Am frühen Morgen erwachte Peredonoff. Jemand blickte auf ihn aus
riesigen, trüben, viereckigen Augen. Vielleicht war es Pjilnikoff.
Peredonoff ging ans Fenster und goß Wasser auf das drohende Gespenst.
Alles war verhext und bezaubert. Das wilde gespenstische Tierchen
quiekte; Mensch und Vieh blickten ihm drohend und tückisch entgegen.
Alles war ihm feindlich; er stand einer gegen alle.
In den Unterrichtsstunden verleumdete er seine Kollegen, den Direktor,
die Eltern der Schüler. Die Gymnasiasten hörten ihm mit Mißtrauen zu.
Einige niedrig Gesinnte suchten ihm zu schmeicheln und drückten ihm ihre
Teilnahme aus. Andere schwiegen trotzig, oder traten heftig für ihre
Eltern ein, wenn Peredonoff sie angriff. Für diese Knaben hatte er nur
böse, ängstliche Blicke, er umging sie, wo er nur konnte und brummte vor
sich hin.
In anderen Stunden wieder unterhielt Peredonoff seine Schüler mit blöden
Auseinandersetzungen.
Man hatte die Verse Puschkins gelesen:
»Die Dämmerung ist kühl entglommen,
Der Sense Rauschen ist verhallt;
Der Wolf und seine Wölfin kommen, --
So gierig schleicht sie aus dem Wald.«
»Warten Sie,« sagte Peredonoff, »das muß man richtig verstehen. Hier
haben wir eine Allegorie. Die Wölfe gehn paarweise: der Wolf und die
gierige Wölfin. Der Wolf ist satt, _sie_ ist hungrig. Die Frau muß immer
_nach_ dem Manne essen. Die Frau muß sich in allem dem Manne
unterordnen.«
Pjilnikoff war fröhlich; er lächelte und blickte auf Peredonoff aus
seinen trügerisch-reinen, tiefschwarzen Augen. Saschas Gesicht ärgerte
und quälte Peredonoff. Der verfluchte Bengel bezauberte ihn mit seinem
tückischen Lächeln.
Und ist er überhaupt ein Junge? Vielleicht sind es zwei: Bruder und
Schwester, und es ist nicht herauszubringen -- wer wo ist. Vielleicht
kann er sich auch aus einem Knaben in ein Mädchen verwandeln. Nicht
umsonst ist er immer so sauber, -- denn um sich zu verwandeln, mußte er
sich in allerhand Wässerchen waschen, -- anders ging es doch nicht.
Außerdem roch er immer nach Parfums.
»Womit haben Sie sich parfumiert, Pjilnikoff?« fragte Peredonoff, »etwa
mit Patschuli?«
Die Jungen lachten. Das kränkte Sascha; er wurde rot und schwieg.
Den einfachen Wunsch, zu gefallen, nicht ekelhaft sein zu wollen, --
konnte Peredonoff nicht verstehen. Eine jede derartige Erscheinung, und
sei es auch an einem Knaben, hielt er für gefallsüchtige Eitelkeit. Wer
sich gut kleidete, der hatte -- davon war er überzeugt -- nur den einen
Wunsch, ihm zu schmeicheln. Aus welchem anderen Grunde hätte er sich gut
kleiden sollen? Sauberkeit und gute, elegante Kleidung waren ihm
zuwider; Parfums waren für sein Empfinden ein Gestank; jedem Parfum zog
er den Geruch eines frisch gedüngten Feldes vor, denn -- so glaubte er
-- das ist der Gesundheit zuträglich. Sich schön kleiden, sich sauber
halten, sich waschen, -- das alles kostet Zeit, Mühe und Arbeit; und der
Gedanke an jede Arbeit erschreckte Peredonoff und langweilte ihn. Wie
schön wäre es doch, nichts zu tun! Nur essen, trinken und schlafen --
nur das!
* * * * *
Saschas Kameraden neckten ihn damit, daß er sich mit Patschuli
parfumiert hätte, und daß Ludmilla in ihn verliebt wäre. Er begehrte auf
und antwortete heftig, -- sie wäre in ihn nicht verliebt; das hätte sich
Peredonoff einfach ausgedacht; er -- Peredonoff -- hätte um Ludmilla
angehalten, sie aber habe ihm einen Korb gegeben, -- darum wäre er jetzt
wütend auf sie und verbreite über sie schlechte Gerüchte. Die Kameraden
glaubten ihm, -- man kannte doch Peredonoff! -- aber sie hörten nicht
auf, ihn zu necken; jemanden zu necken ist doch so angenehm.
* * * * *
Peredonoff erzählte hartnäckig jedem, der es hören wollte, wie verderbt
Pjilnikoff wäre.
»Er hat sich mit Ludmilla eingelassen,« sagte er. »Sie küssen sich so
eifrig, daß sie schon einen Abc-Schützen geboren hat und mit dem anderen
schwanger geht.«
Ueber Ludmillas Liebe zu einem Gymnasiasten redete man sehr übertrieben
in der Stadt; man wußte darüber höchst alberne und unanständige
Einzelheiten zu berichten. Doch niemand wollte es glauben: Peredonoff
hatte die Sache zu sehr gepfeffert. Allein die Liebhaber am Necken --
und deren gab es viele in unserer Stadt, -- sagten Ludmilla:
»Warum haben Sie sich in den Bengel vernarrt? Das ist eine Beleidigung
für unsere erwachsenen jungen Leute.«
Ludmilla lachte und sagte:
»Dummheiten!«
Mit frecher Neugierde blickten die Bürger Sascha überall nach.
Die Witwe des Generals Polujanoff, -- sie war reich und stammte aus
Kaufmannskreisen, -- erkundigte sich nach seinem Alter und fand, daß er
noch zu jung wäre; aber nach zwei Jahren würde man ihn zu sich bitten
können, um zu seiner Erziehung beizutragen.
Zuweilen machte Sascha Ludmilla Vorwürfe, daß man ihn mit ihr neckte.
Ja, es kam sogar vor, daß er sie schlug, aber dann lachte Ludmilla hell
und fröhlich.
* * * * *
Um aber den dummen Klatschereien ein Ende zu machen und um Ludmillas Ruf
nach dieser peinlichen Geschichte wiederherzustellen, wirkten sämtliche
Rutiloffs und ihre zahlreichen Freunde, Verwandten und Bekannten eifrig
gegen Peredonoff und führten den Beweis, daß das alles Ausgeburten der
Phantasie eines Irrsinnigen wären. Die maßlosen Handlungen Peredonoffs
brachten auch viele dazu, an diese Erklärung zu glauben.
In dieser Zeit wurde auch beim Rektor des Lehrbezirks wiederholt gegen
Peredonoff Klage geführt. Vom Lehrbezirk wurde eine Anfrage an
Chripatsch gerichtet. Dieser berief sich auf seine früheren Ausführungen
und fügte hinzu, daß Peredonoffs längeres Verbleiben am Gymnasium direkt
eine Gefahr bedeute, da seine seelische Krankheit deutlich bemerkbare
Fortschritte mache.
* * * * *
Schon war Peredonoff ganz in der Gewalt seiner wilden Vorstellungen.
Allerhand Erscheinungen schlossen ihn von der Welt ab. Seine irrsinnigen
stumpfen Augen blickten unstät und blieben an keinem Gegenstande haften,
so etwa, als wolle er durch sie durchsehen in die der Wirklichkeit
entgegengesetzte Welt, und als suche er nach irgendwelchen Oeffnungen,
um durchzusehen.
Wenn er allein war, redete er mit sich selber und stieß ganz sinnlose
Drohungen aus:
»Ich werde dich töten! Dich erstechen! Dich einsperren!«
Und Warwara horchte und schmunzelte:
»Aergere dich nur!« dachte sie schadenfroh.
Sie dachte, es wäre nur Wut; er errät, daß man ihn betrogen hat und
ärgert sich. Den Verstand wird er nicht verlieren, -- denn ein Dummkopf
hat nichts, was er verlieren könnte. Und wenn er auch irrsinnig wird, --
was ist dabei! -- Der Irrsinn ist eine Unterhaltung für den Dummen.
»Wissen Sie, Ardalljon Borisowitsch,« sagte Chripatsch einmal, »Sie
sehen sehr krank aus.«
»Der Kopf tut mir weh,« sagte Peredonoff finster.
»Wissen Sie, Verehrtester,« fuhr der Direktor vorsichtig fort, »ich
würde Ihnen doch raten, einstweilen nicht ins Gymnasium zu kommen. Sie
sollten sich schonen, Ihren Nerven, die doch scheinbar stark mitgenommen
sind, etwas Ruhe gönnen.«
Natürlich, dachte Peredonoff, das ist das allerbeste: nicht mehr ins
Gymnasium gehen. Warum war er nicht schon längst auf diesen Gedanken
gekommen! Er brauchte sich ja nur krank zu melden, zu Hause zu bleiben
und abzuwarten, was werden würde.
»Ja, ja, ich werde nicht kommen, ich bin krank,« sagte er erfreut zu
Chripatsch.
* * * * *
Der Direktor hatte unterdessen ein zweites Mal an den Lehrbezirk
geschrieben und wartete von Tag zu Tag auf die Ernennung einiger Aerzte
zur Untersuchung. Aber die Beamten beeilten sich nicht. Dafür waren es
Beamte.
Peredonoff kam nicht ins Gymnasium und schien ebenfalls etwas zu
erwarten.
In den letzten Tagen hatte er sich ganz an Wolodin geheftet. Er
fürchtete sich, ihn aus den Augen zu lassen, und dachte immer, Wolodin
wolle ihm einen Schaden zufügen. Schon am frühen Morgen, wenn er
aufwachte, dachte er traurig an Wolodin: Wo ist er jetzt? Was treibt er?
Manchmal erschien ihm Wolodin: Wolken zogen am Himmel, wie eine
Lämmerherde, und unter ihnen tummelte sich Wolodin, den steifen Hut auf
dem Kopf und lachte meckernd; auch im Rauche, der den Schornsteinen
entstieg, war er zuweilen und verzog sich geschwind, alberne Grimassen
schneidend und durch die Luft springend.
Wolodin aber dachte und erzählte es stolz, daß Peredonoff ihn sehr lieb
hätte und ohne ihn nicht leben könnte.
»Warwara hat ihn betrogen,« sagte Wolodin, »er sieht aber, daß ich ihm
ein treuer Freund bin, darum hält er zu mir.«
Wenn Peredonoff aus dem Hause trat, um Wolodin aufzusuchen, kam ihm
dieser schon entgegen, den steifen Hut auf dem Kopf, ein
Spazierstöckchen in der Hand, fröhlich springend und lustig meckernd.
»Warum trägst du immer dein Töpfchen auf dem Kopf?« fragte ihn
Peredonoff einmal.
»Warum sollte ich das Töpfchen nicht tragen, Ardalljon Borisowitsch?«
entgegnete Wolodin fröhlich und verständig, bescheiden und anständig.
»Die Mütze mit der Kokarde darf ich nicht tragen, und einen Zylinder
aufzusetzen überlasse ich als Uebung den Aristokraten; uns steht das
nicht an.«
»Du wirst noch in deinem Töpfchen überkochen,« sagte Peredonoff
verdrießlich.
Wolodin kicherte.
Sie gingen in Peredonoffs Wohnung.
»Wieviel Schritte man machen muß,« sagte Peredonoff ärgerlich.
»Es ist nützlich, Ardalljon Borisowitsch, sich etwas Motion zu machen,«
versuchte Wolodin ihn zu überzeugen, »arbeiten, spazieren gehn, essen,
-- dann bleibt man gesund.«
»Nun ja,« entgegnete Peredonoff, »du glaubst wohl, daß die Leute nach
zwei bis dreihundert Jahren noch arbeiten werden?«
»Wie denn sonst? Ohne Arbeit gibt es kein Brot. Brot erhält man für Geld
und das Geld muß man verdienen.«
»Ich will kein Brot.«
»Dann gibt's auch keine Semmeln, keine Pastetchen,« kicherte Wolodin,
»und nichts wofür du dir Schnaps kaufen könntest, und du wirst nichts
haben um dir ein Likörchen zu brauen.«
»Nein, die Menschen selber werden nicht arbeiten,« sagte Peredonoff,
»Maschinen werden alles tun; man dreht eine Kurbel, wie am Leierkasten,
und fertig ... Aber es ist langweilig, lange zu drehen.«
Wolodin wurde nachdenklich, senkte den Kopf und warf die Lippen auf.
»Ja,« sagte er grüblerisch, »das wird sehr schön sein. Nur werden wir
das nicht mehr erleben.«
Peredonoff sah ihn wütend an und knurrte:
»Du wirst es nicht erleben, -- ich wohl.«
»Das gebe Gott,« sagte Wolodin vergnügt, »daß Sie zweihundert Jahre alt
werden, und dreihundert auf allen Vieren kriechen.«
Schon antwortete Peredonoff nicht mehr mit einer Beschwörungsformel, --
mochte kommen, was wollte. Er würde sie doch alle besiegen; nur die
Augen hübsch offen halten und nicht nachgeben!
Zu Hause setzten sie sich an den Tisch und tranken zusammen. Peredonoff
begann von der Fürstin zu erzählen.
In Peredonoffs Vorstellung wurde die Fürstin von Tag zu Tag um Jahre
älter und fürchterlicher: gelb, runzelig und gebückt; sie hatte Hauer
und war sehr böse.
»Sie ist zweihundert Jahre alt,« sagte Peredonoff und blickte sonderbar
traurig vor sich hin. »Und sie will, daß ich mich wieder mit ihr
beriechen soll. Vorher wird sie mir keine Stelle verschaffen.«
»Sag doch einer, was _die_ nicht alles will!« sagte Wolodin
kopfschüttelnd. »So ein altes Weib!«
* * * * *
Peredonoff phantasierte von Morden. Er sagte zu Wolodin, zornig die
Brauen runzelnd:
»Dort hinter der Tapete liegt schon einer versteckt. Den andern werde
ich aber unter dem Fußboden vernageln.«
Wolodin fürchtete sich nicht und kicherte.
»Riechst du den Gestank dort hinter der Tapete?« fragte Peredonoff.
»Nein, ich rieche nichts,« sagte Wolodin und kicherte und krümmte sich
vor Lachen.
»Deine Nase ist verstopft,« sagte Peredonoff. »Nicht umsonst hast du
eine rote Nase. Er verfault dort hinter der Tapete.«
»Die Wanze!« rief Warwara und lachte auf.
Stumpf und würdig blickte Peredonoff vor sich nieder.
Peredonoff, von Tag zu Tag unzurechnungsfähiger, schrieb Denunziationen
gegen die Kartenbilder, gegen das gespenstische Tierchen, gegen den
Hammel, -- er, der Hammel, wäre ein Usurpator, hätte sich für Wolodin
ausgegeben, trachtete nach einem hohen Posten, und wäre doch nur ein
simpler Hammel; gegen die Waldschänder, -- sie hätten alle Birken
ausgerodet, es gäbe keine Birkenquasten mehr fürs Dampfbad, und ohne
Ruten wäre es schwer, die Kinder zu erziehen; die Espen hätten sie aber
stehen lassen, -- und wozu wären die Espen gut?
Wenn Peredonoff auf der Straße Gymnasiasten traf, so erschreckte er die
kleineren und brachte die größeren zum Lachen durch unflätige, schamlose
Worte. Die größeren liefen ihm scharenweise nach und machten sich aus
dem Staube, wenn sie einen der Lehrer kommen sahen, -- die kleineren
liefen vor ihm davon.
Ueberall sah er Gespenster und Gesichte; seine Halluzinationen
entsetzten ihn in dem Maße, daß sich seiner Brust ein tolles, stöhnendes
Gewinsel entrang. Das graue, gespenstische Tierchen erschien ihm bald
blutbesudelt, bald in lauter Flammen; es schrie und brüllte, und sein
Gebrüll dröhnte ihm in rasenden Schmerzen durch den Kopf. Der Kater
schwoll an zu einer fürchterlichen Größe; er stampfte mit seinen
Absätzen und wurde zu einem rothaarigen, schnauzbärtigen Ungetüm.