XXV

Das Gerücht über die gefälschten Briefe verbreitete sich in der Stadt.

Die Gespräche darüber waren für die Bürger unterhaltend und erheiternd.

Fast alle lobten Warwara und freuten sich, daß Peredonoff betrogen

worden war. Und alle die, welche die Briefe gesehen hatten, versicherten

hoch und teuer, sie hätten alles von Anfang an gewußt.

Besonders groß war die Schadenfreude im Hause der Werschina: obwohl

Martha Murin heiraten sollte, so war sie doch immerhin von Peredonoff

verschmäht worden. Die Werschina hatte eigentlich die Absicht gehabt,

Murin für sich zu nehmen, nun mußte sie ihn Martha abtreten; Wladja

hatte seine guten Gründe, warum er Peredonoff nicht leiden konnte, und

freute sich über dessen Mißgeschick. Obgleich es ihm nicht angenehm war,

daß Peredonoff nun doch im Gymnasium blieb, so wurde das Unbehagen

darüber bei weitem durch den Umstand aufgewogen, daß Peredonoff so

glänzend »hereingelegt« worden war. Außerdem hatte sich in den letzten

Tagen unter den Schülern das Gerücht verbreitet, als hätte der Direktor

dem Schulbezirksinspektor mitgeteilt, Peredonoff wäre nicht mehr

zurechnungsfähig, als würde bald eine Untersuchung deswegen eingeleitet

werden und Peredonoff müßte dann die Schule verlassen.

Wenn Warwara mit ihren Bekannten zusammentraf, so machte man grobe

Witze, und gab ihr frech und unverholen zu verstehen, daß man um die

Fälschungen wußte. Sie lächelte nur gemein, gab nichts zu, verteidigte

sich aber auch nicht.

Andere wieder deuteten der Gruschina an, daß man um ihre Teilhaberschaft

an den Fälschungen wußte. Sie erschrak und lief zu Warwara, um ihr

Vorwürfe zu machen, weil sie die Sache ausgeplaudert hatte. Warwara

sagte schmunzelnd:

»Reden Sie keinen Unsinn. Ich habe zu keinem Menschen davon gesprochen.«

»Woher weiß man es denn?« fragte die Gruschina heftig. »Ich bin doch

nicht so dumm, daß ich es jemandem erzählen werde.«

»Auch ich habe es nirgends erzählt,« beteuerte Warwara unverschämt.

»Geben Sie mir den Brief zurück,« verlangte die Gruschina. »Fängt er

erst an zu vergleichen, so wird er schon an der Handschrift merken, daß

es eine Fälschung ist.«

»Mag er's doch wissen!« sagte Warwara ärgerlich. »Was soll ich mich mit

dem Esel abgeben.«

Die schielenden Augen der Gruschina blitzten. Sie schrie:

»Sie haben gut reden. _Sie_ sitzen im Trockenen. _Mich_ wird man aber

ins Gefängnis sperren. Aber wie Sie wollen, -- ich muß den Brief

zurückhaben. Es gibt ja auch eine Ehescheidung.«

»Ach, lassen Sie doch!« antwortete Warwara frech, und stemmte die Arme

in die Hüften, »meinetwegen können sie es öffentlich anschlagen; der

Brautkranz fällt einem nicht so leicht vom Kopf.«

»O, wenn Sie _das_ glauben!« schrie die Gruschina, »so ein Gesetz gibt

es nicht, daß man auf einen Betrug hin heiraten darf. Wenn Ardalljon

Borisowitsch die ganze Sache bei seinen Vorgesetzten anhängig macht, und

bis zum Senat geht, so _wird_ die Ehe geschieden.«

Warwara erschrak und sagte:

»Warum regen Sie sich so auf, -- ich werde Ihnen den Brief verschaffen.

Da gibt es nichts zu fürchten, -- ich werde Sie nicht verraten. Bin ich

denn so ein Rindvieh? Ich habe doch eine Seele im Leibe.«

»Ach! gehen Sie mit Ihrer Seele!« sagte die Gruschina grob, »beim Hunde

und beim Menschen, es ist _ein_ Dunst. Da gibt's keine Seele. Solange

man lebt, solange ist man.«

Warwara beschloß, den Brief zu stehlen, wenn es auch sehr schwer fiel.

Die Gruschina trieb sie zur Eile. Es gab nur eine Hoffnung, -- den Brief

zu entwenden, wenn Peredonoff betrunken war. Er trank aber viel. Oft kam

er angeheitert ins Gymnasium, und führte schamlose Reden, die sogar die

allerbösesten Jungen mit Ekel erfüllten.

* * * * *

Einmal kam Peredonoff betrunkener als sonst vom Billard nach Hause: die

neuen Bälle waren »begossen« worden. Von seiner Brieftasche trennte er

sich aber nicht; -- nachdem er sich nachlässig entkleidet hatte, stopfte

er sie unter das Kopfkissen.

Er schlief unruhig, aber fest, und redete im Schlaf, -- und das, was er

im Traume sagte, handelte von etwas Fürchterlichem, Bedrückendem.

Warwara war in tausend Aengsten.

Einerlei, -- ermunterte sie sich, -- wenn er nur nicht aufwacht.

Sie versuchte es, ihn aufzuwecken; sie stieß ihn in die Seiten, -- er

brummte nur etwas, fluchte dann laut, wachte aber nicht auf.

Warwara zündete eine Kerze an und stellte sie so, daß das Licht

Peredonoff nicht in die Augen fiel. Zitternd vor Furcht stand sie auf

und langte mit der Hand unter Peredonoffs Kopfkissen. Die Brieftasche

lag ganz nah, aber immer wieder entglitt sie ihren zitternden Fingern.

Das Licht brannte trübe. Die Flamme flackerte. Längs der Wand über das

Bett krochen unheimliche Schatten, -- kleine, böse Teufel trieben ihr

Wesen. Die Luft war stickig und ganz unbeweglich. Es roch nach

abgestandenem Schnaps. Das Schnarchen und die irren Reden des

Betrunkenen erfüllten das ganze Zimmer. Alles, alles war wie ein

wirklich gewordener, schwerer Alp.

Mit zitternden Fingern nahm Warwara den Brief aus der Tasche, und schob

diese wieder an ihren alten Platz.

* * * * *

Am Morgen suchte Peredonoff sofort nach dem Brief; er konnte ihn nicht

finden, erschrak und schrie:

»Wo ist der Brief, Warja?«

Warwara suchte ihre Angst zu verbergen und sagte:

»Woher soll ich das wissen, Ardalljon Borisowitsch? Du zeigst ihn aller

Welt, da hast du ihn wahrscheinlich bei dieser Gelegenheit verloren.

Vielleicht hat man ihn dir gestohlen. Du hast ja so viele Freunde, mit

denen du die Nächte durch trinkst.«

Peredonoff dachte, seine Feinde hätten ihm den Brief entwendet; am

ehesten Wolodin. Schon hat er den Brief in Händen, später wird er sich

alle Papiere aneignen, auch die Ernennung, und wird Inspektor werden,

und Peredonoff wird als trauriger Bettler sein Leben fristen.

* * * * *

Peredonoff beschloß sich zu verteidigen. Er stellte alltäglich lange

Schriftstücke zusammen, in denen er seine Feinde denunzierte: die

Werschina, die Rutiloffs, Wolodin, seine Kollegen, die -- so schien es

ihm -- auf denselben Posten reflektierten. Am Abend pflegte er diese

Schriftstücke zu Rubowskji zu bringen.

Der Gendarmerieoffizier wohnte in einer belebten Gegend, am Stadtplatz,

in der Nähe des Gymnasiums. Aus den Fenstern konnten es die Leute sehen,

wie Peredonoff zum Gendarmerieoffizier durch die Pforte ging. Peredonoff

dachte aber, keiner hätte ihn bemerkt. Nicht umsonst trug er die

Denunziationen stets am Abend hin, die Hintertreppe benutzend, durch den

Kücheneingang. Die Papiere versteckte er unter dem Ueberzieher, und man

merkte sofort, daß er etwas verbarg. Wenn er diesem oder jenem zum Gruße

die Hand geben mußte, so hielt er die Papiere mit der linken Hand und

glaubte, daß keiner etwas bemerken könne. Wenn man ihn fragte, wohin er

ging, so log er, -- außerordentlich ungeschickt, er selbst war aber mit

seinen dummen Ausreden sehr zufrieden.

Er erklärte Rubowskji:

»Es sind Verräter. Sie stellen sich so, als wären sie Freunde; sie

wollen einen aber betrügen. Das aber wissen sie nicht, daß ich Dinge von

ihnen weiß, die sogar mit Sibirien viel zu gering bestraft wären.«

Rubowskji hörte ihm schweigend zu. Gleich die erste, augenscheinlich

ganz sinnlose Denunziation schickte er einfach an den Direktor, und so

tat er es mit allen nachfolgenden. Der Direktor schrieb an den

Schulbezirk, daß sich am Lehrer Peredonoff Zeichen von geistiger

Gestörtheit bemerkbar machten.

Im Hause hörte Peredonoff überall ununterbrochene, fürchterliche,

höhnische Geräusche. Traurig sagte er zu Warwara:

»Irgend jemand schleicht da auf den Zehenspitzen, -- überall treiben

sich bei uns Spione herum. Du verteidigst mich gar nicht, Warjka.«

Warwara konnte diese Phantasien Peredonoffs nicht begreifen. Bald machte

sie sich darüber lustig, bald fürchtete sie sich davor. Sie sagte

ängstlich und gereizt:

»Deinen betrunkenen Augen erscheint der größte Blödsinn.«

Besonders verdächtig schien Peredonoff die Tür zum Vorhause zu sein. Sie

schloß nicht ganz. Eine Ritze zwischen den beiden Türflügeln deutete auf

etwas, was sich dahinter verborgen hielt. War das nicht der Coeur-Bube,

der da hervorlauerte? Irgend jemandes Auge blitzte, böse und

durchdringend.

Der Kater verfolgte mit seinen weit aufgerissenen, grünen Augen jede

Bewegung Peredonoffs. Zuweilen zwinkerte er ihm zu, zuweilen miaute er

unheimlich. Augenscheinlich hatte er die Absicht, Peredonoff zu

überführen, konnte es aber nicht und ärgerte sich darüber. Peredonoff

vermied ihn nach Möglichkeit, aber der Kater war nicht fortzukriegen.

Das graue, gespenstische Tierchen lief unter allen Stühlen, in alle

Winkel und quiekte. Es war schmutzig, widerwärtig, fürchterlich und

stank. Es war doch klar, daß es ihm feindlich gesinnt war; nur um

seinetwillen war es gekommen, denn früher war es nie und nirgends zu

sehen gewesen. Man hatte es geschaffen, -- und besprochen. Nun lebte es

da, -- ihn zu ängstigen, ihn zu verderben, dieses gespenstische, alles

sehende Tier; -- es verfolgt ihn, es betrügt ihn, es lacht ihn aus; --

bald rollt es über den Boden, bald krallt es sich an einen Fetzen, ein

Band, einen Zweig, eine Fahne, eine Wolke, ein Hündchen, in die

Staubwirbel auf den Straßen, und überall kriecht und läuft es ihm nach,

-- ganz zerquält hat es ihn, ganz ermattet mit seinen schaukelnden,

unruhigen Bewegungen. Würde ihn nur jemand davon befreien, mit irgend

einem Wort, oder mit einem plötzlichen, starken Schlag. Aber er hat

keine Freunde; niemand wird ihn retten; er muß selber listig und schlau

sein; es vernichten, noch bevor es ihn umgebracht hat.

Peredonoff erfand ein Mittel: er bestrich alle Böden mit Leim, da mußte

das graue Tierchen ankleben. Die Schuhsohlen klebten wohl an und

Warwaras nachschleppende Kleider, aber das graue, gespenstische Tierchen

rollte vergnügt und frei hin und her, und schüttelte sich vor Lachen.

Warwara schimpfte böse ...

* * * * *

Peredonoff lebte ganz im Banne der aufdringlichen, schrecklichen

Vorstellung, verfolgt zu werden. Er selbst vertiefte sich immer mehr in

die Welt seiner unheimlichen Wahnideen. Das zeigte sich auch deutlich an

seinem Gesicht: es war eine unbewegliche Larve des Entsetzens.

Am Abend ging er nicht mehr zum Billard. Nach dem Mittagessen schloß er

sich im Schlafzimmer ein, verbarrikadierte die Tür mit Stühlen und

anderen Gegenständen, bekreuzte sich sehr andächtig, sprach

Beschwörungsformeln her, und setzte sich dann an den Tisch, um

Denunziationen zu schreiben; er denunzierte jeden, an den er sich gerade

zufällig erinnerte. Aber er denunzierte nicht nur Menschen, -- auch die

Damen des Kartenspiels. Gleich, wenn er mit dem Schreiben zu Ende

gekommen war, brachte er das Schriftstück zum Gendarmerieoffizier. Und

so verbrachte er einen Abend nach dem andern.

Vor seinen Augen blinkten alle Figuren des Kartenspiels, als lebten sie,

-- die Könige, die Damen, die Buben. Auch die einfachen Karten lebten.

Das waren Menschen mit Knöpfen: Gymnasiasten, Schutzleute. Das Aß -- ist

ein ganz Dicker, mit vortretendem Bauch, fast nur ein Bauch. Manchmal

verwandelten sich die Karten in ihm bekannte Leute. Das Lebendige und

diese sonderbaren Ausgeburten seiner Furcht vermengten sich zu einer

Vorstellung.

Peredonoff war fest davon überzeugt, daß der Bube hinter der Tür steht

und wartet, und daß dieser Bube über dieselbe Kraft und Macht verfügt

wie etwa ein Schutzmann, er kann einen abführen in irgend eine

fürchterliche Wachtstube. Unter dem Tische sitzt aber das graue,

gespenstische Tierchen. Und Peredonoff fürchtete sich, unter den Tisch

oder hinter die Tür zu blicken.

Die Achten waren lauter Wildfänge, die Peredonoff neckten, -- das waren

verwandelte Gymnasiasten. Sie hoben ihre Beine mit merkwürdig leblosen

Bewegungen, wie zwei Zirkelhälften, -- ihre Beine waren aber mit Haaren

bewachsen und hatten Hufe statt der Füße. Anstelle der Schwänze wuchsen

ihnen Ruten und die Jungen schwangen sie pfeifend hin und her und

quiekten durchdringend bei jeder Bewegung. Das graue, gespenstische

Tierchen grunzte unter dem Tisch und freute sich über die Lustbarkeit

dieser Achten.

Peredonoff dachte wütend daran, daß das graue, gespenstische Tierchen

sich nicht unterstehen würde einen Vorgesetzten etwa zu belästigen.

Man wird es nicht hereinlassen, dachte er voll Neid, die Lakaien werden

es mit ihren Besen hinaustreiben.

Endlich konnte Peredonoff das böse und gemeine, piepende Gelächter des

Tieres nicht mehr ertragen. Er holte ein Beil aus der Küche und

zertrümmerte den Tisch, unter dem es saß. Das Tierchen piepte jämmerlich

und gereizt, warf sich zur Seite und rollte davon. Peredonoff zitterte.

Es wird beißen, dachte er, schrie auf vor Entsetzen und ließ sich in

einen Stuhl fallen. Aber das graue Tierchen war friedlich verschwunden.

Nicht für lange ...

Manchmal nahm Peredonoff die Karten, und -- mit einem bösen,

haßerfüllten Ausdruck im Gesicht, -- zerstach er mit seinem Federmesser

die Köpfe in den Bildern. Besonders den Damen. Wenn er die Könige

zerschnitt, blickte er ängstlich um sich, ob keiner es sähe, der ihn

dann eines politischen Verbrechens anklagen könnte. Aber auch diese

Maßregeln halfen nur für kurze Zeit. Wenn Gäste kamen, mußten neue

Karten gekauft werden und bald fuhren die Spione in die neuen Karten.

Schon begann Peredonoff sich für einen heimlichen Verbrecher zu halten.

Er bildete sich ein, daß er von seiner Studentenzeit an unter

polizeilicher Aufsicht gestanden habe. Darum, dachte er, verfolgt man

mich auch. Das entsetzte ihn und machte ihn hochmütig.

Ein Zugwind bewegte die Tapeten. Sie raschelten leise und bösartig, und

leichte Halbschatten glitten über ihr buntes Muster. Da! Hinter der

Tapete versteckt sich der Spion! dachte Peredonoff.

Böse Leute, dachte er traurig, nicht umsonst haben sie die Tapeten so

lose an die Wand geheftet, damit der flache, geschmeidige und geduldige

Bösewicht sich dahinter verbergen kann. Man kennt solche Beispiele von

früher her.

Trübe Erinnerungen wurden in ihm lebendig. Irgend jemand versteckte sich

hinter der Tapete, irgend jemand wurde erdolcht. War es nun mit einer

Pfrieme oder mit einem Dolch?

Peredonoff kaufte sich eine Pfrieme. Als er nach Hause kam, bewegten

sich die Tapeten ungleichmäßig, wie aufgeregt, -- der Spion fühlte die

Gefahr und wollte vielleicht irgendwohin fortkriechen. Ein Schatten

flackerte auf, sprang an die Decke und drohte und zuckte dort oben.

Peredonoff kochte vor Wut. Weit ausholend stieß er mit der Pfrieme in

die Tapete. Ein Zittern lief durch die Wand; Peredonoff brüllte

triumphierend auf und begann zu tanzen, die Pfrieme in der Hand

schwingend. Warwara kam herein.

»Warum tanzst du allein, Ardalljon Borisowitsch?« fragte sie, mit dem

gewohnten, stumpfen und gemeinen Lächeln auf den Lippen.

»Ich schlug eine Wanze tot,« erklärte Peredonoff verdrießlich.

Seine Augen funkelten in wilder Freude. Doch eins war nicht gut: es roch

so entsetzlich. Der erstochene Spion faulte und stank hinter der Tapete.

Entsetzen und Jubel schüttelten Peredonoff: -- er hatte einen Feind

erschlagen.

Durch diesen Mord war sein Herz hart, ganz hart geworden. Denn der

eingebildete Mord war in Peredonoffs Vorstellung ein wirklich

geschehener Mord. Ein sinnloser Schauder hatte ihn gepackt und reifte in

ihm die Bereitschaft zum Verbrechen. Und die unbewußte, dunkle, sich in

den niedrigsten Instinkten seines Seelenlebens verbergende Vorstellung

von einem bevorstehenden Morde, der quälende Drang zum Morde, dieser

Zustand seiner ursprünglichen Bosheit, -- knechtete seinen frevlerischen

Willen. Noch geknechtet, -- wie viele Geschlechter trennen uns vom

Urvater Kain! -- suchte sich dieser Drang Befriedigung im Zerbrechen und

Verderben von allerhand Gegenständen, im Zuhauen mit der Axt, im

Schneiden mit dem Messer, darin, daß er die Bäume im Garten fällte,

damit der Spion nicht hinter ihnen vorgucken konnte. Und an dieser

Zerstörungswut freute sich der uralte Dämon, der Geist der vorzeitlichen

Verwirrung, das morsche Chaos, während die wilden Augen des wahnsinnigen

Menschen ein Entsetzen widerspiegelten, nur vergleichbar dem Entsetzen

fürchterlichster Qualen vor dem Tode.

Und immer wiederholten sich dieselben und dieselben Schrecken und

quälten ihn.

Warwara machte sich gelegentlich lustig über Peredonoff und schlich an

die Tür jenes Zimmers, in dem er saß und redete mit verstellter Stimme.

Er bebte vor Furcht, ging leise, leise, um den Feind zu fangen, -- und

fand Warwara.

»Mit wem flüsterst du?« fragte er sie bedrückt.

Warwara schmunzelte und sagte:

»Das scheint dir nur so, Ardalljon Borisowitsch!«

»Alles kann mir doch nicht nur scheinen,« murmelte er traurig, »es gibt

doch eine Wahrheit in der Welt.«

Ja! Auch Peredonoff suchte nach dieser Wahrheit, folgend der

Gesetzmäßigkeit eines jeden bewußten Lebens, und dieses Suchen quälte

ihn. _Ihm_ war es unbewußt, daß er, so wie alle Menschen, nach der

Wahrheit verlangte, und darum war seine Unruhe so verworren und düster.

Er konnte die Wahrheit für sich nicht finden, und hatte sich verirrt und

kam um.

* * * * *

Schon begannen die Bekannten Peredonoff mit der Fälschung zu necken. Mit

der in unserer Stadt eigentümlichen Grobheit den Schwachen gegenüber

sprach man in seiner Gegenwart von dem Betrug.

Die Prepolowenskaja fragte spöttisch lächelnd:

»Wann werden Sie eigentlich Ihre Inspektorstelle beziehen, Ardalljon

Borisowitsch?«

Warwara antwortete der Prepolowenskaja für ihn, mit verhaltener Wut:

»Wenn die Ernennung eintrifft, werden wir fahren.«

Peredonoff wurde durch diese Fragen noch trauriger:

Wie soll ich denn leben, wenn man mir keine Stelle gibt? dachte er.

* * * * *

Er schmiedete immer neue Pläne zur Abwehr seiner Feinde. Er stahl aus

der Küche das Beil und versteckte es unter dem Bett. Er kaufte sich ein

schwedisches Messer und trug es stets bei sich in der Tasche. Immer

schloß er sich ein. Zur Nacht legte er Schlageisen rings um das Haus,

auch in die Zimmer, und sah dann nach, ob sich niemand darin gefangen

hatte.

Diese Schlageisen waren natürlich so konstruiert, daß sich nie ein

Mensch darin fangen konnte: sie klemmten wohl, hielten aber nicht fest,

und man konnte mit ihnen auf und davon gehen. Weder hatte Peredonoff

technische Kenntnisse, noch ein rasches Auffassungsvermögen. Als er sich

von Morgen zu Morgen davon überzeugte, daß sich niemand gefangen hatte,

glaubte er, seine Feinde hätten die Schlageisen verdorben. Und das

erschreckte ihn wieder.

Peredonoff beobachtete ganz besonders scharf Wolodin. Oft ging er zu

Wolodin, wenn er wußte, daß dieser nicht zu Hause war, -- und stöberte

bei ihm, ob er ihm nicht irgendwelche wichtigen Papiere gestohlen hätte.

* * * * *

Peredonoff begann zu erraten, was die Fürstin eigentlich wollte,

nämlich, daß er ihr wieder seine Liebe zuwenden sollte. Sie war ihm

widerlich und ekelhaft.

Hundertfünfzig Jahre ist sie alt, dachte er wütend.

Ja, alt ist sie, dachte er, aber wie mächtig ist sie doch! Und seinem

Widerwillen paarte sich das Verführerische. Sie ist nur ganz wenig warm

und riecht ein bißchen nach Leichen, -- stellte Peredonoff sie sich vor

und erstarb in wilden, wollüstigen Schauern.

Vielleicht kann ich mich mit ihr einigen, und sie wird sich erbarmen.

Soll ich ihr einen Brief schreiben?

Und diesmal überlegte Peredonoff nicht lange und verfaßte einen Brief an

die Fürstin. Er schrieb:

»Ich liebe Sie, weil Sie kalt und fern sind. Warwara schwitzt; es ist

heiß, mit ihr zusammen zu schlafen; es weht von ihr, wie von einem Ofen.

Ich wünsche mir eine kalte und ferne Geliebte. Kommen Sie hierher und

entsprechen Sie meinen Wünschen.«

Er schickte den Brief ab und bereute es. Was wird da herauskommen?

Vielleicht durfte ich nicht schreiben, dachte er, vielleicht mußte ich

warten, bis die Fürstin selber kommt.

Dieser Brief war so zufällig geschrieben, wie Peredonoff vieles zufällig

tat, -- wie ein Toter, der durch äußere Gewalten bewegt wird, aber diese

Gewalten gehen nur ungern daran, sich mit ihm abzugeben: -- die eine

Kraft spielt mit dem Kadaver und überläßt ihn dann einer anderen.

Bald erschien auch das graue, gespenstische Tierchen, -- es tummelte

sich lange Zeit um Peredonoff, wie auf einem Lasso, und neckte ihn

immerzu. Und ganz lautlos war es geworden und lachte nur, am ganzen

Körper bebend. Aber es flammte auf in trübgoldnen Funken, -- das böse,

zudringliche Tier, -- es drohte und brannte in unerträglichem Triumphe.

Und der Kater bedrohte Peredonoff, er funkelte mit den Augen und miaute

unverschämt und drohend.

Worüber freuen sie sich? dachte Peredonoff betrübt und begriff

plötzlich: das Ende ist nahe. Die Fürstin ist schon hier, nah, ganz nah.

Vielleicht in diesem Kartenspiel.

Unzweifelhaft, -- sie ist es, -- die Pik- oder die Coeurdame. Vielleicht

versteckt sie sich auch im anderen Spiel oder hinter anderen Karten, und

wer sie ist, -- man weiß es nicht. Das Unglück wollte es, daß Peredonoff

sie nie gesehen hatte. Warwara zu fragen, lohnte nicht, -- sie würde

doch lügen.

Endlich beschloß Peredonoff, das ganze Spiel zu verbrennen. Mögen sie

alle verbrennen. Wenn sie ihm zum Trotz sich in die Karten verkriechen,

so sind sie auch allein an allem schuld.

Peredonoff paßte eine Zeit ab, als Warwara nicht zu Hause war, und als

der Ofen im Saal geheizt wurde, -- und warf die Karten, das ganze Spiel,

-- in den Ofen.

Sprühend entfalteten sich nie gesehene, blaßrote Blumen, -- und

brannten, und ihre Ränder verkohlten. Peredonoff blickte voller

Entsetzen auf diese flammenden Blumen.

Die Karten krümmten sich, warfen sich, bewegten sich, als wollten sie

aus dem Feuer herausspringen. Peredonoff ergriff den Schürhaken und hieb

auf die Karten ein. Kleine, grelle Funken sprühten auf, und plötzlich

erhob sich mitten aus dem Feuertanz der bösen, blendenden Funken, -- die

Fürstin, -- eine kleine, aschgraue Frau, ganz umschüttet von

erstickenden Flammen: sie schrie durchdringend mit ihrem feinen

Stimmchen, zischte und spuckte in die Glut.

Peredonoff stürzte zu Boden und brüllte auf vor Entsetzen. Dunkelheit

umfing ihn, kitzelte ihn und lachte mit tausend raunenden Stimmen.

Der kleine Dämon · 第 22 / 36 题