Am Abend erschien Peredonoff beim Direktor in dringender Angelegenheit.
Der Direktor Nikolai Wassiljewitsch Chripatsch hatte eine ganze Reihe
von Prinzipien, die außerordentlich bequem in sein Leben paßten. Darum
fielen sie ihm auch keineswegs zur Last. Im Dienst erfüllte er mit Würde
alle Vorschriften, die das Gesetz fordert, oder die die vorgesetzte
Behörde diktierte, oder die vom allgemein gültigen, gemäßigten
Liberalismus verlangt werden. So kam es, daß Eltern, Schüler und
Vorgesetzte gleicherweise mit ihm zufrieden waren. Zweifelhafte Fälle,
Unsicherheit, Hin- und Herschwanken kannte er nicht; wozu auch? man kann
sich doch stets entweder an Bestimmungen des pädagogischen Konseils oder
an Vorschriften der vorgesetzten Behörde halten. Ebenso regelmäßig und
ruhig war er im persönlichen Verkehr. Schon seine äußere Erscheinung
zeugte von Energie und Wohlwollen: er war nicht groß, untersetzt,
lebhaft, hatte kluge Augen und redete selbstbewußt und sicher; kurz, er
war ein Mensch, der sich seine Stellung selber geschaffen hatte und
nicht abgeneigt war, im Leben noch weiterzukommen. In seinem
Schreibzimmer standen sehr viele Bücher auf den Bücherbrettern; aus
einigen fertigte er Auszüge an. Hatte er eine hinreichende Menge von
Auszügen gesammelt, so ordnete er sie und schrieb alles mit eigenen
Worten nieder. Das war dann ein Lehrbuch, es wurde gedruckt und
verkauft; zwar nicht in übermäßig vielen Auflagen, aber immer noch recht
günstig. Manchmal schrieb er gelehrte Abhandlungen über im Ausland
erschienene Bücher. Diese Abhandlungen kamen in Fachzeitschriften zum
Abdruck, waren allgemein geschätzt, aber durchaus überflüssig.
Er hatte viele Kinder, und jedes von ihnen, ob nun Knabe oder Mädchen,
verfügte über irgend ein Talent: das eine schrieb Verse, ein anderes
zeichnete, wieder ein anderes machte erstaunliche Fortschritte in der
Musik.
Peredonoff sagte gereizt:
»Sehen Sie, Nikolai Wassiljewitsch, Sie belieben mich stets anzugreifen.
Es ist möglich, daß man mich bei Ihnen verleumdet, ich habe aber
garnichts auf dem Gewissen.«
»Entschuldigen Sie,« unterbrach ihn der Direktor, »ich verstehe nicht,
von was für Verleumdungen Sie zu reden belieben. Als Leiter des mir
anvertrauten Gymnasiums pflege ich meine eigenen Beobachtungen zu
machen, und ich hoffe doch annehmen zu dürfen, daß meine praktische
Erfahrung ausreicht, um gerecht schätzen zu können, was ich höre und
sehe, und das um so mehr, als ich aus Prinzip gewissenhaft und
aufmerksam meinen Pflichten nachzukommen bestrebt bin,« sprach
Chripatsch schnell und deutlich, und seine Stimme klang trocken und
klar, fast wie das Geräusch von Blechstangen, die gebrochen werden. »Was
aber meine persönliche Ansicht über _Ihre_ Leistungsfähigkeit betrifft,
so kann ich nur wieder konstatieren, daß Sie Ihren dienstlichen
Verpflichtungen nur mangelhaft nachkommen.«
»Ja,« sagte Peredonoff verdrießlich, »Sie haben sich's mal in den Kopf
gesetzt, daß ich nichts tauge; und ich sorge mich Tag und Nacht um das
Gymnasium.«
Chripatsch blickte erstaunt und fragend auf Peredonoff.
»Sie bemerken zum Beispiel nicht,« fuhr Peredonoff fort, »daß sich ein
großer Skandal im Gymnasium vorbereitet, -- und keiner bemerkt das; ich
allein bin der Sache auf die Spur gekommen.«
»Was für ein Skandal?« fragte Chripatsch mit trocknem Spott und ging im
Schreibzimmer auf und ab. »Das irritiert mich, obgleich ich, offen
gestanden, nicht an die Möglichkeit eines Skandals in unserem Gymnasium
glaube.«
»Sie wissen zum Beispiel nicht, wen Sie alles neu aufgenommen haben,«
sagte Peredonoff so schadenfroh, daß Chripatsch stehen blieb und ihn
aufmerksam betrachtete.
»Die Neuaufgenommenen kenne ich alle,« sagte er trocken. »Diejenigen,
welche in die erste Klasse aufgenommen wurden, sind von keinem andern
Gymnasium relegiert worden und der einzige Schüler, der in die fünfte
Klasse kam, hat so vorzügliche Zeugnisse und Empfehlungen mitgebracht,
daß eine gegenteilige Ansicht von vornherein ausgeschlossen erscheint.«
»Wohl, man hätte ihn bloß nicht zu uns, sondern in eine andere Anstalt
geben sollen,« sagte Peredonoff böse und scheinbar widerwillig.
»Ich bitte um eine Erklärung, Ardalljon Borisowitsch,« sagte Chripatsch.
»Ich hoffe, daß Sie damit nicht sagen wollen, daß Pjilnikoff in eine
Korrektionsanstalt für minderjährige Verbrecher gehört.«
»Nein; man sollte vielmehr dies Geschöpf in ein Pensionat stecken, wo
die alten Sprachen nicht gelehrt werden,« sagte Peredonoff zornig und
seine Augen funkelten böse.
Chripatsch steckte die Hände in die Taschen seines Hausrockes und
blickte in grenzenlosem Erstaunen auf Peredonoff.
»Was für ein Pensionat?« fragte er. »Wissen Sie denn nicht, welche
Institute man so nennt? Und wenn Sie es wissen, wie dürfen Sie es wagen,
eine so unziemliche Zusammenstellung vorzunehmen!«
Chripatsch war ganz rot geworden und seine Stimme klang noch trockner
und härter als gewöhnlich. Sonst pflegten diese Anzeichen eines nahenden
Zornesausbruches Peredonoff einzuschüchtern. Heute machte er sich nichts
daraus.
»Sie glauben immer noch, daß es ein Knabe ist,« sagte er und zwinkerte
spöttisch mit den Augen, »es ist aber kein Knabe, sondern ein Mädchen,
noch dazu was für eins.«
Chripatsch lachte kurz auf. Sein Lachen war hell und deutlich und klang
gezwungen, aber er lachte immer so.
»Ha-ha-ha!« stieß er deutlich hervor, hörte auf zu lachen, setzte sich
in den Lehnstuhl und warf den Kopf zurück, als könne er die Lachlust
nicht bezwingen. »Verehrtester Ardalljon Borisowitsch, in der Tat, Sie
setzen mich in Erstaunen. Ha-ha-ha! Seien Sie bitte so liebenswürdig und
teilen Sie mir mit, was Sie auf diese Vermutung gebracht hat, wenn nicht
etwa Ihre Voraussetzungen, die dieses Resultat gezeitigt haben, ein
Privatgeheimnis sind! Ha-ha-ha!«
Peredonoff erzählte alles, was er von Warwara gehört hatte und
berichtete auch gleich von den schlimmen Eigenschaften der Kokowkina.
Chripatsch hörte ihm zu und stieß bisweilen sein trocknes, deutliches
Lachen hervor.
»Ihre Phantasie ist mit Ihnen durchgegangen, bester Ardalljon
Borisowitsch,« sagte er, stand auf und klopfte Peredonoff auf die
Schulter, »viele meiner geschätzten Kollegen haben Kinder, ich selber
habe Kinder, wir sind, gottlob! keine Säuglinge mehr und da glauben Sie
wirklich, daß wir ein verkleidetes Mädchen für einen Jungen halten
könnten?«
»Nun verhalten Sie sich _so_ zu der Sache. Wenn aber was dahinter
steckt, wer wird die Verantwortung tragen?« fragte Peredonoff.
»Ha-ha-ha!« lachte Chripatsch, »was für Folgen befürchten Sie denn?«
»Das Gymnasium wird zu einer Lasterhöhle,« sagte Peredonoff.
Chripatsch wurde ernst und sagte:
»Sie gehen zu weit. Alles was Sie zu berichten wußten, gibt mir nicht
die geringste Veranlassung Ihren Verdacht zu teilen.«
* * * * *
Noch am selben Abend machte Peredonoff einen eiligen Rundgang bei allen
seinen Kollegen, angefangen vom Inspektor bis hinab zu den Gehilfen der
Klassenordinarien und erzählte überall, Pjilnikoff wäre ein verkleidetes
Mädchen. Alle lachten und glaubten ihm nicht; bei vielen regte sich aber
doch ein leiser Zweifel, als er gegangen war. Die Frauen der Lehrer
glaubten alle fast ohne Ausnahme daran.
Am nächsten Morgen gingen schon viele mit dem Gedanken in die Schule,
daß Peredonoff vielleicht doch recht haben könnte. Offen sprachen sie es
nicht aus, aber sie wußten Peredonoff nichts mehr zu entgegnen und
beschränkten sich auf unklare, zweideutige Antworten: jeder von ihnen
fürchtete für dumm gehalten zu werden, wenn er angefangen hätte, zu
widersprechen und es sich hinterher doch herausstellen sollte, daß die
Sache sich so verhielt. Viele hätten auch gerne die Ansicht des
Direktors gehört, -- er aber verließ heute, ganz gegen seine Gewohnheit,
seine Wohnung nicht, ging nur mit starker Verspätung in die einzige
Stunde, die er an diesem Tage zu geben hatte, blieb einige fünf Minuten
und begab sich gleich wieder nach Hause ohne jemand begrüßt zu haben.
Endlich kurz vor der vierten Stunde ging der greise Religionslehrer --
ein Priester -- und noch zwei andere Lehrer unter irgend einem Vorwand
in das Sprechzimmer des Direktors, und der Priester fing vorsichtig an
über Pjilnikoff zu sprechen. Aber der Direktor lachte so sicher und
herzlich, daß diese drei plötzlich ganz fest davon überzeugt waren, daß
alles nur ein Gerede sei. Der Direktor ging aber schnell auf ein anderes
Thema über, erzählte irgend eine Neuigkeit aus der Stadt, klagte über
sehr heftiges Kopfweh und meinte, er werde wohl den geschätzten
Schularzt Eugen Iwanowitsch konsultieren müssen. Dann sagte er in ganz
harmlosem Ton, daß die Unterrichtsstunde heute sein Kopfweh arg
gesteigert hätte, denn in der Klasse nebenan habe Peredonoff
unterrichtet und seine Schüler hätten ungewöhnlich laut und oft gelacht.
Dann lachte Chripatsch und sagte:
»In diesem Jahre verfolgt mich ein schlimmes Schicksal: Dreimal in der
Woche habe ich neben der Klasse von Ardalljon Borisowitsch zu
unterrichten, und stellen Sie sich vor, -- ständig lachen seine Jungen.
Man sollte meinen, daß Ardalljon Borisowitsch kein komischer Mensch ist,
und doch erregt er immer die größte Heiterkeit.«
Und hier brach Chripatsch plötzlich ab, ging wieder auf ein anderes
Thema über und verhinderte so, daß man ihm auf seine letzte Aeußerung
über Peredonoff etwas antwortete.
Und in der Tat, in der letzten Zeit wurde in Peredonoffs Stunden sehr
viel gelacht und nicht etwa deswegen, weil es ihm selber Freude gemacht
hätte. Im Gegenteil, das Lachen der Kinder machte ihn nervös. Aber er
konnte sich nicht enthalten durchaus überflüssige, unpassende
Geschichten zu erzählen: bald war es irgend eine dumme Anekdote, bald
neckte er diesen oder jenen von den stilleren Jungen. In der Klasse gab
es stets Elemente, die jede Gelegenheit ergriffen Lärm machen zu können,
-- und Peredonoffs Witze begrüßten sie immer mit schallendem Gelächter.
Vor Schluß der Stunden schickte Chripatsch nach dem Schularzt, nahm
seinen Hut und ging in den Garten, der zwischen der Schule und dem
Flußufer lag. Der Garten war groß und schattig. Besonders die kleinen
Gymnasiasten liebten ihn sehr. Während der Zwischenstunden tummelten sie
sich hier nach Herzenslust. Daher liebten die Gehilfen der
Klassenordinarien diesen Garten nicht, denn sie fürchteten, diesem oder
jenem könnte was zustoßen. Chripatsch aber verlangte, daß die Jungen
während der Pausen sich im Garten aufhielten. Das tat er, weil sich die
Erwähnung dieses Umstandes besonders schön in den Rechenschaftsberichten
ausnahm.
Chripatsch kehrte durch den Gang zurück. An der geöffneten Tür des
Turnsaals blieb er mit gesenktem Kopfe stehen und trat dann ein. Alle
sahen an seinem leidenden Gesichtsausdruck und an seinem schleppenden
Gang, daß er Kopfweh hatte.
Die fünfte Klasse hatte eben Turnunterricht. Die Jungen hatten sich in
eine Reihe aufgestellt, und der Turnlehrer, ein Unterleutnant des
örtlichen Reserve-Bataillons, wollte gerade etwas kommandieren; als er
aber den Direktor erblickte, trat er auf ihn zu. Der Direktor reichte
ihm die Hand, blickte zerstreut auf die Schüler und fragte:
»Sind Sie mit den Jungen zufrieden? Geben sie sich auch Mühe? Ermüden
sie nicht?«
Der Unterleutnant verachtete die Gymnasiasten im Grunde seiner Seele,
denn seiner Ansicht nach hatten sie keine Spur von militärischem Drill
und konnten ihn ja auch nicht haben. Wären es Kadetten gewesen, so hätte
er unumwunden gesagt, was er dachte. Aber über diese kraftlose Bande
lohnte es nicht, etwas Tadelnswertes jenem Menschen zu sagen, der über
die Besetzung des Lehrpersonals zu entscheiden hatte. Darum lächelte er
verbindlich, blickte den Direktor liebenswürdig und fröhlich an, und
sagte:
»O ja, stramme Jungens!«
Der Direktor machte einige Schritte längs der Reihe, dann kehrte er
wieder zum Ausgang zurück, blieb plötzlich stehen und fragte, als fiele
es ihm just ein:
»Sind Sie mit unserem neueingetretenen Schüler auch zufrieden? Nimmt er
sich zusammen? Wird er leicht müde?« fragte er nachlässig und
mißgestimmt, und griff mit der Hand an die Stirn.
Der Unterleutnant hielt eine kleine Abwechslung für angebracht, außerdem
überlegte er, daß es sich um einen fremden Eindringling handle und
sagte:
»Er ist ein wenig schlapp und wird rasch müde.«
Der Direktor hörte aber garnicht mehr, was er sagte und entfernte sich
aus dem Saal.
Die frische Luft hatte Chripatsch scheinbar nicht wohlgetan. Nach einer
halben Stunde kehrte er zurück, stand etwa eine halbe Minute an der Tür
und betrat wieder den Saal. Man turnte an den Geräten. Zwei oder drei
Schüler waren eben nicht beschäftigt, sie hatten das Kommen des
Direktors nicht bemerkt und lehnten an der Wand, indem sie den Umstand
ausnutzten, daß der Unterleutnant gerade in eine andere Richtung sah.
Chripatsch trat auf sie zu:
»Aber Pjilnikoff,« sagte er, »warum lehnen Sie so nachlässig an der
Wand?«
Sascha wurde ganz rot, stellte sich stramm hin und schwieg.
»Wenn es Sie so anstrengt, dann ist es vielleicht besser, wenn Sie
überhaupt nicht turnen,« fragte Chripatsch streng.
»Ich bitte um Entschuldigung, ich bin garnicht müde!« sagte Sascha
erschreckt.
»Eins von beiden,« fuhr Chripatsch fort, »entweder Sie bleiben überhaupt
von den Turnstunden fort, oder ... Uebrigens kommen Sie doch nach Schluß
der Stunden in mein Arbeitszimmer.«
Er entfernte sich eilig, und Sascha stand verlegen und erschreckt da.
»Hereingefallen,« sagten ihm die Kameraden, »er wird dir bis zum Abend
die Leviten lesen.«
Chripatsch liebte es, Verweise in längerer Unterredung zu erteilen, und
die Gymnasiasten fürchteten nichts so sehr als diese Aufforderung ins
Arbeitszimmer.
Nach Schluß der Stunden ging Sascha schüchtern zum Direktor. Chripatsch
empfing ihn sofort. Er trat schnell vor Sascha, er rollte förmlich auf
seinen kurzen Beinen, setzte sich dicht neben ihn, blickte ihn prüfend
an und fragte:
»Sagen Sie doch, Pjilnikoff, ermüdet Sie der Turnunterricht wirklich?
Sie sehen eigentlich gesund und kräftig aus, aber der Schein pflegt
bisweilen zu trügen. Sind Sie vielleicht krank? Vielleicht ist es nicht
gut, daß Sie turnen?«
»Nein, Herr Direktor,« antwortete Sascha -- und er wurde ganz rot und
verlegen, »ich bin vollständig gesund.«
»Aber auch Alexei Alexejewitsch beklagte sich,« entgegnete Chripatsch,
»daß Sie eine schlappe Figur machen und schnell müde werden, und ich
selber habe heute während der Turnstunde bemerkt, daß Sie matt aussahen.
Sollte ich mich versehen haben?«
Sascha wußte nicht, wohin er sehen sollte vor dem durchdringenden Blick
des Direktors. Er stammelte verlegen:
»Verzeihen Sie, ich werde nicht mehr ... ich war nur etwas faul. Ich bin
wirklich ganz gesund. Ich werde versuchen eifriger zu turnen.«
Plötzlich, ihm selber ganz unerwartet, fing er an zu weinen.
»Sehen Sie,« sagte Chripatsch, »Sie sind doch übermüdet: Sie weinen, als
hätte ich Ihnen einen schlimmen Vorwurf gemacht. Beruhigen Sie sich
doch!«
Er legte seine Hand auf Saschas Schulter und sagte:
»Ich habe Sie nicht gerufen, um Ihnen einen Verweis zu erteilen, sondern
um die Sache aufzuklären .... Aber setzen Sie sich doch, ich sehe, Sie
sind sehr müde.«
Sascha trocknete eilig mit dem Taschentuch seine Tränen und sagte
schnell:
»Ich bin wirklich nicht müde.«
»Setzen Sie sich, setzen Sie sich,« wiederholte Chripatsch und schob ihm
einen Stuhl hin.
»Aber wirklich, ich bin nicht müde, Herr Direktor,« beteuerte Sascha.
Chripatsch faßte ihn an den Schultern, drückte ihn auf den Stuhl, setzte
sich ihm gegenüber und sagte:
»Wollen wir ruhig miteinander reden. Es wäre möglich, daß Sie sich über
Ihren eigenen Gesundheitszustand täuschen: Sie sind in jeder Hinsicht
ein strebsamer und tüchtiger Schüler, und ich kann es vollkommen
begreifen, daß Sie nicht um Dispens vom Turnunterricht bitten wollen.
Uebrigens, ich habe den Herrn Doktor gebeten heute herzukommen, weil ich
mich gar nicht wohl fühle. Er kann dann gleich auch Sie gründlich
untersuchen, wenn Sie nichts dagegen haben.«
Chripatsch sah nach der Uhr, und ohne auf eine Antwort zu warten, redete
er mit Sascha über die jüngst verflossenen Sommerferien.
Bald darauf kam der Schularzt Ewgenij Iwanowitsch Surowzeff, ein
kleiner, behender, schwarzhaariger Mann, der es vor allem liebte über
Politik und städtische Klatschgeschichten zu reden. Er verfügte nicht
gerade über hervorragende Kenntnisse, verhielt sich aber gewissenhaft zu
seinen Patienten, zog Diät und geregelte Hygiene allen Medikamenten vor
und so kam es, daß er einigen Erfolg hatte.
Sascha mußte sich entkleiden, Surowzeff untersuchte ihn von Kopf bis zu
Fuß, konnte aber keine Anzeichen irgend einer Krankheit finden, während
Chripatsch sich davon überzeugte, daß Sascha jedenfalls kein Mädchen
sei. Wiewohl er das von vornherein geglaubt hatte, so hielt er diese
ärztliche Untersuchung für angebracht, denn im Falle einer Anfrage der
Schulbehörde hätte der Arzt ohne weitere Umstände ein entsprechendes
Zeugnis ausstellen können.
Chripatsch entließ Sascha mit einigen freundlichen Worten:
»Nun wissen wir, daß Sie ganz gesund sind, und ich werde Alexei
Alexejewitsch bitten, Sie in keiner Weise zu schonen.«
* * * * *
Peredonoff zweifelte nicht daran, daß seine Entdeckung des verkleideten
Mädchens die Aufmerksamkeit der Schulbehörde auf ihn lenken und ihm
außer der Rangerhöhung auch einen Orden einbringen würde. Diese Hoffnung
spornte ihn dazu an, doppelt scharf auf das Betragen der Schüler zu
achten. Schon seit einigen Tagen war das Wetter trübe und regnerisch,
nur spärlich wurde das Billard besucht, -- und so blieb ihm nichts
anderes übrig, als sämtliche Schülerpensionen der Stadt zu inspizieren,
ja, er suchte sogar Gymnasiasten auf, die bei ihren Eltern lebten.
Peredonoff traf insofern eine Auswahl, als er nur schlichtere Familien
besuchte: er ging hin, klagte über den mißratenen Sohn, der bekommt
Prügel, -- und Peredonoff ist zufrieden. So hatte er den Joseph
Kramarenko bei dessen Vater, einem Bierbrauer, verklagt, -- er hatte
erzählt, daß Joseph während des Gottesdienstes in der Kirche Unfug
treibe. Der Vater glaubte ihm aufs Wort und bestrafte den Sohn. Dasselbe
Schicksal traf dann noch einige andere. Diejenigen Eltern, von denen er
glaubte, daß sie ihre Kinder in Schutz nehmen würden, suchte er
überhaupt nicht auf; auch fürchtete er, sie könnten sich bei der
Schulbehörde beschweren. So besuchte er jeden Tag je einen Schüler in
dessen Wohnung. Er trat als Vorgesetzter auf: räsonierte, traf
Anordnungen, drohte. Aber es kam vor, daß die Pensionäre unter den
Schülern, die sich als selbständige, junge Leute fühlten, ihm einfach
grob begegneten. Einen Erfolg hatte Peredonoff zu verzeichnen: Frau
Flawitzkaja, eine energische, schlanke Dame mit heller Stimme, prügelte
auf seinen Wunsch ihren Pensionär, den kleinen Wladimir Bultjakoff,
gehörig durch.
In den Unterrichtsstunden der nächstfolgenden Tage pflegte Peredonoff
dann von seinen Taten zu berichten; er nannte keine Namen, aber die
unglücklichen Opfer verrieten sich selber durch ihr gedrücktes, scheues
Wesen.