Sascha war nach dem Mittagessen fortgegangen und zur festgesetzten Zeit,
um sieben Uhr, noch nicht heimgekehrt. Die Kokowkina wurde unruhig:
wollte Gott es verhüten, daß er zu dieser verbotenen Stunde einem der
Lehrer auf der Straße begegnete. Man würde ihn bestrafen, und ihr wäre
das so peinlich. Bei ihr hatten immer bescheidene Jungen gelebt, die
sich nie in der Nacht herumgetrieben hatten. Sie machte sich auf die
Suche nach ihm. Wo sollte er anders sein, als bei Rutiloffs.
Ludmilla hatte, -- als mußte es gerade heute sein, -- es vergessen, die
Tür zu verriegeln. Die Kokowkina trat ein und was sah sie?
Sascha steht vor dem Spiegel und fächelt sich mit einem Fächer. Ludmilla
lacht aus vollem Halse und zupft die Bänder an seinem grellfarbigen
Gürtel zurecht.
»Ach du lieber Gott! Dein Wille geschehe!« rief die Kokowkina entsetzt,
»was sind das für Geschichten! Ich bin ganz aus dem Häuschen, suche ihn
überall, und er führt hier eine Komödie auf: Schande, Schande -- sich in
Weiberröcke zu kleiden! Und wie, schämen Sie sich nicht, Ludmilla
Platonowna!«
Ludmilla -- ganz überrumpelt -- wurde im ersten Augenblick verlegen;
aber sie faßte sich schnell. Fröhlich lachend umarmte sie die Kokowkina,
setzte sie in einen Sessel und erzählte ihr eine rasch erfundene
Geschichte:
»Wir haben zu Hause eine kleine Maskerade vor, -- ich werde ein Junge
sein, und er ein Mädchen, und das wird furchtbar lustig werden.«
Puterrot und erschreckt stand Sascha da, und die Tränen traten ihm in
die Augen.
»Was für Dummheiten!« sagte die Kokowkina ärgerlich, »er muß seine
Aufgaben lernen und hat keine Zeit für Maskeraden. Was Sie sich
ausdenken! Beliebe dich augenblicklich anzukleiden, Alexander, und
marsch -- nach Hause.«
Ludmilla lachte fröhlich und hell und umarmte die Kokowkina; die alte
Frau dachte, daß das fröhliche Mädchen noch kindisch wie ein Backfisch
wäre, und daß Sascha aus Dummheit froh wäre, allen ihren Launen
gehorchen zu können. Ludmillas fröhliches Gelächter ließ die ganze Sache
so kindisch und harmlos erscheinen, daß man darüber schlimmstenfalls
etwas brummen durfte. Und sie schalt und machte ein böses und
unzufriedenes Gesicht, -- aber ihr Herz war schon wieder ganz ruhig.
Sascha kleidete sich schnell hinter dem Bettschirm um. Die Kokowkina
ging mit ihm zusammen heim und schalt den Weg über auf ihn. Er schämte
sich sehr, war erschrocken und sagte nichts zu seiner Rechtfertigung.
Was wird es erst zu Hause geben? dachte er ängstlich.
Und zu Hause verfuhr die Kokowkina zum erstenmal mit aller Strenge: er
mußte sich auf die Knie stellen. Aber schon nach fünf Minuten hatte sie
Mitleid mit seinem kläglichen, schuldbewußten Gesicht und er durfte
wieder aufstehen.
»So ein Geck! Auf eine Werst riecht man deine Parfums,« sagte sie
brummig.
Sascha machte einen geschickten Kratzfuß und küßte ihr die Hand; die
Liebenswürdigkeit des bestraften Knaben rührte sie noch mehr.
* * * * *
Unterdessen drohte ein Unwetter über Sascha hereinzubrechen. Warwara und
die Gruschina verfaßten einen anonymen Brief und schickten ihn an
Chripatsch; sie behaupteten darin, der Gymnasiast Pjilnikoff wäre von
Fräulein Rutiloff verführt worden; er brächte ganze Abende bei ihr zu
und wäre dem Laster ergeben.
Der Direktor mußte an eine kurz vorher geführte Unterhaltung denken. Vor
einigen Tagen hatte jemand auf einer Soirée beim Adelsmarschall die von
niemand verstandene Bemerkung hingeworfen, eine junge Dame hätte sich in
einen Halbwüchsling verliebt. Man hatte gleich wieder von anderen Dingen
gesprochen: in Chripatschs Gegenwart hielt man es, nach dem
stillschweigenden Einvernehmen wohlerzogener Leute, für außerordentlich
peinlich, dieses Thema zu diskutieren, gab sich den Anschein, als wäre
es unbequem, darüber in Gegenwart von Damen zu sprechen, und tat so, als
wäre die Sache selber ganz unbedeutend und unglaubwürdig. Chripatsch
merkte das natürlich; er war aber nicht so einfältig, um sich bei jemand
zu erkundigen. Er war vollständig überzeugt, daß er bald alles erfahren
würde, und daß auf diesem oder jenem Wege, immer aber noch rechtzeitig,
eine Nachricht ihm zu Ohren kommen würde. Da kam dieser Brief, und das
war die erwartete Nachricht.
Chripatsch glaubte keinen Augenblick an die Verderbtheit Pjilnikoffs,
oder daß sein Verkehr mit Ludmilla irgendwie die Grenzen des Erlaubten
überschritte.
Das alles, -- dachte er, -- hat seinen Grund in der dummen Erfindung
Peredonoffs und wird genährt von der neidischen Bosheit der Gruschina.
Dieser Brief aber, -- dachte er, -- beweist, daß unerwünschte Gerüchte
in Umlauf sind; sie könnten doch ein schlechtes Licht auf das Ansehen
des ihm anvertrauten Gymnasiums werfen. Darum müssen Maßnahmen getroffen
werden.
Vor allem bat er die Kokowkina, ihn aufzusuchen, um mit ihr über die
Tatsachen zu sprechen, die diese unerwünschten Gerüchte veranlaßt haben
konnten.
Die Kokowkina wußte schon, worum es sich handelte. Man hatte es ihr noch
deutlicher zu verstehen gegeben, als dem Direktor. Die Gruschina hatte
sie auf der Straße erwartet, ein Gespräch mit ihr angeknüpft und
erzählt, Ludmilla hätte Sascha von Grund aus verdorben.
Die Kokowkina war überrascht. Zu Hause überschüttete sie Sascha mit
Vorwürfen. Ihr war die ganze Geschichte um so peinlicher, als doch alles
sich fast vor ihren Augen abgespielt hatte und weil Sascha mit ihrem
Einverständnis zu Rutiloffs ging. Sascha stellte sich so, als verstünde
er nichts und fragte:
»Was habe ich denn Schlimmes getan?«
Die Kokowkina kam in Verlegenheit.
»Wie! Was du Schlimmes getan hast? Weißt du es nicht mehr? Ist es lange
her, daß ich dich in Weiberröcken getroffen habe? Hast du es vergessen,
du Schlingel?«
»Nun, Sie haben mich so getroffen. Ist denn etwas Schlimmes dabei? Dafür
haben Sie mich doch schon bestraft! Und was ist denn dabei, -- als hätte
ich einen gestohlenen Rock angehabt!«
»Sag doch einer, sag doch einer! wie er sich ausredet!« sagte die
Kokowkina fassungslos. »Ich habe dich wohl bestraft, aber scheinbar zu
wenig.«
»Dann bestrafen Sie mich mehr,« sagte Sascha trotzig, mit der Miene
eines unschuldig Gekränkten. »Damals verziehen Sie mir, und jetzt ist es
zu wenig. Ich habe Sie nicht gebeten, mir zu verzeihen, -- ich hätte den
ganzen Abend auf den Knieen gestanden. Warum macht man mir jetzt noch
Vorwürfe!«
»Mein Lieber, man redet schon in der ganzen Stadt von dir und deiner
Ludmilla,« sagte die Kokowkina.
»Was wird denn geredet?« fragte Sascha treuherzig-neugierig.
Die Kokowkina kam wieder in Verlegenheit.
»Was geredet wird, -- man weiß doch was! Du weißt es genau, was man über
euch sagen kann. Da kommt wenig Gutes dabei heraus. Du treibst Unfug mit
deiner Ludmilla, -- das redet man.«
»Ich werde nicht mehr Unfug treiben,« versprach Sascha so ruhig, als
unterhielte man sich über das Hasch-hasch-Spiel.
Er machte ein unschuldiges Gesicht, aber es war ihm schwer ums Herz. Er
versuchte die Kokowkina auszuhorchen, was denn eigentlich geredet würde,
und fürchtete sich, vielleicht grobe Worte hören zu müssen. Was konnte
nur über sie beide geredet werden? Die Fenster von Ludmillas Zimmer
gingen in den Garten, von der Straße aus konnte man nichts sehen, und
außerdem ließ Ludmilla immer die Vorhänge herunter. Und wenn jemand
zugesehn hatte, _wie_ hatte er es erzählt? Vielleicht mit peinlichen,
rohen Worten? Oder wurde nur davon geredet, daß er oft hinging?
Am darauffolgenden Tage erhielt die Kokowkina die Vorladung zum
Direktor. Die alte Frau kam ganz aus der Fassung. Zu Sascha sagte sie
kein Wort und machte sich zur festgesetzten Stunde still auf den Weg.
Chripatsch machte ihr sehr liebenswürdig und schonend Mitteilung von dem
erhaltenen Brief. Sie brach in Tränen aus.
»Beruhigen Sie sich, wir beschuldigen Sie nicht,« sagte Chripatsch, »wir
kennen Sie zu gut. Allerdings werden Sie ihn künftighin strenger
beaufsichtigen müssen. Jetzt sagen Sie mir nur bitte, was eigentlich
vorgefallen ist.«
Als die Kokowkina vom Direktor nach Hause zurückkehrte, überschüttete
sie Sascha mit neuen Vorwürfen.
»Ich werde es der Tante schreiben,« sagte sie weinend.
»Ich bin unschuldig. Mag die Tante kommen. Ich fürchte mich nicht,«
sagte Sascha und weinte ebenfalls.
Am nächsten Tage ließ der Direktor Sascha zu sich kommen und fragte ihn
kalt und streng:
»Ich wünsche zu wissen, mit wem Sie in der Stadt verkehren.«
Sascha blickte den Direktor verlegen, unschuldig und ruhig an.
»Mit wem ich verkehre?« sagte er, »Olga Wassiljewna weiß es; ich besuche
nur meine Kameraden und Rutiloffs.«
»Das ist es eben,« setzte der Direktor sein Verhör fort, »was treiben
Sie bei Rutiloffs?«
»Nichts Besonderes; nur so!« antwortete Sascha unschuldig,
»hauptsächlich lesen wir zusammen. Fräulein Rutiloffs lieben Gedichte
sehr. Und ich bin immer um sieben Uhr zu Hause.«
»Vielleicht doch nicht immer?« fragte Chripatsch und richtete auf Sascha
einen Blick, den er durchdringend zu gestalten versuchte.
»Ja, einmal habe ich mich verspätet,« sagte Sascha mit der ruhigen
Offenheit eines harmlosen Knaben, »aber dafür bekam ich Schelte von Olga
Wassiljewna; und dann bin ich nie wieder zu spät gekommen.«
Chripatsch mußte schweigen. Saschas ruhige Antworten verblüfften ihn. In
jedem Fall mußte er ihn rügen, ihm einen Verweis erteilen, aber wie
sollte er es tun und wofür? -- ohne den Knaben auf böse Gedanken zu
bringen, die er früher (Chripatsch glaubte das) nicht gehabt hatte, --
ohne den Knaben zu kränken, -- andererseits doch so, daß alles geschah,
um die Unannehmlichkeiten zu vermeiden, die ihm in Zukunft aus diesem
Verkehr erwachsen konnten.
Chripatsch überlegte, wie schwer und verantwortungsvoll doch die
Pflichten eines Pädagogen wären, besonders, wenn man die Ehre hat, einer
Lehranstalt vorzustehen. Ja, schwer und verantwortungsvoll sind die
Pflichten eines Pädagogen! Diese banale Ueberlegung beflügelte seine
erlahmenden Gedanken. Er begann zu reden, schnell, deutlich und
langweilig. Aus dem hundertsten ins tausendste mußte Sascha hören:
»... Ihre erste Pflicht als Schüler, ist -- zu arbeiten ... man darf
sich nicht geselligen Vergnügungen hingeben, wenn diese auch sehr
angenehm und ganz einwandfrei sein sollten ... in jedem Falle muß gesagt
werden, daß ein Verkehr mit Altersgenossen für Sie ersprießlicher ist ..
Man muß sein eigenes Renommee und das der Schule zu wahren wissen ...
Endlich, -- ich sage es Ihnen geradeheraus, -- habe ich Grund zu der
Annahme, daß Ihr Verhältnis zu den jungen Damen den Charakter einer zu
großen Freiheit trägt, einer Freiheit, die bei Ihrem Alter unstatthaft
ist, und die den allgemein anerkannten Regeln der guten Sitte nicht
entspricht.«
Sascha mußte weinen. Es tat ihm so leid, daß man von der lieben Ludmilla
denken und reden konnte wie von einer Person, mit der man unanständig
und frei verkehren konnte.
»Mein Ehrenwort, es ist nichts Schlimmes vorgefallen,« beteuerte er,
»wir haben nur zusammen gelesen, sind spazieren gegangen, spielten, --
nun ja -- haben getollt, -- und weiter sind gar keine Freiheiten
vorgekommen.«
Chripatsch klopfte ihm auf die Schulter und sagte mit einer Stimme, die
herzlich klingen sollte und traurig klang:
»Hören Sie mal, Pjilnikoff ...«
(Oder sollte er den Knaben Sascha nennen? Das ist zu unförmlich, und
eine diesbezügliche Verfügung des Ministers ist noch nicht getroffen!)
»Ich glaube Ihnen, daß nichts Schlimmes vorgefallen ist. Immerhin täten
Sie gut daran, Ihre häufigen Besuche einzustellen. Glauben Sie mir, --
es wird besser sein. Das sage ich Ihnen nicht nur als Ihr Lehrer und
Vorgesetzter, sondern auch als Freund.«
Sascha blieb nichts anderes übrig, als sich zu verbeugen, sich zu
bedanken -- und zu gehorchen. Zu Ludmilla kam er nur auf fünf oder zehn
Minuten gelaufen, -- bemühte sich aber doch, sie an jedem Tage
aufzusuchen. Es war doch ärgerlich, sie nur so flüchtig sehen zu können,
-- und seinen Aerger darüber ließ er an Ludmilla selber aus. Es kam oft
vor, daß er sie Ludmilka, dumme Gans, Eselin von Siloah nannte, oder daß
er sie schlug. Darüber mußte Ludmilla lachen.
* * * * *
Durch die Stadt ging das Gerücht, die Schauspieler des Theaters wollten
in der Bürgermuße ein Kostümfest veranstalten mit Preisen für die
schönsten Kostüme für Herren und Damen. Ueber die Preise waren die
übertriebensten Gerüchte in Umlauf. Es wurde erzählt, die Dame würde
eine Kuh erhalten, der Herr -- ein Fahrrad. Diese Gerüchte erregten die
Gemüter. Jeder wünschte sich den Preis: es waren so solide Dinge. Voll
Eifer nähte man an den Kostümen. Man gab viel Geld aus und ließ es sich
nicht leid sein. Vor den besten Freunden verheimlichte man seine Pläne,
damit die »glänzende Idee« nicht vorweggenommen würde.
Als das gedruckte Programm über das Kostümfest erschien, -- riesige
Affichen, die an alle Zäune geklebt und jedem angesehenen Bürger ins
Haus geschickt wurden, -- erwies es sich, daß man weder eine Kuh, noch
ein Fahrrad erhalten konnte, sondern die Dame sollte nur einen Fächer,
der Herr nur ein Album bekommen. Das enttäuschte und verstimmte alle,
die sich zum Kostümfest vorbereitet hatten. Man murrte. Man sagte:
»Es lohnte sich Geld auszugeben!«
»Es ist einfach lächerlich -- solche Preise.«
»Man hätte es von Anfang an sagen müssen.«
»Nur bei uns kann man _so_ mit dem Publikum umspringen.«
Trotzdem wurden die Vorbereitungen fortgesetzt: waren die Preise auch
miserabel, so war es doch schmeichelhaft, sie zu erhalten.
Darja und Ludmilla nahmen weder zu Anfang noch später ein Interesse an
der Preisverteilung. Was sollten sie mit einer Kuh! oder war ein Fächer
etwas Besonderes! Und wer würden die Preisrichter sein? Was für einen
Geschmack konnten sie -- die Richter -- entwickeln! Aber beide
Schwestern waren entzückt von Ludmillas Einfall, Sascha als Dame auf das
Kostümfest mitzunehmen, so die ganze Stadt zu hintergehen und es zu
betreiben, daß er den Preis erhielte. Auch Valerie gab sich den
Anschein, als wäre sie einverstanden. Eifersüchtig und schwächlich wie
ein Kind, ärgerte sie sich: es war Ludmillas Freund, nicht ihrer, --
aber sie wagte es nicht, mit den beiden älteren Schwestern Streit
anzufangen. Sie sagte nur verächtlich lächelnd:
»Er wird es nicht wagen.«
»Das fehlte noch,« sagte Darja resolut, »wir werden es so einrichten,
daß niemand davon erfährt.«
Und als die Schwestern Sascha ihre Idee mitteilten, und als Ludmilla
sagte:
»Wir werden dich als Japanerin verkleiden,« da sprang und quiekte er vor
Vergnügen. Mochte kommen was wollte, -- und besonders, wenn keiner davon
erfährt, -- ihm sollte es recht sein, -- wie sollte er nicht
einverstanden sein! -- das ist doch so furchtbar lustig, -- alle hinters
Licht zu führen.
Man beschloß auf der Stelle Sascha als Geisha zu verkleiden. Die
Schwestern bewahrten ihren Plan als strengstes Geheimnis, -- nicht
einmal Larissa oder der Bruder wußten darum. Das Geishakostüm schnitt
Ludmilla nach einer Etikette auf einem Korylopsisfläschchen zu: ein
Kleid aus gelber Seide, auf rotem Atlas gefüttert, sehr lang und weit,
wie ein Schlafrock; auf das Kleid stickte sie ein buntes Muster, --
große Blumen in sonderbaren Linien.
Auch Schirm und Fächer fertigten die jungen Damen selber an, -- der
Fächer war aus dünnem, gemustertem japanischem Papier auf Bambusstäbchen
gezogen, der Sonnenschirm aus rosa Seide ebenfalls an einem Bambusrohr.
An die Füße zogen sie ihm rosa Strümpfe und hölzerne Pantoffelchen auf
kleinen Brettern.
Auch die Maske für die Geisha bemalte die Künstlerin Ludmilla: ein
gelbliches, aber liebes, schmales Gesichtchen mit einem leichten,
starren Lächeln auf den Lippen, schrägliegende Schlitze für die Augen,
und ein schmaler, kleiner Mund. Nur die Perücke mußte man sich aus
Petersburg kommen lassen, -- schwarze, glatt aufgekämmte Haare.
Man brauchte Zeit, um das Kostüm anzuprobieren, und Sascha konnte immer
nur für Augenblicke kommen, nicht einmal täglich. Aber alles fand sich:
Sascha lief in der Nacht davon, wenn die Kokowkina schlief, durchs
Fenster. Alles ging glatt.
* * * * *
Auch Warwara rüstete sich zum Kostümfest. Sie kaufte eine Maske, die
irgend eine dumme Fratze vorstellte, und um das Kostüm kümmerte sie sich
nicht viel, -- sie kleidete sich als Köchin, an die Schürze hängte sie
sich einen Kochlöffel. Auf den Kopf setzte sie sich ein weißes Häubchen,
die Arme ließ sie bis zu den Ellenbogen frei, schminkte sie gründlich --
kurz sie war eine Köchin wie vom Herde gekommen, -- und ihr Kostüm war
fertig. Gibt man ihr den Preis -- ihr soll's recht sein, erhält sie
keinen -- auch gut.
Die Gruschina hatte beschlossen, sich als Diana zu kostümieren. Warwara
mußte lachen und fragte:
»Werden Sie auch ein Halsband tragen?«
»Warum denn ein Halsband?« fragte die Gruschina erstaunt.
»Aber wie denn,« erklärte Warwara, »Sie haben doch beschlossen, als Hund
zu kommen.«
»Welcher Unsinn!« antwortete die Gruschina lachend, »doch nicht als
Hund, sondern als die Göttin Diana.«
Warwara und die Gruschina kleideten sich zusammen in der Wohnung der
Gruschina zum Feste an. Das Kostüm der Gruschina war außerordentlich
oberflächlich: kahle Arme und Schultern, kahler Rücken, kahle Brust, die
Füße steckten in leichten Pantoffelchen und waren bis zu den Knien bloß;
im übrigen trug sie ein leichtes Gewand aus weißer Leinwand mit einem
roten Besatz, auf dem nackten Körper, -- ein kurzes Röckchen, dafür aber
sehr weit und sehr faltig. Warwara sagte schmunzelnd:
»Nackicht!«
Die Gruschina antwortete gemein lächelnd:
»Dafür werden alle Mannsleute mir nachziehen.«
»Wozu denn die vielen Falten?« fragte Warwara.
»Um darin Süßigkeiten für meine Göhren zu verstauen,« erklärte die
Gruschina.
Alles was die Gruschina so kühn den Blicken freilegte -- war schön; --
aber welche Widersprüche! Auf der Haut -- Flohstiche, grobe Manieren,
Worte von unerträglicher Gemeinheit. Auch hier -- die in den Staub
gezerrte Schönheit des Körpers.
* * * * *
Peredonoff glaubte, das ganze Fest fände nur statt, um ihn auf irgend
etwas zu ertappen. Dennoch ging er hin, -- aber ohne Kostüm, im
gewöhnlichen Rock, -- um selber zu sehen, was für böse Dinge man gegen
ihn vorhätte.
Der Gedanke an das Fest unterhielt Sascha einige Tage. Dann aber regten
sich in ihm Bedenken. Wie sollte er von Hause fortkommen? Besonders
jetzt, nach all den unangenehmen Geschichten. Wie, wenn man es im
Gymnasium erfährt: man würde ihn sofort exmittieren.
Noch neulich hatte zu ihm der Ordinarius, -- ein junger Mensch, der so
liberal dachte, daß er es nicht über die Lippen brachte, einen Kater
einfach Wassjka zu rufen, dafür aber: der Kater Basil sagte, --
bedeutungsvoll beim Verteilen der Zensuren bemerkt:
»Sehen Sie zu, Pjilnikoff! Seien Sie mehr bei der Sache.«
»Ich habe keine einzige Zwei,« hatte Sascha sorglos geantwortet.
Aber der Mut war ihm doch gesunken. Was würde er noch sagen? Nein,
nichts, er schwieg, sah ihn nur streng an.
Am Tage des Festes schien es Sascha, daß er nicht den Mut finden würde,
hinzugehen. Es war doch schrecklich.
Nur dieses ein, -- das fertige Kostüm, das bei Rutiloffs lag, -- sollte
es wirklich umsonst genäht worden sein? All die Mühe und Arbeit, --
sollte sie wirklich umsonst gewesen sein? Ludmilla würde weinen. Nein,
man muß gehn.
Nur die in den letzten Wochen erworbene Fertigkeit, Dinge zu
verheimlichen, machte es ihm möglich, der Kokowkina seine Aufregung zu
verbergen. Zum Glück ging die Alte früh zu Bett. Auch Sascha legte sich
früh nieder, -- vorsichtshalber entkleidete er sich, legte seine Kleider
auf einen Stuhl vor die Tür und stellte seine Stiefel daneben.
Nun blieb noch das Schwerste, -- unbemerkt sich aus dem Staube zu
machen. Der Weg durchs Fenster war ihm von früher her vertraut, als noch
die Anproben stattfanden.
Er zog sich eine helle Sommerbluse an, -- sie hing im Kleiderschrank in
seinem Zimmer, -- leichte Hausschuhe, und vorsichtig kletterte er durch
Fenster auf die Straße, nachdem er einen günstigen Augenblick abgewartet
hatte; weder Stimmen noch Schritte waren in der Nähe zu hören.
Ein feiner Regen fiel vom Himmel. Auf der Straße war es schmutzig, kalt
und finster. Aber Sascha glaubte, alle Welt müßte ihn erkennen. Er warf
Mütze und Schuhe wieder durchs Fenster in seine Stube, krempelte sich
die Hosen auf und lief in Sprungschritten barfuß über die vom Regen
glitschigen, morschen Brettersteige. In der Dunkelheit ist ein Gesicht
schwer zu erkennen, besonders das eines Laufenden, und man wird ihn,
wenn er jemand treffen sollte, für einen einfachen Jungen halten, den
man in einen Laden geschickt hat.
* * * * *
Valerie und Ludmilla hatten für sich selber nicht gerade originelle,
doch aber farbenfreudige Kostüme angefertigt; Ludmilla war eine
Zigeunerin, Valerie eine Spanierin. Ludmilla trug grelle rote Flicken
aus Seide und Samt; die schmächtige, zerbrechliche Valerie schwarze
Seide und Spitzen; in der Hand hielt sie einen schwarzen Spitzenfächer.
Darja hatte für sich nichts Neues genäht, -- noch vom vorigen Jahre
hatte sie das Kostüm einer Türkin; das legte sie an.
»Es lohnt nicht sich was auszudenken!« sagte sie entschieden.
Als Sascha angelaufen kam, machten sich alle drei Schwestern daran, ihn
herzurichten. Die größte Sorge machte ihm seine Perücke.
»Wenn sie herunterfällt,« wiederholte er ängstlich.
Man befestigte sie ihm mit Bändern unter dem Kinn ...