Er verließ das Bureau, ging die Treppe hinunter und trat auf die Straße.
Er wischte sich den Schweiß und schnappte nach Luft. Dann machte er sich
auf den Heimweg. Dabei kühlte er ab und fing an, die Sache ruhig zu
überlegen. Er rechnete auf einem Papierstückchen hin und her und kam
endlich zu der Überzeugung, daß es billiger sei, sofort alles zu
bezahlen.
Nun aber Senjora Doux. Ging er erst heim, so gab es die furchtbarsten
Kämpfe. Sagte er ein bündiges Nein, würde sie sagen: „Warum hast du
nicht ja gesagt?“ Umgekehrt hätte sie gesagt: „Warum hast du nicht nein
geantwortet.“ Er konnte in diesem Falle tun, was er wollte, er würde es
ihr nie recht machen, denn es kostete Geld, und zwar reichlich Geld. Und
in allen Dingen, die Geld kosteten und nicht das Doppelte einbrachten,
gab es Krakeel. Endlich aber packte ihn ein stolzer Mannesmut, einmal
seinen Willen ganz allein, und ohne seine Frau zu fragen, durchzusetzen.
Und er dachte das am besten in der Weise zu tun, wenn er eine
Entscheidung traf, die sie in die hellste Wut treiben müßte. Und das
war, sofort zur Bank zu gehen, das ganze Geld, das nötig war, abzuheben
und sofort wieder, ohne auch nur seine Frau zu sprechen, zum Bureau
zurückzugehen und alles glatt zu bezahlen.
Eine halbe Stunde später war er im Bureau, zahlte jeden Peso, der
aufgesetzt war, und dann sagte ihm der Sekretär: „Abends um sieben
dürfen Sie Ihr Café wieder aufmachen. Ich werde dafür sorgen, daß Ihnen
bis dahin das Aufhebungsprotokoll zugestellt wird.“
Senjor Doux faltete die Quittungen zusammen, nachdem die Marken
draufgeklebt waren, und sagte dann: „Ich habe nur eine kleine Einwendung
zu machen.“
„Ja?“ fragte der Sekretär.
„Ich soll doch jetzt die Löhne Freitags zahlen für die ganze Woche?“
„Allerdings“, erwiderte der Sekretär.
„Was dann aber, wenn der Mann am Samstag nicht wiederkommt? Dann hat er
ja einen Tag Lohn, mit dem er fortgelaufen ist.“
„Sehen Sie mal an,“ sagte der Sekretär lächelnd, „wie gut Sie rechnen
können. Das hätte ich gar nicht von Ihnen erwartet. Sie sind ja bisher
den Leuten manchmal sechs Wochen lang mit dem Lohn davongelaufen, nicht
nur mit einem Tag, nein, mit sechs Wochen Lohn.“
„Aber die Leute haben doch dann immer ihren Lohn bekommen, und ich bin
ihnen doch sicher.“ Senjor Doux warf sich in die Brust.
„Ob Sie so sicher sind, ist noch sehr die Frage. Sie können ja unter der
Hand verkaufen und laufen davon mit den stehenden Löhnen. Aber das kommt
vielleicht nicht vor. Was aber vorkommt, das ist, daß Sie immer einige
Wochen lang die Löhne festhalten und mit diesem Gelde, das den Kellnern
gehört, Geschäfte machen, ohne den Leuten Zinsen dafür zu zahlen. Wie
kommen die Leute dazu, Ihnen Geld kostenlos vorzustrecken? Das wird nun
aufhören. Sie können noch froh sein, daß wir nicht anordnen, die Löhne
werden Mittwoch abend für die ganze Woche bezahlt, so daß also das
Risiko auf halb und halb geht. Lassen wir es bei Freitag. Wenn Sie
anständig zu den Leuten sind, läuft Ihnen schon keiner mit dem einen Tag
Lohn davon. Und sollte es wirklich einmal einer tun, so werden Sie daran
nicht zugrunde gehen. Also diese Frage ist nun geklärt. Besser, Sie
beeilen sich, daß Sie bis um sieben mit allem fertig sind und Ihre Gäste
zufriedenstellen können.“
Senjor Doux verließ das Bureau und ging heim.
7
„Das ist ganz vernünftig, daß du das gemacht hast“, sagte seine Senjora
wider Erwarten. „Wenn es nach mir gegangen wäre, dann hätten wir das
alles sparen können.“
„Nach dir?“ fragte Senjor Doux erstaunt. „Es ist ja alles nach dir
gegangen. Du hast mir ja geraten, ich sollte die Kellner alle
rausfeuern, es wären genug auf der Straße, die froh seien, wenn sie
dafür arbeiten könnten.“
„Das ist doch auch richtig“, erwiderte Senjora Doux. „Sie laufen uns ja
das Haus ein, um Arbeit zu kriegen. Daß mit einem Male niemand kommen
würde außer diesen beiden Vagabunden, hatte ich nicht gedacht. Das war
mein ganzer Fehler in der Rechnung. Laß nur gut sein, wir holen das Geld
schon wieder herein; die Bäckerei und die Konditorei muß es bringen. Die
sind ja anständiger als die Kellner, die sind ja keine Bolschewisten.“
So war es. Die Bäckerei und die Konditorei mußten den Schaden gutmachen.
Senjor Doux tat etwas für Reklame. Er ließ in den Kinos und in den
Zeitungen inserieren, was für gute Brötchen er backe, wie gut seine
Kuchen und Torten seien und wie vorzüglich das Kleingebäck.
Das hatte zur Folge, daß wir jeden Abend nun um elf, Samstags um zehn
anfangen mußten, und daß es dann durchging bis zum andern Tage
nachmittags um vier oder fünf. Das wurde nun schon die Regel. Wem es
nicht gefiel, der hörte auf. Das war Senjor Doux recht angenehm. Dann
erklärte er, daß niemand wegen Arbeit nachfragen käme, und wir mußten
eine Weile für den einen oder gar zwei, die aufgehört hatten, noch
mitarbeiten.
In Wahrheit aber war es so, daß Senjor Doux so lange wie nur irgend
möglich den fehlenden Mann nicht ersetzte, um den Lohn für ihn zu
sparen. Denn wir schickten ihm Leute zu, die er nicht annahm, und zu
denen er sagte, es sei nichts frei. Das ging dann so lange, bis wir
einfach Bestellungen liegen ließen. Wenn es sich um Bestellungen
handelte, die für einen Geburtstag oder einen Namenstag sein sollten,
dann gab es immer Unannehmlichkeiten für Senjora Doux. Er drückte sich,
und sie hatte sich mit der Kundschaft herumzuschlagen. Endlich wurde es
ihr zu bunt, und sie selbst nahm einen oder zwei neue Leute an, immer
die billigsten, die nichts von der Bäckerei verstanden und auch nicht
genügend Intelligenz besaßen, es rasch zu begreifen.
Mit Senjor Doux hatte der Meister auch jeden Tag seine
Auseinandersetzungen. Den einen Tag fehlte der Zucker. Der Meister ging
zum Doux und sagte ihm, daß wir zweihundert Kilo Zucker benötigten.
„Gut, gut,“ erwiderte Senjor Doux, „werde ich gleich bestellen.“
Aber er bestellte nicht, nur um ein paar Tage länger das Geld in der
Tasche behalten zu können. Dann kam eine Stunde, in der überhaupt kein
Zucker da war und wir uns mit den Kellnern herumschlugen, die in die
Backstube kamen, um auch noch den letzten Rest von Zucker für das Café
herauszuholen, wo die Gäste vor leeren Zuckerdosen saßen. Dann sauste
Senjor Doux los, um rasch den Zucker heranzuschaffen. Wir konnten mit
unsrer Bäckerei dann stehen und warten, konnten nicht weiterarbeiten,
bis der Zucker da war, konnten aber auch nicht zu Bett gehen, weil die
Ware noch fertig werden mußte und wir auf den Zucker zu warten hatten.
So ging es mit den Eiern. Da waren fünfhundert Kisten bestellt. Die
kamen auch. Dann, wenn wir an den letzten fünfzig Kisten arbeiteten,
sagte der Meister dem Senjor Doux: „Eier müssen bestellt werden.“
„Hat es nicht Zeit bis morgen?“ fragte Doux.
„Ja, bis morgen hat es Zeit, aber dann müssen sie bestellt werden.“
„Gut denn“, sagte Doux, und er war recht zufrieden, daß er bis morgen
warten durfte.
Am folgenden Vormittag hatte der Meister dann wieder reinzulaufen. „Es
wird aber höchste Zeit, übermorgen sind wir fertig mit den Eiern.“
Diesmal fragte Doux nicht, ob es Zeit habe bis morgen, sondern er
wartete selbst auf eignes Risiko bis morgen. Und dann kam richtig die
Stunde, wo wir umherstanden und auf die Eier zu warten hatten.
Und ebenso ging es mit dem Eis. Das Speiseeis sollte bis zwei Uhr fertig
sein. Die Masse hatten wir längst fertig. Aber das Roheis kam nicht,
weil Doux es zu spät bestellt hatte. Dann kam es statt um eins um drei
oder um vier, und wir hatten zu warten und umherzustehen, weil wir nicht
Schluß machen konnten, ehe das Eis fertig war für das Café.
So wurde mit unsrer Zeit gewüstet. Es war nicht alles reine Arbeitszeit,
nein, es war verwüstete Zeit, die wir nutzlos vergeuden mußten, nur weil
Senjor Doux ein paar Stunden länger sein Geld behalten wollte, und weil
unsre Arbeitszeit, unsre Lebenszeit ja nicht für Stunden, sondern für
die ganze Woche von ihm gekauft wurde. Und jede Minute unsres Lebens
gehörte ihm, nicht uns. Er bezahlte dafür.
Wenn es uns nicht gefiel, gut, wir konnten ja gehen. Wir konnten gehen
und verhungern. Arbeitsgelegenheit war rar. Und die Arbeit, die zu haben
war, wurde von den Eingeborenen weggeschnappt, die es für einen Lohn
taten, von dem man nicht leben kann, selbst wenn man Eingeborene davon
mit ihren Familien leben sieht. Was blieb einem übrig? Verhungern oder
tun, was dem Herrn beliebte. Mit den Kellnern konnte er nicht mehr tun,
was ihm beliebte. Wir hatten jetzt alles das mit zu übernehmen, was er
an ihnen nicht verüben konnte. Wir waren Gesindel. Wenn wir gingen,
zwanzig andre warteten, überselig, in eine Bäckerei zu kommen, wo es
nicht nur Brot reichlich zu essen gab und Kuchen, nein, wo es sogar
Mahlzeiten gab, so gut, wie sie diejenigen, die als Arbeiter für die
Bäckerei in Frage kamen, nie auf ihrem Tische gesehen hatten.
Die Kellner waren Mexikaner oder Spanier, intelligente Burschen,
aufgeweckt und rührig. Aber wir in der Bäckerei waren zusammengelesenes
Gesindel, ohne Familie, ohne Wohnort. Einige konnten nicht einmal
Spanisch sprechen. Die Arbeitsverhältnisse und Löhne boten auch nicht
die geringste Anziehungskraft für Arbeiter, die Klassenstolz haben.
Bürgerstolz hatten wir schon. Aber mit Bürgerstolz kann man die
Lebensverhältnisse des Arbeiters nicht verbessern. Denn Bürgerstolz hat
der Unternehmer selbst genug, und er weiß, wie er ihn zu seinen Gunsten
zu gebrauchen hat. Das ist sein Schlachtfeld, wo er jeden Kniff kennt
und jeden Angriff mit Erfolg zu parieren versteht. Wir strebten nur
danach, etwas zu sparen und dann einen kleinen Handel anzufangen oder
das Reisegeld zusammenzubekommen, um nach Colombia zu gehen. Wir
versuchten aus dem Acker, den wir bebauten, soviel herauszuholen wie nur
möglich. Ob die, die nach uns auf diesem Acker sich ansiedeln mußten,
darauf verreckten, das war uns gleichgültig. Jeder ist sich selbst der
Nächste. Ich grase einmal ab und ziehe auch noch die Wurzeln mit heraus,
wenn das Gras nicht langt. Nach uns die Sündflut. Was gehen mich meine
Mitsklaven an?
Senjor Doux und alle seine Geschäftskollegen in der Stadt verstanden es
schon, uns jede Möglichkeit zu nehmen, nachdenken zu lernen. Es ist ja
hier Neuland. Jeder hat nur einen Gedanken: Reich zu werden, recht rasch
reich zu werden; ohne Rücksicht darauf, was aus dem andern wird. So
machen es die Ölleute, so die Minenleute, so die Kaufleute, so die
Hotelbesitzer, so die Cafeterios, so jeder, der ein paar Kröten hat,
etwas auszubeuten. Wenn er kein Ölfeld, keine Silbermine, keine
Ladenkundschaft, keine Hotelgäste ausbeuten kann, so beutet er den
Hunger der zerlumpten Arbeiter aus. Alles muß Geld bringen, und alles
bringt Geld. In den Muskeln und Adern hungernder Arbeiter liegt das Gold
genau so gut aufgespeichert wie in den Goldminen. Goldminen auszubeuten,
erfordert oft große Kapitalien und ist häufig mit einem großen Risiko
verknüpft. Die Goldminen, die hungernde Arbeiter in ihren Kadavern
tragen, sind bequemer auszubeuten als unsichere Ölfelder, wo man zehnmal
auf zweitausendfünfhundert Fuß bohren kann mit großen Kosten und nichts
als tote Brunnen macht. Solange der Arbeiter seine Knochen rühren kann,
ist er kein toter Brunnen. Da ist der Ungar Apfel. Er kam her mit
einigen hundert Pesos und fand keine Arbeit. Dann mietete er sich eine
kleine Baracke und kaufte sich bei einem Althändler Werkzeuge und bei
einem andern Althändler altes Blech. Davon machte er Eimer und
Wassertanks.
Eines Tages kam ein Amerikaner vorbei und sagte: „Können Sie mir nicht
einen Tank machen?“
„Den kann ich machen, wenn Sie mir hundert Pesos Vorschuß geben“,
erwiderte Apfel.
Er konnte ihn aber nicht machen.
Dann traf er in einer chinesischen Speisewirtschaft einen hungrigen und
zerlumpten Landsmann aus Budapest, der vor der Blutgier des Herrn Horthy
hatte fortrennen müssen. Der kam in die Wirtschaft und kam auch an den
Tisch Apfels und fragte bescheiden mit einem paar Brocken Spanisch, ob
er nicht das halbe Brötchen da haben könne, das Apfel noch auf dem
Teller liegen habe, und das abgeräumt werden sollte.
„Nehmen Sie es“, sagte Apfel. „Was sind Sie denn für ein Landsmann?“
„Ungar“, antwortete der Mann.
Und nun sprachen sie Ungarisch.
„Suchen Sie Arbeit?“ fragte Apfel.
„Ja, schon lange, aber es ist nichts zu kriegen.“
„Nein, es ist nichts zu kriegen“, bestätigte Apfel. „Aber ich kann Ihnen
Arbeit verschaffen.“
„Wirklich?“ sagte der Mann erfreut. „Ich wäre Ihnen ja so dankbar
dafür.“
„Aber es ist vierzehnstündige Arbeitszeit.“
„Das macht nichts,“ erwiderte der Mann, „wenn es nur Arbeit ist und ich
zu essen habe.“
„Der Lohn ist auch nicht hoch. Nur gerade zwei Pesos fünfzig.“
„Damit wäre ich schon zufrieden.“
„Dann kommen Sie nur morgen früh dort hin“, sagte Apfel und machte dem
Manne klar, wo er seine Werkstatt habe. „Da arbeite ich auch, ich habe
da einen kleinen Kontrakt übernommen.“
„Da bin ich ja recht froh, daß ich mit einem Landsmann zusammenarbeiten
kann.“
„Das dürfen Sie auch,“ sagte Apfel, „denn irgend jemand anders stellt
Sie nicht ein. Es ist durchaus keine Arbeit zu haben.“
Der Mann kam und fing an zu arbeiten. Und er arbeitete tüchtig. Vierzehn
Stunden am Tage. In tropischem Lande. In einer Holzbaracke unter einem
Wellblechdach. Man kann eine solche Arbeit nicht beschreiben. Man kann
nur dabei zusammenbrechen oder ein Skelett werden.
Zwei Pesos fünfzig den Tag. Fünfzig Centavos für die Nacht in einem
Bett, nein, kein Bett, ein Holzgestell, über das ein Stück Segeltuch
gespannt ist. In einer Lumpenherberge, wo Wanzen und Tausende von
Moskitos die Nacht zur Hölle machen. Fünfzig Centavos für Mittagessen
beim Chinesen und fünfzig Centavos für Abendessen beim Chinesen. Zwanzig
Centavos für ein Glas Kaffee und zehn Centavos für zwei trockene
Brötchen. Ein paar Zigaretten den Tag. Ein Glas Eiswasser für fünf
Centavos oder auch zwei oder drei im Laufe des Tages. Dann geht auch das
Hemd in die Brüche, die Schuhe waren schon hinüber, ehe er anfing zu
arbeiten, und ein Paar neue kosten einen vollen Wochenlohn, ein Hemd
zwei Tage Lohn, vorausgesetzt, man ißt nichts. Das geht zwei Wochen, das
geht drei Wochen, das geht vielleicht sogar vier Wochen. Dann muß er ins
Hospital gebracht werden. Als Landarmer. Vielleicht kann man den Konsul
zahlen machen, vielleicht nicht. Malaria, Fieber, wer weiß was. Zwei
Tage darauf kommt er in eine Holzkiste und wird verscharrt.
Apfel hat aber seinen Kontrakt erfüllt und drei neue Tanks in Auftrag
bekommen. Er findet immer wieder hungernde Landsleute. Wenn es keine
Ungarn sind, dann Österreicher, oder Deutsche, oder Polen oder Böhmen.
Sie schwirren ja nur so herum. Alle sind ihm ja so dankbar dafür, daß er
ihnen Arbeit gibt, jetzt nur noch zwölf Stunden den Tag, weil er modern
wird und kein Ausbeuter ist. Aber zwei Pesos fünfzig und dem Antreiber
drei Pesos fünfzig. Denn den Antreiber braucht er, weil er – es sind nur
gerade vier Jahre, seit er den ersten Tank baute – im eignen Auto
spazierenfährt und sich im amerikanischen Viertel ein schönes Haus bauen
ließ.
Auch die Knochen der Landsleute, denen man Wohltaten erweist, und die
infolge der Wohltaten, infolge der Überarbeit, infolge der Schlafhöhlen,
in denen sie ihre Nächte verbringen, infolge der schlechten Ernährung
dutzendweise am Fieber verrecken und als Niemand verscharrt werden, kann
man zu Gold machen.
In Budapest schreiben die Zeitungen: „Unser Bürger Apfel hat durch
Tatkraft und Unternehmungsgeist da drüben in wenigen Jahren ein
Riesenvermögen gemacht.“ Möchten doch die Zeitungen immer so genau die
Wahrheit drucken wie in diesem Falle. Reichtümer über Nacht werden hier
gemacht! Das ist richtig. Man hat nichts weiter nötig, als die Goldminen
auszubeuten.
Und die Fremden können es am leichtesten. Wenn ihnen von den
Nichtlandsleuten ein Strich durch die Rechnung gemacht werden soll, dann
stehen sie unter dem Schutze ihrer Hohen Gesandtschaft, und das freie
Amerika droht mit dem militärischen Einmarsch.
8
Wir schliefen nicht in einer Lumpenherberge, aber doch auch in einer
Schlafhöhle. Haus konnte man es nicht gut nennen. Es war eine große
Holzkiste mit einem Blechdach. Das Licht kam nur durch die Tür herein
und durch die Fensterluken, die weder Glas noch Drahtgaze hatten. Es
führte eine Holztreppe hinauf in den Raum, sechs Stufen. Unter dem Hause
lagen alte Eierkisten und leere Schmalzdosen, alte Stricke und morsche
Lumpen. In der Regenzeit war das alles ein wüster Schlamm und eine
wundervoll ideale Brutstätte für Hunderttausende von Moskitos.
Der Raum war gerade groß genug, daß man zwischen den Klappgestellen, die
man Betten nennen muß, weil sie es vorstellen sollen, vorbeigehen und
sich dazwischen ankleiden konnte. Der Raum diente nicht nur uns zum
Aufenthalt, sondern auch großen Eidechsen und fingerlangen Spinnen.
Außerdem trieben sich da noch immer drei Hunde herum. Einer von ihnen
war immer krank und hatte die Räude oder so etwas Ähnliches. Er sah
grauenerregend aus. Wenn er sich besserte, bekam der andre die
Krankheit. Aber die Hunde liebten uns sehr, und darum jagten wir sie
nicht fort. Sie waren oft unser einziges Vergnügen, wenn wir keine Zeit
hatten, mal auf die Straße zu gucken, sondern nur gerade so auf die
Segelleinwand fielen und vor Übermüdung nicht einschlafen konnten.
Hin und wieder wurde der Raum von einem von uns ausgefegt. Gescheuert
wurde er nie. Da aber das Dach leckte, so bekamen wir reichlich Wasser
in die Bude, wenn ein tropischer Wolkenbruch losging, was im letzten
Monat der Regenzeit alle halbe Stunde geschah. Wir wurden dann natürlich
auch naß, und unser Schlafen bestand dann darin, daß wir immerfort
aufstehen mußten, um das Schlafgestell unter eine Stelle des Daches zu
schieben, wo wir glaubten, daß da kein Regen hindurch käme. Aber der
Regen folgte uns mit beharrlicher Bosheit, wohin wir uns auch
verkrochen.
Wir hatten jeder ein Moskitonetz. Aber das klaffte an einem halben
Dutzend Stellen auseinander. Und die Moskitos fanden nicht nur die
klaffenden Stellen sehr leicht, sondern ebenso leicht und sicher jene
Stellen, wo wir glaubten, da könne kein Loch sein. Wir nähten an den
Netzen herum, so gut wir konnten. Aber am nächsten Tage war es neben dem
alten Loch wieder aufgerissen. Man darf ruhig sagen, jedes Netz bestand
nur aus großen Löchern, die durch morsche Stoffetzen zusammengehalten
werden, damit die Löcher auch wissen, wo sie hingehören.
Außerdem besaßen wir jeder ein sehr schmutziges Kopfkissen. Und jeder
hatte eine zerlumpte Decke. An der Wand hing ein alter Spiegel in einem
Weißblechrahmen und einige Photographien von nackten, ganz nackten
Mädchen und andre Photographien von Vorgängen, die in vielen Ländern von
dem Staatsanwalt beschützt werden. Diese Photographien hier hätte keine
noch so moderne Kunstkommission verteidigen können, weil sie mit Kunst
absolut nichts, dagegen mit Naturvorgängen alles zu tun hatten. Aber in
einem Lande, wo man solche schönen Sachen in jedem anständigen Laden
kaufen kann, und wo sie ein zehnjähriger Junge genau so leicht kaufen
kann wie ein alter Seemann, macht niemand damit Geschäfte, weil sie
niemand interessieren, und weil sie niemand kauft. Nur Verbotenes
interessiert. Wir sahen auch nichts Besonderes daran, wir hatten keine
Zeit dazu.
Zwischen neun und zwei Uhr konnte man sich in dem Schlafraum nicht
aufhalten, man wäre sofort Dörrfleisch geworden. Aber in dieser Zeit
hatten wir ja darin nichts verloren, sondern da arbeiteten wir vor den
Backöfen. Und gerade dann immer, wenn es so schön kühl zu werden begann,
daß man herrlich schlafen konnte, mußte man raus.
Die Arbeit an sich war nicht schwer, das könnte ich nicht sagen. Aber
fünfzehn bis achtzehn Stunden ununterbrochen auf den Beinen sein,
unausgesetzt hin und her rennen, sich bücken und strecken, Dinge da
hinstellen und dort forttragen, macht viel mehr müde, als wenn man acht
Stunden sehr schwer arbeitet und an eine Stelle gebunden ist. Dann ging
es immerwährend: „Flink, flink, das Rundgebäck aus dem Ofen. Rasch,
Teufel noch mal, die Bleche gefettet. Kreuzdonner, den Schläger in die
Rührmaschine geschraubt, schnell, schnell, ich muß Schnee haben. Die
Masse ist versalzen, fix, fix, weg damit, neue angesetzt. Ich brauche
zwei Kilo Glasur, habe ich Ihnen doch vor einer Stunde schon gesagt. Ja,
Himmelelement, haben Sie denn die Zuckerlöse nicht gestern eingekocht?
Jetzt sind wir aufgeschmissen! Heiliger Nepomuk, nun rutscht auch noch
der José mit der Eismasse aus, und die Suppe schwimmt auf dem Zement.
Danke schön, José, das geht heute wieder bis sechs, wenn solche
Schweinereien gemacht werden.“
Das war ein immerwährendes Hetzen und Jagen und Kommandieren und Rennen.
Ich bin sicher, daß ich täglich meine vierzig Kilometer da bin und her
raste. Und dann der ewige Wechsel. Kaum war ein neuer angelernt, schon
ging ein andrer wieder fort. Das Anlernen hielt am meisten auf. Senjor
Doux sagte dann: „Nun habt ihr zwei neue Leute bekommen, die ich
bezahlen muß, und ihr schafft doch nicht mehr. Was hat es da für Zweck,
überhaupt neue einzustellen? Es kommt ja nichts heraus dabei.“
Er hatte schon recht, aber es kam doch nie einer, der etwas vom Backen
verstand. Man mußte ihnen jeden einzelnen Griff zeigen, sogar wie sie
ein Blech oder den Mehllöffel anzufassen hatten. Und ehe man es ihnen
zeigte, hatte man es zehnmal selbst gemacht. Manche begriffen es ja
rasch. Manche aber standen ewig im Wege herum und hielten nur auf. Wir
bekamen einen Konditor, der mit dem einfachsten Blätterteig nicht fertig
wurde, und doch konnte er Zeugnisse vorzeigen, daß er in ersten
Konditoreien gearbeitet hatte.
Es waren nur die Fremden, die ausländischen Arbeiter, an denen Senjor
Doux verdienen und die er ausbeuten konnte. Die mexikanischen Arbeiter
ließen sich nicht so ausbeuten. Sie machten das zwei, drei, höchstens
vier Wochen mit, dann sagten sie: „Das ist zu viel Arbeit“ und hörten
auf. Dann hatten sie aber auch genügend Geld, daß sie einen kleinen
Handel mit Zigaretten, Kaugummi, Ledergürteln, Revolvertaschen,
Backwaren, Zuckerwaren, kandierten Früchten, frischem Obst oder
ähnlichen Dingen anfangen konnten. Der Handel brachte ihnen vielleicht
nur einen Peso durchschnittlich im Tag, aber sie richteten sich damit
ein und waren freie Männer, die nicht andern Leuten ihre Knochen
verkauften. Manche dieser kleinen Händler kamen immer höher rauf, bis
sie sich in einer winkligen Nebengasse ein dunkles kleines Lokal mieten
konnten, das sie zu einem Laden einrichteten. Wir dagegen blieben immer
versklavt. Wir gaben uns mit dem Peso Reingewinn, den wir als freie
Männer hätten machen können, nicht zufrieden. Wir verdienten ja auch
viel mehr. Einen Peso und fünfzig Centavos den Tag und Essen und
Wohnung. Und wir stellten höhere Ansprüche an das Leben. Jene Leute, die
nur gerade so lange arbeiteten, bis sie genügend verdient hatten, um
sich selbständig zu machen, gaben sich mit einer Zwirnhose für drei
Pesos fünfzig Centavos zufrieden. Eine solche Hose war uns natürlich
nicht gut genug. Unsre mußte sieben oder acht Pesos kosten. In einer
andern glaubten wir uns nicht sehen lassen zu können, ohne unsre Würde
als Weißer zu verlieren. Jene freien Leute kauften rohe Stiefel für
sieben oder acht Pesos. In solchen Stiefeln konnten wir nicht über die
Straße gehen. Wie hätte denn das ausgesehen? Schon der Mädchen wegen
konnten wir das nicht tun. Unsre Stiefel kosteten nie unter sechzehn
oder achtzehn Pesos. Wir waren ja auch Weiße. Und um das bleiben zu
können in den Augen der übrigen Weißen, der Amerikaner, der Engländer,
der Spanier, mußten wir Sklaven bleiben. Adel verpflichtet. Nirgends
mehr als in tropischen Ländern, die eine eingeborene Bevölkerung haben
so groß, daß die Weißen nur einen kleinen Prozentsatz ausmachen.
Freilich, wenngleich wir uns auch die größte Mühe gaben, Kaste zu
behalten, wir lebten dennoch in einer merkwürdigen Schwebestellung. Die
Amerikaner, Engländer und Spanier zählten uns nicht zu ihresgleichen.
Für die waren wir doch nur das dreckige Proletariat, und das blieben wir
auch. Zu den Mischblütigen gehörten wir auch nicht. Für die waren wir
die fremden Bettler, der Schlamm, der den wohlhabenden Weißen in der
ganzen Welt nachfolgt und ihnen an den Fersen haftet, wohin sie auch
immer gehen. Diese Großen machen natürlich den Schlamm, aber wenn sie
ihn wegräumen sollen, dann gehen sie heim.
Zu den reinblütigen Eingeborenen gehörten wir auch nicht. Auch diese
wollten nichts mit uns zu tun haben. Alle diese und sieben Achtel der
Halbblütigen waren Proleten wie wir, aber es trennte uns doch eine Welt
voneinander, die nicht überbrückt werden konnte. Sprache,
Volksvergangenheit, Sitten, Gebräuche, Anschauungen, Ideen waren so
trennend, daß sich kein gemeinsames Band zeigen konnte.
Laßt es gehen, wie es will. Laßt uns leben. Und das wollen wir.
9
Wir hatten wieder mal Lohn ausbezahlt bekommen. Osuna und ich gingen
einkaufen. Er kaufte einen neuen Hut, Hemd und neue Stiefel; ich legte
mir eine neue Hose und ein Paar schöne braune Schuhe zu. Wir gingen
gleich nach Hause und zogen das an. Dann sagte Osuna: „Was tun wir denn
mit dem Geld, das wir jetzt noch übrig haben?“
„Das möchte ich wissen“, sagte ich. „Ich habe mir auch schon Gedanken
darüber gemacht. Überflüssige Sachen zulegen, hat gar keinen Zweck.“
„Nein, das hat gar keinen Zweck“, bestätigte Osuna.
„Das Geld hier in der Tasche behalten, wäre eine Dummheit“, fuhr ich
fort.
„Das wäre gewiß eine sehr große Dummheit“, gab Osuna zu. „Es wird einem
ja doch gleich gestohlen.“
„Es auf die Bank zu tragen, halte ich auch nicht für gut“, erklärte ich.
„Wir würden uns damit nur lächerlich machen, wenn wir mit unsern paar
Pesos da angerückt kommen und sagen, daß man uns damit ein Konto
eröffnen soll“, sagte Osuna, und er hatte recht.
„Zweifellos würden wir uns damit unsterblich blamieren“, unterstrich ich
die kluge Bemerkung Osunas. „Außerdem ist die Bank jetzt schon
geschlossen. Während der Geschäftsstunden haben wir auch gar keine Zeit
hinzugehen.“
„Was sollen wir nur tun mit dem Geld? Auf Tequila habe ich gar keinen
Appetit.“ Das sagte Osuna.
„Ich kann ihn nicht riechen.“ Das sagte ich.
„Wissen Sie, was wir tun könnten?“ fragte Osuna.
„Ja?“
„Wir könnten runtergehen zu den Senjoritas.“
„Das Beste, was wir tun können“, antwortete ich. „Dann wissen wir
wenigstens, wo unser Geld geblieben ist, und wir können es auch gar
nicht besser anlegen.“
„Richtig“, sagte Osuna. „Da sprechen Sie die Wahrheit. Wir sehen ja
jetzt ganz anständig aus und können uns da sehen lassen. Immer die
Backstube vor Augen oder die Kammer, da wird man noch ganz verrückt.“
„Ja,“ sagte ich, „und die Photographien tun es auch nicht für immer. Ich
glaube überhaupt, wir müssen uns mal nach einigen neuen Photographien
umsehen. Ich kann diese Frauenzimmer nun bald nicht mehr angucken.“
„Ich auch nicht“, gab Osuna zu. „Es ist beinahe so, als ob man mit ihnen
verheiratet wäre. Sie mischen sich bereits in alles rein, und sie
scheinen sich in der Tat um alles zu bekümmern, was wir tun. Ich bin es
nun leid. Man kennt sie schon zu gut, und ich will mal andre Gesichter
sehen.“
Osuna stand auf von dem Rand des Bettgestells, ging zur Wand und riß die
ganzen schönen nackten Frauen herunter. Dann legten wir jeder einen Peso
beiseite, versteckten die beiden Pesos in einem alten Schuh und machten
aus, daß wir morgen nachmittag neue Frauen und neue „Vorgänge“ kaufen
würden, um unsre einsamen Kammerwände damit zu zieren und unsre
Phantasie nicht verhungern zu lassen. Um auch die richtige Auswahl
treffen zu können und zu wissen, was am eindrucksvollsten auf unsre
Phantasie wirken könne, machten wir uns jetzt elegant und suchten nach
den Wirklichkeiten des Lebens, wo es nicht nüchtern, sondern schön ist,
ohne der Betäubung durch den Tequila zu bedürfen.
Es war bereits Abend geworden. Wir hatten ziemlich weit zu gehen, denn
die Senjoritas wohnten am Rande der Stadt. Sie bewohnten ein ganzes
Viertel für sich allein. Das war ihnen ebenso lieb wie den Männern, die
nach der Schönheit des Lebens suchten, ohne Verpflichtungen dafür
übernehmen zu müssen, wenn sie die Schönheiten genießen dürfen.
Es tönte uns gleich Musik entgegen und frohes Lachen. Mit jedem Schritt,
den wir näher kamen, vergaßen wir mehr und mehr die Trockenheit und die
Stumpfheit des Lebens. Die entsetzliche Nüchternheit des Lebens kann man
auch im Tequila vergessen, aber doch nicht so. Es bleibt immer ein
wüster Strudel im Kopf zurück und ein dickes dreckiges Gefühl im Munde.
Nein, Schönheit ist, wo Musik ist und rotbemalte Mädchenlippen lachen.
An den Häusern entlang waren zementierte Fußwege, kaum zwei Schritte
breit. Die Straße lag einen Meter oder zuweilen noch viel mehr tiefer
als die Fußsteige. Es führten keine Stufen hinunter, sondern wenn man
auf die Straße wollte, mußte man einen gewagten Sprung machen. Diese
Straßen waren lehmige Moraste, Schlamm und große Wasserlachen füllten
das Straßenbett. Und dieser Morast und die Wasserlachen waren dick und
stinkig. Große Steine und irgendwo abgebrochene Zementbrocken lagen
wahllos umher. Tiefe Löcher machten die Straßen so gut wie unpassierbar.
Trotzdem arbeiteten sich Autos und Droschken durch diese Straßen, um
Gäste zu bringen, zu erwarten oder abzuholen. Zuweilen blieben die Autos
in den morastigen Löchern stecken. Und mit furchtbarem Geknatter,
Heulen, Schießen, Knallen, Keuchen und Stampfen arbeiteten sie sich
wieder heraus und weiter. Aber die Autoführer und die Droschkenkutscher
schimpften nicht. Sie lachten nur und nahmen das alles als einen Spaß,
der mit dazu gehöre, und ohne den das Viertel hier nicht das sein
könnte, was es wirklich ist.
An Straßenecken standen kleine Musikkapellen, die sehr gut spielten,
viel besser spielten als die Straßenkapellen in der Stadt, wo sie so
dick herumwimmelten, daß sie sich die Füße gegenseitig abtraten. Jede
dieser Kapellen hatte eine Geige, eine Baßgeige, eine Klarinette und
eine Flöte. Manche hatten keine Flöte, sondern dafür eine Trompete.
Andre wieder hatten nur Geige, Baßgeige und Gitarre. Die waren beinahe
immer die besten. Wenn sie gespielt hatten, gingen sie einsammeln. Es
gab selten jemand etwas. Meist gaben eigentlich nur die Senjoritas den
Musikern etwas Geld.
Aber dann gingen die Kapellen auch wieder in die Restaurants und
spielten dort. Dort bekamen sie schon eher etwas, häufig aber auch
nichts. Das Dasein der Künstler. Dem die Musik am besten gefiel, dem sie
am meisten sagte und am meisten gab, hatte kein Geld, um sie zu
bezahlen. Und die andern, die zahlen konnten und es auch manchmal taten,
sagten, es seien Bettelmusikanten, und sie sollten doch lieber „It ain’t
goin’ rain’ no’ mo’ –“ spielen, statt diese blöden Opern. Es waren aber
keine Opern, sondern es waren altmexikanische Lieder und Gesänge, die so
süß klangen und doch so voller Kraft waren.
Eigentlich war die Musik ja überflüssig. Aber hier konnte nicht genug
Musik sein. Schönheit und Liebe war doch überall herum. In jedem Lokal
wurde getanzt. Jedes Lokal hatte seine Senjoritas, die mit den Herren
lächeln und tanzen und trinken mußten, und deren Aufgabe es war, den
Herrn zu veranlassen, daß er Geld ausgebe. Dafür bekamen die Senjoritas
auch je einen Raum im Hinterhause des Restaurants, wo sie sich mit ihrem
Herrn ungestört vergnügen konnten, und sie brauchten für den Raum keine
Miete zu bezahlen, und die Wäsche wurde ihnen auch noch gestellt. Denn
Wäsche wird viel gebraucht.
Und überall wurde getanzt. Jeder durfte tanzen, wie er wollte. Und jedes
Paar durfte tanzen, wie es wollte. Es war kein Tanzordner da, und die
Leutchen durften sich im Tanz alles sagen, was sie auf dem Herzen
hatten, ohne sich der Sprache zu bedienen. Niemand hinderte sie daran,
so zu tanzen, daß eigentlich, wenn es gerecht zuginge, jeder von ihnen
zwanzig Jahre Zuchthaus bekommen müßte. Aber es ging ja eben nicht
gerecht zu, und darum tanzten alle so, daß ihnen die Engel im Himmel
hätten zuschauen dürfen, ohne zu erröten.
Zuweilen tanzte aber doch ein Paar in der Weise, daß des Satans
Großmutter ihr Gesicht in der Schürze verbergen mußte, wenn sie es sah.
Aber sie sah es ja nicht, und andre Leute kümmerten sich nicht darum,
und die vorbeipatrouillierenden Polizisten steckten sich eine Zigarette
an und sahen lächelnd zu oder gingen weiter, weil es sie langweilte. Das
Paar langweilte es nach einer Runde selbst, und es tanzte wieder den
Engeln zur Freude, weil es schöner war und das andre niemandem zum
Ärgernis wurde.
Eine Negerin aus Virginia trat auf in der Casa Roja, wo wir gerade
vorbeikamen. Sie tanzte mitten im Lokal. Bauchtanz. Aber der wahre
Bauchtanz, der echte und unverfälschte. Der Bauchtanz war es, den Eva
erfand, als sie das Paradies los war und sich frei bewegen konnte. Nicht
nur alle Herren, sondern auch alle Senjoritas, die im Lokal waren,
standen auf, um dieses Kunstwerk zu sehen und Gesten zu lernen, die
ihnen von Nutzen sein konnten, wenn sie nicht allein schliefen. Und in
alle Türen drängten die Herren und die Senjoritas, die auf der Straße
waren; denn die Türen waren offen. Kunst ist das, was unsre Seele jubeln
macht. Und der Bauchtanz der Negerin aus Virginia war reife und
vollendete Kunst. Auch sie war eine Senjorita und hatte ihr Haus hier,
um darin mit Herren zu plaudern. Aber keiner der Herren, der sie eben
tanzen gesehen hatte, wagte sie anzusprechen. Sie war himmelhoch über
alle die Senjoritas hier emporgeflogen. Sie war gottbegnadete
Künstlerin, und keiner der Herren glaubte so viele Pesos in seiner
Tasche zu haben, daß er es wagen dürfe, mit ihr zu gehen. Ein tosender
Beifall brach aus, als sie geendet hatte und niedergesunken war auf den
Fußboden. Dort kniete sie, die Arme zurückgeworfen, den Leib mit den
quellenden Brüsten drehend und schiebend wie in einem letzten
aushauchenden Seufzer, der dem letzten müden Tropfen einer sterbenden
Bergquelle folgt. Dann mit einem kurzen, schmerzhaften Ruck zog sie den
Unterleib zurück und ließ den Kopf matt und müde sinken, bis die Stirn
den Boden berührte. Nun sprang sie auf mit einem jubelnden Schrei
gesunder und vollbefriedigter Freude, stand schlank und gerade im Saal,
die linke Hand in die Hüfte gepreßt, den rechten Arm in runder weicher
Geste hochgeworfen. Ihre Augen blitzten, und ihre weißen Zähne
leuchteten zwischen den vollen Lippen hervor. Und sie lachte ein
sieghaftes Lachen, streckte ihren Leib hervor mit einer Geste, als ob
sie einen Kontinent einladen wollte, sich mit ihr zu vereinen, und sie
rief: „El amor y la alegria, senjores mios!“
Es folgte ein kurzes Schweigen, dann donnerte der Beifall aufs neue los,
und die Musik setzte mit einem Schmettern ein, das einige Takte dauerte,
während die Negerin, ihr dünnes Kleid zupfend und sich das Haar
zurückstreichend, zu ihrem Platze ging, wo sie eine Flasche Bier und ein
Glas stehen hatte. Alle Herren betrachteten sie mit einer scheuen
Bewunderung, ohne sich ihr zu nähern und sie zu dem einsetzenden
Foxtrott aufzufordern. Sie gingen zu den andern Senjoritas, die sich
bescheidener benahmen und nicht Orkane erwarten ließen, die den
gewandtesten Mann mit einer Fingerbewegung aus dem Sattel zu heben
drohten. Die Senjoritas betrachteten die Negerin nicht als eine
Nebenbuhlerin, die sich eines unlauteren Wettbewerbes bediente. Durchaus
nicht. Sie gab dem Geschäft einen ganz ungeheuerlichen Schwung, der zehn
Minuten vorher nicht zu spüren war. Die Herren hatten Feuer in den
Augen, während sie bisher ziemlich gleichgültig und interesselos
dreingeschaut hatten. Und die Senjoritas versuchten jetzt beim Tanzen
einige der Bewegungen, die sie soeben gesehen hatten, nachzuahmen. Aber
es sah häßlich aus und widerlich. Sie preßten sich hart an die Männer
und spielten mit ihren hinteren Partien. Aber die Herren reagierten nur
sehr schwach darauf und hielten sich auffallend steif zurück, bis die
Senjoritas anfingen, die Gesten, die bei ihnen so aussahen, als ob ein
kleiner Gemüsekrämer plötzlich die Reklame eines großen Warenhauses
nachmachen möchte, aufzugeben und immer mehr zu lassen und in normaler
Weise zu tanzen. Ja, nun benahmen sie sich wie die sogenannten
anständigen Damen. Das gefiel den Herren viel besser und erinnerte sie
sicher an ihre Bräute oder Frauen oder an begehrte Mädchen und brachte
sie in die Stimmung, die allein für das Geschäft nutzbringend war.
Sie luden ihre Tänzerinnen ein, sich mit ihnen zu einer Flasche Bier
oder einem Whisky an einen Tisch zu setzen. Sekt trinkt man nur, wo den
Kleinen alles verboten und den Großen mehr erlaubt ist, als sie in
normaler Weise leisten und genießen können. Wo Sekt getrunken werden
muß, um lachen zu dürfen und sich der Schönheiten des Lebens zu
erfreuen, artet die Unterhaltung häufig zur Schweinerei aus. Und an
diesen Ausartungen mißt der Zensor seine Normalmeterstäbe ab, mit denen
er den Kleinen die Länge des Vergnügens zumißt, die er ihnen zubilligt.
Immer nur da, wo die Röcke nicht hochgehoben werden dürfen, begeht man
Verbrechen und tut den törichten Unsinn, nachzusehen, was unter den
Röcken ist.
10
Die Straßen waren voll von Händlern. Da waren Tische, wo es heiße
Enchiladas gab. An andern gab es Kaffee. Wieder an andern kaltes Huhn
oder gebratenen Fisch oder Roastbeef mit Brötchen oder mit Tortillas.
Man konnte Salat kaufen, oder Bananen, Papayas, Äpfel, Weintrauben,
Apfelsinen. Kleine Buden verkauften Zigaretten, Zigarren und Tabak.
Andre Zeitungen und Zeitschriften. An vielen Tischen gab es Eiswasser in
fünf oder sechs verschiedenen Sorten, Lemones, Hochata, Jamaica,
Tamarindo, Pinja, Naranja, Papaya und was nicht noch. Dazwischen liefen
Jungen und Frauen herum mit Körben oder Zigarrenkistchen. Sie verkauften
Kaugummi, Süßigkeiten, getrocknete Kalavasaskerne, Peanuts, Obst und
Blumen. Andre liefen herum mit Eimern mit Eiswasser, das sie glasweise
abgaben. Hundert Menschen, wenn nicht mehr, fanden hier ihren
Lebensunterhalt. Frauen trugen ihre Säuglinge auf den Armen oder führten
kleine Kinder an der Hand, während sie ihrem Handel nachgingen. Weder
die Sittlichkeit der halbwüchsigen Jungen, die ihre Zeitungen oder
Zigaretten ausriefen, noch die der ehrbaren Handelsfrauen oder deren
Kinder wurde vernichtet in dieser Umgebung. Wer Sittlichkeit hat, der
verliert sie nicht, wenn er etwas sieht, das als Unsittlichkeit
anzusehen ihn niemand gelehrt hat.
Hunderte von ehrbaren Frauen und Mädchen und Kindern und ganzen Familien
hatten den ganzen Tag hindurch das Quartier der Senjoritas zu passieren,
um zu ihren Wohnungen zu gelangen. Sie fühlten sich nicht gefährdet. Sie
konnten einen andern Weg wählen, wenn sie wollten; aber der Weg durch
das Quartier war kürzer. Und wenn man mit einer Frau, die etwas vom
Leben verstand, darüber sprach, so sagte sie: „Einen Mann zu gewinnen
und zu behalten, ist nicht so schwer; aber jeden Tag ein halbes Dutzend
Männer zu gewinnen, ist eine Kunst. Warum soll ich mit Entrüstung auf
die Senjoritas sehen? Ich glaube, die Entrüstung und das Ärgernis bei
vielen ehrbaren Frauen kommt nur daher, weil es ihnen nicht gelänge,
sich auf diese Art ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Die Herren wollen
für ihr Geld etwas haben, und die Mehrzahl der ehrbaren Frauen ist zu
langweilig, zu dumm, zu häßlich, um den Herren das geben zu können,
wofür die Herren zahlen. Um ihre Nachteile zu verschleiern, nennen sie
sich anständig, und sie haben große Mühe, ihrem eignen Manne zu
gefallen.“ Und die Dame, die das sagte, war die ehrbar angetraute Frau
eines wohlsituierten Kaufmannes in der Stadt, der einem vornehmen Klub
als Mitglied angehörte. Und sie war eine schöne Frau, die sich gut und
geschmackvoll zu kleiden verstand und sicher nie einem andern Manne als
dem ihrigen auch nur die kleinste Gunstbezeigung erwiesen hatte. Aber
sie war ja auch keine Puritanerin, sondern eine Tochter aus alter
spanisch-mexikanischer Familie. In puritanischer Umgebung können solche
Anschauungen nicht wachsen, und wenn sie auftauchen, sind sie
widerwärtig.
Es kam ein junger Amerikaner eines Tages hierher. Er hatte eine sehr
hübsche junge Frau und drei niedliche Kinderchen. Ich wurde bei ihm zum
Dinner eingeladen. Vor Tisch und nach Tisch betete er, und Sonntags
vergaß er nicht, mit seiner Frau die amerikanische Kirche zu besuchen.
Als er mich bat, ihm die Stadt zu zeigen, sagte er: „Ich habe gehört,
hier in diesen Ländern gibt es das und das. Wo ist denn das?“ Ich zeigte
es ihm, und er besuchte mehr als eine der Senjoritas. Als er dann wieder
zurückreiste, sagte er mir: „Das ist doch ein schrecklich unsittliches
Land. Dem Himmel sei Dank, daß so etwas bei uns nicht gestattet ist.“
Da log er zum zweitenmal. Es war gestattet. Wie alles gestattet ist, was
gegen die natürlichen Triebe des Menschen gerichtet ist. Es wurde
gestattet durch Vergewaltigung von Frauen und Kindern, durch
Verheiratung elfjähriger Mädchen an fünfzigjährige reiche Männer, die
sich nach acht Wochen wieder scheiden ließen. Es wurde gestattet durch
das Herumschleichen von Frauen und Mädchen in den Seitengassen zur
Abend- und Nachtzeit. Es wurde gestattet dadurch, daß von hundert
Männern wenigstens fünfzehn und von hundert Frauen und Mädchen achtzehn
an üblen Krankheiten litten, die in den dunklen Seitengassen wucherten
und wuchsen. Dann werden Millionen und aber Millionen von Dollar
ausgegeben, um diesen Krankheiten, von denen zu sprechen schamlos ist,
Einhalt zu gebieten, während hunderttausend Dollar genügten, sie auf das
kleinste Maß zu beschränken, dadurch, daß man den Leutchen Gelegenheit
gibt, sich innerhalb beleuchteter vier Wände guten Abend zu sagen,
Wasser und Seife zur Hand zu haben und die ganze Sache ebenso als
Geschäft zu betrachten wie die bezahlte Krankenpflege, das Dampfbad oder
das Massieren. Aber wenn das von diesem natürlichen und gesunden
Standpunkt aus betrachtet würde, hätten ja die alten Betschwestern, die
kastrierten Traktätchenschreiber und die sabbernden Verkünder Goldner
Regeln nichts mehr zu tun. Wohin mit ihnen so schnell? Man kann sie doch
nicht eingraben. Sie würden ja nicht einmal Dung machen, weil sie zu
trocken, zu ledern und zu saftlos sind.
Die Senjoritas sprachen alle mehrere Sprachen. Die nur Spanisch sprechen
konnten, hatten wenig Erfolg. Sie mußten sich mit den Peons begnügen,
und diese armen Teufel konnten nur gerade den denkbar kleinsten Betrag
in diesen Spekulationen anlegen. Diese ungebildeten Senjoritas wohnten
in den abgelegensten Teilen des Quartiers, wo die Zimmer am billigsten
waren, am einfachsten möbliert, und wo die Musikkapellen nur so
gelegentlich hinkamen, wenn in den andern Sektionen die Konkurrenz zu
groß war. Hier in dieser Sektion trugen die Senjoritas Kleider so
einfach, daß sie mit ihnen sofort zur Stadt hätten gehen können, ohne
aufzufallen. Die Einnahmen reichten kaum zur Schminke und zum Puder;
aber Wasser, Seife, antiseptische Lösung, für jeden Besucher reine
Tücher mußten sie haben. Denn der Gast, der da vorbeikam, konnte ganz
gut der Inspektor der Gesundheitskommission sein, der plötzlich das
Zimmer betrat, nach dem Gesundheitspaß fragte und sich die Materialien
für die Sauberkeit ansehen wollte, Puder, Schminke und Parfüm brauchten
nicht in Ordnung sein, aber die andern Materialien mußten in
vorschriftsmäßiger Verfassung sein, sonst gab es Quarantäne, und die war
kostspielig und war mehr gefürchtet als Geldstrafe oder Gefängnis.
Es gab keine Sklaverei. Jede Senjorita war frei. Sie durfte morgen oder
sofort das Haus verlassen. Keine alte Hökerin, kein Faulenzer hielt sie
unter irgendeiner Form von Pfand für Mietschulden, Kostgeld oder
Wäscherechnungen. Die Miete mußte eine Woche im voraus bezahlt werden.
Wer nicht bezahlen konnte, mußte das Quartier verlassen. Wer auf der
Straße zu Geschäftszwecken angetroffen wurde, kam in Quarantäne. Für
Privatzwecke durfte sie aber auf den öffentlichen Straßen
spazierengehen, soviel sie wollte, und wann sie wollte. In der Goldnen
Sektion, die am Eingang des Quartiers war, wo alles im strahlenden
Lichte der Tanzsalons lag, wohnten die Französinnen. Sie sprachen ein
rasend schnelles Französisch, und sie alle schworen, daß sie aus Paris
seien. Aber mehr als die Hälfte hatten Paris nie gesehen, sondern kamen
aus London, aus Berlin, aus Warschau, aus Budapest, aus Petersburg oder
aus Städten noch viel ferner von Paris. Keine von ihnen konnte die
Erlaubnis erhalten, hier in dieses Land zu kommen, weil Damen, die sich
diesem ehrenwerten Geschäft widmen oder widmen wollen, die Einreise
nicht erlaubt ist. Aber sie waren alle hier und waren alle eingereist.
Jede mit Hilfe eines andern Tricks.
Die Pariserinnen waren die Elegantesten; das mußten sie schon sein, um
in dieser Sektion bestehen zu können. Sobald die Einnahmen für die
notwendige Aufmachung nicht mehr ausreichten, was sehr rasch geschehen
konnte und sehr häufig vorkam, mußte die Senjorita der drückenden
Konkurrenz wegen in die nächst billigere Sektion verziehen. Und so kam
es vor, daß manch eine, die das Geschäft nicht verstand und die Kunst
nicht lernte, um es mit den Meisterinnen aufzunehmen, immer weiter von
der Goldnen Sektion abrücken mußte, bis sie in dem dunkelsten Teil
endlich landete, wo nur die Peons hingingen, die um fünfzig Centavos
handelten.
Hier aber in der Goldnen Sektion erschienen die, die das Geld nicht
ansehen, wenn sie herkommen. Die Ölleute, die sechs oder acht Monate im
Busch oder im Dschungel gelebt hatten, wo sie nichts ausgeben konnten,
und jetzt zweitausend Dollar in der Tasche hatten, von denen sie nur
zwanzig auszugeben gedachten, von denen sie aber am Ende der Nacht nur
noch so wenig hatten, daß sie sich einen Peso von einem Landsmann
betteln mußten, um das Auto zu bezahlen, mit dem sie zum Hotel fahren
wollten. Da kamen die Schiffskapitäne, die ein gutes Nebengeschäft am
Tage gemacht hatten; die Spekulanten, die einigen Grünlingen Aktien für
Ölfelder verkauft hatten, in denen man nur Öl sah, wenn man eine Kanne
voll hinbrachte. Da waren die Riggers, die ihren Kontrakt gestern
fertiggebracht und heute das Geld kassiert hatten. Diese Geldstrotzenden
gingen von Haus zu Haus, von Senjorita zu Senjorita, augenscheinlich
ausgestattet mit unverwüstlicher und unerschöpflicher Lebenskraft. Aber
sie gingen ja zu Meisterinnen ihrer Kunst, die es wohl verstehen, aus
dem trockensten Baumstamm eine muntere Quelle rieseln zu lassen,
sicherer noch als der heiligste indische Fakir.
Die Häuser waren meist aus Holz gebaut. Jedes Haus hatte nur einen Raum.
Ein Haus sah genau so aus wie das andre, und jedes Haus war dicht an das
Nachbarhaus geklebt. Der Raum hatte nur eine Tür, die unmittelbar von
der Straße in das Zimmer führte. Und jeder Raum hatte nur ein Fenster,
das keine Glasscheiben hatte, manchmal jedoch statt der Scheiben
Moskitodrahtgaze.
Auf der Fahrstraße konnte man nicht gehen, man mußte auf dem schmalen
zementierten Wege gehen, der an der Häuserreihe entlang führte. Die
Senjoritas saßen alle vor der offenen Tür auf einem Stuhl, oder sie
standen herum, allein oder in kleinen Gruppen, schwatzend und lachend.
An keiner Tür konnte man vorbeigehen, ohne daß man von der Senjorita,
der diese Tür gehörte, festgehalten und mit den süßesten Worten
eingeladen worden wäre, hineinzukommen und sich mit ihr zu unterhalten.
Dabei machten sie so gewagte Versprechungen, daß die Versprechungen
allein genügten, die eisernste Widerstandskraft und die teuersten
Gelübde spielend über den Haufen zu werfen. Erreichte man das nächste
Haus, ließ einen die Senjorita sofort los, denn das nächste Haus war das
Bereich der Nachbarin, wo nur die das Recht besaß, Versprechungen zu
machen, die noch um einige Grade weitergingen als die der eben
verlassenen Dame.
Man konnte sich nur durch eine einzige Ausrede vor diesen fortgesetzten
Angriffen retten: „Ich habe kein Geld.“ Dann war man sofort frei,
vorausgesetzt, daß die Senjorita es glaubte. Meist glaubte sie es nicht
und fühlte einem dann die Taschen ab. Aber keine hätte den Versuch
gemacht, einem auch nur fünfzig Centavos wegzunehmen.
Ihre Menschenkenntnis bewiesen sie dadurch, daß sie ehrbare Bürger, die
das Quartier zu passieren hatten, um zu ihren eignen Wohnungen zu
gelangen, nie belästigten oder nur in ganz bescheidener,
unaufdringlicher Weise. Viele suchten sich ihre Gesellschaft recht
sorgfältig aus und berührten keineswegs jeden, der vorbeikam. Andre
weigerten sich entschieden und liefen sich selbst durch überbotene
Beträge nicht gewinnen, wenn ihnen der Herr aus irgendeinem Grunde nicht
gefiel. Manche sahen keinen Chinesen an, andre keinen Neger, viele
keinen Indianer. Und doch, wenn schlechte Geschäftstage kamen, wenn es
zum Ende des Monats ging, zwang sich manche, jemand zuzulächeln, den sie
zu Anfang des Monats oder noch drei Tage vorher entrüstet angesehen
hätte, wenn er sie nur angetippt haben würde.
Die Großen des Reiches sprachen nicht nur fließend Französisch, sondern
auch sehr geläufig Englisch, Spanisch, Deutsch. Manche Unterhaltungen
bereiten nur dann Vergnügen, wenn die Begleitmusik die Muttersprache
ist. Und gewisse Empfindungen kommen nur dann voll zur Entfaltung, wenn
sie mit Worten erweckt werden, die bestimmte Gefühlsnerven treffen, die
eine angelernte Sprache niemals treffen kann. Denn solche Worte bringen
die Erinnerung an das erste Schamgefühl, die Erinnerung an das erste
Mädchen, das man begehrte, die Erinnerung an die mysteriösen Stunden des
ersten Reifegefühls zurück. Die Meisterinnen der Kunst wissen das recht
wohl. Darum kommen die Stümperinnen, die nur eine Sprache kennen, nicht
voran; sie bleiben immer die Centavoskrämer in den dunklen Sektionen.
Aber die Bajadere Goethes sucht man vergebens. Zeit ist Geld. Und zum
süßen Tändeln, zum zarten Spielen, zum stundenlangen Heransehnen an die
Erfüllung fehlt diesen Meisterinnen das, was man die Liebe einer
angebeteten Frau nennt. Hier ist hohe und höchste Kunst, nichts mehr.
Aber die bekommt man voll, und man wird für sein Geld nicht betrogen.
Der Rest ist: Die süße heilige Sehnsucht nach der Geliebten. Hier wird
der unbezahlbare Wert der geliebten Frau bestätigt. Das wissen die
Künstlerinnen auch, und sie machen kein Hehl daraus. Darum verkaufen sie
eben nur das, was die Herren wünschen. Mehr wird nicht verlangt für das
Geld. Diese Künstlerinnen sind gute Kaufleute, die es verstehen,
Kundschaft heranzuziehen und zu halten.
11
„Wenn Sie es gern hören, kann ich auch Deutsch sprechen“, sagte
Jeannette. „Ich bin ja aus Charlottenburg.“
„Ich habe geglaubt, aus Paris.“
Darüber fühlte sie sich sehr geschmeichelt; denn die echten Französinnen
riefen ihr „Boche“ entgegen, wenn sie sich zankten. Und die Senjoritas
zankten sich gern und häufig. Wenn der Zank vorüber war – er war nicht
immer wegen der Kundschaft, sondern häufiger wegen Preisdrückerei –,
dann war Jeannette wieder „Meine Teure aus Straßburg“, für die sie ein
Mitleid empfanden, das auf patriotischer Grundlage ruhte, ein Mitleid,
das daheim in Frankreich bereits anfängt, andern Gefühlen Platz zu
machen. Aber davon wußte man hier nichts; denn die Französinnen hatten
Frankreich schon eine Reihe von Jahren nicht mehr gesehen.
Jeannette, die in Charlottenburg vielleicht Olga hieß, in ihrem
Gesundheitspaß aber Jeannette genannt wurde – und dieser Name war durch
Photographie beglaubigt –, hatte sich während des Krieges in Buenos
Aires aufgehalten. Auch dort war sie sehr tätig in ihrem Beruf gewesen
und war zu einem Vermögen gekommen.
„Ich bekam plötzlich Lust, einmal nach Hause zu fahren und zu sehen, wie
es dort aussieht“, sagte sie.
Sie fand Vater und Mutter in den elendesten Verhältnissen. Der Vater war
in Friedenszeiten ein geachteter Bürger gewesen, Fabrikportier bei einer
großen Berliner Firma. Nach dem Kriege war er entlassen worden, weil ein
Kriegsinvalide, den das Vaterland nicht unterhalten wollte,
untergebracht werden mußte.
Die Leute hatten ihr ganzes Leben lang sich nichts gegönnt, immer nur
gespart und gespart, um auf ihre alten Tage etwas zu haben. Sie hatten
ihr Geld auf einer mündelsicheren Sparkasse. Als aber dann der Staat
durch die Entwertung des Geldes die Mündel, die Dienstmädchen und die
alten ehrbaren Leutchen um ihre kleinen Spargüter so gewissenlos betrog,
wie es kein Privatmensch je hätte wagen dürfen, ohne daß die Menschen
ihn in Stücke gerissen hätten, verwandelte sich das Goldgeld der Familie
Bartels – Jeannette sagte mir, das sei ihr deutscher Name, aber ich
glaube es nicht – in Papierschnitzel, die so wertlos waren, daß man sie
nicht einmal auf verschwiegenem Ort mit Erfolg verwenden konnte.
Die Bartels beschlossen, sich mit Gas zu vergiften; aber von irgendeiner
Wohltätigkeits-Vereinigung bekamen sie für zwei Wochen Graupen, Reis,
Trockengemüse und eine Büchse Corned Beef. Damit hielten sie sich vier
weitere Wochen am Leben, und da fuhr eines schönen Nachmittags Jeannette
vor, die soeben von Hamburg und von Buenos Aires gekommen war, ohne sich
vorher anzukündigen. Sie brachte so viel Geld mit, daß sie eine ganze
Straße in Charlottenburg hätte kaufen können; denn sie hatte Dollars.
„Mädel, Mädel, wie kommst du nur zu so viel Geld?“ hatte die Mutter nur
immer wieder gefragt.
„Ich habe einen Viehherdenbesitzer in Argentinien geheiratet, der zwei
Millionen Stück Rindvieh hatte. Der ist nun gestorben und hat mir sein
ganzes Vermögen hinterlassen.“
„Wer hätte das gedacht, Mädel, daß du einmal solches Glück im Leben
haben würdest!“ sagte die Mutter, und Jeannette wurde in der Straße bald
bekannt als die „Argentinische Millionenwitwe“. Das klang besser als zu
sagen, die Olga Bartels, die in Argentinien einen Millionär geheiratet
hat. Mit „Argentinischer Millionenwitwe“ konnte die Verwandtschaft, die
Bekanntschaft und die Nachbarschaft besser prunken und mehr Geschwätz
machen als mit Olga Bartels. Eine Olga Bartels in der Familie oder in
der Nachbarschaft zu haben, das konnte jeder, eine argentinische
Millionenwitwe zu kennen, das umgab einen mit einem Glorienschein.
Mit einer Handvoll Dollar kaufte Jeannette ihren Eltern ein Etagenhaus,
das im Frieden wenigstens dreihunderttausend Mark wert gewesen war. Sie
ließ es auf ihren Namen schreiben – so geschäftstüchtig war sie, das
lernt man draußen –, aber alle Einkünfte aus dem Hause ließ sie den
Eltern. Dann kaufte sie ihnen noch eine gute Anzahl solider Aktien, die
den Kurs immer mitmachen mußten, und hinterlegte sie bei einer guten
Bank mit der Anordnung, daß die Dividenden gleichfalls ihren Eltern an
den Fälligkeitstagen ausgezahlt werden sollten.
Und dann machte sich Jeannette einige gute Wochen. Die hatte sie auch
nach den anstrengenden Jahren ehrlich verdient.
Zum richtigen Genuß dieser guten Wochen gehörte natürlich auch die
Mitwirkung des andern Geschlechts. Das gehört immer dazu, sonst kann man
schwerlich von einem guten Leben oder von Vergnügen sprechen. Aber
Jeannette machte kein Geschäft daraus, und sie suchte sich die Herren
aus, mit denen sie sich erfreuen wollte.
Die Familie war in das große Haus gezogen und hatte, mit hoher
obrigkeitlicher Genehmigung des Wohnungsamtes, die Mansardenwohnung
einnehmen dürfen, die Jeannette auf ihre Kosten zuvor einbauen ließ.
Eines Morgens, als der Vater zu ihr in das Schlafzimmer kam, das sie
sich eingerichtet hatte, fand er einen Herrn in ihrem Bett. Die beiden
Bettgäste hatten lange in einem Restaurant gesessen, reichlich Sekt
getrunken, und so war es geschehen, daß der Herr nicht rechtzeitig
erwacht war, um sich zu anständiger Stunde angemessen und schweigend zu
empfehlen.
Der Vater wollte den Herrn verprügeln oder erschießen oder sonst irgend
etwas Grauenhaftes mit ihm angeben. Der Herr hatte Takt, war gut
erzogen, und mit äußerster Geschicklichkeit gelang es ihm, sich trotz
der Angriffe des Vaters anzukleiden und dann mit Hilfe Jeannettes die
Tür und die Treppe zu erreichen.
Damit war er in Sicherheit. Nicht so Jeannette, die nun allein den
Angriffen ihres Vaters, der seine Kräfte nicht mehr nach zwei Fronten zu
verausgaben brauchte, ausgesetzt war. Die Mutter sprang ihr bei.
Die guten, wohlsituierten Familien, die dort im Hause wohnten, würden
von den Ereignissen gar nichts gehört haben, wenn nicht der Vater in
seiner gekränkten und schwer beleidigten Bürgerehre sich so blöde
betragen hätte, daß die Leute es erfahren mußten, auch wenn sie
vielleicht gar kein Interesse daran gehabt hätten, ob Jeannette lieber
allein oder in Gesellschaft schlafe.
„Bist du dazu hergekommen, du Hure, daß du uns solche Schande hier vor
den Leuten antust?“ brüllte der alte Bartels auf Jeannette ein. „Da
wollte ich doch lieber, daß ich mich hier anständig vergiftet hätte, als
solche Schmach an meiner eignen Tochter zu erleben. Eine Hure bist du,
nichts weiter. Ich verfluche dich, ich sage mich los von dir, ich
verstoße dich aus meinem Hause.“
Die Mutter wollte schlichten, aber der Alte wurde dadurch nur noch
verrückter. Die Ehre des Fabrikportiers war für ewig in den Kot
getreten. Mit Ehren war er grau geworden, wie er hundertmal versicherte,
und nun, während er schon mit einem Fuße im Grabe stand, mußte er noch
so etwas an seiner Tochter erleben, die er wie einen Engel im Paradiese
angesehen hatte.
Jeannette hörte sich das alles an, ohne zu antworten. Es kam ihr so fern
vor, so fremd, so lächerlich und so unsagbar dumm zugleich. Es war ihr,
als ob das irgendwo auf einer Theaterbühne geschehe, wo sie Zuschauerin
sei, und sie fand das Stück herzlich abgeschmackt und unmodern.
Erst als der Vater zum dritten Male wiederholte: „Ich verstoße dich aus
meinem Hause. Du bist nicht mehr meine Tochter!“ da begriff sie, daß sie
selbst gemeint sei. Und nun legte sie los, und sie sprach viel weniger
aufgeregt als der Vater. Sie regte sich überhaupt nicht auf dabei,
sondern sagte es in Form einer erregten Unterhaltung: „Deine Tochter?
Das Leben hast du mir allerdings gegeben. Aber ich habe dich nicht darum
ersucht, und ob ich gerade dich gewählt haben würde, wenn ich gefragt
worden wäre, das glaube ich kaum. Denn mit deiner mickrigen Ehrlichkeit
und Wohlanständigkeit ist es nicht weit her, wenn sie dir nicht einmal
einen Lebensabend verbürgt, wo du wenigstens satt zu essen hast. Dann
schon lieber Schneppe, das sage ich dir ganz frei ins Gesicht, oder
Bandit oder Einbrecher. – Mit welchem Recht willst du mich denn
überhaupt verstoßen? Vielleicht mit dem Rechte meines zufälligen Vaters?
Ein schöner Vater bist du mir. Noch niemals in meinem Leben hat jemand
Hure zu mir gesagt. Ich hätte ihm das Gesicht zerfleischt. Aber es hat
auch nie jemand gewagt, das zu mir zu sagen. Das konntest du nur
fertigbringen. Und damit wir nun gleich ganz klar miteinander sind: Du
hast recht, ich bin was du sagst. Aber wovon lebst du denn? Womit habe
ich dir das Leben gerettet? Mit Hurengeld.“
Der Vater sagte nichts darauf. Er starrte sie nur an. Die Mutter hatte
sich auf einen Stuhl gesetzt und weinte leise vor sich hin. Sie als Frau
mit dem feineren Empfinden, das Männern meist versagt ist, hatte wohl
schon ein wenig von der Wahrheit geahnt. Aber eine schlichte
Lebensklugheit, gewonnen in einem mühseligen arbeitsreichen Leben, hatte
sie geleitet, die Dinge nicht unnötig anzutasten, die umfallen können.
Die bestimmte Wahrheit nicht zu kennen und nicht zu erforschen, hielt
sie für weise und für zweckmäßig. Das Leben ließ sich dann leichter
ertragen.
Jeannette war im Zuge, ganze Arbeit zu machen und volle Klarheit zu
verbreiten. Dieser Nimbus als Millionärswitwe hatte ihr von Anfang an
nicht recht gefallen. Sie hatte es eigentlich auch nicht selbst
erfunden, sondern es war so beim Ausfragen nach der Herkunft ihres
Reichtums in sie hineingeredet worden. Und sie hatte es gehen lassen
damit. Sie dachte sich, wozu große Trommeln rühren für die kurze Zeit,
die sie hier auf Besuch war.
„Jawohl, mit Hurengeld“, wiederholte sie mit Nachdruck. „Jede zwei,
drei, vier oder fünf Dollar bedeuten einen Mann, der bei mir war. Jetzt
kannst du dir ja ausrechnen, wie viele ich hatte, und wie viele ich
haben mußte, um dich vor der Gasvergiftung zu retten und deinen
ehrlichen Namen zu schützen, damit du und Mutter nicht im
Skandalanzeiger und in der Morgenpost als Selbstmörder erschienen. Das
hätte dein langes, in Ehren verbrachtes Leben mit einem Schlage
verdreckt, denn als Selbstmörder verrecken, ist keine große Ehre. Aber
von allen den Männern, die mich besucht haben, hat keiner jemals Hure zu
mir gesagt, weder Betrunkene, noch halb verrückte und halb tierische
Seeleute, die von langer Fahrt kamen und wie die jungen Stiere sich
benahmen. Alle sagten sie einen freundlichen und höflichen guten Abend
zu mir, wenn sie mich verließen, und die meisten sagten sogar ein
höfliches und ernstgemeintes ‚Herzlichen Dank, Senjorita!‘ Und warum?
Weil ich nie jemand betrog. Das, was du vielleicht Ehre nennst, ist
nicht meine Ehre. Meine Ehre und mein Stolz sind, daß jeder, der bei mir
war, für sein gutes und oft sehr schwer verdientes Geld gute und echte
Ware bekam. Ich war das Geld immer wert und bin es heute mit meiner
reichen Erfahrung erst recht wert. Und das ist mein Stolz, und das ist
meine Ehre, nie jemand zu betrügen.
Na gut, ich bin eine Hure. Aber ich habe Geld, und du mit deinen Ehren
hast keins. Heute aber gibt dir niemand etwas für deine Ehre, noch nicht
einmal eine gutbezahlte Vertrauensstellung; selbst da mußt du noch
Kaution stellen, und wenn ich die nicht vorstrecke, kannst du hier den
ganzen Tag in der Bude hocken und Muttern das Leben zur Hölle machen mit
deinem ewigen Herumlamentieren. Wenn es dir Vergnügen macht, kannst du
ruhig auf die Straße gehen und allen Leuten erzählen, daß die
argentinische Millionenwitwe eine Schneppe ist. Ich mache mir nicht so
viel daraus, nicht so viel. Ich habe bereits mein Visum. Ich wollte erst
in drei Wochen reisen, aber nun fahre ich in einer Stunde schon. Mache
mir noch ein paar schöne Wochen in Scheveningen und Ostende – ich kann
es mir ja erlauben –, und dann geht es wieder los. Um mein Ziel zu
erreichen, brauche ich nämlich noch fünfzehntausend Dollar. Und nun
bitte, laß mich allein, ich ziehe mich an und packe meine Koffer.“
Der Vater verließ das Zimmer wie ein Automat; die Mutter blieb noch eine
Weile. Aber als die Tochter ihr sagte: „Sieh nach dem Vater, laß ihn
nicht allein. Er macht vielleicht Dummheiten. Er begreift ja so langsam,
daß es in der Welt verschiedene Wege gibt, um sein Leben zu fristen“, da
ging die Mutter auch, und Jeannette packte so rasch, daß sie in kaum
einer halben Stunde angezogen und mit ihren beiden gepackten und
verschlossenen Koffern in dem kleinen Korridor stand.
Dann sprang sie rasch zur vierten Etage hinunter, wo sie bat, das
Telephon benutzen zu dürfen, um ein Auto zu bestellen.
Ehe die Alten überhaupt recht zur Besinnung kamen, was eigentlich los
war, tutete unten das Auto, Jeannette rief den Chauffeur herauf, die
Koffer zu holen, und als die Koffer heraus waren, öffnete sie ihre
Handtasche, legte zweihundert Dollar auf den Tisch, umarmte und küßte
ihre Mutter, dann nahm sie, ohne zu fragen, ihren Vater beim
Schlafittchen, küßte ihn ab und sagte: „Na, lieber Vater, lebe wohl.
Nimm es mir nicht so übel und sei nicht so tragisch. Ich wäre sonst am
Typhus gestorben. Und um das Hospital bezahlen zu können und die
Injektionen, brauchte ich Geld, und so fing es an. Und als ich raus kam,
war ich zu schwach, um arbeiten zu können, und weil ich so abgezehrt
aussah, gab mir auch niemand Arbeit, und so ging es dann weiter. Es hat
mir das Leben gerettet und dir und Muttern. So, nun weißt du alles und
kannst dir den Rest zusammenreimen. Na, lebe wohl. Wer weiß, ob ich dich
noch einmal lebend wiedersehe.“
Da fing der Alte an zu weinen, nahm sie in seine Arme, küßte sie und
sagte: „Leb’ wohl, Kind. Ich bin halt alt. Das ist alles. Es ist schon
gut. Du mußt das besser wissen. Schreibe manchmal. Mutter und ich, wir
werden uns immer freuen, wenn wir etwas von dir hören.“
Dann töffte sie ab. Die Alten haben sich mit der Zeit mit dem Hurengelde
völlig abgefunden. Jeannette sendet vierteljährlich eine schöne Summer
rüber, und die Annahme wird nie verweigert. Ehre entwickelt sich nur und
erhält sich nur, wenn man nicht zu hungern braucht; denn das Ehrgefühl
richtet sich nach den Mahlzeiten, die man hat, nach denen, die man sich
wünscht, und nach denen, die man nicht hat. Darum gibt es drei
Hauptklassen und drei verschiedene Ehrbegriffe.
„Und dann“, erzählte mir Jeannette weiter, „bin ich nach Santiago
gekommen, darauf nach Lima und endlich hierher. Man muß schon etwas
können und muß schon gute Männerkenntnis haben, wenn man hier Geschäfte
machen will. Die Konkurrenz ist groß.“
„Das können Sie doch nicht für immer betreiben, dieses Geschäft“, sagte
ich.
„Natürlich nicht“, erwiderte Jeannette. „Das Traurigste unter diesem
Himmel ist eine alte Dame, die hier vor der Tür sitzen oder auf und ab
wandern muß und sich zu Dingen hergeben muß, die wir mit energischer
Handbewegung ablehnen. Ich mache mit, bis ich sechsunddreißig bin, und
dann wird Schluß gemacht. Ich habe gespart und habe nie gelumpt. Wollen
Sie wissen, wie hoch mein Bankguthaben hier auf der amerikanischen Bank
ist? Sie würden es ja doch nicht glauben, und es tut ja auch nichts zur
Sache. Dann kaufe ich mir ein Gut in Deutschland oder eine Farm in
Kanada, und dann wird geheiratet.“
„Geheiratet?“ fragte ich.
„Was dachten Sie denn? Natürlich. Mit sechsunddreißig. Dann fängt doch
die Freude am Leben erst an. Und ich werde schon etwas aus meinem Leben
und aus meiner Ehe machen. Ich habe ja die Erfahrung und die
Männerkenntnis, ich verstehe schon, meinem Manne ein Leben und ein Bett
zu bereiten, daß er den Wert seines Schatzes erkennt.“
„Aber das ist doch etwas viel gewagt. Die Welt ist klein, sehr klein.
Und es kann doch gelegentlich eine Begegnung mit einer, nun sagen wir es
ruhig, mit einer Zwei- oder Fünf-Dollar-Bekanntschaft stattfinden, die
das paradiesische Eheleben zerschmettert.“
Jeannette lachte und sagte: „Nicht mit mir. Da kennen Sie mich nicht.
Ein solches Höllenleben führe ich nicht. Das überlasse ich den dummen
Frauenzimmern. Ich habe damals meinem Vater gesagt: Meine Ehre ist, daß
ich niemals jemand betrogen habe, und daß ich niemals jemand betrügen
werde. Also vor allen Dingen nicht meinen Mann. Bevor wir zu ernsten
Abmachungen kommen, werde ich ihm ohne irgendeine Einschränkung sagen,
wo ich mein Geld herhabe. Steht er über dieser Angelegenheit, dann werde
ich ihm sagen: Gut, wir heiraten unter folgender Bedingung: Du wirfst
mir niemals vor, wie ich zu meinem Vermögen kam, und ich werfe dir
niemals vor, daß du von diesem Gelde ein angenehmes Leben führen darfst.
Denn das Geld behalte ich in der Hand, und er kriegt genug, daß er mich
nicht anzubetteln braucht. Ich werde ihn mir vorher schon gut genug
ansehen, daß ich nicht in den falschen Hut greife, wenn ich mein Los
ziehe.“
Der Mann, der sie bekam, durfte dem Schicksal vielleicht dankbar sein.
Denn wenn er kein Spaßverderber war, würde er nach einer Woche erfahren,
daß Jeannette das Fünffache ihres Vermögens wert sei, weil sie die Ehe
sicher nicht langweilig werden läßt. Sie gewißlich ließ keine Wünsche
unerfüllt.
12
„Da sind Sie ja, Osuna“, rief ich ihm entgegen. „Ich habe Sie schon
lange gesucht, glaubte, Sie seien bereits heimgegangen.“
„Nein,“ sagte er, „an Heimgehen dachte ich gerade nicht. Aber wir
könnten jetzt einmal ein wenig zusammenbleiben und in den Pacifico
Saloon gehen.“
„Gut, gehen wir, vamonos!“
Es war ein sehr großer weiter Raum, weiß, mit Gold verziert. An der
einen Seite waren Nischen. In jeder Nische ein kleiner Tisch und drei
gepolsterte Bänke herum. An der andern Seite, den Eingangstüren
gegenüber, waren gepolsterte Bänke die ganze Front entlang. An der
Seite, die der Wand mit den Nischen gegenüberlag, war das Büfett mit
hohen Sitzen für die Gäste. In der Ecke war eine Jazzkapelle, die auf
einem Podium saß. Die Wände waren mit Gemälden geschmückt. Diese Gemälde
waren recht gut gemalt. Es waren die Darstellungen nackter Frauen in
Lebensgröße. Diese schönen Frauen gebrauchten keine Feigenblätter, um
jemand daran zu erinnern, daß es etwas zu verbergen gäbe, dessen
Vorhandensein jedem Menschen bekannt ist, und das nur darum auf Gemälden
und Statuen heuchlerischerweise abgelogen und abgeleugnet wird, damit
man nicht vergessen soll, daß es unanständig ist. Und immer nur dann,
wenn es unter einem Feigenblatt verborgen wird, bückt man sich, um
nachzusehen, was darunter ist, weil man bei seiner Schwester oder bei
seinem Bruder, wenn man mit ihnen in der Badewanne saß, nie bemerkt
hatte, daß da ein Blatt aus dem Bauche wächst. Hier freilich wäre es
lächerlich gewesen, den Leuten, ob sie nun Männer oder Frauen waren,
einzureden, daß die Menschen am untern Ende des Bauches eingewachsene
oder festgewachsene Blätter hätten. Sie würden es nicht geglaubt haben.
Woanders glaubt man es offenbar oder hält wenigstens die Menschen für
dumm genug, daß sie es glauben. Denn wären die Blätter nicht, würden die
Menschen nie wissen, daß sich dieser Teil des menschlichen Körpers von
den übrigen Teilen in irgendeiner Weise unterscheidet. Das aber muß den
Menschen gelehrt werden, damit sie wissen, was Sünde ist, und damit sie
die bezahlen und in Ehren halten, die behaupten, daß sie das Recht
hätten, die Sünden vergeben zu dürfen. Was würden wir armen Menschen
tun, wenn wir nicht wüßten, was Sünde ist! Das so schön aufgebaute
Gebäude würde zusammenbrechen. Denn es ist ja nur auf Suggestion
aufgebaut.
Auf der langen gepolsterten Bank saßen die Senjoritas und warteten auf
ihre Tänzer. Die Herren saßen entweder an der Bar oder in den Nischen.
Zwei oder drei der Herren hatten eine oder zwei der Senjoritas bei sich,
mit denen sie sich sehr anständig unterhielten, ebenso geistvoll wie in
einem Ballsaal der oberen Zweitausend von Neuyork. Es war nur
interessanter, weil man, wenn man wollte, auch das sagen durfte, was man
auf dem Herzen hatte, während man das bei jenen Zweitausend nur sagen
darf, wenn angenommen wird, daß man die Landessprache nicht genügend
versteht, um den wahren Sinn der Worte zu begreifen. Ein Onestep
rasselte vom Podium herunter. Aber die Herren waren recht tranig. Nur
da, wo alles verboten ist, weiß man immer, was man tun will, um sich zu
amüsieren. Hier, wo alles erlaubt ist, was man sich nur denken kann,
sind die Herren immer verlegen und schüchtern, und wenn die Senjoritas
nicht gar so freundlich und aufmunternd herüberlächeln würden, kämen die
Herren nicht zum Tanzen. Und trotz des schönen Lächelns: die Senjoritas
müssen meist mit ihresgleichen tanzen, weil die Herren ihre Verlegenheit
und Schüchternheit dadurch zu verbergen suchen, daß sie an der Bar
sitzen und trinken und trinken, mehr trinken, als sie wollen. Durch das
Trinken wollen sie den Senjoritas beweisen, daß sie Männer seien; es
ihnen auf andere Weise zu zeigen, dazu fehlt ihnen in dieser
ungezwungenen Umgebung der Mut. Und sie trinken, um hierbleiben zu
können, in der Nähe der Senjoritas, deren Lächeln sie lieben, und deren
schöne Gesichter sie gern sehen.
Dann aber raffen sich doch einige auf und bitten die Senjoritas um einen
Tanz. Es ist zum Lachen. Sie tanzen überformell, die Herren. Und die
Senjoritas, um es den Herren zu erleichtern, schmiegen sich ihrer ganzen
Länge nach an ihre schüchternen Tänzer. Es ist fruchtlos. Und die
Senjoritas tanzen nun ebenso formell wie die braven Herren. Aber das
gefällt nun den Herren nicht, und jetzt beginnen sie, etwas schmiegsamer
zu werden. Die Senjoritas lächeln ihr schönstes Lächeln. Aber die Herren
drucksen und wissen nicht, was sie zu den Damen sagen sollen. Es ist wie
in einer Tanzschule.
Die Senjoritas, die mit ihresgleichen tanzen, tanzen zuweilen in der
überdeutlichsten Weise, um die Herren auf sich zu lenken. Aber
merkwürdig, es zieht nicht. Sie erreichen ihre Absichten viel leichter,
wenn sie elegant tanzen, ohne Wackelagen und Schmiegelagen. Die
Künstlerinnen unter ihnen, die Weisen, wissen, daß sie die meisten
Erfolge haben, wenn sie die Herren an deren Bräute oder deren
Freundinnen aus der Gesellschaft erinnern können. Aus diesem Grunde
sitzen auch viele der Senjoritas vor ihren Türen und häkeln feine
Spitzen oder sticken feine Tücher. Es ist ein Trick, der seine Wirkung
nicht verfehlt. Er erinnert die Herren, die hier in fremdem Lande sind,
wochen- oder monatelang auf See, im Dschungel, im Busch waren, an traute
Häuslichkeiten der heimatlichen Erde.
Manchmal führen die Herren ihre Senjoritas wieder zurück zu ihren
Plätzen, während sie selbst wieder an die Bar gehen oder sich einen
Platz in den Nischen nehmen. Dann aber ladet auch ein Herr eine oder
zwei oder – besonders wenn er sich nicht recht traut, mit einer allein
zu sitzen – drei oder vier Senjoritas an seinen Tisch.
„Was trinken Sie, Senjorita?“
„Ich, einen Whisky und Soda. Ich, einen Jugo de Naranja, einen
Apfelsinensaft. Ich, eine Flasche Bier. Ich möchte ein Paketchen
Zigaretten.“ Keine bestellt Sekt oder einen teuren Wein. Sie neppen
nicht. Wenn freilich der Herr protzen will, oder er will durchaus seine
vier Monate Arbeitslohn in einer Nacht verhauen, dann bestellt er Sekt
und wer weiß was sonst noch und ladet mit einemmal sämtliche Senjoritas,
die anwesend sind, zwanzig oder fünfundzwanzig, ein, an dem großen
Gelage, das nun beginnt, teilzunehmen. Dann wird es lustig. Es ist
nichts verboten, und Polizeistunde gibt es nicht. Der Saloonbesitzer hat
seinen Stempelbogen mit den Steuermarken im Lokal hängen und hat das
Recht, sein Geschäft so zu betreiben, daß es keinen Schaden leidet. Wo
geneppt wird, geht morgen niemand mehr hin, die ganze Stadt weiß es in
zwölf Stunden. Der Besitzer muß zumachen. Um das Neppen zu verhüten, hat
er große Plakate im Saloon hängen: „Jedes Getränk ein Peso“ oder: „Jedes
Getränk fünfzig Centavos“. Sie brauchen keine Polizeivorschriften. Gäste
und Restaurateure regeln das selbst durch die Freiheit von Angebot und
Nachfrage, durch die Freiheit der Konkurrenz und durch das Fehlen von
Konzessionsverpflichtungen. Wenn zu viele einen Saloon aufmachen,
braucht keine Behörde einzugreifen, die überflüssigen gehen von selbst
pleite. Nur die Nichtnepper, nur die, die für gutes Geld gute Ware
liefern, überleben. Vier Polizisten und ein Inspektor halten in diesem
großen Viertel die Wache, und sie haben so selten etwas zu tun, daß es
auffällt, wenn sie einmal eingreifen müssen. Sie brauchen nur ganz
selten einen Betrunkenen in Sicherheit zu bringen, weil selten ein
Betrunkener zu sehen ist. Und wenn man doch einen sieht, so ist es ein
indianischer Arbeiter oder ein heruntergekommenes Halbblut. Im
Streitfalle mit den Senjoritas und den Herren sind sie auf seiten der
Schwächeren, der Senjoritas. Und nur, wenn der Herr zweifelsfrei im
Recht ist, dann wird ihm beigestanden.
Zwei oder drei Detektive mischen sich unter die Leute. Sie suchen nach
den Opium- und Kokainverkäufern, die hier in diesem Viertel ihre
Kundschaft finden.
Osuna und ich, wir setzten uns an einen Tisch und bestellten Bier. Dann
tanzten wir mit zwei Senjoritas und luden sie ein, sich zu uns zu
setzen. Sie tranken ein Gläschen Whisky. Wir wußten nicht, was wir zu
ihnen reden sollten. Und es tat mir leid um die Senjoritas, die sich die
größte Mühe gaben, eine Unterhaltung in Gang zu bringen. Ich war immer
froh, wenn wieder ein Tanz einsetzte, weil man mit den Füßen leichter
fortkonnte als mit der Zunge.
Um überhaupt zu reden, fragten wir die Senjoritas nach allen möglichen
dummen Sachen. Ob sie jede Woche den Arzt sehen müßten oder nur alle
zwei Wochen. Ob diejenigen, die nicht in den Saloons tanzten, für ihre
Häuser hundertfünfzig oder zweihundert Pesos den Monat zu zahlen hätten.
Wieviel sie durchschnittlich verdienten.
Sie hielten uns sicher für außerordentlich stupid, daß wir so blöde
geschäftliche Fragen an sie richteten, statt von den mehr interessanten
Dingen des Lebens zu sprechen. Aber sie verloren ihre gute Laune nicht.
Das konnten sie auch nicht gut, weil sie keine Launen hatten. Die
durften sie nicht haben, weil es dem Geschäft hinderlich werden könnte.
Und weil sie keine Launen hatten, fühlten sich viele Herren, die Familie
hatten, hier wohler als in ihrem Hause; denn es gibt nur wenige Männer,
die launische und zänkische Frauen lieben. Die Erholung hier war für
solche Herren die Geldausgabe wert. Hier waren die Herren immer
vergnügt. Und ich glaube sicher, wenn sie zu Hause stets ebenso vergnügt
wären wie hier, würden manche keine zänkischen und launischen Frauen
daheim vorfinden.