XVI

Ludmillas Gedanken waren immer bei dem schwarzäugigen Knaben. Sie redete

oft mit Verwandten und Bekannten über ihn, -- manchmal zur unrechten

Zeit. Fast in jeder Nacht träumte sie von ihm; sie sah ihn zuweilen wie

er wirklich im Leben war -- bescheiden und schüchtern, öfter jedoch in

einer märchenhaften, phantastischen Umgebung. Von diesen Träumen pflegte

sie zu erzählen, und bald kam es so weit, daß die Schwestern jeden

Morgen fragten, wie Sascha ihr in der vergangenen Nacht im Traume

erschienen wäre.

Ihre Gedanken waren immer bei ihm.

Am Sonntag bat Ludmilla ihre Schwestern, sie möchten die Kokowkina aus

der Kirche abholen und recht lange aufhalten. Sie wollte mit Sascha

allein sein, und ging darum nicht zur Kirche. »Sagt ihr, ich hätte mich

verschlafen,« trug sie den Schwestern auf.

Diese lachten über den Streich, waren aber natürlich mit allem

einverstanden. Sie vertrugen sich überhaupt gut. Es konnte ihnen nur

gelegen kommen, wenn Ludmilla sich mit dem Jungen abgab, denn so blieben

die wirklichen Freier ihnen allein.

Sie taten, wie sie versprochen hatten, -- und baten die Kokowkina nach

dem Gottesdienst zu sich.

Unterdessen hatte sich Ludmilla ganz angekleidet. Sie trug ein hübsches,

fröhliches Kleidchen und hatte sich mit angenehmem, weichem Flieder

parfumiert. In die eine Tasche steckte sie ein noch nicht angebrochenes

Odeurfläschchen, in die andere einen kleinen Zerstäuber; dann stellte

sie sich hinter den Vorhang an ein Fenster im Salon, um von hier zu

beobachten, ob die Kokowkina auch wirklich käme. Schon früher hatte sie

beschlossen Odeur mitzunehmen, um den Gymnasiasten zu parfumieren; er

sollte nicht immer nach ekligem Latein und nach Tinte und nach der

Schule überhaupt riechen. Ludmilla liebte Parfums. Sie verschrieb sie

sich aus Petersburg und brauchte sie oft und gerne. Sie liebte duftende

Blumen. Ihr Zimmer strömte immer irgend einen Wohlgeruch aus; entweder

roch es nach Blumen, oder nach Odeurs, oder nach Fichtenzweigen und

frischem Birkengrün.

Da kamen die Schwestern und die Kokowkina mit ihnen.

Fröhlich lief Ludmilla zur Küche hinaus, durch den Gemüsegarten, durch

das Pförtchen und von dort weiter durch ein Nebengäßchen, -- um von der

Kokowkina nicht gesehen zu werden. Sie lächelte schelmisch, während sie

eilig zum Hause der Kokowkina ging und fuchtelte vergnügt mit ihrem

weißen Sonnenschirm. Sie war froh über das schöne, warme Herbstwetter,

und es schien, als verbreite sich ihre Fröhlichkeit überall wohin sie

kam.

Das Dienstmädchen der Kokowkina öffnete ihr die Tür und meldete, die

gnädige Frau wäre nicht zu Hause. Ludmilla lachte laut und scherzte mit

dem rotbackigen Ding.

»Vielleicht ist es gar nicht wahr,« sagte sie, »vielleicht versteckt

sich die gnädige Frau vor mir.«

»Hi, hi, warum sollte sie sich verstecken!« grinste das Mädchen, »gehen

Sie doch ins Wohnzimmer und schauen Sie nach, wenn Sie mir nicht

glauben.«

Ludmilla blickte in den Salon und rief schelmisch:

»Gibt's hier überhaupt eine lebendige Seele? He, Gymnasiast!«

Sascha kam aus seiner Stube und freute sich, als er Ludmilla sah; und

Ludmillas fröhliche Augen machten ihn noch vergnügter.

»Wo ist denn Olga Wassiljewna?« fragte sie.

»Sie ist nicht zu Hause,« sagte er, »sie ist noch nicht heimgekommen.

Wahrscheinlich ist sie nach der Kirche zu Besuch gegangen. Ich bin erst

vor kurzem zurück, -- aber sie ist noch nicht da.«

Ludmilla tat so, als wäre sie sehr erstaunt. Sie fuchtelte mit ihrem

Sonnenschirm und sagte überrascht:

»Wie kommt denn das? Alle sind doch schon zurück aus der Kirche. Sonst

sitzt sie immer zu Hause, und plötzlich ist sie nicht da. Wahrscheinlich

machen Sie so viel Lärm, mein Jüngling, daß sie es zu Hause nicht mehr

aushält.«

Sascha schwieg und lächelte. Er freute sich über Ludmillas Stimme und

über ihr helles Lachen. Er überlegte, wie er es am geschicktesten

anstellen sollte, um sie nach Hause zu begleiten, oder sie zu

veranlassen, noch einige wenige Minuten zu bleiben.

Aber Ludmilla dachte nicht daran fortzugehen. Sie blickte Sascha

schelmisch an und sagte:

»Warum fordern Sie mich nicht auf, Platz zu nehmen, Sie liebenswürdiger

junger Mann Sie? Ich bin ganz müde geworden. Darf ich mich ein

Augenblickchen erholen?«

Lachend ging sie in den Salon, und ihre lebhaften, zärtlichen Augen

schienen zu bitten. Sascha wurde verlegen und ganz rot vor Freude, --

sie wollte bleiben!

»Wollen Sie, ich werde Sie bespritzen,« fragte Ludmilla rasch, »wollen

Sie?«

»Oho,« sagte Sascha, »sind Sie so! Sie wollen spritzen; warum so

grausam?«

Ludmilla lachte laut auf und lehnte sich in den Sessel.

»Bespritzen!« rief sie, »der dumme Junge! er hat mich falsch verstanden.

Ich will Sie doch nicht mit Wasser bespritzen, sondern mit Parfum.«

Sascha sagte komisch:

»O! mit Parfum! Ja warum denn?«

Ludmilla nahm aus ihrer Tasche den Zerstäuber; sie ließ das dunkelrote,

goldverzierte Fläschchen vor Saschas Augen blitzen und sagte:

»Sehen Sie, ich habe mir einen neuen Zerstäuber gekauft.«

Dann nahm sie aus der anderen Tasche ein großes Flakon mit einer bunten

Etikette, Pariser Parfum Poa-Rosa von Herlaine. Sascha fragte:

»Ihre Taschen sind aber tief!«

Ludmilla antwortete fröhlich:

»Na, mehr dürfen Sie nicht erwarten. Leckereien habe ich nicht

mitgebracht.«

»Leckereien,« wiederholte Sascha neckend.

Neugierig sah er zu, wie Ludmilla die Flasche öffnete, und fragte:

»Wie gießt man das ohne Trichter herein?«

Ludmilla sagte fröhlich:

»Den Trichter müssen Sie mir geben.«

»Ich habe doch keinen,« sagte er verlegen.

»Ganz wie Sie wollen, aber den Trichter werden Sie mir doch geben,«

sagte Ludmilla eigensinnig.

»Ich könnte einen aus der Küche holen, der riecht aber nach Petroleum,«

sagte Sascha.

Ludmilla lachte herzlich.

»Ach Sie unpraktischer Junge! Geben Sie mir einen Flick Papier, wenn

Ihnen das Papier nicht leid tut, -- dann haben wir einen Trichter.«

»O in der Tat!« rief Sascha fröhlich, »man kann ja einen Trichter aus

Papier drehen. Ich will's gleich holen.«

Sascha lief in seine Stube.

»Darf es aus einem Heft sein,« rief er von dort.

»Ganz egal,« antwortete Ludmilla fröhlich. »meinetwegen aus einem Buch,

z. B. aus der lateinischen Grammatik; mir würde es nicht leid tun.«

Sascha lachte und rief:

»Nein, nein -- lieber aus einem Heft.«

Er fand ein noch unbenutztes Heft, riß die mittlere Seite aus und wollte

schnell wieder in den Salon laufen, -- aber Ludmilla stand schon auf der

Schwelle.

»Darf man eintreten, Herr Gastgeber?« fragte sie schelmisch.

»Aber bitte, ich bin sehr erfreut!« rief Sascha fröhlich.

Ludmilla setzte sich an den Tisch, drehte einen Trichter aus dem Papier

und goß das Parfum mit besorgt geschäftiger Miene aus dem Flakon in den

Zerstäuber. Der Papiertrichter war an den Stellen, wo ihn die

Flüssigkeit berührt hatte, ganz dunkel geworden. Nur langsam floß die

Flüssigkeit durch den Trichter. Ein warmer, süßer Rosenduft gemischt mit

scharfem Spiritusgeruch verbreitete sich durch das Zimmer.

Ludmilla hatte die Hälfte des Flakons in den Zerstäuber gegossen und

sagte:

»So, es wird langen.«

Dann schraubte sie den Zerstäuber zu, knüllte das feuchte Papier

zusammen und rieb es zwischen den Handflächen.

»Riech doch,« sagte sie zu Sascha und hielt ihm die Handfläche vor die

Nase.

Sascha bückte sich, schloß die Augen und roch. Ludmilla lachte, schlug

ihn leicht mit der Handfläche auf den Mund und ließ die Hand auf seinen

Lippen liegen. Sascha wurde rot und küßte ihre warme, duftende

Handfläche, sie zärtlich mit bebenden Lippen berührend. Ludmilla seufzte

auf; ihr liebliches Gesichtchen wurde für einen Augenblick

verlangend-hingebend, dann nahm es wieder den ihm gewohnten Ausdruck

glücklicher Freude an.

»Jetzt paß aber auf, wie ich dich bespritzen werde,« sagte sie und

drückte den Gummiball.

Ein duftender Staub flog auf, er verteilte und verbreitete sich in der

Luft und benetzte Saschas Kleider. Sascha lachte und drehte sich

gehorsam, wenn Ludmilla ihn stieß.

»Riecht's gut,« fragte sie.

»Sehr angenehm,« antwortete er fröhlich. »Wie nennt man dieses Parfum?«

»So ein Junge! Nimm doch die Flasche und lies,« neckte sie ihn.

Sascha las die Etikette und sagte:

»Darum, ich dachte schon, weil es so stark nach Rosenöl roch.«

»Oel!« sagte Ludmilla vorwurfsvoll und schlug ihn leicht auf die

Schulter.

Sascha lachte und steckte seine Zungenspitze vor.

Ludmilla war aufgestanden und wühlte in Saschas Büchern und Heften.

»Darf man sehen?« fragte sie.

»Aber gewiß,« sagte er.

»Zeig doch, wo sind deine Nullen und Einer.«[9]

Sascha antwortete gekränkt:

»So was habe ich bisher überhaupt nicht gehabt.«

»Na, das lügst du wohl,« sagte Ludmilla bestimmt, »das ist einmal euer

Schicksal Einer zu haben. Du hast sie versteckt, gesteh's!«

Sascha lächelte und schwieg.

»Latein und Griechisch ist wohl was sehr Langweiliges,« sagte Ludmilla.

»Nicht sonderlich,« antwortete er; aber es war ihm anzumerken, daß ihn

schon allein das Gespräch über Schulangelegenheiten langweilte.

»Es ist so langweilig zu ochsen,« gestand er, »macht nichts, ich habe

ein gutes Gedächtnis. Aber Rechenaufgaben zu lösen liebe ich.«

»Komm morgen nach dem Mittag zu mir,« sagte Ludmilla.

[Fußnote 9: Null ist die schlechteste Note, fünf die beste.]

»Danke, ich werde kommen,« sagte Sascha errötend.

Es war ihm sehr angenehm, von Ludmilla eingeladen worden zu sein.

»Weißt du auch, wo ich wohne? Willst du kommen,« fragte Ludmilla.

»Ich weiß. Schon recht, ich werde kommen,« sagte er fröhlich.

»Aber komm bestimmt,« wiederholte Ludmilla streng, »ich werde dich

erwarten, hörst du?«

»Aber wenn ich zu viele Schulaufgaben haben sollte?« sagte Sascha, mehr

aus Gewissenhaftigkeit, als daß er tatsächlich um der Aufgaben willen

nicht gekommen wäre.

»Ach, Dummheiten, komm nur,« drängte Ludmilla, »man wird dir nicht das

Fell über die Ohren ziehen.«

»Aber warum soll ich kommen?« fragte Sascha lächelnd.

»Einfach darum. Du kommst. Ich habe dir einiges zu erzählen und zu

zeigen,« sagte Ludmilla, hüpfte und sang dazu, zupfte an ihrem Röckchen

und spreizte ihre rosigen Fingerchen, »komm du mein Lieber, mein

Goldner, mein Süßer.«

Sascha lachte.

»Erzählen Sie schon heute,« bat er.

»Heute geht es nicht. Wie könnte ich heute erzählen? Dann wirst du

morgen nicht kommen und sagen, du hättest keinen Grund gehabt, um zu

kommen.«

»Also gut, ich werde bestimmt kommen, wenn man mir erlaubt.«

»Das fehlte noch! Natürlich wird man erlauben! Man hält dich doch nicht

an der Kette.«

Als Ludmilla sich verabschiedete, küßte sie Sascha auf die Stirn und hob

ihre Hand an seine Lippen, so daß er sie küssen mußte. Und es war ihm

angenehm, die weiße, feine Hand noch einmal küssen zu dürfen, -- und

doch schämte er sich. Wie sollte man da nicht rot werden.

Als Ludmilla fortging, lächelte sie zärtlich und schelmisch. Sie kehrte

sich einigemal um.

Wie lieb sie ist! dachte er.

Sascha war allein.

Sie ist so schnell gegangen! dachte er. Plötzlich hatte sie sich

aufgemacht, und, kaum gedacht, ist sie schon fort. Wäre sie noch ein

Augenblickchen geblieben! -- dachte er und schämte sich, daß er es

vergessen hatte, sie zu begleiten.

Könnte ich noch ein wenig mit ihr gehen, dachte er. Soll ich sie

einholen? Vielleicht ist sie schon weit fort? Wenn ich schnell laufe,

hole ich sie noch ein.

Vielleicht wird sie mich auslachen? dachte er. Oder vielleicht werde ich

sie stören.

So konnte er sich nicht entschließen, ihr nachzulaufen. Ihm war es

traurig zumute. Auf seinen Lippen lag noch die zärtliche Berührung ihrer

Hand und auf seiner Stirn brannte ihr Kuß.

Sie küßt so süß, kam es ihm in den Sinn, wie ein liebes Schwesterchen!

Seine Wangen brannten. Er schämte sich und doch war ihm so leicht.

Unklare Gedanken und Bilder gingen ihm durch den Kopf.

Wäre sie doch meine Schwester, träumte er, könnte ich zu ihr hin, sie

umarmen, ihr ein liebes Wort sagen, sie rufen: Millachen, liebste! oder

sie sonst mit einem besonderen Namen rufen, -- z. B. Buba oder

Heuschrecke. Und sie würde darauf antworten. O -- wäre das schön!

Aber sie ist mir nur eine Fremde, dachte er traurig, sie ist sehr lieb,

aber doch fremd. Sie kam und ging, und denkt gewiß nicht mehr an mich.

Nur ein süßer Duft von Flieder und Rosen erinnert an sie und die

Berührung der Lippen von zwei zärtlichen Küssen; -- das Herz zittert,

wenn ich daran denke, und schenkt mir einen schönen Traum, schön wie

Aphrodite den Wellen entstieg.

* * * * *

Bald darauf kam die Kokowkina heim.

»Wonach riecht es so stark?« sagte sie.

Sascha wurde rot.

»Millachen war hier,« sagte er. »Sie waren aber nicht zu Hause; da blieb

sie ein wenig, parfumierte mich und ging wieder fort.«

»Was für Zärtlichkeiten!« sagte die Alte verwundert, »>Millachen< zu

sagen!«

Sascha lachte verlegen und lief davon. Die Kokowkina aber dachte bei

sich, die Rutiloffschen Mädchen wären ganz besonders liebenswürdige

junge Damen, alt und jung verständen sie zu bezaubern.

* * * * *

Gleich am Morgen des nächsten Tages freute sich Sascha beim Gedanken

daran, ausgehen zu dürfen. Ungeduldig wartete er auf das Mittagessen.

Nach dem Essen bat er ganz rot vor Verlegenheit, bis sieben Uhr zu

Rutiloffs gehen zu dürfen. Die Kokowkina war erstaunt, ließ ihn aber

gehen.

Sascha lief fröhlich davon. Er hatte sich sorgfältig gekämmt und sogar

Pomade in die Haare getan. Er freute sich sehr und war ein wenig

aufgeregt, als hätte er etwas Bedeutungsvolles, doch Schönes vor.

Besonders angenehm war ihm der Gedanke daß er gleich bei der Begrüßung

Ludmillas Hand küssen würde und sie ihn auf die Stirn; und dann, wenn er

wieder nach Hause müßte, würden sie sich wieder küssen. Es ließ sich so

wunderbar von Ludmillas feinen, schlanken Händen träumen.

Alle drei Schwestern begrüßten Sascha schon im Vorhause. Sie pflegten

gerne am Fenster zu sitzen und auf die Straße zu sehen. So kam es,

daß sie ihn schon von weitem kommen sahen. In stürmischer

Fröhlichkeit umringten ihn die drei lustigen, eleganten, laut

durcheinandersprechenden Damen, -- und er fühlte sich gleich wohl in

ihrer Mitte.

»Da ist er ja -- der geheimnisvolle, junge Mann!« rief Ludmilla

fröhlich.

Sascha küßte ihr die Hand; er tat es sehr gewandt und mit sichtlichem

Vergnügen. Gleich in eins küßte er auch den beiden andern Schwestern die

Hand, -- er konnte sie doch nicht übergehen, -- und fand, daß auch

dieses nicht unangenehm wäre, um so mehr, als ihn alle drei auf die

Wange küßten; -- Darja tat es laut und gleichmütig, als hätte sie ein

Brett vor sich; Valerie küßte zart, -- sie hatte die Augen gesenkt -- es

waren schlaue Aeuglein, -- kicherte verschämt und berührte kaum mit

ihren durstigen, fröhlichen Lippen die Wange, -- ihr Kuß schwebte nieder

wie eine zarte, duftige Apfelblüte; -- Ludmilla küßte ihn glücklich,

fröhlich und fest auf die Wange.

»Das ist _mein_ Gast,« erklärte sie mit Bestimmtheit und führte Sascha

in ihr Zimmer.

Darja ärgerte sich darüber.

»Ist es dein Gast, so küß ihn auch allein,« rief sie böse. »Hast da

einen schönen Schatz gefunden! Keiner macht ihn dir streitig.«

Valerie sagte nichts, sie lächelte nur, -- was konnte es für ein

Vergnügen sein sich mit einem dummen Jungen zu unterhalten! Er konnte ja

nichts begreifen?

Ludmillas Zimmer war geräumig, hell und freundlich. Vor den zwei großen

Fenstern, die auf den Garten hinausgingen, waren nur leichte, gelbe

Tüllvorhänge. Im Zimmer duftete es süß. Alle Gegenstände waren elegant

und hell. Die Stühle und Sessel waren von einem goldgelben, von einem

weißen Muster kaum sichtbar durchwirkten Stoffe bezogen. Ueberall

standen Flakons mit Odeur oder wohlriechendem Wasser, kleine

Kristallschälchen und Körbchen, Fächer und einige russische und

französische Bücher.

»Heute Nacht habe ich von dir geträumt,« erzählte Ludmilla lachend, »ich

sah dich im Fluß bei der Stadtbrücke schwimmen; ich selber saß auf der

Brücke und angelte dich.«

»Und sperrten mich dann in ein Glas?« neckte Sascha.

»Warum in ein Glas?«

»Wohin denn sonst?«

»Wohin? Ich zauste dich gründlich an den Ohren und warf dich wieder

zurück in den Fluß.«

Und Ludmilla lachte hell auf.

»_So_ sind Sie also!« sagte Sascha. »Und was wollten Sie mir heute

erzählen?«

Ludmilla lachte nur und sagte nichts.

»Sie haben mich also betrogen,« erriet er, »und außerdem versprachen

Sie, mir etwas zu zeigen,« sagte er vorwurfsvoll.

»Ich werde dir zeigen! Willst du was essen?« fragte sie.

»Ich komme eben vom Mittag,« sagte er. »So betrügen Sie einen!«

»Ich hab' es gerade nötig, dich zu betrügen. Aber du riechst ja nach

Pomade?« fragte sie plötzlich.

Sascha wurde rot.

»Ich kann Pomade nicht leiden!« sagte Ludmilla geärgert. »So was

Weibisches!«

Sie strich mit der Hand über sein Haar und gab ihm dann mit der fettigen

Handfläche einen kleinen Klaps auf die Backe.

»Das darfst du nie wieder tun!« sagte sie.

Sascha wurde verlegen.

»Gut, ich will's nicht wieder tun,« sagte er, »Sie sind furchtbar streng

und parfumieren sich doch selber!«

»Zwischen Parfum und Pomade ist eben ein großer Unterschied, dummer

Junge! Es ist doch gar nicht zu vergleichen,« sagte Ludmilla belehrend,

»ich habe nie Pomade gebraucht. Warum soll ich mir die Haare verkleben!

Parfum ist doch ganz was anderes. Komm, ich werde dich parfumieren.

Willst du? Mit etwas Flieder, -- willst du?«

»Ich will,« sagte Sascha und lächelte.

Es war ihm angenehm zu denken, wie die Kokowkina staunen würde, wenn er

wieder parfumiert nach Hause kommen würde.

»Wer will?« fragte Ludmilla noch einmal, nahm den Flakon mit Flieder in

die Hand und blickte Sascha halb fragend und schelmisch an.

»Ich will,« wiederholte Sascha.

»Will? Will, well -- bell? Du bellst also?« neckte Ludmilla.

Beide lachten fröhlich.

»Fürchtest du dich noch vor dem Spritzen?« fragte Ludmilla, »weißt du

noch, wie du gestern Angst hattest?«

»Ich hatte gewiß keine Angst,« verteidigte sich Sascha eifrig.

Ludmilla lachte und neckte den Jungen. Dann parfumierte sie ihn mit

Flieder. Sascha bedankte sich und küßte ihr die Hand.

»Außerdem laß dir die Haare schneiden!« sagte Ludmilla streng, »was soll

diese Lockenperücke! Willst du die Pferde auf der Straße scheu machen?«

»Schon gut; ich will sie mir schneiden lassen,« erklärte Sascha, »aber

warum sind Sie so entsetzlich streng? Ich habe ja noch ganz kurze Haare,

kaum einen halben Zoll lang, und sogar der Inspektor hat mir noch nichts

darüber gesagt.«

»Ich liebe es, wenn junge Leute ihre Haare kurz tragen; merk dir das,«

sagte Ludmilla wichtig und drohte mit dem Finger; »ich bin nicht dein

Inspektor, und mir muß gehorcht werden.«

* * * * *

Von diesem Tage an kam Ludmilla oft zur Kokowkina, um Sascha zu sehen.

Besonders in der ersten Zeit bemühte sie sich, nur dann zu kommen, wenn

die Kokowkina nicht zu Hause war. Manchmal wußte sie es besonders schlau

einzurichten -- und lockte die alte Frau von Hause fort.

Einmal sagte ihr Darja:

»Wie bist du doch feige! Bist bange vor einer alten Frau. Geh doch hin,

wenn sie zu Hause ist und nimm ihn mit zu einem Spaziergang.«

Ludmilla merkte sich den Rat, -- und ging nun hin, wann es ihr paßte.

War die Kokowkina zu Hause, so plauderte sie ein wenig mit ihr und ging

dann mit Sascha spazieren, -- in solchen Fällen pflegte sie ihn jedoch

nur für kurze Zeit in Anspruch zu nehmen.

Ludmilla und Sascha wurden bald gute Freunde, -- allein ihre

Freundschaft war unruhiger, wenn auch zärtlicher Natur. Ohne sich dessen

bewußt zu werden, weckte Ludmilla in Sascha frühreifes und unklares

Verlangen und Begehren.

Es kam oft vor, daß Sascha Ludmillas Hände küßte, -- ihre schmalen,

schönen Hände, die von einer zarten, elastischen Haut umspannt waren,

durch deren blaßrosa Gewirke weitverzweigte blaue Aederchen schimmerten.

Und dann höher hinauf. Es war so leicht ihren graziösen, schlanken Arm

zu küssen, man brauchte ja nur die breiten Aermel bis zum Ellenbogen

hinaufzustreifen.

Mitunter erzählte Sascha der Kokowkina nicht, wenn Ludmilla dagewesen

war. Er log zwar nicht, -- aber er verschwieg es. Und wie hätte er auch

lügen sollen, -- das Dienstmädchen hätte plaudern können. Es wurde ihm

nicht leicht, von Ludmillas Besuchen zu schweigen: ihr helles Lachen

klang immer in seinen Ohren. Er wollte von ihr sprechen. Und doch, -- es

war so unbequem.

Auch mit den andern Schwestern wurde Sascha bald gut Freund. Er küßte

ihnen allen die Hand und rief sie sogar bei ihren Kosenamen: Daschenka,

Millachen, Vallichen.

Der kleine Dämon · 第 13 / 36 题