geschenkt,

Nicht aber deinem Glücke,

Du irrst dich, wo dein Argwohn denkt,

Ich fluche dem Geschicke.

Ich weine zwar, doch bloß um dich,

Der Trost ist stark genug vor mich,

Wenn Philimen erkennet

Wie rein die Flamme brennet.

Auch mir hat ja wohl die Natur

Kein Holz vor Fleisch gegeben;

Dein Umgang half mir auf die Spur,

Der Weisheit nachzustreben.

Du hältst mich schwächer, als ich bin,

Ich schleiche zwar in Einfalt hin,

Doch weiß ich Lust und Plagen

Schon mit Vernunft zu tragen.

Ich bin auch zärtlich, wie du weißt,

Ich zittre bei den Schlägen;

Besinnt sich aber nur mein Geist,

Ich leide deinetwegen:

So bin ich tapfrer als ein Weib,

Es koste Güter, Ruh' und Leib;

Ich will mich allen Fällen

Beherzt entgegenstellen.

Kein andrer traut mir freilich zu,

Du kannst und mußt es glauben,

Nichts soll mir meine Seelenruh

In deiner Liebe rauben.

Bedenk es selbst, was macht ein Kuß,

Den oft die Unschuld leiden muß?

Ich kann's gleichwohl nicht wagen,

Dir einen zu vertragen.

Bleib, wo, wie lang und wer du willst,

Nur lieb' und bleib' mein eigen:

So wenig du auch jetzo giltst,

So plötzlich kannst du steigen;

Gesetzt, es sei dir nichts beschert,

Ach, halt mich deines Elends wert;

Ich will mit viel Vergnügen

Bei dir in Hütten liegen.

Der Geiz besitzt nicht, was er hat,

Und läßt die Armut lachen,

Die Liebe weiß die Lagerstatt

Auf Rasen weich zu machen;

Mein Herz sucht manches zu verstehn,

Da will ich erst zur Schule gehn

Und unter deinen Lehren

Viel fremde Wunder hören.

Da soll mir dein beredter Geist

Mit untermengten Küssen

Mit Sachen, die er meint und weiß,

So Tisch als Traum versüßen;

Da werd' ich viel, was längst geschehn,

Mit lüstern Ohren wieder sehn

Und auch wohl an den Sternen

Des Schöpfers Allmacht lernen.

Geht hin, ihr Docken stolzer Welt,

Macht höhnische Gesichter,

Erfreut euch unter Stand und Geld!

Ich habe meinen Dichter.

Er liebt wie ich, und ich wie er,

Was macht mir mehr das Herze schwer?

Die Möglichkeit, das Leben

Nach ihm erst aufzugeben.

* * * * *

Die unwiederbringliche Zeit

Ich weiß noch wohl die liebe Zeit,

In der ich mich genug erfreut.

Was waren das vor süße Tage?

Die Schläfe trugen Blum' und Glut

Und kannten weder Wunsch noch Plage,

Noch was den Greisen bange tut.

Mein Sorgen ging auf Lust und Scherz.

Mein Herz war Amaranthens Herz,

Wir zählten weder Kuß noch Stunden,

Tanz, Schauplatz, Gärten, Spiel und Wein

Und aller Vorteil der Gesunden

Nahm Blut und Geist mit Wollust ein.

Wie? Was erzähl' ich einen Traum?

Zum wenigsten gedenkt mich's kaum.

Mein Gott, wie ist die Zeit entronnen?

Was hast du, Herz, von aller Lust?

Dies, daß du Reu' und Leid gewonnen

Und missen und entbehren mußt.

Bei der letzten Trennung

An Leonore

Will ich dich doch gerne meiden,

Gib mir nur noch einen Kuß,

Eh' ich sonst das Letzte leiden

Und den Ring zerbrechen muß!

Fühle doch die starken Triebe

Und des Herzens bange Qual!

Also bitter schmeckt der Liebe

So ein schönes Henkermahl.

Laß dich etwas Bessers küssen!

Alles gönn' und wünsch' ich dir!

Aber frag' auch dein Gewissen,

Dieser Zeuge bleibet mir.

Lerne doch nur weiter denken,

Dörft' es dich auch einmal reun?

Dörft' auch mein verstoßnes Kränken

Deines Ehstands Hölle sein?

Sieh, die Tropfen an den Birken

Tun dir selbst ihr Mitleid kund;

Weil verliebte Tränen würken,

Weinen sie um unsern Bund.

Diese zährenvolle Rinden

Ritzt die Unschuld und mein Flehn,

Denn sie haben dem Verbinden

Und der Trennung zugesehn.

Dieses rührt die toten Bäume,

Dich, mein Kind, ach, rührt es nicht!

Aber daß ich mich noch säume,

Da dein Scheiden gar nichts spricht,

Gönnt mir doch, ihr holden Lippen,

Eine kurze gute Nacht,

Eh' der Raum an solchen Klippen

Mein Gemüte scheiternd macht.

Gute Nacht, ihr liebsten Armen!

Meiner Glieder Müdigkeit

Wird nicht mehr in euch erwarmen;

Ach, wie quält die alte Zeit.

Gute Nacht, ihr schönsten Brüste!

Macht nun andre Hände voll;

Jetzo geh' ich in die Wüste,

Wo mein Elend schlafen soll.

In den Wäldern will ich irren,

Vor den Menschen will ich fliehn,

Mit verwaisten Tauben girren,

Mit verscheuchtem Wilde ziehn,

Bis der Gram mein Leben raube,

Bis die Kräfte sich verschrein,

Und da soll ein Grab vom Laube

Milder als dein Herze sein.

Kann ich dich an Treu beschämen,

Will ich noch dein Konterfei

In dem Tod ans Herze nehmen,

Daß er recht beweglich sei;

Sieht es niemand von den Leuten,

Sieht es doch der Himmel an,

Der dich bei gelegnen Zeiten

Wohl damit noch strafen kann.

Wirst du einmal durch die Sträuche

Halb verirrt spazieren gehn,

Ei, so bleib bei meiner Leiche

Nur mit andern Augen stehn.

Zeige sie dem neuen Schatze,

Der dir das Geleite gibt,

Und vermeld' ihm auf dem Platze:

Dieser hat mich auch geliebt.

Ach, wo bleibt ihr teuren Schwüre?

Ach, wo ist ein treuer Sinn,

Den ich schmerzlicher verliere,

Als ich selbst geboren bin?

Nimm das letzte Sehnsuchtszeichen: --

Nun, mein Kind, besinne dich; --

Dieses kann dich nicht erweichen,

Nimm es, und gedenk an mich!

Die verliebte Geduld. Kantate

Sei immerhin der Hand entrissen,

Im Herzen bleibst du dennoch mein,

Das Glücke mag das Bündnis brechen,

Die Schickung mag mir widersprechen,

Ich trotze doch ihr künftig Nein

Und will dich stets im Bilde küssen.

Ach Kind!

Ach, frage nur den Wind:

Wieviel und nasse Klagen

Sein müder Flug nach Anklam hingetragen?

Seitdem ein harter Schluß

Dich anderwärts verbunden.

Dies ist der Brunnquell tiefer Wunden,

Woran ich Kranker seufzen muß,

Solang' ich Blut und Adern fühle.

Ja, wäre hier

Die Vorsicht nicht im Spiele,

So würd' ich dir,

So würd' ich deiner Untreu fluchen

Und etwan so die Rache suchen:

Erzürnt euch, ihr Geister der höllischen Klüfte,

Eröffnet den Abgrund und schwefelt die Lüfte

Und zündet die Fackeln der Eifersucht an!

Bestraft nur die Falsche und weckt ihr Gewissen

Und laßt sie durch Feuer und Peinigung wissen,

Es werde kein Meineid vergebens getan.

Dergleichen Hochzeitssegen

Begrüßte deinen Wankelmut,

Verstünd ich nicht, was Gottes Finger tut.

Allein der Liebe wegen,

Womit du mich so hochgeschätzt,

Womit du mich so oft ergetzt,

Erlaß ich dir die Schuld,

Worein dich das Verhängnis führet.

Ich werde zärtlich scharf regieret;

Doch leid ich mit Geduld

Und stelle mir die alten Zeiten

Zum Troste dieses Kummers vor.

Mich deucht, es hört mein Ohr

Die angenehme Stimme rufen,

Mich deucht, ich sehe deine Stufen

Mit mir spazieren gehn.

Du bist mir jetzt noch schön,

Du strahlst mir noch, entfernt, ins Auge,

So daß ich frischen Zunder sauge,

Wenn Schlaf und Nacht

Gedanken zollfrei macht

Und Träume deinen Abriß bringen,

Mit dem ich bis am Morgen ringen

Und sicher spielen kann,

So daß dein neuer Mann

Kein Wort von unsrer Lust erfährt,

Gewiß, die Lust ist schlafenswert.

Dies Betrügen

Zeugt Vergnügen

Und erhält den ersten Trieb.

Kann ich dich nicht wirklich küssen,

Muß ich Mund und Wahrheit missen,

Hab' ich auch den Schatten lieb.

So bleiben Funken in der Asche,

So rostet alte Liebe nicht.

Denn daß ich mein Gesicht

So oft mit Tränen wasche,

Das macht dein köstlicher Verlust.

Vertragen sich drei fromme Herzen

In einer Brust,

So mindre meine Schmerzen

Und laß mir jetzt zur Ruh'

Auch dort ein Räumchen zu,

Wo jetzt dein Liebster Platz genommen;

Ich will ihm nicht zu nahe kommen.

Die Hälfte mag sein eigen sein,

Ich nehme nur das Drittel ein,

Und dies mit gutem Rechte,

Dieweil mein Fuß zu deiner Lagerstatt

Den nächsten Anspruch hat,

Und weil ich hier schon Rosen abgelesen,

Eh' seiner noch gedacht gewesen.

Es trifft mich, wie gesagt, zwar scharf,

Doch mag ich deine Ruh' nicht stören,

Und was ich nicht besitzen darf,

Das will ich still und ewig ehren.

Bis die schwere Zunge stammlet,

Bis mich ein gedrungnes Haus

Zu der Väter Beinen sammlet,

Sprech' ich deinen Namen aus.

Deine Schönheit, dein Gemüte,

Deine Tugend, deine Güte

Soll mit mir zu Grabe gehn.

Dich nur wieder zu umfangen,

Will ich, wenn die Welt vergangen,

Noch so rüstig auferstehn.

Was fang' ich an? wo soll ich hin?

Wo ist mein Trost? wer ist mein Retter?

Kein Mensch, kein Himmel, keine Götter

Erfreun den unvergnügten Sinn.

O daß ich doch geboren bin!

Ach Gott, mein Gott, erbarme dich!

Was Gott? Was mein? und was Erbarmen?

Die Schickung peitscht die ausgestreckten Armen,

Und über mich

Und über mich allein

Kommt weder Tau noch Sonnenschein,

Der doch sonst auf der Erden

Auf Gut' und Böse fällt.

Die ganze Welt

Bemüht sich, meine Last zu werden.

Von außen drängt mich Haß und Wut,

Von innen Angst und Blut;

Und dieses soll kein Ende nehmen!

Ich will mich oft zu Tode grämen,

Und wenn ich will, so kann ich nicht:

Dieweil mir das Verhängnis

In allen Wünschen widerspricht.

Verdammter Schluß,

Durch den ich leben soll und muß,

Wo dieses ja ein Leben ist,

Wenn Sturm und Not

Uns täglich schärfer droht,

Und Schmach und Schmerz das Herze frißt.

Ihr Flüche, ruft den Donnerwettern

Und zündet Gottes Eifer an!

Flieht, flieht und reizt die starken Keile,

Damit ihr Schlag mein Elend heile,

Damit sie dies mein Haupt zerschmettern,

Das doch nicht eher ruhen kann.

Wie? ist die Allmacht nicht so stark,

Mich schwachen Wurm zu töten?

So mag ihr Blitz vor Scham erröten,

So fresse mir die Gift das Mark!

So müsse Flut und Eisen

Den Weg zur Freiheit weisen.

So breche Stein und Blei

Den Kerker meiner Not entzwei!

Wer widerrät mir dieses Glücke?

O freundliche Gelassenheit!

Bist du es? Ja!

Du kommst zu rechter Zeit.

O komm doch noch!

Ich hielt dich lang genug verloren;

Es ist, als wär' ich neugeboren.

Wie Öl in Wunden tut,

So stärkt dein Trost mein Blut

Mit feinsten Balsamkräften.

Nun leid ich gern,

Da so ein süßer Kern

In bittern Schalen keimet;

Nun trag' ich trotz der schweren Zeit

Ein Herze voll Vergnüglichkeit.

Nun faßt sich, nun setzt sich mein stilles Gemüte,

Nun glaubt es der Vorsicht der ewigen Güte,

Die dieser Zufriedenheit Vorschub getan.

O ruhige Seele, behalt dir das Glücke,

Und fiel' auch so Himmel als Erde in Stücke,

So bleib in dir selber und sieh es mit an.

An Leonore bei Absterben ihres Karl Wilhelms

Mein Mitleid, glaub' es mir, betrübte Leonore,

Weint gleichfalls insgeheim bei deinem Trauerflore,

Und da dein zärtlich Herz vor Angst und Wehmut schlägt,

Wird auch mein treues Blut, ich weiß nicht wie, bewegt.

Du grämst dich um dein Kind und hast auch Recht zum Grämen,

Es läßt doch Fleisch und Blut sich nicht die Regung nehmen,

Und was von Herzen kommt, das muß zu Herzen gehn,

Wenn Kummer und Verlust aus seiner Flucht entstehn.

Dein Herz ist von Natur zu zärtlich im Empfinden,

Du kannst den schnellen Riß nicht allzu bald verwinden;

Ein Tuch, ein Kleid, ein Ort bringt jetzt mit großer Pein

Den Jammer deines Sohns oft ins Gedächtnis ein.

Nun, weil du Mutter bist, so setze dich und weine,

Doch so, daß auch dein Schmerz nicht gar Verzweiflung scheine;

Verscharre deine Qual, sowie den Sarg ins Grab,

Und brich doch nicht so viel von deinen Kräften ab.

Du hast ja mehr Vernunft als andre deinesgleichen,

Ach, laß dir doch von ihr ein heilsam Pflaster reichen.

Du kennst, du siehst und weißt den Grund im Christentum,

Ach, sieh dich in der Schrift nach Ruh' und Tröstung um.

Dein Karl ist wohlversorgt, was sollt' er auf der Erden?

Je mehr man Jahre zählt, je mehr der Sünden werden;

Er stirbt in Unschuld hin und läßt die böse Welt,

Bevor ihr falscher Schein ihm Netz und Angel stellt.

Ach, wolltest du ihm wohl des Lebens Elend gönnen!

Wie leichtlich hätt' er dich nicht mehr betrüben können,

Wenn irgend mit der Zeit die ungeratne Zucht,

Durch fremde Schuld verführt, dein Herz mit Angst versucht.

Betrachte doch einmal den Lauf von unsern Zeiten,

Wo Laster und Gefahr die Frömmigkeit bestreiten,

Wo Recht und Billigkeit nur Hohn und Haß erwirbt,

Und, wer es ehrlich meint, in Not und Staub verdirbt.

Je mehr das Alter wächst, je schwerer wird das Sorgen;

Auf eine stille Nacht, auf einen guten Morgen

Folgt oft ein Jahr voll Qual, voll Unruh, voll Verdruß,

So daß man sich den Tod, vergebens, wünschen muß.

Du sprichst: Ach, wenn mein Kind nur nicht so viel gelitten,

Sein allzu großer Schmerz, der Bein und Mark durchschnitten,

Durchdringt mein Mutterherz, so wie ein schneidend Schwert,

Und stört mich, wenn der Leib im Bette Ruh' begehrt.

Schweig, Leonore, schweig und laß dich dies nicht plagen,

Der Herr legt nicht mehr auf, als unsre Kräfte tragen.

Dein allerliebster Sohn ward durch den Kampf geübt,

Wovor ihm jetzt der Sieg die reichste Krone gibt.

Ach, sollt' er dir anjetzt in seiner Pracht erscheinen,

Ich weiß, du würdest selbst vor Lust und Freuden weinen;

Er spielt und jauchzt und singt im auserwählten Chor

Und stellt in weißer Pracht den schönsten Engel vor.

Schweig, Leonore, schweig und laß ihm sein Ergetzen,

Du bringst ihn nicht zurück und hast hier zu versetzen

Und wirst auch künftighin noch manchmal freudig schaun,

Was die vor Sorgen krönt, die Gott in Not vertraun.

Ist auf der Welt ein Weib, an dem mir unter allen

Witz, Tugend und Person im Herzen wohl gefallen,

So ist es, laß mir hier ein frei Bekenntnis zu,

Ein Bild von seltner Art, und welche sonst als du!

Dies sag' ich ohne List und ohne geiles Schmeicheln,

Mein Geist ist von Natur ein Feind von Brunst und Heucheln

Und will kein fremdes Schaf und ehrt und liebet dich,

Der Herr mag Zeuge sein, nur keusch und brüderlich.

Ich merk an dir und mir viel Gleichheit am Gemüte,

Und darum bitt' ich auch von Gottes Rat und Güte,

Daß, wo ich auf der Welt mich einst vermählen soll,

So mach' ein Weib, wie du, mir Bett und Armen voll.

Geh' du auch selbst in dich und frage dein Gewissen;

Ich weiß, es wird mir jetzt ein Zeugnis geben müssen,

Daß manch verborgner Trieb, man weiß oft selbst nicht, wie?

Zwo Seelen unverhofft geheim zusammenzieh'.

Dies ist der stumme Bund, den niemand wehrt und hindert,

Und dessen starke Glut Gesetz und Macht nicht mindert,

Dies ist der schönste Zug, der schon im Blute steckt,

Und der sich alsobald durch Aug' und Mund entdeckt.

Bekäm' ich dermaleinst ein solches Kind zu küssen,

Wie zärtlich sollt' es mir des Lebens Angst versüßen,

Wie zärtlich wollt' ich nicht mit solchem Schatze tun

Und unter aller Last auf Glück und Rosen ruhn.

Indessen wirst du mir dein ehrlich Angedenken,

So gern als dir mein Wunsch den reichsten Segen, schenken.

Die Freundschaft unter uns soll ohne Fleck und Schein,

Und du von nun an mir die liebste Schwester sein:

Wir wollen unter uns ein Seelenbündnis machen,

Dein Leiden sei mein Leid, dein Scherzen sei mein Lachen;

Geht es dir stets nach Wunsch und blüht dein zeitlich Heil,

So nehm' ich stets daran mein höchst vergnügtes Teil,

Der Neid, so nichts verschont, soll nichts davon erfahren;

Der Himmel gebe dir von meinen Lebensjahren,

Er stürze deinen Feind, er segne dein Geschlecht

Und hemme, was dein Herz mit Last und Unruh schwächt.

Das Glücke treibt mich jetzt aus meinem Vaterlande

Und bringt mich wunderlich, wer weiß zu welchem Stande,

Drum sag' ich gute Nacht, gedenk an einen Freund,

Der auf der Welt mit dir es wohl am besten meint.

Nachwort des Herausgebers

Das vorliegende Bändchen der Inselbücherei bietet eine beschränkte

Auswahl aus den Werken des deutschen Dichters, der wie kein anderer

seiner Zeit als Künstler und als Mensch unsere Teilnahme verdient.

Der tiefere Einblick in sein Werden, den vielfache und eindringende

literarische Forschung eröffnet hat, zeigt uns einerseits einen

Künstler, der aus anfänglicher Gebundenheit zu selbstherrlicher und

höchst persönlicher poetischer Gestaltung seines Erlebens emporsteigt

und in seinen besten Schöpfungen einen wundervollen Zusammenklang

des ureigensten Fühlens mit seinem dichterischen Ausdruck erreicht

hat. Anderseits aber hat diese Forschung uns -- Goethes Urteil

berichtigend -- eine klare Anschauung verschafft von dem Ringen einer

von Grund aus edlen und durch und durch wahrhaftigen menschlichen

Persönlichkeit, die alles und jedes mit einer ihr eingeborenen

Leidenschaftlichkeit ergriff und an deren tragischem Schicksal doch

wohl die Verhältnisse eine größere Schuld tragen, als man bisher

anzunehmen geneigt war. Was Christian Günther in letzter Linie fehlte,

was er aber bei längerer Lebensdauer sicherlich in einem gewissen

Grad noch hätte erlangen können, war die Kraft der Beschränkung, der

Selbstbesinnung, die den zerstörenden Affekt zu überwinden weiß, war

die Fähigkeit, das Dasein nach künstlerischem Maß zu formen; und

dadurch unterscheidet er sich von dem Großen, dessen Urteil über

ihn diesem Bändchen voransteht und mit dem von allen vorgoethischen

Lyrikern nur er allein verglichen werden darf.

Das menschlich Erschütterndste bietet uns Günther in jenen großen

Rechenschafts- oder Bekenntnisgedichten, zu deren Abfassung er

sich in kritischen Augenblicken seines Lebens gedrängt fühlte. Sie

in ihrem ganzen Umfang in dieser Sammlung abzudrucken, erschien

mit Rücksicht auf den Raum untunlich. Eine Auswahl aber würde dem

Verständnisse des Dichters kaum förderlich sein, so wurde auf ihre

Wiedergabe verzichtet. Das konnte um so mehr geschehen, als sie

doch in erster Linie biographisches und psychologisches Interesse

erwecken, während des Poeten künstlerische Reife im eigentlichen Lied,

dem weltlichen wie dem geistlichen, und ganz speziell im Liebeslied

erreicht scheint. Die vorliegende Sammlung beschränkt sich daher

auf die Wiedergabe einer Gruppe von Liebesliedern, und zwar sucht

sie den poetischen Niederschlag in Auswahl zu umfassen, den zwei

bestimmte Liebesverhältnisse in der Dichtung Günthers erfahren haben.

Auszuscheiden waren deshalb alle Gedichte, die sich auf die Jugendliebe

zu Flavia beziehen, ebenso die anakreontisch tändelnden Rosilislieder

aus dem Anfang der Leipziger Zeit und nicht minder die nur durch

ihre formale Glätte imponierenden Phillisgedichte, denen eben keine

wahre Leidenschaft, sondern nur ein durch die bittere Not gebotener

Brautstand zur Quelle dient.

Es bleiben nach dieser Ausscheidung und nachdem auch auf alle

Freundschafts- und Geselligkeitslieder verzichtet worden ist, die

Gedichte an Leonore übrig, die einem Schweidnitzer Mädchen gewidmet

sind, das durch seine charaktervolle Tüchtigkeit und seine hingebende

Treue dem Geliebten in allen Krisen seines bewegten Lebens ein starker

sittlicher Halt gewesen ist und das Günther mit allen Fasern seines

Herzens und mit aller Kraft des Guten in ihm geliebt hat. Als er

nach der endlichen Erkenntnis der völligen Aussichtslosigkeit des

Verhältnisses ihr das Wort der Treue zurückgegeben, da ist auch die

tragische Wendung seines Schicksals nahegerückt, die dann zuletzt durch

die unversöhnliche Härte des Vaters entschieden wird. Die Reihe der an

Leonore gerichteten Gedichte enthält nicht nur das Beste, was Günther

geschaffen, sondern sie zeigt auch in reizvoller Weise das allmähliche

Wachsen der dichterischen Kraft und Kunst ihres Schöpfers. Aus den

Banden des schlesischen Schwulstes, der in den ersten Gedichten bei

einzelnen Motiven und in bezug auf die Sprache noch stark merkbar

ist, führt die Entwicklung über die Anakreontik und die Nachahmung der

Neulateiner zu inhaltlicher und formaler Selbständigkeit, die etwa in

den von Ende August 1719 ab entstandenen Gedichten erreicht ist.

Um der Kontrastwirkung willen ist in dem vorliegenden Heftchen in

die eben gekennzeichnete Entwicklungsreihe eingeschoben eine Anzahl

der an die Leipziger Leonore gerichteten Lieder (S. 33-45), die sich

anfangs als Ausdruck einer leichten und leichtfertigen Liebelei geben

und nach Form und Inhalt abhängig erscheinen vom anakreontischen

Zeitgeschmack und von einer spezifischen Leipziger Tradition, die sich

bis weit ins 17. Jahrhundert zurück verfolgen läßt, die aber dann, als

unvermutet die Tändelei sich in eine wahre Leidenschaft wandelt, als

aus stärkster psychischer Spannung heraus entstanden erscheinen und

wirkliche künstlerische Qualitäten besitzen, wenn sie auch die späteren

Leonorenlieder weder an Innigkeit und Tiefe des Gefühls, noch an

Schlichtheit und Wahrhaftigkeit des sprachlichen Ausdrucks zu erreichen

vermögen.

Die chronologische Anordnung der Gedichte folgt fast ausschließlich den

Forschungen von Carl Enders, der hoffentlich die kritische Ausgabe der

Werke Günthers bald erscheinen läßt.

Leonorenlieder · 第 3 / 4 段