„Wo?“ fragte ich.
„Da, dicht vor Ihren Füßen.“
Richtig, da wand sich eine Schlange auf dem Boden hin, eine feuerrote,
etwa einen Meter lang.
„Macht nichts,“ sagte ich, „die wird mich nicht gleich auffressen, die
Moskitos sind schlimmer.“
Der Nigger zog wieder ab.
Nach einer Weile kam Gonzalo. Die rote Schlange war inzwischen
verschwunden.
Es gefiel ihm sehr, und er fragte mich, ob ich etwas dagegen habe, wenn
er auch hier schliefe.
„Nein,“ sagte ich, „schlafen Sie ruhig hier, mir ist das ganz egal.“
Da starrte er auf den Boden.
Ich folgte seinem Blick.
Es war wieder eine Schlange. Diesmal eine schöne grüne.
„Ich will doch lieber im Hause schlafen,“ sagte nun Gonzalo, „ich mag
Schlangen nicht.“
Ich mache mir nichts aus Schlangen. So leicht werden sie ja wohl kaum
auf den Tisch kommen; und wenn sie sich wirklich hinaufringeln sollten,
was sie zuweilen tun, so werden sie ja nicht gleich beißen, und wenn sie
beißen sollten, so werden sie wohl nicht gleich giftig sein. Wären sie
alle giftig und würden sie alle einen schlafenden Menschen, der ihnen
nichts zuleide tut, beißen, wäre ich längst nicht mehr am Leben. Da
dieser Unterstand höher lag als das Haus, keine Wände hatte, jedem
kleinen Windzug freieren Durchgang ließ, in der Nähe auch kein
Strauchwerk war und er weit genug von der Zisterne und dem
ausgetrockneten Tränkepfuhl entfernt war, hatte ich hier in der Tat
beinahe gar nicht unter den Moskitos zu leiden.
Am nächsten Morgen kamen noch etwa zwölf Eingeborene zur Mitarbeit. Die
wohnten ziemlich weit entfernt in einem Dorfe, das irgendwo im Busch
liegen mochte. Sie kamen auf Maultieren geritten; manche hatten weder
Sattel noch Steigbügel. Andre hatten wohl einen Holzsattel, aber keinen
Zaum; an Stelle des Zaumes war den Tieren ein Strick um das Maul
gebunden.
Diese Leute waren an die Feldarbeit in den Tropen besser gewöhnt als
wir, die wir, mit Ausnahme des großen Niggers alle Städter waren. Aber
sie schafften viel weniger als wir und mußten eine viel längere
Mittagspause machen. Jedoch das ging uns nichts an, und darüber
nachzudenken, lohnte sich auch nicht recht.
Am Samstag kriegten wir ausbezahlt. Wir ließen uns von den paar Kröten,
die wir in so mühseliger Arbeit verdient hatten, gerade so viel geben,
wie wir brauchten, um Lebensmittel für die nächste Woche einzukaufen.
Den Rest ließen wir beim Farmer stehen, denn auch nur einen Nickel in
der Tasche zu haben, ist nichts als Versuchung für andre.
Selbstverständlich arbeiteten wir Sonntags auch. Der brachte dann knapp
ein Kilo Speck ein, oder fünf Kilo Kartoffeln; weil wir an dem Tage
schon um drei Uhr Schluß machten, um uns wenigstens einmal in der Woche
waschen zu können, und um das verschwitzte Zeug, das man Tag und Nacht
auf dem Leibe hatte, durchs Wasser zu ziehen.
Der Chinc und Antonio waren in den nächsten Laden gegangen, der etwa
dreiundeinehalbe Stunde entfernt lag, um für uns alle das einzukaufen,
was jeder ihnen auf ein Maisblatt aufgeschrieben hatte. Die
Hieroglyphen, die auf jenen Maisblättern standen, waren nur von den
Einkäufern zu entziffern, denen wir mündlich die Bedeutung der
phantastischen Zeichen ausführlich hatten erklären müssen.
Den nächsten Sonntag hatten dann ich und Charley einkaufen zu gehen.
An diesem Sonntag war Charley schon um zwei Uhr von der Plantage
verschwunden. Er war mit seinem Sack Baumwolle zur Wage gegangen und
nicht zurückgekommen.
Als wir zum Hause kamen, waren Sam und Antonio schon mit den Gütern
angelangt.
„Eine elende, nichtswürdige Schlepperei“, sagte Antonio.
„Ach das war nicht so schlimm!“ begütigte Sam.
„Ruhig, du gelber Heidensohn, du natürlich, mit deiner
Lastträgervergangenheit, was verstehst du von Schleppen?“ rief Antonio,
während er sich auf eine Kiste hinsetzte, die auch noch unter ihm
zusammenbrach und seine Laune durchaus nicht besserte.
„Hören Sie, Antonio, warum haben Sie denn nicht Mr. Shine um ein Mula
oder einen Esel gebeten?“ fragte ich.
„Aber das habe ich ja getan. Er hat es abgelehnt. Er sagte zu mir und
Sam: Wie kann ich euch denn ein Mula geben? Ich kenne euch ja gar nicht.
Ihr habt ein paar Tage bei mir gearbeitet, Sachen habt ihr keine,
Papiere habt ihr auch keine, und wenn ihr welche hättet, kann ich mir
für eure Papiere, die vielleicht noch nicht einmal euch gehören, kein
andres Mula kaufen, wenn ihr es im nächsten Ort verschachert und euch
dann hier nicht mehr sehen laßt.“
„Von seinem Standpunkt aus hat er recht“, erwiderte ich; „doch von
unserm Standpunkt aus gesehen, ist es eine große Niedertracht. Aber was
können wir machen?“
Und gerade jetzt, wo wir so schön im Zuge waren, das Lieblingsthema
aller Arbeiter der Erde anzuschlagen und uns den ungerechten Zustand in
der Welt, der die Menschen in Ausbeuter und Ausgebeutete, in Drohnen und
Enterbte teilt, mit mehr Lungenkraft als Weisheit klarzumachen, kam
Abraham an mit sechs Hennen und einem Hahn, die er an den Füßen
zusammengebunden hatte und, ihre Köpfe nach unten hängen lassend, an
einem Bindfaden über der Schulter trug.
Er warf das Bündel auf die Erde, wo die Vögel sich vergeblich mühten,
aufzustehen oder von den Fesseln los zu kommen.
„So, fellers,“ grinste er, „jetzt könnt ihr Eier von mir haben. Ich
lasse euch das Stück für neun Centavos, billig, weil ihr ja meine
Arbeitskollegen seid. In der Stadt kosten die Eier zehn, sogar elf.“
Wir starrten bald das Bündel Hühner, bald den grinsenden Abraham an. An
ein solches Geschäft hatte keiner von uns gedacht, und es lag doch so
nahe, war so einfach, verlangte absolut keine besondere Intelligenz;
jeder von uns hätte das ebensogut machen können. Sam Woe empfand keinen
Neid, keine Eifersucht, nur Bewunderung für den unternehmungslustigen
Geflügelzüchter; jedoch er schämte sich, daß er sich von einem Nigger
beim Ausdenken einer ehrlichen Nebeneinnahme hatte schlagen lassen.
Vor unsern Augen, nicht einmal über Nacht, sondern über drei
Nachmittagsstunden war aus einem Enterbten und Ausgebeuteten ein
Produzent, ein Unternehmer geworden. Er hatte sich von seinem Lohn die
Hühner gekauft, wir Lebensmittel. Er hatte keine Lebensmittel mitbringen
lassen, und wir hatten uns schon vorbereitet, wie wir ihm das Stehlen,
auf das er unter diesen Umständen angewiesen war, unmöglich machen
wollten. Aber er hatte uns übertrumpft. Er lieferte Eier und tauschte
dafür an Reis und Bohnen ein, was er brauchte. Trat nun der Fall ein,
daß wir seine Produkte boykottierten, so konnte er ja den Hahn
schlachten, vielleicht noch ein Huhn, bis er wieder Lohn bekam. Am
nächsten Morgen hatte Abraham vier Eier. Das Geschäft konnte beginnen.
Eier betrachteten wir noch als einen größeren Luxus denn Speck oder
Fleisch. Aber jetzt, wo die Eier so verlockend nahe zur Hand waren, viel
schneller zubereitet werden konnten als irgendeine andre Speise und uns
dadurch eine Möglichkeit gegeben war, zum Frühstück etwas andres und
Kräftigeres in den Magen zu bekommen als den dünnen Kaffee und ein
schmales Stückchen verbranntes Brot, da wollten und konnten wir auf Eier
nicht mehr verzichten. Wir sahen plötzlich ein, daß wir ohne Eier noch
vor Beendigung der Ernte an Unterernährung zugrunde gehen würden, und
wenn wir je wirklich die Ernte überlebten, so würden wir doch so
entkräftet sein, daß uns niemand in Arbeit nehmen würde. Die Sklaven
wurden immer, so erzählte uns Abraham, der es von seinem Großvater
wußte, in gutem Ernährungszustande gehalten, wie Pferde; um den
Ernährungszustand der freien Arbeiter kümmerte sich kein Mensch. Wenn
sie zu schlecht ernährt waren, weil der Lohn für eine bessere Ernährung
nicht reichte, flogen sie ’raus.
Solche merkwürdigen Ansichten, die natürlich keine wissenschaftliche
Grundlage hatten und auch ganz und gar unrichtig waren, brachte Abraham
vor, nur um seinen Eiern einen regen und dauernden Absatz zu sichern.
Uns leuchtete eine solche Betrachtung menschlicher Verhältnisse um so
mehr ein, als es gerade Abraham gewesen war, der uns gestern mitten in
jener regen Auseinandersetzung unterbrochen hatte, die uns ohne Zweifel,
wenn auch nicht auf dem Wege über Eier, zu genau derselben
Schlußbetrachtung der Welt geführt haben würde.
Außerdem stundete uns Abraham gutmütig den Betrag für gelieferte Eier
bis zum nächsten Lohntage. Er tat es nur aus Gutmütigkeit, und weil er
nicht wollte, daß wir, seine lieben Arbeitskameraden, im spätern Leben,
also nach der Ernte, wegen Unterernährung Schiffbruch erleiden sollten.
Nach drei Tagen konnten wir nicht mehr verstehen, wie wir es überhaupt
jemals fertiggebracht hatten, ohne Eier auszukommen. Es gab Eier zum
Frühstück, es wurden Eier zum Mittagessen mitgenommen und abends gab es
erst recht Eier, wir backten Eier sogar ins Brot, nur um die nötige
Arbeitskraft für unser ferneres Leben zu erhalten.
Abraham verstand die Geflügelzucht, das mußte man ihm lassen.
Er fütterte seine Hühner reichlich mit Mais. Jeden zweiten Abend mit
Dunkelwerden machte er sich auf den Weg mit einem Sack, um bei den
Farmern Mais einzukaufen. Manchmal ging er schon um drei Uhr vom Felde
heim, um seine Hühner auch gut zu versorgen. Vom Mais einkaufen kam er
aber immer erst zurück, wenn wir schon längst schliefen.
Die sechs Hühner und der eine Hahn, als ob sie unsern Bedarf schon im
voraus kannten, taten das menschenmögliche, nein, hühnermögliche, um uns
vor der drohenden Unterernährung zu schützen. Und für den reichlich
gelieferten Mais lieferten sie als gerechte Gegenleistung mehr, als
sonst eine Henne zu liefern sich verpflichtet fühlt.
Am ersten Morgen hätten die Hühner, wie schon berichtet, vier Eier
gelegt, am zweiten Morgen sieben, und als wir bezweifelten, daß dies
möglich sei, führte uns Abraham am darauffolgenden Morgen zu den drei
alten Schilfkörben, die er für den Zweck aufgehängt hatte, und
gestattete uns, selbst nachzuzählen. Wir zählten an diesem dritten
Morgen siebzehn Eier, die von den Hühnern über Nacht gelegt waren. Da
wir die Eier persönlich bei Sonnenaufgang gesehen und persönlich gezählt
hatten, zweifelten wir von dem Tage an nicht mehr an der Zahl der von
Abrahams Hühnern gelegten Eier, obgleich er uns eines Morgens
freudestrahlend, als hätte er in der Lotterie gewonnen, mitteilen
konnte, daß die Hühner achtundzwanzig Eier über Nacht gelegt hätten. Uns
war es ja gleichgültig, wie Abraham seine Hühner behandelte, um solche
Resultate zu erzielen. Als Sam Woe eines Tages erklärte, bei ihm zu
Hause wisse man auch aus einer Krume Erde oder aus einer Henne
herauszuholen, was nur überhaupt ein Gott sonst noch herausquetschen
könne, aber das hätten sie daheim doch noch nicht geschafft, da fuhr ihm
der Nigger gleich übers Maul: „Ihr seid eben Esel, ihr versteht die
rationelle Geflügelzucht ebensowenig wie hier herum die ganzen Farmer,
die noch größere Esel sind, als ihr seid. Aber wir in Louisiana, wir
verstehen Hühner zu behandeln. Ich habe es von meiner Großmutter
gelernt. Es hat viel Prügel gesetzt, ehe ich es begriffen habe; aber
jetzt kommt auch kein noch so tüchtiger Farmer gegen mich mehr auf, wenn
ich in der Nähe eine Geflügelzucht betreibe und einmal zeige, wie man
Hühner rentabel macht.“
7
Wir aßen die Eier nur. Aber die Eier rächten sich: sie fraßen. Sie
fraßen an unserm Lohn so gierig, daß niemand sein gestecktes Ziel
erreichen konnte, sei es ein neues Hemd, eine neue Hose oder eine
Fahrkarte nach einer Stadt mit besserer Arbeitsgelegenheit.
Auch Sam Woe, dessen Landsleuten sehr zu Unrecht nachgesagt wird, daß
sie sich lieber den Finger abbeißen als Geld für etwas Überflüssiges
auszugeben, hatte ein ganz nettes Schuldsümmchen für Eier bei Abraham
stehen. Ich glaube aber doch, daß er bei jedem Ei, das er aß, immer
bedauerte, daß er nicht der Lieferant sei.
So vergingen zwei weitere Wochen. Verglichen mit der ersten Woche lebten
wir jetzt in Saus und Braus. Das taten die Eier, und das tat eine Nacht
mit fünfstündigem Wolkenbruch, der uns so gut mit Wasser versorgte, daß
wir hierin fürstlich schwelgen konnten.
Freilich bedeutete dieser Regen einen halben Tag Verlust an Arbeitslohn.
Das Feld war am Morgen so lehmig und schlammig, daß wir die Füße kaum
herausziehen konnten. Erst gegen Mittag, als die Sonne die übliche
Kruste gebrannt hatte, konnten wir wieder an die Arbeit gehen. Am
dritten Lohntag sehen wir ein, daß wir mit dem Geld, das wir verdienten,
nicht auskommen konnten. Wenn die Ernte vorüber sein wird, werden wir
knapp zwei Wochen Lohn in der Hand haben. Ehe wir bis zur nächsten Stadt
kommen und dort irgendeine Arbeitsgelegenheit finden würden, hätten wir
genau soviel oder richtiger sowenig übrig, als wenn wir nicht sechs
Wochen, jede Woche zu sieben Tagen, in tropischer Sonnenglut von
Sonnenaufgang bis beinahe Sonnenuntergang bei, trotz der Eier,
allerbescheidenster Nahrung hart gearbeitet hätten. Denn außer für Essen
und etwas Tabak gaben wir nichts aus. Es war auch keine Gelegenheit
dazu. Der nächste Saloon, wo es Bier und Schnaps gab, und wo man spielen
konnte, war über drei Stunden entfernt.
„Daran sind die verfluchten Eier schuld, daß wir für nichts geschuftet
haben sollen!“ sagte Antonio am Abendfeuer, als wir unsre Lage
überdachten.
„Aber wir hätten sie doch nicht kaufen brauchen,“ warf ich ein, „Abraham
hat sie uns doch nicht aufgedrängt. Er hätte sie doch sammeln und
Sonntags zum Laden bringen können.“
„Da hätte er aber mehr Arbeit davon gehabt“, sagte Gonzalo.
In dem Augenblick kam Abraham gerade von seinem abendlichen Maiseinkauf
zurück. Er warf den Sack auf die Erde und sagte: „Wovon ist denn die
Rede? Vielleicht etwa gar von den Eiern? Ich habe sie doch ehrlich an
euch abgeliefert, und frisch gelegt war jedes einzelne auch, da kann ich
doch auch wohl ehrlich mein Geld verlangen, nicht wahr, fellers? That
so?“
„Von Nichtbezahlen hat niemand gesprochen, wenn Sie nicht wissen, wovon
und worüber geredet worden ist, dann halten Sie lieber ihre Gosche“,
sagte ich.
„Nein,“ sagte Antonio, „die Rede ist davon, daß, wenn wir nicht den
Luxus mit den Eiern einstellen, wir hier die vielen Wochen umsonst
gearbeitet haben.“
„Luxus nennt ihr das?“ rief Abraham entrüstet aus. „Ja, wollt ihr denn
als Skelette ’rumlaufen, wenn die Ernte vorüber ist? Meinetwegen, ich
kann meine Eier auch anderswo verkaufen. Also, jetzt kassiere ich.
Antonio, Sie haben – –“
Das interessierte mich nun gar nicht, wieviel jeder hatte und was jeder
zu bezahlen haben mochte. Ich bezahlte meine Rechnung bei Abraham und
ging dann nach meiner Behausung schlafen. Als ich unterwegs war, hörte
ich, wie Charley und Abraham in Wortwechsel gerieten. Der große Nigger
behauptete, Abraham habe ihm drei Eier zuviel angerechnet. Abraham
bestritt es und drängte auf richtige Bezahlung. Nach einer Weile Hin-
und Herredens mußte Charley zugeben, daß er sich geirrt habe, und daß
Abraham im Recht sei. In diesen Dingen, die das Geschäft unmittelbar
betrafen, also Lieferung und Bezahlung, war Abraham unbedingt ehrlich.
Des Abends vor dem Einschlafen nahm ich mir vor, diese Woche einmal ohne
Eier auszukommen.
Am Morgen, als ich zum Feuer ging, hörte ich Antonio schon rufen: „Wo
sind denn heute morgen die Eier, du rabenschwarzer Yank? Ich will fünf
haben.“
Abraham zählte seine Eier, die er in den Körben gesammelt hatte, mit
einem Ernst und mit einer Sorgfalt, als ob er sie wirklich zum ersten
Male in der Hand habe und nicht schon gestern abend genau gewußt hätte,
wieviel Eier die Hühner über Nacht legen würden. Er tat, als habe er den
Geschäftsauftrag Antonios nicht gehört.
„Ja, Mensch, Nigger, hast du denn nicht gehört, fünf Eier will ich
haben, oder soll ich sie mir vielleicht selber nehmen?“ wütete jetzt
Antonio.
„Was denn!“ sagte Abraham ganz unschuldig. „Ich will euch doch nicht
meine Eier aufdrängen und euch den sauer verdienten Wochenlohn aus der
Tasche rauben. Spart das Geld lieber! Ihr könnt auch ganz gut ohne Eier
auskommen. Ihr seid ja die ersten Tage auch ohne Eier fertig geworden.“
Das war ein ganz neuer Ton, den wir von Abraham bisher nie vernommen
hatten.
Wir empörten uns gegen eine solche Bevormundung unsrer Lebensweise wie
ein Mann.
„Was fällt denn dir schwarzem Karnickel ein, mir vorzuschreiben, was ich
essen und was ich nicht essen soll, ob ich mein Geld spare, oder ob ich
es da in die Zisterne werfe, hä!“ mischte sich Gonzalo jetzt ein.
„Sofort gibst du mir sechs Eier, oder ich schlage dir deinen Wollschädel
in Scherben.“
„Gut,“ sagte Abraham resigniert, „da ihr es nicht anders haben wollt und
mir sogar mit Schlägen droht, will ich euch die Eier wie bisher
liefern.“
„Ja, was hast du dir denn gedacht?“ sagte Sam Woe ganz ruhig und
schulmeisterlich. „Erst verführst du uns, Eier zu essen, und wenn wir
dalan gewöhnt sind, willst du sie uns verweigern. Gib mir dlei Eier!“
Der Chinc hatte ein bestimmtes Gefühl bei mir ausgelöst: Jetzt auf
einmal, wo wir uns an die Eier, an die Bequemlichkeit ihrer Zubereitung,
an die Nachhaltigkeit ihres Nährstoffes und an ihre mühelose Beschaffung
so sehr gewöhnt hatten, sollten wir plötzlich einer Laune des Niggers
wegen darauf verzichten! Das war ja nicht anders, als wenn wir aus dem
Zeitalter der drahtlosen Abendunterhaltung in das der Steinaxt
zurückgeschleudert werden sollten. Gestern abend, den Magen übervoll
gefüllt mit einem dicken, prächtigen vollwertigen Eierpfannkuchen, hatte
ich allerdings den Entschluß gefaßt, diese Woche einmal keine Eier zu
beziehen. Aber am Morgen, als der Magen leer war wie ein vertrockneter
Autoreifen, hielt ich den Entschluß für kindisch. Warum sollte ich mich
denn kasteien und meinen mir lieben Körper qualvoll peinigen beim
Anblick der schönen frischen Eier, die bereits lustig in den Pfannen der
andern brutzelten?
„Gib mir sechs!“ kommandierte ich Abraham.
Freilich, als ich drei Spiegeleier gegessen und zwei zum Mitnehmen für
das Mittagessen gekocht hatte, fiel mich wieder die reuige Wehmut an.
Also es blieb bei den Eiern.
8
Auf dem Nachhauseweg rief mich Mr. Shine an: „Hören Sie, Mr. Gale,
können Sie auf eine Viertelstunde herein? Meine Frau hat einen guten
Kuchen gebacken, Sie können eine Tasse Kaffee mit uns trinken.“
Dann, als wir bei Tische saßen, erzählte mir Mr. Shine, wie er mit 260
Dollar, die er sich sauer erspart hatte, hier angefangen habe, wie er
mit eigner Hand die Farm aus dem rohen Busch herausgearbeitet habe, wie
die Straße, die mehr als drei Stunden zur nächsten Ortschaft führt, bei
seiner Ankunft nur ein schmaler, verwachsener Weg war, gerade breit
genug, um mit dem Maultier durchzukommen, wie er auch diese Straße
verbreitert habe, so daß er sie jetzt mit eignem Ford befahren könne.
„Vierundzwanzig Jahre harter, sehr harter Arbeit waren notwendig, um
etwas zu werden. Und wir Gringos hier, die wir dem Lande erst Wert
geben, sind trotzdem immer wie auf dem Sprunge, plötzlich fliehen und
alles verlassen zu müssen. Wir werden gehaßt wie der Tod, weil man um
die Freiheit und Unabhängigkeit, die den Leuten hier über alles gilt,
bangt.“ Er war nicht der erste Amerikaner, der mir diese Nöte
schilderte.
„Manches Jahr ist sehr gut. Ich habe schon häufig vier Ernten im Jahr an
Mais gehabt. Das erreichen wir drüben in den States nicht. Aber dieses
Jahr ist schlecht. Die Baumwolle hat, was seit fünfzehn Jahren nicht
vorgekommen ist, Frost abbekommen; deshalb ist sie nur halb wie sie sein
soll. Und ich weiß auch gar nicht, was mit dem Hühnervolk los ist. Wir
haben nie so wenig Eier gehabt, wie in den letzten Wochen. Auch Mr.
Fringell und Mr. Shape klagen über ihre Hühner.“
Am Abend erzählte ich Abraham, was mir Mr. Shine über die Hühner gesagt
hatte. Aber mein Kamerad geriet nicht in die geringste Verlegenheit.
„Na, da seht ihr es ja, fellers,“ sagte Abraham eifrig, „das sind die
richtigen amerikanischen Farmer wie drüben. Vor Geiz möchten sie am
liebsten ihre Fingernägel aufessen. Da gönnen sie den armen Hühnern kaum
eine Handvoll Mais. Wie können denn die Hühner richtig legen, wenn sie
nicht gut gefüttert werden? Da seht meine Hühner an! Ich spare nicht mit
dem Mais. Aber dafür geben die Tierchen auch etwas her. Man muß sie nur
gut und reichlich füttern und sachgemäß behandeln, dann tun sie auch
ihre Pflicht. Das hat mich meine gute Großmutter Susanne gelehrt, und
die war eine sehr kluge Frau, das könnt ihr mir glauben, fellers. That’s
a fact!“
Na, wir glaubten es ihm. Die Beweise lagen ja vor.
9
Am selben Abend nach dem Essen setzte wieder die Unterhaltung über die
Frage ein, wieviel uns an Geld übrigbliebe, wenn die Ernte vorüber sei.
Diesmal aber wurden weder die Eier noch Abraham, der dabeisaß, in dem
Gespräche erwähnt.
An diesem Abend kamen wir alle einmütig zu dem Ergebnis, daß wir
ordentlich essen müßten, um uns arbeitsfähig zu erhalten, daß wir eine
bestimmte Summe am Ende der Ernte übrighaben müßten, um nicht umsonst
gearbeitet zu haben oder wie Sklaven nur für das Essen, und daß also,
kurz und bündig, der Lohn zu niedrig sei. Wenn wir statt sechs acht
Centavos für das Kilogramm bekämen, könnten wir gerade zurechtkommen.
Mit diesem Gedanken gingen wir schlafen.
Am nächsten Morgen, sobald die andern Arbeiter auf das Feld gekommen
waren, gingen Antonio und Gonzalo gleich zu ihnen und erklärten ihnen,
daß wir die Absicht hätten, acht Centavos zu verlangen und zwei Centavos
Nachbezahlung für die bisher schon gepflückten Kilos. Diese Leute, alle
unabhängiger als wir, weil sie alle ihr Stückchen Land hatten, waren
ohne weiteres damit einverstanden.
Nun gingen Antonio und Gonzalo sowie zwei von den andern Leuten zur Wage
und sagten Mr. Shine, was los sei.
„Nein,“ antwortete Mr. Shine, „das bezahle ich nicht, ich bin doch nicht
verrückt! Das habe ich noch nie bezahlt! Das kommt ja gar nicht rein!“
„Gut,“ sagte Antonio, „dann machen wir Schluß. Wir wandern dann noch
heute ab.“
Da mischte sich einer von den ansässigen Arbeitern ein: „Hören Sie,
Senjor, wir warten zwei Stunden. Überlegen Sie es sich. Wenn Sie dann
noch Nein! sagen, satteln wir unsre Mulas. Wir wollen schon dafür
sorgen, daß Sie keine Leute kriegen.“
Damit war die ganze Konferenz erledigt. Die vier Abgesandten gingen ins
Feld zurück, berichteten die abschlägige Antwort, und alle Leute
verließen ihre Reihen, gingen zu den Bäumen und legten sich schlafen.
Als ich auch auf dem Wege zu den Bäumen war, rief Mr. Shine herüber:
„He, Mr. Gale! Kommen Sie auf einen Augenblick her!“
Ich ging hinüber. „Na,“ sagte ich gleich beim Näherkommen, „wenn Sie
etwa glauben, daß ich hier die Mittelsperson mache, dann sind Sie im
Irrtum, Mr. Shine. Wäre ich Farmer, stünde ich auf Ihrer Seite, und ich
ginge mit Ihnen durch dick und dünn. Da ich aber kein Farmer, sondern
Farm-Hand bin, stehe ich zu meinen Arbeitskollegen. Das verstehen Sie
doch?“
„Gar kein Zweifel, Mr. Gale,“ erwiderte er, „es ist auch gar nicht meine
Absicht, Sie herüberzuziehen; denn Sie allein könnten die Baumwolle ja
doch nicht hereinholen. Aber wir wollen das einmal in Ruhe überrechnen.“
Mr. Shine zündete sich eine Pfeife an und gab mir Tabak. Sein ältester
Sohn, der etwa sechsundzwanzig Jahre alt war, steckte sich eine Zigarre
an, und der zweite Sohn, der jüngste in der Familie, ungefähr
zweiundzwanzig Jahre alt, pellte ein Stück Kaugummi aus einem Stück
verschweißtem Papier heraus und schob es in den Mund.
„Sie sind der einzige Weiße hier unter den Pflückern, und da ich Ihnen
ja schon acht bezahle, sind Sie eigentlich parteilos und können hier
mitsprechen. Sie haben doch nicht etwa den andern Burschen gesagt, daß
Sie acht bekommen?“ fügte Mr. Shine, die Pfeife aus dem Munde nehmend,
hinzu.
„Nein,“ sagte ich, „dazu hatte ich nicht die geringste Ursache.“
Dick, der älteste Junge, kletterte in das Lastauto, lehnte sich gegen
einen Ballen Baumwolle und ließ die Beine über die Reling baumeln.
Pet, der jüngere, setzte sich zum Steuerrad und druselte, unausgesetzt
seinen Gummi knatschend, vor sich hin.
Der Alte lehnte sich gegen den Wagen und fummelte, unaufhörlich
fluchend, an seiner Pfeife herum, die bald ausging, bald verstopft war,
bald neuen Tabak brauchte, obgleich der Rest noch gar nicht ganz
aufgebrannt war.
Die ganze Erregung, die den Farmer durchtobte, äußerte sich nur in der
Behandlung seiner Pfeife.
Nachdem etwa fünf Minuten lang niemand etwas gesagt hatte, platzte
plötzlich Pet heraus: „Weißt du was, Daddy, ich an deiner Stelle würde
bezahlen, ohne viele Worte zu machen.“
„Ja, du,“ rief Mr. Shine wütend, „du würdest bezahlen. Es geht ja nicht
aus deiner Tasche, da ist das ‚Bezahlen würden‘ sehr leicht. Aber dann
ziehe ich dir’s von deinem Taschengelde ab.“
„Das wirst du nicht tun, Daddy, oder du mußt mir das Geld für die
verkaufte Baumwolle auch geben, sonst wäre es ungerecht.“
„Ha! Daß ich nicht platze vor Lachen. Das Geld für die verkaufte
Baumwolle!? Habe ich denn überhaupt schon für einen Dime verkauft? Ich
sage Ihnen, Mr. Gale, noch nicht einen blanken Tinker hat man mir
geboten. Und was für eine Baumwolle in diesem Jahr! Die weißeste
Schneeflocke von Alaska muß sich dagegen schämen. Und sehen Sie einmal
hier, Mr. Gale,“ dabei rupfte er eine Knolle, die dicht neben ihm stand,
ab und quetschte sie, sie mir dicht vor die Nase haltend, in seinen
Fingern, „die weichsten Daunen sind dagegen der purste Stacheldraht. –
Ja, Gosch, sagen Sie doch auch einmal ein Wort! Stehen Sie doch nicht so
da, als ob Sie die Sprache verloren hätten!“
„Aber ich bin doch unparteiisch“, sagte ich darauf.
„Ja richtig, Sie sind unparteiisch. Aber Sie können doch wenigstens den
Mund mal aufmachen!“
Es kam ihm nur darauf an, jemand zu finden, dem er widersprechen konnte.
Da räkelte sich Dick ein wenig bequemer in seine Stellung ein und sagte
ganz langsam und bedächtig mit breit gezogenen Worten:
„Da will ich dir mal was sagen, Dad –“
„Du? Ja du bist mir gerade der Rechte.“
„Dann eben nicht. Ich habe Zeit. Es ist ja nicht meine Baumwolle, es ist
ja deine.“
Und als Dick nun wieder in seine bulkige Schweigsamkeit zurückfiel,
sagte der Alte plötzlich ganz erbost: „Ja, verflucht noch mal, dann rede
doch schon! Oder soll ich hier vielleicht stehen, bis die ganze
Baumwolle verfault und verwurmt ist?“
„Siehst du, Dad, das meine ich gerade: verfault. Wenn die Leute gehen,
andre kriegen wir nicht. Und wenn wir die Leute herschippen lassen von
den Städten, müssen wir mehr Reisegeld bezahlen, als die Sache wert
ist.“
„Rede doch schon einen Strich schneller!“
„Aber ich muß mir doch erst ausdenken, was ich sagen will. Sieh mal,
Dad, einmal hat es schon geregnet. Und es sieht ganz so aus, als ob wir
eine sehr frühe Regenzeit kriegen oder eine volle Woche Stripregen. Dann
ist die ganze Baumwolle hinüber, dann ist sie in den Dreck gehauen, und
du kannst lange suchen, bis du einen findest, der dir anstatt der
Baumwolle den Sand abkauft. Je eher wir die Baumwolle ‚ginned‘ und auf
den Markt gebracht haben, desto besser ist der Preis. Wenn der Markt
erst mal voll ist, müssen wir froh sein, wenn wir sie mit zwanzig oder
fünfundzwanzig Centavos Verlust losschlagen, wenn wir sie dann überhaupt
unterbringen und sie uns nicht auf dem Halse liegen bleibt. Bis jetzt
sind wir sehr früh dran und sind mit die ersten auf dem Markt.“
„Verflucht noch mal, Junge, du hast verteufelt recht! Vor vier Jahren
habe ich sie mit dreißig Centavos das Kilo unter dem Anfangspreis
verkaufen müssen und habe noch dagestanden wie ein armseliger Bettler,
der um ein Stück Brot boomen muß. Aber ich bin doch nicht ganz und gar
wahnsinnig geworden, daß ich acht Centavos bezahle! Früher habe ich
sogar bloß drei, wenn sie schlecht stand, vier bezahlt. Nein, das ist
abgemacht, da lasse ich sie, by Gosh!, zehnmal lieber verfaulen und
verschimmeln, just wie sie dasteht, ehe ich nachgebe.“
Dabei schlug er mit der Hand nach einer Staude, als ob er mit dieser
einen Handbewegung das ganze Feld abrasieren wollte.
Dann kam ihm in seinem Zorn ein andrer Gedanke:
„Aber an der ganzen Geschichte sind bloß die Fremden schuld, die
Auswärtigen. Die hetzen uns hier die Leute auf. Die können nie den
Rachen vollkriegen. Unsre Leute hier herum sind immer zufrieden. Ja, Sie
auch, Mr. Gale, Sie sind auch einer von den Aufwieglern und von den
Bolsches, die alles auf den Kopf stellen und uns das Land wegnehmen und
das Bett unter dem Hintern fortziehen wollen. Bei mir kommt ihr aber an
die falsche Nummer. Das habe ich selber mitgemacht. Das kenne ich, weiß,
wie es gemacht wird. Aber wir haben keine I. W. W.[1] und alles solchen
Stoff gehabt.“
„Wenn Sie mich meinen, Mr. Shine, tun Sie sich keinen Zwang an. Nebenbei
bemerkt, habe ich Ihnen gar keinen Grund gegeben, festzustellen, ob ich
ein Wobbly[2] bin oder nicht.“
„Mischen Sie sich doch nicht ’rein, von Ihnen ist ja gar nicht die Rede.
Ich habe Sie ja gar nicht gemeint. Aber bezahlen tu ich nicht, basta!“
„Na hör’ mal, Daddy“, sagte jetzt Pet, ohne sich seinem Vater
zuzuwenden, „in bezug auf die Fremden hat du unrecht, durchaus. Die
sechs Fremden schaffen mehr herein als die zwölf oder vierzehn Indianer.
Die tun doch überhaupt bloß etwas, weil sie sehen, wie die Fremden
arbeiten und was verdient werden kann. Wenn unsre Hiesigen einen Peso
machen, dann sind sie zufrieden und halten lieber fünf Stunden
Mittagschlaf, weil ihnen das wichtiger ist. Ohne die Fremden bekämen wir
die Baumwolle vor Weihnachten nicht herein, da wette ich mein Leben
darauf.“
„Aber ich bezahle keine acht, und damit Schluß!“
„Dann kann ich ja ankurbeln, und wir können heimfahren“, sagte Dick
trocken und kletterte gemächlich von dem Wagen herunter.
Es waren noch lange keine zwei Stunden vergangen, aber die „Hiesigen“
wurden jetzt beweglich. Sie fingen ihre Maultiere ein und begannen
aufzusatteln.
Als einige der Peons schon soweit waren, aufzusitzen, sprangen Antonio
und Gonzalo plötzlich auf, warfen ihre großen Hüte hoch in die Luft und
begannen mit schrillen Stimmen zu singen:
Es trägt der König meine Gabe,
Der Millionär, der Präsident –
Die Leute hörten sofort auf, an ihren Tieren zu arbeiten, und standen
stille wie Soldaten nach einem Kommando. Sie hatten das Lied nie gehört,
fühlten jedoch sofort mit dem Instinkt des Mühseligen, daß es ihr Lied
sei, daß dieses Lied mit dem Streik, mit dem ersten Streik, den sie
erlebten, ebenso innig zusammenhing wie ein Kirchenchoral mit der
Religion. Sie wußten nicht, was I. W. W. war, was eine Organisation
bedeutet, was eine Klasse sei. Aber der Gesang hämmerte auf sie ein, die
Worte trafen den Atem ihres Daseins. Und das Lied schmiedete sie
zusammen zu einem ehernen Block. Das erste leise Bewußtsein der
ungeheuren Macht und Stärke der zu einem gemeinsamen Wollen vereinigten
Proleten erwachte in ihnen.
Als der erste Refrain wiederholt wurde, sang bereits das ganze Feld. Was
vielleicht geschehen könnte, wenn der letzte Refrain begann, ohne
inzwischen die gewünschte Antwort erhalten zu haben, wußte ich. Ich habe
es erlebt.
Der Gesang, so eintönig und so schlicht in seiner Melodie, aber so
federnd wie feinster Stahl in seinem klingenden Rhythmus, steckte mich
an. Ich konnte nicht anders, ich begann, das Lied mitzusummen.
„Natürlich! Sie auch!“ sagte Mr. Shine, halb ironisch, halb
selbstverständlich zu mir. „Ich hab’s ja gewußt!“
Als der zweite Refrain erklang, wendeten sich die Leute, die bisher
zwanglos in einer losen Gruppe bei ihren Maultieren gestanden hatten,
alle wie ein Mann zu uns herüber, wodurch der Gesang herausfordernd und
persönlich wurde.
Mr. Shine faßte nervös nach hinten und knöpfte die lederne
Revolvertasche auf, machte sie aber gleich wieder zu mit einer Geste der
Verlegenheit, die ebensogut auch eine der Scham oder gar der
Wurschtigkeit sein konnte.
„Teufel noch mal,“ rief er dann, „that means business, die scheinen
Ernst zu machen.“
„Das machen sie,“ sagte Pet knatschend, „und wenn sie einmal fort sind,
haben wir unsre liebe Mühe und Not, sie wieder heranzuholen.“
„Gut,“ sagte Mr. Shine, „ich bezahle acht, aber erst von heute an. Was
bezahlt ist, bleibt bezahlt, da wird nichts nachgegeben. Mr. Gale, seien
Sie doch so gut, bitte, und rufen Sie die Leute heran!“
Ich lief ’rüber und brachte die ganze Horde zusammen.
„Na, was ist?“ fragten die Leute, als sie nahe genug der Wage waren.
„Also es ist abgemacht,“ sagte Mr. Shine halb erbost, halb von oben
herab, „ich zahle acht für das Kilo, aber –“
Antonio ließ ihn nicht ausreden:
„Und für die schon gepflückten Kilos?“
„– zahle ich die zwei Centavos nach. Aber nun auch tüchtig ran an die
Arbeit, daß wir den ganzen Bettel noch trocken hereinkriegen.“
„Hurra für Mr. Shine!“ schrie Abraham.
„Halt’s Maul, damned Nigger, du bist nicht gefragt!“ schrie der Farmer
wütend.
„Aber was mache ich denn nun mit Ihnen, Mr. Gale?“ sagte er zu mir. „Sie
bekommen doch schon acht.“
„Ja,“ sagte ich, „da gehe ich halt leer aus, Mr. Shine.“
„Das sollen Sie nicht. Bei einem Mann kommt es mir auch nicht darauf an.
Und weil Sie Weißer sind, der einzige Weiße, Sie sollen zehn haben.“
„Mit Nachzahlung?“
„Mit Nachzahlung! Ich bin ein fair businessman. Was stehen Sie denn noch
’rum? Machen Sie, daß Sie an die Arbeit kommen! Wir haben, weiß Gott,
beinahe eine Stunde total verquatscht. Gerade um diese Stunde kann uns
der Regen zu früh kommen. Das ziehe ich euch beiden Rangen ab, da könnt
ihr Gift drauf nehmen“, so wandte er sich seinen Söhnen zu, die gerade
dabei waren, die Wage wieder aufzuhängen.
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[1] I. W. W. = Industrial Workers of the World; eine sehr radikale
Arbeiter-Organisation.
[2] Wobbly = Mitglied der I. W. W.
10
So lief der Trott nun weiter die nächsten zwei, drei Wochen. Ohne
besondere Ereignisse. Ein Tag wie der andre. Rennen im Trab, Arbeit,
Rennen, Essen kochen, Schlafen, Rennen im Trab, Arbeit.
Eines Nachmittags, als ich vom Feld heimkam, ging ich zu Mrs. Shine und
fragte sie, ob sie mir ein Kilo Speck verkaufen oder bis Sonntag leihen
wolle, da ich vergessen hätte, welchen mitbringen zu lassen.
„Können Sie haben, Mr. Gale, gegen Bezahlung oder Rückgabe, ganz wie Sie
wollen.“
„Gut,“ sagte ich, „dann gegen Bezahlung. Mr. Shine kann es mir ja am
Samstag anrechnen.“
Während sie eben dabei war, den Speck abzuwiegen, kam Mr. Shine von der
Stadt zurück, wo er seine Post abgeholt und einige Bedarfsmittel
eingekauft hatte.
„Da sind Sie ja gerade wie gerufen, Mr. Gale“, sagte er zu mir, als er
ins Zimmer trat. „Ich habe eine Neuigkeit für Sie.“
„Für mich? Woher soll die wohl kommen?“
„Direkt aus der Stadt. Im Store traf ich den Manager von Camp 97. Er saß
da und trank gerade eine Flasche Bier nach der andern. Er war in großen
Nöten. Da haben sie im Camp ein kleines Malheurchen gehabt. Beim
Auswechseln von Achter-Rohren gegen Zehner hat ein Rohr ausgeschlagen
und dem einen Driller den rechten Arm böse gequetscht, weil einer von
den Indianern wieder mal nicht aufgepaßt und rechtzeitig zugepackt hat.
Der Driller ist ein tüchtiger, erfahrener und verläßlicher Bursche, den
sie nicht gehen lassen wollen. Nun suchen sie einen guten Ersatzmann für
drei bis vier Wochen. So lange wird es wohl dauern, bis der Mann wieder
arbeiten kann. Aber sie sind jetzt gerade an einem heiklen Punkt. Sie
sind auf siebenhundert Fuß und sind auf Lehm, und wenn sie jetzt keinen
guten Driller bekommen, dann können sie vielleicht eine Knickung in der
Bohrung erleben. Na, und was das bedeutet, was das für Scherereien,
Zeitverlust und Kosten verursacht, das wissen Sie ja selbst, Sie haben
ja in den Fields gearbeitet. Das gibt allemal den Sack für die Driller
und Tooldresser, manchmal für das ganze Camp.“
„Weiß ich,“ erwiderte ich, „kann dem besten Mann passieren, wenn man
noch so sehr aufpaßt. Ein Stein, den der Satan gerade dort hingefeuert
hat, wo man ihn am allerwenigsten vermutet, kann zwanzigtausend Dollar
kosten.“
„Mag sein, davon verstehe ich nichts“, wandte Mr. Shine ein. „Nun ist
der Manager in Sorge, was er machen soll. Er hat schon eine Schicht
selber gearbeitet, aber auf die Dauer geht es nicht. Telegraphiert er
nun zur Kompagnie, dauert es immerhin drei bis vier Tage, bis er den
Mann hier hat. Und ob er einen Mann kriegt, wie er ihn braucht, weiß er
auch nicht. Denn ein tüchtiger Mann nimmt für drei Wochen nichts an,
weil er dadurch vielleicht eine andre Stellung, wo er sechs Monate in
Sicherheit hat, verpassen kann. Ich habe nun zu dem Manager gesagt:
Well, habe ich gesagt, Sie sind just der Mann, auf den ich gewartet
habe, Mr. Beales.“
„Aber ich weiß noch immer nicht, was ich eigentlich damit zu tun habe“,
sagte ich.
„Ja warten Sie doch ab, Gale, was kommt. In drei, höchstens vier Tagen
haben wir die Baumwolle drin. Was wollen Sie denn dann machen?“
„Das weißt ich jetzt noch nicht. Ich lasse den Tag erst einmal
herankommen. Ich kann ebensogut nach Norden wie nach Süden, ebenso
leicht nach Ost wie nach West gehen. Eigentlich habe ich vor, nach
Guatemala, Costa Rica und Panama ’runter zu tippeln. Vielleicht nach
Kolumbien. Da soll allerhand Öl ausgemacht worden sein.“
„Top!“ sagte Mr. Shine. „Das habe ich auch gedacht, daß es Ihnen ganz
egal ist; und nach Guatemala und allen den übrigen Landschaften kommen
Sie immer noch rechtzeitig genug. Da habe ich nun zu dem Manager gesagt:
Well, habe ich gesagt, auf Sie habe ich gerade gewartet. Ich habe da
einen Fellow, einen Picker, einen weißen Mann, weiß im Gesicht und weiß
unter dem Brustlatz ebensogut, einen Burschen, der Ihnen die
verteufeltste Bohrung aus dem elendesten Dreck herausholt. Man muß doch
ein wenig trumpfen, Gale, wenn man was erreichen will. Also, habe ich
gesagt, Mr. Beales, ich schicke Ihnen den Mann ’runter. Na, was sagen
Sie nun, Gale, Junge, hä? Das habe ich doch fein gemacht. Da gehen Sie
noch morgen früh ’runter zum Store. Der Storekeeper kennt den Weg zum
Camp und kann Ihnen Bescheid sagen. Um fünf Uhr nachmittags sind Sie
schon im Camp und können sich gleich zum Essen hinsetzen.“
Das mit dem Essen war allerdings verführerisch.
„Wenn Sie dann nicht mit der Arbeit zurechtkommen, ist der Verlust auch
nicht allzu groß. Einen Tag kriegen Sie auf alle Fälle ausbezahlt, und
außerdem haben Sie einen Tag wieder mal menschenwürdig gegessen“, setzte
Mr. Shine hinzu.
Zu überlegen gab es da eigentlich nichts. Hier war noch für drei oder
vier Tage Arbeit, harte und schlechtbezahlte Arbeit. Im Ölfeld mußte man
zwar auch zwölf Stunden arbeiten, weil nur zwei Schichten waren, aber
man arbeitete wenigstens unter dem Derrick, wo die Sonne nicht ganz so
unmittelbar auf einen losbrennen konnte. Dazu hatte man sterilisiertes
Eiswasser, soviel man nur trinken wollte. Vor allen Dingen aber hatte
man, wie schon Mr. Shine richtig gesagt hatte, ein menschenwürdiges
Essen, mit Teller, Messer, Gabel, Eßlöffel, Teelöffel, Tasse und Glas an
einem Tisch, der zwar von einem Zimmermann ziemlich roh gemacht war,
aber es war doch ein Tisch und eine richtige Bank. Man brauchte nicht
aus der Pfanne von der Erde zu essen und sich beim Essen von einer
wackligen Kiste, auf der man saß, herunterzubücken. Man brauchte nicht
mit demselben Löffel, den man aus den fettigen Bratkartoffeln zog, den
Kaffee umzurühren. Das Brot, das man aß, war weder zu Kohle verbrannt,
noch war es klebrig wie Kleister. Die schwarzen Bohnen, immer hart wie
Kieselsteine, hörten auf, ein wichtiger Bestandteil der Mahlzeiten zu
sein. Man schlief nicht ohne jede Unterlage auf einer Tafel Wellblech,
sondern man schlief in gut ventilierten Baracken, in sauberen
Feldbetten, auf weicher Matratze und gut geborgen unter einem
schleierdünnen Moskitonetz. Man hatte jeden Tag ein Brausebad und hatte
ein W.-C. Daß es solche Dinge auf Erden gibt, hatte ich ganz vergessen.
Romantik ist schön, sehr schön! – von ferne gesehen. Wenigstens in der
Entfernung, gerechnet von einem bequemen Sitz im Kino bis zur
Silberwand. Auf dieser Silberwand sind die Helden des Busches und des
Urwaldes der Traum der Mädchen, und sie erregen Ehescheidungsgedanken
bei Frauen; in Wahrheit bohren sie sich beim Essen in der Nase herum und
schmieren dies und das an ihren Sitz oder an die nächste erreichbare
Tischplatte. Und das kann man gerade noch erzählen. Würde man einiges
mehr erzählen, noch nicht einmal alles und noch nicht einmal das
Schlimmste, so würde sich der bunte Schmetterling in die widerwärtigste
Raupe rückverwandeln. Aber trotz alledem, Romantik ist auch im Ölfeld,
das auf den ersten Blick so trostlos prosaisch und so nüchtern aussieht
wie eine Kohlenzeche in Herne. Man muß die Romantik nur zu sehen und nur
zu finden wissen.
Bei meinem Abschied von den bisherigen Arbeitskollegen war mir nichts so
wichtig, als meine Eierrechnung bei Abraham auf den Cent genau zu
begleichen. Er wäre mir sonst in meinen Träumen erschienen und
nachgelaufen bis nach Paraguay, wenn ich ihm nur zehn Centavos schuldig
geblieben wäre. –
Als ich zum Öl-Camp kam und mit dem Manager sprach, machte er nicht im
geringsten ein erstauntes Gesicht, seinen neuen Driller so in Lumpen und
Fetzen zu sehen, wie kein Mensch in Europa, selbst nicht in Odessa
herumlaufen könnte. Daran ist man hier gewöhnt.
Die weißen Arbeiter, ebenfalls alle Gringos, waren froh, daß Dick, der
Driller, einen Ersatzmann hatte und das Camp also nicht zu verlassen
brauchte; denn er war ein beliebter und lustiger Bursche, der im Camp
war, seit der erste Pfeiler für das Derrick gestellt wurde. Sie fixten
mich auf, der eine brachte mir ein Hemd, der andre eine Hose, jener
Strümpfe, ein andrer Arbeitshandschuhe. Ja Handschuhe, denn ein
amerikanischer Arbeiter macht sich beim Arbeiten die Hände nicht
schmutziger, als unbedingt notwendig ist. Keiner von ihnen hatte
irgendein Handwerk gelernt, wie das in Europa üblich ist, aber jeder
konnte ein Auto fahren, Pannen beseitigen, Dampfmaschinen reparieren
oder Werkzeuge schmieden. Vielleicht nicht ganz so sauber und geschickt
wie ein englischer, deutscher oder französischer Arbeiter, aber was er
machte, war brauchbar, und darauf kam es ihm und denen, die ihn dafür
bezahlten, ja nur an.
Als ich meine Schicht beendigt hatte, sagte Mr. Beales zu mir: „Sie
können bleiben, Junge, vollen Drillerlohn.“ –
Dick war schneller hergestellt, als wir alle gedacht hatten, und so
mußte ich wieder gehen. Beim Abschied gab mir Dick zwanzig Dollar extra
aus seiner Tasche, für Reisegeld und daß ich mir einen guten Tag machen
sollte, wie er sagte.
Als ich dann beim Manager meinen Lohn ausbezahlt bekam, sagte er: „Hören
Sie mal, Gale, können Sie nicht hier irgendwo eine Woche oder so
herumhängen?“
„Ja,“ erwiderte ich, „das kann ich leicht. Ich gehe ’rauf zu Mr. Shine,
da kann ich gut für eine Weile hausen. Warum?“
„Auf einem unsrer Nachbarfelder da ist ein Bursche, der möchte auf
vierzehn Tage in Urlaub gehen, ’rauf in die States. Da können Sie für
die zwei Wochen als Ersatzmann eintreten. Anfang nächsten Monats.“
„Mache ich“, sagte ich. „Sie können ja im Store eine Mitteilung für mich
an Mr. Shine hinterlegen, wenn es soweit ist.“
„Gut, abgemacht!“ sagte Mr. Beales.
11
Ich wanderte also am nächsten Morgen wieder ’rauf zu Mr. Shine und
fragte ihn, ob ich in dem Unterstande, in dem ich seinerzeit gehaust
hätte, ein paar Tage wohnen dürfe.
„Natürlich, Mr. Gale,“ sagte der Farmer, „solange Sie wollen.“ Ich
erklärte ihm, warum, und fragte ihn dann nach den Leuten, mit denen ich
da gewohnt hatte.
„Ach,“ antwortete er, „der lange Nigger ist gleich den Tag nach Ihnen
gegangen, ich glaube ’rauf nach Florida. Das geht mich nichts an. Der
kleine Nigger, Abraham heißt er, scheint ein ganz geriebener Schlingel
zu sein.“
„Wieso?“ fragte ich.
„Er hat mir da Hühner verkauft, gute Leghühner, wie er mir versicherte.
Er hatte sie bei Indianern für einen Peso das Stück gekauft, wie ich
inzwischen erfahren habe. Mir hat er anderthalb Pesos dafür abverlangt.
Ich habe sie ihm auch bezahlt dafür, denn die Hühner waren gut genährt.
Aber mit den guten Leghühnern hat er mich ’reingelegt, der schwarze
Teufel. Mit dem Legen ist nicht viel los bei ihnen. Aber na, das Fleisch
ist es ja wert.“
„Und was ist mit dem Chinc und den beiden Mexikanern?“
„Die sind am Montag sehr früh hier vorbeigekommen. Ich habe sie vom
Fenster aus gehen sehen. Soviel ich weiß, sind sie nach Pozos gegangen.
Diese Station ist nicht ganz so weit wie die, von der Ihr gekommen seid.
Der Weg ist auch besser, weil wir jetzt diese Station selbst benutzen,
während wir in frühern Jahren immer zu der andern gingen. Aber Pozos
liegt bequemer für uns, früher hatten wir nur keinen Weg. Seitdem aber
die Ölleute gekommen sind, haben die einen Weg geschaffen. Ich empfehle
Ihnen, wenn Sie wieder zurückgehen, auch diesen Weg, da können Sie ab
und zu schon einmal ein Auto antreffen, wo Sie jumpen können. Nebenbei
bemerkt, warum wollen Sie denn in dem Unterstand hausen, Sie können doch
in dem Hause wohnen.“
Ich lachte. „Nein, Mr. Shine, das Haus kenne ich zur Genüge. Ich betrete
es nicht mit einer Zehenspitze. Das ist die reine Moskito-Hölle.“
„Na, wie Sie wollen. Ich habe mit meiner Familie fünfzehn Jahre drin
gewohnt. Wir sind von den Moskitos nicht merklich geplagt worden. Aber
Sie können schon recht haben. Wenn so ein Haus lange nicht bewohnt wird,
nicht genügend Luft ’reinkommt, sammelt sich schon allerlei von diesem
Zeug an. Ich bin übrigens seit einem Vierteljahr nicht oben gewesen,
weiß gar nicht, wie es da herum augenblicklich aussieht. Und
wahrscheinlich komme ich im ganzen nächsten Vierteljahr auch nicht
’rauf. Ich habe ja da oben nichts verloren. Ab und zu lasse ich mal die
Pferde und die Mulas ’rauftreiben, weil sie da herum genügend Gras
finden und ein Tränkepfuhl oben ist. Aber, wie gesagt, es ist mir
gleichgültig, wo Sie Ihre Wohnung aufmachen. Mich stören Sie nicht, und
Sonntags können Sie schon mal ’runterkommen und eine Tasse Kaffee mit
uns trinken und ein Stück Kuchen essen.“
Ich richtete mich oben in meinem Unterstande wieder ein. Mein Feuer
machte ich mir jetzt gleich vor dem Unterstand, weil dort in der Nähe
des Hauses, wo sonst unser gemeinschaftliches Feuer gewesen war, ja doch
keine Unterhaltung gepflogen werden konnte, denn es war ja niemand da.
Ich lebte nun in schönster Einsamkeit. Als einzige Gefährten hatte ich
nur Eidechsen, von denen zwei sich in drei Tagen so an mich gewöhnt
hatten, daß sie all ihre angeborene Scheuheit vergaßen und mir an und
auf meinen Füßen die Fliegen wegfingen, die dort nach Krümelchen von
meinen Mahlzeiten suchten.
Tagsüber kroch ich in dem nahen Busch herum oder beobachtete die Tiere
bei ihren Handlungen oder las in den Zeitschriften, die ich vom Camp
mitgebracht hatte.
In Wasser konnte ich schwelgen, so reichlich hatte ich es, weil es
inzwischen einige Male gut geregnet hatte und die Zisterne beim Hause zu
einem Drittel gefüllt war. Wir hatten ja derzeit die Auffänge in Ordnung
gebracht.
Ich konnte mich waschen und mir sogar den Luxus leisten, mich zweimal
des Tages zu waschen. Kaffee kochte ich in Riesenmengen, teils um mir
die Zeit zu vertreiben, teils um so viel Vorrat in mich hineinzutrinken,
daß ich gut wieder einmal einen Tramp von einigen Tagen durch
wasserlosen Busch aushalten konnte. Da ich im Store tüchtig hatte
einkaufen können, denn Geld hatte ich jetzt reichlich, so lebte ich
wirklich einen guten Tag. Sorgenfrei, weder durstig noch hungrig, ein
freier Mann im freien tropischen Busch, Siesta haltend nach Belieben,
und herumstreifend, wo und wann und solange ich wollte. Es ging mir gut.
Und dieses Gefühl lebte ich auch voll bewußt.
Die Zisterne, aus der ich mein Wasser holte, war dicht an dem alten
Hause. Und zu diesem Hause hatte ich jedesmal etwa zweihundertfünfzig
Schritte von meinem Unterstand aus zu gehen.
Das Wasser holte und schöpfte ich mit einer von jenen Konservenbüchsen,
die zwanzig Liter Inhalt haben. Mit Konserven in kleinen Büchsen gibt
man sich hier nicht viel ab, höchstens wenn es sich um schnell
verderbliche Ware handelt.
Das Haus, das man überall, nur nicht in Zentralamerika, eine ganz elende
Bretterbude nennen würde, kaum gut genug, um auf einem Bauplatz als
Lagerschuppen zu dienen, stand auf Pfählen. Die meisten Häuser hier,
besonders außerhalb der größeren Städte, werden auf Pfählen errichtet.
Stünden sie auf flacher Erde, wären sie vielleicht gar noch
unterkellert, so würden sie in der Regenzeit jeden Tag überflutet. Das
ist aber nicht der einzige Grund. Bei einem auf Pfählen ruhenden Haus
kann der Wind von allen Seiten unter dem Fußboden hin und her fegen und
so das Innere des Hauses kühl halten. Außerdem bekommt ein Haus, das in
dieser Art gebaut ist, nicht soviel unerwünschte Gäste, wie Schlangen,
Eidechsen, Skorpione, Spinnen, Grashopper, Grillen, Milliarden von
Ameisen und tausende andre unangenehme Überläufer aus dem nahen Busch.
Alle diese mehr oder weniger erfreulichen Bewohner des tropischen
Busches klettern natürlich auch an den Pfählen hoch, können aber doch
nicht in solchen Mengen und so leicht ins Haus gelangen, wie wenn das
Haus auf ebener Erde errichtet wäre.
Alle die Gründe, die den Menschen hier veranlassen, sein Haus in dieser
Form zu erbauen, sind die gleichen geblieben, die unsre Urvorväter
zwangen, sich eine Behausung in den Wipfeln der Bäume zu bauen.
Ein Holzhaus, so errichtet, erzittert und schwankt oft beim Sturm so,
daß man glauben könnte, es sei in der Tat auf einem Baume errichtet. Die
Indianer freilich haben ihre Hütten zu ebener Erde. So zu ebener Erde
war ja auch mein Unterstand, wo das Busch-Getier aus und ein ging, als
wäre es sein gutes Recht.
An jeder Seite des Hauses war eine Tür, um Licht und Wind
hineinzulassen. Beim Verlassen des Hauses hatten meine damaligen
Arbeitskollegen die Türen geschlossen, wie üblich mit einem drehbaren
Stückchen Holz. Damals war immer Leben im Hause und vor dem Hause,
Streit um das Feuer, Zank wegen einer Prise Salz, die jemand genommen
hatte, ohne den Besitzer zu fragen, lange und fruchtlose Diskussionen
darüber, wer das Holz heute zu holen habe. An diese lebhaften Bilder
zurückdenkend, erschien jetzt das Haus geisterhaft einsam und still.
Jedesmal, wenn ich Wasser holte, quälte es mich, doch mal einen Blick
hineinzuwerfen, ob jemand etwas zurückgelassen habe. Aber dann wieder
gefiel mir diese gespensterhafte Stille, die über dem Hause lagerte. Sie
fügte sich zu der Einsamkeit der Umgebung nicht weniger als zu der
Einsamkeit und Abgeschiedenheit, in der ich augenblicklich lebte. So
unterdrückte ich jedesmal, wenn ich an das Haus kam, den Wunsch, eine
Tür aufzumachen und hineinzulugen. Ich wußte genau, die Hütte war leer,
vollkommen leer, niemand hatte etwas, sei es auch nur der Fetzen eines
alten Hemdes, zurückgelassen, denn bei uns hatte alles seinen Wert. Die
Ungewißheit, die mysteriöse Stimmung, die um das Haus lagerte, wollte
ich mir nicht zerstören. So, wie es wirkte, mochte ich träumen, daß
vielleicht der Geist eines der alten aztekischen Priester, der wegen der
Dutzende von Menschen, die er auf dem Altar seines Gottes geschlachtet
und ihnen das Herz aus dem lebendigen Leibe gerissen hatte, um es seinem
unersättlichen Gotte vor die goldenen Füße zu werfen, nun keine Ruhe
finden konnte und deshalb aus dem Busch in das gefeite Haus eines
Christen geflüchtet sei, um wenigstens ein paar Wochen von seinem
rastlosen Herumirren auszuruhen.
12
Eines Tages, als ich wieder Wasser holte, sah ich eine schwarzblaue
Spinne mit glänzend grünem Kopf, die an der Wand des Hauses nach Beute
jagte. Sie lief blitzschnell ein paar Zoll weit, saß still, lauerte eine
Weile und lief dann wieder ein ganz kurzes Streckchen, um wieder zu
lauern. So überholte sie einen Meter eines Brettes im Zickzackkurs, kein
Fleckchen auslassend, dabei oft, nicht immer, einen ganz feinen Faden
zurücklassend, um Insekten, die an dem Brette hinaufklettern würden,
nicht gerade festzuhalten und zu verstricken, sondern deren Lauf nur zu
verlangsamen, damit die Spinne, wenn sie inzwischen das Nachbarbrett
abgesucht hatte und hier wieder zurückkam, ihre Beute mit einem
mächtigen Satz anspringen konnte. Diese Spinne nimmt ihre Beute nur im
Sprunge, wobei sie das Insekt von hinten anspringt und sofort im Nacken
packt, so daß dieses Insekt von seinen Waffen, seien es nun ein Stachel
oder Zangen oder Scheren, gar keinen Gebrauch machen kann.
Diese Spinne nun, die zu beobachten ich Tage und Wochen in den häufigen
Perioden von Arbeitslosigkeit verwandt hatte, war es, die sofort wieder
meine Aufmerksamkeit fesselte. Ich wollte ihr Gesichtsfeld prüfen und
lernen, wie sie sich verhält, wenn sie selbst angegriffen und verfolgt
wird. Ich stellte meine Konservenbüchse mit Wasser auf den Boden und
vergaß, daß ich mir doch meinen Reis kochen wollte.
Ich bewegte meine Hand in ziemlicher Entfernung über der Spinne hin und
her, und sofort reagierte sie darauf. Sie wurde unruhig, ihre
Zickzackläufe wurden unregelmäßig, und sie suchte diesem großen Etwas,
das ein Vogel sein mochte, zu entwischen. Aber die glatte Wand bot
keinen Schlupfwinkel. Sie wartete eine Weile, duckte sich ganz langsam
und behutsam und machte plötzlich, ganz unerwartet, einen Sprung in
halber Armeslänge auf eines der benachbarten Bretter, natürlich an
senkrechter Wand. Und so sicher war der Sprung, als wäre er auf ebener
Erde vollführt. Dieses Brett nun hatte eine Leiste, die gespalten war
und sich auch ein wenig verzogen hatte, so daß sie einen Unterschlupf
bieten konnte.
Jedoch ich ließ der Spinne keine Zeit, sich den besten Platz
auszusuchen. Ich nahm einen dünnen Zweig auf, der gerade zu meinen Füßen
lag, und berührte damit die Spinne leicht, sie so zwingend, einen andern
Weg zu wählen. Sie lief nun in rasender Schnelligkeit davon, aber wohin
sie auch fliehen mochte, immer fand sie den angreifenden Zweig, entweder
ihren Kopf berührend oder ihren Rücken. So lief sie kreuz und quer,
immer verfolgt von dem Zweig, der ihr keine Gelegenheit ließ, zu einem
Sprunge anzusetzen. Plötzlich aber, als ich sie gerade im Rücken
berührte, machte sie blitzschnell kehrt, und in rasender Wut und mit
unvergleichlicher Tapferkeit griff sie den sie belästigenden Zweig an,
der gegenüber ihren bescheidenen Ausmaßen, etwa vier Zentimeter, für sie
gigantische Formen und übernatürliche Kräfte haben mußte. Und immer,
wenn ich den Zweig zurückzog, so daß sie glauben mußte, sie habe den
Feind abgeschlagen oder wenigstens eingeschüchtert, lief sie auf die
schützende Leiste zu. Schließlich besiegte sie mich doch und fand dort
Unterschlupf, aber nicht genügend, um sich ganz zu verbergen, denn sie
konnte sich nur zur Hälfte darin verkriechen.
Nun schlug ich mit der flachen Hand an die Wand. Die Spinne kam sofort
wieder hervor, lief eilends weiter nach oben, wo sie eine günstigere
Höhle fand, in der sie sofort verschwand, ohne daß man noch viel von ihr
sehen konnte.
Um sie nun auch dort wieder hinauszujagen und zu sehen, was sie zu guter
Letzt tun würde, schlug ich mit voller Gewalt mit der flachen Hand so
fest gegen die Wand, daß das ganze Haus erzitterte.
Die Spinne kam nicht hervor. Ich wartete einige Sekunden. Und als ich
gerade zum zweiten Male kräftig gegen die Wand schlagen will, fällt
innerhalb des Hauses etwas um.
Was konnte das sein? Ich kannte das Innere des Hauses. Es war nichts,
absolut gar nichts darin, was mit so einem merkwürdigen Geräusch
umfallen konnte. Eine Stange, ein Stück Holz, das einzige, was es
vielleicht hätte sein können, war es nicht, nach dem Geräusch zu
urteilen. Es war schon eher wie ein mit Mais gefüllter Sack. Aber wenn
ich mir das Geräusch vergegenwärtigte, so war etwas sonderbar Hartes
dabei. Es konnte also kein Sack mit Mais sein.
Es wäre nun doch so einfach gewesen, sofort die paar Sprossen der Leiter
hinaufzuklettern, die Tür aufzustoßen und hineinzusehen. Aber irgendein
unerklärbares Empfinden hielt mich davon ab. Es war wie Furcht, als
könnte ich drinnen etwas unsagbar Grauenhaftes sehen.
Ich nahm das Wasser auf und ging zu meinem Unterstand. Ich redete mir
ein, daß es nicht Furcht vor dem Anblick von etwas ganz Gräßlichem sei,
was mich veranlaßte, das Haus nicht zu betreten, sondern ich sagte mir:
Du hast ja in dem Hause durchaus nichts zu suchen, du hast überhaupt gar
kein Recht, es zu betreten, und vor allen Dingen, es geht dich ja gar
nichts an, was da drin ist. So entschuldigte ich mein Gebaren.
Als ich dann aber beim Feuer saß und darüber immer wieder nachdachte,
was für ein Gegenstand das Geräusch verursacht haben könnte, kam mir
plötzlich ein seltsamer Gedanke: In dem Hause hat sich jemand erhängt,
und zwar schon vor einiger Zeit; die Schnur ist morsch geworden oder der
Hals durchgefault, und nun beim Schlagen an die Wand ist der Körper
erschüttert worden, die Schnur gerissen und der Leichnam umgefallen. So
ähnlich war auch das Geräusch, als ob ein menschlicher Körper umfiele
und der Kopf auf den Boden schlüge.
Aber diese Idee war ja lächerlich. Sie schien zu zeigen, wohin die
Phantasie einen führt, wenn man sich nicht von der Tatsache überzeugt.
So verwandelt sich ein Baumstamm in der Dunkelheit in einen Räuber, der
auf der Lauer steht. In den Tropen erhängt sich so leicht niemand, ich
wenigstens habe nie davon gehört. Hier sind die Tage nicht trübe genug
dazu. Und wenn es wirklich einer täte, so würde er in den Busch gehen,
wo man drei Tage später bestenfalls nur noch an der Schnalle seines
Gürtels erkennen würde, daß es sich um einen Mann handelt.
Sooft ich auch noch Wasser holte, ich ging nicht in das Haus und vermied
es sogar, irgendeine Spalte zu suchen und durchzulugen. Das Unbestimmte,
das Geheimnisvolle sagte mir mehr zu als eine vielleicht sehr prosaische
Gewißheit.
Jedoch abends, wenn ich am Feuer saß oder wenn ich nachts wach lag,
beschäftigten sich meine Gedanken mit nichts anderm als mit der Frage,
was in dem Hause wohl sein könne.
Am Freitag ging ich zu Mr. Shine und fragte ihn, ob er irgendwelchen
Bescheid vom Manager habe. Aber Mr. Shine war die ganze Woche nicht im
Store unten gewesen und würde auch die nächste Woche nicht hinunter
kommen. Weil nun Montag der letzte Termin war, der für den
Urlaubsantritt jenes Drillers, für den ich Ersatzmann sein sollte, in
Betracht kam, so beschloß ich, Samstag früh, reisefertig mit meinem
Bündel, selbst zum Store zu gehen und nachzufragen. War Bescheid da,
dann konnte ich Sonntag mittag, also rechtzeitig genug, im Camp sein.
War kein Bescheid da, so wußte ich, daß der Driller entweder nicht in
Urlaub ging oder daß er die Sache anders zu regeln gedachte. In diesem
Falle würde ich gleich zur Station gehen und meinen Plan, nach Guatemala
zu wandern, ohne weiteres durchführen.
Samstag früh holte ich mir Wasser für den Kaffee. Als ich mit dem Wasser
an dem Hause schon ein Stück vorüber war, dachte ich, nun will ich aber
doch noch zu guter Letzt nachsehen, was da drin los ist, denn wenn ich
das nicht tu, so kann es sein, daß mich der Gedanke an das Haus die
nächsten fünf bis sechs Monate nicht los läßt. Es konnte ja die bekannte
Gelegenheit sein, die, einmal verpaßt, nie im Leben wiederkehrt.
Ich kletterte die paar Sprossen der Leiter hinauf, stieß die Tür, die
hier nur eingeklemmt war, auf und ging in den Raum, den einzigen Raum,
den das Haus hatte.
An der Wand zur Rechten sah ich etwas liegen, ein großes Bündel. Ich
konnte aber nicht sofort erkennen, was es sein mochte, denn die Sonne
war noch vor dem Aufgehen.
Ich trat näher hinzu: Es war ein Mann. Tot!
Es war Gonzalo.
Gonzalo war getötet worden.
Ermordet!
Sein zerfetztes Hemd war schwarz von Blut. Ein Ball Baumwolle, den er
zerknüllt in der rechten Hand hielt, war gleichfalls vollgesogen von
Blut.
Er hatte einen Stich in der Lunge und noch einige Stiche auf der Brust,
an der rechten Schulter und am linken Oberarm.
Der Körper war nicht verwest, sondern vertrocknet.
Er hatte auf dem Boden gesessen, gegen die Wand gelehnt, und als ich
gegen die Wand geschlagen hatte, war der Körper auf die Seite gefallen,
und der Kopf war auf den Erdboden geschlagen.
Ich suchte seine Taschen durch. Er hatte fünf Pesos und 85 Centavos
darin. Er hätte haben müssen: wenigstens fünfundzwanzig bis dreißig
Pesos.
Also des Geldes wegen.
Dann hatte er noch ein kleines Leinensäckchen mit Tabak neben sich
liegen, auch einige geschnittene Maisblätter lagen verstreut herum.
Während er sich eine Zigarette drehen wollte, war er überfallen worden,
an derselben Stelle, wo er sich jetzt befand.
Der Chinc und Antonio waren die letzten, die das Haus verlassen hatten.
Der Chinc war nicht der Mörder. Wegen zwanzig Pesos jemand auch nur zu
berühren, dazu war er viel zu klug. Diese zwanzig Pesos waren zu teuer
für ihn.
Also Antonio.
Das hätte ich von ihm nie gedacht.
Ich steckte Gonzalo das Geld wieder in die Tasche, ließ ihn jedoch
liegen wie er lag.
Dann klemmte ich die Tür wieder ein, wie ich sie gefunden hatte, und
verließ das Haus.
Kaffee kochte ich nun nicht mehr, sondern ich machte mich sofort auf den
Weg.
Ich ging zu Mr. Shine und sagte ihm, daß ich nun selber zum Camp gehen
wolle und, falls nichts los sei, gleich weiter marschieren werde.
„Haben Sie sich da oben in Ihrem luftigen Wohnhause nicht einsam
gefühlt, Mr. Gale?“ fragte er.
„Nein,“ sagte ich, „ich habe immer so viel zu sehen und so viel zu
beobachten, daß der Tag herum ist, ehe ich es merke.“
„Ich dachte, Sie würden vielleicht doch in das Haus übersiedeln, weil es
eben ein Haus ist.“
„Daran war nicht zu denken. Ich sagte Ihnen ja schon, als ich zurückkam,
daß es darin vor Moskitos nicht auszuhalten sei.“
„Um die Jahreswende wollen meine beiden Neffen auf Besuch kommen und
hier ein wenig herumstreifen und jagen. Die stecke ich dann da hinein,
da können sie hausen nach Belieben. Die werden die Moskitos schon
ausräuchern. Na, dann also ‚Viel Glück!‘ Mr. Gale, für Ihre Zukunft.“
Wir schüttelten uns die Hände, und ich ging.
Warum hätte ich denn etwas sagen sollen? Daß ich der Mörder sein könnte,
diesen Gedanken würde niemand haben; denn ich war ja vor allen den
übrigen Leuten fortgegangen und hatte die ganze Zeit im Camp gearbeitet.
Und hätte ich etwas von meinem Fund gesagt, so hätte das eine Unmenge
Fragen verursacht, Hin- und Herlaufen und wer weiß was noch. Dabei wäre
ich gar nicht mehr zur rechten Zeit zum Camp gekommen.
13
Nachdem der Driller von seinem Urlaub zurückgekehrt war, wurde ich
ausbezahlt und fuhr mit einem Lastwagen, der Öl zu holen hatte, zur
Station, von der ich nach Dolores Hidalgo reiste. Von dort aus fuhr ich
ohne viel Aufenthalt glatt durch bis zur nächsten größeren Stadt, so daß
ich schon in wenigen Tagen in Guatemala sein konnte, vorausgesetzt, daß
ich meinen Plan nicht wieder einmal änderte.
In der Stadt wollte ich erst einmal herumhören, was im Süden los sei,
was hinter den Gerüchten von den neuen Ölfeldern und den
Arbeitsmöglichkeiten überhaupt zu suchen sei, und ob ich nicht besser
vielleicht einen windigen Segelkasten ergattern und auf Argentinien los
gehen sollte. Aber von dort kamen mir auch wieder zu viele herauf, die
wahre Schauergeschichten von der furchtbaren Epidemie Arbeitslosigkeit
berichteten. Achtzigtausend lagen in Buenos Aires auf der Straße und
suchten eine Gelegenheit, fortzukommen. Aber schlimmer als in Mexiko
konnte es ja dort auf keinen Fall sein.
Ich setzte mich auf eine Bank im Park. Ich ließ mir die Stiefel putzen,
trank ein Glas Eiswasser, und als ich mich von diesen Beschäftigungen
gerade so recht ungestört, zufrieden mit mir und der Welt, ausruhen
will, sehe ich, daß auf der Bank, der meinen gegenüber, ein Bekannter
sitzt.
Es ist Antonio.
Ich gehe ’rüber zu ihm und sage: „Hallo, Antonio, guten Tag, was machen
Sie denn hier?“
Wir gaben uns die Hand. Er war sehr erfreut, mich zu sehen. Ich setzte
mich neben ihn und sagte ihm, daß ich auf der Suche nach Arbeit sei.
„Das ist gut“, sagte er. „Ich arbeite seit zwei Wochen in einer
Bäckerei, Brot- und Kuchenbäckerei. Da können Sie gleich heute anfangen
als Bäcker. Wir suchen gerade einen Gehilfen. Sie haben doch schon als
Bäcker gearbeitet, nicht wahr?“
„Nein,“ erwiderte ich, „ich habe zwar schon in hundert verschiedenen
Berufen gearbeitet, sogar schon als Kameltreiber – und das ist eine
gottverfluchte Beschäftigung –, aber bis zu einem Bäcker habe ich es
noch nicht gebracht.“
„Das ist ausgezeichnet, dann können Sie anfangen,“ sagte Antonio darauf.
„Wenn Sie nämlich Bäcker wirklich wären oder etwas vom Backen
verstünden, dann wäre nichts zu machen. Der Inhaber ist ein Franzose, er
hat keine Ahnung vom Backen; wenn Sie ihm erzählen, in ein Brot gehöre
Pfeffer hinein, das glaubt er Ihnen. Der wird Sie natürlich fragen, ob
Sie Bäcker seien. Da müssen Sie ganz dreist sagen, das sei Ihr Beruf,
seitdem Sie nicht mehr in die Schule gingen. Der Meister ist ein Däne,
ein entlaufener Schiffskoch. Er versteht auch nichts vom Backen. Seine
größte Sorge ist nun, daß ein richtiger Bäcker dort anfangen könnte,
einer, der das Backen wirklich versteht. Dann wäre es natürlich mit der
Meisterherrlichkeit des Dänen gleich aus, denn ein richtiger Bäcker
würde doch nach zehn Minuten sehen, was los ist. Wenn Sie nun der
Meister fragt, müssen Sie gerade das Gegenteil sagen von dem, was Sie zu
dem Inhaber sagen. Zum Meister müssen Sie sagen, es sei das erstemal in
Ihrem Leben, daß Sie in einer Backstube stehen. Dann nimmt er Sie sofort
an, und Sie sind sein Freund.“
„Das kann ich ja gut machen. Als Bäcker wollte ich schon immer mal
arbeiten,“ sagte ich, „man kann dann, wenn man mal in der Verlegenheit
ist, die Bäcker alle so schön mitnehmen und stoßen. Dann hört die Sorge
um das tägliche Brot auf, und man hält es leichter aus. Also, wird
gemacht. Was ist denn der Lohn?“
„Ein Peso und fünfundzwanzig Centavos.“
„Nackt?“
„Ach wo, mit Essen und Schlafen. Seife haben wir auch frei. Sie kommen
weiter damit als beim Baumwollpflücken, das kann ich Ihnen ganz gewiß
sagen.“
„Wie ist denn das Essen? Gut?“
„Ach, es ist nicht gerade schlecht, es ist –“
„Weiß schon Bescheid.“
„Aber man wird immer satt.“
„Kenne die Magenkneter zur Genüge.“
Antonio lachte und nickte. Er drehte sich eine Zigarette, bot mir Tabak
und Maisblatt an und sagte nach einer Weile: „Unter uns gesagt, das mit
dem Essen ist auszuhalten. Hier wird in den Bäckereien und Konditoreien
mit Eiern und Zucker gewirtschaftet, daß es eine wahre Freude ist. Na
und sehen Sie, da kommt es auf so ein Dutzend Eier auf den Mann nicht
an. Da sind rasch drei Eier in die Tasse geschlagen, mit Zucker
verrührt, und da hilft man der Kost nach. Das macht man in der Nacht und
am Vormittag so vier- oder fünfmal, dann können Sie schon gut
zurechtkommen.“
„Wie lange arbeitet ihr denn?“
„Das ist verschieden, manchmal fangen wir schon um zehn Uhr abends an
und arbeiten dann durch bis eins, zwei oder drei Uhr nachmittags.
Manchmal wird es auch fünf.“
„Das wären dann also fünfzehn bis neunzehn Stunden täglich?“
„So ungefähr. Aber nicht immer, manchmal, besonders Dienstags und
Donnerstags, fangen wir auch erst um zwölf an.“
„Verlockend ist es ja nun gerade nicht“, sagte ich.
„Aber man kann ja so lange dort arbeiten, bis man etwas Besseres
findet.“
„Natürlich! Wenn der Tag sechsunddreißig Stunden hätte, würde man ja
auch Zeit finden, sich nach andrer Arbeit umsehen zu können. Aber so!
Immerhin, ich werde anfangen.“
Der Gedanke, daß ich von nun an mit einem Raubmörder Tag und Nacht
zusammenarbeiten, mit ihm aus derselben Schüssel essen, mit ihm
vielleicht gar im selben Bett schlafen sollte, der Gedanke kam mir gar
nicht. Entweder war ich moralisch schon so tief gesunken, daß ich für
solche Feinheiten der Zivilisation das Empfinden verloren hatte, oder
aber ich war so weit über meine Zeit hinausgewachsen und über die
herrschende Sitte erhaben, daß ich jede menschliche Handlung verstand,
daß ich mir weder das Recht anmaßte, jemand zu verurteilen, noch mir die
billige Sentimentalität einflößte, jemand zu bemitleiden. Denn Mitleid
ist auch eine Verurteilung, wenn auch eine uneingestandene, wenn auch
eine unbewußte. Und vielleicht ein Gefühl des Schauderns vor Antonio,
Abscheu, seine Hand zu schütteln? Es laufen so viele Raubmörder herum,
wirkliche und moralische, mit Brillanten an den Fingern und einer dicken
Perle in der Halsbinde oder goldenen Sternen auf den Achseln, denen
jeder Ehrenmann die Hand drückt und sich dabei noch geehrt fühlt. Jede
Klasse hat ihre Raubmörder. Die der meinen werden gehenkt; diejenigen,
die nicht meiner Klasse angehören, werden bei Mr. Präsident zum Ball
eingeladen und dürfen auf die Sittenlosigkeit und Roheit, die in meiner
Klasse herrscht, schimpfen.
Zu solchen Gedanken verwildert man und sinkt man hinab in den Morast und
zwischen den Abschaum der Menschheit, wenn man um Brotrinden kämpfen
muß.
Aber aus diesem Strudel törichter und verrückter Gedanken, die mir das
Blut zu Kopfe jagten, riß mich plötzlich Antonio mit der Frage:
„Wissen Sie, Gale, wer noch hier in der Stadt ist?“
„Nein! Wie kann ich das auch wissen, ich bin ja gestern abend erst
angekommen.“
„Sam Woe, der Chinese.“
„Was tut denn der hier? Hat der hier auch Arbeit gefunden?“
„Aber nein! Er hat uns doch damals schon immer erzählt von seiner
Speisewirtschaft, die er aufmachen wollte.“
„Und hat er eine aufgemacht?“
„Natürlich! Das können Sie sich doch denken. Was sich so ein Chinc
einmal vornimmt, das tut er auch. Er hat das Geschäft mit einem
Landsmann in Kompanie.“
„Ja, lieber Antonio, wir haben halt nicht die geschäftliche Ader, die zu
solchen Dingen notwendig ist. Ich glaube sicher, wenn ich ein solches
Geschäft gründete, würden sofort alle Leute ohne Magen geboren, nur
damit ich ja nicht etwa auf einen grünen Zweig komme.“
„Das kann schon möglich sein“, lachte Antonio. „Geht mir gerade ebenso.
Ich habe schon einen Zigarettenstand gehabt, schon einen
Zuckerwarentisch, habe schon Eiswasser herumgeschleppt und wer weiß was
nicht sonst noch alles versucht. Mir hat selten jemand etwas abgekauft.
Ich habe immer elendiglich Pleite gemacht.“
„Ich glaube, die Ursache ist eben,“ erwiderte ich, „wir können die Leute
nicht genügend anschwindeln. Und schwindeln muß man können, wenn man
Geschäfte machen will. Aber gründlich.“
„Wir könnten eigentlich mal hingehen zu Sam. Der wird sich auch freuen,
Sie zu sehen. Ich esse ab und zu ganz gern mal draußen irgendwo. Zur
Abwechslung, sehen Sie. Jeden Tag denselben langweiligen Fraß, das wird
einem auch über.“
14
Wir machten uns also auf den Weg in das Gelbe Viertel, wo die Chinesen
alle wohnten, wo sie ihre Geschäfte und ihre Restaurants haben. Nur
wenige hatten ihre Läden in andern Stadtvierteln. Sie hocken am liebsten
immer zusammen.
Sam war wirklich hoch erfreut, mich zu sehen. Er drückte mir immer
wieder die Hand, lachte und schwatzte drauflos, lud uns zum Niedersetzen
ein, und wir bestellten unser Essen.
Die chinesischen Speisewirtschaften sind alle über einen Kamm geschoren.
Einfache viereckige Holztische, manchmal nur drei, an jedem Tisch drei
oder vier Stühle. Wegen der Menge der Speisen, die man erhält, können
bestenfalls drei sehr verträgliche Gäste gleichzeitig an einem Tisch
sitzen. Was in der Küche vor sich geht, kann man in den meisten Fällen
von seinem Tische aus mit ansehen.
Die Art und die Menge der Speisen ist in allen chinesischen
Speisewirtschaften der Stadt die gleiche. So schließen die Chinesen
unter sich jede unreelle Konkurrenz aus.
Sam hatte fünf Tische. Auf jedem Tische stand eine braunrote, tönerne,
weitbauchige Wasserflasche, von der Art und Form, wie sie schon bei den
Azteken im Gebrauch war. Dann eine Flasche mit Öl und eine mit Essig.
Ferner eine Büchse mit Salz, eine mit Pfeffer, eine große Schale mit
Zucker und ein Glas mit Chile. Chile ist eine dicke aufgekochte Suppe
von roten und grünen Pfefferschoten. Ein halber Teelöffel in die Suppe
getan, genügt, um einen normalen Europäer zu veranlassen, die Suppe als
total verpfeffert und durchaus ungenießbar zu erklären, weil sie ihm
Zunge und Gaumen verbrennen würde.
Sam bediente die Gäste, während sein Geschäftsteilhaber mit Hilfe eines
indianischen Mädchens die Küche besorgte.
Zuerst bekamen wir einen großen Klumpen Eis in einem Glase, das wir mit
Wasser füllten. Kein Wirt hier berechnet den Wert seines Geschäftes nach
dem Bierverbrauch, man erhält Bier nur auf ausdrückliches Verlangen; und
kein Wirt verdirbt einem den Genuß beim Essen durch sein ewiges
Lamentieren, daß er am Essen nichts verdienen könne. Dann bekamen wir
ein großes Brötchen, es folgte die Suppe. Es ist immer Nudelsuppe.
Antonio schüttete sich einen Eßlöffel voll Chile in die Suppe, ich zwei,
zwei gehäufte. Ich habe ja bereits erwähnt, daß ein halber Teelöffel die
Suppe für einen normalen Europäer ungenießbar macht. Aber man wird auch
bereits bemerkt haben, daß ich weder normal bin, noch daß ich mich zu
den Europäern zähle. Die Europäer haben mir das abgewöhnt, nicht die
Indianer in der Sierra de Madre. Während wir noch in der Suppe
herumfischten, kamen ein Beefsteak, geröstete Kartoffeln, ein Teller mit
Reis, ein Teller mit butterweichen Bohnen und eine Schüssel mit Gulasch.
Das gibt es hier nicht, daß man sich nach jedem Gang die Galle anärgern
muß, weil der Kellner sich eine halbe Stunde lang erst überlegt, ob er
einem nun den folgenden Gang eigentlich bringen soll oder nicht. Hier
werden alle Gänge gleichzeitig auf den Tisch gestellt.
Nun ging das Tauschen vor sich. Antonio tauschte seine Bohnen ein gegen
Tomatensalat, den man sich selbst am Tische zubereitet, und ich tauschte
meinen Gulasch ein gegen ein Omelett.
Antonio schüttete seinen Reis gleich in die Suppe; hätte er seine Bohnen
behalten, würde er sie auch noch dazugeschüttet haben. Aber Bohnen
schien es genug in der Bäckerei zu geben, dagegen wohl seltener
Tomatensalat.
Ich schüttete mir eine Lage schwarzen Pfeffer auf das Beefsteak und eine
Lage auf die gerösteten Kartoffeln. Dann würzte ich den Reis mit zwei
Eßlöffel Chile und die Bohnen mit vier Eßlöffel Zucker.
Darauf kam für jeden ein Stück Torte. Antonio bestellte Eistee mit
Zitrone, ich Café con leche, wofür man auch ebensogut sagen kann: Kaffee
mit Milch. Kaffee trinkt man mit einem Drittel des Tasseninhaltes Zucker
darin. Diese Sitte halte ich für sehr gut und für sehr vernünftig.
Beim Bezahlen an der Kasse bekommt man dann noch einige Zahnstocher.
Deshalb sieht man auch nie, daß ein Mexikaner mit der Gabel in den
Zähnen herumfuhrwerkt, wie ich das in Lyons Cornerhouse am Trafalgar
Square und an andern Plätzen, leider auch in Mitteleuropa, häufig zu
beobachten Gelegenheit hatte. Daß man mit dem Messer recht gut essen
kann, ohne sich gleich die Lippen oder die Mundwinkel aufzuschlitzen,
wie so oft von ungeschickten und furchtsamen Leuten behauptet wird, weiß
ich aus eigner Erfahrung. Etwas unbequem sind die starken
Seemannsmesser, wie ich eines habe, weil die am Ende spitz sind und
nicht breit, deshalb kriegt man die Tunke nicht so gut aus der Pfanne,
und man muß mit dem Finger nachhelfen. Ob man hier den Fisch mit dem
Messer ißt oder mit dem Eßlöffelstiel, weiß ich nicht. Sooft ich
Mexikaner habe Fisch essen sehen, an den offenen Garküchen, auf den
Märkten und an andern Orten, aßen sie ihn immer mit dem Zeigefinger und
dem Daumen. Das heißt, sie aßen ihn natürlich, wie jeder erwachsene und
vernünftige Mensch es tut, mit dem Munde, aber ich meine, sie packen
ihre Beute mit den Fingern. Die Verkäufer haben auch meist gar kein
Messer, das sie dem Gast geben könnten, sondern eben auch nur die
natürlichen Werkzeuge, die sie nicht erst zu kaufen brauchen.
In diesen Gedankengängen bewegte sich unser Tischgespräch, weil wir, der
besseren Verdauung wegen, während des Essens nichts Gedankenschweres in
unserm Hirn herumwälzen wollten, und weil man beim Essen nur vom Essen
sprechen soll.
Ich führe dieses Gespräch hier auch nur an, um zu zeigen, daß wir keine
ungebildeten Leute oder, was viel schlimmer ist, etwa gar revolutionäre
Arbeiter waren. Denn das kann man so sehr leicht werden, wenn man sich
gehen läßt und nachgibt, besonders wenn man augenblicklich keine andre
Zukunftsmöglichkeit vor Augen sieht als eine fünfzehn- bis
siebzehnstündige Arbeitszeit für einen Peso fünfundzwanzig.
Für diese Mahlzeit zahlten wir jeder fünfzig Centavos, alles
einbegriffen. Es war der übliche Preis in einer chinesischen
Speisewirtschaft. Antonio goß sich noch ein Glas Wasser ein, spülte sich
gründlich Mund und Zähne und spuckte das Wasser auf den Fußboden.
Saubern Mund und saubre Zähne zu haben, ist dem Mexikaner wichtiger als
ein trockner Fußboden. Die nimmermüde tropische Sonne trocknet ja den
Fußboden, ehe sich der nächste Gast an unsern Tisch setzt.
15
Nun segelten wir zuerst einmal zu der Bäckerei. Ich ging in den Laden
und fragte den Verkäufer nach dem Prinzipal.
„Sind Sie Bäcker?“ fragte der Inhaber.
„Jawohl, Brot- und Kuchenbäcker“, sagte ich.
„Wo haben Sie denn zuletzt gearbeitet?“
„In Monterrey.“
„Gut, dann können Sie heute abend anfangen. Freie Kost, Wohnung, Wäsche
und einen Peso fünfundzwanzig für den Tag.“
„Halt!“ sagte er plötzlich. „Sind Sie sicher auf Torten, auf Torten mit
Gußornamenten?“
„Ich habe in meiner letzten Stellung in Monterrey nur Torten mit
Gußornamenten gebacken.“
„Das ist fein! Da will ich aber doch erst mal mit meinem Meister
sprechen, was der dazu sagt. Ein sehr tüchtiger Meister, von dem können
Sie viel lernen.“
Er ging mit mir in die Kammer, wo der Meister sich gerade die Stiefel
anzog, um auszugehen.
„Hier ist ein Bäcker aus Monterrey, der Arbeit sucht. Hören Sie mal, ob
Sie ihn brauchen können.“
Der Inhaber ging wieder in sein Zimmer und ließ uns beide allein.
Der Meister, ein kleiner dicker Bursche mit Sommersprossen, zog sich
ruhig erst die Stiefel an, dann setzte er sich auf den Bettrand und
zündete sich eine Zigarre an.
Nachdem er ein paar Züge getan hatte, betrachtete er mich mißtrauisch
von oben bis unten und sagte endlich:
„Sie sind Bäcker?“
„Nein, ich habe keine blasse Ahnung vom Backen.“
„So!?“ sagte er darauf, immer noch mißtrauisch. „Verstehen Sie was von
Torten?“
„Gegessen habe ich schon welche,“ sagte ich, „aber wie sie gemacht
werden, davon habe ich keinen Begriff. Ich wollte das gerade lernen.“
„Hier haben Sie eine Zigarre. Sie können anfangen, heute abend um zehn
Uhr. Aber pünktlich! Wollen Sie was essen?“
„Nein, danke! Nicht jetzt.“
„Gut, ich werde mit dem Alten sprechen. Ich will Ihnen nun Ihr Bett
zeigen.“
Sein Mißtrauen war geschwunden, und er war sehr freundlich.
„Ich werde einen tüchtigen Bäcker und Konditor aus Ihnen machen, wenn
Sie gut aufpassen und willig sind.“
„Dafür würde ich Ihnen sehr dankbar sein, Senjor. Bäcker und Konditor
wollte ich schon immer werden.“
„Wenn Sie nun wollen, können Sie schlafen gehen oder sich die Stadt
ansehen. Ganz, wie Sie wollen.“
„Gut!“ sagte ich, „dann will ich in die Stadt gehen.“
„Also um zehn Uhr, nicht wahr?“
Ich traf, wie verabredet, Antonio im Park auf der Bank.
„Na?“ begrüßte er mich.
„Ich fange heute abend an.“
„Das ist gut“, sagte er. „Vielleicht gehe ich später mit Ihnen ’runter
nach Kolumbien.“
Ich setzte mich zu ihm.
Weil ich nicht recht wußte, was ich mit ihm reden sollte, und um ein
Gesprächsthema zu haben, dachte ich, jetzt ist der gegebene Zeitpunkt,
nach Gonzalo zu fragen. Es war mir eigentlich nicht so sehr darum zu
tun, nur zu schwätzen, als vielmehr zu beobachten, wie er sich benehmen
würde, wie sich ein Mensch beträgt, der einen Raubmord auf dem Gewissen
hat und den man damit überrascht, daß man ihm sagt, man wisse es.
Eine Gefahr war freilich damit verknüpft. War Antonio in Wahrheit ein
echter Mörder, dann würde er bei erster Gelegenheit mich auf die Seite
schaffen als Mitwisser. Aber darauf wollte ich es ankommen lassen. Diese
Gefahr kitzelte mich erst recht, auf den Busch zu klopfen. Ich war ja
vorbereitet und konnte mich meiner Haut wehren. Mit ihm allein durch den
Busch, vielleicht gar nach Kolumbien zu trampen, würde ich dann schon
wohlweislich vermeiden.
„Wissen Sie, Antonio,“ sagte ich plötzlich aus heiler Haut heraus, „daß
Sie von der Polizei gesucht werden?“
„Ich?“ erwiderte er ganz erstaunt. – „Ja, Sie!“
„Weswegen denn? Ich weiß nicht, daß ich etwas verbrochen habe.“
Es klang sehr aufrichtig; mir schien, zu aufrichtig, um echt zu sein.
„Wegen Mordes! Wegen Raubmordes!“ setzte ich hinzu.
„Sie sind wohl verrückt, Gale. Ich wegen Raubmordes? Da sind Sie aber
böse im Irrtum. Vielleicht eine Namensähnlichkeit.“
„Wissen Sie, daß Gonzalo tot ist?“
„Was?“ Er schrie es beinahe.
„Ja“, sagte ich ruhig, ihn im Auge behaltend. „Gonzalo ist tot. Ermordet
und beraubt.“
„Der arme Kerl! Er war ein guter Bursche“, sagte Antonio bedauernd.
„Ja,“ bestätigte ich, „er war ein braver Kerl! Und es ist schade um ihn.
Wo haben Sie ihn denn zuletzt gesehen, Antonio?“
„In dem Hause, wo wir alle wohnten.“
„Mr. Shine erzählte mir, daß ihr drei, Sie, Gonzalo und Sam, zusammen am
Montag morgen fortgegangen seid.“
„Wenn Mr. Shine das sagt, dann irrt er. Gonzalo ist zurückgeblieben. Wir
zwei nur, Sam und ich, sind zur Station gegangen.“
„Das verstehe ich nicht“, sagte ich nun. „Mr. Shine hat am Fenster oder
in der Tür gestanden, ich weiß nicht wo, und hat euch drei bestimmt
gesehen.“
Da lachte Antonio leicht auf und sagte: „Mr. Shine hat recht und ich
habe auch recht. Aber der dritte, der bei uns war, war nicht Gonzalo,
sondern einer dort aus der Gegend, einer von den Eingeborenen, der die
Hühner von Abraham kaufen wollte, weil er dachte, er könne sie billig
haben. Abraham war aber schon zwei Tage fort und hatte die Hühner
bereits verkauft, ich glaube an Mr. Shine.“
„In dem Hause, wo Sie Gonzalo zuletzt gesehen haben,“ sagte ich nun
langsam, „habe ich ihn auch gefunden, ermordet und beraubt. Das heißt,
es ist ihm nicht alles geraubt worden, fünf Pesos und etwas darüber hat
ihm der Mörder gelassen.“
„Ich möchte ernst bleiben bei der tragischen Geschichte,“ sagte Antonio,
leicht vor sich hingrinsend, „aber da muß ich doch lachen. Das übrige
Geld von Gonzalo habe ich.“
„Na also!“ rief ich. „Davon rede ich ja die ganze Zeit.“
„Davon reden Sie allerdings, Gale“, erwiderte Antonio. „Aber das Geld
habe ich ihm doch abgewonnen. Sam weiß das gut, der war doch dabei. Sam
hat selber fünf Pesos dabei verloren. Er hat sich ja mit in die Wette
hineingedrängt.“
Das wurde jetzt eine merkwürdige Geschichte.
„Sam, ich und der Indianer, wir sind zusammen vom Hause fortgegangen.
Gonzalo wollte zurückbleiben und sich gut ausschlafen. Ich bin mit Sam
bis Celaya gefahren. Sam ist dann weitergefahren, und ich bin teils
gelaufen, teils habe ich ein paar Strecken mit den Zügen blind gemacht.“
Was Antonio sagte, klang wahr. Außerdem hatte er Sam als Zeugen. Und daß
Antonio diese weite Strecke von Celaya zurückgereist sein sollte, um
Gonzalo zu ermorden, war ganz und gar unwahrscheinlich. Sein Geld hatte
er ihm ja abgewonnen, ehrlich, Sam war Zeuge. Irgendeinen Wertgegenstand
besaß Gonzalo nicht. Wir kannten jeder den ganzen Tascheninhalt des
andern; und auf dem Leibe konnte auch niemand etwas verbergen, wir
liefen ja immer dreiviertel nackt herum. Da war nichts Verdächtiges
übrig, Antonio war unschuldig.
„Na, lieber Antonio,“ sagte ich, „da bitte ich Sie herzlich um
Verzeihung, weil ich geglaubt habe, Sie könnten am Morde oder Tode des
Gonzalo schuldig sein.“
„Macht nichts, Gale,“ antwortete er gemütlich, „nehme ich Ihnen nicht
übel; aber ich hätte doch gedacht, Sie würden nicht gleich das Böseste
von mir denken. Ich habe doch nie jemand irgendeine Ursache hierfür
gegeben.“
„Das ist wahr. Das haben Sie nicht“, sagte ich darauf. „Aber sehen Sie,
die Umstände waren so merkwürdig auf Sie gerichtet. Sie und Sam waren
die letzten mit Gonzalo im Hause. Gonzalo hat, wenn er, wie Sie sagen,
nicht mit Ihnen gegangen ist, das Haus nicht mehr verlassen. Er ist
darin ermordet worden. Mr. Shine sagte mir, daß, seit Sie fortgegangen
seien, niemand sonst dort herum war. Es gibt ja nichts zu stehlen da,
und ein Weg, der jemand zufällig dahin bringen könnte, führt auch nicht
vorbei. Ich bin noch mal oben gewesen, weil ich dort auf Bescheid von
einem Öl-Camp warten mußte. Rein aus Neugierde geriet ich in das Haus
und fand Gonzalo tot. Er hatte mehrere Wunden von Messerstichen, die
gefährlichste war ein Lungenstich in der linken Brust, an dem Stich ist
er offenbar verblutet.“
Als ich das von den Wunden so langsam erzählte, ging in Antonio eine
erschütternde Veränderung vor sich. Er wurde leichenblaß, starrte mich
mit entsetzten Augen an, bewegte die Lippen und schluckte und schluckte,
konnte aber kein Wort hervorbringen. Mit der linken Hand arbeitete er an
seinem Gesicht und an seinem Halse, als ob er sich das Fleisch
herunterreißen wollte, während er mit der rechten Hand wie im Traum nach
meiner Schulter und nach meiner Brust tastete, als ob er sich
vergewissern müsse, ob da jemand sitze oder ob das nur eine
Wahnvorstellung sei.
Ich wußte nicht, was ich aus all dem machen sollte. Ich konnte mir jetzt
überhaupt nichts mehr erklären. In Antonio zeigte sich plötzlich das
ganze Schuldbewußtsein eines Menschen, dem seine Tat mit allen ihren
Folgen klar zu werden beginnt. Und eben noch hatte er gelacht, als ich
ihn des Mordes an Gonzalo verdächtigte. Wie sollte ich mir ein solches
Verhalten zurechtlegen, um darüber nicht selbst meine Gedanken zu
verschlingern und mir vielleicht gar noch einzuträumen, daß ich selbst
Gonzalo erschlagen habe!
16
Die Lampen im Park flammten auf.
Die Nacht war blitzschnell über uns hereingebrochen in der kurzen
Zeitspanne, wo der Kampf in Antonio begann. Denn es war im hellen
Tageslicht gewesen, daß ich sein Gesicht offen und unbefangen zuletzt
gesehen hatte. Und nun deckte die Nacht das in seinem Gesicht zu, was
für mich der nackte, der natürliche, der wahre, der unverschleierte
Mensch Antonio war. Das, was für mich ein unvergeßliches Ereignis hatte
werden sollen, die Züge und Gesten eines Menschen zu studieren, den die
finstersten Mächte überfallen haben, den sie schütteln und rütteln und
dem sie jedes Härchen und jede Pore an seinem Körper in Aufruhr
versetzen, wurde mir nun zerstört durch die grellen Lampen, die in das
Gesicht Antonios Schatten und Linien hineinlogen, die in Wahrheit nicht
darinnen waren.
Wahrheit allein war sein heißes Atmen, und Wahrheit allein waren seine
tastenden und krallenden Finger. Alles andre wurde Rampenlicht. Auf der
Nebenbank saß ein indianischer Arbeiter, zerlumpt wie zehntausende
unsrer Klasse, weil der Lohn kaum für das Essen reicht, häufig nichts
übrigbleibt für eine Dreißig-Centavos-Pritsche in einem der vielen
Schlafhäuser, wo sich morgens fünfzig oder achtzig oder hundert
Schlafgenossen aller Rassen und aller Völker der Erde, behaftet mit
vielleicht ebenso vielen oder mehr Krankheiten, die von den Ärzten
gekannt und nicht gekannt oder nicht einmal erahnt sind, alle in
demselben Wascheimer waschen, alle an demselben Handtuch abtrocknen,
alle mit demselben Kamm kämmen.
Der indianische Prolet war auf der Bank eingeschlafen. Seine Glieder
entspannten sich, und der ganze ermüdete und abgearbeitete Körper sank
zu einem Häuflein Lumpen mehr und mehr zusammen.
Da schlich sich ein indianischer Polizist heran. Er umkreiste die Bank
wie ein Raubvogel seine Beute, die er aus seiner Höhe auf dem Erdboden
kriechen sieht. Dann, als er wieder an der Rückseite der Bank war, zog
er seine Lederpeitsche durch die Hand und hieb, mit bestialischer
Brutalität und mit einem tückischen Grinsen auf dem Gesicht, dem
Arbeiter die Peitsche über den Rücken. Ein furchtbarer Hieb. Mit einem
unterdrückten ächzenden Schrei fiel der Oberkörper des Indianers kurz
nach vorn über, als hätte man ihm den Rücken mit einem Schwert
durchschnitten. Dann aber schnellte der Körper rasch nach hinten, und
sich mit einem Gestöhn windend, griff er langsam mit der Hand nach dem
gemarterten Rücken. Der Polizist trat jetzt nach vorn und grinste den
Arbeiter mit einer teuflischen Grimasse an. Dem Gepeinigten liefen vor
Schmerzen dicke Tränen über das Gesicht. Aber er sagte nichts. Er stand
nicht auf. Er blieb ruhig auf der Bank sitzen. Denn das war sein Recht.
Sitzen durfte er auf der Bank, er mochte noch so zerlumpt sein, es
mochten noch so viele elegante Caballeros und Senjoras herumirren, um
die Kühle des Abends auf einer der bequemen Bänke zu genießen und dem
Konzert zuzuhören, das bald beginnen würde. Der Indianer wußte, er war
der Bewohner und der Bürger eines freien Landes, wo der Millionär nicht
mehr Recht hat, auf dieser Bank zu sitzen, und wäre es vierundzwanzig
Stunden lang, als der arme Indianer. Aber schlafen durfte er nicht auf
der Bank. So weit ging die Freiheit nicht, obgleich die Bank auf dem
„Platze der Freiheit“ stand. Es war die Freiheit, wo derjenige, der die
Autorität besitzt, den peitschen darf, der die Autorität nicht hat. Der
uralte Gegensatz zweier Welten. Uralt wie die Geschichte von der
Herauspeitschung aus dem Paradiese. Der uralte Gegensatz zwischen der
Polizei und den Mühseligen und Beladenen und Hungernden und
Schlafbedürftigen. Der Indianer war im Unrecht, das wußte er wohl,
deshalb sagte er nichts, sondern stöhnte nur. Satan oder Gabriel –
dieser hier hielt sich für das zweite – war im Recht.
Nein! Er war nicht im Recht! Nein! Nein! Mir stieg das Blut zu Kopfe. In
allen Ländern der hohen Zivilisation, in England, in Deutschland, in
Amerika und erst recht in den andern Ländern, ist es die Polizei, die
peitscht, und ist es der Arbeiter, der gepeitscht wird. Und da wundert
sich dann der, der zufrieden an der Futterkrippe sitzt, wenn plötzlich
an der Krippe gerüttelt wird, wenn die Krippe plötzlich umgeschleudert
wird und alles in Scherben geht. Aber ich wundere mich nicht. Eine
Schußwunde vernarbt. Ein Peitschenhieb vernarbt nie. Er frißt sich immer
tiefer in das Fleisch, trifft das Herz und endlich das Hirn und löst den
Schrei aus, der die Erde erbeben läßt. Den Schrei: „Rache!“ Warum ist
Rußland in den Händen der Bolsches? Weil dort vor dieser Zeit am meisten
gepeitscht wurde. Die Peitsche der Polizisten ebnet den Weg für die
Heranstürmenden, deren Schritte Welten erdröhnen und Systeme explodieren
macht.
Wehe den Zufriedenen, wenn die Gepeitschten „Rache“ schreien! Wehe den
Satten, wenn die Peitschenstriemen das Herz der Hungernden zerfressen
und das Hirn der Geduldigen auseinanderreißen! Man zwang mich, Rebell zu
sein und Revolutionär. Revolutionär aus Liebe zur Gerechtigkeit, aus
Hilfsbereitschaft für die Beladenen und Zerlumpten. Ungerechtigkeit und
Unbarmherzigkeit sehen zu müssen, macht ebenso viele Revolutionäre wie
Unzufriedenheit oder Hunger.
Ich sprang auf und ging zu der Bank, wo immer noch der Polizist stand,
die Peitsche durch die Hand ziehend, sie ab und zu durch die Luft
pfeifen lassend und mit funkelnden Augen auf sein sich windendes Opfer
grinsend. Er nahm keine Notiz von mir, weil er glaubte, ich wolle mich
auf die Bank setzen.
Ich ging aber dicht auf ihn zu und sagte: „Führen Sie mich sofort zur
Wache. Ich werde Sie zur Meldung bringen. Sie wissen, daß Ihre
Instruktion Ihnen nur das Recht gibt, sich der Peitsche zu bedienen,
falls Sie angegriffen werden oder bei Straßenaufläufen nach wiederholtem
Aufruf. Das wissen Sie doch?“
„Aber der Hund hat hier auf der Bank geschlafen“, verteidigte sich der
kleine braune Teufel, der kaum höher war als fünf Fuß.
„Dann durften Sie ihn wecken und ihm sagen, daß er hier zu dieser Zeit
nicht schlafen dürfe, und wenn er wieder einschlafen sollte, durften Sie
ihn von der Bank verweisen, aber auf keinen Fall durften Sie ihn
schlagen. Also kommen Sie mit zur Wache. Von morgen ab werden Sie keine
Möglichkeit mehr haben, jemand zu peitschen.“
Der Bursche sah mich eine Weile an, sah, daß ich ein Weißer war, und
sah, daß ich es im Ernst sagte. Er hing die Peitsche an den Haken in
seinem Gürtel, und mit einem schnellen Satz war er verschwunden, als
habe ihn die Erde verschluckt.
Der Indianer stand auf und ging langsam seiner Wege.
Ich schlenderte zurück zu Antonio.
Mörder hin, Mörder her! dachte ich. Es ist ja alles egal. Alles ist
Busch. Überall ist Busch. Friß! oder du wirst gefressen! Die Fliege von
der Spinne, die Spinne vom Vogel, der Vogel von der Schlange, die
Schlange vom Coyote, der Coyote von der Tarantel, die Tarantel vom
Vogel, der Vogel von –. Immer im Kreise herum. Bis eine Erdkatastrophe
kommt oder eine Revolution und der Kreis von neuem beginnt, nur anders
herum.
Antonio, du hast ganz recht gehabt! Du bist im Recht! Der Lebende hat
immer recht! Du bist im Recht! Der Tote ist schuld. Hättest du nicht
Gonzalo ermordet, hätte er dich ermordet. Vielleicht. Nein sicher. Es
ist der Kreis im Busch. Man lernt es so schnell im Busch. Das Beispiel
ist zu häufig, und die ganze Zivilisation ist ja nichts andres als die
natürliche Folge seiner bewundernswerten Nachahmungsfähigkeit.
17
„Nein!“ sagte Antonio, ruhiger geworden, „es war ganz bestimmt nicht
meine Absicht, Gonzalo zu töten. Es hätte mich genau so gut treffen
können. Glauben Sie mir doch, oh, amigo, mio! Ich bin nicht schuld an
seinem Tode.“
„Ich weiß, Antonio. Es konnte auch Sie treffen. Es kann Sie heute abend
noch treffen. Es ist der Busch, der uns alle am Kragen hat und mit uns
macht, was er will.“
„Ja!“ sagte er, „Sie haben recht, Gale, es ist der Busch. Hier in der
Stadt wären wir auf so eine verrückte Idee gar nicht verfallen. Aber da
singt der Busch die ganze Nacht, da schreit ein Fasan seinen
Todesschrei, wenn er gepackt wird, da heult der Cougar auf seinem
Mordwege. Alles ist Blut, alles ist Kampf. Im Busch sind es die Zähne,
bei uns sind es die Messer. Aber es war doch nur Scherz, nur der reine
Spaß. Wirklich nur Spaß. Nichts weiter.
Ob es nun die Würfel sind, oder die Karten, oder das Rädchen, oder die
Messer! Wir hatten nach siebenwöchiger Arbeit keiner soviel Geld übrig,
wie wir brauchten, um aus dieser verlassenen Gegend fortzukommen und was
andres aufzusuchen.
Wir hatten ziemlich gleich viel Geld. Gonzalo hatte etwas über zwanzig
Pesos, ich hatte fünfundzwanzig.
Es war am Sonntag abend. Montag früh wollten wir gehen.
Abraham war schon ein paar Tage fort, auch Charley war gegangen, Sie
waren auch nicht mehr da. Wir waren nur noch drei, Gonzalo, Sam und ich.
Wir zählten unser Geld auf dem Erdboden. Wir hatten jeder Goldstücke,
das kleine in Silber.
Und als das Geld nun da vor uns auf dem Erdboden lag, kaum zu sehen bei
dem Schein unsres Feuers, da fing Gonzalo an zu fluchen.
Er sagte: „Was tu ich mit den paar lausigen Kröten? Da hat man nun
sieben Wochen geschuftet wie ein verrückter Negersklave, in der Glut,
von früh um vier bis Sonnenuntergang, dann heim. Und dann abgerackert,
daß man kaum noch einen Knochen rühren kann, noch den elenden Fraß zu
kochen und ’runterzuwürgen. Keinen Sonntag gehabt, kein Vergnügen, keine
Musik, keinen Tanz, kein Mädchen, keinen Schnaps und den schlechtesten
Tabak. Was soll ich mit dem Lausedreck da anfangen?“
Dabei schob er mit dem Fuß das Geld fort.
„Mein Hemd ist in Fetzen,“ schimpfte er weiter, „meine Hose ein Lumpen,
meine Stiefel, guck’ sie dir an, Antonio, keine Sohle, kein Oberleder,
kein Nischt, sogar die Riemen sind zwanzigmal geknotet. Und nischt
bleibt übrig, und geschuftet wie ein Pferd. Ja, wären es wenigstens
vierzig Pesos!“
Als er das sagte, heiterte sich sein Gesicht auf.
„Mit vierzig Pesos“, sagte er, „käme ich zurecht. Könnte nach Mexico
Capitale fahren, mir neue Lumpen kaufen, damit man auch anständig
aussieht, wenn man zu einem Mädchen ‚Buenos tardes!‘ sagen will. Und man
hat noch ein paar Pesos übrig, um es ein paar Tage auszuhalten.“
„Du hast recht, Gonzalo,“ sagte ich nun, „vierzig Pesos sind es auch
gerade, die ich haben müßte, um wenigstens das Notdürftigste zu kaufen.“
„Weißt du was?“ sagte darauf Gonzalo, „laß uns um das Geld spielen.
Keiner von uns kann mit den paar Dreckgroschen etwas Rechtes anfangen.
Wenn du mein Geld noch dazu bekommst oder ich das deine, dann kann doch
einer von uns wenigstens etwas werden, denn so, wie es jetzt ist, ist
jeder ein Bettler. Diese paar Groschen versäuft man doch gleich auf den
ersten Sitz aus lauter Wut, daß man umsonst geschuftet hat.“
„Die Idee von Gonzalo war nicht schlecht“, erzählte Antonio weiter. „Ich
hätte mein Geld auch gleich versoffen. Wenn man mit dem gottverfluchten
Tequila erst einmal anfängt, hört man nicht eher auf, bis der letzte
Centavos verwichst ist. Das geht dann durch, besoffen, nüchtern,
besoffen, nüchtern, besoffen immerfort, bis alles hin ist. Und was man
nicht selber durch die Gurgel rasselt, das helfen dann die Mitsäufer
davon, und der Wirt beschwindelt einen ums Dreifache, und der schäbige
Rest wird einem aus der Tasche gestohlen. Das kennen Sie doch, Gale?“
Und ob ich das kannte! Ob ich den Tequila kannte, der einem die Kehle so
zerreißt, daß man sich nach jedem Glase schütteln muß und schnell ein
paar eingemachte Bohnen, die einem der kluge Wirt mit einem spitzen
Hölzchen zum Aufspießen hinstellt, hinterher schlucken muß, um den
Petroleumgeschmack los zu werden. Aber man trinkt in einem fort wie
besessen, als ob man behext wäre oder als ob dieser Rachenzerreißer ein
Zaubertrank wäre, den man aus irgendeinem mysteriösen Grunde durch die
Kehle jagen muß, ohne ihn mit der Zunge zu betasten. Und wenn man dann
endlich glaubt, genug zu haben, hat man weder Hirn noch Körper, noch
Blut. Man hört auf, zu existieren. Das Daseinsbewußtsein erlischt
vollständig. Alles ist fortgewischt. Sorgen, Leid, Ärger, Zorn.
Übrigbleibt nur das absolute Nichts. Welt und ich sind verweht. Nicht
einmal Nebel bleibt.
Antonio brütete eine Weile vor sich hin wie in der Erinnerung suchend.
Dann fuhr er in seiner Erzählung fort: „Wir hatten keine Karten und
keine Würfel. Wir zogen Hölzchen. Aber der gesetzte Peso ging immer hin
und zurück. Es wurden nie mehr als fünf Pesos, die überwechselten. Dann
spielten wir Kopf und Wappen. Merkwürdig, es wurden nie mehr als ein
paar Pesos, die aus der einen Tasche zur andern gingen. Sam spielte auch
mit, und auch sein Geld wechselte nicht von Haus zu Haus.
Es war nun schon ziemlich spät in der Nacht geworden. Vielleicht zehn
oder elf Uhr.
Da wurde Gonzalo wütend und fluchte wie ein Wilder, jetzt habe er genug
von diesem Kinderspiel, jetzt wolle er endlich wissen, woran er morgen
früh sei.
„Ja, weißt du denn einen andern Vorschlag?“ sagte ich zu ihm.
„Nein!“ erwiderte er, „das ist es ja gerade, was mich so wütend macht.
Wir albern hier herum wie die kleinen Kinder, ohne zu einem Ende zu
kommen. Immer hin und her. Es ist zum Verrücktwerden!“
Dann, als er eine Weile beim Feuer gehockt hatte, in die Glut starrend,
sich eine Zigarette nach der andern drehend, die er, kaum angeraucht,
ins Feuer warf, sagte er, plötzlich aufspringend: „Jetzt weiß ich, was
wir tun. Wir machen ein Azteken-Duell um die ganze Summe.“
„Ein Azteken-Duell?“ fragte ich. „Was ist denn das?“
Gonzalo war aztekischer Abstammung. Er war aus Huehuetoca, und seine
Vorfahren waren einst Caciques gewesen. Das ist so etwas wie Heerführer
und Statthalter. Die Erinnerung an solche Adelsfamilien wird auf dem
Lande durch Tradition festgehalten, so gut festgehalten, daß sehr selten
ein Irrtum unterläuft.
„Ja, weißt du denn das nicht, was das ist, ein Azteken-Duell?“ sagte
Gonzalo erstaunt.
„Nein,“ gab ich zur Antwort, „wie sollte ich denn? Wir sind doch
spanischer Abkunft, wenn wir auch schon mehr als hundert Jahre hier
sind, Vaters und Mutters Seite. Aber von einem Azteken-Duell habe ich
nie gehört.“
„Aber das ist ganz einfach“, sagte Gonzalo. „Wir nehmen zwei junge,
gerade gewachsene Bäumchen, binden oben unsre Messer fest daran und
werfen sie dann gegenseitig aufeinander los, bis der eine aus Ermattung
nachgeben muß. Einer von beiden muß ja zuerst ermüden. Und wer
stehenbleibt, hat gewonnen, der kriegt dann das ganze Geld. Dann kommen
wir doch wenigstens zu einem Ende.“
Ich überlegte mir das eine Weile, denn es schien mir eine ganz verrückte
Idee zu sein.
„Du hast doch nicht Angst, Spanier?“ lachte Gonzalo.
Und weil in seinen Worten so ein merkwürdiger Ton von Verhöhnung lag,
brauste ich auf:
„Angst vor dir? Vor einem Indianer? Ein Spanier hat nie Angst! Das will
ich dir gleich beweisen. Los zum Azteken-Duell!“
18
Wir nahmen ein flammendes Holzscheit vom Feuer und krochen im Busch
herum, bis wir zwei passende Stämmchen gefunden hatten.
Sam wurde beauftragt, genügend Holz heranzuschleppen, damit wir ein
tüchtiges Feuer bekämen, um beim Kampfe auch Ziellicht zu haben. Wir
befreiten die Stämmchen von den Ästen und banden oben unsre
aufgeklappten spitzen Taschenmesser fest an.
„Selbstverständlich lassen wir nicht die ganze Messerklinge überstehen“,
sagte Gonzalo. „Denn wir wollen uns ja nicht ermorden. Es ist ja nur um
das Spiel. Das Messer braucht nicht weiter überstehen, als ein
Fingerglied. So, das ist gut!“ fügte er hinzu, meinen Speer betrachtend.
„Jetzt binden wir unten noch ein Stück Holz an, um dem Speer ein
richtiges Schaftgewicht zu geben, damit er nicht flattert.“
Dann umwickelten wir unsern linken Arm mit Gras und einem Sack, um ein
Abwehrschild zu haben. „Denn,“ erklärte Gonzalo, „der Schild ist
wichtig. Das ist ja eben gerade das Vergnügen, aufzufangen und
abzuwehren.“
Als wir mit allem fertig waren, sagte Sam: „Ja, und ich? soll ich
vielleicht nur zugucken? Ich will auch mitspielen.“
Der Chinc hatte recht. Für seine Mühewaltung als Verwahrer der
Spielsumme und als Zeuge mußte er seinen Lohn haben. Sie wissen ja,
Gale, was für Spielratten die Chincs sind. Die würden die Frachtkosten
für ihren Leichnam verspielen, wenn ihnen das nicht gegen alle Moral
ginge.
„Ho!“ sagte Gonzalo zu Sam, „du kannst ja auf einen von uns wetten.“
„Fein!“ erwiderte Sam, „dann wette ich auf dich, Gonzalo. Fünf Pesos.
Wenn du gewinnst, bekomme ich von dir fünf Pesos, und wenn du verlierst,
kliegst du von mir fünf Pesos. Du hast ja kein Intelesse zu verlielen,
weil du dann deine zwanzig Pesos los würdest.“
Wir deponierten jeder unsre zwanzig Pesos, die Sam vor sich auf einen
Stein legte, und dann tat er selbst seine fünf Pesos Wetteinsatz hinzu.
Sam schritt fünfundzwanzig Schritte ab, und wir legten jeder ein langes
Stück Holz an die Marken, die keiner der Kämpfer überschreiten durfte,
wenn er nicht sofort fünf Pesos an den andern verlieren wollte. Dann
warfen wir die Speere aufeinander los. Zum Rückwerfen benutzte jeder den
Speer des andern.
Bei dem flackernden, ab und zu qualmenden Feuer konnte ich Gonzalo nur
in Umrissen sehen, und den Speer, wenn er auf einen zugeflogen kam,
konnte man beinahe gar nicht sehen, denn rundherum war ja stockdunkle
Nacht.
Gleich beim zweiten Gang bekam ich einen Stich in die rechte Schulter.
Sie können hier die Wunde noch sehen, Gale.“
Dabei zog er sein Hemd von der Schulter, und ich sah den Stich, noch
unvernarbt.
„Nach und nach kamen wir in Bewegung oder eigentlich in Aufregung. Ich
bekam nach einigen weiteren Gängen noch einen Stich, der mir durch die
Hose ins Bein ging.
Aber ich konnte ganz gut aushalten.
Wie lange wir warfen, weiß ich nicht. Aber weil keiner nachgeben wollte,
wurde das Tempo immer rascher.
Es kam so mittlerweile ein gutes Stück Wildheit in die Sache, und
jemand, der uns jetzt beobachtet hätte, würde niemals geglaubt haben,
daß es nur ein Spiel sei.
Vielleicht warfen wir eine Viertelstunde, vielleicht eine halbe. Ich
weiß es nicht. Ich wußte auch nicht, ob ich Gonzalo überhaupt schon
einmal ernsthaft getroffen hatte oder nicht. Aber ich fing dann doch an,
müde zu werden. Der Speer wurde mir bald so schwer, als ob er zwanzig
Kilo wiege, und das Werfen wurde langsamer bei mir. Ich konnte mich bald
kaum noch bücken, um den Speer aufzuheben, und einmal wäre ich beim
Niederbücken beinahe zusammengesunken. Aber ich hatte doch das Gefühl,
ich darf nicht niedersinken, sonst kann ich bestimmt nicht mehr
aufstehen.
Gonzalo konnte ich nicht mehr sehen. Ich konnte überhaupt nichts mehr
sehen. Ich warf den Speer immer nur in der Richtung, in der ich ihn
bisher geworfen hatte und wo Gonzalo stehen mußte. Es wurde mir ganz
gleichgültig, ob ich ihn traf oder nicht. Ich wollte nur nicht zuerst
aufhören. Und weil von drüben immer wieder der Speer kam, warf ich ihn
eben immer wieder zurück.
Plötzlich, als das Feuer einmal hell aufflammte, sah ich, daß Gonzalo
sich umdrehte, um den Speer zu suchen, der offenbar weit an ihm
vorbeigeflogen war. Er ging ein paar Schritte zurück, fand den Speer,
hob ihn auf und, als er sich mir zuwandte, um ihn zu werfen, sank er auf
einmal so heftig in die Knie, als habe ihn jemand mit großer Wucht
niedergeschlagen.
Ich warf meinen Speer, den ich in der Hand hatte, nicht, weil ich froh
war, ihn zu stellen und mich darauf zu stützen, sonst wäre ich
umgefallen.
Wenn Gonzalo jetzt aufgestanden wäre und geworfen hätte, ich hätte
meinen Arm nicht mehr heben können, um zu erwidern.
Aber Gonzalo blieb in die Knie gesunken.
Sam lief hin zu ihm und rief dann:
„Jetzt habe ich meine fünf Pesos verloren. Antonio, Sie haben gewonnen.
Gonzalo gibt auf.“
Ich schleppte mich zu einer Kiste am Feuer, hatte aber nicht mehr die
Kraft, mich drauf zu setzen. Ich sank neben der Kiste auf den Boden. Sam
führte Gonzalo schleifend zum Feuer und gab ihm Wasser, daß er gierig
hinuntergoß.
Ich sah jetzt, daß seine nackte Brust blutig war.
Aber ich hatte für nichts mehr Interesse. Mir fiel der Kopf schläfrig
auf die Brust, und als ich gleichgültig die Augen aufschlug, bemerkte
ich, daß mein Hemd und meine Brust ebenso voll Blut waren, wie die
Gonzalos. Aber ich legte keinen Wert darauf. Es war mir alles egal.
Sam brachte mir die vierzig Pesos und schob sie mir in die Hosentasche.
Ich hatte das Empfinden, als ob das alles irgendwo in ganz weiter Ferne
geschähe. Wie durch einen Schleier sah ich, daß Sam dem Gonzalo die fünf
Pesos ebenfalls in die Tasche steckte.
So hockten wir wohl eine halbe oder eine ganze Stunde. Das Feuer wurde
kleiner und kleiner.