Ludmillas Gedanken waren immer bei dem schwarzäugigen Knaben. Sie redete
oft mit Verwandten und Bekannten über ihn, -- manchmal zur unrechten
Zeit. Fast in jeder Nacht träumte sie von ihm; sie sah ihn zuweilen wie
er wirklich im Leben war -- bescheiden und schüchtern, öfter jedoch in
einer märchenhaften, phantastischen Umgebung. Von diesen Träumen pflegte
sie zu erzählen, und bald kam es so weit, daß die Schwestern jeden
Morgen fragten, wie Sascha ihr in der vergangenen Nacht im Traume
erschienen wäre.
Ihre Gedanken waren immer bei ihm.
Am Sonntag bat Ludmilla ihre Schwestern, sie möchten die Kokowkina aus
der Kirche abholen und recht lange aufhalten. Sie wollte mit Sascha
allein sein, und ging darum nicht zur Kirche. »Sagt ihr, ich hätte mich
verschlafen,« trug sie den Schwestern auf.
Diese lachten über den Streich, waren aber natürlich mit allem
einverstanden. Sie vertrugen sich überhaupt gut. Es konnte ihnen nur
gelegen kommen, wenn Ludmilla sich mit dem Jungen abgab, denn so blieben
die wirklichen Freier ihnen allein.
Sie taten, wie sie versprochen hatten, -- und baten die Kokowkina nach
dem Gottesdienst zu sich.
Unterdessen hatte sich Ludmilla ganz angekleidet. Sie trug ein hübsches,
fröhliches Kleidchen und hatte sich mit angenehmem, weichem Flieder
parfumiert. In die eine Tasche steckte sie ein noch nicht angebrochenes
Odeurfläschchen, in die andere einen kleinen Zerstäuber; dann stellte
sie sich hinter den Vorhang an ein Fenster im Salon, um von hier zu
beobachten, ob die Kokowkina auch wirklich käme. Schon früher hatte sie
beschlossen Odeur mitzunehmen, um den Gymnasiasten zu parfumieren; er
sollte nicht immer nach ekligem Latein und nach Tinte und nach der
Schule überhaupt riechen. Ludmilla liebte Parfums. Sie verschrieb sie
sich aus Petersburg und brauchte sie oft und gerne. Sie liebte duftende
Blumen. Ihr Zimmer strömte immer irgend einen Wohlgeruch aus; entweder
roch es nach Blumen, oder nach Odeurs, oder nach Fichtenzweigen und
frischem Birkengrün.
Da kamen die Schwestern und die Kokowkina mit ihnen.
Fröhlich lief Ludmilla zur Küche hinaus, durch den Gemüsegarten, durch
das Pförtchen und von dort weiter durch ein Nebengäßchen, -- um von der
Kokowkina nicht gesehen zu werden. Sie lächelte schelmisch, während sie
eilig zum Hause der Kokowkina ging und fuchtelte vergnügt mit ihrem
weißen Sonnenschirm. Sie war froh über das schöne, warme Herbstwetter,
und es schien, als verbreite sich ihre Fröhlichkeit überall wohin sie
kam.
Das Dienstmädchen der Kokowkina öffnete ihr die Tür und meldete, die
gnädige Frau wäre nicht zu Hause. Ludmilla lachte laut und scherzte mit
dem rotbackigen Ding.
»Vielleicht ist es gar nicht wahr,« sagte sie, »vielleicht versteckt
sich die gnädige Frau vor mir.«
»Hi, hi, warum sollte sie sich verstecken!« grinste das Mädchen, »gehen
Sie doch ins Wohnzimmer und schauen Sie nach, wenn Sie mir nicht
glauben.«
Ludmilla blickte in den Salon und rief schelmisch:
»Gibt's hier überhaupt eine lebendige Seele? He, Gymnasiast!«
Sascha kam aus seiner Stube und freute sich, als er Ludmilla sah; und
Ludmillas fröhliche Augen machten ihn noch vergnügter.
»Wo ist denn Olga Wassiljewna?« fragte sie.
»Sie ist nicht zu Hause,« sagte er, »sie ist noch nicht heimgekommen.
Wahrscheinlich ist sie nach der Kirche zu Besuch gegangen. Ich bin erst
vor kurzem zurück, -- aber sie ist noch nicht da.«
Ludmilla tat so, als wäre sie sehr erstaunt. Sie fuchtelte mit ihrem
Sonnenschirm und sagte überrascht:
»Wie kommt denn das? Alle sind doch schon zurück aus der Kirche. Sonst
sitzt sie immer zu Hause, und plötzlich ist sie nicht da. Wahrscheinlich
machen Sie so viel Lärm, mein Jüngling, daß sie es zu Hause nicht mehr
aushält.«
Sascha schwieg und lächelte. Er freute sich über Ludmillas Stimme und
über ihr helles Lachen. Er überlegte, wie er es am geschicktesten
anstellen sollte, um sie nach Hause zu begleiten, oder sie zu
veranlassen, noch einige wenige Minuten zu bleiben.
Aber Ludmilla dachte nicht daran fortzugehen. Sie blickte Sascha
schelmisch an und sagte:
»Warum fordern Sie mich nicht auf, Platz zu nehmen, Sie liebenswürdiger
junger Mann Sie? Ich bin ganz müde geworden. Darf ich mich ein
Augenblickchen erholen?«
Lachend ging sie in den Salon, und ihre lebhaften, zärtlichen Augen
schienen zu bitten. Sascha wurde verlegen und ganz rot vor Freude, --
sie wollte bleiben!
»Wollen Sie, ich werde Sie bespritzen,« fragte Ludmilla rasch, »wollen
Sie?«
»Oho,« sagte Sascha, »sind Sie so! Sie wollen spritzen; warum so
grausam?«
Ludmilla lachte laut auf und lehnte sich in den Sessel.
»Bespritzen!« rief sie, »der dumme Junge! er hat mich falsch verstanden.
Ich will Sie doch nicht mit Wasser bespritzen, sondern mit Parfum.«
Sascha sagte komisch:
»O! mit Parfum! Ja warum denn?«
Ludmilla nahm aus ihrer Tasche den Zerstäuber; sie ließ das dunkelrote,
goldverzierte Fläschchen vor Saschas Augen blitzen und sagte:
»Sehen Sie, ich habe mir einen neuen Zerstäuber gekauft.«
Dann nahm sie aus der anderen Tasche ein großes Flakon mit einer bunten
Etikette, Pariser Parfum Poa-Rosa von Herlaine. Sascha fragte:
»Ihre Taschen sind aber tief!«
Ludmilla antwortete fröhlich:
»Na, mehr dürfen Sie nicht erwarten. Leckereien habe ich nicht
mitgebracht.«
»Leckereien,« wiederholte Sascha neckend.
Neugierig sah er zu, wie Ludmilla die Flasche öffnete, und fragte:
»Wie gießt man das ohne Trichter herein?«
Ludmilla sagte fröhlich:
»Den Trichter müssen Sie mir geben.«
»Ich habe doch keinen,« sagte er verlegen.
»Ganz wie Sie wollen, aber den Trichter werden Sie mir doch geben,«
sagte Ludmilla eigensinnig.
»Ich könnte einen aus der Küche holen, der riecht aber nach Petroleum,«
sagte Sascha.
Ludmilla lachte herzlich.
»Ach Sie unpraktischer Junge! Geben Sie mir einen Flick Papier, wenn
Ihnen das Papier nicht leid tut, -- dann haben wir einen Trichter.«
»O in der Tat!« rief Sascha fröhlich, »man kann ja einen Trichter aus
Papier drehen. Ich will's gleich holen.«
Sascha lief in seine Stube.
»Darf es aus einem Heft sein,« rief er von dort.
»Ganz egal,« antwortete Ludmilla fröhlich. »meinetwegen aus einem Buch,
z. B. aus der lateinischen Grammatik; mir würde es nicht leid tun.«
Sascha lachte und rief:
»Nein, nein -- lieber aus einem Heft.«
Er fand ein noch unbenutztes Heft, riß die mittlere Seite aus und wollte
schnell wieder in den Salon laufen, -- aber Ludmilla stand schon auf der
Schwelle.
»Darf man eintreten, Herr Gastgeber?« fragte sie schelmisch.
»Aber bitte, ich bin sehr erfreut!« rief Sascha fröhlich.
Ludmilla setzte sich an den Tisch, drehte einen Trichter aus dem Papier
und goß das Parfum mit besorgt geschäftiger Miene aus dem Flakon in den
Zerstäuber. Der Papiertrichter war an den Stellen, wo ihn die
Flüssigkeit berührt hatte, ganz dunkel geworden. Nur langsam floß die
Flüssigkeit durch den Trichter. Ein warmer, süßer Rosenduft gemischt mit
scharfem Spiritusgeruch verbreitete sich durch das Zimmer.
Ludmilla hatte die Hälfte des Flakons in den Zerstäuber gegossen und
sagte:
»So, es wird langen.«
Dann schraubte sie den Zerstäuber zu, knüllte das feuchte Papier
zusammen und rieb es zwischen den Handflächen.
»Riech doch,« sagte sie zu Sascha und hielt ihm die Handfläche vor die
Nase.
Sascha bückte sich, schloß die Augen und roch. Ludmilla lachte, schlug
ihn leicht mit der Handfläche auf den Mund und ließ die Hand auf seinen
Lippen liegen. Sascha wurde rot und küßte ihre warme, duftende
Handfläche, sie zärtlich mit bebenden Lippen berührend. Ludmilla seufzte
auf; ihr liebliches Gesichtchen wurde für einen Augenblick
verlangend-hingebend, dann nahm es wieder den ihm gewohnten Ausdruck
glücklicher Freude an.
»Jetzt paß aber auf, wie ich dich bespritzen werde,« sagte sie und
drückte den Gummiball.
Ein duftender Staub flog auf, er verteilte und verbreitete sich in der
Luft und benetzte Saschas Kleider. Sascha lachte und drehte sich
gehorsam, wenn Ludmilla ihn stieß.
»Riecht's gut,« fragte sie.
»Sehr angenehm,« antwortete er fröhlich. »Wie nennt man dieses Parfum?«
»So ein Junge! Nimm doch die Flasche und lies,« neckte sie ihn.
Sascha las die Etikette und sagte:
»Darum, ich dachte schon, weil es so stark nach Rosenöl roch.«
»Oel!« sagte Ludmilla vorwurfsvoll und schlug ihn leicht auf die
Schulter.
Sascha lachte und steckte seine Zungenspitze vor.
Ludmilla war aufgestanden und wühlte in Saschas Büchern und Heften.
»Darf man sehen?« fragte sie.
»Aber gewiß,« sagte er.
»Zeig doch, wo sind deine Nullen und Einer.«[9]
Sascha antwortete gekränkt:
»So was habe ich bisher überhaupt nicht gehabt.«
»Na, das lügst du wohl,« sagte Ludmilla bestimmt, »das ist einmal euer
Schicksal Einer zu haben. Du hast sie versteckt, gesteh's!«
Sascha lächelte und schwieg.
»Latein und Griechisch ist wohl was sehr Langweiliges,« sagte Ludmilla.
»Nicht sonderlich,« antwortete er; aber es war ihm anzumerken, daß ihn
schon allein das Gespräch über Schulangelegenheiten langweilte.
»Es ist so langweilig zu ochsen,« gestand er, »macht nichts, ich habe
ein gutes Gedächtnis. Aber Rechenaufgaben zu lösen liebe ich.«
»Komm morgen nach dem Mittag zu mir,« sagte Ludmilla.
[Fußnote 9: Null ist die schlechteste Note, fünf die beste.]
»Danke, ich werde kommen,« sagte Sascha errötend.
Es war ihm sehr angenehm, von Ludmilla eingeladen worden zu sein.
»Weißt du auch, wo ich wohne? Willst du kommen,« fragte Ludmilla.
»Ich weiß. Schon recht, ich werde kommen,« sagte er fröhlich.
»Aber komm bestimmt,« wiederholte Ludmilla streng, »ich werde dich
erwarten, hörst du?«
»Aber wenn ich zu viele Schulaufgaben haben sollte?« sagte Sascha, mehr
aus Gewissenhaftigkeit, als daß er tatsächlich um der Aufgaben willen
nicht gekommen wäre.
»Ach, Dummheiten, komm nur,« drängte Ludmilla, »man wird dir nicht das
Fell über die Ohren ziehen.«
»Aber warum soll ich kommen?« fragte Sascha lächelnd.
»Einfach darum. Du kommst. Ich habe dir einiges zu erzählen und zu
zeigen,« sagte Ludmilla, hüpfte und sang dazu, zupfte an ihrem Röckchen
und spreizte ihre rosigen Fingerchen, »komm du mein Lieber, mein
Goldner, mein Süßer.«
Sascha lachte.
»Erzählen Sie schon heute,« bat er.
»Heute geht es nicht. Wie könnte ich heute erzählen? Dann wirst du
morgen nicht kommen und sagen, du hättest keinen Grund gehabt, um zu
kommen.«
»Also gut, ich werde bestimmt kommen, wenn man mir erlaubt.«
»Das fehlte noch! Natürlich wird man erlauben! Man hält dich doch nicht
an der Kette.«
Als Ludmilla sich verabschiedete, küßte sie Sascha auf die Stirn und hob
ihre Hand an seine Lippen, so daß er sie küssen mußte. Und es war ihm
angenehm, die weiße, feine Hand noch einmal küssen zu dürfen, -- und
doch schämte er sich. Wie sollte man da nicht rot werden.
Als Ludmilla fortging, lächelte sie zärtlich und schelmisch. Sie kehrte
sich einigemal um.
Wie lieb sie ist! dachte er.
Sascha war allein.
Sie ist so schnell gegangen! dachte er. Plötzlich hatte sie sich
aufgemacht, und, kaum gedacht, ist sie schon fort. Wäre sie noch ein
Augenblickchen geblieben! -- dachte er und schämte sich, daß er es
vergessen hatte, sie zu begleiten.
Könnte ich noch ein wenig mit ihr gehen, dachte er. Soll ich sie
einholen? Vielleicht ist sie schon weit fort? Wenn ich schnell laufe,
hole ich sie noch ein.
Vielleicht wird sie mich auslachen? dachte er. Oder vielleicht werde ich
sie stören.
So konnte er sich nicht entschließen, ihr nachzulaufen. Ihm war es
traurig zumute. Auf seinen Lippen lag noch die zärtliche Berührung ihrer
Hand und auf seiner Stirn brannte ihr Kuß.
Sie küßt so süß, kam es ihm in den Sinn, wie ein liebes Schwesterchen!
Seine Wangen brannten. Er schämte sich und doch war ihm so leicht.
Unklare Gedanken und Bilder gingen ihm durch den Kopf.
Wäre sie doch meine Schwester, träumte er, könnte ich zu ihr hin, sie
umarmen, ihr ein liebes Wort sagen, sie rufen: Millachen, liebste! oder
sie sonst mit einem besonderen Namen rufen, -- z. B. Buba oder
Heuschrecke. Und sie würde darauf antworten. O -- wäre das schön!
Aber sie ist mir nur eine Fremde, dachte er traurig, sie ist sehr lieb,
aber doch fremd. Sie kam und ging, und denkt gewiß nicht mehr an mich.
Nur ein süßer Duft von Flieder und Rosen erinnert an sie und die
Berührung der Lippen von zwei zärtlichen Küssen; -- das Herz zittert,
wenn ich daran denke, und schenkt mir einen schönen Traum, schön wie
Aphrodite den Wellen entstieg.
* * * * *
Bald darauf kam die Kokowkina heim.
»Wonach riecht es so stark?« sagte sie.
Sascha wurde rot.
»Millachen war hier,« sagte er. »Sie waren aber nicht zu Hause; da blieb
sie ein wenig, parfumierte mich und ging wieder fort.«
»Was für Zärtlichkeiten!« sagte die Alte verwundert, »>Millachen< zu
sagen!«
Sascha lachte verlegen und lief davon. Die Kokowkina aber dachte bei
sich, die Rutiloffschen Mädchen wären ganz besonders liebenswürdige
junge Damen, alt und jung verständen sie zu bezaubern.
* * * * *
Gleich am Morgen des nächsten Tages freute sich Sascha beim Gedanken
daran, ausgehen zu dürfen. Ungeduldig wartete er auf das Mittagessen.
Nach dem Essen bat er ganz rot vor Verlegenheit, bis sieben Uhr zu
Rutiloffs gehen zu dürfen. Die Kokowkina war erstaunt, ließ ihn aber
gehen.
Sascha lief fröhlich davon. Er hatte sich sorgfältig gekämmt und sogar
Pomade in die Haare getan. Er freute sich sehr und war ein wenig
aufgeregt, als hätte er etwas Bedeutungsvolles, doch Schönes vor.
Besonders angenehm war ihm der Gedanke daß er gleich bei der Begrüßung
Ludmillas Hand küssen würde und sie ihn auf die Stirn; und dann, wenn er
wieder nach Hause müßte, würden sie sich wieder küssen. Es ließ sich so
wunderbar von Ludmillas feinen, schlanken Händen träumen.
Alle drei Schwestern begrüßten Sascha schon im Vorhause. Sie pflegten
gerne am Fenster zu sitzen und auf die Straße zu sehen. So kam es,
daß sie ihn schon von weitem kommen sahen. In stürmischer
Fröhlichkeit umringten ihn die drei lustigen, eleganten, laut
durcheinandersprechenden Damen, -- und er fühlte sich gleich wohl in
ihrer Mitte.
»Da ist er ja -- der geheimnisvolle, junge Mann!« rief Ludmilla
fröhlich.
Sascha küßte ihr die Hand; er tat es sehr gewandt und mit sichtlichem
Vergnügen. Gleich in eins küßte er auch den beiden andern Schwestern die
Hand, -- er konnte sie doch nicht übergehen, -- und fand, daß auch
dieses nicht unangenehm wäre, um so mehr, als ihn alle drei auf die
Wange küßten; -- Darja tat es laut und gleichmütig, als hätte sie ein
Brett vor sich; Valerie küßte zart, -- sie hatte die Augen gesenkt -- es
waren schlaue Aeuglein, -- kicherte verschämt und berührte kaum mit
ihren durstigen, fröhlichen Lippen die Wange, -- ihr Kuß schwebte nieder
wie eine zarte, duftige Apfelblüte; -- Ludmilla küßte ihn glücklich,
fröhlich und fest auf die Wange.
»Das ist _mein_ Gast,« erklärte sie mit Bestimmtheit und führte Sascha
in ihr Zimmer.
Darja ärgerte sich darüber.
»Ist es dein Gast, so küß ihn auch allein,« rief sie böse. »Hast da
einen schönen Schatz gefunden! Keiner macht ihn dir streitig.«
Valerie sagte nichts, sie lächelte nur, -- was konnte es für ein
Vergnügen sein sich mit einem dummen Jungen zu unterhalten! Er konnte ja
nichts begreifen?
Ludmillas Zimmer war geräumig, hell und freundlich. Vor den zwei großen
Fenstern, die auf den Garten hinausgingen, waren nur leichte, gelbe
Tüllvorhänge. Im Zimmer duftete es süß. Alle Gegenstände waren elegant
und hell. Die Stühle und Sessel waren von einem goldgelben, von einem
weißen Muster kaum sichtbar durchwirkten Stoffe bezogen. Ueberall
standen Flakons mit Odeur oder wohlriechendem Wasser, kleine
Kristallschälchen und Körbchen, Fächer und einige russische und
französische Bücher.
»Heute Nacht habe ich von dir geträumt,« erzählte Ludmilla lachend, »ich
sah dich im Fluß bei der Stadtbrücke schwimmen; ich selber saß auf der
Brücke und angelte dich.«
»Und sperrten mich dann in ein Glas?« neckte Sascha.
»Warum in ein Glas?«
»Wohin denn sonst?«
»Wohin? Ich zauste dich gründlich an den Ohren und warf dich wieder
zurück in den Fluß.«
Und Ludmilla lachte hell auf.
»_So_ sind Sie also!« sagte Sascha. »Und was wollten Sie mir heute
erzählen?«
Ludmilla lachte nur und sagte nichts.
»Sie haben mich also betrogen,« erriet er, »und außerdem versprachen
Sie, mir etwas zu zeigen,« sagte er vorwurfsvoll.
»Ich werde dir zeigen! Willst du was essen?« fragte sie.
»Ich komme eben vom Mittag,« sagte er. »So betrügen Sie einen!«
»Ich hab' es gerade nötig, dich zu betrügen. Aber du riechst ja nach
Pomade?« fragte sie plötzlich.
Sascha wurde rot.
»Ich kann Pomade nicht leiden!« sagte Ludmilla geärgert. »So was
Weibisches!«
Sie strich mit der Hand über sein Haar und gab ihm dann mit der fettigen
Handfläche einen kleinen Klaps auf die Backe.
»Das darfst du nie wieder tun!« sagte sie.
Sascha wurde verlegen.
»Gut, ich will's nicht wieder tun,« sagte er, »Sie sind furchtbar streng
und parfumieren sich doch selber!«
»Zwischen Parfum und Pomade ist eben ein großer Unterschied, dummer
Junge! Es ist doch gar nicht zu vergleichen,« sagte Ludmilla belehrend,
»ich habe nie Pomade gebraucht. Warum soll ich mir die Haare verkleben!
Parfum ist doch ganz was anderes. Komm, ich werde dich parfumieren.
Willst du? Mit etwas Flieder, -- willst du?«
»Ich will,« sagte Sascha und lächelte.
Es war ihm angenehm zu denken, wie die Kokowkina staunen würde, wenn er
wieder parfumiert nach Hause kommen würde.
»Wer will?« fragte Ludmilla noch einmal, nahm den Flakon mit Flieder in
die Hand und blickte Sascha halb fragend und schelmisch an.
»Ich will,« wiederholte Sascha.
»Will? Will, well -- bell? Du bellst also?« neckte Ludmilla.
Beide lachten fröhlich.
»Fürchtest du dich noch vor dem Spritzen?« fragte Ludmilla, »weißt du
noch, wie du gestern Angst hattest?«
»Ich hatte gewiß keine Angst,« verteidigte sich Sascha eifrig.
Ludmilla lachte und neckte den Jungen. Dann parfumierte sie ihn mit
Flieder. Sascha bedankte sich und küßte ihr die Hand.
»Außerdem laß dir die Haare schneiden!« sagte Ludmilla streng, »was soll
diese Lockenperücke! Willst du die Pferde auf der Straße scheu machen?«
»Schon gut; ich will sie mir schneiden lassen,« erklärte Sascha, »aber
warum sind Sie so entsetzlich streng? Ich habe ja noch ganz kurze Haare,
kaum einen halben Zoll lang, und sogar der Inspektor hat mir noch nichts
darüber gesagt.«
»Ich liebe es, wenn junge Leute ihre Haare kurz tragen; merk dir das,«
sagte Ludmilla wichtig und drohte mit dem Finger; »ich bin nicht dein
Inspektor, und mir muß gehorcht werden.«
* * * * *
Von diesem Tage an kam Ludmilla oft zur Kokowkina, um Sascha zu sehen.
Besonders in der ersten Zeit bemühte sie sich, nur dann zu kommen, wenn
die Kokowkina nicht zu Hause war. Manchmal wußte sie es besonders schlau
einzurichten -- und lockte die alte Frau von Hause fort.
Einmal sagte ihr Darja:
»Wie bist du doch feige! Bist bange vor einer alten Frau. Geh doch hin,
wenn sie zu Hause ist und nimm ihn mit zu einem Spaziergang.«
Ludmilla merkte sich den Rat, -- und ging nun hin, wann es ihr paßte.
War die Kokowkina zu Hause, so plauderte sie ein wenig mit ihr und ging
dann mit Sascha spazieren, -- in solchen Fällen pflegte sie ihn jedoch
nur für kurze Zeit in Anspruch zu nehmen.
Ludmilla und Sascha wurden bald gute Freunde, -- allein ihre
Freundschaft war unruhiger, wenn auch zärtlicher Natur. Ohne sich dessen
bewußt zu werden, weckte Ludmilla in Sascha frühreifes und unklares
Verlangen und Begehren.
Es kam oft vor, daß Sascha Ludmillas Hände küßte, -- ihre schmalen,
schönen Hände, die von einer zarten, elastischen Haut umspannt waren,
durch deren blaßrosa Gewirke weitverzweigte blaue Aederchen schimmerten.
Und dann höher hinauf. Es war so leicht ihren graziösen, schlanken Arm
zu küssen, man brauchte ja nur die breiten Aermel bis zum Ellenbogen
hinaufzustreifen.
Mitunter erzählte Sascha der Kokowkina nicht, wenn Ludmilla dagewesen
war. Er log zwar nicht, -- aber er verschwieg es. Und wie hätte er auch
lügen sollen, -- das Dienstmädchen hätte plaudern können. Es wurde ihm
nicht leicht, von Ludmillas Besuchen zu schweigen: ihr helles Lachen
klang immer in seinen Ohren. Er wollte von ihr sprechen. Und doch, -- es
war so unbequem.
Auch mit den andern Schwestern wurde Sascha bald gut Freund. Er küßte
ihnen allen die Hand und rief sie sogar bei ihren Kosenamen: Daschenka,
Millachen, Vallichen.