XXVI

Sascha war ganz entzückt von Ludmilla, aber irgend etwas hinderte ihn

daran, der Kokowkina von ihr zu erzählen. Als schämte er sich.

Manchmal fürchtete er sich vor ihrem Kommen. Sein Herz stand still, und

unwillkürlich runzelte er die Brauen, wenn er ihren rosagelben Hut für

Augenblicke an seinem Fenster aufleuchten sah. Dennoch erwartete er sie

erregt und ungeduldig, und war traurig wenn sie lange nicht gekommen

war. Die widersprechendsten Gefühle bewegten ihn, -- dunkle, unklare

Gefühle, -- sie waren sündhaft, denn sie waren frühreif, -- und sie

waren süß, weil sie sündhaft waren.

Ludmilla war gestern und heute nicht gekommen. Sascha zerquälte sich in

Erwartung und hatte schon aufgehört zu hoffen. Da kam sie. Er strahlte;

er lief ihr stürmisch entgegen und küßte ihre Hände.

»Wo steckten Sie nur so lange?« warf er ihr brummig vor, »zwei ganze

Tage habe ich Sie nicht gesehen.«

Sie lachte und freute sich. Der süße, matte, würzige Duft japanischer

Nelken strömte von ihr aus, als rieselte er aus ihren dunkelblonden

Locken.

* * * * *

Ludmilla und Sascha gingen vor die Stadt spazieren. Sie hatten die

Kokowkina aufgefordert mitzukommen, -- sie wollte nicht.

»Ich alte Frau soll spazieren gehen,« sagte sie, »mit euch kann ich

nicht Schritt halten. Geht allein.«

»Wir werden dumme Streiche machen,« lachte Ludmilla.

Die Luft war warm, still, erdrückend-zärtlich und erinnerte an

Unwiderbringliches. Die Sonne, als wäre sie krank, flammte trübe und

purpurn auf dem bleichen, müden Himmel. Welke Blätter lagen starr auf

der dunklen Erde, tot ..

Ludmilla und Sascha stiegen abwärts in eine Schlucht. Da war es frisch,

kühl, fast feucht, -- zärtliche, herbstliche Müdigkeit breitete sich

zwischen den schräg abfallenden Hängen.

Ludmilla ging voran. Sie hatte ihr Kleid geschürzt. Man sah ihre kleinen

Schuhe und die fleischfarbenen Strümpfe. Sascha blickte zu Boden, um

nicht über die Wurzeln zu stolpern, und sah die Strümpfe. Ihm schien es,

als hätte sie nur Schuhe an, ohne Strümpfe. Ein heißes Gefühl und Scham

wallten in ihm auf. Er wurde über und über rot. Der Kopf schwindelte

ihm.

Wie im Versehen hinfallen zu ihren Füßen, dachte er, ihr den Schuh

abziehen und das zarte Füßchen küssen.

Als fühlte sie Saschas heiße Blicke und seine ungeduldige Erwartung,

kehrte sich Ludmilla lachend zu ihm:

»Du siehst auf meine Strümpfe?« fragte sie.

»Nein, nur so,« murmelte er verlegen.

»Ach, ich habe so furchtbar komische Strümpfe,« sagte Ludmilla lachend,

ohne auf ihn zu hören. »Man könnte denken, ich trage meine Schuhe auf

dem nackten Fuß, -- ganz fleischfarben sind sie. Nicht wahr, die

Strümpfe sind sehr komisch?«

Sie kehrte ihr Gesicht zu Sascha und hob ihre Kleider.

»Sind sie komisch?« fragte sie.

»Nein, sie sind schön,« sagte Sascha, rot vor Verlegenheit.

Ludmilla heuchelte Erstaunen, sah ihn an und rief:

»Sag doch einer! Wohin der die Schönheit verlegt!«

Sie lachte und ging weiter. Sascha folgte ihr ungeschickt, stolperte

allaugenblicklich und wußte nicht wohin vor Verlegenheit.

Sie hatten die Schlucht durchschritten und setzten sich auf einen vom

Winde gebrochenen Birkenstamm. Ludmilla sagte:

»Oh wieviel Sand ich in den Schuhen habe; ich kann nicht mehr gehen.«

Sie zog den Schuh ab, klopfte ihn aus und blickte schelmisch auf Sascha.

»Ein schönes Füßchen?« fragte sie.

Sascha wurde noch röter und wußte gar nicht, was er sagen sollte.

Ludmilla zog den Strumpf vom Fuß.

»Ein weißes Füßchen?« fragte sie wieder, eigentümlich und schelmisch

lächelnd. »Auf die Kniee! Küssen!« sagte sie streng, und eine

bezwingende Härte breitete sich über ihr Gesicht.

Sascha kniete schnell nieder und küßte ihren Fuß.

»Es ist angenehmer ohne Strümpfe,« sagte Ludmilla, schob die Strümpfe in

ihre Tasche und zog die Schuhe auf die bloßen Füße.

Und ihr Gesicht wurde wieder ruhig und fröhlich, als hätte Sascha nicht

vor einem Augenblicke noch vor ihr gekniet und ihre nackten Füße geküßt.

Sascha fragte:

»Liebste, wirst du dich nicht erkälten?«

Weich und bebend klang seine Stimme. Ludmilla lachte auf.

»Das fehlte noch! Ich bin doch daran gewöhnt; ich bin nicht so

verzärtelt.«

* * * * *

Einmal war Ludmilla gegen Abend zur Kokowkina gekommen und bat Sascha:

»Komm zu mir; du mußt mir helfen ein kleines Regal zu befestigen.«

Sascha liebte es, Nägel einzuschlagen und hatte Ludmilla irgendwann

versprochen, ihr bei der Einrichtung ihres Zimmers zu helfen. Auch heute

war er gleich einverstanden und war froh, einen harmlosen Vorwand zu

haben, um zu Ludmilla zu gehen. Und der unschuldige, etwas säuerliche

Duft des extra-Mugnet, der von Ludmillas blaßgrünem Kleide wehte,

beruhigte ihn.

* * * * *

Für die Arbeit hatte sich Ludmilla hinter dem Bettschirm umgezogen. Nun

trat sie vor Sascha in einem kurzen aber sehr eleganten Röckchen, ihre

Arme waren bis zu dem Ellenbogen frei, -- die Schuhe trug sie an den

bloßen Füßen, -- parfumiert mit dem süßen, matten, würzigen Dufte

japanischer Nelken.

»Oh, wie du elegant bist!« sagte Sascha.

»Ach was, -- elegant!« sagte Ludmilla und zeigte lächelnd auf ihre Füße,

»ich bin doch barfuß,« sie sprach diese Worte gedehnt, verführerisch,

verschämt.

Sascha zuckte nur mit den Schultern und sagte:

»Du bist immer elegant. Also los! An die Arbeit! Wo sind die Nägel?«

fragte er rührig.

»Warte doch ein wenig,« antwortete Ludmilla, »sitz doch nur ein

Augenblickchen neben mir. Es sieht fast aus, als kämest du nur in

Geschäften, und als wäre es dir langweilig, mit mir zu sprechen.«

Sascha wurde rot.

»Liebste,« sagte er weich, »wie lange Sie nur wollen sitze ich neben

Ihnen, wenn Sie mich nur nicht fortjagen. Ich habe aber noch meine

Schulaufgaben vor.«

Ludmilla seufzte leicht auf und sagte ganz langsam:

»Du wirst immer schöner, Sascha.«

Er wurde sehr rot, lachte und streckte die Zungenspitze vor.

»Was Sie sich ausdenken,« sagte er. »Ich bin doch kein Fräulein, daß ich

schöner werde.«

»Dein Gesicht ist wunderschön. Aber der Körper. Zeig ihn mir, -- nur bis

zum Gürtel,« bat Ludmilla zärtlich und umfaßte seine Schultern.

»Was Sie sich ausdenken!« sagte Sascha verschämt und empfindlich.

»Was ist denn dabei?« fragte Ludmilla leichthin, »was hast du denn für

Geheimnisse?«

»Jemand könnte hereinkommen,« sagte Sascha.

»Wer denn?« sagte sie ebenso leicht und sorglos. »Wir verschließen die

Tür. Da kann niemand herein.«

Ludmilla lief rasch an die Tür und schob den Riegel vor. Sascha erriet,

daß es ihr Ernst war. Kleine Schweißtropfen traten ihm auf die Stirn. Er

sagte ganz aufgeregt:

»Nein, nein, tun Sie es nicht.«

»Dummchen! warum denn nicht?« fragte sie dringend.

Sie zog Sascha an sich und knöpfte seine Bluse auf. Sascha wehrte sich

und griff nach ihren Händen. Sein Gesicht zeigte den Ausdruck des

Schreckens, -- und ein, dem Schreck ähnliches Gefühl der Scham überkam

ihn. Und davon wurde er plötzlich ganz schwach. Ludmilla zog die Stirn

in Falten und entkleidete ihn entschlossen. Sie schnallte den Gürtel ab

und zog ihm irgendwie die Bluse herunter. Sascha wehrte sich immer

verzweifelter. Sie drehten sich durch das ganze Zimmer und stolperten

über Tische und Stühle. Ein süßer, reizender Duft wehte von Ludmilla,

machte Sascha trunken und schwach.

Mit einem geschickten Stoß in die Brust brachte ihn Ludmilla zum Fallen.

Er fiel auf das Sofa. Sie hatte sich an das Hemd geklammert, und ein

Knopf riß ab. Schnell entblößte sie seine Schulter und wollte den Aermel

vom Arm ziehen.

Sich wehrend schlug sie Sascha im Versehen mit der flachen Hand ins

Gesicht. Er wollte sie natürlich nicht schlagen, aber der Schlag sauste

aus vollem Arm, stark und schallend auf Ludmillas Backe. Ludmilla

erbebte, taumelte, sie wurde blutrot, ließ aber nicht los.

»Böser, böser Junge! Du schlägst!« rief sie atemlos.

Sascha war bestürzt, er ließ die Arme sinken und blickte schuldbewußt

auf die weißen Striemen auf Ludmillas Backe; es waren die Spuren seiner

Finger. Ludmilla benutzte seine Verwirrung. Schnell zog sie ihm das Hemd

von beiden Schultern, daß es bis zu den Ellenbogen herunterglitt. Er kam

wieder zur Besinnung, riß sich los, aber dadurch wurde es nur schlimmer,

-- Ludmilla zog an den Aermeln, und das Hemd fiel bis zum Gürtel

herunter. Sascha fühlte die Kälte, und wieder stieg in ihm das

unerbittliche Schamgefühl auf, daß ihm der Kopf schwindelte. Er war

nackt bis an die Hüften.

Ludmilla hielt ihn fest am Arm; mit der freien Hand streichelte sie

seine nackten Schultern und blickte in seine erstarrten, unter den

dichten, schwarzen Wimpern merkwürdig flackernden Augen.

Und dann zitterten diese Wimpern, das Gesicht verzog sich zu einer

lächerlich-kindischen Grimasse, -- und plötzlich weinte und schluchzte

er.

»Lassen Sie mich!« rief er schluchzend. »Sie sind frech!«

»Das Baby klöhnt!« sagte sie ärgerlich und verlegen und stieß ihn fort.

Sascha kehrte ihr den Rücken und wischte sich mit den Händen die Tränen

aus den Augen. Er schämte sich, daß er geweint hatte. Er bemühte sich,

an sich zu halten.

Ludmilla blickte heiß auf seinen nackten Rücken.

All die Herrlichkeit in der Welt! dachte sie. Alle diese Schönheit

verbergen die Menschen voreinander -- warum, warum?

Sascha krümmte verschämt den nackten Rücken, er bemühte sich, das Hemd

anzuziehen, aber er verknüllte es nur; es krachte in den Nähten unter

seinen zitternden Fingern und es war ihm auf keine Weise möglich, mit

den Armen durch die Aermel zu schlüpfen. Dann nahm er die Bluse, --

mochte das Hemd einstweilen so bleiben.

»O, Sie fürchten wohl für Ihr Eigentum. Ich werde Ihnen nichts stehlen,«

sagte Ludmilla, und ihre Stimme klang böse vor verhaltenen Tränen.

Heftig schleuderte sie ihm den Gurt zu und kehrte sich zum Fenster. Was

sollte sie mit diesem albernen Jungen in seiner grauen Bluse! Eine

widerliche Zierpuppe!

Sascha schlüpfte flink in die Bluse, brachte sein Hemd irgendwie in

Ordnung und blickte schüchtern, unsicher und verschämt auf Ludmilla. Er

sah, daß sie sich mit den Händen die Augen rieb. Leise trat er zu ihr

und blickte ihr ins Gesicht. Und die Tränen, die über ihre Wangen

rollten, lösten in ihm plötzlich das Gefühl zärtlichen Mitleids und

vergifteten ihn. Er schämte sich nicht mehr, und er ärgerte sich nicht.

»Warum weinen Sie, liebste Ludmilla?« fragte er leise.

Dann fiel ihm sein Schlag ein und er wurde plötzlich rot.

»Ich habe Sie geschlagen. Verzeihen Sie mir. Ich hab' es nicht mit

Absicht getan,« sagte er bescheiden.

»Dummer Junge! schmilzst du, wenn du mit nackten Schultern dasitzt,«

sagte Ludmilla anklagend. »Du fürchtest dich wohl vor der Leidenschaft!

Schönheit und Unschuld werden welken.«

»Warum ist denn das nötig?« fragte Sascha mit verlegener Miene.

»Warum?« sagte sie leidenschaftlich. »Ich lieb die Schönheit. Ich bin

eine Heidin, eine Sünderin. Im alten Athen hätte ich geboren werden

müssen. Ich liebe die Blumen, den Duft, die leuchtenden Gewänder, den

nackten Körper. Man sagt, es gäbe eine Seele. Ich weiß es nicht. Ich

habe sie nicht gesehen. Und was sollte ich damit? Ich möchte sterben wie

eine Nixe, möchte hinschwinden wie ein Wölkchen vor der Sonne. Ich liebe

den Körper, -- den starken, geschmeidigen, nackten Körper, der den Genuß

sucht.«

»Auch leiden kann er,« sagte Sascha leise.

»Auch leiden! Auch das ist gut!« flüsterte sie heiß. »Süß ist es,

Schmerz zu haben -- der Körper muß es nur fühlen; sehen muß man das

Nackte und die Schönheit des Leibes.«

»Aber man schämt sich doch ohne Kleider!« sagte Sascha schüchtern.

Ludmilla stürzte vor ihm auf die Knie.

»Lieber, mein Abgott, Knabe -- göttlicher!« flüsterte sie atemlos und

bedeckte seine Hände mit Küssen, »für eine Minute, für eine Minute nur

laß mich an deinen Schultern mich satt sehen!«

Sascha seufzte auf; er senkte die Augen, wurde rot, und ungelenk zog er

die Bluse vom Körper.

Mit fiebernden Händen umschlang ihn Ludmilla und bedeckte mit wilden

Küssen seine vor Scham bebenden Schultern.

»Siehst du, -- wie gehorsam ich bin!« sagte er und lächelte gezwungen,

wie um durch einen Scherz seine Verlegenheit zu verbergen.

Ludmilla küßte eifrig seine Arme, von den Schultern bis zu den

Fingerspitzen, und Sascha -- erregt und ganz versunken in wollüstigen,

quälenden Gedanken -- wehrte ihr nicht. Ihre Küsse waren wie eine heiße

Anbetung, als küßten ihre brennenden Lippen nicht einen Knaben, sondern

den jugendlichen Gott, in bebender, geheimnisvoller Hingabe an seinen

erblühenden Leib.

Hinter der Tür standen aber Darja und Valerie; sie guckten abwechselnd,

einander ungeduldig stoßend, durch das Schlüsselloch und erstarben in

heißen, wollüstigen Schauern.

* * * * *

»Es ist Zeit, daß ich mich ankleide,« sagte Sascha endlich.

Ludmilla seufzte, -- und mit demselben andächtigen Ausdruck in den Augen

zog sie ihm Hemd und Bluse an, und diente ihm ehrfürchtig und

vorsichtig.

»So bist du eine Heidin?« fragte Sascha zweifelnd.

Ludmilla lachte fröhlich.

»Und du?« fragte sie.

»Das fehlte noch!« antwortete Sascha fest, »ich kenne den ganzen

Katechismus auswendig.«

Ludmilla lachte aus vollem Halse. Sascha blickte sie lächelnd an und

fragte:

»Warum gehst du denn in die Kirche?«

Ludmilla hörte auf zu lachen und wurde nachdenklich.

»Ja,« sagte sie, »man muß doch beten. Etwas beten, etwas weinen, eine

Kerze weihen, sich an Vergangenes erinnern. Und ich liebe das alles, --

Kerzen, Ampeln, Weihrauch, Meßgewänder, Gesang, -- wenn die Sänger gut

singen, -- die Heiligenbilder in den schönen, mit Bändern geschmückten

Einfassungen. Ja, das ist alles so wunderbar. Und dann liebe ich noch

... Ihn ... weißt du .. den Gekreuzigten ...«

Die letzten Worte sagte Ludmilla ganz leise, fast flüsternd; sie wurde

rot, als wäre sie schuldig und senkte die Augen.

»Weißt du, manchmal träume ich von ihm -- er hängt am Kreuze, auf seinem

Körper schimmern kleine Blutstropfen.«

* * * * *

Seit jenem Tage kam es oft vor, daß Ludmilla Sascha in ihrem Zimmer

entkleidete. Erst schämte er sich bis zu Tränen, -- doch gewöhnte er

sich bald daran. Schon blickten seine Augen klar und ruhig, wenn

Ludmilla ihm das Hemd herunterstreifte, seine Schultern entblößte, ihn

streichelte und auf den Rücken klopfte. Und dann endlich entkleidete er

sich selber.

Für Ludmilla war es ein angenehmes Gefühl, ihn halbnackt auf ihren Knien

zu haben, ihn zu umarmen und zu küssen.

* * * * *

Sascha war allein zu Hause. Er erinnerte sich an Ludmillas heiße Blicke,

wenn sie seinen Körper betrachtete.

Was will sie nur? dachte er.

Und plötzlich stieg ihm das Blut zu Kopf, und das Herz schlug ihm so

weh. Dann wurde er ganz ausgelassen und fröhlich. Er warf den Stuhl zur

Seite, schlug einige Purzelbäume, warf sich auf den Boden, sprang auf

die Möbel, -- und tausend sinnlose Bewegungen schleuderten ihn aus einer

Ecke des Zimmers in die andere. Sein fröhliches, helles Gelächter

schallte durchs ganze Haus.

In dem Augenblick kam die Kokowkina nach Hause; sie hörte den

ungewohnten Lärm und trat in Saschas Zimmer. Verständnislos blieb sie

auf der Schwelle stehen und schüttelte nur den Kopf.

»Was ist in dich gefahren, Saschenka!« sagte sie, »toll doch mit deinen

Freunden herum, aber nicht allein. Schäm dich, mein Lieber, -- du bist

kein Kind mehr.«

Sascha stand still, -- vor Verlegenheit schienen ihm die Hände zu

ersterben, -- sie waren so schwer und ungelenk, -- aber sein ganzer

Körper zitterte vor Erregung.

* * * * *

Einmal kam die Kokowkina gerade dazu, als Ludmilla Sascha mit Bonbons

fütterte.

»Sie verwöhnen ihn,« sagte sie freundlich. »Er liebt sehr zu naschen.«

»Ja, und er schilt mich, -- ich wäre ein freches Ding,« beklagte sich

Ludmilla.

»Das darfst du doch nicht, Saschenka,« tadelte die Kokowkina zärtlich.

»Warum schiltst du sie denn?«

»Ja -- sie läßt mir keine Ruhe,« sagte Sascha stockend.

Er blickte Ludmilla böse an und wurde puterrot. Ludmilla lachte laut.

»Klatschbase,« flüsterte ihr Sascha zu.

»Du sollst nicht schimpfen, Saschenka,« verwies ihn die Kokowkina. »Man

darf nicht grob werden.«

Sascha blickte schelmisch auf Ludmilla und brummte leise:

»Ich tu's nicht wieder.«

* * * * *

Und jedesmal, wenn Sascha kam, verschloß sich Ludmilla mit ihm in ihrem

Zimmer; dann entkleidete sie ihn und steckte ihn in die verschiedensten

Trachten. Hinter Lachen und Scherzen verbargen sie ihre süße Scham.

Zuweilen schnürte sie ihn in ihr Korsett und zog ihm ihre Kleider an. Im

Dekolletee sahen Saschas nackte, volle, zartgerundeten Arme und seine

vollen Schultern sehr schön aus. Er hatte eine gelbliche Haut, aber --

was selten vorkommt: sie war gleichmäßig und zart in der Färbung.

Ludmillas Röcke, Schuhe und Strümpfe, -- alles paßte ihm vorzüglich und

stand ihm ausgezeichnet. Wenn er ganz als Dame angekleidet war, setzte

er sich gehorsam hin und spielte mit einem Fächer. So sah er tatsächlich

einem Mädchen täuschend ähnlich, und er bemühte sich auch, sich

dementsprechend zu geben.

Nur eins war lästig -- Saschas kurze Haare. Ludmilla wollte ihm keine

Perücke aufsetzen oder ihm einen falschen Zopf anstecken, -- das kam ihr

widerlich vor.

Sie lehrte ihn tiefe Knixe zu machen. Zuerst verbeugte er sich

unbeholfen und verlegen. Aber er hatte die natürliche Grazie, wenn sich

auch die eckigen, knabenhaften Bewegungen nicht abgewöhnen ließen.

Errötend und lachend lernte er fleißig zu knixen und unsinnig zu

kokettieren.

Zuweilen nahm Ludmilla seine nackten, schlanken Hände und küßte sie.

Sascha duldete es ruhig und blickte lachend auf Ludmilla. Manchmal hielt

er ihr die Hände an die Lippen und sagte:

»Küß.«

Aber ihm und ihr gefielen die anderen Trachten besser, die Ludmilla

selber für ihn erfunden hatte: im Fischerkostüm mit nackten Beinen, oder

barfuß im Chiton eines athenischen Jünglings.

Ludmilla kleidet ihn an und bewundert ihn. Sie selbst wird so blaß und

traurig.

Sascha saß auf Ludmillas Bett, spielte mit den Falten des Chitons und

baumelte mit den Beinen. Ludmilla stand vor ihm, blickte ihn an und ein

glückseliger Ausdruck des Vergessens lag auf ihrem Gesicht.

»Wie dumm du bist!« sagte Sascha.

»In meiner Dummheit ist so viel Glück!« flüsterte Ludmilla erbleichend;

sie weinte und küßte Saschas Hände.

»Warum weinst du denn?« fragte er sorglos lächelnd.

»Mein Herz ist erfüllt von Freude. Die sieben Schwerter der

Glückseligkeit durchbohrten meine Brust; -- wie sollte ich nicht

weinen?«

»Du bist ein Dummchen! wirklich ein Dummchen!« sagte Sascha lachend.

»Und du bist klug!« sagte Ludmilla plötzlich gereizt; sie trocknete ihre

Tränen und seufzte schwer. »Begreif denn, dummer Junge,« sprach sie mit

leiser, überzeugender Stimme, »nur in der Sinnlosigkeit ist Glück und

Weisheit.«

»Nun ja!« sagte Sascha ungläubig.

»Man muß vergessen, sich selber vergessen, dann wirst du alles

verstehen,« flüsterte Ludmilla. »Glaubst du etwa, die weisen Leute

brauchten zu denken?«

»Wie denn sonst?«

»Sie wissen. Es ist ihnen gegeben: nur zu sehn brauchen sie und alles

ist vor ihnen enthüllt.«

* * * * *

Es war an einem stillen Herbstabend. Nur wenn der Wind durch die Zweige

der Bäume strich, hörte man hinter dem Fenster sein leises Rauschen.

Sascha und Ludmilla waren allein. Sie hatte ihm das Fischerkleid mit

rosa Seide angezogen; er war barfuß und lag auf einem niedrigen

Ruhebett. Sie saß ihm zu Füßen, war selber barfuß und hatte nur ein Hemd

an. Sie hatte Saschas Körper und sein Kleid parfumiert, es war ein

schwerer, saftiger, fast zerbrechlicher Duft, wie ein regungsloser

Geist, der in die Berge und ins fremdblühende Tal gebannt ist.

An ihrem Halse blitzten große, grelle Perlengeschmeide, goldene

Filigran-Armbänder klirrten an ihren Händen. Ihr Körper duftete nach

Iris, -- ein atemraubender, körperlicher, erregender Duft, der träge

Träume gebar und gesättigt war von langsam fließenden, verdunstenden

Wassern.

Sie zerquälte sich, seufzte schwer, blickte ihm ins dunkle Gesicht und

auf seine blau-schwarzen Wimpern und in die nächtigen Augen. Sie legte

ihren Kopf auf seine nackten Kniee und ihre hellen Locken glitten über

die bräunliche Haut. Sie küßte seinen Körper und der Kopf schwindelte

ihr von dem starken, seltenen Duft, der sich mit dem Geruch des jungen

Leibes mischte.

Sascha lag da und lächelte mit einem stillen, falschen Lächeln. Ein

unklares Verlangen wurde in ihm groß und quälte ihn so süß. Und als

Ludmilla seine Kniee und seine Füße küßte, erweckten diese zärtlichen

Küsse in ihm quälende, träumerische Gedanken. Er wollte ihr etwas antun,

etwas Liebes, oder ihr weh tun; etwas Zartes, oder etwas, davor man sich

schämt, -- aber er wußte nicht was. Sollte er ihre Füße küssen? Sollte

er sie schlagen, viel und stark, mit langen, biegsamen Ruten? Sie sollte

lachen vor Freude, oder schreien vor Schmerz.

Und beides, das eine, wie das andere war ihr vielleicht erwünscht, aber

es war zu wenig. Was wollte sie denn? Da sind sie nun beide halbnackt,

und ihren durch nichts gebundenen Körpern verbindet sich ein Verlangen

und eine schützende Scham, -- wo liegt nun das Geheimnis des Körpers?

Wie bringt man sein Blut und seinen Leib ihren Wünschen und der eigenen

Scham zum süßen Opfer?

Aber Ludmilla quälte sich und wand sich zu seinen Füßen, erbleichend

unter ihren unmöglichen Wünschen, daß es ihr heiß und kalt wurde. Sie

flüsterte voller Leidenschaft:

»Bin ich nicht schön? Sind meine Augen nicht flammend? Sind meine Locken

nicht reich? Sei gut! Sei lieb zu mir, reiß die Geschmeide von mir,

zerbrich meine Reifen!«

Sascha fürchtete sich, und unmögliche Verlangen marterten und quälten

ihn.

Der kleine Dämon · 第 23 / 36 题