XV

Wolodin gab regelmäßig seinen Unterricht im Hause des Fräulein Adamenko.

Seine Hoffnungen, das Fräulein würde ihn gelegentlich zum Kaffee

einladen, verwirklichten sich nicht. Er wurde stets gleich nach seiner

Ankunft in die Stube geleitet, die für den Unterricht im Tischlern

hergerichtet worden war. Mischa hatte eine Schürze um und wartete in der

Regel, an der Hobelbank stehend, auf seinen Lehrer, nachdem er alles für

die Stunde Erforderliche in Ordnung gebracht hatte. Er tat gehorsam

alles, was Wolodin von ihm verlangte, aber er war nie recht bei der

Sache. Um weniger arbeiten zu müssen, versuchte er bisweilen mit Wolodin

zu plaudern. Aber Wolodin ging nicht darauf ein, denn er wollte

gewissenhaft sein. Er sagte:

»Wollen wir mal erst zwei Stunden arbeiten, dann bleibt uns noch Zeit

genug zum Plaudern. Dann -- soviel Sie wollen, jetzt -- an die Arbeit:

die Arbeit steht an erster Stelle.«

Mischa seufzte ein wenig und arbeitete. Wenn aber die Stunde um war, so

hatte er keine Lust mehr zu plaudern und schützte Schulaufgaben vor.

Bisweilen kam auch Nadeschda Wassiljewna in den Unterricht, um zu sehen

ob Mischa fleißig war. Mischa bemerkte, daß Wolodin dann eher geneigt

war, Gespräche zu führen, und zog daraus die entsprechenden Schlüsse.

Wenn aber Nadeschda Wassiljewna bemerkte, daß Mischa nichts tat, sagte

sie sofort:

»Mischa, sei nicht faul!«

Dann ging sie gleich und sagte im Vorübergehen zu Wolodin:

»Entschuldigen Sie, daß ich gestört habe. Er ist nicht abgeneigt, sich

bisweilen gehen zu lassen, wenn man ihm nicht auf die Finger sieht.«

Dieses Benehmen von seiten Nadeschda Wassiljewnas berührte Wolodin

zunächst peinlich. Dann aber tröstete er sich damit, daß es ihr unbequem

sein mußte, ihn zum Kaffee aufzufordern, weil daraus Klatschgeschichten

hätten entstehen können. Ferner, überlegte er, brauchte sie überhaupt

nicht zum Unterricht zu kommen, weil sie aber kam, so war das ein

Zeichen dafür, daß sie ihn nicht gerade ungern sah. Auch den Umstand

erklärte Wolodin zu seinen Gunsten, daß Nadeschda Wassiljewna sofort

damit einverstanden war, daß er ihrem Bruder Stunden geben sollte, und

außerdem hatte sie sich mit seinen Gehaltsansprüchen gleich

einverstanden erklärt. Peredonoff und Warwara ihrerseits unterstützten

ihn in diesen Vermutungen.

»Es ist doch klar, daß sie in dich verliebt ist,« sagte Peredonoff.

»Und wo könnte sie einen besseren Bräutigam finden,« ergänzte Warwara.

Wolodin machte ein bescheidenes Gesicht und freute sich über seine

Erfolge.

Eines schönen Tages meinte Peredonoff:

»Du gehst auf Freiersfüßen einher und hast eine schäbige Krawatte

umgebunden.«

»Ich bin noch nicht verlobt,« antwortete Wolodin überlegen, innerlich

aber zitterte er vor freudiger Erwartung; »ich kann mir eine neue

Krawatte kaufen.«

»Eine im Jugendstil,« rief Peredonoff, »man muß sehen können, daß du es

mit der Liebe hast.«

»Eine rote Krawatte,« sagte Warwara, »recht bauschig muß sie sein und

eine Nadel dazu. Es gibt schon ganz billige Krawattennadeln, mit

Steinen, -- fein wird das sein.«

Peredonoff dachte, daß Wolodin vielleicht kein Geld zu solchen Ausgaben

hätte. Oder er wird sparen wollen und einen schlichten, schwarzen

Schlips kaufen. Das wäre dumm, dachte Peredonoff, die Adamenko ist ein

vornehmes Frauenzimmer; wenn er mit einer lumpigen Krawatte um sie

anhalten geht, so wird sie sich gekränkt fühlen und ihm einen Korb

geben.

Peredonoff sagte:

»Warum eine billige kaufen? Du hast neulich im Spiel einiges von mir

gewonnen. Wieviel bin ich dir noch schuldig, einen Rubel vierzig

Kopeken?«

»Mit den vierzig Kopeken hat es seine Richtigkeit,« sagte Wolodin

grinsend, »nur waren es zwei Rubel und nicht einer.«

Peredonoff wußte genau, daß es zwei Rubel waren, es wäre ihm aber

angenehmer gewesen, nur einen zu zahlen. Er sagte:

»Du lügst, woher zwei Rubel?«

»Warwara Dmitriewna kann es bezeugen,« beteuerte Wolodin.

Warwara sagte kichernd:

»Zahl nur, Ardalljon Borisowitsch, was du verspielt hast, -- ich

erinnere mich genau, es waren rund zwei Rubel und vierzig Kopeken.«

Peredonoff dachte, daß Warwara jetzt für Wolodin eintrete, also --

meinte er -- steht sie schon auf seiner Seite. Er wurde verdrießlich,

nahm aus seinem Geldbeutel das Geld und sagte:

»Ist schon recht, meinetwegen zwei vierzig, ich will nicht streiten. Du

bist ein armer Teufel, Pawluschka, da -- nimm!«

Wolodin nahm das Geld, zählte es nach, machte dann ein gekränktes

Gesicht, beugte seinen runden Kopf, streckte die Unterlippe vor und

sagte mit blökender, zitternder Stimme:

»Sie, Ardalljon Borisowitsch, waren mir etwas schuldig, also haben Sie

auch zu zahlen; daß ich aber arm bin, gehört garnicht hierher. Ich habe

bisher noch keinen um ein Stück Brot gebeten, und Sie wissen, daß nur

der Teufel arm ist, denn er ißt kein Brot; weil ich aber Brot esse,

sogar mit Butter darauf, so bin ich auch nicht arm.«

Dabei beruhigte er sich, wurde rot vor Vergnügen, daß er so gelungen

geantwortet hatte, und lachte, die Lippen vorschiebend.

Endlich beschlossen Peredonoff und Wolodin, den Heiratsantrag zu

stellen. Sie hatten sich so vornehm als möglich angezogen und sahen

feierlicher und dümmer als gewöhnlich aus. Peredonoff trug eine weiße

Halsbinde, Wolodin eine bunte, rot mit grünen Streifen. Peredonoff

überlegte so:

»Ich halte für dich an, meine Stellung ist also die solidere, die

Gelegenheit ist äußerst festlich, so muß ich denn eine weiße Binde

tragen; du bist der Bräutigam, also mußt du flammende Gefühle zur Schau

tragen.«

Gezwungen feierlich nahmen Peredonoff und Wolodin im Empfangszimmer von

Fräulein Adamenko Platz. Peredonoff saß auf dem Sofa, Wolodin in einem

Lehnstuhl. Nadeschda Wassiljewna betrachtete erstaunt ihre Gäste. Die

Gäste aber plauderten über das Wetter, über die neuesten Neuigkeiten und

machten dabei ein Gesicht wie etwa Leute, die in einer kitzlichen

Angelegenheit gekommen sind und nicht recht wissen, wie anzufangen.

Endlich räusperte sich Peredonoff, machte ein ernstes Gesicht und sagte:

»Nadeschda Wassiljewna, wir haben ein Anliegen.«

»Ein Anliegen,« sagte auch Wolodin, machte ein bedeutendes Gesicht und

streckte die Lippen vor.

»Es handelt sich um ihn,« sagte Peredonoff und zeigte mit dem Daumen auf

Wolodin.

»Um mich,« bestätigte Wolodin und wies ebenfalls mit dem Daumen auf die

eigene Brust.

Nadeschda Wassiljewna lächelte.

»Wenn ich bitten darf,« sagte sie.

»Ich werde für ihn sprechen,« erklärte Peredonoff, »er ist bescheiden

und kann keinen rechten Entschluß fassen. Aber er ist ein würdiger

Mensch, er trinkt nicht, er ist herzensgut. Zwar bekommt er nur ein

geringes Gehalt, aber das ist egal. Es handelt sich darum, wer was

braucht; der eine braucht Geld, der andere einen Menschen. Warum

schweigst du denn,« wandte er sich an Wolodin, »sag doch etwas.«

Wolodin neigte den Kopf und stieß mit zitternder Stimme hervor, geradeso

wie ein Schaf blökt:

»Gewiß, mein Gehalt ist nur gering. Aber zum Sattessen wird es immer

noch langen. Gewiß, ich habe nicht studiert, bin aber so glücklich, daß

ich jedem nur das gleiche Los wünschen kann, und etwas Schlechtes weiß

ich mir nicht nachzusagen, -- übrigens, da mag jeder selbst urteilen.

Was mich anlangt, ich bin mit mir zufrieden.«

Er machte eine Handbewegung, beugte die Stirn, als hätte er die Absicht

zuzustoßen und schwieg still.

»Also, das ist es,« sagte Peredonoff, »er ist ein junger Mann und soll

nicht als Hagestolz leben. Er soll heiraten. Der Verheiratete hat es

immer besser.«

»Wenn man mit der Frau harmoniert, so gibt es nichts besseres,«

bestätigte Wolodin.

»Und auch Sie sind unverheiratet,« fuhr Peredonoff fort. »Auch Sie

müssen heiraten.«

Hinter der Tür hörte man ein leises Geräusch, kurze verhaltene Laute, --

als seufze oder lache da jemand und als hielte er sich die Hand vor den

Mund. Nadeschda Wassiljewna blickte streng auf die Tür und sagte kalt:

»Sie sind wirklich zu besorgt um mich,« mit einer verletzenden Betonung

des Wortes »zu«.

»Sie brauchen keinen reichen Mann,« sagte Peredonoff, »Sie haben ja Geld

genug. Sie brauchen einen, der Sie lieb hat und in allen Dingen Ihnen zu

Gefallen ist. Außerdem kennen Sie ihn und müßten ihn verstehen. Sie sind

ihm nicht gleichgültig, er Ihnen vielleicht auch nicht. So steht also

die Sache: ich bringe Ihnen den Kaufmann, Sie haben die Ware, soll

heißen: Sie selber sind die Ware.«

Nadeschda Wassiljewna wurde rot und biß sich auf die Lippen, um nicht

laut auflachen zu müssen. Hinter der Tür hörte man wieder dieselben

Töne. Wolodin hielt die Augen bescheiden gesenkt. Es schien ihm, daß

alles nach Wunsch ginge.

»Was für eine Ware?« fragte Nadeschda Wassiljewna vorsichtig, »verzeihen

Sie, ich verstehe Sie nicht recht.«

»Wie, Sie verstehen nicht!« sagte Peredonoff ungläubig. »Nun, ich will

es geradeheraus sagen: Pawel Wassiljewitsch bittet Sie um Hand und Herz.

Und auch ich bitte für ihn.«

Hinter der Tür fiel etwas zu Boden und kugelte sich prustend und

stöhnend. Nadeschda Wassiljewna, ganz rot vor verhaltenem Lachen,

blickte ihre Gäste an. Wolodins Antrag schien ihr komisch und frech

zugleich.

»Ja,« sagte auch Wolodin, »Nadeschda Wassiljewna, ich bitte Sie um Hand

und Herz.«

Er wurde rot, erhob sich, machte einen energischen Kratzfuß auf dem

Teppich, verbeugte sich und setzte sich. Dann stand er wieder auf, legte

die Hand aufs Herz und sagte, das Fräulein schmachtend anblickend:

»Gestatten Sie, Nadeschda Wassiljewna, daß ich eine Erklärung abgebe. Da

ich Sie sogar sehr liebe, so kann ich mir gar nicht denken, daß Sie

diesen Gefühlen nicht entgegenkommen sollten.«

Er stürzte einen Schritt vor, warf sich auf die Knie und küßte ihre

Hand.

»Nadeschda Wassiljewna, glauben Sie mir! Ich schwöre!« rief er, hob eine

Hand gen Himmel und schlug dann aus vollem Arm gegen seine Brust, daß es

laut knallte.

»Aber ich bitte Sie! Stehen Sie doch auf!« sagte Nadeschda Wassiljewna

verlegen; »was soll das?«

Wolodin stand auf und kehrte mit gekränktem Gesicht auf seinen Platz

zurück. Dort angelangt, preßte er beide Hände gegen die Brust und rief:

»Nadeschda Wassiljewna, glauben Sie mir! Bis zum Grabe bin ich mit

ganzer Seele der Ihre!«

»Entschuldigen Sie,« sagte Nadeschda Wassiljewna, »aber ich kann

wirklich nicht. Ich habe meinen Bruder zu erziehen, hören Sie nur, wie

er da hinter der Tür weint.«

»Ja, die Erziehung des Bruders scheint mir keineswegs ein

Hinderungsgrund zu sein,« erklärte Wolodin und streckte in gekränktem

Stolz seine Unterlippe vor.

»Nein, in jedem Fall hat er da mitzureden,« sagte Nadeschda Wassiljewna

und stand eilig auf, »ich will ihn fragen. Bitte warten Sie einen

Augenblick.«

Sie lief flink aus dem Empfangszimmer, und ihr hellgelbes Kleid

rauschte. Sie packte Mischa, der hinter der Tür stand, an der Schulter,

lief mit ihm bis zu seinem Schlafzimmer, blieb dort vom Lauf und vom

verhaltenen Lachen schwer atmend an der Tür stehen und sagte mit

abgerissener Stimme:

»Ist es denn ganz umsonst, wenn man dich bittet, nicht zu horchen. Ist

es wirklich nötig, zu den allerstrengsten Maßregeln zu greifen!«

Mischa hatte ihre Taille umfaßt, preßte seinen Kopf in ihr Kleid und

lachte und schüttelte sich vor Lachen und vor Anstrengung, es zu

unterdrücken. Die Schwester schob den Jungen in sein Zimmer, setzte sich

auf einen Stuhl neben der Tür und lachte.

»Hast du gehört, was er sich da ausgedacht hat, dein Pawel

Wassiljewitsch,« fragte sie; »komm mit mir ins Gastzimmer und untersteh

dich zu lachen! Ich werde dich in ihrer Gegenwart fragen, und du darfst

nicht >Ja< sagen. Hast du verstanden?«

»Ha--ha--ha,« machte Mischa und nahm einen Zipfel seines Taschentuchs in

den Mund, um nicht lachen zu müssen, aber es half nur wenig.

»Halt dein Taschentuch vor die Augen, wenn du lachen mußt,« riet die

Schwester und führte ihn an der Schulter ins Gastzimmer.

Dort drückte sie ihn in einen Sessel und setzte sich auf einen Stuhl

dicht neben ihn. Wolodin machte ein gekränktes Gesicht und saß da mit

gesenkter Stirn, just wie ein Schaf.

»Sehen Sie,« sagte Nadeschda Wassiljewna und zeigte auf ihren Bruder,

»der arme Junge! Ich konnte kaum seine Tränen stillen. Ich vertrete bei

ihm Mutterstatt, und nun glaubt er, ich würde ihn verlassen.«

Mischa bedeckte sein Gesicht mit dem Taschentuch. Sein ganzer Körper

bebte. Um sein Lachen zu verbergen, heulte er darauf los:

»Hu--hu--hu!«

Nadeschda Wassiljewna umarmte ihn, kniff ihn unbemerkt in den Arm und

sagte:

»Wein doch nicht, Brüderchen, wein nicht so!«

Der unerwartete Schmerz trieb Mischa Tränen in die Augen. Er ließ das

Tuch fallen und blickte seine Schwester böse an.

»Wie, wenn der Junge wütend wird,« dachte Peredonoff, »und plötzlich

beißt. Man sagt, der menschliche Speichel ist giftig.«

Er rückte näher zu Wolodin, um im Falle drohender Gefahr sich hinter ihm

verstecken zu können. Nadeschda Wassiljewna sagte zum Bruder:

»Pawel Wassiljewitsch hat um meine Hand gebeten.«

»Um Hand und Herz,« verbesserte Peredonoff.

»Und Herz --« wiederholte Wolodin leise, aber mit Würde.

Mischa benützte wieder das Taschentuch, und vor Lachen schluchzend sagte

er:

»Nein, du sollst ihn nicht heiraten; was soll denn aus mir werden?«

Wolodin sagte mit vor Aufregung zitternder Stimme:

»Es wundert mich, Nadeschda Wassiljewna, daß Sie Ihren kleinen Bruder um

Erlaubnis bitten, er ist doch sozusagen noch ein unmündiges Kind. Und

wäre er auch erwachsen, so könnten Sie auch in diesem Fall sich

selbständig entscheiden. Der Umstand aber, Nadeschda Wassiljewna, daß

Sie ihn sogar jetzt um Erlaubnis bitten, verwundert mich nicht nur,

sondern setzt mich auch in Erstaunen.«

»Das ist doch geradezu komisch, so einen Bengel um Erlaubnis zu bitten,«

sagte Peredonoff verdrießlich.

»Wen sollte ich sonst bitten? Der Tante ist es gleichgültig; ihn muß ich

aber erst noch erziehen, wie sollte ich Sie also heiraten können? Sie

könnten ihn zum Beispiel zu streng behandeln. Nicht wahr, Mischa, du

fürchtest dich doch vor diesem harten Mann?«

»Nein,« sagte Mischa und schielte mit einem Auge aus dem Taschentuch

hervor, »ich fürchte mich gar nicht vor ihm. Er darf mir nichts tun. Ich

fürchte nur, daß Pawel Wassiljewitsch mich zu sehr verwöhnen wird und

dir auch nicht erlauben wird, mich in den Winkel zu stellen.«

»Glauben Sie mir, Nadeschda Wassiljewna,« sagte Wolodin und legte die

Hand ans Herz, »ich werde ihn nicht verwöhnen. Ich denke so: einen

Jungen soll man überhaupt nicht verwöhnen! Ist er satt und sauber

gekleidet, so genügt das. Von Verwöhnen keine Spur. Ich kann ihn doch

auch in den Winkel stellen und würde nicht daran denken, ihn zu

verwöhnen. Ich kann noch mehr. Sie sind gewissermaßen eine Jungfrau, d.

h. ein Fräulein, da ist es Ihnen naturgemäß unbequem, ich kann aber auch

mitunter das Stöcklein zu Hilfe nehmen.«

»Jetzt wollen mich beide in den Winkel stellen,« sagte Mischa weinerlich

und benutzte wieder sein Taschentuch. »Seid Ihr so! und noch dazu mit

dem Stöckchen! nein, das paßt mir gar nicht. Nein, nein, du darfst ihn

nicht heiraten.«

»Da hören Sie es doch, ich kann beim besten Willen nicht,« sagte

Nadeschda Wassiljewna.

»Ihr Vorgehen kommt mir äußerst merkwürdig vor,« sagte Wolodin, »ich

komme Ihnen mit ganzem Herzen entgegen, ich kann wohl sagen, mit

flammendem Herzen und Sie belieben so nebenbei Ihres Bruders wegen

»nein« zu sagen. Sie tun es Ihres Bruders wegen, eine andere der

Schwester wegen, eine dritte gar weil sie einen Neffen hat und dann,

Gott weiß, welcher Verwandten wegen, und so wird keine einzige heiraten

wollen, auf diese Weise wird das Menschengeschlecht ganz aussterben.«

»Deswegen brauchen Sie sich nicht zu beunruhigen, Pawel Wassiljewitsch,«

sagte Nadeschda Wassiljewna, »bisher hat noch keine derartige Gefahr für

die Welt bestanden. Ich will nun mal nicht ohne Mischas Zustimmung

heiraten, und wie Sie bereits gehört haben, ist er nicht einverstanden.

Es ist auch einigermaßen begreiflich, versprechen Sie ihm doch gleich

mit den ersten Worten Prügel. Da könnten Sie mich am Ende auch

schlagen!«

»Aber ich bitte Sie, Nadeschda Wassiljewna,« rief Wolodin

verzweiflungsvoll, »unmöglich glauben Sie, daß ich mir solche Roheiten

werde zuschulden kommen lassen.«

Nadeschda Wassiljewna lächelte.

»Ich selbst habe keinerlei Bedürfnisse zu heiraten,« sagte sie.

»Vielleicht werden Sie ins Kloster gehn?« fragte Wolodin mit gekränkter

Stimme.

»Oder in Tolstois Sekte und Mist führen,« verbesserte Peredonoff.

»Warum sollte ich irgendwohin gehen?« sagte Nadeschda Wassiljewna streng

und erhob sich, »ich hab es hier sehr gut.«

Auch Wolodin war aufgestanden, streckte seine Lippen weit vor und sagte:

»Da nun Mischa aus seinen Gefühlen zu mir keinen Hehl gemacht hat, da

ferner Sie -- wie es zutage liegt -- ihn um Erlaubnis bitten, so kommt

es folgerichtig heraus, daß ich die Stunden bei Ihnen im Hause aufgeben

muß, denn wie soll ich Unterricht erteilen, wenn sich mein Schüler so zu

mir verhält!«

»Nein, warum denn?« entgegnete Nadeschda Wassiljewna, »das ist wieder

eine Sache für sich.«

Peredonoff dachte, es wäre vielleicht doch noch möglich das Fräulein

umzustimmen und sie würde schließlich ihr Jawort geben. Er sagte

finster:

»Nadeschda Wassiljewna, überlegen Sie sich die Sache. Man kann nicht

gleich das Kind mit dem Bade ausschütten. Er ist ein guter Mensch, er

ist mein Freund!«

»Nein,« sagte Nadeschda Wassiljewna, »da gibt's nichts weiter zu

bedenken! Ich danke Pawel Wassiljewitsch für den ehrenvollen Antrag,

kann ihn aber nicht annehmen.«

Peredonoff blickte böse auf Wolodin und stand auf. Er dachte: »Wolodin

ist doch ein rechter Esel: er hat es nicht einmal verstanden, ein

Fräulein in sich verliebt zu machen.«

Wolodin stand neben seinem Sessel mit gesenktem Kopf. Er fragte

vorwurfsvoll:

»So ist es also wirklich aus, Nadeschda Wassiljewna? O weh! Und wenn es

sich so verhält,« -- er machte eine Handbewegung -- »dann wünsche ich

Ihnen alles Gute. Das ist nun einmal mein trauriges Los. Ein Jüngling

liebte eine Jungfrau, aber sie wollte ihn nicht. Gott weiß es! Nichts zu

machen, ich werde weinen, und die Sache ist abgetan.«

»Einen tüchtigen Menschen wollen Sie nicht heiraten, und wer weiß, auf

wen Sie hereinfallen werden,« sagte Peredonoff belehrend.

»O weh,« rief Wolodin noch einmal und wollte zur Tür gehen. Dann besann

er sich eines andern, beschloß großmütig zu sein und kehrte zurück, um

dem Fräulein zum Abschied die Hand zu reichen, ja selbst den

Unglücksstifter Mischa bedachte er mit einem versöhnlichen Händedruck.

* * * * *

Auf der Straße brummte Peredonoff böse. Wolodin räsonierte

ununterbrochen mit gekränkter, blökender Stimme.

»Warum hast du die Stunden aufgegeben?« brummte Peredonoff. »Du bist

wohl zu reich!«

»Ich habe doch nur gesagt, daß, wenn es sich so verhielte, ich

zurücktreten müsse, und darauf hat sie geantwortet, daß das nicht nötig

wäre. Da ich nun meinerseits nicht widersprochen habe, so kommt es

heraus, daß sie mich gebeten hat zu bleiben. Und jetzt hängt es von mir

allein ab; will ich, so kann ich »Nein« sagen, will ich, so kann ich

bleiben.«

»Unsinn »Nein« zu sagen,« sagte Peredonoff, »geh hin und mach so als

wäre nichts gewesen.«

»Mag er wenigstens hier einen Vorteil haben,« dachte Peredonoff, »er hat

dann weniger Grund mich zu beneiden.«

Peredonoff war das Herz sehr schwer.

Wolodin schien ihm nicht recht geheuer, er mußte ihn auf Schritt und

Tritt beobachten, daß er sich nicht mit Warwara zusammentäte. Dann war

es auch nicht ausgeschlossen, daß die Adamenko sich über ihn geärgert

hatte wegen seiner Vermittelung. Sie hatte Verwandte in Petersburg,

denen könnte sie schreiben, und das hätte ihm vielleicht geschadet.

Und auch das Wetter war unfreundlich. Der Himmel war mit Wolken bedeckt,

Krähen flatterten unruhig und schrieen so häßlich. Grade über

Peredonoffs Kopf flogen sie und schrieen, als wollten sie ihn ärgern und

ihm noch schlimmeres Unglück prophezeien. Peredonoff wickelte einen

Schal um den Hals und dachte, daß es bei solchem Wetter leicht wäre sich

zu erkälten.

»Was sind das für Blumen, Pawluschka?« fragte er und zeigte dabei auf

kleine, gelbe Blümchen, die hinter dem Zaun in einem Garten wuchsen.

»Das sind Eisenhütchen, Ardascha,« antwortete Wolodin traurig.

Peredonoff fiel es ein, daß in seinem Garten sehr viele solcher Blumen

wuchsen. So einen schrecklichen Namen hatten sie! Vielleicht sind sie

giftig! Warwara wird eine Handvoll nehmen, sie als Tee aufkochen, um ihn

damit zu vergiften, d. h. erst dann zu vergiften, wenn seine Ernennung

bereits erfolgt ist, um dann mit Wolodin auf und davon zu gehen.

Vielleicht hatten die beiden das schon längst verabredet. Woher sollte

Wolodin sonst wissen, wie diese Blumen hießen.

Wolodin aber sagte:

»Gott mag sie richten! Warum hat sie mich beleidigt? Sie wartet

wahrscheinlich auf einen Aristokraten und überlegt gar nicht, daß es

auch unter den Aristokraten schlimme Leute gibt; sie wird einen

heiraten, der sie unglücklich machen wird, und ein schlichter braver

Mensch hätte sie so glücklich machen können. Ich werde in die Kirche

gehen und eine Kerze für ihr Seelenheil stiften und für sie beten: füge

es, Vater im Himmel, daß sie einen Trunkenbold heiratet, der sie

prügelt, der bankerott macht und sie dann sitzen läßt. Dann wird sie

sich meiner erinnern, aber es wird zu spät sein. Sie wird sich die

Tränen aus den Augen reiben und sagen: dumm war ich, dem Pawel

Wassiljewitsch einen Korb zu geben, er war ein prächtiger Mensch.«

Seine eignen Worte rührten ihn; er mußte weinen und trocknete mit dem

Handrücken die Tränen, die aus seinen vorstehenden, schafigen Augen

quollen.

»Schlag ihr in der Nacht die Fensterscheiben ein!« riet Peredonoff.

»Ach nein, Gott sei mit ihr,« sagte Wolodin traurig, »man könnte mich

ertappen. Und dieser Satansbengel Gott erbarme dich, was habe ich ihm

getan, daß er mir so den Weg vertritt. Habe ich mir nicht alle

erdenkliche Mühe mit ihm gegeben, und er -- Sie haben es ja selber

erlebt -- macht solche Sachen. Was ist das für eine Kreatur, was soll

aus ihm werden, erbarmen Sie sich, sagen Sie doch?«

»Ja,« sagte Peredonoff böse, »nicht einmal mit diesem Bengel konntest du

fertig werden. Schöner Freier das!«

»Warum denn nicht,« antwortete Wolodin, »natürlich ein Freier. Ich finde

schon eine andre Braut. Sie soll nicht glauben, daß ich um sie trauern

werde.«

»Ja, ein Freier,« neckte Peredonoff, »noch dazu mit einer Krawatte.

Wieviel Körbe hast du denn schon auf dem Buckel, Freier du!«

»Bin ich der Freier, so bist du der Brautwerber,« sagte Wolodin

überlegen, »du selber machtest mir ja Hoffnungen, aber die Braut hast du

mir nicht verschafft; schöner Brautwerber das!«

So neckten sie sich gegenseitig; jeder versuchte dem anderen

zuvorzukommen und gab sich den Anschein, als handle es sich um die

wichtigste Sache von der Welt.

* * * * *

Nadeschda Wassiljewna hatte die Gäste hinausbegleitet und kehrte ins

Gastzimmer zurück. Mischa wälzte sich auf dem Sofa und lachte. Die

Schwester packte ihn an den Schultern, zog ihn an sich und sagte:

»Hast du ganz vergessen, daß es verboten ist zu horchen?«

Sie hob die Hände, um die kleinen Finger aneinanderzulegen, dann lachte

sie laut auf, und die Finger fuhren wieder auseinander. Mischa stürzte

auf sie zu, sie umfaßten sich und lachten sehr lange.

»Aber doch,« sagte sie, »fürs Horchen mußt du in den Winkel.«

»Ach nein,« sagte Mischa, »du mußt mir noch danken, weil ich dich von

diesem Bewerber befreit habe.«

»Und wer hat wen noch befreit? Hörtest du nicht, wie jemand sich

vornahm, dich mit dem Stöckchen zu schlagen! Marsch in den Winkel!«

»Nein, dann will ich schon lieber hier stehen,« sagte Mischa.

Er stellte sich vor der Schwester auf die Knie und legte seinen Kopf auf

ihren Schoß. Sie streichelte ihn und kitzelte ihn ein wenig. Mischa

lachte und rutschte auf den Knien hin und her. Plötzlich rückte die

Schwester weit fort und setzte sich aufs Sofa. Mischa blieb allein.

Einige Zeit blieb er ruhig auf den Knien stehen und sah seine Schwester

fragend an. Sie machte es sich bequem, nahm vom Bücherbrett ein Buch,

als wolle sie lesen, und schielte auf den Bruder.

»Ich bin schon müde,« sagte er kläglich.

»O, ich halte dich nicht, du hast dich von selber hingestellt,«

antwortete die Schwester und lächelte ihn an über den Rand des Buches.

»Du hast mich doch bestraft, verzeih bitte,« sagte Mischa.

»Habe ich dir denn gesagt, daß du auf den Knien stehn sollst?« sagte

Nadeschda Wassiljewna und machte so, als wäre es ihr ganz gleichgültig,

»was bettelst du denn in einem fort?«

»Ich werde nicht aufstehn, bevor du nicht verziehen hast.«

Nadeschda Wassiljewna lachte, legte das Buch zur Seite und zog Mischa an

den Schultern zu sich heran. Er schrie auf und warf sich ihr entgegen,

umarmte sie und rief:

»Pawluschkas Braut!«

Der kleine Dämon · 第 12 / 36 题