XXIV

Peredonoffs Kater war ganz verwildert, er fauchte, hörte nicht, wenn man

ihn rief, -- und war durch nichts anzulocken. Peredonoff fürchtete sich

vor ihm. Manchmal murmelte er Beschwörungsformeln.

Aber kann das helfen? dachte er. Der Kater hat eine zu starke

Elektrizität im Fell, -- das ist eben das Unglück.

Einmal kam er auf den Gedanken, den Kater scheren zu lassen.

Gedacht -- getan. Warwara war nicht zu Hause, -- sie war zur Gruschina

gegangen und hatte sich ein Fläschchen Kirschlikör in die Tasche

gesteckt, -- so konnte ihn niemand stören. Peredonoff band den Kater an

eine Schnur, -- aus einem Taschentuch drehte er ein Halsband, -- und

führte ihn zum Friseur.

Der Kater miaute wild, sprang nach rechts, nach links, stemmte sich

entgegen. In seiner Verzweiflung warf er sich einigemal auf Peredonoff,

-- aber Peredonoff hielt ihn mit seinem Spazierstock fern. Die

Gassenjungen liefen in Scharen hinterdrein, schrien und lachten. Die

Vorübergehenden blieben stehen. Man steckte die Köpfe zum Fenster

hinaus. Peredonoff schleifte den Kater an der Schnur und ließ sich durch

nichts aus der Fassung bringen.

Endlich war er beim Friseur und sagte:

»He, rasieren Sie mal den Kater, aber ganz glatt.«

Die Jungen waren in Haufen vor der Tür stehen geblieben und krümmten

sich vor Lachen. Der Friseur war beleidigt und wurde rot. Er sagte, --

und seine Stimme zitterte leise:

»Entschuldigen Sie, mein Herr, das ist nicht unseres Amtes. Zudem habe

ich nie einen rasierten Kater gesehn. Das wird wohl die neueste Mode

sein, die noch nicht bis zu uns gedrungen ist.«

Peredonoff hörte ihm zu in blödem Nichtverstehen. Er rief:

»Charlatan! Sag lieber -- ich kann es nicht!«

Dann ging er wieder, den unnatürlich schreienden Kater hinter sich

herzerrend. Unterwegs dachte er betrübt, daß überall und immer alle Welt

über ihn lache, keiner wolle ihm behilflich sein. Der Kummer schnürte

ihm die Brust.

* * * * *

Peredonoff, Wolodin und Rutiloff waren in den »Garten« gekommen um

Billard zu spielen. Der Marqueur berichtete verlegen:

»Heute kann nicht gespielt werden, meine Herren.«

»Und warum nicht?« fragte Peredonoff gereizt, »_wir_ -- sollen nicht

spielen dürfen.«

»Es verhält sich nämlich so, ich bitte um Entschuldigung, daß keine

Bälle da sind,« sagte der Marqueur.

»Hast sie durchgebracht, Halunke,« hörte man hinter der Lette den

Buffetier schreien.

Der Marqueur zuckte zusammen und bewegte plötzlich die roten Ohren,

gleichsam eine hasenartige Bewegung, und flüsterte:

»Man hat sie gestohlen.«

Peredonoff rief erschreckt:

»Nanu! wer hat sie gestohlen?«

»Unbekannt -- wer, --« meldete der Marqueur. »Es ist kein Mensch da

gewesen, und plötzlich sind die Bälle verschwunden.«

Rutiloff kicherte und rief:

»Nette Anekdote -- das!«

Wolodin zog ein gekränktes Gesicht und machte dem Marqueur Vorwürfe:

»Wenn man bei Ihnen die Bälle zu stehlen beliebt, Sie aber sich

unterdessen irgendwo anders aufzuhalten belieben, die Bälle also

sozusagen verschwunden sind, so hätten Sie die Pflicht gehabt,

unverzüglich neue Bälle zu beschaffen, damit wir spielen können. Wir

kamen und wollten spielen; wenn aber keine Bälle da sind, -- womit

sollen wir dann spielen?«

»Schwatz nicht, Pawluschka,« sagte Peredonoff, »einem wird auch ohne

dich übel. Such die Bälle, Marqueur! Wir müssen unbedingt spielen;

unterdessen bring zwei Pullen Bier.«

Man trank Bier. Es war aber doch langweilig. Die Bälle ließen sich nicht

finden. Man schimpfte einander, schalt den Marqueur. Dieser schwieg

schuldbewußt.

Im Diebstahl glaubte Peredonoff eine neue feindliche Intrige sehen zu

müssen.

Warum? dachte er betrübt und verstand nicht.

Er ging in den Garten und setzte sich auf eine Bank, die dicht am Teiche

stand, -- hier hatte er noch nie gesessen, -- und stierte stumpfsinnig

auf das mit Entengrün bezogene Wasser. Wolodin setzte sich neben ihn,

teilte seinen Kummer und blickte mit seinen Schafsaugen auf den Teich.

»Warum liegt dieser schmutzige Spiegel hier, Pawluschka?« fragte

Peredonoff und wies mit dem Stock auf den Teich.

Wolodin bleckte die Zähne und sagte:

»Das ist kein Spiegel, Ardascha; das ist ein Teich. Sintemal es eben

windstill ist, spiegeln sich in ihm die Bäume; darum sieht es so aus,

als läge hier ein Spiegel.«

Peredonoff sah auf. Hinter dem Teich war ein Zaun, der den Garten von

der Straße trennte. Peredonoff fragte wieder:

»Warum sitzt der Kater auf dem Zaun?«

Wolodin blickte in dieselbe Richtung und sagte kichernd:

»Er war, er ist nicht mehr.«

Tatsächlich lebte der Kater nur in Peredonoffs Einbildung, -- ein Kater

mit weitaufgerissenen, grünen Augen, -- sein verschlagener,

unermüdlicher Feind. Wieder mußte Peredonoff an die Bälle denken.

Wer braucht sie? Hatte das graue, gespenstische Tierchen sie

aufgefressen? War es darum heute nirgends zu sehen, -- dachte er. -- Es

hat sich vollgefressen, hat sich irgendwohin gewälzt und schläft jetzt.

Niedergeschlagen schlich Peredonoff nach Hause. Der Abend war im

Erlöschen. Ein Wölkchen zog irrend am Himmel, schlich heran, -- Wolken

gehen so leise, -- hielt Umschau. Auf seinen dunklen Rändern spielte ein

rätselhafter, tiefer Glanz. Ueber dem Flüßchen, das zwischen Garten und

Stadt floß, zitterten die Schatten der Häuser und Gebüsche, sie

flüsterten, suchten irgend jemand.

Und auf den Straßen dieser düstren, ewig feindlichen Stadt begegneten

nur böse, spöttische Menschen. Alles verband sich zu einer allgemeinen

Feindseligkeit gegen Peredonoff, -- die Hunde lachten ihn aus, und die

Menschen kläfften ihn an.

Die Damen der Stadt erwiderten Warwaras Besuch. Einige waren aus

fröhlicher Neugierde schon nach zwei, drei Tagen gekommen, um Warwara in

ihrer Häuslichkeit zu sehen. Andere wieder ließen eine Woche und mehr

verstreichen. Und manche kamen überhaupt nicht, -- so zum Beispiel die

Werschina.

Peredonoffs erwarteten täglich mit größter Ungeduld die Gegenbesuche und

zählten nach, wer noch nicht gekommen war. Ganz besonders ungeduldig

erwarteten sie den Direktor und dessen Frau. Sie warteten und regten

sich ungeheuer auf, -- denn wie, -- wenn die Chripatschs überhaupt nicht

kämen!

Es verging eine Woche; sie waren nicht gekommen. Warwara wütete und

schimpfte. Peredonoff kam vor lauter Erwartung in eine gequälte

Stimmung.

Seine Augen waren ganz stumpf geworden, als wären sie erloschen; und

manchmal schien es -- es wären die Augen eines Toten. Eine sinnlose

Furcht marterte ihn. Ohne jeden ersichtlichen Grund fürchtete er sich

plötzlich vor diesen und jenen Gegenständen. Ihm war der quälende

Gedanke gekommen, man wolle ihn erstechen; er fürchtete sich vor allem

Geschliffenen und versteckte Messer und Gabeln.

Vielleicht, -- dachte er, -- sind sie besprochen und verhext. Man könnte

zufällig in ein Messer rennen.

»Wozu hat man Messer?« sagte er zu Warwara. »Die Chinesen essen doch mit

Stäbchen.«

Aus diesem Grunde wurde eine Woche lang kein Fleisch gebraten, -- man

begnügte sich mit Kohl und Grütze.

Um sich an Peredonoff für die, vor der Trauung ausgestandenen Aengste zu

rächen, bekräftigte ihn Warwara hie und da in der Ueberzeugung, daß

seine Befürchtungen nicht grundlos wären. Sie sagte ihm, er hätte viele

Feinde, und wie wäre es auch möglich, daß man ihn nicht beneiden sollte?

Mehr als einmal ängstigte sie ihn damit, daß man ihn sicher denunziert

und ihn bei den vorgesetzten Behörden und bei der Fürstin angeschwärzt

hätte. Sie freute sich, wenn er sich augenscheinlich fürchtete.

Für Peredonoff schien es festzustehen, daß die Fürstin mit ihm

unzufrieden war. Warum hatte sie zur Trauung weder ein Heiligenbild,

noch Salz und Brot geschickt? Er dachte: man muß ihr Wohlwollen

verdienen; aber wodurch? Durch eine Lüge etwa? Sollte er

Klatschgeschichten verbreiten, jemanden denunzieren? Alle Damen lieben

den Klatsch, -- man müßte sich über Warwara etwas Unanständiges

ausdenken und der Fürstin davon schreiben. Sie wird lachen und ihm eine

Stelle verschaffen.

Aber Peredonoff brachte es nicht fertig so einen Brief zu schreiben,

auch fürchtete er sich, an die Fürstin selbst zu schreiben. Und bald

vergaß er diesen Einfall.

Die gewöhnlichen Gäste bewirtete Peredonoff mit Schnaps und ganz

billigem Portwein. Für den Direktor hatte er aber eine Flasche Madeira

für drei Rubel gekauft. Peredonoff hielt diesen Wein für etwas

außerordentlich Kostbares, verwahrte ihn im Schlafzimmer, zeigte ihn nur

den Gästen und sagte:

»Für den Direktor.«

Einmal, als Rutiloff und Wolodin bei Peredonoff waren, zeigte er ihnen

den Madeira.

»Diese äußerliche Betrachtung mundet nicht,« sagte Rutiloff kichernd. --

»Gib uns lieber davon zu trinken.«

»Was nicht gar!« antwortete Peredonoff böse. »Was soll ich dann dem

Direktor anbieten?«

»Der Direktor wird Schnaps trinken,« sagte Rutiloff.

»Ein Direktor trinkt keinen Schnaps; für einen Direktor schickt es sich,

Madeira zu trinken,« sagte Peredonoff nachdrücklich.

»Wenn er aber doch gerne Schnaps trinkt,« beharrte Rutiloff.

»Das fehlte noch! ein General wird nie Schnaps mögen,« sagte Peredonoff

sicher.

»Immerhin, gib nur her,« drängte Rutiloff.

Peredonoff brachte die Flasche eilig fort und man hörte, wie das Schloß

am Schränkchen, in dem er den Wein verwahrte, knirschte. Als er wieder

zurückkam, wechselte er das Thema und sprach von der Fürstin. Er sagte

verdrießlich:

»Die Fürstin! Auf einem Bazar hat sie mit faulen Aepfeln gehandelt und

den Fürsten geködert.«

Rutiloff lachte laut und sagte:

»Seit wann treiben sich Fürsten auf Bazaren herum?«

»Einerlei. Sie hat ihn angelockt,« sagte Peredonoff.

»Das denkst du dir aus, Ardalljon Borisowitsch,« widersprach Rutiloff.

»Das ist nie vorgekommen. Die Fürstin ist eine angesehene Dame.«

Peredonoff blickte ihn wütend an und dachte: er verteidigt sie; er

steckt mit ihr unter einer Decke. Die Fürstin hat ihn behext, wenn sie

auch noch so weit von hier fort ist.

Aber das kleine, gespenstische Tierchen tummelte sich; es lachte lautlos

und zitterte an allen Gliedern vor lauter Lachen. Es erinnerte

Peredonoff an viele schreckliche Sachen. Aengstlich blickte er sich um

und flüsterte:

»In jeder Stadt befindet sich ein geheimer Gendarmunteroffizier. Er geht

in Zivil, dient oder handelt irgendwo oder tut sonst was; aber in der

Nacht, wenn alles schläft, zieht er seine blaue Uniform an und geht

stracks zum Gendarmerieoffizier.«

»Warum denn in Uniform?« erkundigte sich Wolodin sachlich.

»Zum Vorgesetzten darf man nicht in Zivil. Dafür wird geprügelt,«

erklärte Peredonoff.

Wolodin kicherte. Peredonoff beugte sich dicht zu ihm und flüsterte:

»Manchmal lebt er sogar in anderer Gestalt. Man glaubt -- es ist ein

simpler Kater, -- keine Spur! Es ist der Gendarm. Vor dem Kater kann man

nichts verbergen, er hört und hört alles.«

* * * * *

Endlich, nach anderthalb Wochen, machte die Frau Direktor ihren

Gegenbesuch. An einem Wochentage um vier Uhr kam sie -- schön gekleidet,

liebenswürdig, nach süßen Veilchen duftend, -- zusammen mit ihrem Manne,

angefahren, -- für Peredonoffs ganz unerwartet: diese hatten Chripatschs

aus irgend einem Grunde an einem Feiertag und viel früher erwartet.

Alles ging durcheinander. Warwara war halbangekleidet und ungewaschen in

der Küche. Sie lief schnell, sich zurechtzumachen, während Peredonoff

die Gäste empfing und den Eindruck eines Menschen machte, der eben erst

aufgewacht ist.

»Warwara kommt gleich,« murmelte er, »sie kleidet sich um. Sie kochte

gerade. Wir haben ein neues Mädchen, die kann noch nichts, sie ist eine

dumme Gans.«

Bald darauf kam Warwara, nachlässig gekleidet; ihr Gesicht war rot und

erschreckt. Sie gab den Gästen ihre feuchte, unsaubere Hand und sprach

mit vor Aufregung zitternder Stimme:

»Verzeihen Sie, daß ich warten ließ, -- wir wußten nicht, daß Sie an

einem Wochentage kommen würden.«

»An Feiertagen fahre ich nur selten aus,« sagte Madame Chripatsch, »da

sind so viele Betrunkene auf den Straßen. Mögen die Dienstboten diesen

Tag für sich haben.«

Es entspann sich eine notdürftige Unterhaltung, und die

Liebenswürdigkeit der Frau Direktor ermunterte Warwara ein wenig. Die

Frau Direktor behandelte Warwara etwas von oben herab, doch freundlich,

-- wie etwa eine reumütige Sünderin, zu der man freundlich sein muß, an

der man sich aber noch beschmutzen kann. Sie gab Warwara einige

Verhaltungsmaßregeln über Kleidung und Einrichtung, aber nur

gesprächsweise.

Warwara gab sich alle Mühe, der Frau Direktor zu gefallen, aber ihre

roten Hände und die geplatzten Lippen zitterten noch vor Schrecken. Das

genierte die Frau Direktor. Sie bemühte sich, noch liebenswürdiger zu

sein, aber ein unwillkürlicher Ekel befiel sie. Durch ihr ganzes

Verhalten gab sie es Warwara deutlich zu verstehen, daß ein näherer

Verkehr zwischen ihnen ausgeschlossen war. Da dies aber in sehr

zuvorkommender Form geschah, so verstand es Warwara nicht und lebte im

Glauben, sie und die Frau Direktor würden gute Freunde werden.

Chripatsch erinnerte in seinem Verhalten an einen Menschen, der sich

ganz deplaziert vorkommt; aber gewandt und männlich suchte er das zu

verbergen. Den Madeira trank er nicht: er wäre es nicht gewohnt, um

diese Stunde Wein zu trinken. Man redete über die städtischen

Neuigkeiten, über den bevorstehenden Wechsel im Bezirksgericht. Es war

aber nur zu deutlich zu merken, daß er und Peredonoff in zwei einander

feindlich gegenüberstehenden Gesellschaftsschichten verkehrten.

Sie blieben nicht lange.

Warwara war froh, als sie wieder gingen: nun, sie sind gekommen und sind

bald gegangen. Sie zog sich um und sagte fröhlich:

»Gott sei Dank, sie sind fort. Ich wußte ja gar nicht, was ich sprechen

sollte. Es ist schon so, wenn man jemand nur flüchtig kennt, so weiß man

gar nicht, von welcher Seite man anpacken soll.«

Dann fiel es ihr ein, daß die Chripatschs sie beim Fortgehen nicht

eingeladen hatten. Das verwirrte sie zuerst; dann dachte sie:

»Sie werden eine Einladung schicken, wann man sie besuchen darf. Diese

Herrschaften haben ihre besonderen Stunden. Ich müßte eigentlich

Französisch kläffen lernen. Auf Französisch kann ich nicht a und b

sagen.«

* * * * *

Zu Hause sagte die Frau Direktor zu ihrem Mann:

»Sie ist eine ganz traurige, hoffnungslos tief stehende Person; es ist

ganz unmöglich, sie als seinesgleichen zu betrachten. Nichts in ihr

entspricht ihrer sozialen Stellung.«

Chripatsch antwortete:

»Sie steht ganz auf einer Stufe mit ihrem Manne. Ich erwarte es mit

Ungeduld, daß er versetzt wird.«

Nach ihrer Verheiratung verlegte sich Warwara aufs Trinken. Sie trank

mit der Gruschina oft zusammen. Einmal, -- die Prepolowenskaja war

gerade anwesend, und Warwara hatte einen leichten Rausch, --

verschwatzte sie sich, als sie vom Brief erzählte. Zwar hatte sie nicht

alles gesagt, immerhin aber recht deutliche Andeutungen gemacht. Der

schlauen Sophie genügte das vollkommen, -- wie Schuppen fiel es ihr von

den Augen.

Wie bin ich nur nicht gleich darauf gekommen! machte sie sich den

stillen Vorwurf.

Unter dem Siegel der Verschwiegenheit erzählte sie der Werschina von den

gefälschten Briefen, -- und so ging es wie ein Lauffeuer durch die

Stadt.

Wenn die Prepolowenskaja Peredonoff traf, so konnte sie nicht umhin, ihn

wegen seiner Leichtgläubigkeit auszulachen. Sie sagte:

»Wie sind Sie doch einfältig, Ardalljon Borisowitsch.«

»Ich bin nicht einfältig,« antwortete er, »ich bin Kandidat der

Universität[11].«

»Nun ja -- Kandidat; aber wem es gerade einfällt, der haut Sie übers

Ohr.«

»Das tue ich selber, daß ich die Leute übers Ohr haue,« verteidigte sich

Peredonoff.

Die Prepolowenskaja lächelte verschlagen und wich aus. Peredonoff konnte

nichts verstehen, -- wie kam sie nur darauf? Aus Bosheit! dachte er,

alle Menschen sind mir feind.

Und er drohte hinter ihrem Rücken mit der Faust.

Nichts hast du gewonnen, versuchte er sich zu beruhigen.

Aber die Angst quälte ihn.

Der Prepolowenskaja schien es, als wären diese Andeutungen zu wenig.

Andererseits wollte sie ihm nicht reinen Wein einschenken. Was sollte

ihr an einem Streit mit Warwara liegen? Von Zeit zu Zeit richtete sie

anonyme Briefe an Peredonoff, in denen sie deutlicher wurde. Aber

Peredonoff verstand noch immer nicht.

[Fußnote 11: Entspricht dem deutschen Doktortitel.]

Einmal schrieb sie ihm:

»Sehen Sie zu, ob jene Fürstin, die Ihnen die Briefe geschrieben hat,

nicht hier am Orte lebt.«

Peredonoff glaubte, die Fürstin selber wäre gekommen, um ihn zu

beobachten. Wahrscheinlich hat sie sich in mich vergafft und will mich

Warwara abspenstig machen.

Diese Briefe erschreckten und ärgerten Peredonoff. Er setzte Warwara zu:

»Wo ist die Fürstin? Man sagt, sie wäre hier.«

Warwara, sich rächend für alles Frühere, quälte ihn mit Andeutungen,

feigen, bösen Ausreden und Sticheleien. Gemein lächelnd, sagte sie mit

falscher Stimme, wie man etwa dann spricht, wenn man wissentlich lügt

und auf kein Vertrauen rechnen kann:

»Wie soll ich wissen, wo die Fürstin jetzt lebt.«

»Du lügst! Du weißt es!« sagte Peredonoff ganz entsetzt.

Er wußte nicht, ob er dem Sinn ihrer Worte glauben sollte oder dem

verräterischen Tonfall ihrer Stimme, -- und das ängstigte ihn, wie

alles, was er nicht begreifen konnte. Warwara entgegnete:

»Wieso denn! Vielleicht ist sie aus Petersburg fortgefahren, -- sie hat

mich doch nicht um Erlaubnis zu fragen.«

»Aber vielleicht ist sie wirklich hier?« fragte Peredonoff

eingeschüchtert.

»Vielleicht ist sie wirklich hier,« ahmte ihn Warwara nach. »Sie hat

sich in dich vergafft und ist hergekommen, um sich an dir sattzusehen.«

Peredonoff rief:

»Du lügst! sie hat sich nicht in mich vergafft?«

Warwara lachte laut und boshaft.

Von jenem Tage an achtete Peredonoff aufmerksam darauf, ob er nicht

irgendwo die Fürstin sehen würde. Manchmal schien es ihm, als blickte

sie durch die Tür oder zum Fenster herein! -- sie beobachtet ihn, horcht

auf jedes Wort, sie tuschelt mit Warwara.

* * * * *

Die Zeit verging, aber die von Tag zu Tag erwartete Ernennung

Peredonoffs zum Inspektor traf nicht ein. Auch hörte man privaten

Erkundigungen zufolge nichts von einem vakanten Posten. Peredonoff wagte

es nicht, bei der Fürstin selber anzufragen, -- denn Warwara erschreckte

ihn stets damit, sie wäre eine sehr angesehene Dame. Und er hatte das

Gefühl, es würden ihm die größten Unannehmlichkeiten daraus entstehen,

wenn _er_ es versuchen würde, an sie zu schreiben. Er wußte zwar nicht,

was man ihm antun könnte, wenn die Fürstin ihn verklagen würde, aber

gerade das war ihm besonders furchtbar. Warwara sagte:

»Kennst du denn die Aristokraten nicht? Warten, -- sie tun selber alles,

was nötig ist. Wirst du sie aber daran erinnern, -- so wird sie das

kränken, und das ist noch viel schlimmer. Sie haben ihre eigene Ehre!

sie sind stolz, sie lieben es, wenn man ihnen vertraut.«

Und Peredonoff glaubte noch immer. Aber er ärgerte sich über die

Fürstin. Zuweilen dachte er, daß sie ihn denunziert hätte, um sich ihrer

Versprechungen zu entledigen. Oder ihn denunziert hätte aus lauter

Eifersucht: _sie_ war in ihn verliebt, und _er_ hatte Warwara

geheiratet. Darum, dachte er, umringt sie mich mit Spionen, die mir

überall folgen und mich so beengen, daß ich keine Luft und kein Licht

habe. Nicht umsonst ist sie so vornehm. Sie kann alles, was sie will.

Aus Wut verbreitete er über die Fürstin die unglaublichsten Geschichten.

Er erzählte Rutiloff und Wolodin, er wäre früher ihr Liebhaber gewesen,

und sie hätte ihm große Summen Geldes gegeben.

»Ich habe alles vertrunken. Was zum Teufel sollte ich damit anfangen!

Sie hatte mir versprochen, mir eine Pension bis zum Lebensende zu

zahlen. Aber sie hat mich betrogen.«

»Hättest du das angenommen?« fragte Rutiloff und kicherte.

Peredonoff schwieg. Er verstand die Frage nicht. Dafür antwortete

Wolodin für ihn, als verständiger, solider Mann:

»Warum sollte er es nicht nehmen, wenn sie doch reich ist? Hat sie ihr

Vergnügen an ihm gehabt, so mag sie auch zahlen.«

»Wenn sie noch schön wäre!« sagte Peredonoff betrübt. »Sie ist aber

sommersprossig und hat eine Stülpnase. Das einzige war, daß sie gut

zahlte, sonst hätte ich mich nicht einmal entschließen können, dies

Luder anzuspucken. Sie _muß_ meine Bitte erfüllen.«

»Du lügst, Ardalljon Borisowitsch,« sagte Rutiloff.

»Ich lüge nicht. Etwa das, daß sie mir Geld gegeben hat? Glaubst du, ich

hätte es umsonst getan? Sie ist eifersüchtig auf Warwara, und darum

verschafft sie mir nicht die Stelle.«

Peredonoff schämte sich nicht einmal, wenn er davon sprach, daß die

Fürstin ihm Geld gegeben hatte. Wolodin war ein gläubiger Zuhörer und

merkte gar nicht, in was für dumme Widersprüche Peredonoff sich

verwickelte. Rutiloff widersprach wohl, dachte aber, daß es ohne Feuer

keinen Rauch gibt: irgend etwas, dachte er, hat Peredonoff mit der

Fürstin gehabt.

»Sie ist älter als der Köter eines Popen,« sagte Peredonoff

zuversichtlich, als wäre es etwas ganz Sachliches; »erzählt es nur

keinem weiter, -- kommt es ihr zu Ohren, so geht es mir schlecht. Sie

schminkt sich und spritzt sich Tau in die Adern, um jung zu bleiben. Man

sieht es ihr auch nicht an, daß sie alt ist. Sie ist aber schon hundert

Jahre alt.«

Wolodin schüttelte nur den Kopf und schmatzte mit den Lippen. Er glaubte

alles.

Am folgenden Tage nach diesem Gespräch mußte Peredonoff in einer Klasse

die Krjiloffsche Fabel »Der Lügner« lesen lassen. Und einige Tage

hintereinander fürchtete er sich über die Brücke zu gehen, -- mietete

ein Boot und ließ sich hinüberfahren, -- die Brücke hätte ja unter ihm

einstürzen können. Er erklärte Wolodin:

»Was ich über die Fürstin erzählte, ist wahr. Aber die Brücke könnte es

nicht glauben und wird darüber einstürzen.«

Der kleine Dämon · 第 21 / 36 题