„Ihr hättet Gonzalo an diesem Morgen auch gar nicht wach gekriegt“,
sagte ich.
„Warum denn nicht?“ fragte Antonio, die Wahrheit schon halb ahnend.
„Weil er bereits tot war!“
„Aber das ist die Wahrheit, Gale. Wir können noch gleich jetzt zu Sam
gehen, der weiß es auch.“
„Ist nicht nötig, Antonio. Lassen Sie nur sein. Ich glaube es. Es ist
die Wahrheit!“
19
Die Musik im Park hatte angefangen zu spielen. „Die Ehre der Bauern in
Sizilien.“ Was ging mich deren Ehre an!
Ich schloß die Augen, um die starren elektrischen Lampen nicht sehen zu
müssen.
Aber ich sah Gonzalo auf dem Boden liegen. Vertrocknet. Ausgelöscht aus
den Lebenden und Hoffenden. Seine Hand mit einem Knäuel roher, schwarz
verfärbter Baumwolle auf die Brust gepreßt.
Die Baumwolle.
Antonio hatte mich offenbar eine Zeitlang schon angesehen, ohne daß ich
es bemerkte.
„Warum weinen Sie denn, Gale?“ sagte er.
„Halten Sie’s Maul!“ rief ich wütend. „Ich glaube, Sie sehen Gespenster.
Bilden Sie sich doch keine Dummheiten ein.“
Er schwieg.
„Diese himmelgottverfluchte Begräbnismusik!“ sagte ich ärgerlich.
„Sollen lieber spielen ‚Lustige Witwe‘ oder ‚Kratz mir den Affen mal am
Hintern‘. Es ist ja alles so lustig, die Witwen tanzen, und die Bananen,
yes, die haben wir nicht. Das ganze Leben ist so lustig. Begräbnismusik
für die Verreckten und dudelige Operetten für die Lebenden. Kommen Sie,
Antonio. Es geht auf zehn. Was hat der Hundesohn gesagt? Seien Sie
pünktlich, hat er gesagt. Für einen Peso fünfundzwanzig.“
ZWEITES BUCH.
DER WOBBLY
1
Der Inhaber der Bäckerei La Aurora, Senjor Doux, sah aus, als ob er die
Ewige Malaria hätte. Er war auch immer kränklich und lief herum wie ein
Todkranker. Aber essen konnte er für zwölf Lebende. Frühmorgens um vier
Uhr stand er auf, trank einen Liter Milch und aß sechs Eier mit
geröstetem Schinken. Dann trank er einen Kognak, und hierauf ging er auf
den Markt, um für den Tagesverbrauch einzukaufen. Neben der Bäckerei und
Konditorei hatte er noch ein gutgehendes Café-Restaurant, wo man außer
den üblichen Eisgetränken, Sahne-Eis, Frucht-Eis, geeiste Früchte,
Weine, Bier, auch Frühstück, Mittagessen und Abendessen bekommen konnte.
Das Café war zu ebener Erde. In dem Stockwerk darüber befand sich ein
Hotel, das Senjor Doux aber nicht selbst leitete, sondern verpachtet
hatte. Mit dem Pächter hatte er täglich eine erfrischende Unterhaltung.
Wenn man dieser Unterhaltung einmal beigewohnt hatte, dann konnte man
begreifen, warum Senjor Doux nie gesund werden konnte, und warum er so
elend, so gelbgrünweiß im Gesicht aussah.
Der Streit ging meist um das Wasser. Wasser ist ja nun in den Tropen
nicht nur eines der kostbarsten Dinge, sondern auch eines der Objekte,
um die ewig gekämpft wird. Die Natur kämpft um das Wasser auf Leben und
Tod; die Tiere zerfleischen sich um das Wasser oder vertragen sich um
seinetwillen so sehr, daß der durstige Jaguar dem kleinen Zicklein am
Wasser kein Leid antut, sondern es in ehrfurchtsvoller Entfernung vom
Wasser auf dem Rückwege erwartet.
Wehmütig zuweilen ist der Kampf der Pflanzen und Bäume um das Wasser.
Aber wenn sich die Menschen um das Wasser streiten, so sind sie allen
andern irdischen Geschöpfen in den Kampfesmitteln überlegen. Die
Menschen führen den Kampf am erbarmungslosesten gegen Tiere, Pflanzen
und Nachbarn.
Das Gebäude hatte nur zwei Stockwerke, unten das Café, oben das Hotel.
Nach Art der meisten Gebäude in Latein-Amerika war das Haus eigentlich
ein Hausblock, herumgebaut um einen Hof, in dem tropische Pflanzen
standen, die bis über den obersten Stock hinauswuchsen. Die Vorderfront
nahm das Café ein; die rechte Seitenwand die Restaurationsküche,
Toiletten, Waschräume und Vorratskammern; die linke Seite bildete
Bäckerei und Konditorei und den Schlafraum der Bäckereiarbeiter. In der
Hinterfront waren die Wohnräume des Inhabers.
Das Hotel erstreckte sich gleichfalls in einem Viereck um den Hof herum,
alle Türen und Fenster lagen nach dem Hofe hin, nur die Fenster der
Vorderfront gingen auf die Straße. Dort befand sich ein Balkon, der die
ganze Länge des Hotelstocks einnahm.
Auf dem Dache standen zwei große Wassertanks. Der eine war für den
unteren Stock, der andre für den oberen. Jeder Tank hatte seine eigne
Pumpe, die das Wasser mit motorischer Kraft in die Tanks pumpte. Wenn
die trockene Jahreszeit kam, lief der Brunnen, der zur Bäckerei und zum
Café gehörte, leer, während der Brunnen für das Hotel reichlich Wasser
hatte. Das Café und die Bäckerei konnten ohne Wasser nicht durchkommen,
und nun begann der Kampf. Senjor Doux wollte jetzt das Wasser aus dem
Hotelbrunnen in seinen Tank pumpen unter der wahren Behauptung, daß er
ja der Besitzer beider Brunnen sei. Der Hotelpächter aber gestattete das
nicht; er hatte es in seinem Kontrakt, daß ihm der Hotelbrunnen allein
zustehe. Er befürchtete, wenn er dem Café erlaubte, Wasser aus seinem
Brunnen zu entnehmen, daß er dann eines Tages selbst kein Wasser haben
würde und den Gästen keine Bäder geben könne. Ohne Bäder ist ein Hotel
in den Tropen wertlos.
Beide Brunnen waren abgeschlossen. Der Pächter hatte einen Schlüssel für
seinen und Senjor Doux hatte einen Schlüssel für den Cafébrunnen. Es
blieb also Senjor Doux nichts andres übrig, als in der Nacht den Brunnen
seines Pächters aufzubrechen, die Rohre zu koppeln und die Pumpe laufen
zu lassen. Wenn der Pächter die Pumpe hörte, wachte er natürlich auf,
und es gab einen Mordsspektakel mitten in der Nacht. Die Hotelgäste
mischten sich ein, die Cafégäste, manchmal in angeheiterter oder in
kampffreudiger Laune, nahmen Partei, es flogen Flaschen, Stühle, Brote,
Eisbrocken und entsetzliche Flüche und Verwünschungen durch die Luft.
Die Pumpe, parteilos und absolut gleichgültig gegen das Getobe,
arbeitete allein und pumpte den Tank inzwischen voll. Dann koppelte
Senjor Doux die Rohre ab, und der nächtliche Frieden begann und wurde am
nächsten Morgen aufs neue gestört. Es begann damit, daß der Hotelpächter
einen Handwerker kommen ließ, der den Brunnen besonders schwer
verrammeln mußte. Dann lief Senjor Doux zur Polizei, weil nach dem
Gesetze niemandem das Wasser abgesperrt werden darf. Dann zeigte der
Hotelpächter seinen Kontrakt, den Senjor Doux eigenhändig unterschrieben
hatte, und der auch die vorgeschriebenen Steuermarken trug, und die
Polizei zog wieder ab. In der Nacht wurde der Brunnen wieder
aufgebrochen, weil Senjor Doux ja Wasser haben mußte.
Es hatte also wohl seine guten Gründe, daß Senjor Doux wie ein
Sterbender aussah und trotzdem gut essen konnte.
Wenn Senjor Doux vom Markt heimkam, gegen sechs Uhr etwa, frühstückte er
erst einmal. Fisch und Braten und eine halbe Flasche Wein, hinterher
Kaffee mit drei oder vier Stücken Kuchen.
Inzwischen kamen schon Frühgäste. Dann mußte mit den Lieferanten
verhandelt und abgerechnet werden; es lief die Post ein; nun kamen
Bestellungen auf Brot, Brötchen, Kuchen, Torten, Backwaren und kandierte
Früchte.
Um halb neun machte Senjor Doux zweites Frühstück, an dem seine Frau
teilnahm. Diesmal gab es neben einem Eiergericht noch zwei
Fleischgerichte und großen Nachtisch mit Bier.
Senjora Doux war eine hübsche Frau, aber sehr behäbig. Im Widerspruch
mit der Auffassung, daß alle Wohlgenährten immer guter Laune seien, war
Senjora Doux ewig mißgelaunt. Nur wenn sehr viele Bestellungen auf
Backwaren einliefen, verzog sie das Gesicht zu einem kurzen Lächeln, das
jedoch nur ein paar Sekunden währte. Das Café konnte zum Brechen voll
sein, die Leute mochten sich um die Sitze schlagen, Senjora Doux machte
trotzdem ein saures Gesicht und guckte jeden Gast an, als ob er ihr
persönlich schweres Leid zugefügt und die Absicht habe, sie für ihr
ferneres Leben unglücklich zu machen. Sie trug nie Schuhe oder Stiefel,
sondern immer nur weiche Pantoffel. Ich glaube nicht, daß sie jemals
ausging; gesehen habe ich es nie. Sie fürchtete, daß während ihrer
Abwesenheit ein Kellner sie betrügen könnte. Sie hatte ihre Augen
überall; es geschah nichts im ganzen Hause, was sie nicht wußte, oder
worüber sie keine Kontrolle hatte. Was sie am meisten bedauerte
(eigentlich bedauerte sie alles), das war, daß der Mensch, wenigstens
sie, auch schlafen müsse. Denn während sie schlief, konnte ja irgend
etwas geschehen, was sie nicht sah. Aus diesem Grunde betrachtete sie
niemanden mit größerem Mißtrauen als die Arbeiter in der Bäckerei und
Konditorei. Die arbeiteten nachts, zu der Zeit, wo Senjora Doux schlafen
mußte, um den ganzen Tag über, bis spät in die Nacht hinein, das Café zu
überwachen. Obgleich sie schon alles am Halse hängen hatte, übernahm sie
auch noch die Kasse. Eine Kassiererin würde es bei ihr auch nicht
ausgehalten haben. Die Senjorita hätte ehrlich sein können und
unbestechlich wie der Erzengel mit dem Schwert, Senjora Doux würde sie
trotzdem täglich ein paarmal angeschuldigt haben, daß sie wieder zehn
Pesos unterschlagen habe. Diese Geschichte mit der Kasse war eine
schwere Arbeit. Senjora Doux traute keinem Kellner. Sie saß an der Kasse
oder wanderte im Lokal umher und beobachtete die Gäste, was sie
verzehrten. Wenn der Gast ging und bezahlt hatte, so mußte der Kellner
das Geld sofort zur Kasse bringen und abliefern. Denn hätte man ihm das
Geld, das er während seiner Arbeitszeit eingenommen hatte, und das
manchmal einige hundert Pesos betrug, in der Tasche gelassen, damit er
erst dann mit der Kasse abrechne, wenn er abgelöst wurde, so hätte er ja
eine Viertelstunde vorher mit der ganzen Einnahme und unter
Zurücklassung seines Hutes und seiner Jacke verschwinden können auf
Nimmerwiedersehen. Es muß freilich zugestanden werden, daß solche Dinge
vorkamen, sogar wenn der Kellner manchmal nur sechzig oder siebzig Pesos
in der Tasche hatte. Aber in dem Café La Aurora des Senjor Doux war das
nicht durchführbar.
Wenn wenig Bestellungen für die Bäckerei einkamen, hatten die Bäcker und
Konditoren nichts zu lachen. Dann fegte Senjora Doux mit ihnen herum,
daß meist einer oder der andre seinen Lohn verlangte und ging. Denn an
solchen Tagen betrachtete sie die Ausgabe für die Bäckerei als
verschwendetes Geld. Kamen am nächsten Tage die Bestellungen doppelt
oder dreifach ein, so mußten die Leute drei, vier oder fünf Stunden mehr
arbeiten, weil inzwischen natürlich kein neuer Bäcker oder Hilfsarbeiter
eingestellt worden war.
Die Musiker im Café hatten es nicht besser, sondern noch viel
schlechter. Die Bäcker schafften ja noch etwas wenigstens, aber die
Musik war die unsinnigste Verschwendung, die Senjor und Senjora Doux
sich nur denken konnten. Die Musik produzierte nicht, sie fraß nur und
wollte immer Geld haben. Da aber andre Cafés Musik hatten, mußte Doux
schon mitmachen, um auf der Höhe zu bleiben. Er hatte jeden Tag Krach
mit der Musik. Waren wenig Gäste da, dann erklärte er den Musikern, daß
sie schuld seien, weil sie saumäßig spielten. Dann packten die Musiker
ihre Instrumente ein, ließen sich ihr Geld geben und gingen. Senjora
Doux war darüber recht zufrieden, denn nun hatte sie einen Grund, das
Geld für die Musik zu sparen und den Gästen zu erklären, daß die Musiker
fortgelaufen seien.
Waren dann wieder die Gäste nach ein paar Tagen unzufrieden und
verlangten sie Musik, dann mußte Senjor Doux den Musikern nachlaufen.
Oft geschah es, daß er nur einen Bandonium- oder Gitarrespieler bekam.
Die Gäste verzogen sich, und endlich brachte Doux wieder eine gute
Kapelle ins Haus, bis nach einer Weile der Krach wieder da war und sich
die ganze Geschichte wiederholte.
Eines Tages kam eine ganz vorzügliche Kapelle von acht Mann aus
Mexiko-City und bot sich in den Cafés an. Sie kamen zuerst zu Senjor
Doux.
„Fünfzig Pesos den Tag für acht Mann? Zahle ich nicht. Auch noch das
Essen? Ich bin doch nicht verrückt. Und nur wochenweise und mit
dreitägiger Kündigung? Da können Sie in der ganzen Stadt herumlaufen,
gibt Ihnen niemand. Fünfundzwanzig will ich zahlen und tägliche
Kündigung. Ich kriege genug Leute.“
Die Kapelle ging in ein andres Café, bekam, was sie verlangte, und das
Café war jeden Abend gut besetzt, obgleich die Leute sich hier wenig in
Cafés oder Restaurants setzen; nur gerade so lange, bis sie ihr Eis
geschluckt oder ihre Coca-Cola gesaugt haben. Dann gehen sie wieder,
weil sie lieber auf den Plätzen spazierengehen oder auf den Bänken
sitzen.
Aber die Kapelle hielt die Leute auch für zwei Eisgetränke oder eine
extra Flasche Bier, und das um so lieber, weil der Wirt anständig genug
war, keinen Preisaufschlag auf die Getränke zu nehmen.
Dieses Café war nur fünf Häuser weit von der La Aurora, noch im selben
Block, und La Aurora war so leer, daß es wie ein beleuchteter Leichnam
aussah. Senjora Doux wollte das Licht auf die Hälfte abdrehen, weil es
überflüssig brenne; aber Senjor Doux widersetzte sich diesem Gedanken.
Jede Stunde einmal ging er, ohne Hut und ohne sich Jacke oder Weste
anzuziehen, zum Kino, um sich die ausgestellten Plakate anzusehen. Er
kannte sie auswendig. Aber in Wahrheit ging er nur, um die Gäste in der
La Moderna zu zählen; denn da mußte er vorüber, wenn er zum Kino wollte.
Er ging vorbei, ohne den Kopf zu wenden. So sah es aus. In Wirklichkeit
aber sah er doch jeden Gast in der La Moderna, und zu seiner Trauer sah
er viele, die sonst bei ihm saßen.
Ein paar Tage sah er sich das mit an. Dann stellte er sich vor die Tür
seines Cafés und paßte auf, wann der erste Geiger der La-Moderna-Kapelle
vorüberkam.
„Einen Augenblick, Senjor!“
„Bitte?“
„Wollen Sie nicht zu mir kommen? Ich zahle Ihnen fünfzig.“
„Bedaure, wir bekommen fünfundsechzig.“
„Das bezahle ich nicht.“
„Muy bien, Senjor, Adios.“
Als wieder eine Woche vorbei war, fragte er den Geiger abermals.
„Gut, für fünfzig, Senjor.“
„Abgemacht. Dann von Freitag an.“
Senjor Doux stürmte rein zu seiner Frau: „Ich habe die Kapelle. Für
fünfzig. Fein.“
Die Kapelle konnte es dafür machen, denn sie war in der La Moderna
gekündigt und hatte kein anderes Engagement in der Stadt.
Aber die Sahne war herunter. Die Leute hätten gern wieder einmal eine
andre Kapelle gesehen. Es kamen zwar genügend Gäste nun in die La
Aurora, aber doch bei weitem nicht so viel, wie in der La Moderna jeden
Abend gesessen hatten. Senjor Doux sagte der Kapelle, daß sie saumäßig
spiele. Die Musiker ließen es sich nicht gefallen, es kam zum Krach, und
sie verließen das Café. Senjor Doux brauchte ihnen nicht zu kündigen und
sparte das Geld.
2
Mittags gegen halb zwölf hatte Senjor Doux auch seine Bücher ausgefüllt,
und dann setzte er sich zum Mittagessen hin. Um zehn hatte er ein kaltes
Huhn verzehrt, weil es ihm bis zum Mittagessen zu lange dauerte. Jetzt
aß er zum ersten Male am Tage richtig. Dann ging er schlafen, weil,
abgesehen von den Mittagsgästen, jetzt stille Zeit kam. Um fünf stand er
wieder auf, wusch und rasierte sich und eilte ins Café, vom Hunger
getrieben.
Von jetzt an blieb er im Café bis Schluß. Die Polizei kümmert sich hier
nicht um die Sitten, um Sittlichkeit und um Gesittung der Menschen. Das
überläßt sie den Leuten selbst. Wer Zeit und Geld hat, sich die ganze
Nacht im Café herumzudrücken, mag es tun. Es ist sein Geld, seine Zeit
und seine Gesundheit. Wenn der Wirt keine Gäste mehr hat, macht er schon
von selbst zu und braucht dazu keine guten Ratschläge und Strafmandate
der Polizei, denn er ist ja ein erwachsener Mensch und kein Säugling,
der noch in die Windeln macht und die Milchflasche nicht allein halten
kann. Und weil keine Polizeistunde ist, niemand einen Spaß darin sieht,
die Polizei zu ärgern und an verbotenen Früchten zu naschen, so hat das
Café um zwölf selten noch genügend Gäste, daß es sich lohnt, Licht zu
verbrennen. Denn die Leute, die aus Gründen ihres Berufes nachts auf
sein müssen, gehen nun nicht ins Café, sondern in die Bars, wo zu jeder
Stunde des Tages oder der Nacht vollständige Mahlzeiten oder
Spezialplatten verabreicht werden zu billigeren Preisen als im Café.
Zu dieser Zeit waren wir mitten drin in der dicksten Arbeit.
„Putzen Sie mal die Bleche“, sagte der Meister zu mir. „Das werden Sie
ja wohl können. Wenn mal die Alte (das war Senjora Doux, die keineswegs
alt, sondern kaum dreißig war) reinkommen sollte – die muß ja ihre Nase
in jeden Dreck reinstecken –, dann putzen Sie nur immer Bleche. Dann
merkt sie nicht, daß Sie nichts von der Bäckerei verstehen. Aber jetzt
kommt sie nicht, jetzt ist gerade der Alte drüber; die haben ja sonst
keine Zeit. Mich wundert es nur, daß sie dafür überhaupt noch Zeit und
Gedanken finden. Aber Gedanken werden sie sich dabei wohl kaum machen.
Die denken dabei an uns, ob wir uns etwa keine Eier verrühren. Das
wollen wir jetzt erst mal machen.“ Nun wurden tüchtig Eier
eingeschlagen, Butter rein und dann in den Ofen geschoben. Als die
Fütterung vorüber war, lernte ich Bleche sauber machen. Das kann man
nicht so ohne weiteres, wie man vorher wohl denkt. Es muß gelernt sein.
Dann mußte ich Mehl abwiegen. Auch das hat seine Kniffe. Und dann mußte
ich fünfhundert Eier aufschlagen, das Gelbe und das Weiße voneinander
trennen. Würde man das so machen, wie es Mutter in der Küche tut, so
brauchte man dazu eine Woche. Hier muß das in kaum zwanzig Minuten
geschehen sein, und es darf kein Pünktchen Gelb in der Weißmasse
gefunden werden, weil das allerlei Schwierigkeiten zur Folge hätte.
Dann lernte ich die Teigteilmaschinen bedienen, das Feuer in Ordnung
halten, Brot- und Brötchenteig ansetzen, Kleingebäck glasieren, Torten
beschneiden und für die Ornamentierung vorarbeiten, Schüsseln und
Geschirre reinigen, die Tische abwaschen, die Backstube ausfegen, Eis
mahlen, Eismasse ansetzen und so manches andre mehr. Alles so nach und
nach, alles in der Weise, wie man jedes Ding lernen kann. Es gibt
überhaupt nichts, das man nicht lernen könnte.
Dann kam der Samstag. Lohntag. Aber Lohn gab es nicht. „Manjana,
morgen“, sagte Senjor Doux. Morgen war Sonntag, und wir mußten mehr
arbeiten als die übrigen Tage. Hinsichtlich des Lohnzahlens aber
erklärte Senjor Doux, es sei Sonntag, und Sonntags zahle er keinen Lohn:
„Morgen.“ Montag zahlte er aber auch nicht, weil er noch nicht zur Bank
gewesen sei. Dienstag gab es kein Geld, weil er das Geld, das er von der
Bank geholt, bereits ausgegeben habe. Mittwoch bekamen die Kellner erst
mal ihr Geld, und Donnerstag hatte er überhaupt kein Geld und konnte
nicht zahlen. Freitag war er nicht zu finden; immer, wenn man ihn
suchte, war er gerade in seine Wohnung gegangen und wollte nicht gestört
werden. Samstag waren bereits zwei Löhne fällig, aber da hatte er zu
große Ausgaben, weil er für den Sonntag mit einkaufen mußte und die
Banken schon mittags schlossen. „Morgen“, sagte er. Aber morgen war
Sonntag, wo er keine Löhne zahlte. „Morgen“, das war Montag, aber da war
er noch nicht zur Bank gewesen.
Nach drei Wochen bekam ich das erstemal Geld von ihm, nicht für drei
volle Wochen Arbeitslohn, sondern nur für eine Woche. So ging das immer
durch, immer war er Wochen und Wochen mit dem Lohn im Rückstand. Wir
aber durften mit der Arbeit nicht eine Viertelstunde im Rückstand sein,
dann gab es Radau. Fünfzehn, sechzehn, ja einundzwanzig Stunden Arbeit
am Tage hatten wir zu leisten. Das hielt er für ganz selbstverständlich,
und für ebenso selbstverständlich hielt er es, daß er den Lohn zahle,
wann es ihm beliebe, und nicht, wenn er fällig sei.
Aber andre Arbeit war nicht zu finden, und wäre sie zu finden gewesen,
wir hatten ja keine Zeit, sie zu suchen. Wenn wir in der Backstube des
Nachmittags fertig waren, dann waren die andern Werkstätten oder
Bureaus, wo man nachfragen konnte, meist schon geschlossen. Man mußte
eben aushalten. Wenn man leben will, muß man essen, und wenn man auf
irgendeine andre Art kein Essen findet, muß man tun, wie es dem, der das
Essen hat, gefällt.
Den Kellnern ging es nicht besser. Sie bekamen nur zwanzig Pesos den
Monat und sollten im übrigen vom Trinkgeld leben. Aber hier ist man
nicht freigebig mit dem Trinkgeld, und wenn die Gäste knapp waren, dann
hatten wieder die Kellner nichts zu lachen. Dann waren sie schuld daran,
daß die Gäste ausblieben, und Senjora Doux gönnte ihnen nicht einmal die
zwanzig Pesos Lohn. Wir wohnten im Hause, die Kellner nicht. Die hatten
Familie und wohnten mit ihren Familien. Dadurch hatten sie besondere
Ausgaben. Sie bekamen nicht einmal volles Essen, sondern nur so
nebenbei, als Gnade oder als besondere Vergünstigung. Unser Meister
hatte schon vier Monate Lohn stehen. Selbst wenn er hätte gehen wollen,
er konnte nicht, weil Senjor Doux ihn wochenlang vielleicht mit der
Restsumme hingehalten hätte. Wir sollten jeder täglich zum Mittagessen
eine Flasche Bier bekommen. Das war ausgemacht. Aber wir bekamen Bier
nur dann, wenn Senjora Doux bei sehr guter Laune war, wenn viele
Bestellungen vorlagen, und wenn wir zwanzig Stunden zu arbeiten hatten.
Das Essen selbst war sehr gut. Es gab viel Fleisch, zwei oder drei
Fleischgerichte zu Mittag. Aber nach einer Woche konnte man nichts mehr
essen; denn es gab jeden Tag genau dasselbe zum Essen. Da war auch nicht
ein Reiskörnchen heute anders, als es gestern war, und nicht eine
Fleischfaser schmeckte heute anders, als sie morgen schmecken würde.
Ein Kellner bekam Fieber und war in drei Tagen tot. Er war ein Spanier
gewesen, der erst vor zwei Jahren herübergekommen war. An seiner Stelle
trat ein Mexikaner ein, namens Morales. Er war ein flinker,
intelligenter Bursche. Wenn ich gelegentlich Backware in das Café zu
bringen hatte, so sah ich beinahe jedesmal, daß Morales mit dem einen
oder dem andern seiner Kollegen sprach. Sie sprachen ja natürlich immer
zusammen, wenn sie nicht bedienten. Aber hier fiel mir das Sprechen doch
zum ersten Male auf. Wenn sonst die Kellner zusammen miteinander
sprachen, so war das immer so oberflächlich. Sie redeten über
Lotterielose oder über Nebengeschäfte oder über Mädchen oder über ihre
Familien. Meist lachten sie dabei oder witzelten.
Dagegen wenn Morales mit einem sprach, wurde nicht gelacht, sondern
immer sehr andächtig zugehört. Morales war immer der Sprecher und die
übrigen immer die Zuhörenden. Ich sah es blühen. Das „Syndikat der
Restaurationsangestellten“ arbeitete.
Die Gewerkschaften in Mexiko haben keinen schwerfälligen
bureaukratischen Apparat. Ihre Sekretäre fühlen sich nicht als „Beamte“,
sondern sie sind alle junge brausende Revolutionäre. Die Gewerkschaften
hier sind erst durch die Revolution der letzten zehn Jahre entstanden.
Und so sind sie gleich in die allermodernste Richtung geraten. Sie haben
die Erfahrung der amerikanischen Gewerkschaften, die Erfahrung der
russischen Revolution, die Explosivgewalt des Jungen Stürmers und
Drängers und die Elastizität einer Organisation, die noch nach ihrer
eignen Form sucht und noch täglich ihre Taktik wechselt.
Richtig, in der La Moderna war der Streik da. Kellnerstreik. Senjor Doux
lachte sich eins. Bei ihm brauchte er das nicht zu befürchten. Und nun
kamen die Gäste der La Moderna alle in sein Lokal, weil sie sich in dem
Café, wo der Streik war, fürchteten. Die Furcht ist berechtigt. Denn die
Polizei ist in Arbeiterkämpfen neutral. Wenn einem Gast, der in ein Café
geht, wo gestreikt wird, ein Stein an den Kopf fliegt, so darf er zur
Sanitätspolizei gehen und sich verbinden lassen. Im übrigen aber kümmert
sich die Polizei nicht darum. Die Streikposten, die vor dem Café stehen,
haben ihm ja gesagt, daß in dem Café gestreikt wird. Außerdem steht es
in der Zeitung, und Flugblätter werden ihm auch genug in die Hand
gedrückt. Er weiß, was ihm bevorsteht. Er braucht ja nicht in dieses
Café zu gehen, er kann ja in ein andres gehen oder sich auf die Bank auf
der Plaza setzen oder spazierengehen. Wer da hingeht, wo Steine in der
Luft umherfliegen, dem geschieht es ganz recht, wenn er einen an den
Kopf kriegt.
La Moderna bewilligte nach vier Tagen alles.
3
Drei Wochen später ging Morales zu Senjor Doux und sagte: „Also
achtstündige Arbeitszeit, zwölf Pesos die Woche, eine Vollmahlzeit und
zweimal Kaffee mit Gebäck.“
Senjor Doux, der die ganze Zeit voller Schadenfreude gewesen war, weil
seinem Konkurrenten so übel mitgespielt wurde, kriegte zuerst einen
Schreck. Dann sagte er: „Morales, kommen Sie zur Kasse. Da ist Ihr Lohn,
und Sie können gehen, Sie sind entlassen.“
Morales drehte sich um, zog seine weiße Jacke aus, und sofort zogen die
übrigen Kellner gleichfalls ihre Jacken aus und kamen zur Kasse.
Ein wenig verstört zahlte Senjor Doux die Löhne, und dann ließ er die
Leute gehen. Er war ganz sicher, daß er andre Leute kriegen würde. Die
paar Gäste, die gerade drin waren, bediente Senjora Doux. Dann verließen
die Gäste auch das Café. Aber wenn andre kamen und sahen, daß keine
Kellner drin waren, setzten sie sich gar nicht erst, sondern gingen
gleich wieder raus. Nur einige Fremde kamen, setzten sich, bestellten
etwas und betrachteten diese Art von langsamer Bedienung als die hier
übliche. An diesem Abend standen keine Streikposten vor dem Café. Aber
am nächsten Tage waren sie da, und es wurden eifrigst Flugblätter
verteilt. Es waren wieder nur Fremde, die in das Café gingen, die die
spanisch geschriebenen Flugblätter nicht lesen konnten und auch nicht
verstanden, was die Streikposten zu ihnen sagten.
Aber um diese Fremden kümmerten sich die Posten nicht viel. Außerdem
fühlten die Fremden, meist Amerikaner, Engländer oder Franzosen, auch
immer sehr bald, daß die Luft merkwürdig schwül war, und sie verließen
das Café ziemlich rasch, oft ohne ihr Eisgetränk auch nur anzurühren.
Den zweiten Tag darauf hatte Senjor Doux zwei Kellner, einen Deutschen
und einen Ungarn. Beide waren erbärmlich zerlumpt. Senjor Doux hatte
ihnen weiße Jacken gegeben, einen Kragen und einen schwarzen Schlips.
Aber er gab ihnen weder Hosen noch Schuhe. Und gerade in diesen beiden
Dingen sahen die Burschen entsetzlich aus. Sie verstanden kein Wort
Spanisch und waren nicht zu gebrauchen. Aber Senjor Doux wollte mit
ihnen ja nur protzen vor den Streikposten.
Nach dem Mittagessen, das sie mit allerlei bösen Zwischenfällen serviert
hatten, war ein wenig Ruhe im Café. Senjor Doux war schlafen gegangen,
und Senjora Doux saß schläfrig in einer Nische. Ich brachte ein Blech
Backware hinein und hörte, daß die beiden Vögel deutsch sprachen.
„Sind Sie Deutscher?“ fragte ich den, der richtig deutsch sprach.
„Ja, der hier ist ein Ungar“, antwortete er erfreut, daß jemand mit ihm
deutsch sprach.
„Wissen Sie, daß die Kellner hier streiken, und daß Sie hier den
Streikbrecher machen?“
„Die streiken nicht“, sagte er. „Die wollen nur nicht arbeiten, die sind
nicht zufrieden.“
„Was zahlt Ihnen denn der Alte?“
„Fünf Pesos die Woche, das ist ganz schönes Geld. Und das Essen und
Schlafen“, gab er zur Antwort.
„Na, nun mal deutlich, lieber Freund, schämen Sie sich denn nicht, hier
den Streikbrecher zu machen?“
„Streikbrecher? Das bin ich nicht. Die streiken nicht, die haben nur
aufgehört, weil sie mit dem Lohn nicht zufrieden sind. Ich bin mit fünf
Pesos zufrieden. Was soll ich auch machen. Ich bin ganz herunter, habe
nichts zu essen und keinen ganzen Fetzen.“
„Dann gehen Sie lieber betteln“, riet ich.
„Betteln? Nein, das ist unanständig.“
„Streikbrechen ist anständiger?“
„Was will ich denn machen, wenn man Hunger hat?“
„Dann stehlen Sie, wenn Ihnen Betteln zu unanständig ist, aber
Streikbrechen ist ein dreckiges Geschäft.“
„Sie haben gut reden,“ platzte er nun los, „Sie arbeiten hier schön in
der Konditorei, haben zu essen, haben ein Dach und kriegen Ihr Geld.“
„Das ist richtig“, erwiderte ich. „Und ich will Ihnen nun etwas sagen.
Ich kann Ihnen hier keinen Vortrag darüber halten, in welchem
Zusammenhang der Streik jener Leute und Ihr Hungerleben steht. Ich kann
Ihnen hier so auf einen Ruck nicht klarmachen, wie durch jeden Streik,
ob er gewonnen oder verloren wird, das Hungerleben der arbeitslosen
Arbeiter um einen Grad seltener wird. Wenn die Leute hier die
achtstündige Arbeitszeit durchsetzen, muß der Alte zwei, vielleicht gar
drei arbeitslose Kellner mehr einstellen. Das ist nur gerade das Nächste
und Klarste. Darüber hinaus kommen noch andre Umstände zugunsten der
Arbeiter in Betracht, die viel weiter reichen als gerade bis zu dem
kleinen Vorteil, den man vor der Nase sieht.“
Durch unser Gespräch wachte Senjora Doux aus ihrem Nickerchen auf, und
sie rief herüber: „Sie, hören Sie mal, Sie wollen wohl die beiden
Deutschen da verhetzen? Scheren Sie sich in die Backstube, wo Sie
hingehören, Sie haben hier gar nichts verloren.“
„Verhetzen? Ich? Die beiden Deutschen? Nein, ich lehre sie nur ein paar
wichtige spanische Worte, damit sie besser im Leben zurechtkommen“,
sagte ich.
„Das ist gut,“ sagte Senjora Doux, „das tun Sie nur, das ist sehr gut.“
„Nun will ich Ihnen mal noch was sagen“, fuhr ich fort, mich wieder an
den Deutschen wendend. „Bis jetzt haben sich die Streikposten um euch
noch nicht viel gekümmert. Sie wissen, daß ihr Fremde seid. Aber das
geht nur ein oder zwei Tage so weiter. Morgen abend oder übermorgen seid
ihr erstochen oder erschossen, damit Sie es wissen. Hier fackelt man
nicht lange mit solchem Kroppzeug wie ihr seid. Wir können hier nur
anständige Leute gebrauchen.“
„Die tun uns nichts“, sagte der Mann. „Wir gehen nicht raus.“
„Keine Angst, lieber Freund. Die kommen rein und machen das hier drin
ab, unter voller Kaffeehausbeleuchtung mit Musikbegleitung. Verlassen
Sie sich drauf. Nebenbei bemerkt, das einzig richtige Mittel, wie man
mit Streikbrechern umgehen muß. Einen Mexikaner oder einen Spanier
kriegen sie hier nicht als Streikbrecher, die wissen, was es bedeutet.“
Er war ein wenig bleich geworden. Nun fragte er: „Gibt es denn hier
keine Polizei?“
„Natürlich, so gut wie bei euch zu Hause“, sagte ich. „Aber die Polizei
mischt sich hier nicht in Streitigkeiten zwischen Arbeiter und
Unternehmer so ein wie bei euch da drüben. Die ist hier neutral. Wenn
sie den Mörder erwischt, wird er mit einigen Jahren verknackst. Aber
einen Mann, der einem Streikbrecher die letzte Wahrheit gesagt hat, den
kriegen sie nicht. Der ist nicht unter den Streikenden. Sie suchen ihn
auch gar nicht. Den Raubmörder suchen sie. Aber dem hier laufen sie
nicht lange nach. Es hat euch ja niemand geheißen, in die Gefahrzone zu
gehen. Wenn ihr trotzdem geht, habt ihr auch die Verantwortung zu
tragen. Als vernünftiger Mensch stellen Sie sich doch nicht auch bei
einem Gewitter direkt unter einen einzelnen hohen Baum? Oder vielleicht
doch? Ihre Schuld, wenn der Blitz Sie erschlägt. Da kann die Polizei gar
nichts tun. Die Polizei ist hier nicht für die Kapitalisten da, sondern
für die Kapitalisten und für die Arbeiter, die Betonung liegt auf dem
Und. Sie steht weder dem Kapitalisten bei noch dem Arbeiter, wenn die
beiden einen Handel miteinander auszufechten haben. Der Streikbrecher
hat in diesem Handel gar nichts verloren.“
Der gute Mann wußte nicht, worum es ging, vielleicht wollte er es nicht
einmal wissen. Er sagte: „Ich denke, das ist ein freies Land? Wo ist
denn da die Freiheit, wenn man nicht arbeiten darf, wo man will?“
„So wenig wie Sie da stehen können, wo ein andrer steht, ebensowenig
können Sie an dem Platze arbeiten, wo ein andrer arbeitet. Denn die
Leute haben ihren Platz nicht verlassen, sie haben nur die Arbeit
unterbrochen, und sie kehren zurück, sobald der Alte Vernunft annimmt.“
„Ich finde so leicht nicht wieder Arbeit“, sagte er nun. „Ich bin froh,
daß ich die hier habe. Ich bleibe hier und lasse mich auf der Straße
nicht sehen.“
„Seien Sie nur ganz unbesorgt, die haben ein gutes Gedächtnis und kennen
Sie auch noch nach Monaten wieder. Aber wir beide haben uns wohl von nun
an nichts mehr zu erzählen. Und wagen Sie ja nicht, sich in der
Backstube sehen zu lassen. So gesund, wie Sie reingekommen sind, kommen
Sie nicht mehr raus, darauf können Sie sich verlassen. Sie sind für mich
kein Deutscher, sondern ein Lump. Wenn Sie auch sonst nichts verstehen
wollen, das werden Sie ja wohl noch verstehen.“
Jeder Mensch, der in das Café gehen wollte, mußte sich an den
Streikposten vorbeidrängen, und jedem wurde gesagt, daß gestreikt wurde.
Darauf kehrten die Leute regelmäßig um. Polizei war nicht zu sehen. Es
war ja ganz ruhig. Niemandem geschah etwas.
Aber am Abend, es war vielleicht halb neun, da stand der Deutsche an der
einen Tür. Die Türen sind ja alle offen, und man sieht von draußen
alles, was drinnen vorgeht, so klar, als ob es mitten auf der Straße
geschähe. Die Gäste wollen raussehen und wollen gesehen werden, und die
Nichtgäste wollen reinsehen und sich daran erfreuen, wie sich andre
einen angenehmen Abend machen.
Er stand da an der Tür und wippte mit der Serviette. Er schien recht
stolz zu sein, daß er es zum Kellner gebracht hatte. Unter normalen
Umständen hätte er vielleicht Geschirrwäscher werden können. Die
Streikposten kümmerten sich gar nicht um ihn. Sie schielten nur
gelegentlich zu ihm rüber.
Da kam ein junger Bursche vorbei mit einem Stück Holz in der Hand. Der
Streikbrecher ging ein wenig zurück, aber der Bursche ging mit einem
ruhigen Schritt die eine Stufe hoch und hieb ihm zwei gesunde Hiebe über
den Schädel. Dann warf er das Holz weg und ging ruhig seiner Wege.
Der Notkellner stürzte hin und blutete nach Kräften. Kaum hatte Senjor
Doux das gesehen, da trat er vor die Tür und rief: „Polizei!“ Es kam
gleich einer an, seinen Knüttel in der Hand schwingend.
„Den haben sie totgeschlagen“, rief Senjor Doux dem Polizisten entgegen.
– „Wer?“ fragte der Beamte.
„Das weiß ich nicht“, antwortete Senjor Doux. „Wahrscheinlich die
streikenden Kellner.“
Sofort sprangen zwei Streikposten hinzu und schrien: „Wenn du Hurensohn
das noch mal sagst, schlagen wir dir die Knochen entzwei.“
Senjor Doux verschwand sofort im Café und sagte nichts mehr.
„Haben Sie gesehen, wer den Mann hier geschlagen hat?“ fragte ein
zweiter Polizist, der hinzugekommen war, die Posten.
„Ja, so halb. Ein junger Bursche kam vorbei mit einem Stück Holz – da
liegt es noch – und schlug auf den Mann los“, sagte der eine Posten.
„Kennen Sie den Burschen?“
„Nein. Zu unserm Syndikat gehört er nicht.“
„Dann hat er mit dem Streik gar nichts zu tun. Wahrscheinlich eine andre
Geschichte“, sagte der Polizist.
„Zweifellos“, bestätigte der Posten.
Die beiden Polizisten führten den Notkellner zur Wache, wo er verbunden
und für die Nacht dabehalten wurde.
„He, du da drin, du Hurensohn“, riefen die Posten jetzt hinein zu dem
Ungarn. „Wie lange bleibst du noch da drin? Du kriegst eins mit der
Eisenstange, wir haben kein Holz mehr.“
Der Ungar verstand kein Wort. Jedoch er fühlte, was sie sagten. Er wurde
blaß und ging zurück.
Senjor Doux aber hatte es verstanden. Er lief zur Tür und rief nach der
Polizei. Aber es kam keine. Nach einer Viertelstunde aber sah er einen
an der Ecke stehen. Er rief ihn heran.
„Die Posten haben meinen Kellner mit dem Tode bedroht“, sagte er, als
der Polizist herangekommen war.
„Welcher hat ihn mit dem Tode bedroht?“ fragte der Polizist.
„Der da“, antwortete Senjor Doux und zeigte dabei auf Morales. Morales
hatte gar nichts gesagt, aber ihn haßte Doux am besten.
„Haben Sie den Kellner mit dem Tode bedroht?“ fragte der Polizist.
„Nein. Fällt mir auch gar nicht ein. Dieser Bastard ist mir viel zu
dreckig, als daß ich das Wort an ihn richten würde“, sagte Morales.
„Kann ich mir denken“, erwiderte der Polizist. „Wer hat ihn denn mit dem
Tode bedroht?“ fragte der Polizist nun.
„Ich habe gesagt, er möge nicht so dicht zur Tür kommen, es könne ihm
sonst vielleicht eine Eisenstange auf den Kopf fallen, da oben vom
Balkon.“ Das sagte einer der Posten.
Senjor Doux stand noch in der Tür. Der Polizist drehte sich jetzt zu ihm
herum und sagte: „Nun, hören Sie, Senjor, wie können Sie denn so etwas
sagen? Es ist doch gar nicht wahr.“
„Sie haben doch den andern auch schon halb erschlagen“, verteidigte sich
Doux.
„Vertragen Sie sich lieber mit Ihren Leuten,“ riet jetzt der Polizist,
„dann kommt so etwas nicht vor.“
„Das ist ja eine nette Geschichte hier, daß man nicht mal seinen Schutz
bekommt“, rief Doux wütend.
„Ruhig!“ sagte der Polizist laut, „sonst nehme ich Sie zur Wache. Keine
Beleidigung hier.“
„Ich zahle doch meine Steuern, und da kann ich doch verlangen ...“
„Was Steuern?“ unterbrach ihn der Polizist. „Die Kellner zahlen auch
Steuern, genau so gut wie Sie. Und nun lassen Sie uns in Ruhe. Machen
Sie Ihre Geschäfte mit Ihren Leuten ab, aber stören Sie uns nicht
immerwährend.“
Der Ungar stand eine Weile im Café unschlüssig, während hier draußen die
Verhandlungen waren. Es hatten sich Leute angesammelt, die alle auf
seiten der Kellner waren. Und zum Teil waren es deren Ausbrüche der
Sympathie, die dem Polizisten, der ja auch Prolet war, das Rückgrat
steiften. Fr wußte ja nicht, ob nicht vielleicht Doux einen dicken
Freund unter den Inspektoren hatte, der ihm sagen könnte, daß er seine
Pflicht vernachlässigt habe.
Als der Polizist gegangen war, zog der Ungar seine weiße Jacke aus und
ging zur Kasse, um sich seine zwei Tage Lohn geben zu lassen. Er stand
jetzt da in Hemdsärmeln. Diese Hemdsärmel waren nur Fetzen und Dreck.
Zwei Gäste waren im Café, und die sahen den Unglücklichen. Ihnen verging
der Geschmack am Kaffee und am Gebäck, als sie bemerkten, welchen
Schmutz und welche Lumpen die weiße Jacke verdeckt hatte. Sie standen
auf, zahlten an der Kasse und gingen.
Senjor Doux fragte den Ungarn, was los sei, und warum er gehen wolle.
Der konnte nicht antworten und versuchte nun, mit Gebärden, die er
überreichlich verschwendete, klarzumachen, daß sein treuer Kollege etwas
über den Schädel gekriegt habe, und daß er wohl der nächste sein würde,
der dran glauben müsse. Draußen standen die Posten und andre Leute, die
diese Gebärdensprache aus fossiler Vorzeit mit Vergnügen verfolgten.
Doux versuchte dem Ungarn begreiflich zu machen, daß er hier im Café
durchaus sicher sei. Aber der Ungar traute dieser Zusage nicht. Wäre er
mit den Sitten und Gebräuchen besser bekannt gewesen, so würde er gewußt
haben, daß er nie und nirgends sicher ist, daß er ja nicht ewig
innerhalb der vier Wände bleiben könne, und daß er, sobald er das Haus
verließe, geliefert ist. Denn sein Gesicht kennen jetzt schon alle
Arbeiter der Stadt, die brauchen keine Photographie und keinen
Steckbrief. Die vier Wände schützen ihn auch nicht. Eines Tages, morgen
oder übermorgen schon, geht einer rein, tut als ob er Eis an den Tisch
gebracht haben will, und wenn der Ungar kommt, hat er das Messer sitzen
oder den Spucknapf so geschickt über den Schädel gehauen, daß die
Ambulanz ihn abholen muß. Ehe man drinnen weiß, was geschehen ist, ist
der Strafvollziehende einige Block weit. Niemand, der beste Detektiv
nicht, findet ihn je. Einer der Gründe, warum es hier nie Streikbrecher
gibt. Man kennt die wirksamsten Mittel und scheut sich nicht eine Minute
lang, sie rücksichtslos anzuwenden. Krieg ist Krieg. Und die Arbeiter
sind im Kriege, bis sie endlich nicht nur eine Schlacht, sondern den
ganzen Feldzug gewonnen haben. Wenn den Staaten jedes Mittel im Kriege
erlaubt ist, warum nicht den Arbeitern in ihrem Kriege ebenfalls? Der
Arbeiter begeht nur immer den Fehler, daß er als ein anständiger Bürger
angesehen werden will. Aber dafür gibt ihm niemand etwas.
Der Ungar kam heraus, und einer der Posten nahm ihn gleich in Empfang.
Sie brachten ihn zum Bureau des Syndikats, gaben ihm ein Nachtquartier
und versprachen ihm, man wolle versuchen, ihm eine Stelle in einer
Blechschmiede zu verschaffen.
Senjor Doux hatte ihn auch noch um seinen Streikbrecherlohn betrogen,
ihm nur fünfzig Centavos gegeben und vierzig Centavos für ein
zerbrochenes Wasserglas berechnet.
Der Deutsche machte andre Erfahrungen, wie mir später erzählt wurde. Am
folgenden Morgen wurde er dem Polizeioffizier vorgeführt. Anstatt daß
man ihn gelobt hätte für seine treue Streikbrecherarbeit, fragte ihn der
Offizier, wo er seinen Einwanderungsschein habe.
„Ich habe keinen“, sagte er mit Hilfe eines Dolmetschers.
„Wie sind Sie denn hier in das Land gekommen?“
„Mit einem Schiff.“
„So. Also von einem Schiff ausgerückt.“
„Nein, ich habe abgemustert.“
„Ja, diese Abmusterung kennen wir schon. Wir übergeben Sie jetzt Ihrem
Konsul mit der Bedingung, daß er Sie mit dem nächsten Schiff wieder nach
Deutschland zurückschickt. Wir können die Deutschen sonst sehr gut
leiden, aber Sie machen dem deutschen Namen keine Ehre. Sie stiften hier
nur Unfrieden, und für solche Leute haben wir hier keinen Platz.“
Zwei Polizisten brachten ihn zum Konsul.
Von nun an war der Konsul für ihn verantwortlich. Er mußte ihn
verpflegen, bis ein deutsches Schiff da war, das ihn mitnahm.
„Was haben Sie denn hier ausgefressen? Gestohlen?“ fragte der Konsul.
„Nein. Ich habe in der La Aurora als Kellner gearbeitet und eins über
den Kopf gekriegt“, sagte der Mann.
„In der La Aurora wird doch gestreikt. Wußten Sie das nicht?“
„Freilich. Sonst hätte ich doch nicht da als Kellner arbeiten können,
ich bin doch Tischler.“
„Ja, lieber Freund, Sie sind hier nicht in Deutschland. Streikbrecher
sind hier nicht beliebt. Wir haben hier eine Arbeiterregierung, und zwar
eine richtige Arbeiterregierung, die zu den Arbeitern hält. Wenn hier im
Wasserwerk oder im Elektrizitätswerk gestreikt wird, dann gibt es keine
Technische Nothilfe wie in Deutschland oder in Amerika, sondern dann
gibt es eben kein Wasser und keine Elektrizität, bis die Streikenden
sagen: So, nun gibt es wieder was. Hier ist die Regierung neutral in
solchen Streitigkeiten. Also, Ihre Tätigkeit hier ist erschöpft. Laufen
Sie mir nicht davon. Ich kriege Sie, und dann lasse ich Sie daheim
verknacken. Sie stehen jetzt unter meiner Autorität; ich habe gebürgt
für Sie, andernfalls müßten Sie hier im Gefängnis warten, bis ein Schiff
da ist. Und das Gefängnis hier ist kein Spaß, sondern ist eine ernste
Sache.“
Damit war nun die Frage der Streikbrecher in der La Aurora entschieden.
4
Es waren immer ein paar Gäste im Café, die von Senjor und Senjora Doux
bedient wurden. Aber Geschäft konnte man es nicht nennen. Wir in der
Bäckerei hatten auch nicht viel zu tun, nur gerade die Bestellungen, die
aus dem Hause gingen.
Es war zwei Tage später und am Nachmittag. Es mochten vielleicht sechs
oder acht Gäste im Lokal sein. Unter ihnen war ein Polizeiinspektor
namens Lamas. Er war ständiger Gast in der La Aurora, kam am Nachmittag
und kam am Abend. Er hatte bei Senjor Doux eine ganz nette Rechnung
stehen, die er immer „morgen“ bezahlen wollte. Obgleich er gut
verheiratet war und zwei Kinder besaß, hatte er doch außerdem drei
Geliebte, die er alle unterhalten mußte. Das kostete Geld, und das Geld
mußte herangeschafft werden. Darum hatte er auch überall Schulden. Also
die Gäste saßen da drin im Café und aßen ihr Eis oder tranken geeiste
Erfrischungen. An einem Tisch wurde Domino gespielt und an einem andern
Karten.
In den Vereinigten Staaten sind ja die Streikposten gute und fromme
Bürger, die an Gesetz und Autorität glauben. Wenn sie Streikposten
stehen, so tun sie das gerade so, als ob sie einem aufgebahrten Leichnam
die Ehrenwache geben. Sie sagen kein Wort, und wenn die Polizisten
kommen und sagen: „Sie müssen weiter zurücktreten, Sie stören den
Verkehr“, so tun sie das sofort, als ob der Polizist sie bezahlte und
nicht der Polizist von ihrem Gelde lebte. Dort haben die Arbeiter noch
Disziplin, und sie sind gedrillt wie Soldaten.
Hier dagegen haben die Arbeiter nur wenig Disziplin, und die Sekretäre
müssen tun, was die Mitglieder wollen. Und es ist merkwürdig, sie
gewinnen beinahe jeden Streik.
„He, du Hurensohn da drin,“ rief einer der Posten einem Gaste zu, „friß
doch nicht das Eis. Das ist doch nur Wasser und Zucker. Nicht ein Löffel
voll Sahne drin. Der Sauhund da will doch aus deiner Portion das
herausschlagen, was er sonst verdient, wenn nicht gestreikt wird.“
Der Gast hielt es offenbar mit dem Wirt; er rief hinaus: „Bezahlst du
das Eis oder ich, du Dreck.“
„Paß nur auf, du Eiterbeule, daß ich dir nicht mal reinkomme“, sagte
jetzt der Posten, und seine Rede wurde mit lautem Gelächter begleitet.
Einer der Gäste hatte eine Dame bei sich, die aus Strohhälmchen ihre
Squeeze saugte.
„Ist sie noch eine Jungfrau?“ rief jetzt ein andrer Streikposten hinein.
„Mach nur schnell, Rodriguez, ehe dir ein andrer zuvorkommt.“
Die Dame tat, als hätte sie nichts gehört. Aber der Herr, der bei ihr
saß, rief zurück: „Dann lade ich dich ein, du Faulenzer. Für nützliche
Dinge bist du ja nicht zu gebrauchen.“
„Richtig, Faulenzer,“ sagte der Posten, „an wen verkaufst du sie denn
heute abend? Zwanzig Centavos bezahlt einer wohl noch und ein Glas
Eiswasser.“
Nun kam Senjor Doux zur Tür und sagte: „Stören Sie hier meine Gäste
nicht, wer nicht hergehört, fort!“
„Gäste? Sind ja alles Hurenbengel, aber keine Gäste“, schrien nun nicht
nur die Streikposten, sondern auch andre Burschen, die dabeistanden.
„Bezahlen Sie mal einen anständigen Lohn und geben Sie richtiges Essen.
Wir sollen Ihnen wohl erst einmal das Leder abziehen. Machen Sie nur ja
recht rasch. Lange warten wir nicht mehr und stehen hier auch nicht mehr
lange Posten. Dazu haben wir keine Zeit. Dann werden wir mal einen
andern Ton anstimmen.“
Nun kam der Inspektor Lamas zur Tür. Er mußte sich wohl für seine
Schulden einsetzen. Vorige Woche hatte er auch noch eine Torte für
fünfundzwanzig Pesos bekommen mit dem schönen Namen „Adelia“
draufgegossen. Adelia war eine jener drei Geliebten, und die Torte war
für ihren Geburtstag bestimmt. Er war noch besonders in die Backstube
gekommen und hatte Rosenranken als Verzierungen gewünscht. Diese Torte
war er auch noch schuldig.
Er stand eine Weile in der Tür und hörte sich die Reden mit an. Dann zog
er seinen Revolver und schlug dem Posten, der ihm am nächsten stand, mit
dem Knauf eins über den Kopf, so daß gleich das dicke Blut herausquoll.
Dann pfiff er. Es kamen zwei Polizisten, und er ließ alle Posten und
einige andre Leute, die in Sympathie mit den Streikenden waren, zur
Hauptwache führen.
Kaum waren sie abgeführt, da kam Morales zurück, der drei Stunden
abgelöst worden war und jetzt wiederkam, um seinen Posten von neuem
anzutreten. Als er hörte, was geschehen war, rief er rein: „Du Hundesohn
da drin,“ er meinte Doux damit, „jetzt geht es dir schlecht, das sollst
du mal sehen. Bis jetzt haben wir nur Spaß gemacht. Aber wenn du das
nicht anders haben willst, wir können auch noch eine andre Flöte
blasen.“
Morales ging sofort zum Bureau des Syndikats.
Zehn Minuten darauf war schon der Sekretär auf der Wache.
„Was wollen Sie?“
„Sofort her mit dem Inspektor. Mit dem werde ich jetzt mal ein Wörtchen
reden. Der ist besoffen.“
Der Inspektor kam, und der Sekretär wollte seine verhafteten Leute
sehen. Auch diese Leute kamen, und der Sekretär fragte nun nach dem
Polizeidirektor. Auch der kam, wurde ganz aufgeregt, als er den Sekretär
des Syndikats sah, und machte sich gleich an das Geschäft.
„Warum haben Sie den Mann geschlagen?“ fragte der Direktor.
„Er hat die Leute im Café beschimpft.“
Der Direktor sah ihn jetzt voller Wut an: „Wo steht, daß Sie einen Mann,
der jemand beschimpft und sonst nichts tut, schlagen dürfen?“
Lamas wollte was sagen, aber der Direktor fiel ihm gleich ins Wort:
„Kennen Ihre Instruktion nicht!“ Er wandte sich zum Schreiber:
„Schreiben Sie, Lamas ist in Unkenntnis über seine Instruktionen.“
Dann sagte er zu Lamas: „Das ist hier kein guter Platz für Sie. Ich
werde sehen, daß ich ein Dorf für Sie kriege, wo Sie kein Unheil
anrichten können. Und wenn noch mal etwas Ähnliches vorkommt, werden wir
ohne Sie fertig werden müssen. Wird uns nicht schwerfallen. Warum haben
Sie die Leute hier verhaftet?“
„Die haben alle Gäste und Senjor Doux beschimpft“, sagte Lamas
schüchtern.
„Beschimpft. Beschimpft. Was heißt das, beschimpft?“
„Sie haben Hurensohn gesagt“, verteidigte sich Lamas.
„Wenn Sie jeden verhaften wollen, der Hurensohn sagt, dann werden Sie
wohl gleich um das ganze Land eine Gefängnismauer ziehen müssen. Ich
glaube, Sie sind nicht ganz richtig im Kopfe.“
„Sie haben die Leute aber auch noch bedroht.“ Es klang recht kläglich,
was Lamas sagte und wie er es sagte.
„Bedroht. Was verstehen Sie denn darunter?“
„Sie haben gesagt, sie wollen Senjor Doux erschlagen.“
„Das haben wir nicht gesagt“, riefen die Verhafteten.
Der Direktor sah Lamas ironisch an und sagte: „Hat zu Ihnen noch nie
jemand gesagt, daß er Sie erschlagen wolle? Haben Sie dann Ihre Frau und
Ihre Freunde und Bekannten auch gleich verhaftet und mit dem
Revolverkolben über den Kopf geschlagen?“
„Das schien aber hier sehr ernst zu sein“, sagte Lamas.
„Um Ihre Haut oder um was? Hat einer von denen, die Sie verhaftet haben,
jemand geschlagen oder beraubt oder das Café des Senjor Doux demoliert?
Sicher nicht, denn dann würden Sie mir das gleich erzählt haben. Wir und
Sie sind dazu da, um das Eigentum und die Person des Senjor Doux zu
schützen, aber es steht nicht in der Verfassung, daß wir dazu da seien,
ihm zu helfen, Löhne zu zahlen, von denen kein Mensch leben kann, und
ihm zu helfen, seine Leute jeden Tag so lange zu beschäftigen, daß sie
nicht einmal mehr Zeit finden, mit ihrer Familie spazierengehen zu
können. Wenn die Leute sich das gefallen lassen, das geht uns nichts an;
aber wenn sie es sich nicht mehr länger gefallen lassen wollen, dann ist
es nicht unsre Aufgabe, die Leute deshalb zu verhaften. Warum verträgt
sich Senjor Doux nicht mit seinen Leuten? Dann hätte er gleich Ruhe.
Aber diese Unordnung kann nicht weitergehen. Das kann ja zu
Ruhestörungen führen. Ich werde sofort anordnen, daß das Café La Aurora
für zwei Monate geschlossen wird. Dann ist da Ruhe.“
Er wandte sich zum Schreiber: „Füllen Sie gleich das Schließungsdokument
aus, für zwei Monate. Ich werde es unterzeichnen und beim Gouverneur
verantworten. Und Sie, Senjor Lamas, betrachten sich als vorläufig Ihres
Dienstes enthoben, bis ich vom Gouverneur unterrichtet bin, wohin Sie
versetzt werden. Die Verhafteten sind entlassen. Außerdem irgendwelche
Beschwerden?“
„Nein“, erklärten die Leute.
Der Direktor stand auf, gab dem Sekretär des Syndikats, der sich
verabschiedete, die Hand und sagte zu ihm: „Wir haben ja nun in der
Angelegenheit nichts mehr zu tun. Das Weitere liegt jetzt bei Ihnen. Es
war gut, daß ich so schnell zu erreichen war. Es sind immer noch welche
da, die nicht mitkönnen.“
„Oder die nicht mitwollen, weil sie gebunden sind“, setzte der Sekretär
fort.
„Er wird einen Platz bekommen, wo er Ersparnisse machen kann, weil er
keine Ausgaben hat. Ich habe schon einen Platz für ihn, eine
Banditenregion. Wenn er etwas wert ist, da kann er es zeigen. Und wenn
er nichts wert ist, werden wir ihn feuern. Er gehört immer noch zu dem
alten Stock, die glauben, daß die Diktatur die einzig richtige Form des
Regierens ist. Wir haben sie bald alle raus, und es ist ganz gut, wenn
die Letzten, die wir drin haben, in alte Fehler verfallen und sich uns
so zu erkennen geben.“
„Ha!“ rief der Sekretär aus, „in den Staaten drüben sind diese alten
Fehler urmoderne Einrichtungen.“
„Weiß ich,“ erwiderte der Direktor, „aber wenn wir schon vieles
nachmachen, so müssen wir doch nicht alles nachmachen, und besonders
müssen wir nicht das nachmachen, was in unsre Zeit nicht mehr
hineinpaßt. Diese Mittel waren einmal gut, vielleicht, heute sind sie
die dümmsten Mittel, die man anwenden kann. Und sie werden auch drüben
nur von Eseln angewandt; und Esel haben die da drüben ja viel mehr als
wir, wenn es sich um zweibeinige handelt.“
5
Die beiden Beamten mit ihren grünen Schnüren am Rock kamen zu Senjor
Doux und übergaben ihm das Dokument. Doux bekam einen heillosen
Schreck und schrie zu seiner Frau: „Na ja, da haben wir ja die
Bolschewistenregierung. Die haben mir einen netten Streich gespielt.“
„Was ist denn los?“ sagte seine Frau näherkommend.
„Die haben uns geschlossen.“
„Ich habe es dir ja immer gesagt, laß uns nicht hierhergehen. Das ist
ein ganz verrücktes Land, wo es weder Recht noch Gesetz gibt. Du kannst
nur immer Steuer zahlen, und zwar tüchtig, aber zu sagen hast du
nichts.“
„Sie müssen gleich zumachen,“ sagte nun der Beamte, der das Protokoll
überreicht hatte, „sonst gibt es ein Strafmandat über hundert Pesos.“
„Die Gäste werden doch wohl noch ihre Getränke austrinken dürfen?“
fragte Senjor Doux.
Der Beamte sah nach der Uhr und sagte: „Eine halbe Stunde, dann ist
Schluß. Sie kriegen einen Wachtmann her, der aufpaßt, daß Sie keine
Gäste aufnehmen für das Lokal. Den Wachtmann müssen Sie bezahlen. Das
ist ein Beamter.“
„Ich auch noch den Wachtbeamten bezahlen?“
„Sie glauben doch nicht etwa, daß wir ihn bezahlen? Wir haben kein Geld
dafür, um umsonst aufzupassen, daß Sie das Protokoll auch einhalten.“
Die beiden Beamten gingen raus und stellten sich vor die Tür, um die
halbe Stunde Gnadenzeit abzuwarten. Als sie um war, riefen sie hinein,
und Senjor Doux schloß wütend die Türen. Nur der Gang für das Hotel
blieb offen, weil das Hotel ja die Ruhe und Sicherheit nicht gestört
hatte. Im Lokal aber zog keine Ruhe ein, sondern es wurde lebhafter, als
es je in den letzten Tagen gewesen war. Die Douxens gerieten sich in die
Haare. Sie wurde wie eine Furie, jeder Centavo, der dem Geschäft
verlorenging, fraß an ihrem Herzen. Sie watschelte in ihren Pantoffeln
hin und her zwischen den Tischen und machte dem Manne das Dasein heiß.
Sie trug nur Hänger, gerade so übergeworfen. Die dicken fleischigen
Waden waren frei und steckten in hellgelben seidenen Strümpfen. Nacken
und der Oberteil der Brust waren auch frei, fleischig und quabbelig. Nur
ihre Jugend hielt diese ausgewachsenen Massen in einer Form, die nicht
gerade häßlich wirkte, sondern mehr verlockend. Aber fünf Jahre mehr
würden das Verlockende sicher auslöschen, und das Häßliche würde nicht
nur bleiben, sondern verstärkt werden. Die Arme guckten ihrer ganzen
Länge nach nackt aus den Ärmellöchern des Hängers. Sie hätte, nach dem
Aussehen ihrer Arme zu urteilen, als Ringkämpferin auftreten können.
Aber es war nur quabbeliges Fleisch, wie alles übrige ihres Körpers. Im
Nacken hatte sie einen Fleischwulst, der vorläufig nur schüchtern sich
hervorwagte, aber in einigen Jahren Landmarke sein würde. So wie sie
jetzt herumlief, lief sie immer im Lokal herum. Wäre es ein andres Lokal
gewesen, man hätte sie gut für eine Bordellmutter halten können, mit der
nicht gut zu spaßen war. Die Hänger wechselte sie zuweilen. Sie hatte
einen grauen, einen rosafarbenen, einen grünen, einen dunkelgelben und
einen hellvioletten. Ob sie irgendein andres Kleid besaß, weiß ich
nicht. Ich habe nie ein andres an ihr gesehen.
Senjor Doux lief auch stets in Hemd und Hose umher. Nur wenn er zum
Markt ging, setzte er einen Hut auf. Er trug immer eine schwarze Hose,
die er mit einem schmalen Ledergürtel hielt, ein weißes Hemd mit Kragen
und schwarzem Schlips. Sein Bauch stand spitz vor, als ob er am
Aufblasen sei. Auch die Senjora schien einen ähnlichen spitzen Bauch zu
haben. Man konnte das nur nicht so beurteilen, weil der Hänger das
ausglich. Aber was sie vorn zuviel hatte, fehlte ihr hinten. Das heißt,
hinten war schon allerlei vorhanden; aber das proportionale Verhältnis
zum Bauch war doch nicht kräftig genug, um der ganzen Figur die mollige
Form zu geben. Und weil vorn viel mehr war als hinten, so sah es in dem
Hänger immer so aus, als ob sie hinten nur das Allernotwendigste habe,
und als ob selbst dieses Allernotwendigste gerade am Überlegen sei, ob
es nicht auch noch nach vorn rutschen solle. Jedenfalls brauchte Senjor
Doux nicht verlegen sein, er konnte gut etwas in den Händen halten und
brauchte nicht zu befürchten, sich an Knochen wund zu stoßen. „Du bist
ja rein verrückt gewesen,“ schrie sie auf ihn ein, „hier in dieses
wahnsinnige Land zu gehen.“
„Ich?“ schrie er zurück. „Warst du es nicht, die jeden Tag mir die Ohren
volljaulte, daß hier das Geld auf der Straße läge, und daß man es nur
aufzuschaufeln brauche?“
„Du gemeiner Lügner, du,“ brüllte sie los, „du dreckiger Marseiller
Zuhälter, der du bist, hast du nicht mein ganzes Geld abgehoben und mir
gesagt, daß es hier tausend Prozent bringe in zwei Jahren?“
„Habe ich vielleicht nicht recht damit gehabt? Wir sind hierhergekommen
mit nichts. Oder wieviel haben wir denn gehabt? Achthundert Pesos. Oder
vielleicht mehr? Und jetzt haben sie mir schon achtundsechzig tausend
Pesos für das Haus und Café geboten. Und ich verkaufe es nicht dafür,
weil es viel mehr wert ist.“
„Mehr wert? Mehr wert?“ erboste sie sich. „Nicht einen Dreck ist es
wert. Wo denn? Es ist zu. Die werden dir kaum die Ziegelsteine bezahlen.
Aber das habe ich dir ja schon damals gesagt, als die neue Regierung
herankam. Wie heißt denn der Hund, der Obregon, der Spitzbube! Da war es
vorbei.“
„Wir haben doch erst seitdem angefangen, zu etwas zu kommen. Oder
vielleicht vorher? Vorher vielleicht? Wo wir einhundert Pesos nach den
andern schmieren mußten, um die Augen aufbehalten zu dürfen. Jeder hielt
die offne Hand hin.“
„Und jetzt,“ widersprach sie ihm, „ist es jetzt anders? Jetzt stehen die
Leute immer mit der offnen Hand da. Erst die Küche, nun die Kellner, und
du wirst sehen, die Bäckerei kommt auch noch hintennach. Dann können wir
heimfahren, bettelarm.“
„Laß mich jetzt in Ruhe, zum Donnerwetter nochmal“, schrie er in voller
Wut. „Du verdirbst alles mit deiner Habgier und mit deinem verfluchten
Geiz.“
„Ich geizig? Geizig ich? Wo ich doch das ganze Geld zusammenhalten muß,
weil du es sonst verhuren würdest mit den Weibsbildern. Und das nennst
du geizig? Du freilich kümmerst dich nicht um die Kinder und was daraus
wird. Du gehst huren, und ich habe die Kinder am Halse.“
Da hörten wir ja feine Familiengeheimnisse. Ich glaube kaum, daß die
Senjora recht hatte; denn ich wüßte nicht, wann er sich Zeit genommen
hätte, Seitensprünge zu machen. Aber solche Auseinandersetzung war wohl
das, was man „ein eheliches Zwiegespräch“ nennt. Denn die beiden lebten
in durchaus glücklicher Ehe und Harmonie. Diese glückliche Ehe wurde nur
eben dadurch gestört, daß Arbeiter anfingen, aufzuwachen und die Gewinne
derer zu überrechnen, für die sie arbeiteten. Solches Überrechnen stört
zuweilen Könige und ganze Staaten. Warum soll es nicht auch die Harmonie
von Ehen stören?
Diese ehelichen Zwiegespräche wurden in den nächsten Tagen nicht nur
heftiger, sondern auch häufiger. Sie füllten das ganze Tagesleben der
beiden Doux aus und zogen sich die ganze Nacht hin, während die beiden
nebeneinander im Bett lagen. Dadurch lernten wir das ganze Leben der
beiden kennen, von dem Tage an, wo sie geboren wurden, bis zu der
Stunde, wo sie sich im Bett schlugen, Lampen und Waschschüsseln und
Nachttöpfe zerhämmerten. Das alles hatte ihr Freund, der
Polizeiinspektor verursacht. Sie aber behaupteten, die junge
Organisation, das „Syndikat der Hotel- und Restaurantangestellten“ sei
schuld. Nicht schuld an den ehelichen Liebesgesprächen, wohl aber an der
allmählichen Verschiebung der Machtverhältnisse im Lande.
Als sie beide jenes Stadium erreicht hatten, in dem sie mit der Absicht
umging, ihm Rattengift in den Kaffee zu mischen, und er die ganze Nacht
hindurch an das Rasiermesser dachte, mit dem er ihr die Kehle
durchschneiden wolle, bewies er, daß der Mann der Frau überlegen ist.
Er ging zum Polizeidirektor und fragte, was zu tun sei, um die
zweimonatige Schließung des Lokals aufzuheben. Der Polizeidirektor sagte
ihm, daß er da gar nichts tun könne; die Schließung sei für zwei Monate
angeordnet, der Gouverneur habe es bestätigt, und ehe die zwei Monate
nicht vorüber seien, könne er nicht wieder öffnen.
„Dann bin ich bankrott“, sagte Senjor Doux. „Und dann haben die Kellner
und Bäcker keine Arbeit mehr.“
„Machen Sie sich nur darum keine Sorge, Senjor,“ erwiderte der Direktor,
„solange Leute Brot essen wollen, so lange werden auch Leute, die Brot
backen, Arbeit finden, und solange jemand im Café sitzen und Erdbeereis
löffeln will, wird man auch Kellner verlangen, die es ihm auf den Tisch
stellen. Das sehen Sie ja an der ‚La Moderna‘, die ist jetzt immer gut
besucht. Alle Ihre Gäste sind da. Aber ich kann nichts tun. Das Lokal
ist geschlossen, und es bleibt zwei Monate geschlossen.“
Am Nachmittag dieses Tages traf Senjor Doux den Morales.
„Hören Sie, Morales, ich will alles bewilligen,“ sagte ihm Doux in
bescheidener Ansprache, „können Sie nicht dafür sorgen, daß mein Lokal
wieder aufgemacht wird?“
Morales sah ihn von oben bis unten an und gab ihm zur Antwort: „Wer sind
Sie denn? Ach so, Sie sind ja der Doux vom Café La Aurora. Wir haben mit
Ihnen nichts zu tun. Unsre Beziehungen sind nun gelöst. Wenn Sie was
wollen, gehen Sie zum Syndikat. Aber uns geht das nichts an. Adios.“
Senjor Doux schrieb einen Brief an das Syndikat, daß er den Herrn
Sekretär sprechen wolle, er bitte ihn höflichst, zu ihm zu kommen, um
die Angelegenheit in dem Kellnerstreik mit ihm zu besprechen. Am andern
Tage erhielt Senjor Doux die Antwort vom Syndikat. Es waren keine
Höflichkeitsfloskeln darin enthalten, sondern nur in einem kurzen klaren
Satze war gesagt: „Wenn Sie etwas vom Syndikat wünschen, das Bureau ist:
Calle Madero Nr. 18. Segundo Piso. Der Sekretär.“
Er hielt es nicht einmal für nötig, der Sekretär, seinen Namen zu
nennen. Was blieb Senjor Doux übrig, er mußte gehen; denn das
Rasiermesser verfolgte ihn Tag und Nacht, und selbst wenn er aß, hatte
er das Gefühl, daß sein Tischmesser ein Rasiermesser sei. „Setzen Sie
sich da in den Vorraum“, sagte ein Arbeiter, der im Bureau aushalf. „Wir
haben noch zu tun, eine Besprechung. Es wird nicht lange dauern.“ Es
dauerte aber doch über eine halbe Stunde, und Senjor Doux hatte
inzwischen Zeit, die Sinnsprüche, die an den Wänden hingen, auswendig zu
lernen. Jeder dieser Sprüche erregte zuerst seine Wut. Je länger er sie
aber studierte, desto mehr Angst bekam er vor den Dingen, die ihm hinter
der Tür bevorstanden, wo er eine Schreibmaschine klappern hörte.
Endlich kam der Arbeiter und sagte: „Senjor, der Sekretär will Sie
sprechen.“
6
Senjor Doux schluckte, als er den kleinen Raum des Sekretärs betrat. Er
hatte beabsichtigt, dem Sekretär gleich fest in die Augen zu sehen; aber
er kam nicht dazu. Denn hinter dem Sekretär war über die ganze Wand eine
Fahne, zur Hälfte rot, zur andern Hälfte schwarz, gespannt und darüber
stand in dicken Lettern:
¡Proletarios del mundo, unios! (Proletarier aller Länder, vereinigt
euch!)
Das machte Senjor Doux ganz verwirrt. Er hatte plötzlich den Eindruck,
als ob da vor ihm nicht der Sekretär sitze, sondern alle Kellner der
ganzen Welt ihn wütend anblickten. Seine Stimme, die so fest sein
sollte, wurde ganz zaghaft, als er nun sagte: „Guten Tag, ich bin Senjor
Doux vom Café La Aurora.“
„Gut. Setzen Sie sich. Was wünschen Sie?“ fragte der Sekretär.
„Ich möchte gern wissen, ob Sie veranlassen können, daß mein Café wieder
geöffnet wird.“
„Das können wir veranlassen“, erwiderte der Sekretär. „Sie brauchen nur
die Bedingungen zu erfüllen.“
„Oh, ich bin bereit, alles zu bewilligen, was die Kellner fordern.“
Der Sekretär nahm einen kleinen Zettel, warf einen Blick darauf und
sagte: „Die Forderungen sind nicht mehr die gleichen, die gestellt
wurden, als die Kellner Ihnen die Mitteilung machten.“
„Nicht mehr die gleichen?“ schluckte Doux erschreckt.
„Nein. Es sind fünfzehn Pesos die Woche“, sagte der Sekretär
geschäftsmäßig.
„Die forderten aber nur zwölf.“
„Das ist leicht möglich. Aber dann wurde gestreikt. Und Sie verlangen
doch nicht etwa, daß die Leute umsonst streiken. Jetzt macht es
fünfzehn. Hätten Sie gleich bewilligt, wäre es bei zwölf geblieben.“
„Gut,“ erwiderte Doux, sich aufrichtend, „ich bewillige die fünfzehn
Pesos.“
„Freitag ist Zahltag. Freitags für die ganze Woche. Diese unpünktlichen
Zahlungen können wir nicht mehr zulassen“, sagte der Sekretär.
„Aber das kann ich nicht so ohne weiteres machen. Wir haben das immer so
gemacht, daß wir zahlten, wenn wir das Geld eben gerade dazu frei
hatten.“
Der Sekretär sah auf: „Was Sie immer getan haben, geht uns nichts an.
Wir bestimmen, was Sie von nun an zu tun haben. Mit dieser alten
Wirtschaft, wie sie Hunderte von Jahren bestanden hat, wollen wir nun
endlich ein Ende machen. Da ist die Arbeit, hier ist der Lohn, Ebenso
pünktlich wie Sie die Arbeit von den Leuten verlangen, haben Sie den
Lohn zu zahlen!“
„Das wird aber schwer gehen“, verteidigte Doux seine Position. „Dann
fehlt mir oft das Geld für Einkäufe.“
„Das kümmert uns nichts. Löhne gehen vor, sonst fehlen den Leuten die
Pesos, um _ihre_ Einkäufe zu machen. Und wir denken, es ist besser, daß
Ihnen das Geld für Einkäufe fehlt als den Arbeitern.“
Senjor Doux atmete schwer. „Aber am Samstag ist doch erst die Woche um.
Warum soll ich da Freitag schon den Lohn zahlen?“
„Warum? Warum? Ist Ihnen denn das nicht klar?“ Der Sekretär tat ganz
erstaunt. „Der Arbeiter borgt Ihnen ja sowieso schon fünf Tage Lohn. Er
gibt Ihnen seine Arbeitskraft fünf volle Tage, während Sie mit dem
Kapital Geschäfte machen. Wie kommt denn der Arbeiter überhaupt dazu,
Ihnen fünf Tage Arbeit zu borgen? Eigentlich sollten Sie Montag früh im
voraus für die ganze Woche bezahlen, das würde sich gehören. Aber so
weit wollen wir nicht gehen.“
„Gut, also damit bin ich auch einverstanden. Auch mit dem einen
Vollessen und dem Kaffee mit Zugebäck. Dann ist ja wohl das alles in
Ordnung?“ Senjor Doux stand auf.
„Setzen Sie sich nur noch einen Augenblick“, lud ihn der Sekretär ein.
„Da sind noch einige Nebenfragen zu erledigen. Die Streiktage müssen Sie
bezahlen.“
„Ich? Die Streiktage bezahlen?“ schrie Senjor Doux. „Ich soll auch noch
die Faulenzerei bezahlen?“
„Streik ist keine Faulenzerei. Und wenn bei Ihnen gestreikt wird, müssen
Sie den vollen Lohn weiter zahlen. Streik ist auch Arbeit. Sonst könnten
Sie alle, die ganzen Hotelbesitzer und Kaffeehausbesitzer, uns ja zu
einem langen Streik treiben, um unsre Kassen zu zerstören, so daß wir
nie wieder streiken könnten. Nein, Senjor, darauf lassen wir uns nicht
ein. Der Streik wird von uns finanziert. Wir sind nur die Lehnsbank für
die Arbeiter. Aber zu zahlen haben Sie den Streik. Sie haben ja Zeit,
reichlich, sich zu überlegen, ob Sie es zum Streik kommen lassen wollen
oder nicht. Die Kriegskosten muß der bezahlen, der den Frieden braucht,
um wieder Geschäfte zu machen.“
„Das ist die größte Ungerechtigkeit, die mir je vorgekommen ist“, rief
Senjor Doux.
„Ich will Ihnen nicht die Ungerechtigkeiten hier vorzählen, die Sie und
Ihresgleichen jahrelang verübt haben“, sagte der Sekretär.
„Es bleibt mir wohl nichts andres übrig, ich muß auch das bezahlen“,
gestand Doux nun kleinlaut.
„Am besten gleich heute,“ erklärte der Sekretär, „denn morgen kostet es
bereits einen Tag mehr.“
„Dann werde ich noch vor fünf Uhr herkommen und alles bezahlen“, sagte
Senjor Doux und erhob sich abermals.
„Bringen Sie aber etwas mehr mit“, warf der Sekretär ein, während er
sich gleichfalls erhob.
„Noch mehr?“ fragte Senjor Doux erschreckt.
„Ja, ich denke, Sie wollen doch das Café jetzt schon geöffnet haben und
nicht erst nach zwei Monaten.“
„Ist denn das nicht damit verbunden, wenn ich alles bewillige?“ Senjor
Doux wurde ganz nervös.
„Keineswegs“, erwiderte der Sekretär. „Das Schließen des Lokals hatte
andre Gründe als den Streik. Das wissen Sie wohl recht gut. Sie haben
den Inspektor aufgefordert, den Streikposten einen Denkzettel zu geben.“
„Das habe ich nicht getan“, wehrte sich Doux.
„Wir sind darüber andrer Meinung. Es ist jedenfalls in Ihrem Lokal
geschehen, und Sie sind für die Vorgänge in Ihrem Lokal verantwortlich.
Sie konnten es leicht verhindern, daß so etwas vorkommen konnte.“
„Dann sagen Sie doch schon, was ich noch zu tun habe“, drängte Senjor
Doux.
„Sie haben zehntausend Pesos in die Kasse unsres Syndikats zu zahlen als
Sühnegeld. Sobald Sie die Summe eingezahlt haben, werden wir für Sie die
Garantie übernehmen, und dann kann das Café geöffnet werden, und die
Siegel werden abgelöst.“
„Zehntausend Pesos soll ich zahlen?“ Senjor Doux war wieder in den Stuhl
gefallen. Der Schweiß brach ihm aus.
„Sie brauchen es nicht zu bezahlen. Wir zwingen Sie nicht. Dann bleibt
das Café zwei Monate geschlossen.“ Der Sekretär wurde ganz trocken und
kaufmännisch. „Natürlich haben Sie nach zwei Monaten die Löhne für die
Kellner für die vollen zwei Monate nachzuzahlen. Die können doch nicht
verhungern. Und wir können ihnen leider nicht erlauben, andre Arbeit
anzunehmen, weil sie sich bereit halten müssen, bei Ihnen wieder
anzufangen, sobald Sie öffnen. Wir können doch nicht zugeben, daß Sie
eines Tages, wenn Sie öffnen wollen, keine Kellner haben und vielleicht
geschäftlichen Schaden erleiden. Und damit Sie gleich im klaren sind,
ein für allemal: Es ist nicht unsre Absicht, das Geschäftsleben zu
vernichten oder auch nur zu stören. Durchaus nicht. Aber es ist unsre
Absicht, dafür zu sorgen, daß der Arbeiter von dem, was er produziert,
nicht nur einen angemessenen Anteil erhält, sondern den Anteil, der ihm
zukommt bis zu der höchsten Grenze, die das Geschäft tragen kann. Und
diese Grenze ist viel höher, als Sie glauben. Damit beschäftigen wir uns
augenblicklich besonders eingehend, die Tragfähigkeit jedes
Arbeitszweiges zu errechnen. Arbeitszweige, die dem Arbeiter nicht so
viel eintragen, daß er ein Leben führen kann, wie es einem Menschen von
heute zukommt, sollen zugrunde gehen. Dabei wollen wir helfen. Und wenn
solche Arbeitszweige wichtig sind für die Allgemeinheit, dann werden wir
dafür sorgen, daß die Allgemeinheit dem Arbeiter ein menschenwürdiges
Dasein gewährleistet. Daß Ihr Café für die Allgemeinheit so sehr wichtig
wäre, bestreite ich. Aber es ist nun einmal da. Und solange Sie es dazu
benutzen, Ihr Vermögen zu vergrößern, bringt es auch genügend ein, um
anständige Löhne zu zahlen. Wenn Sie nichts mehr verdienen können,
werden Sie schon von selber zumachen. – So, das habe ich Ihnen gesagt,
damit Sie nicht denken, wir sind Erpresser. Nein, wir wollen nur, daß
die Leute, die Ihnen ein Vermögen produzieren, den Anteil bekommen, auf
den sie ein Recht haben. Für Sie bleibt noch genug übrig.“
Senjor Doux hatte das sicher nur zur Hälfte verstanden. Er saß ganz
verdöst da. In seinem Kopfe surrten nur immer jene zehntausend Pesos
herum, die er da auf den Tisch legen sollte. Er traute sich nicht ja zu
sagen aus Angst vor seiner Senjora. Aber ebensowenig traute er sich ein
glattes Nein hier hinzuwerfen, gleichfalls aus Angst vor der Senjora. Er
wußte ja nicht, was sie vorziehen würde. Jeder Tag Zögerung kostete
Geld. Schließlich kam es auf mehr heraus als auf diese zehntausend
Pesos, wenn er zwei Monate geschlossen halten mußte und dann außerdem
die Löhne nachzuzahlen hatte. So arbeitete er mit den Summen in seinem
Kopfe, bis er halb verrückt wurde.