ERSTES BUCH.
DIE BAUMWOLLPFLÜCKER
GESANG
DER BAUMWOLLPFLÜCKER
IN MEXIKO
Es trägt der König meine Gabe,
Der Millionär, der Präsident;
Doch ich, der lump’ge Pflücker, habe
In meiner Tasche keinen Cent.
Trab, trab, aufs Feld!
Gleich geht die Sonne auf.
Häng um den Sack,
Zieh fest den Gurt!
Hörst du die Wage kreischen?
Nur schwarze Bohnen sind mein Essen,
Statt Fleisch ist roter Pfeffer drin;
Mein Hemde hat der Busch gefressen,
Seitdem ich Baumwollpflücker bin.
Trab, trab, aufs Feld!
Gleich geht die Sonne auf.
Häng um den Sack,
Zieh fest den Gurt!
Hörst du die Wage brüllen?
Die Baumwoll’ stehet hoch im Preise,
Ich habe keinen ganzen Schuh;
Die Hose hängt mir fetzenweise
Am Ursch, und ist auch vorn nicht zu.
Trab, trab, aufs Feld!
Gleich geht die Sonne auf.
Häng um den Sack,
Zieh fest den Gurt!
Hörst du die Wage wimmern?
Und einen Hut hab ich, ’nen alten,
Kein Hälmchen Stroh ist heil daran;
Doch diesen Hut muß ich behalten,
Weil ich ja sonst nicht pflücken kann.
Trab, trab, aufs Feld!
Gleich geht die Sonne auf.
Häng um den Sack,
Zieh fest den Gurt!
Siehst du die Wage zittern?
Ich bin verlaust, ein Vagabund,
Und das ist gut, das muß so sein;
Denn wär ich nicht so ’n armer Hund,
Käm keine Baumwoll’ ’rein.
Im Schritt, im Schritt!
Es geht die Sonne auf.
Füll in den Sack
Die Ernte dein!
Die Wage schlag in Scherben!
1
Ich stand auf der Station und sah mich um, wen von den wenigen
Eingeborenen, die dort herumlungerten oder auf dem nackten Erdboden
hockten, ich hätte nach dem Wege fragen können.
Da kam ein Mann auf mich zu, den ich schon im Zuge gesehen hatte. Braun
verbrannt im Gesicht und am Körper. Vierzehn Tage nicht rasiert. Einen
alten, breitrandigen Strohhut auf dem Kopfe. Einen roten Baumwollfetzen,
der offenbar einmal ein richtiges Hemd gewesen war, am Leibe. Eine, an
fünfzig Stellen durchlöcherte gelbe Leinenhose an den Beinen und an den
Füßen die landesüblichen Sandalen.
Er stellte sich vor mich hin und sah mich an. Sicher wußte er nicht, in
welche Form und Reihenfolge er die Worte bringen sollte für den Satz,
den er mir sagen wollte.
„Was kann ich für Sie tun?“ fragte ich endlich, als es mir zu lange
dauerte.
„Buenos dias, Senjor!“ begann er. Dann gluckste er ein paarmal und kam
endlich heraus: „Könnten Sie mir vielleicht sagen, auf welchem Wege ich
nach Ixtilxochitchuatepec zu gehen habe?“
„Was wollen Sie denn da?“ platzte ich heraus.
Die Unhöflichkeit, ihn nach seinen persönlichen Angelegenheiten zu
fragen in einem Lande, wo es taktlos, beinahe beleidigend ist, jemand
nach Namen, Beruf, Woher und Wohin auszuforschen, kam mir gleichzeitig
zum Bewußtsein. Deshalb fügte ich rasch hinzu:
„Dort will ich nämlich auch hin.“
„Dann sind Sie wohl Mr. Shine?“ fragte er.
„Nein,“ sagte ich, „der bin ich nicht, aber ich will zu Mr. Shine,
Baumwolle pflücken.“
„Ich will auch Baumwolle pflücken bei Mr. Shine“, erklärte er nun und
heiterte auf; zweifellos weil er einen Weggenossen gefunden hatte.
In diesem Augenblick kam ein langer und stark gebauter Neger auf uns zu
und sagte: „Senjores, wissen Sie den Weg zu Mr. Shine?“
„Cotton picking?“ fragte ich.
„Yes, feller. Ich habe seine Adresse bekommen von einem andern schwarzen
Burschen in Queretaro.“
So weit waren wir, als ein kleiner Chinese auf uns zugetrippelt kam. Er
lachte uns breit an und sagte: „Guten Molgen, Senjoles, Gentlemen! Ich
will dolt hin und möchte Sie flagen, wo ist der Weg?“
Umständlich brachte er ein Notizblättchen heraus, las und sagte dann:
„Mr. Shine in Ixtilxo...“
„Stopp!“ unterbrach ich ihn laut lachend. „Wir wissen ja schon, wohin
Sie wollen, verrenken Sie sich nur nicht die Zunge. Wir wollen auch dort
hin.“
„Auch cotton pickin’ dolt?“ fragte der Chinc.
„Ja,“ antwortete ich, „auch. Sechs Centavos für das Kilo.“
Durch diese meine Äußerung war auch mit dem Chinc das kameradschaftliche
Band hergestellt. Die proletarische Klasse bildete sich, und wir hätten
gleich mit dem Aufklären und dem Organisieren anfangen können.
Auf jeden Fall fühlten wir uns alle vier so wohl wie Brüder, die nach
langer Trennung sich plötzlich unerwartet an irgendeinem fremden fernen
Punkt der Erde getroffen haben.
Ich könnte nun noch erzählen, in welcher Form ein zweiter Neger, nur
halb so lang wie sein Rassenvetter, aber ebenso pechschwarz wie jener,
auf uns zuschlenderte, und mit welcher Sorglosigkeit und mit welchem
Reichtum an Zeit ein schokoladebrauner Indianer uns ansteuerte, beide
mit dem gleichen Ziel der Reise: Mr. Shine in Ixtilxochitchuatepec,
Baumwolle pflücken für sechs Centavos das Kilo.
Keiner von uns wußte, wo Ixtil... lag.
Die Station war inzwischen so leer geworden, lag so einsam und verträumt
in der tropischen Glut, wie eben nur eine Station in Zentralamerika zehn
Minuten nach Abfahrt des Zuges daliegen kann.
Den Postsack, fünfmal mehr Quadratzoll Leinen als Quadratzoll Inhalt,
selbst wenn man alle Briefe und Umschläge auseinanderfaltete, hatte
irgendein jemand, den kein vernünftiger Mensch für einen Postbeamten
gehalten hätte, mitgenommen.
Das Frachtgut: eine Kiste Büchsenmilch – in einem Erdstrich, wo das
ganze Jahr hindurch das Gras grünt und ein ganzer Erdteil mit Milch
versorgt werden könnte –, zwei Kannen Gasolin, fünf Rollen Stacheldraht,
ein Sack Zucker und zwei Kisten Bonbons lagen herrenlos auf dem
glühenden Bahnsteig.
Die Bretterbude, wo die Fahrkarten verkauft und das Gepäck abgewogen
wurde, war mit einem Vorhängeschloß abgeschlossen. Der Mann, der alle
diese Amtshandlungen vorzunehmen hatte, zu denen auf einer europäischen
Bahnstation wenigstens zwölf gutgedrillte Leute notwendig sind, hatte
die Station schon verlassen, als der letzte Wagen des Zuges noch auf dem
Bahnsteig war.
Selbst die alte kleine Indianerin, die zu jedem Zuge erschien mit zwei
Bierflaschen voll kaltem Kaffee und in Zeitungspapier eingewickelten
Maiskuchen, was sie alles in einem Schilfkorbe trug, schlich bereits
durch das mannshohe Gras in ziemlicher Entfernung heimwärts. Sie hielt
stets am längsten auf dem Bahnsteige aus. Obgleich sie nie etwas
verkaufte, kam sie doch jeden Tag zum Zuge. Wahrscheinlich war es vier
Wochen lang immer derselbe Kaffee, den sie zur Bahn brachte. Und das
wußten offenbar auch die Reisenden. Andernfalls hätten sie in der Hitze
wohl wenigstens hin und wieder einmal der Alten etwas zu verdienen
gegeben. Aber das Eiswasser, das in den Zügen kostenlos gegeben wurde,
war ein zu starker Konkurrent, gegen den ein so kleines Kaffeegeschäft
nicht aufkommen konnte.
Meine fünf proletarischen Klassengenossen hatten sich gemütlich auf den
Erdboden neben der Bretterbude gesetzt. In den Schatten.
Freilich, da jetzt die Sonne senkrecht über uns stand wie mit dem Lot
gerichtet, gehörte schon eine langausprobierte Übung dazu,
herauszufinden, wo eigentlich der Schatten war.
Zeit war ihnen ein ganz und gar unbekannter Begriff; und weil sie
wußten, daß ich ja auch dort hin wollte, wo sie hin wollten, überließen
sie es mir, den Weg auszukundschaften. Sie würden gehen, wann ich gehe,
nicht früher; und sie würden mir folgen, und wenn ich sie bis nach Peru
führte, immer in der Gewißheit lebend, daß ich ja zum gleichen Ort müsse
wie sie.
2
Wenn ich nur wüßte, wo Ixtil... zu finden sei. In der Nähe der Station
war kein Haus zu sehen. Die Stadt, zu der die Station gehörte, mußte
irgendwo im Busch versteckt liegen. Ich machte nun den Vorschlag, daß
wir erst einmal in diese Stadt gingen, wo sicher jemand zu finden sein
würde, der den Weg wisse.
Nach einer Stunde kamen wir in die Stadt. Zwei Häuser nur waren aus
Brettern. In dem einen wohnte der Stationsvorsteher. Ich ging hinein und
fragte ihn, wo Ixtil... liegt. Er wußte es nicht und erklärte mir
höflich, daß er den Namen nie gehört habe.
Fünfhundert Meter von diesem Holzhause entfernt war das andere „moderne“
Brettergebäude. Es war der Kaufladen. Er war gleichzeitig Postamt,
Billardsalon, Bierwirtschaft, Schnapsausschank und Agentur für alle
möglichen Dinge und alle möglichen Unternehmungen. Ich fragte den
Inhaber, aber er kannte den Ort auch nicht und sagte mir, innerhalb
fünfzig Kilometer im Umkreis sei er sicher nicht, denn da kenne er jeden
Platz und jeden Farmer.
Da kam einer von den Billardspielern, die ebenso zerlumpt aussahen wie
wir, an den Ladentisch, setzte sich darauf, drehte sich eine Zigarette,
wobei er den Tabak in ein Maisblatt wickelte, und als er sie angezündet
hatte, sagte er:
„Den Ort kenn ich nicht. Aber die einzigen Baumwollfelder, die hier in
dem ganzen Staate überhaupt sind, liegen in jener Richtung.“
Dabei streckte er den Arm ziemlich unbestimmt nach jener Gegend hinaus,
die er meinte.
„Von dort her“, fügte er hinzu, „ist vor drei Jahren einmal ziemlich
viel Baumwolle hier verladen worden. Die Farmer kamen mit Autos, also
wird wohl noch etwas Weg übriggeblieben sein. Ob einer von den Farmern
Mr. Shine hieß, weiß ich freilich nicht, ich habe nicht nach den Namen
gefragt, ich habe nur beim Verladen mitgearbeitet.“
„Wie weit kann es denn sein?“ fragte ich.
„Wenigstens achtzig Kilometer von hier, vielleicht neunzig. So genau
weiß ich es nicht. Die kamen mittags an und sind sicher frühmorgens
abgefahren.“
„Dann müssen wir also in jene Richtung gehen, wenn in einer andern
Richtung keine Baumwolle gebaut wird.“
„Ich glaube sicher,“ sagte er dann, „daß einer von den Farmern Mr. Shine
heißen kann, alle sind Gringos.“
„Gringo“ ist in Lateinamerika der Spottname für Amerikaner. Er hat
ungefähr dieselbe mißachtende Bedeutung wie „Boche“ in Frankreich für
Deutsche. Aber die Amerikaner, die viel zuviel unzerstörbaren Humor
besitzen, um sich so lächerlich leicht beleidigt zu fühlen und dadurch
das Leben schwer zu machen, haben diesem Spottnamen die ganze Schärfe
genommen dadurch, daß sie, wenn in Lateinamerika gefragt, was für
Landsleute sie seien, sie sich selbst „Gringo“ nennen. Und sie sagen das
mit einem so heiteren Lächeln, als ob es der schönste Witz wäre.
Die übrigen Gebäude der Stadt, etwa zehn oder zwölf, waren die üblichen
Indianerhütten. Sechs rohe Stämme senkrecht auf den Erdboden gestellt
und ein Dach aus trocknem Gras darüber. Die besseren hatten Wände aus
dünnen Stämmchen, aber nicht dicht aneinandergefügt. Keine Türen, keine
Fenster. Alles, was in der Hütte vor sich ging, konnte man von außen
sehen. Die einfacheren Hütten, wo ärmere oder bequemere Mexikaner
wohnten, hatten nicht einmal diese angedeuteten Wände, sondern oben um
das Dach herum hingen einige große Palmblätter, um die Strahlen der
Sonne, wenn sie in den frühen Vormittagsstunden und am späten Nachmittag
schräger einfielen, abzuschatten.
Das Vieh und das Hühnervolk hatten keine Ställe. Die Schweine mußten
sich draußen im Busch irgendwo und irgendwie das Futter zusammensuchen.
Die Hühner saßen nachts in dem Baum, der der Hütte am nächsten stand.
Eine alte Kiste oder ein durchlöcherter Schilfkorb hing an einem Ast, wo
die Hühner brav ihre Eier hineinlegten.
Rund um die Hütten standen Bananenstauden, die, ohne jemals gepflegt zu
werden, ihre Früchte in reichen Mengen spendeten. Die kleinen Felder, wo
nur gesäet und geerntet wird, sonst kaum etwas getan wird, lieferten
Mais und Bohnen mehr als die Bewohner aufbrauchen konnten.
In einer dieser Hütten nach dem Wege zu fragen, war zwecklos. Wenn eine
Auskunft überhaupt zu erhalten war, so war sie sicher falsch. Nicht
falsch gegeben mit der Absicht, uns irrezuführen, aber aus purer
Höflichkeit, irgendeine beliebige Auskunft zu geben, um nicht „nein“
sagen zu müssen.
3
So wanderten wir denn frischweg los in jener Richtung, die uns im
Postamt von dem Billardspieler genannt worden war, und die ich für die
einzige glaubwürdige hielt.
„Achtzig Kilometer“ war uns gesagt worden. Also werden es wohl
hundertzwanzig oder hundertfünfzig Kilometer sein.
Wir waren unser sechs.
Da war der Mexikaner Antonio, spanischer Herkunft, der mich zuerst
angesprochen hatte.
Dann kam der Mexikaner Gonzalo, indianischer Abstammung. Er war nicht
ganz so zerlumpt wie Antonio und hatte ein Bündelchen, eingewickelt in
eine alte Schilfmatte, und eine schöne, nach mexikanischer Art
farbenfreudig gemusterte Decke, die er über der Schulter trug.
Der Chinese Sam Woe war der eleganteste Bursche unter allen. Der
einzige, der ein heiles und frisch gewaschenes Hemd trug, heile Hosen
hatte, gute Straßenstiefel, seidene Strümpfe und einen runden
städtischen Strohhut. Er hatte zwei Bündel, ziemlich reichlich gepackt.
Sie schienen gar nicht so leicht zu sein.
Er hatte immer die praktischsten Ideen und Ratschläge, lächelte immer,
konnte das „R“ nicht aussprechen und war scheinbar immer guten Mutes. Es
wurde mit der Zeit unser größter Kummer, daß wir ihn mit nichts, was
immer wir auch taten, wütend machen konnten. Er hatte in einem Ölfeld
als Koch gearbeitet und gut verdient. Sein Geld hatte er vorsichtig auf
einer chinesischen Bank in Guanajuato hinterlegt, was er uns gleich
erzählte, nur damit wir nicht etwa denken sollten, er trüge es bei sich
und könnte dafür geopfert werden.
Baumwollepflücken war ja nicht gerade seine große Leidenschaft – meine
noch viel weniger –, aber weil es nicht so sehr außerhalb seines Weges
lag, wollte er die sechs bis sieben Wochen Verdienst noch mitnehmen. Er
hoffte dann zum Herbst ein kleines Restaurant – „comida corrida 50“ – zu
eröffnen. Er war der einzige unter uns, der wohldurchdachte Pläne für
die Zukunft hatte.
Sobald wir an den Busch gekommen waren, schnitt er sich ein dünnes
Stämmchen, hing über jedes der beiden Enden eines seiner Bündel und
legte sich das Stämmchen über die Schulter. Während er bisher mit uns im
gleichen Schritt gegangen war, begann er nun mit kurzen, raschen
Schrittchen zu trippeln. In diesem Trippelschritt hielt er den ganzen
Marsch durch, ohne je langsamer oder schneller zu gehen und ohne jemals
zu ermüden. Wenn wir uns zur Rast niedersetzten oder niederlegten, tat
er es auch, war aber jedesmal erstaunt, daß wir „schon wieder“ ausruhen
mußten. Wir schimpften ihn dann aus, daß wir richtige Christenmenschen
seien, während er als verdammter Chinc von einem gelben, fratzenhaften
Drachenungeheuer ausgebrütet worden wäre, und daß darin die
übermenschliche Ausdauer seiner stinkigen und uns widerlichen Rasse zu
suchen sei. Er erklärte darauf heiter lächelnd, daß er nichts dafür
könne, und daß wir alle von demselben Gott geschaffen seien, aber daß
dieser Gott gelb sei und nicht weiß. Da wir keine Missionare waren und
auf dem Gebiete der Bekehrung auch keine Lorbeeren ernten wollten,
ließen wir ihn in seinem finstern Unglauben.
Der hünenhafte Neger, Charley, paßte mit seinen Lumpen und seinem in
fettigem und zerrissenem Papier verschnürten Bündel, das unzählige Male
auf dem Marsche aufging, viel besser in unsre Gesellschaft als der
elegante Chinc. Charley behauptete, aus Florida zu sein. Aber da er
weder Englisch geläufig sprechen noch verstehen konnte, auch den
amerikanischen Niggerdialekt sprach, konnte er mich von seiner Herkunft
nicht überzeugen. Vielleicht war er von Honduras oder von St. Domingo.
Aber er sprach auch nur sehr unbeholfen ein notdürftiges Spanisch. Ich
habe nie erfahren können, wo er eigentlich hingehörte. Nach meiner
Meinung war er entweder aus Brasilien heraufgekommen oder er hatte sich
von Afrika herübergeschmuggelt. Er wollte sicher nach den States, und
für ihn als Nigger mit etwas Englisch war es leichter, sich über die
Grenze nach den States zu schmuggeln, als für einen Weißen, der gut
Englisch sprechen konnte. Er war der einzige, der offen erklärte, daß er
Baumwollepflücken als die schönste und einträglichste Arbeit betrachte.
Dann war noch der kleine Nigger da, Abraham aus New-Orleans. Er hatte
ein schwarzes Hemd an. Weil nun seine Hautfarbe ebenso schwarz war wie
das Hemd, konnte man nicht so recht erkennen, wo die letzten Überreste
des Hemdes waren, und wo die Haut war, die bedeckt werden sollte. Er als
einziger hatte eine Mütze. Und zwar eine Mütze, wie sie von den Heizern
und Maschinenschmierern auf den amerikanischen Schiffen getragen wird.
Dann trug er eine weiß und rot gestreifte Leinenhose, Lackhalbschuhe und
weiße Baumwollstrümpfe.
Er hatte kein Bündel, sondern trug einen Kaffeekessel und seine
Bratpfanne an einem Bindfaden über der Schulter und in einem Säckchen
seinen Bedarf an Lebensmitteln.
Abraham war der echte, dummschlaue, gerissene, freche und immer lustige
amerikanische Nigger der Südstaaten. Er hatte eine Mundharmonika, mit
der er uns das blöde „Yes, we have no bananes“ so lange vorspielte, bis
wir ihn am zweiten Tage weidlich verprügeln mußten, um damit vorläufig
nur zu erreichen, daß er es wenigstens nur sang oder pfiff und dazu,
während des Marsches, tanzte. Er stahl wie ein Rabe – der Vergleich war
von Gonzalo, ich weiß nicht, ob er richtig ist – und log wie ein
Dominikanermönch.
Am dritten Abend des Marsches erwischten wir ihn, wie er einen dicken
Streifen getrocknetes Rindfleisch, das Antonio gehörte, stahl. Wir
nahmen ihm den Raub wieder ab, bevor er ihn in der Pfanne hatte, und wir
erklärten ihm ganz ernsthaft, daß, wenn wir ihn noch einmal beim Stehlen
ertappten, wir Buschrecht an ihm ausüben würden. Wir würden eine
Gerichtssitzung abhalten und ihn dann, nach gefälltem Urteil, mit der
Schnur, die sein Couleurbruder Charley um sein Bündel geschnürt habe, am
nächsten besten Mahagonibaum aufhängen, mit einem Zettel auf der Brust,
wofür er gehängt sei.
Da sagte er ganz frech, wir sollten ja nicht versuchen, ihn auch nur
anzutasten, er sei amerikanischer Bürger, „native born“, und wenn wir
ihm nur das allergeringste Leid täten, so würde er das an die Regierung
nach Washington berichten, und die werde dann mit einem Kanonenboot und
dem Sternenbanner kommen und ihn blutig rächen; er sei ein freier Bürger
„of the States“, und das könne er durch „c’tificts“ beweisen, und als
solcher habe er das Recht, vor ein ordentliches Gericht gestellt zu
werden. Als wir ihm nun erklärten, daß wir ihm keine Zeit lassen und
keine Gelegenheit geben würden, nach Washington einen Bericht zu
schicken, und daß wir auch nicht glaubten, daß ein amerikanisches
Kanonenboot mit dem Sternenbanner in den Busch fahren würde, sagte er:
„Well, Gentlemen, Sirs, berühren Sie mich nur mit der Fingerspitze, dann
werden Sie sofort erleben, was geschieht.“
Wir erwischten ihn auch richtig einige Tage später, als er dem Chinc
eine Büchse Milch stahl und frech erklärte, es sei seine eigne, er habe
sie in Potosi im American Store gekauft. Er wurde daraufhin so
windelweich gedroschen, daß er keinen Finger krumm machen konnte, um
nach Washington zu schreiben. Bei uns hat er dann nicht mehr gestohlen,
und was er bei umliegenden Farmern zusammenstahl, ging uns nichts an.
Dann war ich noch, Gerard Gale, über den ich weniger zu berichten weiß,
da ich mich in der Kleidung von den übrigen nicht unterschied und zum
Baumwollepflücken, welche zeitraubende und schlechtbezahlte Arbeit ich
kannte, auch nur ging, weil eben keine andre Beschäftigung zu haben war
und ich bitter notwendig ein Hemd, ein Paar Schuhe und eine Hose
brauchte. Vom Althändler! Denn vom Neuhändler sie zu kaufen, dazu hätte
selbst die Arbeit von vierzehn Wochen auf einer Baumwollfarm nicht
gelangt. Ich war der einzige, der keine Strümpfe trug, weil ich keine
hatte.
Eine Jacke besaßen nur der Chinc und Antonio. Warum Antonio den Fetzen
eigentlich „seine Jacke“ nannte, ist mir nie klar geworden. Sie mag
vielleicht einmal, in weit zurückliegenden Zeiten, lange vor der
Entdeckung Amerikas, die Ähnlichkeit mit einer Jacke gehabt haben. Das
will ich nicht bestreiten. Aber heute sie Jacke zu nennen, war nicht
Übertreibung, sondern sündiger Hochmut, für den Antonio dereinst wird
büßen müssen.
4
Wir wanderten lustig darauf los.
Über uns die glühende Tropensonne, zu beiden Seiten neben uns der
undurchdringliche und undurchsichtbare Busch. Der ewig jungfräuliche
tropische Busch mit seiner unbeschreiblichen Mystik, mit seinen
Geheimnissen an Tieren der phantastischsten Art, mit seinen traumhaften
Formen und Farben der Pflanzen, mit seinen unerforschten Schätzen an
wertvollen Steinen und kostbaren Metallen.
Aber wir waren keine Forscher, und wir waren auch keine Gold- oder
Diamantengräber. Wir waren Arbeiter und hatten mehr Wert auf den sichern
Arbeitslohn zu legen als auf den unsichern Millionengewinn, der
vielleicht links oder rechts von uns im Busch verborgen lag und auf den
Entdecker wartete.
Die Sonne stand schon sehr tief, und es mußte ungefähr fünf Uhr sein.
Wir sahen uns deshalb nach einem Lagerplatz um.
Bald fanden wir eine Stelle, wo seitlich in den Busch hinein hohes Gras
stand. Wir rissen so viel von dem Gras aus, wie wir Platz zum Lagern
brauchten. Dann zündeten wir ein Feuer an und brannten den Rest des
Grases nieder, wodurch wir uns Ruhe vor Insekten und kriechendem Getier
für die Nacht verschafften. Eine frischgebrannte Grasfläche ist der
beste Schutz, den man haben kann, wenn man nicht mit den
Ausrüstungsstücken eines Tropenreisenden wandert.
Ein Campfeuer hatten wir, aber es gab nichts zum Kochen, denn wir hatten
kein Wasser.
Da kam der Chinc mit einer Literflasche voll kaltem Kaffee hervor. Wir
wußten nichts davon, daß er einen so wertvollen Stoff mit sich führte.
Er machte den Kaffee heiß und bereitwillig bot er uns allen zu trinken
an. Aber was ist ein Liter Kaffee für sechs Mann, die, ohne einen
Schluck Wasser zu haben, einen halben Tag in der Tropensonne gewandert
sind, vor morgen früh um sieben oder acht Uhr ganz bestimmt auch nichts
Trinkbares haben werden und vielleicht die nächsten sechsunddreißig
Stunden genau so wenig Wasser finden werden, wie sie heute nachmittag
gefunden haben. Der Busch ist das ganze Jahr hindurch grün, aber Wasser
findet man dort nur in der Regenzeit an günstigen Stellen, wo sich
Tümpel bilden können.
Nur wer selbst im tropischen Busch gewandert ist, weiß, was für ein
Opfer es war, das der Chinc uns bot. Aber keiner sagte „danke!“; jeder
betrachtete es als ganz selbstverständlich, daß der Kaffee in Teile
ging. Wahrscheinlich hätten wir es genau so selbstverständlich gefunden,
wenn der Chinc den Kaffee allein getrunken hätte. Nach einem halben Tag
Wanderung in wasserlosem Landstrich raubt man noch nicht für einen
Becher Kaffee; aber am dritten Tage beginnt man ernsthaft Mord zu sinnen
im Busch für eine kleine rostige Konservenbüchse voll stinkender
Flüssigkeit, die man Wasser nennt, obgleich sie keine andre Ähnlichkeit
mit Wasser hat, als daß sie eben Flüssigkeit ist.
Antonio und ich hatten etwas hartes Brot zu knabbern.
Gonzalo hatte vier Mangos und der große Nigger einige Bananen. Der
kleine Nigger aß irgendwas ganz verstohlen. Was es war, weiß ich nicht.
Der Chinc hatte ein Stück Zelttuch, daß er über seinen Schlafplatz
spannte. Dann wickelte er sich in ein großes Handtuch ein, auch den
Kopf, und begann zu schlafen.
Gonzalo hatte seine schöne Decke, in die er sich einrollte, so daß er
wie ein Baumstamm aussah.
Ich wickelte mir den Kopf in einen zerlumpten Lappen ein, den ich stolz
„mein Handtuch“ nannte und schlief los.
Wie sich die übrigen einrichteten, weiß ich nicht, weil die noch lange
um das Feuer herumsaßen und rauchten und schwatzten.
Vor Sonnenaufgang waren wir schon wieder auf dem Marsche. Abzukochen gab
es nichts, und waschen brauchte man sich auch nicht. Denn womit hätte
man es tun sollen?
Der Weg durch den Busch war weite Strecken hindurch schon wieder
zugewachsen. Der Nachwuchs der jungen Bäume reichte uns oft bis über die
Schultern und der Grund war mit Kaktusstauden so dicht bewachsen, daß
diese stachligen Pflanzen zuweilen beinahe die ganze Breite des Weges
einnahmen. Meine nackten Unterschenkel waren bald so zerschnitten, als
wenn sie durch eine Hackmaschine gezogen worden wären. Gegen mittag
kamen wir an eine Stelle, wo sich rechts des Weges ein Stacheldrahtzaun
hinzog, der uns die Gewißheit gab, daß hier eine Farm liegen müsse.
Nachdem wir etwa zwei Stunden lang, immer den Stacheldrahtzaun zur
rechten Hand, gewandert waren, kamen wir an eine weite offene Stelle im
Busch, die mit hohem Gras bewachsen war. Als wir den Platz absuchten,
fanden wir auch eine Zisterne. Aber sie war leer. Einige morsche Pfähle,
alte Konservenbüchsen, verrostetes Wellblech und ähnliche Überbleibsel
einer menschlichen Behausung, offenbarten uns eine verlassene Farm.
Über eine solche Enttäuschung muß man rasch hinweg kommen. Farmen werden
hier gegründet; zehn, auch zwanzig Jahre lang bewirtschaftet und dann
aus irgendeinem Grunde plötzlich aufgegeben. Fünf Jahre später, oft
schon früher, ist kein Zeichen mehr davon vorhanden, daß hier jemals
Menschen gelebt und gearbeitet haben. Es erweckt den Anschein, als seien
es hundert Jahre her, seit jemand hier gelebt hat. Der tropische Busch
begräbt rascher als Menschen bauen können, er kennt keine Erinnerung, er
kennt nur Gegenwart und Leben.
Aber um vier Uhr kamen wir doch an eine lebende Farm. Hier wohnte eine
amerikanische Familie.
Ich wurde im Hause gut bewirtet und fand auch ein Lager innerhalb des
Hauses. Die übrigen als Nichtweiße wurden auf der Veranda beköstigt und
durften in einem Schuppen übernachten. Sie bekamen alle reichlich zu
essen, aber ich war der eigentliche Gast. Mir wurde aufgetischt, wie
eben nur in einem so menschenarmen Lande einem Weißen von weißen
Gastgebern aufgetischt werden kann. Drei verschiedene Fleischgänge, fünf
verschiedene Beigerichte, Kaffee, Pudding und abends heißen Kuchen.
Am nächsten Morgen bekamen wir alle ein reichliches Frühstück; ich
wieder am Tische des Farmers.
Der Farmer hatte genügend leere Flaschen, und so bekam jeder einzelne
von uns eine Literflasche kalten Tee mit auf den Weg.
Er kannte Mr. Shine und sagte uns, daß wir noch etwa sechzig Kilometer
zu marschieren hätten. Kein Wasser am ganzen Weg; die Straße an
verschiedenen Stellen kaum noch erkennbar, weil sie seit drei Jahren
nicht mehr benutzt worden sei.
Um neun Uhr hatte der kleine Nigger Abraham seinen Tee schon
ausgetrunken und die Flasche fortgeworfen. Es war ihm zu lästig, sie zu
tragen. Wir erklärten ihm, daß er unter diesen Umständen von uns nichts
zu erwarten habe und falls er versuchen sollte, auch nur einen Schluck
zu stehlen, würden wir ihn braun und blau schlagen.
An diesem Abend im Lager war es, wo er zwar keinen Tee stahl, aber jenen
Streifen getrocknetes Rindfleisch, das Antonio gehörte. Da sich unsre
Drohung nur auf Tee bezog, ließen wir ihn laufen mit der Warnung, daß
von nun an jeder Raub in unsre Drohung einbegriffen sei. Den folgenden
Tag gegen mittag kamen wir bei Mr. Shine an.
5
Mr. Shine empfing uns mit einer gewissen Freude, weil er nicht genügend
Leute zum Baumwollepflücken hatte.
Mich nahm er persönlich ins Gebet. Er rief mich ins Haus und sagte zu
mir: „Was! Sie wollen auch Baumwolle pflücken?“
„Ja,“ sagte ich, „ich muß, ich bin vollständig ‚broke‘, das sehen Sie
ja, ich habe nur Fetzen am Leibe. Arbeit ist in den Städten keine zu
haben. Alles ist überschwemmt mit Arbeitslosen aus den States, wo die
Verhältnisse augenblicklich auch nicht rosig zu sein scheinen. Und wo
man wirklich Arbeiter braucht, nimmt man lieber Eingeborene, weil man
denen Löhne zahlt, die man einem Weißen nicht anzubieten wagt.“
„Haben Sie denn schon mal gepickt?“ fragte er.
„Ja,“ antwortete ich, „in den States.“
„Ha!“ lachte er, „das ist ein ander Ding. Da können Sie etwas dabei
werden.“
„Ich habe auch ganz gut dabei verdient.“
„Das glaube ich Ihnen. Die zahlen viel besser. Die können’s auch. Die
kriegen ganz andre Preise als wir. Könnten wir unsre Baumwolle nach den
States verkaufen, dann würden wir noch bessere Löhne zahlen; aber die
States lassen ja keine Baumwolle hinein, um die Preise hochzuhalten. Wir
sind auf unsern eignen Markt angewiesen, und der ist immer gleich
gepackt voll. Aber nun Sie! Ich kann Sie weder beköstigen, noch in
meinem Hause unterbringen. Aber ich brauche jede Hand, die kommt. Ich
will Ihnen etwas sagen; ich zahle sechs Centavos für das Kilo, Ihnen
will ich acht zahlen, sonst kommen Sie auf keinen Fall auf das, was die
Nigger machen. Selbstverständlich brauchen Sie das den andern nicht zu
erzählen. Schlafen könnt ihr da drüben in dem alten Hause. Das habe ich
gebaut und mit meiner Familie zuerst darin gewohnt, bis ich mir das neue
hier leisten konnte. Well, das ist dann abgemacht.“
Das Haus, von dem der Farmer gesprochen hatte, lag etwa fünf Minuten
entfernt. Wir machten uns dort häuslich, so gut wir es konnten. Das
Haus, aus Brettern leicht gebaut, hatte nur einen Raum. Jede der vier
Wände hatte je eine Tür, die gleichzeitig als Fenster diente. Der Raum
war vollständig leer. Wir schliefen auf dem bloßen Fußboden. Ein paar
alte Kisten, die vor dem Hause herumlagen, im ganzen vier, benutzten wir
als Stühle.
Dicht bei dem Hause war eine Zisterne, die Regenwasser enthielt, das
ungefähr sieben Monat alt war und von Kaulquappen wimmelte. Ich
berechnete, daß etwa hundertzwanzig Liter Wasser in der Zisterne seien,
mit denen wir sechs Mann sechs bis acht Wochen auskommen mußten. Der
Farmer hatte uns schon gesagt, daß wir von ihm kein Wasser bekommen
könnten, er wäre selbst sehr kurz mit Wasser dran und habe noch sechs
Pferde und vier Maultiere zu tränken. Waschen konnten wir uns einmal in
der Woche und hatten dann noch zu je drei Mann dasselbe Waschwasser zu
gebrauchen. Es sei aber immerhin möglich, fügte er hinzu, daß es in
dieser Jahreszeit alle vierzehn Tage wenigstens einmal zwei bis vier
Stunden regnen könne, und wenn wir die Auffangrinnen reparierten,
könnten wir tüchtig Wasser ansammeln. Außerdem sei ein Fluß nur etwa
drei Stunden entfernt, wo wir baden gehen könnten, falls wir Lust dazu
hätten.
Vor dem Hause richteten wir ein Lagerfeuer ein, zu dem uns der nahe
Busch das Holz in reicher Menge hergab.
Auf die recht nebelhafte Möglichkeit hin, daß es vielleicht innerhalb
der nächsten drei Wochen regnen könnte, wuschen wir uns zunächst einmal,
in einer alten Gasolinbüchse. Seit drei Tagen hatten wir uns nicht
gewaschen.
Ich rasierte mich. Es mag mir noch so dreckig gehen, ein Rasiermesser,
einen Kamm und eine Zahnbürste habe ich immer bei mir.
Auch der Chinc rasierte sich.
Da kam Antonio auf mich zu und bat mich um mein Rasiermesser. Er hatte
sich seit beinahe drei Wochen nicht rasiert und sah aus wie ein
fürchterlicher Seeräuber.
„Nein, lieber Antonio,“ sagte ich, „Rasierzeug, Kamm und Zahnbürste
verpumpe ich nicht.“
Und der Chinc, mutig gemacht durch meine Weigerung, sagte lächelnd, daß
sein schwaches Messer bei diesem starken Bart sofort stumpf würde, und
er hier keine Gelegenheit habe, es schleifen zu lassen. Er selbst hatte
nur dünne Stoppeln.
Antonio gab sich mit diesen beiden Weigerungen zufrieden.
Wir kochten unser Abendessen, ich Reis mit spanischem Pfeffer, der andre
schwarze Bohnen mit Pfeffer, der nächste Bohnen mit getrocknetem
Rindfleisch, ein vierter briet einige Kartoffeln mit etwas Speck. Da wir
am nächsten Morgen schon um vier Uhr zur Arbeit gingen, bereiteten wir
auch noch unser Brot für den nächsten Tag, das wir in unsern Pfannen
buken.
Als wir gegessen hatten, hängten wir unsre armseligen Lebensmittel an
Bindfaden an den Querbalken im Hause auf, weil uns die Ameisen und Mäuse
über Nacht sonst alles fortgeholt hätten, wenn wir diese Vorsorge nicht
getroffen hätten.
Etwas nach sechs Uhr ging die Sonne unter. Eine halbe Stunde später war
rabenschwarze Nacht.
Glühwürmchen, mit Lichtern, so groß wie Haselnüsse, flogen um uns her.
Wir krochen in unser Haus, um zu schlafen.
Der Chinc war der einzige, der ein Moskitonetz hatte. Wir andern wurden
von dem Viehzeug gräßlich geplagt und schimpften und wüteten, als ob
sich diese Gesandten einer Hölle etwas daraus machen würden. Die beiden
Nigger, die Seite an Seite schliefen, sich vor dem Einschlafen
entsetzlich zankten und sich handfeste Backpfeifen anboten, schienen von
den Biestern nicht gestört zu werden.
Ich entschloß mich, diese Qual für die Nacht zu erdulden, aber morgen
für irgendeine Abhilfe zu sorgen.
Noch vor Sonnenaufgang waren wir auf den Beinen. Jeder kochte sich etwas
Kaffee, aß ein Stückchen Brot dazu, und fort ging es im halben Trab. Das
Baumwollfeld war eine halbe Stunde entfernt.
Der Farmer und seine zwei Söhne waren schon dort. Wir bekamen jeder
einen alten Sack, den wir uns umhängten, dann wurde der Gürtel
festgezogen, damit wir die Fetzen nicht verloren, und dann ging es an
die Arbeit. Jeder nahm eine Reihe.
Wenn die Baumwolle schön reif ist und man den Griff erst weg hat,
bekommt man jede Frucht mit einem einzigen Griff. Da aber die Knollen,
die ähnlich aussehen wie die Hülsen der Kastanien, nicht alle die
gleiche Reife haben, muß man doch bei der Hälfte einige Male gut zupfen,
ehe man die zarte Frucht aus der Hülse gerissen hat und sie in den Sack
tun kann. Bei guter Reife, und wenn die Stauden gut stehen, kann man,
sobald man die Übung hat, gleichzeitig mit beiden Händen an
verschiedenen Stellen rupfen. Aber bei Mittelernte und bei schlechten
Stauden darf man dafür auch oft beide Hände brauchen, um eine Frucht zu
kriegen. Obendrein muß man sich auch noch unaufhörlich bücken, weil die
Früchte nicht alle in bequemer Höhe am Strauch hängen, sondern oft bis
dicht über dem Boden wachsen und, wenn unerwartet starker Regen kam,
sind die Früchte auch noch in den Boden gehauen, wo man sie ’rausklauben
muß.
Je weiter es gegen mittag geht, desto höher steht die Sonne und desto
mühseliger wird die Arbeit. Man trägt nichts weiter am Leibe als Hut,
Hemd, Hose und Schuhe, aber der Schweiß rinnt in Strömen an einem herab.
Sehr kleine lästige Fliegen, die einem unausgesetzt in die Ohren
kriechen, und Moskitos machen einem das Leben recht schwer. Kommt ein
leichter Wind auf, der die Moskitos verscheucht, geht es noch; aber bei
völliger Windstille wird die Qual mit jeder Stunde größer. Gegen elf
Uhr, nach beinahe siebenstündiger ununterbrochener Arbeit, kann man
nicht mehr.
Wir suchten den Schatten einiger Bäume auf, die mehr als zehn Minuten
entfernt waren. Wir aßen unser trockenes Pfannenbrot, das, bei mir
wenigstens, ganz verbrannt war, und legten uns dann hin, um zwei Stunden
zu schlafen, bis die Sonne anfängt, wieder abwärts zu wandern. Wir
bekamen furchtbaren Durst, und ich ging zum Farmer, um ihn um Wasser zu
ersuchen.
„Es tut mir leid, ich habe keins. Ich sagte Ihnen doch schon gestern,
daß ich selber sehr kurz mit Wasser bin. Gut, heute will ich euch noch
etwas geben, von morgen ab müßt ihr euch euer Wasser selbst mitbringen.“
Er schickte einen seiner Söhne mit dem Pferde nach Hause, der dann bald
mit einer Kanne Regenwasser zurückkam.
Baumwolle ist teuer. Das lernt jeder bald, wenn er sich einen Anzug, ein
Hemd, ein Handtuch, ein Paar Strümpfe oder nur ein Taschentuch kauft.
Aber der Baumwollpflücker, der wohl die härteste und qualvollste Arbeit
für die Stoffe leistet, die ein König oder ein Milliardär oder ein
einfacher Landmann trägt, hat an dem hohen Preis des Anzuges den
allergeringsten Anteil.
Für ein Kilogramm Baumwolle pflücken bekamen wir sechs Centavos, ich
ausnahmsweise acht. Und ein Kilogramm Baumwolle ist beinahe ein kleiner
Berg, den zu schaffen, man unter ständigem Bücken in der mitleidlosen
Tropensonne zweihundert bis fünfhundert Knollen auszupfen muß. Dazu eine
Nahrung, die als die allerbescheidenste angesehen werden darf, von der
Menschen irgendwo auf Erden leben. Den einen Tag schwarze Bohnen mit
Pfeffer, den nächsten Tag Reis mit Pfeffer, den übernächsten wieder
Bohnen, dann wieder Reis; dazu Brot, selbstgebacken aus Weizen- oder
Maismehl, entweder kleistrig oder zu Kohle verbrannt, Monate altes,
abgestandenes Regenwasser, Kaffee gekocht aus selbstgebrannten
Kaffeebohnen, auf einem Stein zerrieben, und den Kaffee gesüßt mit einem
billigen, übelriechenden, schwarzbraunen Rohzucker in kleinen Kegeln.
Das Salz, das man verwendet, ist Seesalz, das man sich selbst vor dem
Gebrauch erst reinigen muß. Ein paar Kilogramm Zwiebeln in der Woche
hinzugekauft ist bereits Delikatesse und ab und zu ein Streifen
getrocknetes Fleisch ist schon ein Luxus, der, wenn man ihn sich zu oft
leistet, vom Lohn nicht einmal das Reisegeld bis zur nächsten größern
Stadt, wo man neue Arbeit finden könnte, übrigläßt. Bei sehr fleißiger
Arbeit verdient man in einer Woche gerade so viel, daß man sich, wenn
man keinen Centavos für Essen ausgibt, das billigste Paar Schuhe kaufen
kann, das man im Laden vorfindet.
Der Baumwollfarmer verursacht auch nicht immer die hohen Preise der
Fertigware. Er ist oft tief verschuldet und kann in vielen Fällen die
Pflückerlöhne nur auszahlen, wenn er auf die Ernte einen Vorschuß nimmt.
6
Um vier Uhr nachmittags machten wir Schluß, um noch bei Tageslicht „nach
Hause“ zu kommen und unser Essen zu kochen.
Ich quartierte aus.
In der Nähe des Hauses, nur etwa zweihundert Meter entfernt, hatte ich
eine Art Unterstand entdeckt. Welchen Zwecken er diente oder gedient
haben mochte, wußte ich nicht. Er hatte ein Dach aus Wellblech, aber
keine Wände, es wäre denn, daß man einige Baumstämme, die an der einen
Seite gegen das Dach gelehnt waren, als Wand bezeichnen will.
In diesem Unterstand war eine Art Tisch. Es waren vier Pfähle in die
Erde gerammt und auf den Pfählen lagen ein paar Platten Wellblech.
Diesen Unterstand wählte ich als Behausung und den Tisch als Bett. Der
große Nigger wollte den Unterstand mit mir teilen. Er kam hin, sah sich
die Sache an, und es gefiel ihm.