Das Gerücht über die gefälschten Briefe verbreitete sich in der Stadt.
Die Gespräche darüber waren für die Bürger unterhaltend und erheiternd.
Fast alle lobten Warwara und freuten sich, daß Peredonoff betrogen
worden war. Und alle die, welche die Briefe gesehen hatten, versicherten
hoch und teuer, sie hätten alles von Anfang an gewußt.
Besonders groß war die Schadenfreude im Hause der Werschina: obwohl
Martha Murin heiraten sollte, so war sie doch immerhin von Peredonoff
verschmäht worden. Die Werschina hatte eigentlich die Absicht gehabt,
Murin für sich zu nehmen, nun mußte sie ihn Martha abtreten; Wladja
hatte seine guten Gründe, warum er Peredonoff nicht leiden konnte, und
freute sich über dessen Mißgeschick. Obgleich es ihm nicht angenehm war,
daß Peredonoff nun doch im Gymnasium blieb, so wurde das Unbehagen
darüber bei weitem durch den Umstand aufgewogen, daß Peredonoff so
glänzend »hereingelegt« worden war. Außerdem hatte sich in den letzten
Tagen unter den Schülern das Gerücht verbreitet, als hätte der Direktor
dem Schulbezirksinspektor mitgeteilt, Peredonoff wäre nicht mehr
zurechnungsfähig, als würde bald eine Untersuchung deswegen eingeleitet
werden und Peredonoff müßte dann die Schule verlassen.
Wenn Warwara mit ihren Bekannten zusammentraf, so machte man grobe
Witze, und gab ihr frech und unverholen zu verstehen, daß man um die
Fälschungen wußte. Sie lächelte nur gemein, gab nichts zu, verteidigte
sich aber auch nicht.
Andere wieder deuteten der Gruschina an, daß man um ihre Teilhaberschaft
an den Fälschungen wußte. Sie erschrak und lief zu Warwara, um ihr
Vorwürfe zu machen, weil sie die Sache ausgeplaudert hatte. Warwara
sagte schmunzelnd:
»Reden Sie keinen Unsinn. Ich habe zu keinem Menschen davon gesprochen.«
»Woher weiß man es denn?« fragte die Gruschina heftig. »Ich bin doch
nicht so dumm, daß ich es jemandem erzählen werde.«
»Auch ich habe es nirgends erzählt,« beteuerte Warwara unverschämt.
»Geben Sie mir den Brief zurück,« verlangte die Gruschina. »Fängt er
erst an zu vergleichen, so wird er schon an der Handschrift merken, daß
es eine Fälschung ist.«
»Mag er's doch wissen!« sagte Warwara ärgerlich. »Was soll ich mich mit
dem Esel abgeben.«
Die schielenden Augen der Gruschina blitzten. Sie schrie:
»Sie haben gut reden. _Sie_ sitzen im Trockenen. _Mich_ wird man aber
ins Gefängnis sperren. Aber wie Sie wollen, -- ich muß den Brief
zurückhaben. Es gibt ja auch eine Ehescheidung.«
»Ach, lassen Sie doch!« antwortete Warwara frech, und stemmte die Arme
in die Hüften, »meinetwegen können sie es öffentlich anschlagen; der
Brautkranz fällt einem nicht so leicht vom Kopf.«
»O, wenn Sie _das_ glauben!« schrie die Gruschina, »so ein Gesetz gibt
es nicht, daß man auf einen Betrug hin heiraten darf. Wenn Ardalljon
Borisowitsch die ganze Sache bei seinen Vorgesetzten anhängig macht, und
bis zum Senat geht, so _wird_ die Ehe geschieden.«
Warwara erschrak und sagte:
»Warum regen Sie sich so auf, -- ich werde Ihnen den Brief verschaffen.
Da gibt es nichts zu fürchten, -- ich werde Sie nicht verraten. Bin ich
denn so ein Rindvieh? Ich habe doch eine Seele im Leibe.«
»Ach! gehen Sie mit Ihrer Seele!« sagte die Gruschina grob, »beim Hunde
und beim Menschen, es ist _ein_ Dunst. Da gibt's keine Seele. Solange
man lebt, solange ist man.«
Warwara beschloß, den Brief zu stehlen, wenn es auch sehr schwer fiel.
Die Gruschina trieb sie zur Eile. Es gab nur eine Hoffnung, -- den Brief
zu entwenden, wenn Peredonoff betrunken war. Er trank aber viel. Oft kam
er angeheitert ins Gymnasium, und führte schamlose Reden, die sogar die
allerbösesten Jungen mit Ekel erfüllten.
* * * * *
Einmal kam Peredonoff betrunkener als sonst vom Billard nach Hause: die
neuen Bälle waren »begossen« worden. Von seiner Brieftasche trennte er
sich aber nicht; -- nachdem er sich nachlässig entkleidet hatte, stopfte
er sie unter das Kopfkissen.
Er schlief unruhig, aber fest, und redete im Schlaf, -- und das, was er
im Traume sagte, handelte von etwas Fürchterlichem, Bedrückendem.
Warwara war in tausend Aengsten.
Einerlei, -- ermunterte sie sich, -- wenn er nur nicht aufwacht.
Sie versuchte es, ihn aufzuwecken; sie stieß ihn in die Seiten, -- er
brummte nur etwas, fluchte dann laut, wachte aber nicht auf.
Warwara zündete eine Kerze an und stellte sie so, daß das Licht
Peredonoff nicht in die Augen fiel. Zitternd vor Furcht stand sie auf
und langte mit der Hand unter Peredonoffs Kopfkissen. Die Brieftasche
lag ganz nah, aber immer wieder entglitt sie ihren zitternden Fingern.
Das Licht brannte trübe. Die Flamme flackerte. Längs der Wand über das
Bett krochen unheimliche Schatten, -- kleine, böse Teufel trieben ihr
Wesen. Die Luft war stickig und ganz unbeweglich. Es roch nach
abgestandenem Schnaps. Das Schnarchen und die irren Reden des
Betrunkenen erfüllten das ganze Zimmer. Alles, alles war wie ein
wirklich gewordener, schwerer Alp.
Mit zitternden Fingern nahm Warwara den Brief aus der Tasche, und schob
diese wieder an ihren alten Platz.
* * * * *
Am Morgen suchte Peredonoff sofort nach dem Brief; er konnte ihn nicht
finden, erschrak und schrie:
»Wo ist der Brief, Warja?«
Warwara suchte ihre Angst zu verbergen und sagte:
»Woher soll ich das wissen, Ardalljon Borisowitsch? Du zeigst ihn aller
Welt, da hast du ihn wahrscheinlich bei dieser Gelegenheit verloren.
Vielleicht hat man ihn dir gestohlen. Du hast ja so viele Freunde, mit
denen du die Nächte durch trinkst.«
Peredonoff dachte, seine Feinde hätten ihm den Brief entwendet; am
ehesten Wolodin. Schon hat er den Brief in Händen, später wird er sich
alle Papiere aneignen, auch die Ernennung, und wird Inspektor werden,
und Peredonoff wird als trauriger Bettler sein Leben fristen.
* * * * *
Peredonoff beschloß sich zu verteidigen. Er stellte alltäglich lange
Schriftstücke zusammen, in denen er seine Feinde denunzierte: die
Werschina, die Rutiloffs, Wolodin, seine Kollegen, die -- so schien es
ihm -- auf denselben Posten reflektierten. Am Abend pflegte er diese
Schriftstücke zu Rubowskji zu bringen.
Der Gendarmerieoffizier wohnte in einer belebten Gegend, am Stadtplatz,
in der Nähe des Gymnasiums. Aus den Fenstern konnten es die Leute sehen,
wie Peredonoff zum Gendarmerieoffizier durch die Pforte ging. Peredonoff
dachte aber, keiner hätte ihn bemerkt. Nicht umsonst trug er die
Denunziationen stets am Abend hin, die Hintertreppe benutzend, durch den
Kücheneingang. Die Papiere versteckte er unter dem Ueberzieher, und man
merkte sofort, daß er etwas verbarg. Wenn er diesem oder jenem zum Gruße
die Hand geben mußte, so hielt er die Papiere mit der linken Hand und
glaubte, daß keiner etwas bemerken könne. Wenn man ihn fragte, wohin er
ging, so log er, -- außerordentlich ungeschickt, er selbst war aber mit
seinen dummen Ausreden sehr zufrieden.
Er erklärte Rubowskji:
»Es sind Verräter. Sie stellen sich so, als wären sie Freunde; sie
wollen einen aber betrügen. Das aber wissen sie nicht, daß ich Dinge von
ihnen weiß, die sogar mit Sibirien viel zu gering bestraft wären.«
Rubowskji hörte ihm schweigend zu. Gleich die erste, augenscheinlich
ganz sinnlose Denunziation schickte er einfach an den Direktor, und so
tat er es mit allen nachfolgenden. Der Direktor schrieb an den
Schulbezirk, daß sich am Lehrer Peredonoff Zeichen von geistiger
Gestörtheit bemerkbar machten.
Im Hause hörte Peredonoff überall ununterbrochene, fürchterliche,
höhnische Geräusche. Traurig sagte er zu Warwara:
»Irgend jemand schleicht da auf den Zehenspitzen, -- überall treiben
sich bei uns Spione herum. Du verteidigst mich gar nicht, Warjka.«
Warwara konnte diese Phantasien Peredonoffs nicht begreifen. Bald machte
sie sich darüber lustig, bald fürchtete sie sich davor. Sie sagte
ängstlich und gereizt:
»Deinen betrunkenen Augen erscheint der größte Blödsinn.«
Besonders verdächtig schien Peredonoff die Tür zum Vorhause zu sein. Sie
schloß nicht ganz. Eine Ritze zwischen den beiden Türflügeln deutete auf
etwas, was sich dahinter verborgen hielt. War das nicht der Coeur-Bube,
der da hervorlauerte? Irgend jemandes Auge blitzte, böse und
durchdringend.
Der Kater verfolgte mit seinen weit aufgerissenen, grünen Augen jede
Bewegung Peredonoffs. Zuweilen zwinkerte er ihm zu, zuweilen miaute er
unheimlich. Augenscheinlich hatte er die Absicht, Peredonoff zu
überführen, konnte es aber nicht und ärgerte sich darüber. Peredonoff
vermied ihn nach Möglichkeit, aber der Kater war nicht fortzukriegen.
Das graue, gespenstische Tierchen lief unter allen Stühlen, in alle
Winkel und quiekte. Es war schmutzig, widerwärtig, fürchterlich und
stank. Es war doch klar, daß es ihm feindlich gesinnt war; nur um
seinetwillen war es gekommen, denn früher war es nie und nirgends zu
sehen gewesen. Man hatte es geschaffen, -- und besprochen. Nun lebte es
da, -- ihn zu ängstigen, ihn zu verderben, dieses gespenstische, alles
sehende Tier; -- es verfolgt ihn, es betrügt ihn, es lacht ihn aus; --
bald rollt es über den Boden, bald krallt es sich an einen Fetzen, ein
Band, einen Zweig, eine Fahne, eine Wolke, ein Hündchen, in die
Staubwirbel auf den Straßen, und überall kriecht und läuft es ihm nach,
-- ganz zerquält hat es ihn, ganz ermattet mit seinen schaukelnden,
unruhigen Bewegungen. Würde ihn nur jemand davon befreien, mit irgend
einem Wort, oder mit einem plötzlichen, starken Schlag. Aber er hat
keine Freunde; niemand wird ihn retten; er muß selber listig und schlau
sein; es vernichten, noch bevor es ihn umgebracht hat.
Peredonoff erfand ein Mittel: er bestrich alle Böden mit Leim, da mußte
das graue Tierchen ankleben. Die Schuhsohlen klebten wohl an und
Warwaras nachschleppende Kleider, aber das graue, gespenstische Tierchen
rollte vergnügt und frei hin und her, und schüttelte sich vor Lachen.
Warwara schimpfte böse ...
* * * * *
Peredonoff lebte ganz im Banne der aufdringlichen, schrecklichen
Vorstellung, verfolgt zu werden. Er selbst vertiefte sich immer mehr in
die Welt seiner unheimlichen Wahnideen. Das zeigte sich auch deutlich an
seinem Gesicht: es war eine unbewegliche Larve des Entsetzens.
Am Abend ging er nicht mehr zum Billard. Nach dem Mittagessen schloß er
sich im Schlafzimmer ein, verbarrikadierte die Tür mit Stühlen und
anderen Gegenständen, bekreuzte sich sehr andächtig, sprach
Beschwörungsformeln her, und setzte sich dann an den Tisch, um
Denunziationen zu schreiben; er denunzierte jeden, an den er sich gerade
zufällig erinnerte. Aber er denunzierte nicht nur Menschen, -- auch die
Damen des Kartenspiels. Gleich, wenn er mit dem Schreiben zu Ende
gekommen war, brachte er das Schriftstück zum Gendarmerieoffizier. Und
so verbrachte er einen Abend nach dem andern.
Vor seinen Augen blinkten alle Figuren des Kartenspiels, als lebten sie,
-- die Könige, die Damen, die Buben. Auch die einfachen Karten lebten.
Das waren Menschen mit Knöpfen: Gymnasiasten, Schutzleute. Das Aß -- ist
ein ganz Dicker, mit vortretendem Bauch, fast nur ein Bauch. Manchmal
verwandelten sich die Karten in ihm bekannte Leute. Das Lebendige und
diese sonderbaren Ausgeburten seiner Furcht vermengten sich zu einer
Vorstellung.
Peredonoff war fest davon überzeugt, daß der Bube hinter der Tür steht
und wartet, und daß dieser Bube über dieselbe Kraft und Macht verfügt
wie etwa ein Schutzmann, er kann einen abführen in irgend eine
fürchterliche Wachtstube. Unter dem Tische sitzt aber das graue,
gespenstische Tierchen. Und Peredonoff fürchtete sich, unter den Tisch
oder hinter die Tür zu blicken.
Die Achten waren lauter Wildfänge, die Peredonoff neckten, -- das waren
verwandelte Gymnasiasten. Sie hoben ihre Beine mit merkwürdig leblosen
Bewegungen, wie zwei Zirkelhälften, -- ihre Beine waren aber mit Haaren
bewachsen und hatten Hufe statt der Füße. Anstelle der Schwänze wuchsen
ihnen Ruten und die Jungen schwangen sie pfeifend hin und her und
quiekten durchdringend bei jeder Bewegung. Das graue, gespenstische
Tierchen grunzte unter dem Tisch und freute sich über die Lustbarkeit
dieser Achten.
Peredonoff dachte wütend daran, daß das graue, gespenstische Tierchen
sich nicht unterstehen würde einen Vorgesetzten etwa zu belästigen.
Man wird es nicht hereinlassen, dachte er voll Neid, die Lakaien werden
es mit ihren Besen hinaustreiben.
Endlich konnte Peredonoff das böse und gemeine, piepende Gelächter des
Tieres nicht mehr ertragen. Er holte ein Beil aus der Küche und
zertrümmerte den Tisch, unter dem es saß. Das Tierchen piepte jämmerlich
und gereizt, warf sich zur Seite und rollte davon. Peredonoff zitterte.
Es wird beißen, dachte er, schrie auf vor Entsetzen und ließ sich in
einen Stuhl fallen. Aber das graue Tierchen war friedlich verschwunden.
Nicht für lange ...
Manchmal nahm Peredonoff die Karten, und -- mit einem bösen,
haßerfüllten Ausdruck im Gesicht, -- zerstach er mit seinem Federmesser
die Köpfe in den Bildern. Besonders den Damen. Wenn er die Könige
zerschnitt, blickte er ängstlich um sich, ob keiner es sähe, der ihn
dann eines politischen Verbrechens anklagen könnte. Aber auch diese
Maßregeln halfen nur für kurze Zeit. Wenn Gäste kamen, mußten neue
Karten gekauft werden und bald fuhren die Spione in die neuen Karten.
Schon begann Peredonoff sich für einen heimlichen Verbrecher zu halten.
Er bildete sich ein, daß er von seiner Studentenzeit an unter
polizeilicher Aufsicht gestanden habe. Darum, dachte er, verfolgt man
mich auch. Das entsetzte ihn und machte ihn hochmütig.
Ein Zugwind bewegte die Tapeten. Sie raschelten leise und bösartig, und
leichte Halbschatten glitten über ihr buntes Muster. Da! Hinter der
Tapete versteckt sich der Spion! dachte Peredonoff.
Böse Leute, dachte er traurig, nicht umsonst haben sie die Tapeten so
lose an die Wand geheftet, damit der flache, geschmeidige und geduldige
Bösewicht sich dahinter verbergen kann. Man kennt solche Beispiele von
früher her.
Trübe Erinnerungen wurden in ihm lebendig. Irgend jemand versteckte sich
hinter der Tapete, irgend jemand wurde erdolcht. War es nun mit einer
Pfrieme oder mit einem Dolch?
Peredonoff kaufte sich eine Pfrieme. Als er nach Hause kam, bewegten
sich die Tapeten ungleichmäßig, wie aufgeregt, -- der Spion fühlte die
Gefahr und wollte vielleicht irgendwohin fortkriechen. Ein Schatten
flackerte auf, sprang an die Decke und drohte und zuckte dort oben.
Peredonoff kochte vor Wut. Weit ausholend stieß er mit der Pfrieme in
die Tapete. Ein Zittern lief durch die Wand; Peredonoff brüllte
triumphierend auf und begann zu tanzen, die Pfrieme in der Hand
schwingend. Warwara kam herein.
»Warum tanzst du allein, Ardalljon Borisowitsch?« fragte sie, mit dem
gewohnten, stumpfen und gemeinen Lächeln auf den Lippen.
»Ich schlug eine Wanze tot,« erklärte Peredonoff verdrießlich.
Seine Augen funkelten in wilder Freude. Doch eins war nicht gut: es roch
so entsetzlich. Der erstochene Spion faulte und stank hinter der Tapete.
Entsetzen und Jubel schüttelten Peredonoff: -- er hatte einen Feind
erschlagen.
Durch diesen Mord war sein Herz hart, ganz hart geworden. Denn der
eingebildete Mord war in Peredonoffs Vorstellung ein wirklich
geschehener Mord. Ein sinnloser Schauder hatte ihn gepackt und reifte in
ihm die Bereitschaft zum Verbrechen. Und die unbewußte, dunkle, sich in
den niedrigsten Instinkten seines Seelenlebens verbergende Vorstellung
von einem bevorstehenden Morde, der quälende Drang zum Morde, dieser
Zustand seiner ursprünglichen Bosheit, -- knechtete seinen frevlerischen
Willen. Noch geknechtet, -- wie viele Geschlechter trennen uns vom
Urvater Kain! -- suchte sich dieser Drang Befriedigung im Zerbrechen und
Verderben von allerhand Gegenständen, im Zuhauen mit der Axt, im
Schneiden mit dem Messer, darin, daß er die Bäume im Garten fällte,
damit der Spion nicht hinter ihnen vorgucken konnte. Und an dieser
Zerstörungswut freute sich der uralte Dämon, der Geist der vorzeitlichen
Verwirrung, das morsche Chaos, während die wilden Augen des wahnsinnigen
Menschen ein Entsetzen widerspiegelten, nur vergleichbar dem Entsetzen
fürchterlichster Qualen vor dem Tode.
Und immer wiederholten sich dieselben und dieselben Schrecken und
quälten ihn.
Warwara machte sich gelegentlich lustig über Peredonoff und schlich an
die Tür jenes Zimmers, in dem er saß und redete mit verstellter Stimme.
Er bebte vor Furcht, ging leise, leise, um den Feind zu fangen, -- und
fand Warwara.
»Mit wem flüsterst du?« fragte er sie bedrückt.
Warwara schmunzelte und sagte:
»Das scheint dir nur so, Ardalljon Borisowitsch!«
»Alles kann mir doch nicht nur scheinen,« murmelte er traurig, »es gibt
doch eine Wahrheit in der Welt.«
Ja! Auch Peredonoff suchte nach dieser Wahrheit, folgend der
Gesetzmäßigkeit eines jeden bewußten Lebens, und dieses Suchen quälte
ihn. _Ihm_ war es unbewußt, daß er, so wie alle Menschen, nach der
Wahrheit verlangte, und darum war seine Unruhe so verworren und düster.
Er konnte die Wahrheit für sich nicht finden, und hatte sich verirrt und
kam um.
* * * * *
Schon begannen die Bekannten Peredonoff mit der Fälschung zu necken. Mit
der in unserer Stadt eigentümlichen Grobheit den Schwachen gegenüber
sprach man in seiner Gegenwart von dem Betrug.
Die Prepolowenskaja fragte spöttisch lächelnd:
»Wann werden Sie eigentlich Ihre Inspektorstelle beziehen, Ardalljon
Borisowitsch?«
Warwara antwortete der Prepolowenskaja für ihn, mit verhaltener Wut:
»Wenn die Ernennung eintrifft, werden wir fahren.«
Peredonoff wurde durch diese Fragen noch trauriger:
Wie soll ich denn leben, wenn man mir keine Stelle gibt? dachte er.
* * * * *
Er schmiedete immer neue Pläne zur Abwehr seiner Feinde. Er stahl aus
der Küche das Beil und versteckte es unter dem Bett. Er kaufte sich ein
schwedisches Messer und trug es stets bei sich in der Tasche. Immer
schloß er sich ein. Zur Nacht legte er Schlageisen rings um das Haus,
auch in die Zimmer, und sah dann nach, ob sich niemand darin gefangen
hatte.
Diese Schlageisen waren natürlich so konstruiert, daß sich nie ein
Mensch darin fangen konnte: sie klemmten wohl, hielten aber nicht fest,
und man konnte mit ihnen auf und davon gehen. Weder hatte Peredonoff
technische Kenntnisse, noch ein rasches Auffassungsvermögen. Als er sich
von Morgen zu Morgen davon überzeugte, daß sich niemand gefangen hatte,
glaubte er, seine Feinde hätten die Schlageisen verdorben. Und das
erschreckte ihn wieder.
Peredonoff beobachtete ganz besonders scharf Wolodin. Oft ging er zu
Wolodin, wenn er wußte, daß dieser nicht zu Hause war, -- und stöberte
bei ihm, ob er ihm nicht irgendwelche wichtigen Papiere gestohlen hätte.
* * * * *
Peredonoff begann zu erraten, was die Fürstin eigentlich wollte,
nämlich, daß er ihr wieder seine Liebe zuwenden sollte. Sie war ihm
widerlich und ekelhaft.
Hundertfünfzig Jahre ist sie alt, dachte er wütend.
Ja, alt ist sie, dachte er, aber wie mächtig ist sie doch! Und seinem
Widerwillen paarte sich das Verführerische. Sie ist nur ganz wenig warm
und riecht ein bißchen nach Leichen, -- stellte Peredonoff sie sich vor
und erstarb in wilden, wollüstigen Schauern.
Vielleicht kann ich mich mit ihr einigen, und sie wird sich erbarmen.
Soll ich ihr einen Brief schreiben?
Und diesmal überlegte Peredonoff nicht lange und verfaßte einen Brief an
die Fürstin. Er schrieb:
»Ich liebe Sie, weil Sie kalt und fern sind. Warwara schwitzt; es ist
heiß, mit ihr zusammen zu schlafen; es weht von ihr, wie von einem Ofen.
Ich wünsche mir eine kalte und ferne Geliebte. Kommen Sie hierher und
entsprechen Sie meinen Wünschen.«
Er schickte den Brief ab und bereute es. Was wird da herauskommen?
Vielleicht durfte ich nicht schreiben, dachte er, vielleicht mußte ich
warten, bis die Fürstin selber kommt.
Dieser Brief war so zufällig geschrieben, wie Peredonoff vieles zufällig
tat, -- wie ein Toter, der durch äußere Gewalten bewegt wird, aber diese
Gewalten gehen nur ungern daran, sich mit ihm abzugeben: -- die eine
Kraft spielt mit dem Kadaver und überläßt ihn dann einer anderen.
Bald erschien auch das graue, gespenstische Tierchen, -- es tummelte
sich lange Zeit um Peredonoff, wie auf einem Lasso, und neckte ihn
immerzu. Und ganz lautlos war es geworden und lachte nur, am ganzen
Körper bebend. Aber es flammte auf in trübgoldnen Funken, -- das böse,
zudringliche Tier, -- es drohte und brannte in unerträglichem Triumphe.
Und der Kater bedrohte Peredonoff, er funkelte mit den Augen und miaute
unverschämt und drohend.
Worüber freuen sie sich? dachte Peredonoff betrübt und begriff
plötzlich: das Ende ist nahe. Die Fürstin ist schon hier, nah, ganz nah.
Vielleicht in diesem Kartenspiel.
Unzweifelhaft, -- sie ist es, -- die Pik- oder die Coeurdame. Vielleicht
versteckt sie sich auch im anderen Spiel oder hinter anderen Karten, und
wer sie ist, -- man weiß es nicht. Das Unglück wollte es, daß Peredonoff
sie nie gesehen hatte. Warwara zu fragen, lohnte nicht, -- sie würde
doch lügen.
Endlich beschloß Peredonoff, das ganze Spiel zu verbrennen. Mögen sie
alle verbrennen. Wenn sie ihm zum Trotz sich in die Karten verkriechen,
so sind sie auch allein an allem schuld.
Peredonoff paßte eine Zeit ab, als Warwara nicht zu Hause war, und als
der Ofen im Saal geheizt wurde, -- und warf die Karten, das ganze Spiel,
-- in den Ofen.
Sprühend entfalteten sich nie gesehene, blaßrote Blumen, -- und
brannten, und ihre Ränder verkohlten. Peredonoff blickte voller
Entsetzen auf diese flammenden Blumen.
Die Karten krümmten sich, warfen sich, bewegten sich, als wollten sie
aus dem Feuer herausspringen. Peredonoff ergriff den Schürhaken und hieb
auf die Karten ein. Kleine, grelle Funken sprühten auf, und plötzlich
erhob sich mitten aus dem Feuertanz der bösen, blendenden Funken, -- die
Fürstin, -- eine kleine, aschgraue Frau, ganz umschüttet von
erstickenden Flammen: sie schrie durchdringend mit ihrem feinen
Stimmchen, zischte und spuckte in die Glut.
Peredonoff stürzte zu Boden und brüllte auf vor Entsetzen. Dunkelheit
umfing ihn, kitzelte ihn und lachte mit tausend raunenden Stimmen.