Peredonoffs Kater war ganz verwildert, er fauchte, hörte nicht, wenn man
ihn rief, -- und war durch nichts anzulocken. Peredonoff fürchtete sich
vor ihm. Manchmal murmelte er Beschwörungsformeln.
Aber kann das helfen? dachte er. Der Kater hat eine zu starke
Elektrizität im Fell, -- das ist eben das Unglück.
Einmal kam er auf den Gedanken, den Kater scheren zu lassen.
Gedacht -- getan. Warwara war nicht zu Hause, -- sie war zur Gruschina
gegangen und hatte sich ein Fläschchen Kirschlikör in die Tasche
gesteckt, -- so konnte ihn niemand stören. Peredonoff band den Kater an
eine Schnur, -- aus einem Taschentuch drehte er ein Halsband, -- und
führte ihn zum Friseur.
Der Kater miaute wild, sprang nach rechts, nach links, stemmte sich
entgegen. In seiner Verzweiflung warf er sich einigemal auf Peredonoff,
-- aber Peredonoff hielt ihn mit seinem Spazierstock fern. Die
Gassenjungen liefen in Scharen hinterdrein, schrien und lachten. Die
Vorübergehenden blieben stehen. Man steckte die Köpfe zum Fenster
hinaus. Peredonoff schleifte den Kater an der Schnur und ließ sich durch
nichts aus der Fassung bringen.
Endlich war er beim Friseur und sagte:
»He, rasieren Sie mal den Kater, aber ganz glatt.«
Die Jungen waren in Haufen vor der Tür stehen geblieben und krümmten
sich vor Lachen. Der Friseur war beleidigt und wurde rot. Er sagte, --
und seine Stimme zitterte leise:
»Entschuldigen Sie, mein Herr, das ist nicht unseres Amtes. Zudem habe
ich nie einen rasierten Kater gesehn. Das wird wohl die neueste Mode
sein, die noch nicht bis zu uns gedrungen ist.«
Peredonoff hörte ihm zu in blödem Nichtverstehen. Er rief:
»Charlatan! Sag lieber -- ich kann es nicht!«
Dann ging er wieder, den unnatürlich schreienden Kater hinter sich
herzerrend. Unterwegs dachte er betrübt, daß überall und immer alle Welt
über ihn lache, keiner wolle ihm behilflich sein. Der Kummer schnürte
ihm die Brust.
* * * * *
Peredonoff, Wolodin und Rutiloff waren in den »Garten« gekommen um
Billard zu spielen. Der Marqueur berichtete verlegen:
»Heute kann nicht gespielt werden, meine Herren.«
»Und warum nicht?« fragte Peredonoff gereizt, »_wir_ -- sollen nicht
spielen dürfen.«
»Es verhält sich nämlich so, ich bitte um Entschuldigung, daß keine
Bälle da sind,« sagte der Marqueur.
»Hast sie durchgebracht, Halunke,« hörte man hinter der Lette den
Buffetier schreien.
Der Marqueur zuckte zusammen und bewegte plötzlich die roten Ohren,
gleichsam eine hasenartige Bewegung, und flüsterte:
»Man hat sie gestohlen.«
Peredonoff rief erschreckt:
»Nanu! wer hat sie gestohlen?«
»Unbekannt -- wer, --« meldete der Marqueur. »Es ist kein Mensch da
gewesen, und plötzlich sind die Bälle verschwunden.«
Rutiloff kicherte und rief:
»Nette Anekdote -- das!«
Wolodin zog ein gekränktes Gesicht und machte dem Marqueur Vorwürfe:
»Wenn man bei Ihnen die Bälle zu stehlen beliebt, Sie aber sich
unterdessen irgendwo anders aufzuhalten belieben, die Bälle also
sozusagen verschwunden sind, so hätten Sie die Pflicht gehabt,
unverzüglich neue Bälle zu beschaffen, damit wir spielen können. Wir
kamen und wollten spielen; wenn aber keine Bälle da sind, -- womit
sollen wir dann spielen?«
»Schwatz nicht, Pawluschka,« sagte Peredonoff, »einem wird auch ohne
dich übel. Such die Bälle, Marqueur! Wir müssen unbedingt spielen;
unterdessen bring zwei Pullen Bier.«
Man trank Bier. Es war aber doch langweilig. Die Bälle ließen sich nicht
finden. Man schimpfte einander, schalt den Marqueur. Dieser schwieg
schuldbewußt.
Im Diebstahl glaubte Peredonoff eine neue feindliche Intrige sehen zu
müssen.
Warum? dachte er betrübt und verstand nicht.
Er ging in den Garten und setzte sich auf eine Bank, die dicht am Teiche
stand, -- hier hatte er noch nie gesessen, -- und stierte stumpfsinnig
auf das mit Entengrün bezogene Wasser. Wolodin setzte sich neben ihn,
teilte seinen Kummer und blickte mit seinen Schafsaugen auf den Teich.
»Warum liegt dieser schmutzige Spiegel hier, Pawluschka?« fragte
Peredonoff und wies mit dem Stock auf den Teich.
Wolodin bleckte die Zähne und sagte:
»Das ist kein Spiegel, Ardascha; das ist ein Teich. Sintemal es eben
windstill ist, spiegeln sich in ihm die Bäume; darum sieht es so aus,
als läge hier ein Spiegel.«
Peredonoff sah auf. Hinter dem Teich war ein Zaun, der den Garten von
der Straße trennte. Peredonoff fragte wieder:
»Warum sitzt der Kater auf dem Zaun?«
Wolodin blickte in dieselbe Richtung und sagte kichernd:
»Er war, er ist nicht mehr.«
Tatsächlich lebte der Kater nur in Peredonoffs Einbildung, -- ein Kater
mit weitaufgerissenen, grünen Augen, -- sein verschlagener,
unermüdlicher Feind. Wieder mußte Peredonoff an die Bälle denken.
Wer braucht sie? Hatte das graue, gespenstische Tierchen sie
aufgefressen? War es darum heute nirgends zu sehen, -- dachte er. -- Es
hat sich vollgefressen, hat sich irgendwohin gewälzt und schläft jetzt.
Niedergeschlagen schlich Peredonoff nach Hause. Der Abend war im
Erlöschen. Ein Wölkchen zog irrend am Himmel, schlich heran, -- Wolken
gehen so leise, -- hielt Umschau. Auf seinen dunklen Rändern spielte ein
rätselhafter, tiefer Glanz. Ueber dem Flüßchen, das zwischen Garten und
Stadt floß, zitterten die Schatten der Häuser und Gebüsche, sie
flüsterten, suchten irgend jemand.
Und auf den Straßen dieser düstren, ewig feindlichen Stadt begegneten
nur böse, spöttische Menschen. Alles verband sich zu einer allgemeinen
Feindseligkeit gegen Peredonoff, -- die Hunde lachten ihn aus, und die
Menschen kläfften ihn an.
Die Damen der Stadt erwiderten Warwaras Besuch. Einige waren aus
fröhlicher Neugierde schon nach zwei, drei Tagen gekommen, um Warwara in
ihrer Häuslichkeit zu sehen. Andere wieder ließen eine Woche und mehr
verstreichen. Und manche kamen überhaupt nicht, -- so zum Beispiel die
Werschina.
Peredonoffs erwarteten täglich mit größter Ungeduld die Gegenbesuche und
zählten nach, wer noch nicht gekommen war. Ganz besonders ungeduldig
erwarteten sie den Direktor und dessen Frau. Sie warteten und regten
sich ungeheuer auf, -- denn wie, -- wenn die Chripatschs überhaupt nicht
kämen!
Es verging eine Woche; sie waren nicht gekommen. Warwara wütete und
schimpfte. Peredonoff kam vor lauter Erwartung in eine gequälte
Stimmung.
Seine Augen waren ganz stumpf geworden, als wären sie erloschen; und
manchmal schien es -- es wären die Augen eines Toten. Eine sinnlose
Furcht marterte ihn. Ohne jeden ersichtlichen Grund fürchtete er sich
plötzlich vor diesen und jenen Gegenständen. Ihm war der quälende
Gedanke gekommen, man wolle ihn erstechen; er fürchtete sich vor allem
Geschliffenen und versteckte Messer und Gabeln.
Vielleicht, -- dachte er, -- sind sie besprochen und verhext. Man könnte
zufällig in ein Messer rennen.
»Wozu hat man Messer?« sagte er zu Warwara. »Die Chinesen essen doch mit
Stäbchen.«
Aus diesem Grunde wurde eine Woche lang kein Fleisch gebraten, -- man
begnügte sich mit Kohl und Grütze.
Um sich an Peredonoff für die, vor der Trauung ausgestandenen Aengste zu
rächen, bekräftigte ihn Warwara hie und da in der Ueberzeugung, daß
seine Befürchtungen nicht grundlos wären. Sie sagte ihm, er hätte viele
Feinde, und wie wäre es auch möglich, daß man ihn nicht beneiden sollte?
Mehr als einmal ängstigte sie ihn damit, daß man ihn sicher denunziert
und ihn bei den vorgesetzten Behörden und bei der Fürstin angeschwärzt
hätte. Sie freute sich, wenn er sich augenscheinlich fürchtete.
Für Peredonoff schien es festzustehen, daß die Fürstin mit ihm
unzufrieden war. Warum hatte sie zur Trauung weder ein Heiligenbild,
noch Salz und Brot geschickt? Er dachte: man muß ihr Wohlwollen
verdienen; aber wodurch? Durch eine Lüge etwa? Sollte er
Klatschgeschichten verbreiten, jemanden denunzieren? Alle Damen lieben
den Klatsch, -- man müßte sich über Warwara etwas Unanständiges
ausdenken und der Fürstin davon schreiben. Sie wird lachen und ihm eine
Stelle verschaffen.
Aber Peredonoff brachte es nicht fertig so einen Brief zu schreiben,
auch fürchtete er sich, an die Fürstin selbst zu schreiben. Und bald
vergaß er diesen Einfall.
Die gewöhnlichen Gäste bewirtete Peredonoff mit Schnaps und ganz
billigem Portwein. Für den Direktor hatte er aber eine Flasche Madeira
für drei Rubel gekauft. Peredonoff hielt diesen Wein für etwas
außerordentlich Kostbares, verwahrte ihn im Schlafzimmer, zeigte ihn nur
den Gästen und sagte:
»Für den Direktor.«
Einmal, als Rutiloff und Wolodin bei Peredonoff waren, zeigte er ihnen
den Madeira.
»Diese äußerliche Betrachtung mundet nicht,« sagte Rutiloff kichernd. --
»Gib uns lieber davon zu trinken.«
»Was nicht gar!« antwortete Peredonoff böse. »Was soll ich dann dem
Direktor anbieten?«
»Der Direktor wird Schnaps trinken,« sagte Rutiloff.
»Ein Direktor trinkt keinen Schnaps; für einen Direktor schickt es sich,
Madeira zu trinken,« sagte Peredonoff nachdrücklich.
»Wenn er aber doch gerne Schnaps trinkt,« beharrte Rutiloff.
»Das fehlte noch! ein General wird nie Schnaps mögen,« sagte Peredonoff
sicher.
»Immerhin, gib nur her,« drängte Rutiloff.
Peredonoff brachte die Flasche eilig fort und man hörte, wie das Schloß
am Schränkchen, in dem er den Wein verwahrte, knirschte. Als er wieder
zurückkam, wechselte er das Thema und sprach von der Fürstin. Er sagte
verdrießlich:
»Die Fürstin! Auf einem Bazar hat sie mit faulen Aepfeln gehandelt und
den Fürsten geködert.«
Rutiloff lachte laut und sagte:
»Seit wann treiben sich Fürsten auf Bazaren herum?«
»Einerlei. Sie hat ihn angelockt,« sagte Peredonoff.
»Das denkst du dir aus, Ardalljon Borisowitsch,« widersprach Rutiloff.
»Das ist nie vorgekommen. Die Fürstin ist eine angesehene Dame.«
Peredonoff blickte ihn wütend an und dachte: er verteidigt sie; er
steckt mit ihr unter einer Decke. Die Fürstin hat ihn behext, wenn sie
auch noch so weit von hier fort ist.
Aber das kleine, gespenstische Tierchen tummelte sich; es lachte lautlos
und zitterte an allen Gliedern vor lauter Lachen. Es erinnerte
Peredonoff an viele schreckliche Sachen. Aengstlich blickte er sich um
und flüsterte:
»In jeder Stadt befindet sich ein geheimer Gendarmunteroffizier. Er geht
in Zivil, dient oder handelt irgendwo oder tut sonst was; aber in der
Nacht, wenn alles schläft, zieht er seine blaue Uniform an und geht
stracks zum Gendarmerieoffizier.«
»Warum denn in Uniform?« erkundigte sich Wolodin sachlich.
»Zum Vorgesetzten darf man nicht in Zivil. Dafür wird geprügelt,«
erklärte Peredonoff.
Wolodin kicherte. Peredonoff beugte sich dicht zu ihm und flüsterte:
»Manchmal lebt er sogar in anderer Gestalt. Man glaubt -- es ist ein
simpler Kater, -- keine Spur! Es ist der Gendarm. Vor dem Kater kann man
nichts verbergen, er hört und hört alles.«
* * * * *
Endlich, nach anderthalb Wochen, machte die Frau Direktor ihren
Gegenbesuch. An einem Wochentage um vier Uhr kam sie -- schön gekleidet,
liebenswürdig, nach süßen Veilchen duftend, -- zusammen mit ihrem Manne,
angefahren, -- für Peredonoffs ganz unerwartet: diese hatten Chripatschs
aus irgend einem Grunde an einem Feiertag und viel früher erwartet.
Alles ging durcheinander. Warwara war halbangekleidet und ungewaschen in
der Küche. Sie lief schnell, sich zurechtzumachen, während Peredonoff
die Gäste empfing und den Eindruck eines Menschen machte, der eben erst
aufgewacht ist.
»Warwara kommt gleich,« murmelte er, »sie kleidet sich um. Sie kochte
gerade. Wir haben ein neues Mädchen, die kann noch nichts, sie ist eine
dumme Gans.«
Bald darauf kam Warwara, nachlässig gekleidet; ihr Gesicht war rot und
erschreckt. Sie gab den Gästen ihre feuchte, unsaubere Hand und sprach
mit vor Aufregung zitternder Stimme:
»Verzeihen Sie, daß ich warten ließ, -- wir wußten nicht, daß Sie an
einem Wochentage kommen würden.«
»An Feiertagen fahre ich nur selten aus,« sagte Madame Chripatsch, »da
sind so viele Betrunkene auf den Straßen. Mögen die Dienstboten diesen
Tag für sich haben.«
Es entspann sich eine notdürftige Unterhaltung, und die
Liebenswürdigkeit der Frau Direktor ermunterte Warwara ein wenig. Die
Frau Direktor behandelte Warwara etwas von oben herab, doch freundlich,
-- wie etwa eine reumütige Sünderin, zu der man freundlich sein muß, an
der man sich aber noch beschmutzen kann. Sie gab Warwara einige
Verhaltungsmaßregeln über Kleidung und Einrichtung, aber nur
gesprächsweise.
Warwara gab sich alle Mühe, der Frau Direktor zu gefallen, aber ihre
roten Hände und die geplatzten Lippen zitterten noch vor Schrecken. Das
genierte die Frau Direktor. Sie bemühte sich, noch liebenswürdiger zu
sein, aber ein unwillkürlicher Ekel befiel sie. Durch ihr ganzes
Verhalten gab sie es Warwara deutlich zu verstehen, daß ein näherer
Verkehr zwischen ihnen ausgeschlossen war. Da dies aber in sehr
zuvorkommender Form geschah, so verstand es Warwara nicht und lebte im
Glauben, sie und die Frau Direktor würden gute Freunde werden.
Chripatsch erinnerte in seinem Verhalten an einen Menschen, der sich
ganz deplaziert vorkommt; aber gewandt und männlich suchte er das zu
verbergen. Den Madeira trank er nicht: er wäre es nicht gewohnt, um
diese Stunde Wein zu trinken. Man redete über die städtischen
Neuigkeiten, über den bevorstehenden Wechsel im Bezirksgericht. Es war
aber nur zu deutlich zu merken, daß er und Peredonoff in zwei einander
feindlich gegenüberstehenden Gesellschaftsschichten verkehrten.
Sie blieben nicht lange.
Warwara war froh, als sie wieder gingen: nun, sie sind gekommen und sind
bald gegangen. Sie zog sich um und sagte fröhlich:
»Gott sei Dank, sie sind fort. Ich wußte ja gar nicht, was ich sprechen
sollte. Es ist schon so, wenn man jemand nur flüchtig kennt, so weiß man
gar nicht, von welcher Seite man anpacken soll.«
Dann fiel es ihr ein, daß die Chripatschs sie beim Fortgehen nicht
eingeladen hatten. Das verwirrte sie zuerst; dann dachte sie:
»Sie werden eine Einladung schicken, wann man sie besuchen darf. Diese
Herrschaften haben ihre besonderen Stunden. Ich müßte eigentlich
Französisch kläffen lernen. Auf Französisch kann ich nicht a und b
sagen.«
* * * * *
Zu Hause sagte die Frau Direktor zu ihrem Mann:
»Sie ist eine ganz traurige, hoffnungslos tief stehende Person; es ist
ganz unmöglich, sie als seinesgleichen zu betrachten. Nichts in ihr
entspricht ihrer sozialen Stellung.«
Chripatsch antwortete:
»Sie steht ganz auf einer Stufe mit ihrem Manne. Ich erwarte es mit
Ungeduld, daß er versetzt wird.«
Nach ihrer Verheiratung verlegte sich Warwara aufs Trinken. Sie trank
mit der Gruschina oft zusammen. Einmal, -- die Prepolowenskaja war
gerade anwesend, und Warwara hatte einen leichten Rausch, --
verschwatzte sie sich, als sie vom Brief erzählte. Zwar hatte sie nicht
alles gesagt, immerhin aber recht deutliche Andeutungen gemacht. Der
schlauen Sophie genügte das vollkommen, -- wie Schuppen fiel es ihr von
den Augen.
Wie bin ich nur nicht gleich darauf gekommen! machte sie sich den
stillen Vorwurf.
Unter dem Siegel der Verschwiegenheit erzählte sie der Werschina von den
gefälschten Briefen, -- und so ging es wie ein Lauffeuer durch die
Stadt.
Wenn die Prepolowenskaja Peredonoff traf, so konnte sie nicht umhin, ihn
wegen seiner Leichtgläubigkeit auszulachen. Sie sagte:
»Wie sind Sie doch einfältig, Ardalljon Borisowitsch.«
»Ich bin nicht einfältig,« antwortete er, »ich bin Kandidat der
Universität[11].«
»Nun ja -- Kandidat; aber wem es gerade einfällt, der haut Sie übers
Ohr.«
»Das tue ich selber, daß ich die Leute übers Ohr haue,« verteidigte sich
Peredonoff.
Die Prepolowenskaja lächelte verschlagen und wich aus. Peredonoff konnte
nichts verstehen, -- wie kam sie nur darauf? Aus Bosheit! dachte er,
alle Menschen sind mir feind.
Und er drohte hinter ihrem Rücken mit der Faust.
Nichts hast du gewonnen, versuchte er sich zu beruhigen.
Aber die Angst quälte ihn.
Der Prepolowenskaja schien es, als wären diese Andeutungen zu wenig.
Andererseits wollte sie ihm nicht reinen Wein einschenken. Was sollte
ihr an einem Streit mit Warwara liegen? Von Zeit zu Zeit richtete sie
anonyme Briefe an Peredonoff, in denen sie deutlicher wurde. Aber
Peredonoff verstand noch immer nicht.
[Fußnote 11: Entspricht dem deutschen Doktortitel.]
Einmal schrieb sie ihm:
»Sehen Sie zu, ob jene Fürstin, die Ihnen die Briefe geschrieben hat,
nicht hier am Orte lebt.«
Peredonoff glaubte, die Fürstin selber wäre gekommen, um ihn zu
beobachten. Wahrscheinlich hat sie sich in mich vergafft und will mich
Warwara abspenstig machen.
Diese Briefe erschreckten und ärgerten Peredonoff. Er setzte Warwara zu:
»Wo ist die Fürstin? Man sagt, sie wäre hier.«
Warwara, sich rächend für alles Frühere, quälte ihn mit Andeutungen,
feigen, bösen Ausreden und Sticheleien. Gemein lächelnd, sagte sie mit
falscher Stimme, wie man etwa dann spricht, wenn man wissentlich lügt
und auf kein Vertrauen rechnen kann:
»Wie soll ich wissen, wo die Fürstin jetzt lebt.«
»Du lügst! Du weißt es!« sagte Peredonoff ganz entsetzt.
Er wußte nicht, ob er dem Sinn ihrer Worte glauben sollte oder dem
verräterischen Tonfall ihrer Stimme, -- und das ängstigte ihn, wie
alles, was er nicht begreifen konnte. Warwara entgegnete:
»Wieso denn! Vielleicht ist sie aus Petersburg fortgefahren, -- sie hat
mich doch nicht um Erlaubnis zu fragen.«
»Aber vielleicht ist sie wirklich hier?« fragte Peredonoff
eingeschüchtert.
»Vielleicht ist sie wirklich hier,« ahmte ihn Warwara nach. »Sie hat
sich in dich vergafft und ist hergekommen, um sich an dir sattzusehen.«
Peredonoff rief:
»Du lügst! sie hat sich nicht in mich vergafft?«
Warwara lachte laut und boshaft.
Von jenem Tage an achtete Peredonoff aufmerksam darauf, ob er nicht
irgendwo die Fürstin sehen würde. Manchmal schien es ihm, als blickte
sie durch die Tür oder zum Fenster herein! -- sie beobachtet ihn, horcht
auf jedes Wort, sie tuschelt mit Warwara.
* * * * *
Die Zeit verging, aber die von Tag zu Tag erwartete Ernennung
Peredonoffs zum Inspektor traf nicht ein. Auch hörte man privaten
Erkundigungen zufolge nichts von einem vakanten Posten. Peredonoff wagte
es nicht, bei der Fürstin selber anzufragen, -- denn Warwara erschreckte
ihn stets damit, sie wäre eine sehr angesehene Dame. Und er hatte das
Gefühl, es würden ihm die größten Unannehmlichkeiten daraus entstehen,
wenn _er_ es versuchen würde, an sie zu schreiben. Er wußte zwar nicht,
was man ihm antun könnte, wenn die Fürstin ihn verklagen würde, aber
gerade das war ihm besonders furchtbar. Warwara sagte:
»Kennst du denn die Aristokraten nicht? Warten, -- sie tun selber alles,
was nötig ist. Wirst du sie aber daran erinnern, -- so wird sie das
kränken, und das ist noch viel schlimmer. Sie haben ihre eigene Ehre!
sie sind stolz, sie lieben es, wenn man ihnen vertraut.«
Und Peredonoff glaubte noch immer. Aber er ärgerte sich über die
Fürstin. Zuweilen dachte er, daß sie ihn denunziert hätte, um sich ihrer
Versprechungen zu entledigen. Oder ihn denunziert hätte aus lauter
Eifersucht: _sie_ war in ihn verliebt, und _er_ hatte Warwara
geheiratet. Darum, dachte er, umringt sie mich mit Spionen, die mir
überall folgen und mich so beengen, daß ich keine Luft und kein Licht
habe. Nicht umsonst ist sie so vornehm. Sie kann alles, was sie will.
Aus Wut verbreitete er über die Fürstin die unglaublichsten Geschichten.
Er erzählte Rutiloff und Wolodin, er wäre früher ihr Liebhaber gewesen,
und sie hätte ihm große Summen Geldes gegeben.
»Ich habe alles vertrunken. Was zum Teufel sollte ich damit anfangen!
Sie hatte mir versprochen, mir eine Pension bis zum Lebensende zu
zahlen. Aber sie hat mich betrogen.«
»Hättest du das angenommen?« fragte Rutiloff und kicherte.
Peredonoff schwieg. Er verstand die Frage nicht. Dafür antwortete
Wolodin für ihn, als verständiger, solider Mann:
»Warum sollte er es nicht nehmen, wenn sie doch reich ist? Hat sie ihr
Vergnügen an ihm gehabt, so mag sie auch zahlen.«
»Wenn sie noch schön wäre!« sagte Peredonoff betrübt. »Sie ist aber
sommersprossig und hat eine Stülpnase. Das einzige war, daß sie gut
zahlte, sonst hätte ich mich nicht einmal entschließen können, dies
Luder anzuspucken. Sie _muß_ meine Bitte erfüllen.«
»Du lügst, Ardalljon Borisowitsch,« sagte Rutiloff.
»Ich lüge nicht. Etwa das, daß sie mir Geld gegeben hat? Glaubst du, ich
hätte es umsonst getan? Sie ist eifersüchtig auf Warwara, und darum
verschafft sie mir nicht die Stelle.«
Peredonoff schämte sich nicht einmal, wenn er davon sprach, daß die
Fürstin ihm Geld gegeben hatte. Wolodin war ein gläubiger Zuhörer und
merkte gar nicht, in was für dumme Widersprüche Peredonoff sich
verwickelte. Rutiloff widersprach wohl, dachte aber, daß es ohne Feuer
keinen Rauch gibt: irgend etwas, dachte er, hat Peredonoff mit der
Fürstin gehabt.
»Sie ist älter als der Köter eines Popen,« sagte Peredonoff
zuversichtlich, als wäre es etwas ganz Sachliches; »erzählt es nur
keinem weiter, -- kommt es ihr zu Ohren, so geht es mir schlecht. Sie
schminkt sich und spritzt sich Tau in die Adern, um jung zu bleiben. Man
sieht es ihr auch nicht an, daß sie alt ist. Sie ist aber schon hundert
Jahre alt.«
Wolodin schüttelte nur den Kopf und schmatzte mit den Lippen. Er glaubte
alles.
Am folgenden Tage nach diesem Gespräch mußte Peredonoff in einer Klasse
die Krjiloffsche Fabel »Der Lügner« lesen lassen. Und einige Tage
hintereinander fürchtete er sich über die Brücke zu gehen, -- mietete
ein Boot und ließ sich hinüberfahren, -- die Brücke hätte ja unter ihm
einstürzen können. Er erklärte Wolodin:
»Was ich über die Fürstin erzählte, ist wahr. Aber die Brücke könnte es
nicht glauben und wird darüber einstürzen.«